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Zuldaer Leitung

sinnt sich König Nikita mit seinen Getreuen, viel­leicht auf den freundschaftlichen Rat der russischen Diplomatie hin, noch in allerletzter Stunde eines Besseren. In Cetinje freilich rechnet man, nachdem die Bulgaren am Dienstag einige kleine Erfolge zu verzeichnen hatten, fest mit der Eroberung der sich so standhaft verteidigenden Festung, man werde Skutari, wenn man es erst mit Gewalt genommen habe, auch nur sich mit Gewalt wieder abnehmen lassen.

Der Balkankrieg scheint im übrigen ausgetobt zu haben. Die Türkei hat sich bezüglich der WiÄ>er- Herstellung des Friedens den Großmächten anver­traut, und auch die B a l k a n st a a t e n werden ihre Vermittelung annehmen muffen. Dieser Vermitte­lung stehen freilich noch große Schwierigkeiten im Wege — es sei nur an die Frage der von den Ver­bündeten verlangten Kriegsentschädigung erinnert—, sicherlich aber wird es der europäischen Diplomatie gelingen, den Krieg zu bannen und Frieden zu stiften.

3. Blatt.

Druck der $xi6ott Sttienentcttei in §ulda.

Erstens: Eine neue Goldreserve von 120 Millionen verschafft sich das Reich dadurch, daß es zu diesem Betrage Kassenscheine von je 10 oder 5 Mk. ausgibt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Verkehr ganz gern noch mehr Papiergeld in kleineren Stücken haben möchte. Man darf also voraussehen, daß in ein oder zwei Jahren die neuen Kassenscheine vom Publikum verlangt und ausgenommen sind. Dann hat das Reich für den Ertrag aus diesen Kas­senscheinen 120 Millionen Gold eingeheimst, und' die werden mit den bereits vorhandenen 120 Millionen aufbewahrt als Goldreserve für die ersten Tage der Mobilmachung. Einen Zinsverlust für die neue Summe hat die Reichskasse nicht zu tragen, da sie ja für das Gold nur unverzinsliche Kassenscheine aus- gegeben hat.

Zweitens: eine weitere Portion von 120 Millio­nen Hartgeld soll dadurch aufgebracht werden, daß das Reich für diesen Betrag neue Silbermün- ?en ausprägt, aber dieses Geld nicht sofort unter die Leute bringt, sondern aufhebt für den Notfall. Zu diesem Posten kommen wir freilich nicht ganz so bil­lig. Zur Ausprägung muß für 54 Millionen Silber angekauft werden, und dann kostet, die Ausmünzung auch noch 1 bis 2 Millionen. Die Verzinsung dieser 55 bis 56 Millionen geht verloren: aber die Reichs­kasse kann das schon anshalten, da durch die Milliarde des geplanten Wehrbeitrages auch diese Kleinigkeit^ mit ausgewaschen wird. Nun hat man vernünftiger­weis-' vorgeschlagen, die 120 Millionen blanke Sil­bermünzen nicht ausschließlich für den Mobilma- chunasfall zu reservieren, sondern auch dann schon in den Verkehr zu bringen, wenn durch Kriegsftircht oder sonstige Unruhen eine Störung oder Stockung im Geldverkehr eintritt. Dabei hat man an die Erfah­rungen in den lebten beiden Jahren gedacht. Schon in der Marokkokrisis von 1911 wurden manche Leute ängstlich und zogen ihr Guthaben bei den Sparkassen ober Banken zurück, weil sie sich einbildeten, das Ka­pital sei bei ihnen zu Hause im Strumpf oder in der Truhe am sichersten aufgehoben. Während der Bal­kankrisis wiederholte sich diese bedenkliche Erschei- jtuna. Man nennt die Angstkrankheit „Thesaurie­rung". Durch das törichte Verstecken zahlreicher klei­ner Kapitalien wird der Geldmarkt in Verwirrung gebracht, der Geldumlauf gestört. 1 Wenn in solchen Fällen 120 Millionen Silbermünzen zur Hand sind, um damit sofort die Löcher swpfen zu können, so ist dos schon ein beträchtliches Linderunas- und Berubi--

