2. Blatt.
Druck -er znivaer SctientrMtmi ,u Selbe.
Zul-aer Zeitung.
Dienstag 25. Marz 1915.
Aufruf
des Lp.rlopates an bas katholische Volt nebst Verordnung zur Zeier der (600 jährigen Jubiläums des LditteZ von lihiianö im Zebruar 513
Geliebte Diözesanen!
Die Leiden unserer heiligen Kirche sind unsere Leiden, ihre Freuden sind unsere Freuden. Aus Freud und Leid, aus Oelbergsängsten und Taborstunden, aus blutigem oder unblutigem Martyrium und aus himmlischer Herrlichkeit webt sich ihr Erdenleben zusammen wie das ihres göttlichen Stifters und Bräutigams.
Zu ihren glorreichsten Erdeten gehört sicher jener, an welchem Kaiser Konstantin nach dem Siege über Maxentius durch das berühmte Edikt von Mailand ihr den Fieden und die Freiheit schenkte. Da hat nicht bloß eine starke Römerfaust, da hat Gottes allmächtige Hand eingegriffen und die Weltgeschichte in andere Bahnen gelenkt. Konstantin ist der Mann der Vorsehung. Von Jugend auf mit dem Christentum bekannt und ihm zugetan, sieht er in höchster Kriegsnot das Kreuz am Himmel aufflammen mit der Inschrift: „$n diesem siege!" Und er wagt am 28. Oktober 312 den Entscheidungskampf gegen die fünffache Uebermacht des christenfeindlichen Maxentius. Der Kampf endet mit herrlichem Sieg. Maxentius und seiner Leibwache ergeht es wie Pharao und seinem Heere; die Wellen des Tibers verschlingen sie: „sie versinken wie Blei in der brausenden Flut" (2. Mos. 15, 10).
Im Triumph zieht Konstantin in Rom ein, aber er vergißt nicht, wem er den Sieg verdankt. Er gibt Gott die Ehre, erklärt sich offen für das Christentum, läßt seinem Standbild die Kreuzes- fahne in die Hand geben und die Inschrift: „Mit diesem heilbringenden Zeichen, dem Wahrzeichen der Stärke, habe ich eure Stadt vom Joche des Tyrannen befreit." Und im Februar 313 erläßt er aus Dankbarkeit gegen Gott, wie er selbst sagt, ein Gesetz, das alle Verbote gegen die christliche Religion aufhebt, der Kirche volle Freiheit gewährt und ihr die geraubten Güter zurückerstattet.
Welch ein Umschwung durch Gottes Fügung! Wie mögen da jene verfolgten, geächteten Christen aufgeatmet haben! Wie mögen sie Gott gedankt haben, daß er aus ihren Nöten sie befreit und aus Finsternis und Todesschatten sie herausgeführt (Ps. 106, 13). „Alles strahlte von Heiterkeit", so schließt Bischof Eusebius seinen Bericht, „und die eben noch niedergeschlagen waren, sahen nun einander an mit leuchtendem Antlitz und heiterem Blick; mit Festgesängen und Hymnen pries man in den Städten und auf dem Lande vor allem den allwaltenden Gott und dann den frommen Kaiser".
Das war im Jahre 313. Sechzehnhundert Jahre spater erinnert uns die Stimme des Oberhauptes der Kirche an das, was damals geschah, heißt uns wieder anstimmen die Festgesänge und Hymnen der Christen jener Zeit und in frommer, dankbarer Freude in den Städten und auf dem Lcnd, 'n den Gotteshäusern, in den Vereinssälen und in den Familien das Jahrhundertgedächtnis begehen. Wir kommen dieser Mahnung gerne nach. Die Leiden unserer heiligen Kirche sind unsere Leiden, ihre Freuden sind unsere Freuden.
