2. Blatt
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Mittwoch 9. April 19X3.
AuS -em Bericht -er Handelskammer zn Hanau für -as Jahr 1912.
i.
In ihrem vorigen Jahresbericht konnte die Handelskammer zeigen, daß die Gesamtentwicklung unseres deutschen Wirtschaftsleben den bereits 1910 begonnenen Aufschwung in versteuern Maße fortgesetzt hatte, und diese Aufwärtsbewcgung hat sich auch im Jahre 1912 weiter vollzogen, ja noch gesteigert, sodaß in zahlreichen und wichtigen Beziehungen dieses Jahr als eine Periode ausgesprochener Ho ch- koujunktur bezeichnet werden darf.
Die Fabrikation von seiner Juwele n-B ij oute r i e war annähernd normal, die Fabrikation von Goldketten und Kettenbijouterie etwa bis Ende Oktober befriedigend beschäftigt, abgesehen von der stilleren Sommerzeit.
Für die Zigarren-Jndustrie lagen die Verhältnisse nach vielen Richtungen hin wieder recht schwierig. Denn obgleich die gute wirtschaftliche Gc- samtlagc auch auf die Zigarrenbranche nicht ohne Einfluß blieb, so wurden doch diese günstigen Ern- Wirkungen durch eine Reihe von Umständen derart beeinträchtigt, daß das Gesamtergebnis als wenig befriedigend bezeichnet werden muß.
Wie bereits im vorigen Jahresbericht ausgesührt, lagen die geschäftlichen Verhältnisse der Spirituosenbranche sehr ungünstig, und leider ist hierin auch für die Berichtsperiode 1912 keine Aendc- rung eingetreten.
. Die deutsche Weinernte des Jahres 1912 hat viele Enttäuschungen gebracht; der Behang war allgemein gut, die Trauben wollten aber nicht ausrei- fen, da das Wetter im August und September zu schlecht war, und als die Lese beginnen sollte, setzte starker Frost ein, sodaß viele Trauben erfroren.
Für die Herstellung von Aepfelwein brachte, im Gegensatz zum Vorjahre, das Jahr 1912 eine außerordentlich günstige Obsternte, so daß die Kelteräpfel zu billigen Preisen cingekaust werden konnten, und die Produktion ausgiebig betrieben wurde. Die Preise stellten sich dementsprechend mäßig, was für den Umsatz der Keltereien und der Gastwirte günstig war. —
In dem Abschnitt „Unedle Metalle, Maschinen, Apparate und Musikinstrumente" wird gesagt, daß die Fabrikatton emaillierter Eisenblech- waren einen befriedigenden Absatz erzielte. Ihre Produktton hat sich gegen 1911 etwas erhöht, womit eine entsprechende Vermehrung des Arbeitspersonals Hand in Hand ging. Die Arbeitszeit hat sich nicht geändert; dagegen haben die Arbeitslöhne eine Erhöhung erfahren. Ebenso sind die Preise für Rohmaterialien weiter in die Höhe gegangen. Für die Fertigfabrikate aber ließ eine den erhöhten Gestehungskosten angemessene Erhöhung der Verkaufspreise sich infolge der großen Konkurrenz innerhalb der Emaillewarenbranche nur teilweise durchführen. Aus den internationalen Absatzgebieten hat sich ganz besonders der Balkankrieg unangenehm bemerkbar gemacht.
Die Fabrikatton von Säge- und Holzbearbeitungsmaschinen erfreute sich bis gegen die Mitte des Berichtsjahres eines sehr lebhaften Geschäftsganges und eines besonders guten Absatzes. Hingegen machte sich in der zweiten Hälfte und zwar bis zum Ende des Jahres eine merkliche Zurückhaltung in den Bestellungen, besonders aus Oesterreich- Ungarn und Rumänien, geltend, infolge des Balkankrieges und der unsicheren politischen Lage. Die Fabrikation war aber das ganze Jahr hindurch voll beschäftigt und ist auch mit einem reichlichen Bestand an Aufträgen in das Jahr 1913 eingetreten, welche au^r auf Deutschland sich auf alle europäischen Länder und namentlich auch auf Südamerika erstrecken.
