Zuldaer Zeitung
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flr. 63«. Erstes Blatt.
Montag den 17- Märr j9l3.
40. Zahrgang.
Dr. Armin Kausen f»
J München, 15. März 1913. Heute nachmittag kur; nach 3 Uhr ist der vielbckanntc Verleger der „Allgemeinen Rundschau", Tr. jur. Armin Kausen int Älter von 58 Jahren infolge schweren Herzleidens gestorben.
Dr. Armin Kausen war am 10. Januar 1855 als der Sohn des Kaufmanns Joseph Kausen zu Neuß a. Rh. geboren und studierte in Bonn die Rechtswissenschaft. Nach dem Abschluß seiner Studien war er L^Jahre als Referendar am Amts- und Landgericht in Düsseldorf tätig. Schon als Primaner hatte er in rheinischen Zeitungen feuilletonistische Beiträge vcr- Sssentlicht und, war seit seiner Studienzeit als Mitarbeiter zahlreicher Zeitungen lebhaft politisch tätig. 1883 wandte Dr. Kausen sich völlig der publizistischen Laufbahn zu und übernahm am 1. Januar 1883 die Redaktion der Fuldaer Zeitung. Hier genoß er das besondere Vertrauen des damaligen Bischofs, des heutigen Kardinalsürstbischofs Dr. Kopp von Breslau. Im August 1884 folgte Dr. Kausen einem Rufe nach K a r l s r u h e, wo er als Hauptredakteur des „Badischen Beobachter" schon bald in die Auseinandersetzungen zwischen der gemäßigten und der entschiedenen Richtung der katholischen Volkspartei verwickelt wurde und an der Seite Wackers durch spontane Kundgebungen aus Geistlichen- und Laienkreisen gestützt, der seitdem beibehaltenen schärferen Tonart Geltung verschaffte. Zahlreiche katholische Vereine und geistliche Kapitel stellten sich in förmlichen Adressen auf Seite der von ihm vertretenen Politik. Im Januar 1889 folgte er einem Rufe nach M ü n ch e n als Chefredakteur des Münchener sfremdenblatt, schied aber Ostern 1891 aus dieser Stellung aus, um seitdem als Herausgeber der Bahe- rischen Tageskorrespondenz und als Mitarbeiter zahlreicher bayerischer und außerbayerischer Zeitungen eine ebenso umfangreiche wie aufreibende Tätigkeit im Dienste der katholischen Sache und der Zentrumspartei tu entfalten. Es gibt kaum ein bekannteres Zentrumsblatt in Deutschland, das nicht schon Arbeiten aus seiner Feder veröffentlicht bättc. Nach dem Tode Dasierburgs (Mai 1897) übernahm er die Herausgeberschaft der „Wahrheit", die sich unter seiner Leitung ;u einer der angesehensten, kathol-'cheu Revuen entwickelt hat. 1904 gründete, er die „A llge- m e t n-e Nnndscha u", Wochenschrift für Politik und Kultur, die sich in den 9 Johlen ihres Bestehens zu einem der angesehensten Oraane der deutschen Katholiken und zu internationaler Verbreitung empor- gearbeitet hat. Durch ihr svstematisches Eintreten für den konfessionellen Frieden hat die Kausensche „Rundschau" sich auch unter den versöhnlicheren Elementen auf evangelischer Seite Freunde und gelegentliche Mitarbeiter geworben, die selbst bis in regierende ssürstenhäuser hineiureichen. Seine treu katholische Gesinnung und sein konsequentes Eintreten für die durch eine zügellose Literatur und Astcrkmfft immer ärger gefährdete Zucht und Sitte brachen ihn in der bayerischen liberalen Presse bald in den Geruch eines Rückschrittlers. Schließlich aber batte er die Genugtuung, daß sich immer mehr ernste und besonnene Männer aller Konfessionen und Parteien M den Grundsätzen bekannten, die er in Zeitschriften und Broschüren so energisch vertraten hat. Die. Gründung des Interkonfessionellen Münchener Männer- oerctnS zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit Ä auf seine tatkräftige Initiative zurückzufübren. Er M auch als die eigentlichem Seele dieses Vereins. Mit der Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Mld wird Kausens Name unzertrennbar verknüpft bleiben, denn er erwarb sich durch seinen Kamvf in ”r „Allgemeinen Rundschau" ein großes Verdienst um die Unschädlichmachung der Pornographie. Er'
Der Gras von Tarent.
