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Fuldaer Zeitung

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Nr. S1.

€rftes Blatt.

Mittwoch den 9. April 1913»

40. Zahrgang.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. April 1913.

Die erste Lesung der

Wehrvorlage»

wird fortgesetzt.

Abg. Basscrmann (natl.) hält die Rede des Reichs­kanzlers für eine gute Begründung der Vorlage. Die Entwicklung der Dinge auf dem Balkan, die Schaffung eines selbständigen albanischen Staates, die Dardancllen- frage, das Anschwellen des Panslawismus und die stei­gernde Abneigung Frankreichs gegen Deutschland, die nationalistische Bewegung des Imperialismus in allen Ländern schließen die Möglichkeit künftiger Konflikte in sich, auch in Klein-Asien, wo wo gewaltige deutsche Kapi­talien angelegt sind, drohen bei einer ungünstigen Wei- terentwicklung der Türkei Konflikte. Die Folgen eines unglücklichen Krieges für Deutschland sind nicht auszu- denken, deshalb sind meine Freunde bereit, die geforderte Verstärkung unserer Wehrmacht zu bewilligen. Neben­her sollte eine Reform des Heeres, vor allem eine Reform des Militär-Strafrechtes mit Oeffentlichkeit der Militär­gerichtsverhandlungen, energische Bekämpfung der Sol- datenmitzhandlung, Gleichberechtigung der Religion beim Offizierkorps, ohne Bevorzugung des Adels, gehen. Er ist gegen eine Verkürzung der Dienstzeit der Kavallerie. Die Ziele Oesterreichs in der Balkanpolitik hält er für sehr bescheiden und ist für die treue Bundesgenossenschaft mit Oesterreich.

Abg. Graf Kanitz (kons.) hält die Vorlage für ein Friedenswerk ersten Ranges und für eine Not­wendigkeit, gegen die die französische und die deutsche Sozialdemokratie vergebens ankämpfe. Die Vorlage be­deute ein besonderes Verdienst des Reichskanzlers. Durch die Rüstungen Frankreichs sind wir gezwungen, die gro­ßen Opfer zu bringen. (Zurufe der Soz.: Hurra!) Von einer Hurrastimmung ist wahrhaftig nicht bei uns die Rede. Es handelt sich um große Opfer, um die vielen tausend Männer, die der Arbeit auf dem Lande ent­zogen werden. In Frankreich stimmen auch die Sozial­demokraten für die starke Vermehrung der Armee. Wir können es mit unferm Menschenmaterial doch länger aushalten als die Franzosen. Wir danken dem Reichs­kanzler, daß er diese Vorlage eingebracht hat, die uns den Frieden sichert. Wir tragen uns wahrhaftig nicht mit Angriffsgedanken. Auch in England zweifelt man nicht mehr an unserer Friedensliebe. Trotzdem wird eS der ganzen Kunst der Diplomatie bedürfen, um den Frieden zu erhalten. Solange wir die Stärkeren sind, werden wir Frieden haben, aber nicht einen Tag länger. Möge das Deutschland von 1913 nicht an Opferwilligkeit zurückstehen hinter dem von 1813. (Lebh. Beifall.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (33p.): Wir haben rein nüchtern und objektiv zwei große Fragen zu prüfen: Ist eine solche ungeheuere Kostenerhöhung und Heeresver- mehrung unbedingt notwendig? Und wird nach allen diesen Opfern die Sicherheit des Reiches auf die beste und billigste Weise erreicht? Die Vorlage tritt allem entgegen, was der jetzige Kriegsminister bisher ver­treten hat. Die ganze auswärtige Lage, die heute die Vorlage begründen soll, war uns schon im Frühjahr 1912 vollkommen bekannt. Die Situation des Reichs­kanzlers ist nicht leicht. Beruhigen auf der einen Seite, daneben die Begründung einer Milliardenvorlage. Das ist ein Kunststück, und das hat er sehr gut gemacht. '(Heiterkeit.) Die Geschichte der Militärvorlage weist auf das Treiben einer unverantwortlichen Neben- regterung hin. Der Generalstab trat gegen den Kriegsminister und gegen den Reichskanzler auf. Man verlangte sogar, daß nicht der Kriegsminister, sondern der Generalstab die Vorlage hier im Reichstag vertreten solle. (Hört, hört!) Der Redner glaubt, daß die gegen­wärtige Militärvorlage Lücken enthält, die geradezu nach einer neuen Vorlage schreien, und daß eine neue Flottenvorlage für das nächste Jahr in Aussicht steht. Bei den militärtechnischen Einzelheiten der Vorlage for­dert er Verringerung der Kavallerie. Weiter verlangt er eine zeitgemäße Reform auf allen Gebieten des Mili­tärwesens, u. a. Beseitigung des verkehrten Pensions- shstems, Sicherstellung der rechtlichen Position des Sol­daten und Offiziers, Beseitigung der Kluft im Offiziers­korps durch Aufhebung der Ausnahmestellung der feuba- len Regimenter. Es fehlt an der alten Sparsamkeit und Einfachheit. Es gibt kaum noch einen Mucherprozetz, an dem nicht Offiziere beteiligt sind. Es fehlt auch an dem guten Beispiel von oben. Diese ewigen Feste und Prunktafeln stumpfen jedes Gefühl von Einfachheit ab.