Anpolitische Seitläufe.

u. Berlin, 3. April 1013.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Wenn die Wehrvorlagen durchgehen, so bekommen wir neues Papiergeld. Auf den ersten Blick sieht das wie eine Verwässerung unserer Wäh- mng aus; in Wirklichkeit wird aber ein Vorrat angesammelt, der in der Zeit der Not unseren , Geldverkehr stärken und schützen soll. Man nennt das die „finanzielle Kriegsbereitschaft". Schon vor Hunderten von Jahren ist der Spruch ansgekommen, daß zum Kriegführen Geld, Geld und nochmals Geld gehöre. Das gilt heutzutage erst recht, da bekanntlich alles im Preise gestiegen ist, die Ausrüstung und Ver­pflegung des Soldaten viel mehr kostet 'als früher und obendrein die Zahl der Soldaten viel größer ge­worden ist. Es kommt noch hinzu, daß Reich und Staat heutzutage nicht allein die Heereskosten aufzu­bringen haben, sondern auch Vorsorge treffen müs­sen, daß der Handel und Wandel im Lande in ge­deihlichem Gang bleibt. Dazu gehört vor allen Dm- gen, daß der Geldumlauf ungestört fortbauert. Das Geld ist gleichsam das Blut im wirtschaftlichen Kör­per. Wenn der Blutlauf stockt oder das Blut wässe­rig wird, so gibt es Krankheit und Tod.

Vor 40 Jahren, nach dem sranzösischen Kriege, hatten wir heidenmäßig viel Geld. Von den füns Milliarden wurde ein Notgroschen im Juliusturm zu Spandau beiseite gelegt. 120 Millionen in blanken Goldstücken! Unantastbar bis zum Tage der Mobil- wachung. Dann aber sollte der Vorrat die ersten Ko­sten der Mobilmachung decken, und durch die Bar­zahlung sollte zugleich das Vertrauen im Publikum gestärkt, der Kredit gestützt werden. Sehr schön ge­macht und auch treulich ausgeführt. Mer mittlerweile sind die 120 Millionen zu einem unzureichenden Tro- pfen auf den heißen Sein geworden. Der Notanker, weint die Regierung, müsse nunmehr dreimal so stark werden. Wie erreichen wir das ohne zu große Ko­nen? Denn wenn 360 Millionen in bar daliegen Wen, so kostet das jährlich ein Zinsverlust von fast 15 • n.eti Mark, und wenn wir 240 Millionen neu anschafsen sollen, so ist der Zeitpunkt zu einer solchen 4nleibe sehr ungünstig, da die Börse gegenwärtig über Geldversteifung klagt. Da ist man nun auf sol- nndes Auskumtsmittel verfallen:

][ Die Rüstungen der Mächte.

In den Motiven zur Wehrvorlage ist der Um» schwuna aufs der Balkanhalbinsel als Grund ange­geben, warum Deutschland seine Verteidigungsmittel so sehr verstärken muß. Man kann diesen Grund gelten lassen, sogar in der ausländischen Presse, selbst in der deutschfeindlichen englischen, wird das Vor­gehen der deutschen Regierung für berechtigt erklärt. Man sollte es nicht glauben, aber auch die franzö­sische^ .Presse, so West sie nicht berufsmäßig das Hetz- geschäft betreibt, kann sich nicht der Ueberzeugung verschließen, daß Deutschland tue, was es zu tun verpflichtet sei. Trotzdem nur eine verschwendende Minderheit in Frankreich von aggressiven und pw- vokcitorischen deutschen Plänen spricht und schreibt, aber wahrscheinlich selbst nicht einmal an sie glaubt, folgt die französische Regierung der deutschen in der Vermehrung der Rüstungen, kommt chr sogar zuvor. Und das müssen gerechterweise wir wiederum als berechtigt anerkennen. Ja in gewisser Hinsicht ist Frankreich noch mehr als Deutschland gezwungen, seine Rüstung ju verstärken. Denn Frankreich hält Deutschland, mit Unrecht zwar, aber doch in gutem Glauben, für seinen Feind, der um so gefährlicher ist, als er über eine um mehr als 20 Millionen größere Bevölkerung verfügt und dicht angrenzt. Der Umschwung auf der Balkanhalbinsel aber berührt Deutschland erst indirekt.

