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Fuldaer Zeitung

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Nr. 64* Crftes Blatt.

Dienstag den IS. IHärz 1913.

40. Zahrgang.

!] Das Konstantinische Jubiläum

W Rom, 17. März 1913. (Tel.) Der „Osservatore Romano" veröffentlicht einen apostolischen Brief, durch den die Feier des Jubiläums an den der Kirche durch den Kaiser Konstantin gegebenen Frieden festgesetzt wird. Der apostolische Brief feiert zunächst das große und glückliche Ereignis, durch das vor 16 Jahr­hunderten der Kirche der Frieden gegeben wurde, fordert die Katholiken vor allem zu m'ildtätigen Werken auf, ermahnt sie, die Gebete zu Gott, der Jungfrau, allen Heiligen und besonders zu den Aposteln zu ver­doppeln und ordnet die Feier eines Jubelfestes an. Alle in Rom wohnenden oder nach Rom kommenden Gläubigen, die vom Weißen Sonntag an bis zum Feste der unbefleckten Empfängnis zweimal die Kirchen St. Johann in Lateran, St. Peter und Sl. Paul be­suchen und dort für das Gedeihen und die Erhöhung der Kirche und des Heiligen Stuhles, die Ausrottung der Ketzerei, die Bekehrung aller Sünder, die Eintracht unter den christlichen Fürsten, den Frieden und die Einigung unter allen christlichen Völkern beten, einmal beichten und nach ihrem Vermögen Almosen spenden, sollen aus Anlaß des Jubiläums vollständigen Ablaß erhalten; auch denjenigen, die nicht nach Rom kommen können, wird vollständiger Ablaß gewährt wer- den, wenn sie sechsmal die Kirchen ihresLan- des besuchen, die von den Bischöfen bestimmt werden und die anderen Werke der Frömmigkeit vollständig er­füllen. Dieser vollständige Ablaß kann auch für die See­len im Fegfeuer durch Fürbitte gewährt werden. DeS weiteren trifft der apostolische Brief besondere Bestim­mungen, damit auf See fahrende Reisende, Mitglieder des RegularkleruS, Gefangene und Kranke den gleichen Ablaß erhalten können.

Der heilige Vater will, daß das Gedenken des berühmten, im Frühjahr 313 zu Mailand von Kaiser Konstantin, dem Großen, gemeinsam mit seinem Schwager Kaiser Licinius erlassenen Toleranz- edikt'es von der ganzen katholischen Kirche gebüh­rend gefeiert werde.

Bedeutet dieses Edikt, ein inhaltschw.res Schrift­stück, an sich schon einen Markstein in der Ge­schichte der ch r i st l i ch e n Kirche, so ist die Erinnerung daran- in unserer-Zeit doppelt zeitgemäß, weil darin die Grundzüge wahrer Toleranz festgelegt sind, die wir in so manchen Staaten, selbst solchen, die sich christlich nennen, vielfach schmerzlich vermis- sen müssen.

Gehen wir kurz auf die Vorgeschichte ein und führen uns das Bild des großen Kaisers Konstan- tin vor Augen, dessen Mutter, die heilige Helena, die Auffinderin des hl. Kreuzes in Jerusalem, ihn am 27. Februar 279 zu Naissus in Obermoesien, einer römischen Provinz an der Mündung der Donau ins Schwarze Meer, als Sohn des römischen Kaisers Konstantius Clorus gebar.

Mitten unter den Verfolgungen eines Diokletian wuchs er am römischen Hoflager auf, wo er als Geisel für die Treue seines Vaters festgehalten wurde. Hier war er Zeuge der blutigen Verfolgungen der bis in die Katakomben hinein verfolgten Christen, aber auch des Heldenmutes, mit dem sie freudig für den hl. Glauben das Opfer ihres Lebens brachten.

