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Fuldaer Leitung

Wochen-Leilage

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Illustrierte Sonnfagszethmg

nr. 77

Crstes Blatt.

Freitag den 4. April 1913

40. Zahrgang.

des

in

Das ist der eine Zweck des Kriegsschatzes, bet andere Zweck, der mit dem Gold des JuliusturmeA erfüllt werden soll, ist natürlich nicht der, die Krie^. kosten zu decken; dazu ist er viel zu geringfügig soll vielmehr das Reich in die Lage setzen, in den ersten Tagen die Kosten der Mobilmachung M zahlen.

Abg. Heckenroth (k.) rechtfertigt den Standpunkt Oberkirchenrats.

t Berlin, 8. April 1913. Das preußische Staatministerium hielt gestern eine Sitzung ab. — Der bevorstehende Besuch des englischen Königspaares in Berlin hat einen rein privaten Charakter, er gilt nur den Vermählungsfeierlichkeiten, da das englische Königspaar sowohl mit der Braut als auch mit dem Bräutigam verwandt ist.

a. Die UnterrichtSkommisfion des preußische» Abge- orbnetenbausrs beriet gestern Petitionen und überwieS eint solche wegen Versorgung der Privatschullehrerinnen der Regierung als Material. Eine weitere Petition be­zweckt die Trennung des Küsterdienfles vom Schuldienst, bezw. eine bessere Vergütung des Küsterdienstes. Sie wurde der Regierung zur Berücksichtigung in dem Sinne überwiesen, daß wegen Abtrennung des niederen Küster* dienstes vom Schu'^'enst mit den beteiligten Steifei Unterhandlungen eingeleitet werden sollen.

s. Die Leuchtölkommission des Reichstags beendete am Donnerstag die zweite Lesung des Leucdtölgesetzes mit seiner Annahme gegen die Stimmen des Zentrums und der Polen.

][ Wahlurnen. Die dem Reichstage zugegangen. Vorlage betreffend die Einführung einer einheitlichen Wahlurne bei der ReichSlagswahl schreibt eine Höhe der viereckigen Kiste von mindestens 90 Zenti­meter und eine Weite von 35 Zentim. vor. Der Deckel darf für die Aufnahme der Stimmzettel einen höchstens 2 Zentim. breiten Spalt haben. Da doch eine Wahlurne höchstens 700 Stimmzettel aufzuneh. men hat, ist eine Urne von dm angegebenen Dimen« stonen weit genug. Die Wahlurne wird bei ihren Dimenstonm nicht auf den Wahltisch gestellt roetben können, sondern wird neben ihm zu stehen haben.

**♦ Zum Falle Sahst. Das Schreiben des Kaiser!. Zivilkabmetts an den Sabiner Pächter Sahst Hatti nach der ,Elbinaer Zeitung' folgenden Worrümtz,

Deutscher Reich.

s. Unsere auswärtige Lage.

Zu Beginn der gestrigen Sitzung der Budget« kommission des Reichstages gab der Vorsitzende Dr. Spahn Kenntnis von dem Inhalte eines Schreibens des Reichskanzlers, in dem dieser mitteilt, daß er sich am Montag im Plenum über die aus» wärtige Lage äußern werde. Der Staatssekretär des Auswärtigen v. Jagow machte alsdann Mitteilungen über die Fragen, die mit dem Balkankriege zusammen» hängen. Diese Erklärungen waren vertrauliches Natur. Außer diesen vertraulichen Mitteilungen gad Staatssekretär v. Jagow auch einige Erklärungen für die Oeffentlichkeit ab.