Nach allem, was man vor dem Kriege, während des Krieges und jetzt, da alle drei slawischen Staaten sich dem Willen Europas widersetzt haben, erlebt hat, bleibt die Möglichkeit offen, daß sie auch nach dem Frieden nicht lange Ruhe halten werden. Sie werden Händel mit "dem neuen albanesischen Staat suchen und sie werden immer eine Stütze an dem mächtigsten slawischen Staat, an Ruß­land, finden. Sie werden entweder einmal Ruß­land als ihren Helfer finden ober sie werden, wenn Rußland einmal in Konflikt mit Oesterreich oder uns gerät, dessen Streitkräfte vermehren. Die deutsche Kriegsverwaltung mutz notwendig mit einem durch die Balkanstaaten verstärkten siawischen Feind' rech­nen, den es im Osten finden wird, und mit Frank­reich, das, im Falle Deutschland in einen Krieg mit Rußland verwickelt wird, sicher auf Seiten seines russischen Verbündeten zu finden sein Wird, im Westen rechnen. Es werden darum auch die Festun­gen an der Ostgrenze besonders bedacht.

Oesterreich-Ungarn wird noch mehr durch den Umschwung auf der Balkanhalbinsel be­droht. Es ist direkt benachbart, sowohl den Balkan­staaten als auch Rußland, und es hat sehr viel mehr Slawen in seiner Bevölkerung als Deutschland und obendrein solche, die sowohl mit den Balkan- als mit den russischen Slawen recht intim sind. Oester­reich-Ungarn ist also noch mehr gezwungen, feine Wehr zu verstärken. In der Tat hat es bereits die ersten Schritte dazu getan.

Aber selbst bei diesen Mächten, bei denen es sich um Milliarden-Ausgaben handelt, wird es nicht sein Bewenden haben. Italien, England, Bel­gien, vielleicht auch Spanien werden Mehr- ausgaben machen müssen. Wir haben es ja in der Kultur so herrlich weit gebracht, daß wir nicht nur zu Lande und zu Wasser, sondern auch unter dem Wasser und in der Luft einander totschlagen kön-

Voqen-Kun-schau.

s:s Fulda, 4. April 1913.

Endlich ist sie gekommen, die große Militär­vorlage und mit ihr präsentierte die Reichsregie­rung dem deutschen Volke zugleich ein recht ansehn­liches Steuerbukett. War man über den Inhalt und pcn Umfang der neuen Militärvorlage und über die Höhe und die Art der durch sie bedingten Steuerauf­wendungen im allgemeinen auch schon orientiert, so blieb die Ueberraschung bei der amtlichen Bekannt­gabe der großen Vorlage doch nicht aus und die in der Presse aller Parteien gleich einsetzende Kritik bewies am besten, wie wenig man sich trotz vieler Borkenntnisse erst in die neuen Vorlagen hineinge­dacht hatte. Macht die neue Militärvorlage begreif­licherweise auch weniger Sorge, umso lebhafter ge­staltet sich dafür die Diskussion über die Regierungs­vorschläge zur Deckung der einmaligen und dauernden Ausgaben. Allseitig 'wurde das eine anerkannt, daß die durch die Heeresverstärkung bedingten neuen Steuerlasten nicht den schmalen Geldbeutel des klei­nen Mannes treffen. Die konservative Presse macht besonders Front gegen den Gedanken der Vesteu-eriing des Erbes, während der liberalen Presse hierin noch nicht weit genug vorgegangen wird. Von Zentrums­seite wird betont, daß die persönliche Belastung der Heeresvermiehrung vor allem das Landvolk treffe, und daß nun auch ein Hauptteil der Lasten auf die­selben Schultern falle. Zugleich wird der Wunsch immer lauter geäußert, die Grenze für den Wehr­beitrag bei 50 000 Mark zu ziehen und staffelweise vorzugehen, die Einkommen aber schon bei 10-, nicht erst bei 50 000 Mark zu besteuern. Gegen die Hee- resvorlage an sich protestieren die Sozialdemokraten und mit ihnen der Freisinn. Der Reichstag wird in der nächsten Woche in die Beratung der Vorlagen eintreten. Soll der Reichstag seine Ausgabe in er­sprießlicher Weise lösen, müssen die Parteien in erster Linie Sorge tragen und gewillt sein, daß kein klein­licher Parieigeist und Parteigehässigkeiten, über das alle nationalen Parteien durchdringende vaterlän­dische Bewußtsein den Sieg davon tragen. Umsomehr ist es darum zu beklagen, daß bereits jetzt liberale Blätter am Werke sind, um das Vertrauen der bür­gerlichen Parteien zu einander zu erschüttern und neue Parieikämpfe heraus zu beschwören, wie sie aus den Kämpfen um die letzte Reichsfinanzreform noch in trauriger Erinnerung sind. Heute wie da­mals ist es vor allem wieder das Zentrum, gegen das sich die Verdachtigmigstaktik der liberalen Par­teien richtet. Reichen diese Verdächtigungen und Verleumdungen auch nicht an das Zentrum heran, so werden dadurch doch die parlamentarischen Ver­handlungen ungemein erschwert.