Als Kaiser Diokletian zur Abdankung gezwungen wurde, erlangte er von Kaiser Galerius seine Frei­heit und durste zu seinem Vater, der damals das römische Heer in Britannien befehligte. Nachdem dieser kurz darauf (25. Juli 306) starb, riefen ihn die Truppen zum Augustus, zum Kaiser aus. lieber das weite römische Gebiet herrschten damals sechs Kaiser, von denen aber Konstantin allein kaiser-

Der Gras von Tarent.

67] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner

„Monseigneur, das ist nicht abzustreiten. Jm- inerhin nenne ich den glücklicher, der besitzt, als jenen, den das Geschick kärglich bedacht hat. Gerne möchte ich tauschen mit Ihnen, glauben Sie mir doch! Als ich an jenem ungücklichen Wend in Rom im Spiele, Sie zum Gegner hatte, hätte es mit gut getan, über ein zweites Hunderttausend verfügen zu können, ich hätte mein Geld zurückerobert!"

„Das können Sie trotzdem, Baron", entgegnete der Prinz. „Das Spiel bereitet mir keine Freude, aber meinen Gästen zuliebe beteilige ich mich selten an den langen Abenden, die Zeit auszufüllen. Korn- wen Sie, meine Abende sind frei. Sie finden man- ches bekannte Gesicht, das Sie an Rom erinnert. Den Vicomte Bixio treffen Sie stets unter meinem Dache, der Herzog von Tesia trifft vielleicht heute hier ein, der Botschaft nach, die er mir gesandt. t9rimalbi kommt mit ihm. Der junge Fürst von Guastalla, Hessen Haus 'ch zurzeit bewohne, ist stets bei mir zu sthen, ebenso die Träger der besten Namen in der Stadt. Sie werden sich sicherlich nicht langweilen und stets finden Sie in der Ecke einen Spieltisch, an tent Hände Gold wechseln."

„Hoheit, ich danke für Ihre Güte", entgegnete «rr von Mcneville geschmeichelt. „Ich werde näch­stens von Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch machen Und bei passender Gelegenheit am Spieltische Fortuna erproben, ob sie mir wieder ihr Lächeln zeigt. Stets, wein Prinz, war mir das Glück günstig im Leben ms Sie in Rom meinen Pfad kreuzten."

, Dcr Angeredete hatte mit dem bekannten schwer­mütigen Ausdruck den Blick bis aufs weite Meer zu innen Füßen gerichtet gehabt, nun schien er wie aus mnen^ Traume zu erwachen.

„Sie sagen, ich habe Ihnen Unglück gebracht, mber Baron? Wie schade, aber cs hat so sein sollen. <nr Menschen sind ohnmächtig gegenüber dem Ge­schicke. Vielleicht bin ich wieder bestimmt, ein Wcrk- ^oen zertrümmert, wir Sterblichen wissen nie, was icufl ZU sein, das Sie und alle Ihre Hoffnungen im

i kicher Abkunft war, auch an Herrscher- und Feld- herrntalent überragte er bei weitem seine Konkur­renten. Nach glücklichen Kämpfen in Gallien kam es zwischen ihm und dem verbündeten Licinius einer­seits und Maxentius anderseits zu einem entscheiden­den Kampfe bei der Milvischen Brücke, kurz vor den Toren der Hauptstadt Rom, wobei sein Nebenbuhler auf der Flucht den Tod in den Wellen des Tiber

I fand.

Es ist schon erwähnt, daß Konstantin's Mutter, die hl. Helena sich offen als Christin bekannte. An ihrem Hoflager in Nikomedien lernte er das Christen­tum kennen, und wenn er auch bald nach Rom fort» gerissen wurde in den Strudel des heidnischen Lebens, das sich um Diokletian in der verwerflichsten Form breit machte, so fand er doch später bei seinem Vater wieder viele Christen und auch ihn trug die Sehn­sucht nach einer reineren Gottesverehrung. Eusebius v. Caesarea berichtet uns, daß der Kaiser ihm unter Eidschwur versichert habe, daß er am Tage vor der Schlacht am Himmel ein leuchtendes Kreuz gesehen habe mit der Umschrift: „In diesem Zeichen wirst du siegen!" In dcr Nacht habe ihm so­dann der Heiland befohlen, dieses Zeichen auf seine Fahnen zu heften. Auch der Heide Nazarius nimmt auf diese Erscheinung Bezug.