So ist es uns eine Herzensfreude, daran erinnert zu werden, wie infolge jenes Sieges und Ediktes die heilige Kirche nach dreihundertjährigem Martyrium, nach einem Flüchtlingsleben in Wüsten und Gebirgen, in Höhlen und Klüften der Erde (Hebr. 11, 38) ihre Tränen trocknete, das Trauerkleid mit dem Festgewand vertc wehte und aus der Nacht und her dumpfen Luft der Katakomben heraufstieg ins Sonnenlicht der Freiheit und mit Konstantin den Kaiserthron bestieg, aus den Totenkammmern in die majestätischen Kirchen übersiedelte; in welchem Siegeszug sie Land um Land eroberte und die Lehrmeisterin, Erzieherin, Mutter der Völker wurde; wie sie selber frei geworden alsbald der Menschheit die Freiheit brachte, sie aus der Knechtschaft des Heidentums erlöste, die Sklaverei durch das Gesetz der Liebe überwand; wie das Kreuz, eben noch beschimpft, verachtet und mit Füßen getreten, nun als Zeichen des Heiles und des Sieges von den Altären, von den Kuppeln der Kirchen, von der Stirne der Cäsaren die Welt bestrahlte und beherrschte und eine neue Kultur ins Leben rief.
Das sind erhebende, herzstärkende Erinnerungen. O Freiheit der Kirche, welch ein Segen bist du für die ganze Menschheit! Wir verstehen das Wort des hl. Erzbischofs Anselmus: Gott liebt nichts mehr auf der Welt als die Freiheit seiner Kirche. Aber kehren da nicht unsere Gedanken aus jenen herrlichen Zeiten traurig zurück in die Gegenwart? Kaum finden wir noch ein Land, in dem die Kirche jenes Vollmaß von Freiheit hätte, das Konstantin ihr verlieh und auf das sie Anspruch hat. In so vielen Ländern statt der Segnungen des Friedens Streit und Kampf; statt der Freiheit unheilvolle Bestrebungen, die Bewegungs- und Entwicklungsfreiheit der Kirche einzuengen, ihren Einfluß zu unterbinden, sie aus der Schule, aus der Gesetzgebung, aus dem öffentlichen Leben auszuschalten, sogar ihr caritatives Wirken zu hemmen, den blühenden Baum ihres Ordenslebens zurückzuschneiden, alle ihre Lebensregungen argwöhnisch zu beaufsichtigen.
Die Leiden der Kirche sind unsere Leiden. Darum gehen uns diese Nöten und Bedrängniffe tief zu Herzen und oft möchten sie uns mutlos und verzagt machen. Aber das Konstantinische Jubiläum ruft uns zu: Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubige? (Matth. 8, 26). Es ruft uns auf zur Tat. Es hält uns vor das Beispiel der Christen von damals. Es gibt uns zu bedenken- daß der Kirche jener Sieg und jene Freiheit auch nicht von selbst in den Schoß gefallen, sondern daß er der Preis vielen Betens, vieler Mühen, vieler Opfer war.
In der Tat, jener Sieg wurde weniger von Konstantins Soldaten und mit ihrem Blut erkämpft, als von den Heerscharen christlicher Beter und mit dem Blut der zahllosen Märtyrer, weniger durch die Tüchtigkeit und Kampfessreudigkeit der Römer, als durch die Tüchtigkeit und Glaubensfreudigkeit, mit der die Christen dreihundert Jahre lang im Kampfe ausgeharrt haben. Dem Sieg der christlichen Wahrheit, dem Triumph des Kreuzes, der Weltherrschaft der Kirche war wirksam vorgearbeitet worden durch alle jene Christen, die mit heroischem Mute für ihren Glauben zeugten vor Kaisern und Königen, vor Richterstühlen und auf den Folterbänken, die das Kreuz herrschen ließen in ihrem Leben und in ihren Familien und durch einen musterhaften Wandel ihrer Kirche Ehre machten.
