2. Blatt.
Brad bet Salbaer Setienbniaetei in Sali«.
Zuldaer Leitung.
M 80.
Dienstag 8. April 1915.
's?
*> Zum katholischen Frauenstudium.
Seitdem den Frauen der Weg zu akademischen Studien und die Mitarbeit in gewissen akademischen Berufen frei gegeben worden ist, machen sie davon reichlichen Gebrauch. Das zeigt die von Semester zu Semester anwachsende Zahl immatrikulierter Studentinnen, über 3000 im letzten Jahr, und die entsprechende Zahl der bereits im Berufe tätigen weiblichen Akademiker, darunter bis jetzt an 900 Ober- lehrerinnen und an 200 Aerztinnen.
Uns interessiert nun da die Frage: „Wie viele Katholikinnen befinden sich darunter?" Im Deutschen Reich gibt es nur eine einzige Universität, an der die Zahl der katholischen Studentinnen die der andern Konfessionen überwiegt, das ist Münster t W. An allen andern sind die Katholikinnen in bedeutender Minderheit, so im katholischen Bayern, im katholischen Baden, im katholischen Rheinland, im Reichsland. An den übrigen Hochschulen kommt ihre Zahl überhaupt nicht in Betracht.
Und wie ist's mit unferm Anteil an der Zahl akademisch gebildeter Lehrerinnen? Das Verhältnis wird wohl dem der katholischen Studentinnen zur Gesamtzahl der weiblichen Studierender gleich sein. Während man aber auf anderer Seite schon von einer Ueberproduktion an Oberlehrerinnen spricht, ist unsererseits noch ein Mangel daran vorhanden. Man wird sich des Falles erinnern, von dem vor ungefähr sechs Monaten in den Blättern die Rede war: daß sich auf eine Oberlehrerinnenstelle an einer großstädtischen Lehrerinnenbildungsanstalt des Rheinlandes, deren katholischer Charakter allgemein bekannt ist, eine Israelitin, eine evangelische Dame und eine einzige Katholikin meldeten. Erst kürzlich machte die Direktion eines katholischen Lyzeums und Oberlhzeums bekannt, sie sei genötigt, da sie keine katholische Oberlehrerin finden könne, eine evange- lische Dame anzustellen, da ihrer Anstalt sonst Be- rechtigungen entzogen würden. An einer höheren Mädchenschule einer kleineren katholischen Stadt suchte man ebenfalls kürzlich eine Oberlehrerin als Direktorin, es konnte aber keine beschafft werden. Und manche Ordensschulen waren mangels katholischer Oberlehrerinnen gezwungen, Oberlehrer im Nebenamt anzustellen, da ihnen sonst Berechtigungen verloren gingen.
Auch in der Reihe der Aerztinnen stellen wir einen ganz geringen Prozentsatz fest; von der oben genannten Zahl sind uns hier nur zwei als Katholikinnen bekannt. Viel größer ist die Gesamtzahl wohl schwerlich. Und wie viele akademisch vorgebildete Katholikinnen sind in den Rechtsschutzstellen tätig, wie viele als Wohnungsinspektorinnen, als Gewerbeassi- stentinnen, als Polizeiassistentinnen, als Leiterinnen oder Mitarbeiterinnen an Frauenzeitschriften, als Generalsekretärinnen unserer Frauenvereine?
Es wird Wohl kaum semand mehr behaupten, daß wir an all den Stellen auf Frauenarbeit verzichten können; sollen wir denn auf die Mitarbeit der katholischen Frau verzichten? Ist es z. B. gleich, wer unsere Töchter unterrichtet und erzieht, eine Kat ho- likin oder eine Andersgläubige? Svielt auch nicht in den andern oben genannten Berufen nach mancher Richtung hin die Weltanschauung eine Rolle? Und ist es auch nicht leicht ersichtlich, daß, wenn uns ein Einfluß auf unsere Jugend, auf unser Volk erhalten bleiben soll, wir recht zahlreich vertreten sein müssen in den Reihen der akademisch gebildeten Frauen?
