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Fuldaer Zeitung

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8 8 Wochen-Vetlager 8 8 I s s TTlonats-Beflage: 8 8 Illustrierte Sonntagszeitung | Zuldaer Seschlchtrblätler n Elebungslift« ber pre«ßlsch-ffw»«ttsche» KlalJen-Eetterle. — -elbjStzrllch Ca(<b«nfibrplex. e

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Nr. 80. erstes Blatt.

Dienstag den 8. April 1913.

40. Zahrgang.

Zer ReiMnzler über

Sie auswärtige Sage.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 7. April 1913.

Am Bundesratstisch der Reichskanzler, die Staats­sekretäre Kühn, Dr. Sols, Dr. Lisco, Kraetke, b. Jagow, Delbrück, Frhr. v. Schorlemer. Das Haus und die Tri­bünen sind außerordentlich stark besetzt. Präsident Dr. Kämpf eröffnet die Sitzung um 2,15 Uhr. Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung über die

Wehr- unü Lekkungs Vortagen.

Reichskanzler v. Bethmann-Hoüweg führt auS: Die Wehrborlage fordert die Verstärkung unserer Wehr­macht, welche nach dem einstimmigen Urteil unserer militärischen Autoritäten notwendig ist, um die Z u - funft Deutschlands zu sichern. Sollte uns jetzt ein Krieg aufgenötigt werden, so können und wer­den wir ihn schlagen in dem Vertrauen auf die Tüchtig­keit und Tapferkeit unserer Armee. <Lebh. Beifall.) Die Frage ist nur die: Können wir uns weiterhin den Luxus gestatten, auf zehntausende bon ausgebildeten Soldaten zu verzi ch't en, die wir haben könnten, die wir aber jetzt nicht einstellen? (Sehr richtig! rechts.) Niemand weiß, ob und wann uns ein Krieg beschic­ken sein wird. Aber soweit menschliche Voraussicht reicht, wird kein europäischer Krieg entbrennen, indem nicht auch w i r verwickelt werden. Tann werden wir

um unsere Existenz kämpfen

müssen. Wer will die Verantwortung dafür tragen, daß wir bei einem Ringen auf Leben und Tod nicht so stack sind, wie wir stark sein könnten? Dieser Gedanke hat sich in den letztverflosjenen .Dimaten wohl einem jeden mit elementarer Gewalt aufgedrängt. Trotz des Bestrebens der Großmächte auf Lokalisierung des Bal- kankrieges und ihr persönlicher Verzicht bei territorialen Veränderungen, hat monatelang eine Spannung b e- standen und die zunächst interestierten Großmächte Lesterreich-Ungarn und Rußland zu außergewöhnlichen militärischen Maßnahmen veranlaßt. Ich will nicht sagen, daß in irgend einem Augenblick der K r i e g u n - mittelbar vor der Tür gestanden hat, aber eS Hal wiederholt des ganzen Verantwortungsgefühls äek zunächst interessierten Kabinetts bedurft, um bestehenden Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätzen dieicnige Schärfe zu nehmen, die zu einem gewal - tigen Ausbruch hätte führen können. Europa wird dem englischen Minister des Aeutzeren Dank wissen für die außergewöhnliche Hingebung und den Geist der Versöhnlichkeit, mit dem er die Lon­doner Botschafterbesp rechungen gelei - t e t und immer wieder Gegensätze zu vermitteln ver­standen hat. Deutschland nimmt an diesem Danke umso willigeren Anteil, als wir uns mit dem Ziel der eng­lischen Politik eins gewußt und treu zu unserm Bun­desgenossen stehend in demselben Sinne gearbeitet haben. Sir Edward Grey hat im englischen Parlament die Ergebnisse der Londoner Botschafterbesprechung der Oeffentlichkeil bekanntgegeben. Jetzt handelt es sich dar- um, die Londoner Beschlüsse schleunigst und mit Nach- druck durchzuführen. Wir sind entschlossen, auf ads Energischste dabei mitzuwirken. (Bravo!) Alle diese Vorgänge, die Behutsamkeit und die Vorsicht, mit der die Londoner Besprechungen geführt werden, die Hal­tung, die die Großmächte gegenüber den kriegführenden Staaten und diese gegenüber den Großmächten ein» nehmen, zeigen doch sehr eindringlich, daß die