Im Frühling 313 kam er mit seinem »Bundes­genossen Licinius in Mailand zusammen, knüpfte das bestehende Bündnis durch die Heirat seiner Schwester Konstantia mit diesem enger und erließ gemeinsam mit ihm da? berühmte Mailänder Edikt. Nach der gleichen Ueberlieferung des Römers Lactantius wie des Griechen Eusebius v. Caesarea hat das denkwür­dige Schriftstück, das an den Befehlshaber der kaiser­lichen Leibwache gerichtet ist, der die Obliegenheiten des Staatskanzlers versah, folgenden Wortlaut:

„Früher schon haben wir in der Ueberzeugung, baß die volle ReligionSfreiheitniemandzuver- wehren, vielmehr jedermann deren uneingeschränkte Ausübung nach seiner Wahl zuzustehen sei, den gemes­senen Befehl erlassen, daß alle Untertanen und somit auch die Christen den Glauben und die Ge­bräuche ihrer Religion behalten dürfen. Weil jedoch jener kaiserlicher Erlaß verschiedene Bedingungen und Unklarheiten enthielt, wurden manche von der Ausübung ihrer Religion abgehalten oder darin behindert.

Nach unserer glücklichen Ankunft in Mailand haben deshalb wir, Kaiser KonstantinuS und Kaiser LiciniuS, alles, waS das Staatswohl und die öffentliche Sicherheit erheischt, in Erwägung gezogen, und neben anderen heil- fermen Maßnahmen auch anzuordnen geruht, wa? zum Dienst und zur Verehrung der Gottheit gehört. Somit geben wir den C h r i st e n wie allen andern Unter­tanen die volle W a h l f r e i h e i t, sich derjenigen Re­ligion zuzuwenden, welche ihnen gut scheint, damit die Gottheit und das himmlische Wesen uns und allen An­gehörigen gnädig und geneigt sein möge.

Wir glaubten, diesen Entschluß in der heilsamen Erwägung und Ansicht fassen zu müssen, daß niemand die Freiheit benommen werden darf, den Glauben und die Gebräuche der Christen zu wäh­len, oder sich jener Religion anzuschließen, welche ihm die beste scheint, damit so die Gottheit, deren Religion wir aus freiem Antrieb folgen, uns ihre Huld und Gnade erweise. Wir haben deshalb gut befunden, die­sen Erlaß schriftlich kundzutun in der Meinung, daß die früher bezüglich der Christen aufgestellten Bedingungen und Beschränkungen widerrufen und alle harten und un­serer Milde nicht geziemenden Anordnungen aufgehoben seien, und jeder, der die Religion der Christen bekennen will, dies frei und offen ohne jegliche Belästigung tun möge. Dies glaubten wir Deiner Sorge angelepentlichst eröffnen und anempfehlen zu sollen, damit Du wissest, daß wir den Christen ganze und volle Religionsfreiheit gewährt haben. Wenn wir nun den Christen diese Vergünstigungen ohne Einschrän. kung gegeben, so soll damit, wie Deine Weisheit sieht, zugleich auch allen anderen völlige Freiheit zugestanden fein, eine ihnen entsprechende Religion anzunehmen und auSzuüben. Denn es frommt offenbar der Ruhe und dem Frieden, daß jeder frei nach eigener Wahl sich einer ümFbevorstchü Ich glaube)-daßjeder Mensch einen weißen und einen schwarzen Schatten an seiner Seite hat, die um die arme Menschenseele ringen. Wehe dem, der den Lockungen des schwarzen Schattens folgt — er ist verloren!"

Die Gräfin schaute angstvoll auf den Sprecher, Herr von Mcneville aber zeigte ein stepsischeS Lä­cheln.