Wir müssen mit aller Entschiedenheit für das Studium der katholischen Frauen eintreten, indem wir aufklären, ermutigen, zu starres Festhalten am Alten beseitigen und vor allem pekuniäre Unterstützungen geben. Der H i l d e g a r d i s v e r e i n sammelt in seinen Ortsgruppen Beiträge von solchen, die die Notwendigkeit des Frauenstudiums erkannt haben und gibt sie als zinsfreie Darlehen begabten und geeigneten Katholikinnen, deren eignes Vermögen zum Studium nicht ausreicht. Leider müssen immer wieder manche abgewiesen werden, da die Mittel des Vereins nicht reichen, und, was ebenso betrübend ist. die Darlehen müssen meist auf 300 bis 400 Mk. pro Jahr beschränkt werden, nur in wenigen Fällen gingen sie darüber hinaus. Das ist also durchschnittlich nur ein Fünftel oder ein Viertel des tatsächlich Benötigten.
Sollten wir nicht dazu kommen, gelegentlich, om ganz besonderer Veranlagung und festem Charakter das halbe, ja auch das ganze Studium einer Bewerberin bestreiten zu können, insbesondere da, wo es sich um ein angefangenes Studium handelt, das bei Vermögensverlusten abgebrochen werden mußte? Wir hoffen, daß, durch diese Gedanken angeregt, viele, die »isher dem Verein fernstanden, sich zur Mitgliedschaft Kreitfinden lassen. — Anmeldungen von Mitgliedern
oder Anregung zur Gründung weiterer Ortsgruppen nimmt die Bereinsleitung des Hildegardisvereins, Aachen, Heinrichsallee 9, gern entgegen.
Lokaler.
/ Fulda, 8. April 1913.
# Personalien. Die Reservelokomotivführer Rudlos, Ziklam und E. Haag wurden zu Loko. motivtübrern und die Hilfswerftührer H ergenvahn und Louis Speck hier zu Wertführern ernannt. — Dem Oberpostschaffner Herber hier wurde eine gehobene Dienststelle übertragen. Der Postschaffner Hüter hier hat die Prüfung als Oberpostschaffner bestanden. — Kataster-Assistent Brauer zu Bocholt wurde an das Katasteramt zu HerSseld versetzt. — Die Regierungssupernumerare Böschen, Jäger, Schmidt und Stückiath. sämtlich in Kassel, wurden zu Regierungssekrelären und die Rechts- kandrdaten Kagelmann aus Bebra und Voigtmann aus Marburg zu Gerichtsreferendarin im Bezirke des Oberlandesgerichts zu Kassel ernannt.
# Verliehen wurde dem Eisenbahndirektor Siegle r hier anläßlich seines Uebertrittes in den Ruhestand der Rote Adlerorden 4. Klasse und dem Lehrer Wittich zu Kassel der Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzollern.
~s Sein 3Ü jähriger Arbeits-Jubiläum beging am Samstag der Werklührer Paul Buchheim in der Eifenbahn-Hauptwerkstätte Fulda. Dem Jubilar wurde von der Direktion ein größeres Geldgeschenk übermittelt; auch sonst nutoen ihm zahlreiche Ehrungen zuteil.
Wsjk Im städtischen Schlachthose wurden im ersten Vierteljahr 1913 geschlachtet. 16 Pferde (1912: 21). 132 Ochsen (125), 21 Bullen (17); 191 Kühe (191), 213 Jungrinder 269,, 672 Kätver (777), 1763 Schweine (2236), 83 Schafe (114), 35 Ziegen (49), 31 Lämmer (40).