Wenn heutzutage alle Christen diesem Vorbild nacheifern würden, wahrlich unsere heilige Kirche stünde auch in der Welt anders da und es würde ihr heute noch manche Stunde der Befreiung schlagen. Aber vielmehr noch als unter den Fesseln, die weltliche Mächte ihr anlegen, leidet sie unter den Fesseln, mit denen ihre eigenen Kinder sie binden und behindern, — so manche ihrer Kinder, die anstatt für sie einzutreten, zu arbeiten und zu kämpfen, die Hände in den Schoß legen, sie halb oder ganz verleugnen, die selber nichts nach ihr und ihren heiligen Geboten fragen, ihr keinen Einfluß auf das eigene Leben, auf die eigene Familie, auf die Kindererziehung ver- ftatten, die selber keine Freien sein wollen, sondern nur die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit mißbrauchen (I. Petr. 2, 16), die Sklavenketten eines unchristlichen, lasterhaften Wandels, des Alkoholismus, der Menschensurcht schleppen, der kirchlichen Obrigkeit den Gehorsam versagen, Zwietracht säen und die Kirche in Verruf bringen.
O möchte doch die Erinnerung an jene großen Tage der Vorzeit wie ein Frühlingssturm von Rom aus durch alle Lande brausen, alle guten Kräfte wecken, beleben, was erstorben, festigen, was schwach, fteimachen, was gebunden ist! Es ist ein gewaltiger Mahnruf, welchen die Christen jener Vorzeit an uns richten: Seid einig, wie wir einig waren, schließet fest die Reihen um Papst und Bischöfe, und keine Erdenmacht und keine Macht der Hölle wird etwas wider euch vermögen. Seid tätig, arbeitet, wirket, nützet jede Freiheit aus, die euch belassen ist, und ihr werdet mehr Freiheit dazu gewinnen. Seid selber Freie, nicht Sündenknechte und nicht Menschenknechte; zur Freiheit seid ihr berufen (Gal. 5, 13). Seid treu eurer heiligen Mutter, der Kirche; ihre Freuden feien eure Freuden, ihre Leiden seien eure Leiden; wahret ihr die Kindestreue, die Mannestreue, die Soldatentreue!
Dieser Mahnruf soll nicht ungehört verhallen. Mit heiligen Vorsätzen, mit dankbarer Freude wollen wir das Jahrhundertgedächtnis begehen und vereint mit dem Heiligen Vater und allen treuen Katholiken der Welt den Herm der Kirche bitten, daß Er auch in unfern Tagen die Macht feines Kreuzes offenbare und dessen Feinde zur Erkenntnis der Wahrheit führe, daß Er auch heute in allen Ländern feiner Kirche den Frieden und die Freiheit schenke zu seiner 33er herrlichung und zum Heil der ganzen Welt. Amen.
Im März des Jahres 1913.
0. Katb. Kopp, Fürstbischof von Breslau.
tt Thomas, Erzbischof von Freiburg.
ft Helix, Erzbischof von Köln und zugleich für Münster.
t Mt. Helix, Bischof von Trier, t Joseph, Bischof von Luxemburg, t Adolf, Bischof von Straßburg, t Paul Wilhelm, Bischof von Rottenburg, t Augustinus, Bischof von Culm.
t Hubertus, Bischof von Osnabrück.
t Willibrord, 0. S. B., Bischof von Metz.
t Georg Heinrich, Bischof von Mainz.
Anschluß an dieses Hirtenschreiben verordnen wir
(. Dieses Hirtenschreiben soll an einem der Gstertage dieses Jahres von allen Kanzeln verlese.» werden.
2. Die Feier des Jubiläums beginnt am 30. März, dem Meißen Sonntage, und endigt am Hefte Mariä Empfängnis, oder an dem Sonntage, auf den dieses Heft verlegt wird.
3. Mährend der Dauer der Jubiläumsfeier ist in der hl. Messe di« Oratio pro pace) einzulegen, soweit die Rubriken dieses gestatten.)