Er ging zunächst auf die Frage ein, ob die deutsche und die europäische Diplomatie durch den Ausbruch bei Krieges überrascht worden sei. Er erklärt, daß der Bal. kanbund ursprünglich als eine Vereinigung aller Bal. kanstaaten einschließlich der Türkei gedacht war und daß erst infolge der ablehnenden Haltung der Türkei ein Bund mit der Spitze gegen diese im Juli vorigen Jahre! zustande kam. Der Beginn des Balkankrieges kam unerwartet und erfolgte auch gegen die Absicht de, übrigen Balkanverbündeten durch den frühzeitigen LoS. bruch Montenegros. Der Staatssekretär erörterte so» dann die verschiedenen diplomatischen Phasen des Krie» ges, die Aufgabe der Statusquo-Formel, die durch die von allen Mächten angenommene Formel der Lokalisie» rung erseht wurde, besonders auch die Entwicklung der albanischen Frage, bei der die deutsche Diplo» matie sich ständig auf Seiten unserer Verbündeten ge» halten habe. Im ganzen Verlaus dieser Frage hab» Deutschland treu zu Oesterreich-Ungarn gestanden und sei auch sofort auf den Wunsch seines Verbündeten bereit gewesen, an der F lo t t e nd e monstr a t ion an der montenegrinischen Küste teilzunehmen. Wie sich bei weiterer Hartnäckigkeit Montenegros diese Angelegenheit weiter entwickeln werde, darüber lasse sich heute noch nichts sagen. Der Staatssekretär stellte hierauf fest, daß sämtliche Mächte darin übereinstimmten, daß Sku» tari zu Albanien geschlagen werden sollte, nachdeq über die Zuweisung von Ipek, Prizrend und Djschakove eine Einigung erzielt sei. Betreffs der Aegäische» Inseln gehe Deutschlands Polstik dahin, daß der asic» tische Besitz der Türkei nicht gefährdet werde. Die dentscht Diplomatie fei bestrebt, den asiatischen Besitz bei Türkei zu erhalten und ihre Lebensfähigkeit zu stützens

Ein Redner des Zentrums bezeichnet die In- teressen Deutschlands in handelspolitischer Beziehung als nicht geringfügig. Eine Frage fei aber noch nicht berührt, die Sicherung der religiösen Inter» essen der christlichen Bevölkerung. Die Vorgänge bei den „Z w a n g s b e k e h r u n g e n" seien hiin» melschreiend gewesen. Oesterreich und wir hatten ein Interesse an der offenen Tür, die uns Handelsbe« ziehungen sichere. Ein fortschrittlicher Redner ver­langte, daß man mit Zähigkeit unsere Wirtschafts­interessen wahre. Der konservative Redner erklärte sich enttäuscht über das wenig Neue, das die Kommis­sion erfahren hat. Unterstaatssekretär Dr. Zim- m e r m a n n machte nähere Mitteilungen über die diplomatische Vertretung von Reklamationen deutscher Firmen und anderer Staatsangehöriger, die durch die Balkanereignisse in Mitleidenschaft gezogen worden sind und erklärte weiter: die vorgekommenen Ueber» griffe gegen die einheimische Bevölkerung zu ver­hindern, habe Deutschland nicht das Recht und nicht die Macht gehabt. Es seien zwar übertriebene Schil» derungen in die Presse gekommen, doch--scheine das» was sich wirklich ereigne hat, beklagenswert genug. Eine Nachprüfung int einzelnen war selbstverständ­lich nicht möglich. Es seien aber von Deutschland und England nach Kräften Schritte zur Abstellung des Unwesens getan worden. Bei den Beratungen der Londoner Botschafterversammlung sei über ge- wisse Grundsätze für die Heranziehung der Balkan­staaten zur türkischen Staatsschuld eine Einigung er­zielt worden. Auch sollen die Balkanstaaten für die ihnen zufallenden türkischen Gebiete in die bestehenden Konzessionen und Staatsverträge Eintreten. •

ZiefrimgsHften »er preußisch-süddeutschen Kleffen-fttterie. — halbjährlich raschensahrpla». s

irfdtemt »glich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage viertel­jährlicher Bezugspreis ohne Bringerlobn und Bestellgeld In $ulba jotnlt auswärts 1-50 mark. - Rotationsbrudt und Verlag der E x Zuldaer fldienbrudterd bi Zulda. Zemsprecher Nr. S. ::

Abg. Viereck (ft) nimmt den Oberkirchenrat ... Schutz. Traub sei nur wegen seiner Angriffe gegen die Behörde diszipliniert worden und nicht wegen seines religiösen Standpunktes.

sich so entwickelt, daß über den Oktober hinaus dort noch viele kränkliche Geistliche waren und daß infolge­dessen zwei Schwestern zurückgeblieben waren. Die Niederlassung wandte sich an die Ministerien, daß ihr gestattet würde, zwei Krankenschwestern in dem Kran- kenheim zur Verpflegung der vorhandenen Geistlichen zurückzulassen. Die Schwestern sollen sonst keine Kran, kenpflege ausüben, auch keine Ordenstätigkeit. Daß das irgend welche Schwierigkeiten ergeben könnte, wird nie. mand annehmen. Den Antrag Cassel lehnen wir bei dem jetzigen Stande der Gesetzgebung ab, haben aber nichts dagegen, wenn der -betr. Fonds im Interesse der Synagogen erhöht wird. (Beifall im Zentrum.)