§§ Ei« Landeskomitee für die nationale Missionsspende wurde gestern in Kassel unter dem Vorsitz des Landtagsaba. Frhrn. Schenk zu Schweinsberg ge- gründet. Tas Ehrenpräsidium für dieses Landeskomitee hat der Landgraf Chlodwig von Hessen-Phi- lippsthal-Barchfeld übernommen, dem außerdem noch der kommandierende General des 11. Armeekorps, General der Infanterie Frhr. v. Scheffer-Boyadel, der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, wirklicher Geh. Rat Exzellenz Hengstenberg und säst sämtliche Landräte des Regierungsbezirks Kassel angehören.
Lk. Die Bildung von Ausschüssen für Gartenbau hat der Minister für Landwirtschaft angeregt und die Landwirftchastskammern auigesordert, in eine Prüfung darüber einzutreten, wie weit den berechtigten Wünschen der Gärlnereiinteressenten bei der Organisation und Betätigung der Landwirtschaflskammern Rechnung getragen werden könnte. Ter Vorstand der Kasseler Landwirtschastskammer bat beidjloffen, zunächst mit der Gärtnereiberuftgenossenschast und den Gärtnerei- Vereinigungen wegen Errichtung eines GärinererauS- ichuises tn Verbindung zu treten Die Kosten eures Gärtnerei-Ausschusses, soweit sie nicht aus Staats- Mitteln gedr-tt ffnd, sollen von den Gärinererbetrreben getragen r erd *.
& Als Frucht des ersten deutschen Missionsscstes, das vor zwei Jahren hier stattsand, sind die Einigungen des F va n z i s k u s-X a v e r i u s-B ereins zu betrachten, die in der hiesigen Marianischen Bürger- und Junggesellen-Sodalität gebildet wurden. Eine gute Wirkung hatte der Rus an die Soda!en zum Bei- tritt in diese Einigungen. Wie aus dem den Mitgliedern eingehändigten Rechenschaftsbericht zu ersehen ist, betrugen die Beiträge im ersten Jahre über 900 Mk. Nach Abzug der Ausgaben verblieb ein Nettobetrag von 887,70 Mk.
a. D» Flnschpreifk sind nach der letzten amtlichen Italistik in der ersten Hälst» des Monats Mär, gegenüber der zweiten Hälfte des Februar tm Durch- ichnrtt der Normalmorktorte deS Reg.-BezirkS Kassel wieder gemnken, nachdem in 6er zweiten Häl te des Februar eine kleine Steigerung der Preise tm Durch- schnitt eingetrelen war. Die Durch chnulspreife lür Fulda sind in diesem Jahre noch konstant geblieben.
-y- Das Fahrrad gestohlen wurde am Sonntag Nachmittag einem Ba nbeamten von hier am üeipvgcr« Hof. Er hatte es nur e'nigr 'Minuten unbeaufsichtigt vor dem Lokale hingestellt. Von dem tebe fehlt noch jede Spur.
= Mitglieder der Heilsarmee durchziehen wieder mal unsere Stadt und spekulieren auf die Mildtätigkeit der Einwohner unter Ausdrän ung ihrer Tral- tätchen. D>e .Soldatinnen' aeben in tbrem Müsions-
eifer wohl etwa» zu weit und haben stellenweise Klagen über ihr aufdringliches Benehmen veranlaßt. Wer für die Werke der Nächstenliebe sein Scherflein beisteuern will, wird Gelegenbeit genug finden, es bester an den Mann zu bringen, als durch Opfer für die Bestrebunoen der Heilsarmee.