Für die Fabrikation von Sprechmaschinen mit Saitenresonanz war im Berichtsjahre die Geschäftslage im Auslande durch die politischen Wirren und im Inlands durch andere Erschwerungen beeinträchtigt. Während diese Apparate in früheren Jahren in Italien einen annehmbaren Umsatz erzielten, war die Ausfuhr dahin im Jahre 1912 kaum der Rede wert. In der gleichen Weise ist das Geschäft nach den Balkanstaaten zurückgegangen, die für diese Fabrikats ein nicht unbedeutendes Absatzgebiet bildeten. Die übrigen Länder haben mit ihren Aufträ- ?|en infolge der allgemein unsicheren politischen Lage ehr zurückgehalten und nur das bestellt, was sie unbedingt nötig hatten.
Der Exporthandel mit Harmoniums konnte seinen Absatz, welcher bisher hauptsächlich auf Indien, China, Australien und Afrika gerichtet war, auf neue aufnahmefähige Gebiete (Südamerika, Ka-
Der Gras von Tarent.
84] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
Nun wußte sie, daß er mit dem Prinzen fechten würde, sie wußte, daß es auf Leben und Tod sei, daß sie den früheren Gefährten der Sünde nicht Wiedersehen würde.
Baron Anatole von Meneville hatte die Hand an die Klinke gelegt — da schaute er noch einmal zurück auf das schöne Weib. Hoch aufgerichtet stand es in der Mitte des Zimmers. Ihn überkam in diesem Augenblicke eine Ahnung, daß er diesen Raum nicht wieder betreten würde. Seine Pulse flogen, und doch fröstelte ihn. Sein Blick hing an ihr.
,Küsse mich, Anita — vielleicht ist es das letzte Mal!"
Sie wandte das Gesicht zur Seite. „Ich kann nicht — ich darf nicht! Denke an Gott!"
Mit einer Verwünschung stürzte er aus dem Zimmer. . , .
14.
Die Vergeltung.
Anten am Tore der Burg Tarent schwangen sich die drei Männer in die Sättel.
„Herr von Meneville, ich habe einen Gaul für Sie mitgebracht", sagte Bixio. „Klettern Sie ruhig auf den Rücken desselben, wir werden schneller vorwärts kommen auf vier Beinen, als auf zwei."
. Schweigend stieg Baron Meneville in den Sattel. Die Gruppe ritt langsam den schmalen Felsenweg entlang, einer hinter dem andern. Einmal drehte Meneville den Kopf, denn er hörte plötzlich deutlich Pferdegctrappel hinter sich, obwohl er der letzte war w der Reihe. In einer Entfernung von etwa fünf- 8J9 Schritten sah er den alten Jacobo zu Pferde. Diesem folgten die Lakaien des Herzogs Tcsia, und wie er zu seinem Unmuts sah, einige der in der E>urg Tarent angestclltcn Diener. Der Baron biß “tc Zähne zusammen, er wußte, morgen würde die Lanze Stadt über ihr sprechen.
nada) ausdehnen. Dagegen stockte das österreichische Geschäft von Anfang November ab infolge fortdauernder Kriegsbefurchtungen fast vollständig.
Lokales.
Fulda, 9. April 1913.
# Verliehen wurde dem Rechnungsrat Fre ck -- mann in Kassel, dem Direktor der Frankfurter Hypothekenbank Fester zu Frankfurt a. M. und dem Kriminalpolizeikommissar Maethner zu Kassel der Rote Adlerorden vierter Klasse, dem Direktor der Frankfurter Hypothekenbank, Justizrat Dr. Haag zu Frankfurt a. M. der Kronenordnen dritter Klasse, dem Ingenieur und Prokuristen Reich elt zu Frankfurt a- M. der Kroncnordcn vierter Klaffe, dem Bollzichungsbeamten Siebert zu Kassel das Kreuz des Allgemeinen Ehrenzeichens.
? Priesterjubilare. Die ,Fuldaer Zeitung' teilte vorgestern mit, daß am 6. April 40 Jahre verflossen waren, daß Herr Dompfarrer Schmelz die hl. Priesterweihe empfing. An demselben Tage wurden damals, im Jahre 1873 vor den Maigesetzen, noch geweiht die Herren Pfarr-r Herzig zu Rasdorf und Hausmann zu Horas, sowie der hochselige Bischo! Adalbert End er st und der zu Hofaschenbach verstorbene Pfarrer Orth. Am 15. April erhielt der zu Uttrichshausen verstorbene Pfarrer Stöhr die hl. Priesterweihe und am 2. Juni, als letzter vor dem Kulturkampf, Pfarrer Ricken zu Lahrbach.