Das Abgeordnetenhaus hat am Diens­tag seine Beratungen auch wieder ausgenommen, um in der kurzen <m noch zur Verfügung stehenden Zeit das seiner Erledigung noch harrende umfang­reiche Arbeitspensum zu erledigen. Am Mittwoch hat das Haus die Beratung des Kultusetats begon­nen. Außer dem Etat werden auch noch mehrere Gesetzenwürfe zur Beratung kommen, doch ist es - ausgeschlossen, daß die Steuernovellen noch in diesem letzten Tagungsabschnitt verabschiedet werden, was schon aus dem Grunde ausgeschlossen ist, weil durch die neue Militärvorlage im Reich aller Wahrschein­lichkeit nach in den 'Bundesstaaten neue Steuer» quellen erschlossen werden müssen.

Die Auslandspolitik zeigt eine erfreuliche Einigkeit der Großmächte. Sie tritt zu Tage in ihrem Vorgehen gegen Montenegro. Zwar regt sich die russische und französische Presse nicht wenig über diese Unterstützung, die die Tripleentente Oesterreich- Ungarn zuteil werden läßt. Aber an der gegebenen Zustimmung ihrer Regierungen, baff, Skutari Alba­nien zugeteilt werden soll, können diese Aeußerungen nichts mehr ändern. An der Flottenaktion gegen Montenegro sind mit Ausnahme Ruß­lands alle Großmächte mit einem oder mehreren Schiffen beteiligt. Wir stehen hier vor dem, seltenen Fall, daß sich ein Ländchen von noch nicht einer hal­ben Million Einwohner gegen den Willen von ganz Europa auflehnt. Tie Antwort, die die montene­grinische Regierung auf die Note der Mächte gegeben bat, in der diese jene zum letzten Male aufgefordert haben, die Feindseligkeiten gegen Skutari einzustel­len, enthielt eine glatte Ablehnung. Hoffentlich be«

Aus öem Nachbargebiete.

♦ Hanau, 4. April 1913. Die seit längerer Zeit geplante Gründung eines Ortsausschusses für Jugendpflege wurde dieser Tage hier voll­zogen. Zum Zwecke der Statutenberatung und Vor­standswahl waren eine Anzahl Persönlichkeiten aus der katholischen uizd evangelischen Jugendpflege und aus den Sporivereinen zu einer Konferenz auf das Rathaus geloben. Es wurden zwei Unterausschüsse eingesetzt, von denen der eine die geistige, der andere die leibliche Jugendpflege fördern soll. In die Ab­teilung für Geistespflege wurde auch Herr Kaplan Thiergart gewählt. Die Mädchenjugendpflege wurde einstweilen zurückgestellt, soll aber in ähnlicher Weise gefördert werden.