(•) Physikalische ErperimentalvortrSge. Heber die Vorträge, die Herr Dähne am Mittwoch und Donnerstag abend hier im Stadtsaal halten wird, schreibt eine aus- wärttae Zeitung: Herr Dähne unterscheidet sich himmet- roeii von der Mehrzad! der reffenden Experimentatoren; unbeschadet feiner Wissenschaftlichkeit bleibt er immer leichiverständllch, so daß auch der völlig Unkundige nie. male einen feiner Vorträge ohne Belehrung und An- regung verlassen wird. Mit ganz betonterer Ausmerk. famteit folgte die Zuhörerichast dem Physiker, als er die neue en Forschungen auf dem Gebiete der Beziehungen zwischen Licht und Elektrizität durch daS Erperimeni darzussellen begann. Die elektromagne'ssche Lichttheorie wußte Herr Dähne durch Vorle>ungSvenuche über elektrische Refmanr trefflich zu illustrieren
[) Da» 8. ai>onnement»fonjert deS Trompeterkorp» unseres Feldarttllerie-Re^imentS, daS für Mittwoch aber» an gefetzt war, kann bejonberer Umstände halber erst nächste Word« fiattfinben.
(—) Naturheilverein. Einen Vortrag über .Früh. IfngS-Kuren" wirb ber Naturheilverein am kommen- den Samstag in ber .Harmonie"' halten lassen. Als Redner wurde Herr W. Barnbeek aus Kassel gewonnen. Herr B. ist ein bewährter Borkämvfer der Naturheilbewegung, der 20 Jahre lang den jetzt 1300 Mitglieder zählenden Kasseler Naturheilverein geleitet hat.
Aus -em Nachbargebiete.
* Hünfeld, 7. April 1913. Gestern fand im Hotel „Engel" eine Jahresversammlung des Vereins ehemaliger Fuldaer Winterschüler im Kreise Hünfeld statt, an der auch Herr Direktor Schoppmann von der landwirtschaftlichen Winterschule in Fulda teilnahm. Aus die Einladung des Herrn Rektor Sondergeld hin wurde von der Versammlung das Heimatmuseum unter Führung des Herrn Oberlehrers Kienberger mit größtem Interesse besichtigt. Bei der Vorstandswahl tour, dn die Herren Schreiber-Grüsselbach und Peter-Großentaft zum Vorsitzenden bezto. Kassierer toiederge- toählt; an Stelle des Herrn Walk-Soisdors trat als Schriftführer dessen Bruder. Tie Versammlung bet. lief sehr schön und führte zu eingehender Aussprache -über verschiedene Vereinsangelegenheiten, sowie über eine Reihe landwirtschaftlicher Fragen. Zum Schlüsse gedachte Herr Rektor Sondergeld der segensreichen Wirksamkeit der Fuldaer landwirtschaftlichen Winterschule.
* Neuhof bei Fulda, 7. April 1913. In dem benachbarten Rücker- brach in ber letzten Nacht Feuer in dem Anwesen deS Landwirts Emil Lauer aus, dem Stallung urm Scheune zum Opfer fielen Dank deß tatkräftigen Eingreifens ber Feuerwehren von Rückers unk» der umliegenden Ortschatten ist es gelungen, den Brand auf feinen Herd zu beschränken Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen, nur ein Schwein hat den Tod in den Flammen ge'unben.
[] Reulbach b. GerSseld, 7. April 1913. In der gestrigen Generalversammlung deS ‘Jt aif f t i| en» o er ein 8 hiess Herr Tierarzt Dr. St reu ber aus Hübers einen lehr belehrenden Vortrag über Kälber- zücht und Kä berkrankdeiten. In klaren Worten legte et die Behandlung des Müttertieres bezw. auch des jungen Tieres vor, tei und nach der Geburt ans- einander. Darauf behandelte er bie Hanpluriachen der Kälberkiankheüen, die so viele Opfer «ordern, nämlich bie Kälberzuhr und die Lähme, ober, wie die Landwirte letz ere nennen, Gelenkwasser. Er führte daraus die Mittel an, die anzuwenden sind, um vielen Krankhei en oorzubcugen und sie zu befämpten. Reicher Beilall zeigte dem Redner, wie dankbar man lür seine Austt'i rangen war, und noch iteubtgei wurde eS begrüßt, als et versprach, durch Ipätere Vorträge den Landwirten noch m ht ur Hai d zu ge jen.