X Hundesteuer. Alle diejenigen, welche Hunde besitzen oder Hunde für andere Personen halten, seien daran erinnert, daß sie nach der neuen Hundesteuerordnung für Fulda verpflichtet sind, die Anoder Abschaffung eines Hundes binnen 14 Tagen beim städtischen Stcueramt zu melden, andernfalls eine Bestrafung eintritt.
rt Schöffengericht. Drei jugendliche Spitzbuben, der 14jährige G. H., der 15jährige Schlofferlehrling E. K. und der 13jährige S üler F. D., sämtlich von hier, die auch am vorigen Freitag vor der Strafkammer wegen gemeinsamen schweren Diebstahls bestraft wurden, hatten sich gestern abermals wegen Diebstahls zu verantworten. An demselben Dezembertag, an dem sie den Kanarienvögel-Diebstahl ausführten, öffneten sie ein kleines Bienenhäuschen hinter den Löhern und entwendeten Waben, Zigarren und ein Päckchen Tabak. Wegen Diebstahls erhielten die jugendlichen Angeklagten dem Antrag des Amtsanwalts gemäß je eine Woche Haft. Gleichzeitig wird der Amtsanwalt die Zwangserziehung gegen die Bürschchen einleiten. — Eine Schlägerei, die sich Fastnacht in Oberrode abgespielt hatte, wobei der Bahnarbeiter H. dem Wagner H. mehrere Wunden am Kopfe verbrachte und letzterer dem ersteren einige Schläge znfügte, endete mit Freisprechung des angeklagten Bahnarbeiters H., da dieser sich in Notwehr besunden hat. — Der 17jährige Fabrikarbeiter Cl. N von H. war angeklagt, am 6. Dez. 1912 als Fortbildungsschüler den Hauptlehrer R., Leiter der dortigen Fortbildungsschule, in der Klaffe beleidigt und vorsätzlich körperlich mißhandelt zu haben. Außer dem Haupllehrer waren noch neun Zeugen geladen. Die Beweisaufnahme ergab, daß N. sich schon wiederholt im Unterricht flegelhaft benommen hatte. Der Amtsanwalt beantragte gegen N. 14 Tage Gesängn?. Das Gericht erkannte auf eine Woche Gefängnis. — Der nächtliche Ueberfall vom 10. November 1912 in Dietershan, mit dem sich das Schöffengericht schon einmal beschäftigte, stand gestern abermals zur Verhandlung. Angeklagt waren der 48jährige Landwirt B. L. und dessen Söhne I. und A., beide Bahn- arbeitcr, von Dietershan, an jenem Tage dem 29« jährigen Bahnarbeiter A. S. von dort mit einer Latte derart schwere Verletzungen beigebracht zu haben, daß er ungefähr 14 Tage arbeitsunfähig war; auch die 21« bczw. 25jährigen Bahnarbeiler I. S. und L. wurden hierbei schwer mißhandelt. Die Verhandlung, zu der 13 Zeugen geladen waren, ergab, daß auch der als Zeuge geladene Landwirt W. G. von Dietershan der Teilnahme an jenem Ueberfall dringend verdächtig ist, so daß er nicht vcreid'gt wurde. Es konnte nicht erwiefen werden, wer von den Angeklagten dem Bahnarbeitcr A. S. den gefährlichsten Schlag am Kops beigebracht hatte. Das Gericht verurteilte die drei Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung dem Anträge des AmtSanwalts entsprechend zu je drei Monaten Gefängnis. Gegen den Mittäter W. G. soll möglicherweise ein neues Verfahren eingeleitet werden.
S Arbeiterversammlung. In der am letzten Sonntag im kath. Gesellenhaus tagenden öffentlichen Arbeiterversammlung sprach Herr Bezirksleiter S ch c-
Schweigend ging der Ritt vor sich. Als der Felsenpfad sich verbreiterte, wurden die Pferde in raschere Gangart versetzt. Eine Viertelstunde mehr, und die Gruppe hielt am Tore einer großen Mauer.
Vor dem Tore stand ein Mann an die Mauer gelehnt, der, in einen dunklen Mantel gehüllt, auf die Reiter gewartet zu haben schien. Es war der Prinz von Indien.