Ereignisse auf dem Balkan

die Verhältnisse der Großmächte zu einander nicht nur sehr eng berühren, sondern auch verhängnisvoll stören können. Sollte in Zukunft es einmal zu einer euro­päischen Kowflagration kommen, die das Slaven, tum dem Germanentum gegenüber st eilt, bann ist es für uns ein Nachteil, daß die Stelle im Gegenwicht der Kräfte, die bisher von der europäischen Türkei eingenommen wurde, jetzt zum Teil von slavischen Staaten besetzt ist. Diese Verschle - bung der militärpolitischen Situation auf dem Festlande hat sich vorbereitet. Jetzt, wo sie eingetreten ist, würden wir gewissenlos handeln, wenn wir nicht die Konsequenzen daraus ziehen. (Seht richtig!) Ich sage dies nicht, weil ich einen Zusam - menstoß zwischen dem Slaventum und dem Ger­manentum für unausbleiblich halte. (Lachen bei den Soz.) Mit der Regierung Rußlands, unserem großen slavischen Nachbarreich, stehen wir in freund­schaftlichen Beziehungen. (Beifall.) Direkte Interessen- Gegensätze zwischen Deutschland und Rußland kenne ich "icht. Die Rassengegensätze allein werden zu keinem Stieg zwischen uns und Rußland führen. (Zustimmung.) Wir jedenfalls werden ihn nicht entfachen und die gegenwärtigen russischen Machthaber werden es auch nicht tun — das glaube ich nicht! Aber, meine Herren, den russischen Staatsmännern ist so gut wie uns be- latint, daß

bie panslavistischen Strömungen, die schon Bismarck beklagt hat, bie schon Bismarck be- nnruhigt haben, durch den Sieg der slavischen Balkan- ftaaten mächtig gefördert worden sind Ich brauche auf die erregten Auseinandersetzungen nicht hin- gulo-isen, die zwischen einem Teil der österreichischen unb der russischen Presse stattgefunden haben. In die- leidenschaftlichen publizistischen Fehden klingt die Erinnerung an allo Difser-uzen wieder, welche seit lau. 6?n Jahrzehnten das Ballanproblem zwischen Lester. Neich-Ungarn und Rußland bat entstehen lassen. Als

treue Verbündete Oesterreichs-UngarnS suchen wir ' esc Spannungen zu mildern, soweit es möglich ist. Des- halb dürfen wir aber nicht den Kopf in den Sand stecken, denn, daß wir unsere Bündnistreue auch über die diplomatischer Vermittlung hinaus be- wahren, brauche ich nicht zu betonen. Unsere

Beziehungen zur französischen Regie, rung

sind gut. Fürst Bismarck hat in seiner großen Rede vom 11. Januar 1887 gesagt: Wenn die Franzosen so lange mit uns Frieden halten wollen, bis mir sie cmgreifen, wenn wir dessen sicher wären, bann wäre ber Friede ja für immer gesichert. Daran hat sich nichts geändert. Im Vergleich zu der Zeit vor 25 Jahren sind, wie ich glaube, die Aussichten dafür, daß die Kabinette der Mittelpunkt kriegerischer Bestrebungen bilden, nicht ge- fliegen, sondern gesunken. Von dem Umfang eines