Die Hauptfeier des Jubiläums findet am ersten Pfingsttage im Anschlüsse an die Papstmess« in St. Peter zu Rom statt mit Hochamt, Festpredigt und Te Deum nach feierlicher Einläutung am Vorabend.
5. Mährend der Festzeit mögen Kirchengemeinden, sowie kirchliche Vereine und Institute sei es am ersten Pfingsttage, sei cs an einem beliebigen andern Tage Festversammlungen u. a. zur Feier dieses hochbedeutsamen Gedenktages veranstalten.
6. Am Feste Mariä Empfängnis oder an dem Sonntage, auf den dieses Fest verlegt wird, findet die Schlußfeier des Jubiläums mit Hochamt und Te Deum statt.
7. Den Gläubigen soll während der Jubiläumszeit Gelegenheit gegeben werden, in Anlaß dieser für die Kirche so erftenlichen Gedenkfeier der Bedürfnisse des heiligen Stuhles zu gedenken. Es soll daher am ersten Vsterfeiertage eine besondere Kirchenkollekte) für den Peterspfennig stattfindcn.
t Aloysius, Titularbischof von Aliba und Apostolischer Vikar int Königreich Sachsen.
t Adolf, Bischof von Hildesheim.
t Joseph Damian, Bischof von Fulda.
t Augustinus, Bischof von Ermland.
t Karl Joseph, Bischof von Paderborn.
f Dr. Likowski, Weihbischof und Kapitular- Vikar von Posen, zugleich Vertreter des Kapitular-Vikars Dr. Dorszewrki,von ©riefen.
t Heinrich, Titularbischof von Pergamon und kath. Feldpropst der Armee.
Dr. Kreutzwalb, Kapitular-Vikar von Köln hilpifch, Kapitular-Vikar in Limburg.
wie folat:
Der Graf von Tarent.
71] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
Auch der Vicomte Bixio hatte im Tanze ausge- M- Verwundert und staunend schaute er auf den Punzen und Anita von Tareitt.
»Bei den Gebeinen meines Urahns, drei Teufel ichemen in den Prinzen gefahren zu sein," murmelte •$- „Wie er tanzt! Man möchte annehmen, wir °ue sind lahme Krüppel gegen ihn. „Jst's nicht, als Jt“ er die letzten dveitzig und vierzig Jahre fort« geworfen und sei plötzlich der Jüngste von uns allen geworden? Und sie — sie — so verzückt habe ich meinen Augen noch keine Evastochter gesehen. W) gebe dem Menville, der dort in der Ecke steht unö etn Jammergesicht macht wie ein gemarterter Indianerhäuptling, keine rohe Zwiebel für sein fünf«
9eä Liebesglück mit dieser Witwe!"
Etwas Merkwürdiges trug sich in diesem Augen- t$u. Der Prinz von Indien hörte plötzlich mit« A« ftinem Tanze auf, denn die junge Gräfin hing Wb ohnmächtig in seinen Armen.
"Hoheit, ich kann nicht mehr," hatte sie ihn mit In kannte gebeten, „ich fühle mich plötzlich Lr* als sollte ich sterben." In der Tat wech- LJe ow Farbe in dem Gesichte der Frau, und der ; fühlte, daß sie schwer an ihm hing. Die zarte, Gestalt sorgfältig geleitend und schützend, ging er u-L’br in eine Nische des Saales, wo er sie in die nwen seidenen Polster einer Ottomane sinken ließ. Tar ° fibend, halb liegend, gewahrte Anita von
{-Jnt, baf; hundert Augen auf sie gerichtet waren, n schien ein weißer Nebel zu kommen und sich bergx^ n'c^er $u senken, um sie vor der Welt zu ver-
Sic' haben sich vergessen, man tanzt in KJ ™ a-onde nicht so — die Töchter dieses Landes tniTsJ „a.§ Anmutige und Graziöse im Reigen, die
Leidenschaft ist daraus verbannt."
rf>na t bon Meneville war es, der die Worte ge- °>yen hatte. Djx Stimme zitterte von Erregung.