Preußischer Kriegsminister von Heeringen: Dr. Mül­ler hat sehr übertrieben. Das Offizierkorps steht in Treue zu seinem Kriegsherrn. Es wird im Ernstfall vollkommen seine Pflicht und Schuldigkeit tun. Das Vertrauen zur Armee muß erhalten bleiben. Das ist der erste Faktor des Sieges. Der Vorredner sagte, die Militärverwaltung hätte sich von den Ereignissen auf dem Balkan überraschen lassen. Das ist auch einigen andern Leuten so gegangen, auch den Abgeordneten. (Heiterkeit.) Darin liegt aber auch die Begründung der Vorlage, denn es ist eine neue Situation geschaffen. Ich habe 1911 ausdrücklich hervorgehoben, daß damals nur die allerdringlichsten Lücken ausgefüllt werden soll­ten, und auch 1912 habe ich erklärt, daß nicht die Be­dürfnisse des Heeres auf alle Zeiten erledigt seien. Auch die Militärvorlage ist nur das Ergebnis der jeweiligen Verhältnisse. Bendern sich diese, so wäre es bei der Militärverwaltung ein Verbrechen am Vaterlande, wenn sie nicht die Konsequenzen zieht.

Abg. Seyda Pole) lehnte die Vorlage ab, weil her Reichskanzler seine Partei nicht für die Vorbesprechungen dinzugezogen habe und weil et erst kürzlich wieder 2 Mill, zur Unterdrückung des Polentums ausgeworsen habe. Er begrüßt den heroischen Befreiungskampf der slawischen Balkanvölker.

Abg. Scheidemann (Soz.): Es muß geradezu »er» bluffen, daß jede durchschlagende Begründung der Vor­lage fehlt. Nach der Rede Dr. Müllers müßte man eigentlich von feiner Partei eine glatte Ablehnung der ganzen Vorlage erwarten. Die Reichstagsmehrheit läßt sich wieder am Leitfeil der Generalstäbler führen. Wir werden dio Militärvorlage nut aller Kraft bekämpfen. Denn durch sie wird unter Verhältnis zu Frankreich ver­schlechtert. Die Gefahr eines Weltkrieges wächft dadurch. Herr v. Siebert, der Vertreter der durchgemllenften Partei Europas (Heiterkeit) rechnet uns nicht zum deuifchen Bolle, die neun Zehntel aller Deutschen vertreten. Herr v. Liebert, das ist eine unsinnige Behauptung kVizepräsisem Dr. Paasche rügt den Ausdruck. > Das ssi. eine Behauptung, die nicht sinnig ist (Heiterkeit.) "®’r arbeiten weiter an einer Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Der Tag wird kommen, sich die Hand des Deutschen vertrauensvoll in die Hch'd des Franzosen legen wird. Das wird der Tag uuiereS Triumphes fein."