Weltbrandes

kann sich kein Mensch eine Vorstellung machen. Alle Kriege der Vergangenheit werden ein Kinderspiel da­gegen sein. Kein verantwortlicher Staatsmann wird gesonnen fein, leichtfertig die Lunte an das Pulver zu legen. Die Neigung dazu hat abgenommen, zugenom­men aber hat die Macht der öffentlichen Meinung, und innerhalb der öffentlichen Meinung ber Druck derjeni­gen, bie sich am lautesten gebärden. Das pflegen, je demokratischer die Einrichtungen sind, in leidenschaftlich erregten Zeiten nicht Majoritäten, sondern Minori - täten zu sein. Tic französische Nation, so kriegs­tüchtig und tapfer, so stolz auf Ruhm und Ehre, so vater- landsliebend und opferwillig sie ist, ich glaube nicht, daß sie in ihrer Gesamtheit zum Kriege drängt. Aber für weite Kreise der französischen Nation, nicht nur für die chauvinistischen, sondern auch für die ruhigeren unb überlegten, ist eingetreten, was Bismarck fürchtete. !Diah glaubt, uns, wenn nicht überlegen, so hoch zum mindesten gewachs en zu sein im Ver­trauen auf die Stärke der eigenen Armee, im Vertrauen auf das Bündnis mit Rußland, vielleicht auch in bei Hoffnung auf die Freundschaft Englands. Die chau­vinistischen Elemente zeigen uns die gegen Deutschland gerichtete Spitze zu häufig mit einer gewissen Lsten. taiion. Man pocht auf die Ueberlegenheil ber französi­schen Artillerie, auf den Vorsprung der franzvsrsihen Fliegerkunsl, auf bessere Ausbildung des französischen Feldsoldaten unb sicht dabei schon tm voraus die Masse russischer Kavallerie und russischer Infanterie unser Land überschwemmen. Dem lebhaften französischen Geiste erscheinen die Niederlagen der Türken als Nieder­lagen der Deutschen — barm berührt er sich mit panfla. vistischcn Anschauungen.

Der Anschluß ber Balkan st aalen an bie Triplecntente

wird im Voraus als gewiß angenommen — und damit unter einem starken Seitenblick auf Elsaß-Lothringen über die Zukunft Deutschlands verfügt. Bei alledem ist ja viel Illusion, aber in der Illusion hat Frankreich schon einmal den Kamps mit uns begonnen. Die Frie. benSgarantien, bie in unserm Bündnis mit Oesterreich und Italien liegen, schätze ich hoch ein. Ueberzeugt von dem großen Wert des Dreibundes für die Sicherheit der in ihm vereinigten Völker, haben wir ihn erneuert und er steht so fest zusammen tote je. Er dient nicht nur den verbündeten Mächten, er bient der Welt. Diese Probe Hal er doch wirklich ab­gelegt. Trotzdem bleibt Deutschland auch mit dem Dreibunde und gerade als die gegen Lsten unb Westen vorgeschobene Macht des Dreibundes, wie fein anderes Land eingekeilt zwischen der slavischen Welt und den Franzosen. Wir müssen daraus gefaßt sein, uns nach zwei Seiten unserer Haut wehren zu müssen. Der Herr Kriegsminister wird Ihnen in der Kommission eingehende Mitteilungen über die militärischen Streitkräfte unserer Nachbarn geben. Unsere Vorsorge ist nicht irgendwie der Ge­danke deS Wettrüstens ober ber Zahlenwut zu Grunde zu legen. (Gelächter bei den Soziald.) Ihr Lachen beweist nur, daß ich Recht habe. (Leich. Zustimmung.l Mit unserem russischen Nachbar werden wir niemals um die Wette rüsten. Der russische Zar wird immer sehr viel mehr Soldaten aufstellen können, als wir es je vermögen. Wir setzen für jeden Krieg, in den wir verwickelt werden können, unser Vertrauen nicht auf die Zahl unserer Armee, sondern auf den M u t und den Geist unserer Nation, wie er sich in unserem Heere verkörpert. Aber wir werden Ihnen doch mit Zahlen belegen müs. sen, daß unsere Nachbarn ganz außerordentliche große militärische Anstrengungen gemacht haben und noch machen. In Rußland vollzieht sich eine staunens, werte Entwickelung der ökonomischen Verhältnisse dieses mit unerschöpflichen Naturschätzen auSgeftatteten Riefen, reiches und Hand in Hand damit gehl eine Reorgani- sation der Armee, wie sic Rußland noch nie gehabt hat. Frankreich hat uns in der Ausnutzung der Wehrfähigkeit seiner Bevölkerung längst überholt. Seit Jahren stellt es den letzten Mann ein. Jetzt wird Frank­reich auf die Einführung ber breijährigen Dienstzeit zurückgrcifcn. Ich erblicke darin so wenig eine Heraus- forberung, wie unsere Vorlage eine Provokation Frank- reichs oder irgend jemandes in der Welt ist. A»ich Frankreich will sich so stark machen, wie es vermag.