Es folgt das Kapitel „evangelischer Kultus".

Abg. v. Campe (natl.) erörtert den Fall Traub. Traub habe wohl Fehler gemacht und ein Einschreiten sei erforderlich gewesen, aber das Verfahren gegen ihn habe nicht den Anforderungen des Rechtsstaats ent- sprachen.

Kultusminister v. Trott zu Solz erwidert, daß eine Kritik im Falle Traub wohl gerechtfertigt erscheine bei der großen Bedeutung und Tragweite des Erkenntnisses im Falle Traub. Doch könne sie an den vorhandenen Bestimmungen nichts ändern.

Abg. Dr. Runtze (Vp.) stimmt den Ausführungen des Abg. v. Campe bei. Die herrschende Organisation der Kirchenbehörden hätte bedauerliche Uebelstände ge­zeigt.

nach dem Kreise Leobschütz versetzt, und hier den Behörden, gleichsam wie unter Polizeiaufsicht stehend, überwiesen. Da kein Anlaß zur Befürchtung irgend einer deutschfeindlichen Gesinnung der Mähren vorliegt, so kann dieses Vorgehen wohl mehr als ein Produkt streberhaften Uebereifers betrachtet werden.

Abg. Hoffmann (Soz.): In der Tat, wenn die Je- suiten einen bestochen und informiert hätten — geschick­ter hätte er hier nicht für sie werben können, als Herr v. Campe. Wir stehen auf dem Stmidpunkt, daß das Jesuitengesetz als Ausnahmegesetz aufgehoben werden muß und auch nicht durch Hintertürchen in Preußen wieder eingeführt werden darf.

Abg. v. Campe (natl.): Zentrum und Sozialdemo­kraten Hand in Hand! (Gelächter im Zentrum und rechts.) Wenn das Zentrum von Freiheit redet, so wirkt das urkomisch. Der Minister irrt, wenn er meint, die Frage hätte nur theoretische Bedeutung. Im Lande herrscht große Eregung, da wäre es doch wohl angebracht gewesen, wenn der Minister ein Wort zur Beruhigung gesagt hätte.

Abg. Hoffmann (Soz.): Auch die Nationalliberalen würden uns an ihrer Seite finden, wenn sie einmal ver­suchen wollten, gegen Ausnahmegesetze einzutreten. Ich glaube ja nicht, daß sie das jemals fertig bringen. (Große Heiterkeit.) Wir wünschen, daß die Waffe des Jesuiten­gesetzes dem Zentrum endlich einmal aus der Hand ge­nommen wird. Man muß bald zu der Ueberzeugung kommen, daß die, Nationalliberalen sich deswegen so sehr gegen die Zulassung der Jesuiten sträuben, weil sie fürchten, daß sie Konkurrenz bekämen. (Große Heiterk.)

Abg. Dr. Glaitfelter (Ztr.): Herr v. Campe sollte sich hüten, über die freiheitliche Gesinnung des Zentrums zu spötteln in demselben Augenblick, wo er die Negie­rung scharf zu machen sucht, das Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten beizubehalten.

Der Titel „Katholischer Kultus" wird bewilligt, des­gleichen ohne Debatte der Titel „Altkatholische Geistliche und Kirchen".

Freitag: Weiterberatung.

'Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 3. April 1913.

Etliche Rechnungssachen werden nach unerheblicher Debatte erledigt.

Es folgen Wahlprüfungen.

Dem Beschlusie der Kommission entsprechend erklärt »as Haus die Mandate der Abgg. Hüttmann (Soz.) und Warlo lZtr.) für giltig. Bezüglich der Wahl des Abg. v. Oertzen (Rp.)-Jüterbog-Lückenwalde schlägt die Kom- mijsion Ungiltigkeitserklärung vor.

Abg. Dr. Arendt (Rp.) beantragt die Wahl des Abg, v. Oertzen an die Wahlprüfungskommission zurückzuver- weisen. Die Wahlproteste gründen sich darauf, daß 400 Insassen der Belitzer Heilanstalt nicht zur Wahl zugelassen sind. Man hat aber nicht geprüft, ob die 400 alle wahlberechtigt waren. Wer das behauptet, der be­weist nur parteiliche Voreingenommenheit der unerhörte­sten Art. Es wäre eine Beugung des Rechts, wenn ohne genügende Prüfung das Mandat kassiert würde. (Der Redner wird zur Ordnung gerufen).