d Bub Crb, 7. April 1913. Tie Orlsg uppe des VolkSveretns für 6a» taibol. Deuttchlaud hüll gegenwärtig hier einen kommunalpolitischen Kursus ab. Herr üanöesiefteiär Gotthardt aus Frankfurt a. M beoanöeite IM 1. Vortrag das T ema: .Gemeinde und Gemeindemr taff ung". Der Leiter des JRunu«, Herr Kaplan Rainb, dankte dem yettn Reierenten im Namen bet Krirwsieilnehmer lür leim genieiilver'länbllchen Auslührungen, brr Zenlraluelle nes Volk°vereins in 'M.-Gladbach für ihr freundl ches Entgegenkommen. Große Vorteile bieten sich den einzelnen ferner tn den einschlägigen billigen Volts- ichrrften, die bet den Konferenzen zum Kaufe ausge» legi sind. Die nächste Ver'ammluna findet Monaa,
Der Graf von Tarent.
88] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
„Anita, Teuerste, Du bist bezaubernd," sagte er, „ich schätze mich glücklich, Dich in einer halben Stunde für immer mein eigen zu nennen . . . Wenn Dich der Verstorbene sehen könnte jetzt —"
Die junge Gräfin wat bei der Blasphemie erbleicht. „Schweige und lästere nicht die Toten!" rief sie empört.
„Bah, immer noch bie alten Schrullen? Tote sind stumm — sie können nichts nützen und nichts schaden, schönste aller Bräute — Anita, warum schaust Du so kalt auf mich, als fei ich Dir fremd? — Die letzte Zeit stand etwas zwischen uns, ich weiß selbst nicht, wie es kam — aber nun ist alles vorbei, das Ziel meiner Wünsche ist erreicht — nun bist Du mein."
Von der Schloßkapelle ertönten die Klänge der Glocke. Der Burghof war gedrängt voll mit Men. scheu, die das Brautpaar und die Zeremonie sehen wollten. Der Haushofmeister trat ein und meldete daß alles bereit sei, der Geistliche wartete, und die Zeugen waren sämtlich versammelt.
Wenige Minuten noch--
Anita war ans Fenster getreten und schaute in grauenvoller Angst hinaus ins Leere. Schweigen Eie und vertrauen Sie mir bis zur letzten Minute! bmr die Botschaft gewesen. Die letzte Minute war "ahe, etwas Außerordentliches mußte geschehen, ein Wunder — verzweifelt irrte der Blick ihrer Augen uncher über die Landschaft zu ihren Füßen . . .
Unten den schmalen Pfad zwischen den Felsen herauf, wo vor säst einem Jahre der Gras Tarent feinen letzten Gang gewandelt, kamen drei Reiter, ber eine führte ein Pferd neben sich. Die Gräfin ^Qrfnt betrachtete die Nahenden mit brennenden -öltden. War er darunter? Nein, sie hätte ihn ipiter tausend heraus gekannt. — Enttäuscht wandte jte sich ab, sie glaubte, das Her; müsse ihr bersten bor Aufregung. Einen anastvollan Blick warf sie
auf die Uhr, die nun zu summen und zu surren begann und dann laute Schläge ertönen ließ: Acht! —
Der Haushofmeister hatte die Flügeltüren weit geöffnet, man konnte die Diener sehen, die draußen in Reih und Glied postiert waren, weiß gekleidete Mädchen, die Körbchen im Arme trugen und Blumen streuten ohne Zahl.
Der Baron bot der Braut den Arm. „Komm, Anita", sagte er zärtlich^ „nie hat ein Mann int Leben sich glücklicher gesuhlt, als ich mich fühle in dtelem Augenblicke." Nun erzitterte sie wie Espenlaub, als sie ihren Arm in den seinen legte.
„Fasse Dich, Herz, Du siehst zum Erschrecken bleich aus", flüsterte er ihr ms Ohr, „in wenigen Minuten ist alles vorüber — vorüber . . ."