Kein Mensch kann bie ©arantie bafür leisten, baß kein Krieg kommt, davon werden sich auch die enragiertesten Friedens­freunde allgemach überzeugt haben. Es hieße das Schicksal gera, drzu herauSfordern, woll- ter. wir fugen- Sollte ein Krieg kommen, dann sind

wir stark genug; wir könnten zwar sehr viel stärker sein als wir es sind, aber das kostet zu viel Geld. Solche Stimmung . sind noch immer der Anfang beS Unheils gewesen, 1870 in Frankreich, schließlich auch jr' t in der Türkei. Die Aussichten des Zukunftskrieges sind noch sebnerer vorauszusehen als früher. Aber Sieger ist, so lange bie Welt steht, immer nur das Volk, das sich in den Stand gesetzt hat, m i t dem letzten Mann bann einzutreten, wenn die ehernen Würfel feines Schicksals geworfen werden, das mit der ganzen Macht feines Volkstums dem Feinde bie Spitze bietet. (Sehr richtigI) Wir machen Ihnen bie Vorlage nicht, weil wir Krieg, fonbem weil wir Frieben haben unb weil wir — wenn Krieg kommt — Sieger bleiben wollen. (Beifall.) Die große Mehrheit des Volkes erkennt diese Bedeutung der Vorlage (sehr richtig! Lachen bei den Soz.) und will, daß sie Gesetz wird. Wir werden auch dann, wenn sie Gesetz geworden sein wird, so wenig ein Störenfried der Welt fein, wie wir es bisher ge. wesen sind. Im Gegenteil: ein ftarleS unb fein er Kraft sicheres De utschlanb i st eine Bürg, schäft beS g-riebenS unb wie im wirtschaftlichen Geschäftsleben, so schließen sich auch politische Geschäfte am besten' und leichtesten zwischen starken Partnern ab. Denn politische Freun schäften, meine Her- ten, — wir wollen nicht sentimental sein — sind p o- litische Geschäfte. (Bewegung.) Ich habe schon betont, daß wir unsere Beziehungen zur russischen unb zur französischen Regierung pflegen, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg. Dasselbe gilt von E n g 1 a n b. Mi- nistcr Churchill hat uns den Gedanken wiederholt, daß zur Verminderung der Rüstungslasten die Schiffsbauten ber Großmächte von Zeit zu Zeit ein Jahr lang Feierlag machen müßien. Die Marine, sachverständigen diesseits und jenseits der Nordsee haben ziemlich übereinstimmend auf die Schwierigkeiten hin. gewiesen, bie bie Aussührung dieses Problems in sich birgt. Doch ist mit nicht bekannt, daß sein Gedanke in ber öffentlichen Meinung Englands ober im engli. scheu Parlament besonderen Anklang gefunden Hütte. Wir werden also abwarten können, ob die englische Re­gierung mit konkreten Vorschlägen hervortreten wird. Aber die Tatsache, daß dieser Gedanke und die Form, in ber er vom englischen Marineministerium ausge­sprochen worden ist, bedeutet doch einen großen Fortjchri t.t. Mir scheint, daß das Vertrauen^ zutückzukchreii beginnt, das lange Zeit zum Schaden beider Länder und ber Welt gefehlt hat. As­quith unb Sic Edward Grey haben sich über die gegen- roärtigen englisch.deutschen Beziehungen ausgesprochen und ihre Feststellung, daß diese Beziehungen zurzeit g u t sind, kann ich auch nur bestätigen und freu­dig begrüßen. (Beifall.) Churchill hat seine Rede mit Worten geschlossen, die die ganze Sicherheit einer ihrer selbst bewußten Kraft haben. Auch mir wollen sta r k und frei je in in der Welt, nicht um andere zu unterdrücken, sondern um uns frei und un­abhängig zu entfalten und, wenn es nottut, unser Wort mit dem vollen Gewicht unserer Stärke für den Frie­den in bie Wag schale werfen zu können. (Beifall auf verschiedenen Seilen des Hauses.) Meine Herren! I, habe weder schöngefärbt noch schwarzgemalt. Wir allein sind nicht Herr darüber, ob sich unsere Zukunft frieblid ober betrüblich gestalten wird, aber wir sind Herren darüber, ob wir einer ungewissen Zukunft mit gutem Gewissen entgegensetzen können ober nicht. Darüber erwartet bte Nation jetzt Ihre Entschließung. (Sehr richtig.) Tic Wehrfähigkeit des Volles ist letzten Endes doch der Prüfstein feiner moralischen und physischen Kräfte. Helfen Sie, daß die allge­meine Wehrpflicht, ber Deutschland seine Wiedergeburt verdankt, uns unvcrkümmert erhalten bleibt. Die Werte, die wir zu schützen haben, steigen von Jahr zu Jahr. Trotz der großen Summen, die Deutschland für Rü­stungszwecke auftoenbete, hat eS niemals einen Zeit­raum gegeben, in dem wir unS wirtschaf11ich f o stark gemacht hätten, so leistungsfähig geworden wä- ren, tote jetzt. Die Geschichte der Welt nennt uns kein Volk, das zugrunde gegangen wäre, weil es sich tn feiner Wehrhaftmachung erschöpfte, wohl aber sehr viele, die verkommen sind, weil sic über Luxus unb Wohlleben ihre Wehrhaftigkeit vernachlässigt haben. (Ledh Zustimmung rechts.) Ein Volk, das nicht mehr opferwillig genug ist, ober nicht mehr reich genug zu sein glaubt, um feine Rüstungen tnftanb zu halten, zeigt nur, daß eS seine Rolle auSgespieli hat. (Sehr richtig! rcchtS.) lieber alle Schwierigkeiten hinweg Hal- ten Sie bitte an dem einen Gebauten fest: Wenn uns jemand Haus und Hof bedroht, bann ste­hen toir bereit bis auf den le tzfen Mann! (Stürmischer Beifall rechts, Zischen bei den Sozial- bemefraten, erneutes Bravo! rechts.)