.. 2llg. Erzberger (Zir.): Der Richter über die Aus- tuhrungxn de? Vorredners wird sich finden, es wird das Deutsche Volk sein. (Lachen bei den Soz.) Es wird ihm

nicht recht geben. (Unruhe bei den Soz.) Die Sozial­demokratie kann so nur sprechen, weil sie weiß, daß es auf ihre Stimme nicht ankommt. (Beifall rechts und in der Mitte.) In dem Moment, wo es auf die sozialdemo­kratischen Stimmen ankommt, würde sie bet der Ent­scheidung einer Heeresvorlage sich nicht anders stellen, als Sozialdemokraten der anderen Länder, wie auch der französischen Sozialdemokraten, die auch, wo es nicht auf sie ankam, trotzdem die erhöhten Aus­gaben für bie Wehrmacht bewilligten. Die neue Vorlage bringt freilich große Opfer bis in jede Familie hinein. (Hört! Hört! links.) Ist Ihnen da? neu? ^Heiterkeit und sehr gut!) Warum diese Opfer? Di« Begründung des Reichskanzlers reicht nicht aus zu einer derartig großen Vorlage. Die Beziehungen zur französischen Regie­rung sind nach ihm gut, zu Rußland bestehen freund­schaftliche Beziehungen, und England hat er warmen Dank ausgesprochen. Nur von dem herausfordernden Widerstände von Montenegro hat er ge­sprochen. Ich glaube nicht, daß er gegen Montenegro unser Heer ins Feld führen wird. Freilich ist es sehr schwer für den verantwortlichen Staatsmann, in der heute hochgespannten internationalen Lage all das zu sagen, was entscheidend für eine Militärvorlage ins Feld geführt werden kann. Stichhaltige Gründe liegen tat- sächlich für die Vorlage für jedermann auf der Hand. Die Vorlage ist eine Konsequenz der Korrektur der Land­karte Europas und eine Abwehrmaßnahme gegen alle Versuche der Erdrosselung Deutschlands. Durch die Umgestaltung auf dem Balkan kann Oesterreich-Ungarn uns seine ganze Stoß­kraft nicht so zur Verfügung stellen, wie wenn die Tür­kei in ihrem alten Umfange aufrechterhalten geblieben wäre. Italien hat eine Schwächung für uns durch feine Festlegung in Nordafrika erfahren. Vor allem aber kommt die Volksstimmung in Frankreich in Betracht. In Frankreich ist bet chauvinistische Geist ganz gewaltig an gewachsen. Der Respekt vor der deut­schen Wehrmacht ist dort gewaltig gesunken. Der Vor­wärts hat selbst anerkannt, daß alle bürgerlichen Par­teien in Frankreich unter dem Druck der chauvinistischen Bewegung stehen. Und die Sozialdemokratie in Frank­reich hat keinen Einfluß, diese chauvinistischen Kräfte znrückzuhalten. Vor diesen Gefahren darf man doch nicht die Augen verschließen. (Sehr richtig I) Auch in England haben die militaristischen Bestrebungen stark zugenommen. Man kann bei allen diesen Erscheinungen sich doch nicht auf den Standpunkt stellen, daß ein Krieg zu den Unmöglichkeiten gehört! Die Sozialistischen Monatshefte sogar haben mit der Möglichkeit eines sol­chen Krieges ganz offen gerechnet, und zwar ehe die Militärvorlage kam. Und auch der Abg. Wendel hat in der soz. Neuen Zeit darauf hingewiesen: Balkankrieg — Weltkrieg — Weltrevolution, die Partei müsse sich auf alles gefaßt machen. Und dann macht der Abg. Scheide­mann uns Vorwürfe, wenn w i r das, was er für seine Partei in Anspruch nimmt: sich auf alles gefaßt zu machen, für das ganze Deutsche Reich und deutsche Volk tun. Das Maß der Fürsorge, das die Sozialdemokraten für die Erhaltung ihrer eigenen internationalen Par. t e i in Anspruch nehmen, dürfen wir doch auch für die Erhaltung unseres deutschen Vaterlandes in Anspruch nehmen. (Sebr gut! und Beif.) Bei einem unglücklichen Kriege für Deutschland würden aber nicht bloß zwei Provinzen, Elsah-Lothringen, in Frage stehen, ein un­glücklicher Krieg würde die Zertrümmerung des Deutsch en