„Hoheit, Sie fangen wieder an, wo Sie in Rom aufgehört", entgegnete er, „es kommt wieder geister­haft aus Ihrem Munde, daß man das Gruseln ler­nen möchte. Ich bin dagegen gewappnet, aber sehen Sie auf die Frau Gräfin, die furchtet sich vor Ihnen, aus ihren Augen spricht das Entsetzen."

„Das sollte mir leid tun, lieber Herr von Mene- Ville. Furcht ist ein schlechter Gesellschafter im Leben und ein Erbe des weiblichen Geschlechts. Schlimm, sehr schlimm, wenn sich hierzu ein schuldiges Gewissen paart, was ja bei unserer liebenswürdigen Hausfrau vollständig ausgeschlossen ist. Die Taubenaugen trü­gen nicht, sie erzählen nur das Leid über verlorenes Liebesglück und den Jammer um ein teuves kleines Wesen."

Baron Mcneville blickte auf die Geliebte, er är­gerte sich, daß sie bei den Worten des Prinzen fort­während die Farbe wechselte. Dann ärgerte er sich auch, daß sie in unbewachten Augenblicken den frem« den Mann so eigentümlich anschaute, so wie nur Frauen schauen können, die einen Mann ihres Jn- tereffes wert halten. Er fühlte sich unangenehm be­rührt, so hatte Anita früher auch auf ihn geschaut. Als nun sein Blick und der ihre sich kreuzten, da glaubte er, sie schaue aus ihn kalt, gleichgültig. Der fremde Mann war stattlich, aber doch alt, allerdings, in seinem Alter machte er doch den Eindruck, als könne er es an Kraft und Gewandtheit mit jedem jungen Manne leicht aufnehmcn. Ein heißes, ihm bisher unbekanntes Gefühl begann sich in Meneville zu regen, wie unabsichtlich trat er zwischen die Gräfin und den Prinzen.

Die drei gingen von der Stelle und wandelten im Park auf und nieder. Plötzlich begann die junge Frau, welche in der letzten Zeit sich nur mit ihren Gedanken beschäftigt gehabt, sich wieder am Gespräche

Gottheit zuwenden und sie verehren dürfe. Dies haben wir absichtlich so verordnet, um jeden Schein von uns fcrnzuhalten, als wollten wir irgend eine Art von Got­tesverehrung und ReligionSübung Hindernisse und Be­schränkungen setzen.

Außerdem beschließen wir inbetreff der Christen noch ausdrücklich, daß ihre vormaligen Versamm­ln n g S o rt e, worüber durch fiühere Erlasse anders verfügt worden ist, sollten sie vom Fiskus oder von ir- gendwem erworben worden sein, den genannten Christen unentgeltlich, ohne Ersatz deS Kaufpreises, unverzüglich und bedingungslos wieder zugestellt werden sol­len. Ebenso müssen alle, welche diese Stätten zum Ge­schenk erhalten haben, sie ohne Zögern den Christen herauSgeben. Indessen mögen diejenigen, welche durch Kauf oder Schenkung Eigentümer dieser Orte ge­worden sind, falls sie dafür einen Ersatz von unserer Gnade beanspruchen, jid) an den Statthalter der Pro­vinz um eine Entschädigung wenden. Da zudem die Christen außer ihren Versammlungsorten noch anderes Eigentum besaßen, das nicht einzeln, sondern den Chri- sten insgesamt als Körpergesellschaft rechtlich gehörte, so hast Du die Anordnung zu erlassen, daß alle Bestand­teile ihres Eigentums auf Grund genannten Gesetzes den Christen als Körperschaft sofort anstandslos zurück, gestellt werde, doch unter Beobachtung der Bestimmung, daß alle jene, welche die Stätten zurückgeben, von unserer Gnade Schadloshaltung zu gewärtigen haben.

Bei Ausführung dieser Verfügung wirst Du der ge­dachten Gesellfchaft Deine eifrige Vermittlung zukom. men lassen, damit die Anordnung prompt vollzogen und in diesem Punkt gemäß unserer Milde für die öffent- liche Ruhe gesorgt werde. So wird uns, wie wir hof­fen, die göttliche Huld und Fürsorge, die wir in vielen Angelegenheiten erfahren, für immer gesichert bleiben und alle unsere Unternehmungen einen glücklichen AuS- gang nehmen.