Schweigend lüftete er den Hut zum Danke für deren Erscheinen. „Hoheit, es hat einiger Zwangsmittel bedurft, diesen Herrn hierher zu bringen", sagte der Vicomte, auf Baron Meneville deutend. „Belieben Sie, Hoheit, die Affäre hier an der Mauer zu arrangieren? In diesem Falle können wir Zuschauer bekommen und — ah, wo sind die Waffen?"
„Am rechten Platz, ich bitte die Herren, mir zu folgen", sagte der Prinz und trat durch die offene Tür der Mauer.
Alle schauten erstaunt. Es war die Türe des Friedhofes. Gespenstisch starrten die Kreuze .und Denkmäler den Eintretenden entgegen.
Baron Meneville wischte sich mit dem Aermel über das nasse Gesicht. Ihm war, als tobe das Fieber in seinen Adern.
„Was ist das für eine Farce?" fragte er, „seit wann schlägt man sich auf Friedhöfen?"
„Herr Baron, Sie vergessen, daß ich das Recht habe, nicht nur die Zeit, sondern auch den Ort zu wählen", entgegnete der Prinz.
Oben am Himmel stand die Scheibe des Mondes. Tas fahle Licht des Trabanten der Erde machte die Szene um so schauerlicher.
Der Prinz ging schweigend seinen Weg durch die Gänge des Friedhofes. Bor einem^ mächtig sich austürmcndm Felsen, dessen Inneres Stufen zeigte, die wieder abwärts führten, machte er Halt. Die eisernen Türen, die zu den Stufen führten, standen weit offen. Aus dem Innern des Felsens drang der Schein von Lichtern.
„Hölle und Teufel, ich gehe keinen Schritt weiter", schrie Baron Meneville, „das ist die Gruft der
rer von Offenbach über die gesicherte Existenz des Arbeiterstandes. Der Redner entwarf zunächst ein Bild der Entwickelung unseres industriellen Lebens und zeigte dabei, tote diese Entwickelung auch ein Heer von abhängigen Existenzen, den neuen Lohnarbeiterstand geschaffen habe. Wenn man aber glaube, was von gewissen Kreisen bei allen Gelegenheiten betont und verbreitet würde, daß dieser Arbeiterstand anderen Ständen gegenüber ei e gesicherte Existenz hätte, so sei dies falsch. Das könnten nur Leute sagen, die nicht in der Praxis der Arbeit ständen und von den Verhältnissen, tote sie in bei Industrie be- stehen, absolut nichts wüßten. Redner besprach dann die einzelnen ttnternehmungsformen, namentlich die gesellschaftlichen Unternehmungen, bei denen der Arbeiter vielfach den Arbeitgeber überhaupt nicht kennt, andererseits aber der Unternehmer den Arbeiter nur als denjenigen Teil betrachtet, der nur verpflichtet fei, möglichst viel Gewinn erzeugen zu helfen und zwar so lange, als er im Vollbesitz seiner Arbeitskraft sei. Daß der Arbeiter auch ein Recht habe auf den gerechten Anteil des auch durch feine Arbeitskraft und Intelligenz erzielten Gewinnes, das erkenne man diesem nicht zu. Im Gegenteil, der Arbeiter habe nichts zu sagen, und wenn cr irgend Wünsche äußere, werde versucht, ihn unschädlich zu machen. Redner erinnerte dabei an die einseitigen Unternehmerarbeitsnachweise, an das schwarze Listensystem, namentlich auch an die „Gelben Werkvereinsgründungen, mit einem Stab von Schmarotzern und Denunzianten, welche die Existenz des Arbeiters jederzeit in Frage stellten. Auch die Krisenzeiten, Bankkrachs und die damit zusammenhängenden Verkrachungen von Unternehmungen wirken sicher darauf ein. Selbst aber bei Privatunternehmungen ist von einer gesicherten Existenz des Arbeiters heute nicht mehr zu sprechen. Der Redner kam dann auf die Verhältnisse des Fuldaer Stanz- und Emaillirwerkcs zu sprechen und behauptete, die Vorgänge dort aus längster Zeit ließen die Richtigkeit dieser seiner Darlegungen klar erkennen. Leute, denen man in Bezug auf ihre Arbeit und ihr Verhalten absolut nichts anhaben konnte und die chre besten Kräfte 10, 16, 20 und mehr Jahre dem Werke geopfert, seien einfach