„Monsieur de Meneville, mit welchem Rechte wagen Sie so zu mir zu sprechen?" fragte der Prinz scharf und leise.
„Mit dem Rechte eines Verlobten! Im Orient, woher Sie kommen, mögen die Sitten anders sein, ich habe gehört, man kauft und verkauft dort Frauen und Mädchen, hier in diesem Lande nimmt ein Mann nur eine Frau ynd sie gelobt ihm Treue fürs Leben. Tie Sitte gebietet, daß keiner zwischen zwei tritt, die einander gehören oder versprochen sind fürs Leben." Ein starrer, dämonisch leuchtender Blick traf den Sprecher, ein Kampf schien im Innern des Prinzen vorzugehen, die Hand ballte sich zur Faust.
Die Szene schien Aussehen zu machen, viele traten näher, wenn man auch die gewechselten Wort.e nicht verstanden, so verriet das wutentstellte Gesicht des Barons Meneville, daß etwas vor sich ging.
Vicomte Bixio vergaß im Nu alles um sich her. Seine Nüstern blähten sich, die Augen funkelten vor Kampfeslust. „Wenn dieser schäbige Bursche, der Meneville, es wagt, den Prinzen auch nur mit einem Hauche zu verunglimpfen," zischte er zornig, „bann renne ich ihm den Degen in den Leib."
Als er zum Prinzen gelangt war und die Worte verstand, fühlte er sich getäuscht. Ruhig und hoheitsvoll stand dieser da, keine Muskel zuckte in seinem Gesichte, das Ange hatte wieder den halb verschleierten, melancholischen Blick von früher angenommen.
„Mein lieber Baron, Ihr Eifer und Ihre Fürsorge für das Wohlergehen der Frau Gräfin bereitet mir Freude," faate er lächelnd. ,Me Sitte dieses Landes sst mir wohlbekannt, und nichts unter der Sonne könnte mic6 dazu bewegen, dagegen zu verstoßen. Denn zwei sich zusammengeftlnden, dann ist für einen Dritten kein Platz. Ein echter Mann tritt bann zurück, wenn auch bas Herz bricht. Wer nicht so handelt, wer nur Verlangen in der Brust trägt, bet ist kein Mann, sondern cm Schurke! Lassen Sie uns Freunde bleiben!"
Enttäuscht trat Vicomte Bixio zurück. „Ich verstehe den Prinzen nicht," sagte er zu dem jungen Fürsten Guastalla, „er verschwendet ein Füllhorn schöner Worte an diesen Meneville, und dieser nimmt
sie auf mit demselben Verständnis, wie ein Hammel auf der Weide, der im Grase einen Diamanten findet."
„Was ist denn los?" fragte der junge Fürst.
„Bah, Durchlaucht, nicht der Mühe wert zu fragen. Der Herr von Meneville beliebt eifersüchtig zu werden, wie es scheint, und hat dem Prinzen einen Affront angetan. Ich begreife nicht, daß dieser so viel Sanftmut entwickelt, ich werde irre an ihm, ich an seiner Stelle hätte ihn zum Fenster hinausgeworfen"
Die Gräfin von Tarent war aus ihrer Ohnmacht erwacht. Verständnislos blickte sie im Kreise umher, sie begegnete den brennenden Blicken Menevilles, und die Augen wendeten sich von ihm unb schauten nach bem anberen. Er blickte sie freunblich an, aber so gleichgültig. — Jebes Wort hatte das junge Weib vernommen, er wollte als Dritter nichts von ihr, denn sie batte bereits gewählt. Sie war verlobt.