* Kassel, 4 April 1913. Eine Bauersfrau hielt gestern mittag vor einer Kaffeestube mit ihrem ein­spännigen Wagen, auf welchem sich neun Ferkel befanden. Als sie wieder abfahren wollte, muffte sie die Wahrnehmung machen, daff das Geschirr mit den Schweinen durch Diebeshand entführt worden war. — Diebe statteten in einer der letzten Nächte der Räucherkammer eines Restaurateurs in der Marktgasse einen Besuch ab und entwendeten nicht weniger als 30 groffe Würste. — Beim Umzug wurde der Invalide I. im Stadtteil Kirchditmold im Keller der neuen Wohnung von einem Herz­schlage getroffen; er war sofort tot.

_* Aus Franken, 4. April 1913. Die Karten­mühle bei Neuglashütte an der Rhön wurde ein Raub der Flammen. — Auf die Volksschullehre­rin Sophie Liebler in Oehrberg (Unterfr.) wurde, als sie auf dem Rückwege von Waldfenster sich be­fand, im Walde ein Ueberfall durch eine Mannes- Person gemacht. Die Lehrerin leistete heftigen Wi­derstand und flüchtete. — In den Tagen vom 20. bis 22. April findet in Würzburg die zweite Jahres­versammlung des Verbandes gegen den Alloholismus für das katholische Deutschland zugleich mit der sech­sten Jahresversammlung des Kath. Mäßigkeitsbun­des Deutschlands statt. — Oberlandesgerichtsrat Braun, Vorstand be§_ Amtsgerichts Brückenau, trat nach nahezu 22jähriger Tätigkeit am dortigen Gericht in den Ruhestand. Seine 42jährige ersprieß­liche Wirksamkeft im Justizstaatsdienste wurde an­läßlich der Genehmigung seines Pensionsgesuches auch an allerhöchster Stelle durch Verleihung des Michaelsordens 4. Klasse mit der Krone ausgezeich­net.

vermischter.

* Flüchtige russische Grenzsoldaten. In Rosen­berg (Oberschles.) wurden zwei Grenzsowaten aus Rußland festgenommen, 'bie einem ihrer Offiziere 1500 Rubel gestohlen und auf preußischem Gebiete Sicherheit gesucht hatten.

A Heldenmütige Tat des künftigen Erzbischofs von Wien. Es war, so berichtet die Wiener „Reichs- Post", vorigen Freitag nachmittag, als Propst Piffl gungsmittel. Die Reichsbank braucht dann noch kei­neswegs einem Kunden Silbergeld aufzuzwin- (jen; sie benutzt den Vorrat an Silbermünzen im ge­gebenen Fall einfach als Notendeckung, und wer Banknoten einreicht, bekommt den Betrag in Gold­oder Silbermünzen ausbezahlt, wie er es wünscht. Die meisten werden aber ganz gern einen Posten Silbergeld mitnehmen, weil es für kleinere Zahlun­gen oder zum Ausgleich von ungeraden Summen sehr zweckmäßig ist und gerade in ängstlichen Zeitläufen die Leute das harte Geld bevorzugen.

Der Plan der finanziellen Vorsorge ist also gar nicht schlecht. Vielleicht fragt nun aber ein Leser, warum der unpolitische Onkel von solchen Gesetzent­würfen spricht, die doch eigentlich in den politischen Teil gehörten. Nein, das ist eine Sache, welche die Hauswirtschaft und das Familienleben berührt und auch von den sog. Nichtpolittkern verstan­den und beachtet werden muß. Alle Welt, nicht bloß die Männer, sondern auch die Flauen und die Ju­gend, müssen wissen, was es mit dem Papiergeld auf sich hat. Sie muffen das törichte Mißtrauen oblegen und lernen, wie sie sich in kritischen Zeiten zu verhal­ten haben.