Reiches zur Folge haben. (Sehr rich- tig!) Die Franzosen predigen feit Monaten ganz syste­matisch den Gedanken: Wenn wir auch nicht die Men­schen haben, so haben wir doch das Geld. Die russi­sche Rüstung sei ihre beste Kapitalsanlage. Wenn auch auf 100 Franzosen 166 Deutsche kommen, so kommen doch auf 100 Deutsche 212 Russen. Auch Liebknecht und Bebel haben schon vor Jahren Rußland als unsere größte Gefahr bezeichnet. Bei der Entwickelung Ruß­lands haben sich diese Verhältnisse für uns noch kolossal verschlechtert. In der sozialistischen Presse finden wir zuweilen darüber ganz vernünftige Anschauungen, hier im Reichstage kommen sie aber nicht zum Ausdruck. (Lachen bei den Soz.) Nun hat die panslawistische Be­wegung und damit die Abneigung gegen Deutschland in Rußland ganz kolossal zugenommen. Von irgend einer Anteilnahme an den vor hundert Jahren gemeinschaft­lich durchgefochtenen Kämpfen ist in Rußland nicht die Spur zu bemerken gewesen. Endlich aber und vor allem ist es Rußland gelungen, seine Mobilmachung um min­destens vier bis sechs Wochen zu beschleunigen. Das alles sind für Deutschland höchst unangenehme Tatsachen, aber man mutz ihnen ins Auge sehen. Man darf die Kosten unserer Heeresrüstung nicht absolut für sich allein betrachten. Bei dem unglücklichen Kriege würden btefe Summen ungeheuerlich in die Höhe schwellen. Diese Kosten sind also eine allerdings sehr hohe Ver­sicherungsprämie; aber bis jetzt hat sich nun ein­mal niemand in der Welt gefunden, btt sich erboten hätte, die Versicherung mit uns abzuschließen. Bezüg­lich der Gesamtsumme der Aufwendungen für die Rü­stungen bleibt übrigens der Dreibund immer noch um zirka sechzig Prozent hinter dem Dreiverband zurück. Die Entwickelung hat uns hineingetrieben in die Welt­politik und wir müssen die Konsequenzen auf uns neh­men. Zum ersten Male seit 1850 soll die allgemeine Wehrpflicht voll durchgeführt werden. Gegen die Resolution Windthorsts, die diesen Gedanken wegen zu hoher Kosten ablehnte, haben die Sozialdemokraten ge­stimmt, und jetzt machen sie uns einen Vorwurf dar­aus. Seit Jahren ist jener Gedanke aber erfolgreich ver­treten und durchgeführt worden. Die Heranziehung der jüngeren Leute findet im ganzen Volke Verständ­nis. Aber stehen uns überhaupt die 63 000 Mann mili­tärtaugliche Rekruten zur Verfüg ung, die wir bet Durchführung dieser Vorlage notwendig haben? Nach dem bisher vorliegenden amtlichen Material mutz ich diese Frage verneinen. Eine weitere Frage ist bie, ob bie geforderte ungeheure Vermehrung der Offiziers­stellen notwendig ist, und weiter, wie der Kriegsminister bei dem jetzt schon bestehenden Manko an Offizieren den Offtziersersatz denkt. Auch das Anschwellen des Pensionsfonds, dieser rein fressenden Anlage, wirb nicht nutzer acht gelassen werden können. Den Unter­offizieren wollen wir die Aufbesserung bewilligen. Aber werden wir auch genügend Unteroffiziere bekommen? Eine große Beamtenvermehrung kommt uns mit der Vorlage auf. Daß diese notwendig ist, will uns nrch nicht einleuchten Auch werden fast alle Be­amten der Militärverwaltung aufgebessert. Das wird eine neue Gehaltsaufbesserung der anderen Beamten zur Folge haben. Für Oberschlesien, das ein gewaltiges Nationalvermögen umfaßt, müssen mehr Befestigungen geschaffen werden, da es zu flach für den Einmarsch fremder Heere baliegt. Hätten wir aber bort_ an der Grenze eine zufriedene polnische Bevölkerung, träten Be­festigungen nicht in dem Maße notwendig. Darum sollte man bie in den Sumpf gefahrene Polen­politik beseitigen. (Bravo!) Die Kosten der Vorlage haben sehr ernüchternd auf alle Kreise gewirkt.