Sie betraten die ersten Stufen der Treppe, um hinunter zu steigen zur Schloßkapelle. — _
Unten am Fuße der Treppe waren drei Männer erschienen und stiegen lansam empor. Ihre Mienen waren sehr ernst. Es waren keine Hochzeitsgäste.
Betroffen war der Bräutigam stehen geblieben. Leichenblasse hatte für einen Augenblick fein Gesicht überflogen. Anita hatte ihre Hand vom Arme des Barons gelost — sie war zurückgetreten — sie wußte nun, daß sie mit diesem Bräutigam nimmer vor den Altar treten würde. . .
Die drei Männer waren vor dem Baron stehen geblieben. Es waren der Fürst Guastalla, der Her- zog von Tesia und Vicomte Bixio. Der letztere war sehr bleich und sah um vieles schmäler aus, als an dem Festabende, da Anita ihn kennen gelernt.
Fürst Guastalla trat hart au den Baron heran und sagte einige Worte zu ihm in leiser Sprache. Anita sah, daß er zusamm nschreckte, dann verstand sie die Worte: „Unmöglich — das kann nicht Ihr Hrnst sein — nicht jetzt —." Dann stockte er ver- wirrt und wandte den Blick auf feine Braut. ,
„Eine Minute nur, Liebste, ich habe mit diesen Herren etwas zu besprechen, das sich nicht verschieben läßt
Sie nickte und trat ins Zimmer zurück. Di- Diener schauten sich ' mdet an. Keiner verstar
was das zu bedeuten habe. Ter Baron war mit den drei Herren in eines der leeren Gemächer getreten.
„Herr Baron, wir kommen als Zeugen im Aus- trage des Prinzen zu Ihnen", sagte Fürst Guastalla mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes. „Sie erinnern sich doch der Affäre an jenem Abend — Hoheit hat das Recht, Ort und Zeit zu bestimmen."
„Da- geht über Menschenbegriffe", brauste Mene- ville auf, „ich bin eben im Begriffe, vor den Trau- allar zu treten — das ist höllische Bosheit — Sie können nicht von mir verlangen, daß ich Ihnen jetzt nach dem Kampfplätze folge, da der Priester wartet."
„Doch — wir erwarten dies mit Sicherheit", entgegnete der junge Fürst, „der Prinz übt nur fein gutes Recht aus."
„Verdammt will ich fein, wenn ich mit Ihnen gehe gerade jetzt! In einer Stunde meinetwegen oder morgen —."
Der Herzog von Tesia trat vor und musterte den Baron mit kaltem Blicke. „Sie werden begreifen, Monsieur, daß es für uns eine hatte Ausgabe ist, einem solchen Subjekte gegenüber, wie Sie sind, als Zeugen auftreten zu müssen. Sollte es Ihnen aber einfallen, ber Einladung nicht Folge zu leisten, bann —"
„Dann, Herr Herzog?"
Der Spanier trat zurück
„Ich habe den Fall vorgesehen", sagte er, „etliche meiner Lakaien sind aus dem Wege hierher und wer- den jede Minute eintreffen — ich lasse Sie durch dieselben im Hofe der Burg Tarent öffentlich durch- prügeln."
Nun trat der Vicomte Bixio hart an den Baron heran.
„Herr Meneville, ich habe Sie immer richtig eingeschätzt nach ihrem Wert", sagte er. „Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich Sie deshalb nie übermäßig geliebt habe, denn ich roch es aus drei Schritte, daß unter Ihrer Haut ein Schurke steckt. Dem Prinzen T rt es beliebt, uns allen an jenem Abende das Ehrenwort abzuneymen, daß über Ihre Taschen.
14. April abends 81/» Uhr im Gasthaus« „Zum weißen Roß" statt.
* Niederaula, 7. April 1913. Der Fulda-Rhön- Sängerbund. dem auch der hiesige Männrrgesang- verein angehört, wird den tm vorigen Jahre beschlossenen SLngertag in unserem Orte abhalten. Einst, weilen ist der 29. Juni in Aussicht genommen. Der hiesig« Verein wird die Feier fernes Stiftungsfestes damit verbinden.