Früher, als bankerotte Regierungen oder Heerfüh­rer das geduldige Papier in Geldscheine verwandel­ten, Hinte» denen keine Deckungsmittel standen, da war das Mißtrauen gegen Papiergeld gerechtfertigt. Aber bei uns zu Lande gibt es keine „Assignate" und sonstiges Lumpenpapiergeld nicht mehr. Die Bank- noten, die bei uns im Kurse sind, haben noch gesetz­liche Vorschrift und unter wirksamer Kontrolle soviel Metalldeckung hinter sich, baff jeder Inhaber einer Banknote unfehlbar den Betrag in Gold jeden Augen­blick erhalten kann. An Kassenscheinen ist nur ein verbältnismäffig kleiner Betrag ausgegeben, und diese Kassenscheine sind auch so gut wie Gold, da jede öffent­liche Kasse sie zum vollen Werte in Zahlung nimmt. Als ich einmal eine Zeitlang im Auslande weilte und dort an einer Bank mein deutsches Goldgeld umwech­selte, sagte der Kassierer: „Haben Sie kein deutsches Papiergeld? Tas nehmen wir lieber, weil es be­quemer ist." Tie fremde Bank nahm also unsere Banknoten und Kassenscheine noch lieber als unser Gold. Und überall in der Welt gilt das deutsche Papiergeld als vollwertig. Darum ist in unferm eigenen Lande die Scheu vor dem Papiergeld unver­nünftig. Was nun vollends die neuen Kassenscheine anaebt ko sind di- mA* 6Ia6 hur di hie Garantie der

neu. Das heißt, wir haben uns zum Angriff und zur Wwehr zu rüsten da, wo man früher an Kämpfe auch nicht im entferntesten gedacht hat.

Wann und wie soll das enden? Es unterliegt keinem Zweifel, baff es lange so nicht Wetter gehen kann. Wenn wtt schon alle Wehrfähigen herav- ziehen, Frankreich bie dreijährige Dienstzeit wieder einführt und sogar nicht ganz Taugliche aushebt, mehr als Alle können nicht die Waffen ergreifen. Und noch mehr Geld für Heer, Flotte, Luftschiffe und Flugzeuge kann man auch kaum noch ausgeben, als man jetzt bei uns und überall auszugeben ver­pflichtet wird. Das reiche England fttäubt sich be­reits gegen die kolossalen Ausgaben. Soll es durch­aus zu einem allgemeinen finanziellen Zusammen­bruch kommen? Sollen wir wirtschaftlich ganz in Mhängigkett von den Vereinigten Staaten geraten? Sollen wir finanziell verbluten ober muff erst rotes Blut fließen, bamit wir nicht finanziell verbluten?

Jeder halbw«^s vernünftige Mensch sieht, daß wtt immer schneller bie schiefe Ebene hinab dem Wgrund zueilen. Es ist zuzugeben, daß keine einzige Macht schuld hat. Dennoch muff irgend- t» I« geholfen werden. In nicht zu ferner Zeit wird Rat geschafft werden muffen.

M 78.

Samstag 5. April 1913.

in der Renngasse Zeuge wurde, wie ein Paar s ch e u- gewordene Pferde in rasender Eile daher­stoben. Jähes Entsetzen erfaßte die Passanten, di« in die Häuser flohen. Kaurn aber hatte Propst Piffl die Lage erkannt, als er sich auch schon den Pferden in die Zügel warf und sie mit großer Kraft zur Ruhe zwang. Laute Dankeskundgebungen und Bravorufe wurden dem kühnen Retter im Priester­kleide zuteil, der in der Menge unerkannt blieb und sich bescheiden den Ovationen entzog.

Literarischer.