Hurrapatriot en sind heute nur noch die, die mchts z u zahlen haben: Die große Masse der pensionierten Offiziere. Sehr ernsthaft wird die Höhe der einmaligen Ausgaben zu prüfen sein. Der jetzige Nachweis ist noch nicht überzeugend. Der Kriegsmini­ster hat alle Wünsche in der Vorlage erfüllt erhalten, keine feiner Schubladen wird noch einen Wunsch ent­halten. (Heiterkeit.) So wunschlos wird noch kein Kriegsminister gewesen fein. Er soll denn aber auch nicht nur an bie Opfer des Volkes denken, sondern auch au Opfer von seiner Seite.

Wünsche des Volkes

sollten erfüllt werden: Einschränkung der Pa­radeuniform, des Paradedi en st es, Beseiti­gung der B ev orgugung der Adligen, häufiger Wechsel der Garnisonen. Ersparnisse müssen ein» treten. Es geht nicht an, daß man Neues bewilligt und das Alte immer weiter laufen läßt. Wenn man heute die schmucke Garderobe eines Oft iziers durchsieht, sie ist beinahe so groß, wie die eines Schauspielers. (Hei­terkeit.) Hier und in anderen Dingen läßt sich viel sparen. Vor allen Dingen mutz die Ausbildung der Soldaten einzig und ausschließlich auf die kriegerische Ausbildung zugeschnitten werden und alles andere hat zu verschwinden. Was soll der Garnison­wachdienst, wenn es sich um Gebäude oder Dinge han­delt, die an sich schon geschützt genug sind? Bei der Musik kann gespart werden, bte zum mindesten für bie Kavallerie unb Artillerie völlig entbehrlich ist; bas Adjutantenwesen, und vor allem das Bur - s chenwesen bedarf einer gründlichen Reform. (Lebh. Zustimmung.) Alles, was bie Vorlage für die Ma n n - schaften bringt, begrüßen wir. Aber, hier hat bet Bundesrat sich doch furchtbar knauserig benommen. Alle zwei Jahre soll der Soldat eine Freifahrt nach Hause haben! Meine poilitischen Freunde werden in der Kommission hier mehr fordern. Der strenge A rr est als Disziplinarstrafe könnte abgeschafft werden, vielleicht nicht als gerichtliche Strafe. Weiter verlangen wir volle Gerechtigkeit innerhalb und außerhalb des Heeres, jeder Deutsche soll sich feines Vaterlandes freuen kön­nen. Vor allen Dingen müssen wir verlangen, daß unsere auswärtige Politik so stark und so zielbewußt geleitet wird, daß uns nicht in ein paar Jahren eine zweite derartige Vorlage zugemutet wird. Sonst könnte man in Folge zu dem Ergebnis kommen, lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Und weiter: wer stellt denn bie 63 000 Rekruten, die jetzt mehr ausgehoben werben sollen, in erster Linie? Das ist nach der amtlichen Statistik das platte Land, das sind also die kleinen Bauern, die Handwerker auf dem Lande. Für sie bedeutet die Aushebung zum Mi­litär eine ganz kolossale Vorbelastung. Will man aber die allgemeine Wehrpflicht durchführen, so folgt daraus, daß niemand vorbelastet wird, daß vielmehr alle gleich belastet werden, und deshalb ist eS notwendig, daß ausgleichende Maßregeln verschiedener Art geschaf­fen werden, liebet den hanebüchenen Unsinn, den der Wehrverein in feiner bekannten Broschüre geschrie­ben hat, daß durch bie Mehraushebung von 63 000 Sol­daten ebenso viele Leute Beschäftigung in bürgerlichen Berufen finden, ist natürlich kein Wort zu verlieren. Fragen Sie doch einmal den kleinen Bauern, wo die 63 000 Leute sind, die sie entbehren könnten! Aus der Landwirtschaft wird ein großes Arbeiterkorps heraus­gezogen. Tie Grundbesitzer helfen sich mit Polen, aber die kleinen Bauern mit ihren Söhnen sind die Haupt­leidtragenden. Damm sollte man Soldaten au? solchen Familien Ernteurlaub von 4 bis 6 Wochen gewähren. Auch sollte die Einberufung der Reservisten zu einer für die Landwirtschaft günstigen Zeit erfolgen. Für manche kleinbäuerlichen Familien kann es unter Umständen den wirtschaftlichen Ru: n bedeuten, wenn sie drei bis vier Söhne in die Kasernen schicken müssen. Hier könnte vielleicht eine Entschädigung aus Reichs- Mitteln erwogen werden. Auch sonst sind noch mancher­lei Wünsche, denen man in der Kommissionsberatunq näher treten kann. Die Militärvorlage ist ein Appell an die ganze Welt, unser Volk in seiner Kulturarbeit nicht zu stören. (Lebhafter Beifall.)