flriegSminiiter v. Hecringen. Sei ber gegenwärtigen Berstäriung unterer Wehrmacht handelt cs sich nicht um eine akute (Sefabr. Heute liegt nicht nut die liebe-• legenbett ber Armee tn der Organlfation, sondern auch in der Zahl unb eine erhebliche Verstäikunq der Wehr­macht tsi notwendig. Wir verlichteten bisher aut einen groben Teil unserer wehrfähigen Bevölkerung bei der Heranziehung zur aktiven Diennvsiicht, inwlgedessen muß zur Ergänzung des Heeres im Ktieasfallc nanz erheblich auf ältere Jahrgänge zuiückgegiiffcn werden während jüngere Männer entweder gani >u Haute bleiben, ober erft nach langen vorder itenden Eriatzioimat'onen ms Feld gebracht werden können. Die'em Mißstände kann nur abgeholfen werden durch eine vermehrte (Srnftellung aller Tauglichen. Es kommt darauf an, diese Verstärkung der Armee möglichst schnell und m einer Form zu voll'iehen, die sich unser Heeres- Organisation im Kriege uno un Frieden möglichst an» schließt. Die neu angeforberten Kavallerie regt» men ter dienen vor allem einem erhöhten Schutz unterer Grenzen, während bie Vermehrung der Artillerie