Deutsche Rundschau für Geographie. Unter Mitwirkung hervorragenver Fachmänner herausgegeben von Pros. Dr Hugo Hassinqer. Jahrgang 1912/13, (A. Hartleben's Verlag in Wien, jährlich 12 Heft« zu 1 Mark 15 Pfennig. Pränumeration inklusive Franko-Zusendung 13 Mark 50 Pfg.). — Heft 7. — .Wer das Leben unserer Zeit verstehen will, kann die Kenntnis geographischer Vor­gänge nicht missen." — Diesem Grundsatz« folgend, bringt jedes Heft der deutschen Rundschau für Geographie Fachmann und Laien waS er braucht: Raiche Orientierung über Forschungen und Arbeiten auf geographischem Ge­biete, die neuesten Nachrichten aus allen Erdteilen über politische und wütschaftsgeographifche Vorgänge, eine Fülle von gut illustrierten Originalartikeln aus der Feder aus­gezeichneter wissenschalllicher Mitarbeiter in leicht les­barer Form. Das soeben erschienene 7. HrftdesXXXV. Jahrganges hat folgenden Inhalt: Jungvulkanisch« Erscheinungen in den westlichenGedirgen der amerikanischen Union. Von Dr. Fritz Ma ch at s ch ek.'Wien. (Mit 6 Abb.) — Marburg a. D. (Ein Beitrag zur österreichischen Städte- Geographie.) Von Dr. Max Hoffer, Graz. — Durch Australien. Von H. Fehltnger. — Der neu« Groß» schiffahrtsweg Berlin—Stettin. Von P. Friedrich, Berlin. (Mit einer Karte.) — Eine Fahrt durch daS südwestlich« Montenegro 1912. Von Pros. Richard Prerovsky, Wien. (Mit 10 Abb.) Antivari. — Physikalisch« Geographie. — Pflanzen- und Tirrgeegraphie. — Persönliches. — Klein« Mitteilungen aus allen Erdteilen. — Vom Bücherttsch. — Kartenbeilage: Kartenskizze der märkischen Wasserwege und des neuen Großschiffahrtsweges Berlin—Stettin. Maßstab 1 : 750 000.

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Reichskasse gedeckt, sondern auch unmittelbar durch, den Goldvorrat, der aus chrem Ertrage bei der Reichs­bank angesammelt und ohne wettere Belastung bis zum Tage der Mobilmachung aufbewahrt werden soll. Also Respekt vor dem deutschen Papiergelde! Es ist so gut wie Goldgeld, nur darf man es nicht anzün­den. . <

Die zweite gute Lehre ist: Vertraue auf die Sparkasse und laß auch in unruhigen Zeiten bie Ersparnisse dort ruhig stehen. Denn in der Spar­kasse sind sie sicherer aufgehoben, als bei dir zu Hanfe. Auch wenn es Krieg gibt, bleibt der Be­stand der Sparkassen ungefährdet. Was aber in einem ungünstigen Kriege aus deinen Vorräten im Hause wird, ist zweifelhaft. Daher lautet die richtige Klug- heitsregel: Wenn die Zeiten unsicher werden, so sollst du dein Geld nicht abheben, sondern vielmehr alles Geld, was du nicht gerade brauchst, auf die Sparkasse bringen.

Wer so verfährt, der sorgt nicht bloß für sich selbst und feine Familie, sondern er unterstützt auch den ganzen Handel und Wandel in wirksamer Weise. Das vernünftige Verhalten des Publikums gehört auch zur „finanziellen Kriegsbereitschaft". Die Angst der Massen kann mehr Unheil anrichten, als der Julius­turm und die Reichsbank wieder gut zu machen der- mögen. Tas „Thesaurieren", das Zurückziehen und Verstecken der Spargroschen ist nicht bloß unvernünf­tig, sondern geradezu gemeinschädlich. Wenn aber die Leute ihre Ruhe bewahren, ihre Kapitalien an dem sicheren Ort stehen lassen und in gewohnter Weise ihrem Geschäft nachgehen, dann werden die Schwierigkeiten leicht und schnell überwunden, es bleibt alles im alten Gleise, und höchstens einige leichtsinnige Börsenspekulanten fallen dem Kurssturz zum Opfer. Wer sich auf das Börsenspiel rinläßt. Der muß selber sehen, wo er bleibt. Der solide Bür ger aber braucht sich den Schlas nicht rauben zu las- fen. Tas Geld, das er einnimmt, ist gut und sicher, auch wenn es von Papier ist, und sein Guthaben aus der Sparkasse kann ihm nicht durch Wasser ober Feuer, nicht durch innere Unruhen unb nicht einmal burch einen unglücklichen Krieg entrissen werben. Der gefährliche Feind ist nur seine eigene Torheit. Die Kriegsangst kann mehr Schaden anrichten, als der Krieg selbst. „Bange machen gilt nicht". Wer sich ins Bockshorn jagen läßt, hat den Schaden sich selber zuzuschreiben.