0 Hanau, 7. April 1913. Da« Schwurgericht, welches heule feinen Anfang nahm, halt« sich mit Vorfällen aus Salmünster zu befassen.
Der Nacht zum 8. Oktober 1911 wurde dort von i. er Anzahl junger Burschen daS Hau« deS Land, wirts Adam Siebert durch Steinwürfe beschädigt. Es standen deswegen der 24jährige Maurer Essel und btt 23jährige Bureaugehilfe Rirftein, beid« aus Salmünster, am 13. Jan. 1912 vor dem Schöffengericht Salmünster, wurden aber freigesprochen. Betreffs des Urteils gegen Kirftem legte ber Amts« anwalt Berufung em. Vor ber hiesigen S.rafkammer blieb bet in diesem Termin als Zeuge eidlich vernommene Essel dabei, weder bei dem Unfug auf das Sieberl'sche Anw en beteiligt gewesen zu fern, noch den Urheber desselben zu kennen. So hatte vor dem Schöffengericht und der Strafkammer auch der Zeuge Weibbindermeister Hopp aus Sa Im ü oster unter Eid auSgesagt. Trotzdem verurteilte die Strafkammer den Rirftein wegen Sachbeschädigung zu 30 Mark Geldstrafe. Durch in der Verhandlung zutage getretenen Momente nahm das Gericht ferner an, daß Essel und Hopp, durch Rirftein verleitet, unter ihrem Eide die Unwahrheit gesagt hatten. Das gegen alle drei eingeleilete Strafverfahren wurde jedoch wieder eingestellt; auf bie Beschwerde des Staatsanwalts hin eröffnete aber ber Strafsenat bes Oberlandesgerichts Kassel das Hauptverfahren gegen bie jungen Leute. Die Anklage legte Essel wissentlichen Meineid in einem Fall, Hopp in zwei Fällen zur Last, unb be« schulbigte Rirftein, bie beiden zu ihren Aussagen verleitet und weiter versucht zu haben, den Fuhrmann Wilhelm Kreß in Salmünster, einen Zeugen in der Sache, zu einer wissentlich falschen Aussage zu bestimmen. Das Gericht be ndete heute abend noch die Zeugenvernehmung und vertagte die Weiterver« Handlung aus morgen vormittag. Das Urteil ist erst tn ten Mittagsstunden zu erwarten.
* Hanau, 7. April 1913. Heute tarn ber 28 Jahre alte Taalöoner Heinrich Fuchs aus Langenselbold in das Walzwerk im Dunlopwerk. Dem Alaun wurde der linke Arm vom Körper gerissen und bet Kops schwer verletzt, so daß ber Tob nach einigen Minuten eintrat. — Der Kaufmann Schomann von biet bat im Geschäft von H, in dem er als Reisender tätig war, nach und nach 600 Mk. unter« ichlagen und ist feit Donnerstag flüchtig. — Wegen Gehorsamsverweigerung oeiurteiHebaS Kriegsgericht den Musketier Schütz vom hiesigen 2. Bataillon deS Jnf.-Rgts. Nr. 88 zu 43 Tagen Gefängnis. Schütz hatte beim Bajonettieren Gewehr und Maske fallen lassen unb war dem Beseht des Leutnants, die Sachen auszuheben unb weilerzufechlen, nicht nachgekommen.
cb. Frankfurt, 7. April 1913. In einem Anfall oon Verfolgungswahnsinn stützte sich die Ehefrau des Meiallichmelzers Schreiner aus dem Fenster ihrer Wo.mung. Die Frau starb nach kurzer Zeit an den Verletzungen.