Abg. Schmidt-Meißen (Soz.): Die Eintragung jener Patienten ist zu Unrecht abgelehnt worden. Ich bitte die Wahl für ungültig zu erklären.

Die Abggi Schwärze-Lippstadt (Zentr.) und v. Brock­hausen (kons) erklären sich mit der Zurückverweisung einverstanden.

Die Abg. Tr. Neumann-Hofer (Volksp.) und Stadt­hagen (Soz.) treten für sofortige Entscheidung ein.

Bei der Abstimmung stimmen für Rückverweisung die Rechte, das Zentrum und ein Teil der Nationallibe­ralen. Mit der Linken stimmten die Polen. Da die Abstimmung zweifelhaft bleibt, muß Hammelsprung er­folgen. Er ergibt die Ablehnung des Antrages auf Rückverweisung mit 155 gegen 151 Stimmen.

Die Wahl deS Abg. von Oertzen wird darauf eben­falls im Hammelsprung mit 160 gegen 140 Stimmen für ungültig erklärt.

Die Wahl des Abg. Dr. Arendt (Rp.) wird für gültig erklär:.

Es folgen Petitionen.

Eine Petition der Vereinigten Zigarrenhändler In Aachen verlangt Abhilfe gegen den geheimen Warenhandel, sowie Einschränkung des Vertriebes bon Tabakfabrikaten Lurch Schank- und Gastwirte. Die Kommission beantragt, den ersten Teil der Petition zur Berücksichtigung zu überweisen und den 2. Teil durch Uebergang zur Tagesordnung zu erledigen.

Abg. Brey (Soz.) beantragt, die Petition auch in ihrem ersten Teil durch Uebergang zur Tagesordnung zu erledigen.

Abg. Sir (Ztr.) weist auf die schweren Schädigungen hin, die dem kaufmännischen Mittelstand durch den geheimen Wareichanbel zugefügt werden. Vor allem sei es scharf zu tadeln, daß auch Beamte sich an dem geheimen Warenhandel beteiligten, dem müsse un­bedingt entgegengetoirtt werden. Erfreulicherweise komme auch in Beamtenkreisen selbst mehr und mehr die Auffassung zum Durchbruch, daß die Beteiligung an dem geheimen Warenhandel und an den Konsumvereinen sich nicht schicke. Es gehe heute wirklich dem kaufmänni­schen und gewerblichen Mittelstand schlechter als allen anderenBerufen. Das Zentrum habe schon mehr als einmal den Versuch ge­macht, dem Mittelstand durch gesetzgeberische Maßnahmen zu helfen, aber gerade die Parteien der Linken hätten es dabei im Stich gelassen. Der Mittelstand trage gern die Lasten, die ihm besonders durch die soziale Gesetz­gebung auferlegt seien, aber er könne auch verlangen, daß man auch ihm gegenüber das Wort beherzige, leben imb leben lassen unb in biefem Sinne bitte er den Peti­tionen stattzugeben.

Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt bic Dis­kussion. Der Antrag der Kommission wird angenommen.

Samstag: Nechnungssachen, Etat unb Petitionen.

reußischer Landtag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom S. April 1913.

Die Beratung des KultusetatS wird beim Kapitel Kultus und Unterricht fortgesetzt.

Abg. Cassel (Vp.): Der Abg. Hoffmann hat meinen Antrag auf Unterstützung leistungsschwacher S h- «tagogengemeinben als Bettelei bezeichnet unb behauptet, viele jüdische Glaubensgenossen lehnen dies ab. Mein Antrag ist in engster Fühlungnahme mit . bem Verbände Deutscher Juden gestellt, deshalb muß ich gegen die verächtliche Weise, wie Herr Hoffmann den Antrag behandelt, protestieren. Herr Hoffmann hat jur dann meinen Glauben vorgehalten. So etwas war hier im Hause erst einem Vertreter der Partei vorbe- h) halten, in deren Programm es heißt: Religion ist Privatsache.