Dermit der Inhalt dieses von unS in Gnaden erlasse, nen Beschlusses zur allgemeinen Kenntnis gelange, ist dieser Erlaß mit Deinem Begleitschreiben überall anzu­schlagen und allen kundzumachen, damit niemand über unsere gnädige Verfügung im Unklaren bleibe."

Heber den Werl dieser laiscrllchen Verordnung braucht kein Wort verloren zu werden. Aus dem Dunlel der Katakomben, aus den Verfolgungen her­aus, durste das Christentum sich der Sonne voller Freiheit und des wirksamen Staats» schutzes erfreuen. Seiner welterobernden Macht waren keine Schranken mehr g letzt und seine tzeils- quelle durite ungehindert durch die weiten Gebiet« des römischen Reiches fließen, überall Blüten treibend und Früchte bringend.

Wie eine Sehniucht nach alten, besseren Tagen überkommt es das christliche Herz, zieht es dieses Edikt in Vergleich mit den heute in vielen .christ­lichen' Ländern herrschenden Zuständen. Damals Wiedererstattung des Kirchengutes, heute Raub desselben, der vor den Gotteshäusern nicht Halt macht, damals volle Freiheit, heute Ver- lolgung und Einengung aus Schritt und Tritt! Traurig mag das uns stimmen, aber entmutigen kann es uns nicht, die Tage dcr Kämpfe sind uns pro­phezeit, aber was Constantin einst vorausgesagt, das gilt auch uns als unirügl ches Gotteswort: ,Jm Zeichen des Kreuzes wirst du siegen!'

Noch steht in Rom vor der Peterkirche der ge­waltige Obelisk, der in Goldlettern die Inschrift trägt: Stat crux, dum volvitur orbis! .Fest steht das Kreuz, mag auch der Erdkreis Umwälzungen er­fahren!'

* Eine verunglückte Festrede.

Die «Nordd. Allg Zlg.' veröffentlicht den Wort­laut der Rede, dir am Sonntag abend zum Schluß dcSJubiläumssackelzugeS inBerlmGeneralleutnantzD. v. W r o ch c m auf dem dortigen Kreuzberg gehalten hat. Das war wohl kaum nölig. Wenn man den Redner offenbar unter dem Gesichtspunkt auswählte, daß er mit seiner mächtigen Stimme den treuen Festplatz

zu beteiligen. „Hoheit, ich muß gestehen, daß Sie eine gewisse Achnlichkeit mit meinem verstorbenen Gatten besitzen", sagte sie. „Als Sie vor einer Stunde mein Haus betraten, glaubte ich vor Schreck nmsinken zu müsien. Ich glaubte, der Tote stehe vor mit, ich werde den Augenblick in meinem Leben nicht vergessen."

„Ah, das Unwohlsein, das Sie befallen — das war es also? Tann muß ich mir Vorwürfe machen, daß ich bei Ihnen meinen Besuch gemacht. Ich bin Ihnen vielleicht noch jetzt ein Gegenstand des Grauen?"

Die junge Witwe fühlte den Blick des Prinzen fiagend mtf sich gerichtet. „Nicht so, Hoheit, so meinte ich nicht."

Sie hob die Lider und schaute ihm ins Gesicht. Zum erstenmale glaubte sie in seinen Augen einen anderen Ausdruck zu sehen, als vorher. Er blickte sie an, wie der Mann ein Weib betrachtet, das aus- gestattct ist mit Schönheit. Warum tat er das? In feinem Blicke lag offene Bewunderung. Nun streifte der Blick vorn Gesichte weg und musterte ihre Ge­stalt, sie fühlte feinen bewundernden Blick, ihr Herz schlug schneller — eine tiefe, verräterische Röte stieg ihr ins Gesicht. Sie empfand, als müßte sie laut aufjubeln vor Befriedigung und Glück Niemals in ihrem jungen Leben hatte sie ähnliches empfunden. Sie hatte geliebt, aber ez war anders, so ganz anders gewesen! Wenn dieser geheimnisvolje, sagenhafte Mann Gefallen an ihr finden könnte, wenn er die andere vergessen möchte--e5 wirbelte ihr im