Ohne es zu wissen, hing sie nun am Arme Menevilles unb hörte gleichgültig auf seine leidenschaftlichen Klagen. Der Prinz hatte sich von ihr gewendet, auch die anderen, das Fest nahm feinen Fortgang. Ob die Festeskönigin traurig war, das kümmerte die Menge nicht, sie hatte mit bem Gastgeber den Tanz eröffnet, damit genug. Bei vielen, erregte es Aufmerksamkeit, daß sie an den folgenden Tänzen nicht mehr teilnahm, aber daß der Prinz ebenso handelte. erregte geradezu Befremden.
Tann kam das Bankett. Ter Prinz saß in der Mitte des Saales an einem eigenen Tische, neben ihm die Festeskönigin unb dieser zur Seite Herr von Meneville. Links vom Prinzen saß der Herzog von Tesia, welcher seinem Versprechen getreu auf bem Heimweg nach Spanien zum Besuche bes Prinzen nach Genua gekommen war. Fürst Guastalla, Grimaldi, der mit dem Herzog von Tesia gekommen war, und Birio waren die Nächstfitzenden.
„Mein lieber Vicomte Bixio, ich habe Sie die Stunden her jede fünf Minuten die Mädchen wechseln sehen, wie die Handschuhe," sagte Grimaldi lächelnd, „wenn mich nicht alles täuscht, sind mehr als ein Dutzend feuriger Augen auf Sie gerichtet. Die Be
sitzerinnen dieser Augen rechnen sämtlich auf die Siebe und unbedingte Treue, die Sie jeder zugeschworen. Es wird nicht lange mehr dauern, und wir werden hören, daß unser Freund sich fesseln wird fürs ganze Leben."
Der Vicomte war eben damit beschäftigt, ein saftiges Stück von einer Hammelkeule auf seinem Teller klein zu schneiden. Es war bereits der vierte Gang aufgetragen und noch immer war sein erster Appettt nicht befriedigt.
„Grimaldi, Sie irren sich," sagte Bixio, während er mit der Gabel nach dem nächstbesten Stücke forschte, mein Herz ist frei geblieben bis zur Stunde, unb wenn eines ober bas anbere ber Mädchen darauf rechnet, so ist das sträfliche Gier. Ich spiele mit Blumen, nur brechen tue ich sie nicht, dazu ist meiner Mutter Sohn zu ehrlich. Bei den letzten Worten hatte er einen Blick auf den Baron Meneville gerichtet, daß dieser, der die Worte absichtlich auf sich gemünzt glaubte, dunkclrot wurde vor Zorn.
„Vicomte, Sie steigen aber tief hinab, um ihrer Liebhaberei zu fröhnen," fiel Meneville ein. „Sonderbarer Geschmack das, nächstens werden Sie wohl einet Dicnstmagd am Brunnen Liebesworte ins Ohr flüstern."
Ter Vicomte würgte den Bissen, den er im Munde hatte, schnell hinunter. „Ah, Baron, Sie haben einen Pfeil auf mich geschossen," sagte er, „aber er sitzt nicht im Fleische, das ärmste an Ihnen ist^der Witz. Sie können nichts dafür. Was wollen Sie? Das Gänseblümchen ist nicht minder schön, wenn auch die Rose neben demselben blüht Eine schöne Rebekka am Brunnen würde vielleicht keinen roten Heller für Ihre Liebe geben. Ihr aufgedunsenes Gesicht gefällt den Mädchen nicht. Sie sind in letzter Zeit gealtert zum Erschrecken. Wenn mich nicht alles täuscht, würgen Sie an einem geheimen Kummer, de das Lebensmark aus Ihren Knochen fangt. Sehen Sie Seine Hoheit an, um Jahrzehnte älter als Sie, übertrifft er Sie fünf und eine halbe Elle lang an Männlichkeit und selbstbewußter Kraft. Sie machen in neuerer Zeit den Eindruck eines an Schwindsucht erkrankten Greifes." (Fortsetzung folgt.)