die Schlagfertigkeit unserer Festungen erhöhen soll. Tie rapide Entwicklung des Luftverkehrs bei Den übrigen Nationen macht eine bedeutende Vermehrung der Ver- kehiStruppen notwendig. Bezüglich der Lusttchifsahrt sind wir aus der Periode beS unsicheren Tastens heraus und wissen die Vorteile des Luftschiffes und Flugzeuges für die Zwecke der Landesverteidigung voll und ganz zu fchätzen. Eine fo bedeutende Heeiesvermehrung wie die vorliegende schließt natürlich auch in sich eine be­deutende Vermehrung der Offiziere unb Unteroffiziere vor. Die vorliegenden Getetzentwürse bedeuten nicht eine sprunghatte Erweiterung, sie wollen eine, dem Ernst der Zett entsprechende kraftvolle unb planmäßige Er­weiterung unseres Heeres.

Abg. Haase (Soz.l: Die Vorlage fordert vom Volke ungeheure Op er, da gibt es nur eine Stimme. Sie übersteigt alles, was je einem Volk in Friedensze ien zu- gemuiet worden ist. Wo sind die außei gewöhnlichen Gründe? Allgemeine Redewendungen, mit denen jede Mtluärvorlage begründet ist, ob zehn- ober hundertfechs, unbdreißigtgufend Mann. Zweyellos ist eine Ent ipannung eingetreten uno statt Berrninberung be! Runung kam man mit dieser maßlosin Reuforderunz. Der Militarismus hat eben feine eigene Logik. D« c Kanzler hat phantastische Vorstellungen von einem Sample zwischen dem Germanenlum unb dem ©lacenium. Dos deutsche Volk lehnt es ab, sür die Torheiten und Macht» gelüste österreichncher Politiker tn einen Stieg zu gehen. Oane d'e deutliche Vorlage hätte Frankreich an Ein- lührung der dreijährigen Dienstzeit nicht gedacht. Wir fordern eine ehrliche Verständigung mit Frankreich. Zu England stehen wir günstig. Wozu also neue Rüstungen? Rußland denkt nicht daran, loSzuichlagen, weil bann die Revolution im Innern sofort wieder los­brennen würbe. Der Reichskanzler hat sich vor den Treibereien beS Wehroeieins gebeugt. Muß da auch der Reichstag zu Kreuze kriechen?