U, Abg. Hoffmann (Soz.): Wir halten e5 nicht für ge- rechtfertigt, Mittel der Steuerzahler im Interesse einer kinzelnen Konfession zu verwenden. Die Juden sollten .11 it Entrüstung Almosen vom Staate zurückweisen, der sie als minderwertig betrachtet. Reiche Juden brauchten mir die Hälfte der Gelder für ihre Gemeinden auszu- zahlen, die sie für Kommerzicnratstitel, für evangelische nirchen (z. B. die Kaiser-Wilhelm-Gebächtniskirche mit der Kamelinschrift) ausgaben, die „T. d. W.-Kirche" (Taufhaus des Westens) und dergl., in der sich die Ju­den mit Vorliebe taufen lauen. »Leise zieht durch mein Gemüt» stiller ©otteSfrieber. Oben sitzt die Fürstin 83ieb, unten lauter Jüden!" (Gelächter.)

Abg. v. Campe (natl.) glaubt, daß man im Interesse tusgleichender Gerechtigkeit auch Shnagogengemeinden Unterstützungen gewähren joü4'

. . Abg. Winckler (kons.): Es gereicht uns zur Freude, Wfe Herr Cassel sich zu den Grundlagen und den gro­ßen Iteberlieferungen unseres Staates bekannt hat und £*6 eine Gemeinsamkeit der Ueberzeugung in diesen Dmgen besteht. (Hoffmann ruft: Das ist Ihnen ganz -echt!) Wir erkennen auch an, daß er sich zu seinem ; Glauben bekannt. Gegen den Antrag Cassel haben vir grundsätzliche Bedenken. Auch durch eine Erhöhung Je? Fonds zur Unterstützung der religiösen Gemeinschaf­ten würde es möglich fein, armen Synagogen Zuwen­dungen zu machen.

Abg. Ströbel (Soz.): Nach den vernichtenden Lob. stn-chen gegen den Abg. Cassel kann ich wohl auf eine ' Kritik der Casselschen Ausführungen verzichten.

*. Abg. Cassel: Der Abg. Hoffmann legt es zu meinen Zugunsten aus, daß mein Verhalten von der Rechten vbill'gt wird. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß man zur Ehre anrechnen kann, wenn man von einem Mpmmschen Gegner Anerkennung erntet.

Abg. Dr. Schmitt-Düsseldorf (Z.) erklärt dem Abg.

' h" v mf.e (natl.) gegenüber nochmals, daß die Ordens- uiederlassung auf Iuist über den 1. Oktober 1912 hin- fc ftug zu Recht bestanden habe. Die Verhältnisse hatten

= Der Kriegsschatz.

In der Militärdorlage wird auch die V e r m e h- rungdes Kriegsschatzes gefordert. Die 120 Millionen Mark, die im Juliusturm bei Spandau unter scharfer Bewachung bar aufbewahrt werden, reichen nicht mehr aus: darum sollen 120 Millionen Mark in Gold und ebensoviel in Silber niedergelegt werden. Der Kricgsschatz soll also auf das drei­fache seiner jetzigen Höhe gebracht und zu diesem Zwecke werden 120 Millionen Mark Silbermünzen neu geprägt und 120 Millionen Mark Gold aus dem Verkehr gezogen.

Bekanntermaßen ist in Deutschland der Geldver­kehr mehr mit Gold gesättigt als in anderen Ländern, und die Absicht der Reichsbank geht infolgedessen schon seit längerer Zeit dahin, einen Teil des gelben Metalls aus dem Verkehr in die Kassen der Reichs­bank zu leiten, und zwar in erster Reihe durch die Ausgabe eigener Banknoten (ein Mittel hierzu ist ja jetzt die ungehinderte Ausgabe kleiner Bank­noten), ferner dadurch, daß, der S i l b e r b e st a n d pro Kopf der Bevölkerung vermehrt worden ist. Die Bestrebungen der Reichsbank sind von Erfolg beglei­tet gewesen. Während gegenwärtig der Ausweis der Reichsbank an sich um fast 300 Millionen Mark schlechter ist, als zur gleichen Zeit des Vorjahres, ist der Goldbestand um fast 50 Millionen Mark größer. Die Reichsbank hofft, im Mai dieses Jahres zum erstcnmale etwa eine Milliarde Gold in ihren Kas­sen ansammeln zu können. Werden nun für die Zwecke der Kriegsreserve 120 Millionen Mark Gold dem Verkehr entzogen, so könnte das nicht ohne Rück­wirkung auf die der Reichsbank zufließenden Gold- summen bleiben. Bei ihr würde der Goldbestand nicht mehr in dem bisherigen Umfange anwachsen können. Es ist beabsichtigt, erst allmählich, und zwar innerhalb sechs Jahren, die Goldreserve des Reiches auf die volle Höhe zu bringen. Verteilt man die 120 Millionen Mark, um die der Goldbestand des Reiches vergrößert werden soll, auf sechs Jahre, so müßten jährlich 20 Millionen Mark dem Verkehr entzogen werden, oder der Reichsbank weniger zufließen. Die Frage, ob der Verkehr das Gold bergeben wird, wird von der Reichsbank mit „ja" beantwortet. Ganze Aktenstöße von Briefen sind bei der Reichs­bank gesammelt worden, in denen die Reichsbank­anstalten darüber Beschwerde führen, daß ein Man- Sei an Reichskassenscheinen für den Zahlungsverkehr esteht. Die Frage, ob der Verkehr die 20 Millionen Mark Gold entbehren wird, wird mit „nein" beant- wartet. Es wird darauf hingewiesen, daß jährlich etwa 150 Millionen Mark in Goldmünzen und Goldblättchen geprägt werde». Nach neueren Fest­stellungen verbraucht davon die Industrie für die Herstellung von Goldwaren 50 Millionen Mark. Mit weiteren 20 Millionen Abgang muß man rechnen für die Zwecke des Auslandes, so daß jetzt jährlich etwa 80 Millionen Mark Goldmünzen neu zur Ver­fügung stehen.