Morgen: Fortsetzung.

Preußischer Landtag»

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 8. April 1913.

Die Beratung des Kultusciats wird fortgesetzt beim Titel „Höhere Lehranstalten jur männliche Jugend".

Abg. Eickhoff (Bp.j bitte: um eine Reform des Dis« ziplinarrechtes an den Mutest chulen. Auch in den unteren Klassen der höheren Lehranstalten sollten nur akademisch gebildete Lehrer den Unterricht erteilen dürfen.

Kultusminister Dr. v. Trott zu Solz warnt wegen der steigenden UeberfüUung des Oberlehrerstandes vor dem Andrang zum Ptlologiestudium eindringlichst unb halt die statistischen Aufstellungen des Abg. Heß über vermeintliche imparitättsche Behandlung katho- lischer Oberlehrer für nicht stichhaltig. Man müsse jede einzelne Anstalt statistisch für sich betrachten. In den Anforderungen für die Schüler muffe die ftchtige Mittellinie eingehalten werden, und eine gewisse Zurück­haltung sei bei der Errichtung von höheren Lehranstalten wohl am Platze. Dte Regierung halte die humanistischen unb realistischen Anstalten für völlig gleichberechtigt unb lege ausdrücklichen Wert auf das Fortbestehen der humanistischen Anstalten.

Ter Präsident Gras Schwerin-Löwitz bittet die Redner um möglichste Einschränkung, da sich noch 51 Redner zu Wort gemeldet haben.

Avg. Borchardt (Soz.) bezeichnet die auf dem humanistischen Gymnasium gegebene Bildung al$ minder­wertig.

Abg. t>. Straffer (t) schätzt daS humanistische Gym­nasium höher ein, als die fortschrittliche Bolkspariel. ist aber der Meinung, daß auf den humanistischen Gym­nasien weniger, jedoch gründlicher gelehrt werden soll.