P Frankfurt, 7. April 1913. Gestern tagte hier die 58 O« ts-Vereitte mit 6279 Mitgliedern zählende Bezirks-Vereinigung vom Verbände Deutscher Eisen- bahn-Handwerker u. -Arbeiter des Direktions- derirks Frankfurt a. 4JI. Als Vertreter der Kömgl. Eisenbahn-Direktion nahm Herr Obettekretär Bürauer teil. Die Hauptpunkte der Tagung bildeten ber Tätigkeitsbericht unb Besprechung der Anträge. Aus ersterem ersah man, wie uns aeschneden wirb, daß du ch die intensive Arbeit des Bezirks mehrere Verbesserungen -rfolgt sind. Der Hanpigegenstand der Anträge bildeten die Lo hnver hä 11 niss e Wenn auch anerkannt wurde, daß im letzten Jahre Lohn- etbö mnaen er olgt sind, so ergab sich doch, daß diese nicht überall cen Teurungsverhältnissen entiprechen. Besonders die niedrigst bezahlten Kategorien und einige besonders genannte Dienststellen sollen der Königl. Eilenbahndtrek ton in einer Eingabe lür Lohn- zulage oorgelrtilagen werden. Ferner nahmen noch ote Frönen über Arbeiter - Ausschüsse, Krankenkasse, Karenzzeit, freie Äer.ffewahl, Uilaubssrage und Sonntagsruhe einen breiten Raun, em, und auch diese Wünsche sollen, soweit sie erfüllbar sind, in der genannten Eingabe mit unterbreitet werden.
ha. Höchst a M., 7. April 1913. Für das Re- gierunasjubtläum des Kauers beabsichtigt die
fpielerfunfte nichts gesprochen wird. Der Teusel mag verstehen, warum er das getan hat — ich glaube Ihrer Braut zuliebe! Wenn Sie nun aber nochmals den Lumpen spielen wollen, bann halte ich sofort hier in der Burg vor allen Gästen und Dienern eine öffentliche Rede und gebe Ihre Schand-taleit preis! Ich werde es tun mit Eifer und Fleiß. — Das wird auch einigen Eindruck Hervorrufen — der Vicomte hatte seinen Rock unb bas Hemb auf bei Brust geöffnet unb zeigte eine tiefe, brennenbroti Narbe — Sie infamer Meuchelmörder haben im Stabtwalbe bem Prinzen aufgelauert vom Verstecke aus, um einen ehrlichen Gegner weniger in ber Welt zu haben. 'Meneville, Sie haben bas Schießen nicht gelernt unb bebürsen einer Kuh auf brei Schritte Distanz, um Ihres Schusses sicher zu sein. Sie haben mir ans Versehen ein Loch in meine Lunge geschossen, bas mich vier Wochen ans Bett gesesselt hat."
Der Baron war sprachlos wirre, er sah, rote alle Augen mit bem Ausdrucke ber Verachtung auf ihm ruhten. Es war fein Entkommen mehr. Er burfte den Männern ba bie Geleitschaft nicht ver- sagen. Er versprach, in einer Minute mitzugehen. Nur ber Braut wollte er einige Worte sagen.
Er fanb sie allein in ihrem Zimmer. Sie blickte ihn an unb fragte nicht. Was vorgefallen, war ihr gleichgültig. Sein Aussehen verriet, baß Außergewöhnliches sich ereignet.
„Anita, Geliebte es tut mir in ber Seele leib, bie Trauung muß verschoben werden auf eine Stunbe — besser aus morgen — es kann sich ereignen — hm — ich babe einen Ehrcnhanbel unb muß sofort folgen — Du begreifst." ,
Sie begriff. Sie fühlte, baß bie Trauung nicht stattfinden würbe, nicht heute, nicht morgm. Der außerordentliche Mann hatte fein Wort eingeläst.
Nun streckte er ihr bie Hand entgegen. „Adieu, Liebste, aus einem Ehrenhandel kommt man nicht immer heil unb gesund zurück — mein Gegner ist zwar ein bejahrter Mann, aber —"
(Fortsetzung folgt.)