Was die Silberreserve anbelangt, so hat man zu beachten daß es sich keineswegs um eine Erhöhung des Silbervorrats der Reichsbank handelt. Es wird lediglich eine eigene Silberreserve geschaffen, die nur in Zeiten der Bedrängnis zur Verwendung kommen soll. Die 120 Millionen Mark Silbermünzen kosten uns übrigens nur 52,8 Millionen Mark, da das Sil­ber, aus dem sich genau 100 Mark prägen lassen, einen Preis von nur 41 Mark hat und die Prage- kosten nur 3 Mark betragen. Diese Millionen sollen aufgespart und bei Kriegsausbruch sofort in Umlauf gebracht werden, um den vorhandenen Bedarf an metallenem Kleingeld zu decken. In Krisenzeiten eilen die Leute auf die Banken und Sparkassen, um ihr bares Geld abzuholen. Die einberufenen Sol­daten nehmen Geldbeträge mit ins Feld oder laffen ihren Familien aufgesparte Summen zurück. Es werden viele Millionen in wenigen Tagen ausgezahli werden muffen. Banken und Sparkassen muffen große Kaffenbestände bereithalten. Da ist es denn wichtig, daß die erforderlichen gewaltigen Mengen von Umlaufsmitteln vorhanden sind, wenn man dos Eintreten von Paniken vermeiden will.

Äbg. Dr. Wagner-Breslau (ff.) wünscht schnellere Abrechnungen ber Konsistorien mit' ben Handwerkern bei Bauten.

Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) hält die Zustänbe in der evangelischen Kirche für geradezu traurig unb ihren Bürokratismus für rech engherziger als ben ber ka­tholischen Kirche.

Nach weiterer unwesentlicher Debatte wirb ber Titel bewilligt.

Beim Titel „Katholischer Kultus" kommt

Abg. v. Campe (natl.) auf ben Beschluß bes Reichs­tages auf

Aufhebung bes Jesuitengefetze? zurück. Die preußische Regierung wirb die Mehrheit des Hauses hinter sich haben, wenn sie im Bundesrat bafür sorgt, daß diesem Reichstagsbeschluß nicht statt- gegeben wird. Dann möchte ich die Rechtsfrage auf« werfen, ob, wenn das Jesuitengefetz aufgehoben wirb, dieLandesgesetze bezüglich der Orden in vollem Umfange bestehen bleiben. Meines Erachtens rann diese Frage für die preußische Regierung schlechterbings nicht zweifelhaft sein. Schon nach ber preußischen Verfassung ist es möglich, alle Ordensnieberiasfungen zurückzuwei­sen. Im Jahre 1875 wurde nach Erlaß des Jesuiten­gesetzes die sämtlichen Orden von Preußen ausgeschlos- sen. Im Jahre 1880, als man ben Kulturkampf ab­brach, hat man unter bestimmten Bebingungen unb Kanteten einigen Orben die Zulassung wieder gestattet, wenn ber Minister des Innern unb ber Kultusminister zustimmen. Nach ber Gesetzgebung in Preußen kann ohne weiteres eine Jesuitennieberlassung in Preußen verboten werben, auch wenn für bas Reich das Jefuiten- gesetz ausgehoben werden würde. Ich gebe mich ber Hoffnung hin, baß bie Negierung auch diesen Stand­punkt vertritt. Zur Beruhigung weiter Kreise wird es beitragen, wenn ber Minister erklären würbe, daß auch bann, wenn das Jesuitengesetz aufgehoben wird, die preußische Ordensgesetzgebung vollständig intakt be­stehen bleibt. (Beifall bei den Nationalliberalen.)