entlassen worden, einzig deshalb, weil sie als aufrechte, charakterfeste Männer Rückgrat genug besaßen und sich nicht in den gelben Werkverein hätten pressen lassen. Der Redner brachte eine Reihe Einzelheiten vor, welche diese Behauptung beweisen sollten und trug weitere Klagen aus dem Betriebe vor. Bedauerlich sei, daß ein großer Teil der Arbeiterschaft nicht den Mut habe, solche Zustände zu beseitigen. Das könne nut geschehen durch den Zusammenschluß in einer selbständigen Stan- desorganisation, und diese sei für die Fuldaer Verhältnisse nur die christl. Gewerkschaft und hier speziell der christliche Metallarbeiterverband. Was anderwärts möglich war, ist hier in Fulda nicht unmöglich, wie es auch die Vergangenheit schon bewiesen habe. Ohne Standesorganisation gibt es heute keine Interessenvertretung; und toer sich dagegen stelle oder diese zu unterdrücken suche, der nehme auch die Verantwortung dafür auf sich, wie sich die Dinge vielleicht in der Zukunft hier gestalten. Kein Mensch sei imstande, den Zug der Zeit zu hemmen, und wenn dann auf solche Zustände hin notwendigerweise einmal die Reaktion folgen würde, dann dürste die revolutionäre Sozialdemokratie leichte Arbeit haben, die Masse der Arbeiter hier in Fulda für ihre Ideen zu gewinnen. Wir als christliche Arbeiter lehnen es heute schon ab. dafür einmal die Verantwortung zu tragen. Darum, so schloß Redner, halten wir als Männer und Arbeiter fest an unfern bewährten christlichen Verbänden, treten wir mutig ein allüberall für deren Stärkung, daß wir schließlich aus eigener Kraft erreichen und, wenn nötig, uns erkämpfen können das Milbe st immungsrecht bei all unseren Standesfragen, besonders aber auch im Lohn- und Arbeitsverhältnis, dann werden wir auch ein» wirken können auf die Existenzfrage des Arbeiterstandes. Nach einer kurzen Diskussion, die noch viel interessantes Material aus der gelben Bewegung in Fulda zutage brachte, nahm zum Schluß die in allen Teilen gut verlaufene Versammlung folgenden Entschluß einmütig an:
„Die am 6. April 1913 im kath. Gesellenhaus zu Fulda tagende öffentliche Arbeiterversammluna verurteilt oanz entschieden dos Vorgehen der hiesigen Stanz- und Emailierwerke, wie solches namentlich wieder in letzter Zeit von dieser Firma den Arbeitern gegenüber geübt wird. Nicht nur, daß die Firma von allen neu eintretenden Arbeitern den zwangsweisen Beitritt zum gelben Werkverein verlangt, ist besonders auch zu verurteilen, daß die stille Geschäftszeit zum Anlaß der Kündigung von alten verdienten Arbeitern benützt wurde und diese rücksichtslos entlassen wurden. In der Art und Weise, wie bei dielen Entlassungen verfahren wurde.
Grafen Tarent, mit welchem Rechte treten Sie hier ein, mein Herr?"
Ein seltsames Lächeln zeigte sich ht den Zügen des Angeredeten. „Mit dem besten Rechte der Welt", sagte er dumpf, „ich will Ihnen die Sache in den nächsten Augenblicken auseinandersetzen."
Der Baron zögerte, der Helle Angstschweiß lief ihm über die Stirne.
„Fürchten Sie sich vor Ihrem toten Freunde Tarent?" Die Stimme des Prinzen klang schneidend.
Vicomte Bixio, Fürst Guastalla und der Herzog von Testa blickten staunend und forschend auf den Prinzen. Wollte er hier in der Gruft der Toten die Degen kreuzen? Es war seltsam, nie dagewesen, aber es sah ihm ähnlich. Bixio berührte den Aermel Menevilles.
„Schließlich ist's gleich, wo mau den letzten Seufzer haucht", sagte er gleichmütig, „ob auf blumiger Aue, im Dunkel des Waldes, im Bette oder unter den Toten — ein echter Mann nimmt das hin, wie es kommt."
Schweigend deutete der Prinz auf den Mond. „Herr Baron, bemerken Sie gefälligst, noch ist's nicht Vollmond — ich habe meine Zeit eingehalten."