Abg. Dr. Heß (Ztr. : Wir zweifeln in Sachen der Parität in keiner Weise an dem guten W'llen des Kultus­ministers. Er ist eben in das System der preußischen Berwaltungspraxis hineingeiiellt, das durchaus im- paritätisch ist. Schuld an der Imparität sind vielfach die untergeordneten Organe, auf die der Minister ent­sprechend hm wirken könnte. Ich bleibe auf dem Stand, punkt meiner Berechnung. Wenn das Gesamtergebnis so zu ungunfien bet Katholiken ausiällt, bann müssen bie wenigen Fälle, in denen die Katholiken hin und wieder im Vorteil sind, durch eine vi,' größere Anzahl entgegengesetzter doch aufgehoben werden! In Königs­berg z. B. ist an allen drei Anstalten keine einzige katho­lische Lehrkraft. In Danzig betragen die katholischen Schüler 17,9 Proz. Die katholischen Lehrkräfte dagegen nur 4,5 Vraz, In Marienburg keine einzige katholifche

Lehrkraft. In Berlin keine einzige Lehrkraft, trotzdem die Anzahl der Schüler 6,2 Proz. ausmacht. In Brom- berg, wo ungefähr bie Halste der Schüler katholisch ist — keine einzige katholifche Lehrkraft! In Liffa beträgt bie Zahl bet evangelischen Schüler 206, bie ber katho­lischen Schüler 100. Kcuholyche Lehrkräfte sind aber nut zwei vorhanden gegenüber 13 Protestanten. In Breslau 3 ist bei 53 katholischen Schülern kein katholischer Lehrer. In Kattowitz ist die Zahl der evangelischen Lehrer grö- ßer als die der katholischen, trotzdem die Zahl der ka­tholischen Schüler die der protestantischen um mehr als das Doppelte übertrifft. In Königshütte sind 148 evan­gelische Schüler, 352 katholische, 10 eva igelische Lehr­kräfte, 8 katholische. In Eisleben, in Magdeburg — keine einzige katholische Lehrkraft! In Fulda kom­men auf eine evangelische Lehrkraft 10 evangelische Schüler; auf eine ka tho- lische Lehrkraft 37. In Kleve beträgt die Zahl der katholischen Schüler ungefähr das Zweieinhalbfache ber protestantischen; die Zahl der katholischen Lehrer aber nur 4 gegenüber 7 Protestanten. In Duisburg 136 katholische Schüler, 82 protestantische, 2 katholische Lehrkräfte, 10 protestantische! In Düsseldorf II 172 katholische Schüler, 88 protestantische; 2 katholische Lehr, fräfie. 5 protestantische. In Mörs bei 36 katholischen Schülern überhaupt keine katholische Lehrkraft. Die Beispiele ließen sich noch vermehren. Ich habe gestern bereits die Tatsache erwähnt, daß die katholischen Kan- didaten um so mehr zurückgedrängt werden, je näher bet Termin der Anstellung rückt. Am 1. Mai 1911 betrug die Zahl der anstellungsfähigen katholischen Kandidaten 52 Proz.; am 1. Mai 1912 bereits 52,8 Proz. — ein deutlicher Beweis dafür, daß die Katholiken bei der Aufteilung nicht paritätisch behandelt werden. Es ist Tatsache, und läßt sich nicht ab leugnen, daß katholische Kandidaten länger auf Anstellung warten müssen, als protestantische.

Ein Regierungsvertreter erwidert, daß entgegen bei Statistik des Abg. Heß seine Statistik von 1913 sei, wo­nach die meisten Mißstände inzwischen erledigt seien.

Abg. Dr. Gaffel (Vp.) ist für Gleichberechtigung ber realistischen unb humanistischen Anstalten.

Abg. Dr. v. Savignp (Z.) bringt eine Reihe von Wünschen aus den Oberlehrerkreisen zur Sprache.

Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird ange. nommen.

Zur Geschäftsordnung bemerkt

Abg. Sauermann (Z.), daß er bedaure, durch Schluß der Debatte an ber Besprechung von Einzelwünschen und unhaltbaren Zuständen an dem König!. Gymnasium zu Duisburg und Mühlheim-Ruhr verhindert zu {ein.

Beim Titel „Höhere Lehranstalten für die wrib.nh: Jugend" hält

Abg. v. Goßler (k.) den auf dem Gebiete des Mäd- chenschulwesenS beschrittenen Weg für richtig und wünscht weder eine Heraufschraubung der Anforderun­gen gemäß den Wünschen der extremen Frauenbewe- gung, noch eine Herabminderung.