Kultusminister v. Trott zu Solz: Wir haben das Jesuitengesetz zurzeit. Wir werden abwarten, ob es bestehen bleibt. Wenn es Wegfällen sollte, so würde dann erst bet Zeitpunkt gekommen fein, zu erklären, wie die Regierung über diese Frage denkt. (Sehr gut! unb große Heiterkeit im Zentrum.)

Abg. Dr. Glattfelder (Z.): Ich freue mich, baß ber Minister bem Abg. v. Campe bie richtige Antwort ge­geben hat. Ein Regierungsmann sagte bei einer anbern Gelegenheit, als jemand so sehr gegen bie Jesuiten sprach: Die Jesuiten finb so furchtbar schlaue Leute, dieser Redner ist bestellt, damit die Jesuiten all­gemein die Erregung auf ihrer Seite haben. (Sehr gut! unb Heiterkeit.) In dieser scharfen Weise will ich gerade nicht dem Abg. v. Campe antworten. Aber daran wurde ich bei seiner Rede erinnert. Im möchte ihm doch sagen, eigentümlich berührt es, wenn man diese Furcht vor Jesuiten hat, daß man hier gleichsam nur noch mit schlotternden Knien gegen sie auf tritt. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Ein bißchen freiheitlichen Sinn sollten Sie (zu ben Natl.) haben. Das ist wirklich kein Zeichen von einer libe­ralen Gesinnung. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Wenn das Reichsgesetz fällt, müssen natür- lich auch bie Jesuiten in Preußen zugelassen werben. Die Nationalliberalen sollten auch einmal baran denken, wie benn solche Jesuitenangst sich im AuS - lanbe auSnimmt. Sie machen uns ja vor dem Auslände einfach lächerlich, wenn Sie solche Angst vor ben Jesuiten zeigen. (Sehr richtig! im Zentrum.) Haben bie Jesuiten beim irgend etwas verbrochen? Können Sie ihnen irgenb welche Verbrechen nachweifen? Keineswegs! Es ist bloß eine Angst vor ihrer Wirk­samkeit, wenn sie hier in Deutschland finb. Da muß man aber vor feiner eigenen Lage und Position eine sehr schwache Ueberzeugung haben, wenn man solche Furcht vor ben Jesuiten hat. (Sehr richtig! im Zen­trum.) Also seien Sie nicht so furchtsam und stimmen Sie im nächsten Reichstag für die Zulassung der Je­suiten und für bie Freiheit ber Religionsübung, bann werben wir uns sehr nähern. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Richtarsky (Z.): Ihn Kreise Leobschütz sind Lehrer von bem Kreisschulinspektor zum Bericht aufge» forbert worden, in welcher Sprache bie Geistlichen den Beicht- und Kommunionunterricht er­teilen, ob und wie oft in mährischer Sprache gepredigt werde unb in welcher Sprache die Volksgesänge in den Kirchen ftattfinben. Da die Mähren sich bisher stets als loyale deutsche Staatsbürger bewährt haben, so mußte diese Ermittlung Beunruhigung Hervorrufen. Die Maßnahme ist geeignet, die einträgliche Wirksamkeit zwischen Schule unb Kirche zu stören, wenn die Lehrer gleichsam zum Auffeher über ben Geistlichen gestellt werben. ES liegt auch bie Gefahr vor, baß durch äußere Wahrnehmungen unrichtige Berichte erstattet werben. Ein Geistlicher, geborener Deutscher, welcher das Mäh. rische im Interesse ber Seelsorge mit Mühe und Not er­lernen mußte, wurde in einem amtlichen Bericht als Mähre charakterisiert. Ein anderer ebenfalls gebo­rener Deutscher, ber auch bas Mährische erst lernen muhte, wurde wegen angeblicher deutschfeindlicher Ge­sinnung auf Antrag der Behörden vom Kreise Ratibor

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