Alle erinnerten sich, was er am Festabend gesagt zu seinem Gegner: Ehe der Mond wiederum in seinem Zenit siebt, liegen Sie in Ihrem Grabe! — Nun stieg der Prinz nieder in die Gruft, seine Freunde und der Baron Meneville folgten. Nach einer kleinen Zeit erschien auch Jacobo, diesem folgten Lakaien des Herzogs von Tesia und aus der Burg Tarent, die auf den Stufen zur Felsengrotte stehen blieben und in ehrfürchtigem Schweigen der nun folgenden Szene warteten.
Die Grotte war hell erleuchtet. In jedem der eisernen Ringe in dem Gestein steckte eine brennende Harzfackel. Der Prinz blieb in der Mitte der Grotte stehen und nahm seinen Hut ab.
Tann begann er mit lauter, volltönender Stimme, tote man sie von thm nie gehört:
erblickt die Versammlung einen Versuch, einen Druck auf alle diejenigen Arbeiter auszuüben, die bis jetzt standhaft ihre Ehre als aufrechte Arbeiter hochhielten und sich nicht zu willens- und einflußlosen Werkzeugen hergaben. DaS Gebühren der Firma ist auch deswegen schon zu verurteilen, weil es gegen die Gewerbeordnung, bezw. den freien Arbeilsverlrag verstößt. Um dies« für di« Arbeiterschaft auf die Dauer unwürdigen Verhältnisse zu ändern, ersucht die Veriammlung di« gesamte Arbeiterschaft von Fulda, besonders aber die im Stanz- und Ematllierwerk beschäftigten, sich unverzüglich den christlichen Gewerkt chatten, hier dem christlichen Metallarbeiterverband, als Mitglieder anzuschließen. Die Versammlung geht dabei von der Ueberzeugung aus, daß es nur durch selbständige Standesorganisa- t ton en, wie solche die christlichen Verbände find, möglich ist, diese Verhältnisse zum besten der Arbeiter zu ändern. Auch kann nur dadurch der Arbeiterschaft daS gesetzlich gewährleistete Mftbesttmmungsrecht bei allen Fragen im Lohn- und Arbeitsoerhällnis gesichert und wenn nötig auch erkämpft werden."
** Industrie-Gleis. In Sachen des Industriegleises, über dessen Projektierung wir schon eingehend berichteten, hat am Montag abend eine Besprechung stattgefunden, bei der Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni mitteilte, daß die Eisenbahndirektion zwar gewillt sei, bei den Erweiterungsbauten am hiesigen Bahnhof ein Anschlußgeleis anzulegen, daß sie aber den Bau des Gleises, der nach einer oberflächlichen Schätzung etwa 600 000 Mark beanspruchen wü^e, nicht selbst übernehmen könne. Um nun die gewiß nicht unbeträchtlichen Mittel zu beschaffen, wird außer den direkt interessierten Groß, industriellen auch die Stadt und der Kreis Fulda Herstellern muffen. Man war im allgemeinen von der Wichtigkeit des Unternehmens überzeugt und konstituiere eine Kommission, die das Erforderliche in Die Wege leiten soll.
§ Das Nahen der frohen Maiweinzeit kann man jetzt an Markttagen auf dem Butter« rote Gemüsemarkt feststellen, wo der beliebte Waldmeister in großer Menge feilgeboten wird und starken Absatz findet. Heute vormittag war das würzige Rräutlem bald vergriffen.
E Anschlag. Die Untersuchung, betreffs des am vorigen Freitag gegen den Eilgüterzug 1692 geführten Steinwurfs, wobei der Schaffner Rasp au8 Frankfurt a. M. eine gefährliche Kopfwunde erhielt, bat ergeben, daß als Täter der 12 jährige Schüler Franz Neuland von hier in Frage kommt. Der Schüler gibt an, nicht absichtlich nach dem Eilgüter- zug geworfen zu haben, sondern er habe nach den Telegraphendrähten werfen wollen.
8 Prämiierung von Dienstboten. Der KreiSauS- hat beschlossen, Dienstboten, welche ununterbrochen 25—40 Jahre bet einer Herrschaft beschäftigt gewesen sind, eine Prämie von 20 Mark, und solchen mit einer ununterbrochenen Dienstzeit von über 40 Jahren bei derselben Herrschaft eine Prämie von 30 Mark zuzuerkennen. In Gemäßheit dieses Beschlusses hat ein Dienstbote aus der Stadt Fulda 30 Mk. und 6 Dienstboten je 20 Mk., sowie 4 Dienstboten vom Lande je 20 Mk. erhalten.