Kopfe, das Herz pochte. Mit ihm, den sie erst feit einer Stunde kannte, wäre- sie bereit, eine Hütte zu bewohnen — er wäre es wert, er wäre so ganz an­ders, als der, der neben ihr stand — das mußte die Liebe fein, die echte, wahre Siebe, von der sie gehört und die sie nie gekannt hat — sie war gekommen, wie der Blitz durch die Lüfte kommt. Wenn nur die Unbekannte nicht wäre! — Warum stand der andere Mann neben ihr, der sie gestern noch geküßt? — Das wollte er? — Sie hatte nichts gemein mit ihm in diesem Augenblicke, da ihre Seele sich wendete. Hatte et ein Recht über sie? Nein, nein! Er war ihr fremb. Alles war ein Irrtum gewesen, alles ein

beherrschen kann, dann braucht die Rede noch nicht so weitvoll zu fein, daß sie auch weiteren Kreisen mitgeleilt werden mußte. Das kann sogar recht unangebracht fein. Im vorliegenden Falle wat es daS sicher. An sich hat der Sprecher die Ver­antwortlichkeit für diese Reoe persönlich zu tragn; höchstens kann der Vorstand der »vaterländiichen Seseüichast zur Verbreitung der Geschicht-kennknisie', die den Zug veranstaltet hatte, mit in Betracht kommen. Aber da der Kaiser die Fackeliräger vor sich hak vorbeimarschstcren lassen und der Wortlaut her Rede jetzt in bet ,Rordd. Allg. Zlg.' oifftiös sanktioniert ist, so wird man wahrscheinlich un Ausland den Worten eine besondere Bedeutung beihgen. Um Miß­deutungen jenseits der Grenze und gesäurllche Nach­ahmungen im Jnlande zu verhüten, muß gegen ge­reifte Entgleisungen dieser wohlgemeinten Beredt- samkeit Einspruch erhoben werden.

Ob es notwendig war, wie der Redner da? tat, dem koisischen Eroberer .den brutalen Instinkt seiner plebejischen Herkunif zum Vorwurf zu machen, lassen wir dahingestellt. Ebenso die Wiederholung eines »gottvergessenen Wortes' von Metternich, das wohl zu Ebren deS deutsch österreichischen Büi dmsscs von den Menschen mtgeffen nerden könnte. Aber ent­schieden zu tadeln sind folgende Sätze:

„Weithin über den Erdkreis reckt schattend ihre Aeste die deutsche Eiche. Heute aber drohen ihrer mächtigen Krone neue ernste Gesahren. Vom Westen umbtau'ien sie Stürme von Rachehab und Krämerneid. Von Osten her umfaucht slavischer Gisthauch ihre grünen Blätter."

Worum müssen denn die hochpolitischen Gegensätze mit so beleidigenden Wendungen gekemneicknet werden. Hinter der Weltpolitik Englands steckt doch etwas mehr als Krämerneid, und wenn es wirklich so wäre, so sollte doch die gegenwärtige erfreu­liche Haltung der englischen Regierung einen Fest­redner abhalten, die Gefühle der Englä der unnötiger Weise zu verletzen. Und beim schärfsten Gegensatz zum PanslaviSmuS braucht man doch nicht an hervor­ragender Stelle den slavischrn Hauch als „Gisthauch' zu besch wpfen.

Sehr schön und gut war die Mahnung des Redners, in diesem Gedenkjahr der eisernen Zeit w eder zur Einfachheit zurück,ukehren, die immer wachsende Ge­nußsucht und den Vergnügungstaumel abzulun. Aber mißverständlich klang wieder der Rus: Herz und Augen nach Walhall gerichtet! Hoffentlich wollte doch der Festredner nicht für die moderne Wodans­verehrung Propaganda machen? An Stelle der Wal­hallphrase hätte er lieber von den religiösen Kräften deS Christentum» im Sinne des Kaisers sprechen sollen.