Abg. Dr. Kaufmann (Z.) teilt die Ansicht mancher Theoretiker, die das weibliche Geschlecht genau so be­handelt wissen wollen, wie das männliche, durchaus nicht. Die Unterricht-Verwaltung sollte ihr Augenmerk darauf richten, daß die Wertschätzung der Lyzeen da­durch erhöht wird, daß den Besucherinnen der Weg gut Universität erleichtert wird. Die zweijährige Unter« richtspraxis nach Besuch der Ober-Lyzeen hält er für eine Erschwerung. Er tritt dafür ein, den Besucherin- nen von Frauenschulen gemäß den Petitionen eines Berliner Frauenvereins und des katholischen Frauen- buntes in Köln die Berechtigung zur Ablegung des HauSlehrerinnenexamens, des Kind ererzi eher innen- exastiens usw. zu erteilen. Auch die Provinzialschul­kollegen sollten den Privatschulen gegenüber kleinlichen Bürokratismus vermeiden. (Beifall.)

Nach weiterer unerheblicher Debatte vertagt sich das Haus auf Mittwoch: Weiterberatung.

Je? Ohne Aufregung.

Die ruh ig e Sachlichkeit, welche der Reichs» kanzler unb die Wortführer der positiven Parteien in der großen Verhandlung bewahren, ist von hohem Werte. Die Welt muß merken, daß wir nicht aus aufbrausender Leidenschaft, sondern nach wohl­erwogenem und festbegründetem Willensentschluß so handeln, wie es zur Sicherung des Reiches und des Weltfriedens geplant ist. Der Reichskanzler hat für feine Rede eine außerordentlich gute Presse ge­funden ; das ist wohl in der Hauptsache auf die be­dächtige Selbstbeschränkung zurückzuführen, die er sich auferlegt hat, obschon doch gerade dieser Anlaß für einen ehrgeizigen Redner viel Anreiz bot, um durch rhetorische Pfauenräder und schwungvolle Stimmungsmache Bewunderung zu erregen. Be­zeichnenderweise ist es ein alldeutsches Blatt, die »Deutsche Zeitung', die dem Reichskanzler einen Vor­wurf daraus macht, daß er nicht di« richtige Stim­mungsmache betrieben habe. Diese Leute sind wirklich nicht zufriedenzustellen; wenn ihre Wünsche in der Sache vollauf erfüllt werden, so nörgeln sie noch an der Form der Darreichung herum. Herr v. Bethmaun hatte sehr nachdrücklich auf die Gefahr der „Volksleidenschaften* in anderen Ländern hingewiesen. Den Eindruck dieser Worte hätte er sofort wieder abgeschwächt, wenn er auch in Deutsch­land die Volksleidenschaften hätte aufregen wollen.

„Immer mit der Ruhe!* Das erwirbt unS im Ausland mehr Respekt, als wenn wir mit Donner­worten und Faustfchlägen auf das Rednerpult Sen­sation machen. Die Welt muß merken, daß die gewaltigen Opfer, die jetzt gefordert werden, vom deutschen Volke und dessen Vertretung zu erlangen sind, ohne daß man eine Hurrahstimmung herbetzu- sühren braucht. Wenn Deutschland es aus einen Krieg abgesehen hätte, so wäre es ja freilich am Platze, die Volksseele ins Kochen zu bringen und auch die Leidenschaften als Triebkraft auszunutzen. Aber wir wollm ja nur den Frieden sichern, und zwar unter schweren Op ern; das ist eine Aufgabe, die man in würdiger Ruhe, in bedächtiger Ent­schlossenheit zu lösen hat.

Die Hascher nach „Sensationen und interessanten Zwischenfällen" kommen also nicht auf ihre Kosten. Sogar der sozialdemokratische Redner Haase war im Verhältnis zu den sonstigen Leistungen seiner Partei ruhig.

Somit ist es auch erklärlich und unbedenklich, wenn hier unb da die gespannten Leier bemerken, es sei eigentlich nichts neues in den Reden enthalten.