* Der Eichstrich bei Biergläsern. Der Gebrauch von Schankgefäßen mit dem alten Füllstrich ist nur noch bis zum 30. September d. I. statthaft. Mancher Wirt glaubt, an die Anschaffung neuer oder an die Umeichung seiner alten Gläser noch nicht herantreten zu können, weil die höhere Verwaltungsbehörde den Mindestbetrag des Füllstrichabstandes bisher noch nicht festgesetzt hat. Diese Festsetzung erstreckt sich jedoch nur auf Schankgefäße von einem halben Liter Inhalt und darüber. Dagegen ist bei Biergläsern, deren Inhalt weniger als ein halbes Liter beträgt, der Abstand des Füllstrichs bereits für das ganze deutsche Reich einheitlich auf zwei bis vier Zentimeter festgelegt. Innerhalb dieser Grenzen hat der Wirt die Wahl. Er kann also schon heute zur Neuanschaffung ober Umeichung von Gläsern schreiten, die weniger als einen halben Liter Inhalt haben.
F. Aus dem katholischen Gesellenverein. Der Verein wird am kommenden Sonntag, dem Schutzfeste des hl. Joseph, die Feier seines Patronatsfestes begehen. Eine kirchliche Feier soll nachmittags um */i3 Uhr im Dom stattfinden und aus Umgang, Predigt und Andacht bestehen. Für abends ist eine Familienfeier im großen Festmale vorgesehen und zwar bei freiem Eintritt. Es werden auftreten die Turner, Sänger und Mimiker deS Vereins, auch Solisten werden ihr Können in den Dienst der Sache stellen. Den musikalischen Teil hat die Musikkapelle des dompsarrlichen Jünglingsvereins übernommen. Bei dieser Gelegenheit wird eine größere Anzahl neuer Mitglieder, die von den beiden Jugendvereinen übertreten, feierlich ausgenommen. Am Nachmittage roirj im Gesellenhausmaie em Schauturnen der Turnadleilungen des Gesellenvereins, des dompfarr- lichen Jünglingsvereins und des nadtpsarrlichen Jugendvereins stattfinden. Des beschränkten Raumes halber haben zu diesem Schauturnen, dem ersten in seiner Art
„Herr Baron Meneville, Sie fragten vorhin, mit welchem Rechte ich ht diese Gruft einbringe, jetzt gebe ich die Erklärung:
„Ich bin der Hausherr, der Boden ist mein, ich stehe auf eigenem Grunde — die Toten, die hier ringsum schlummern, bestätigen dies."
Der Baron war plötzlich zusammengezuckt, die Haare stellten sich ihm zu Berge, die Augen schienen ihm aus den Höhlen treten zu wollen. Auch Fürst Guastalla war im höchsten Grade erregt vorgetreten! und starrte den Prinzen schweigend an.
Wieder begann der Prinz zu sprechen, die Augen ununterbrochen auf Meneville gerichtet, und toieber erklang dieselbe jugendliche kräftige Stimme:
„Vor einem Jahre lebte ein junger Mann, der sich glücklich pries. Er besaß ein junges Weib, schön wie ein Maieumorgen, er liebte dieses Weib, die Mutter seines Kindes, unsäglich. Der junge Mann, von dem ich spreche, besaß auch einen Freund, dem er von Herzen zugetan war — beide waren zusammen groß geworden. Der eine war reich, der andere arm — der Reiche teilte mit dem Armen ohne Bedenken! Der junge Mann hatte seinem Freunde einmal in der Kindheit, ein zweites Mal als Jüngling das Leben gerettet. Erdenglück ist unsicher und zerbricht oft in einer Minute wie Glas! Es ereignete sich, daß an einem sonnigen Morgen ein Glücklicher sein Haus, fein Weib und fein Kind verließ und nicht wiederkehrte — unterwegs hatte ihn die Hand des Schicksals gestreift, und er sank leblos nieder, und nach kurzer Frist bettete man ihn in, feine letzte Heimstätte und trug ihn hinaus zu feinen toten Voreltern."
Der Prinz hielt einen Augenblick inne, in der feierlichen Stille ringsum, die nur durch das Knistern der Harzfackeln unterbrochen wurde, konnte man die keuchenden Atemzüge Menevilles hören. Wer Augen hingen am Prinzen, jeder begriff, daß eine Tragödie ohnegleichen nahe — der alte Jacobo fing vor "Erregung an laut zu schluchzen.
(Fortsetzung folgt.)