Sehr verfehlt war dann ein Zitat aus Felix Dahn. Da» find die heftigsten Haß- und Kriegs- verse. „Jetzt', heißt e8 da, ..ist der Haß die oberste Tugend . . . Legt nieder die Feder, den Hammer, den Pflug! Zu den Waffen, mein Volk.' Aber wollen wir benn einen Stieg ansangen? Wollen wir die Erwerbsarbeit einstellen, sogar den land­wirtschaftlichen Betrieb? Soll der Haß als die Triebskrast der deutschen Politik erscheinen?

Solche Redewendungen sind nicht deutsch. Das ist eine Uebersetzung des französischen Chauvinismus.

Mit derartigen Stilübungen tut man nur den deutschfeindlichen Hetzern im Auslande einen Gefallen, die ja mit Begierde jeden Scheingrund aufgreifen, um Deutschland in den Verdacht der Kriegssucht zu bringen.

1813 mußten unsere Väter zurückerobern, was ihnen Napoleon entrissen bä te. 1913 haben wir unS nur zu wehren, wenn wir angegriffen werden, um unfern Besitzstand'zu erhalten. Dieser Unterschied muß auch von den begeistertsten Fest­rednern respeltiert werden, namentlich von denen, d e ihre Gedanken vorher in kunstvoll ausgebauien Sätzen zu Papier bringen.

unglückliches Selbstvergessen! — Sie dachte mit Ekel an das Vergangene. Wenn doch dieser fremde Mann sie retten wollte aus der Verderbnis? Wenn et nur fragen wollte: Willst Du mein fein, mein? Dann hatte sie bekannt in Demut und seliger Freude: „Ja, ja für immer! Führe mich fort, weise mir den anderen Pfad. Dein Weg fei mein Weg. Ich will Dich lieben mit aller Kraft meiner Seele und treu wA ich Dir fein und bleiben, so lange als Mm wohnt in meiner Brust!"

O diese Unbekannte, wenn sie nur nicht wäre!

Der Götterfunke, der in jeder menschlichen Brust schlummerte, war erwacht in Anita von Tarent! In einer einzigen Minute war die Liebe gekommen, die sie nie gekannt.

ES war zu spät! Sie hatte ein Kleinod besessen und es von sich geschleudert! Ihre Liebe hatte keine Hoffnung! Der Mann, der einst an sie geglaubt, hatte feinen Glauben unwiderbringlich verloren! —। Er sah ihren Seelenkampf und blieb kalt. Vorbei, vorbei. — Sein Herz war zum Pfände gegeben an eine andere — für immer!

Herr von Mcneville hatte auch den Seelenkampf beobachtet, der in der Geliebten vorging, er hatte den Blick gesehen, mit dem der Prinz das junge, schöne Weib gestreift. Ein glühender Haß flieg in ihm auf. Wollte dieser Märchenprinz ihm auch sein bestes neh­men? Er, dem allez gelang, was er unternahm? Dann würde nichts anderes übrig bleiben, als ihn töten! — Der Too macht stumm, starr und kalt. Tote lehrci» nimmer wieder, sie sind unschädlich.

„Hoheit, gestatten Sie mir, Ihnen eine Neuigkeit mitzuteilen, die vielleicht Ihr Interesse in Anspruch nehmen wird", sagte er mit vibrierender Stimme: „Tie Frau Gräfin und ich sind in trauervollen Svindcn eins geworden. Ich bin der glücklichste Mann, sagen zu können, daß wir uns gegenseitig fürs Leben versprochen haben. In den nächsten Tagen vielleicht werden wir die Verlobung bekannt geben. Der verstorbene Graf von Tarent war mir im Leben ent Freund — in dcr treuesten, innigsten Liebe zu einer einzigartigen holden Frau hoffe ich. ihm ein würdiger Nachfolger zu fein!" ‘

(Fortsetzung folgt.)