Abg. Dr. Spahn Ztr.): Wenn der neuen Friedens» präfenznäite cte Murinemannschasten hinzugrrechnet werben, kommen wir zu einet Starke unserer Wehrmacht zu Wasser unb zu Lanbe von beinahe 900 0<0 Mann, lln er Heereselak wird sich im Jahre 1913 auf 1,4? Millionen 'Mark stellen. Das Auifallenbste ist, baß trotz bes Friebens bleie Vermehrung etntieten muß. Ich kann mich heute zu bet Heetesvorlage noch nicht en b- gültig äußern. Dazu muß ich ausführlichere Be­gründungen bekommen, als sie uns heute bet Kriegs- mintuer gegeben hat. Die Schilderungen des Herrn Reichskanzlers lassen die eutopäilche Lage a l s unlieber erlcheinen, was bet der Prisiung ber uns zu befcbäiitgenben Frage nicht aiisgeschaltet werben kann, obgleich er bie polmlche Lage nicht als ernst an sie hl, sink» alle Möglichkeiten kriegerischer Verwicklungen nicht ausgeichtosten. Die Sorge um die Erhaltung bes Fr redens unb die Kriegsiutchl haben alle Staaten ihre Heeresetat« erhöhen lassen. Der Herr Reichskanzler hat hinsichtlich unterer Beziehungen zu Rust kgnd bemerkt, zur russischen Regierung leien bie« lelbe i steiindlchaftlich. Hiermit ist ein Gegenfatz zwilchen bet lässlichen Regierung unb bem tussilchen Volk betont, wenn auch nur itiUlchweigend. Jeoenfallr ist durch das gegenteilige BünbniS zw ichen RuiOanb und Frankreich tue Sn eg» neig ung tn der Bevölkerung beider Staaten erheblich gesteigert, und auch bie Aenderung ans bem Balkan, >vo Rußland sich als fkaioilche Vermacht fühlt, bringt eine erhöhte Gefahr namentlich für Cqicrriid), unb dieser matn.ii wir mit ber BundeS- treue zu Lesterreich Rechnung tragen. Unsere B e z i e- Hungen z u England Hal ber Reichskanzler als gut bezeichnet, aber eS ist außer Zweifel, baß ber Bei­tritt England zur Triple-Entente bie Kriegslast in der französischen Bevölkerung vermehrt. Und so bleiben die Illusionen nicht ausgeschlossen. Die Balkanstaaten wer­den wir nicht als Freunde haben. Wir beabsichtigen mit der Vorlage nur bie Behauptung unserer eigenen Stellung in Europa. Wenn die Veränderungen in Europa so schwerwiegend sind, bann müssen wir dafür sorgen, unser Vaterland gegen ein Eindringen des Feindes zu schützen. Mag die Last der Rüstung groß sein, aber tragen können w i r diese Rüstung doch noch. Ich verkenne nicht, daß die erforderlichen Aufwendungen von starkem Einfluß auf unser Wirtschaftsleben fein werden, aber größer als diese wirtschaftlichen Verluste würden im Falle eines Krieges die Lpfcr fein, bie wir an Menschenleben, an Zerstörung von Gütern bringen müßten. Der leitende Gedanke der Vorlage ist der SluSbau der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Stande der Bevölkerung. Diese allgemeine Wehr­pflicht ist als Forderung, wie sie in der Begründung aufgeführt ist, nicht in Uebereinstinrmung zu bringen mit unserer Reichsverfassung. Diese stellt zwar den Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht auf, aber die Reichsverfassung Hal auch die Zahl der auszuhebenden Truppen festbestimmt durch die Notwendigkeit einer Vereinbarung zwischen Reichstag unb Bunbesrat. Wenn ber Grundsatz durchgeführt werden soll, daß in Zukunft alle Tauglichen zugezogen werden sollen, ohne Mit­wirkung bes Reichstages, bann würde darin eine Ver- Ictzung der Verfassung gegeben fein, ber sich der Reichs- tag widersetzen muh. Die Leistungen des Kriegsmini, sters in den zwei letzten Jahren sind wirklich groß, wenn man sieht, wie die Heeresvermchrung voranschreitet. Der Erfolg der Erhöhung der Schlagfertigkeit des Hee­res hängt mit davon ab, daß die Durchführung der vorgeschlagenen Maßnahmen auch möglichst rasch ge­schieht. Deshalb ist der 1 Oktober 1913 mit Recht als einheitlicher Termin angenommen. Nun noch eine an­dere Seite der Sache. Den Ausschlag in kommenden Kriegen wird nicht allein die physische Ueberlegenheil geben, ber Sieg wird auch ein T rt u m p h der m o- ralischen Kräfte sein. Kriege zeigen den Völ­kern an, welchen Rang sie nach ihrer moralischen Stärke einnchinen. (Lcbh. Beifall im Zentr.) Aus diesem Grunde muß mit der Hceresvcrstärkung bie mora- ! ische und religiöse Förderung ber M an n- schäften verbunden fein. Bei so großen Lasten, wie sie jetzt bem Volke aufcrlcgt werden sollen, muß un­bedingt die Zufriedenheit im Volke gefördert werden. Die neuerdings beobachtete starke Ausbreitung des Neu- Maltbusianismus und die große Gefahr des @e- burlcnrückgangs zeigt sich auch tn Deutschland, und dabei ist nicht zu verkennen, daß der Mangel an innerer Zufriedenheit gerade in jenen Kreisen am stärk­sten empfunden wird, die am gcburtepärmjten sind. Diese Ecm.hr können wir unmöglich unberücksichtigt las. sen, und darum bitte ich dringend, daß für die sitt­liche Gesund er Haltung des Heeres nach b offen Krästcn gesorgt wird. Es ll-erden in der Vorlaae 4000 Lftizicre und 15 000 Unteroffiziere