fö] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
„Ich wünschte, ich könnte Ihren Freund, den Herrn von Meneville, in diesent Augenblick sehen", «gann der Prinz von'Indien aufs neue das Ge-, §uach. „Als ich Rom verließ, gedachte ich regen verkehr mit ihm unterhalten zu können, doch scheint jo' « er sich mit Absicht von mir znrückge-
Die junge Witwe atmete erleichtert auf. Wie °?uibar fühlte sie, daß er wieder gesprochen. Nur mcht dieses Stillschweigen, nur das nicht. Sonder- r“1- Schritte wurden in diesem Augenblick hör bar, an konnte deutlich das Knirschen der Sandkörner 7'« einem festen Männerschritt vernehmen auf M Kiesweac; als sie die Allee entlang blickte, da ??Jte den Mann herankommen, von dem der Prinz Ptoen gesprochen der Mann, dem sie Seele und u°rper verkauft.
Herr von Meneville verbeugte sich tief vor dem . mzen, und ehrerbietig grüßte er die Gräfin von ^rent. Nicht die. geringste Vertraulichkeft zwischen
und thr war bei diesem Gruße zu bemerken. Der
■)!3 hatte sich erhoben und reichte dem Angekom- hand" Mündlichem, gewinnendem Lächeln die
schön von Ihnen, lieber Boron, hierher zu sagte der Prinz, „eben habe ich mich der ht rän ra^n gegenüber beklagt, daß Sie mich hier bi« (aJ,uc vernachlässigen. In Rom hatte ich öfter
<rc Ihrer Gesellschaft."
bet 1p $ bitte Hoheit um. Verzeihung", entgegnete den /,an war ist da? weniger gelegen, als an tin h’T’ “u'5eV- Vielleicht hat Ihnen bic: Frau Grä- tniA .- • J wrtgeteilt, daß ihr verstorbener Gemahl ght8 f .'nct. Freundschaft würdigte, in der Tat, ich ich h: etlt und aus in der Burg Tarent, als sei jtitinp,, -H Hause. Nach dem bedauernswerten srüh- dtich S weines Freundes Tarent fühlte ich derpflrchtet, ber Kau Gräfin zur Seite zu
hat wegen dieser Tätigkeft aber auch die schmählichsten Angriffe über sich ergehen lassen müffen.
Dr. Kausen war ein charaktervoller ganzer Mann, ein überzen stet Katholik, ein gewandter, vornehmer Publizist. Persönlich war er ein gefälliger und liebenswürdiger Mensch. Seine Tätigkeit im Dienste der Kirche wurde vom Helligen Stuhle wiederholt durch Ordensauszeichnungen anerkannt. Es wurden ihm das goldene Kreuz „Pro Ecclesia et pontifice" (1889), und das Komthnrkreuz des Gregorius-Ordens zuteil.
Ein Mann wiegt schwer m so teurer Zeit; nun gar ein Mann wie Armin Raufen, von solcher Lauterkeit und unbeugsamer Festigkeit de« Charakters, von solch opferfreudiger Ueverzeugungßlreue, solch besonnener Entschiedenheit im Kampfe für Recht und Freiheit, in der Verteidigung katholischen Denkens und Lebens, tm Ringen für den Fortschritt der wahren Kultur; ein zäher Arbeiter und gewandter Fechter, einer jener Manner, die Ziel und Richtung gebend, unter den baulichen Katholiken w rken.
Die Fuldaer Acliendrnckerei hat sich immer freudig erinnert, baß sie es gewesen ist, 6te Dr Kausen vor letzt 50 Jodren den Eingang tn die Laufdahn eines ReoakieurS bet katholischen Presse eröffnet hat, daß es die ,Fuld. Ztg/ gewesen ist, die ihm Gelegenheit bot, in bewegter Zeit teilte Feder tn den Dienst des latholischen Demschumd zu steilen. Roch heute steht es htcr in gutem Andenken, rate Dr. Kausen al? Redakteur der,Ful». Ztg/ für die katholische Kirche und die Zentrumspartei gewirkt hat in der Verteidigung der Rechte des Volkes m überzeugungSfester, schaffenk- sreudtger und lebenSsrischcr journalistischer Tätigkeit.
Allzu früh nach menschlichem Ermessen ist et nun aus seiner fruchtbringenden Tätigkeit abberusen worden; sein Tod rcißl eine Haffinbe Lücke in die Publizistik. Doch der schwere Verlust soll uns nicht lähmen. Nein, gerade ün Hinblick auf den unvergeßlichen Müstreitcr, auf dcn Heimgegangenen Vorkämpser christlicher Sitte und christlicher Staatspolitik im Zentrumssinne, schreiten wir bewußt und unerschrocken auf dem Wege fort, de ner gegen gen und nu llen uns bemühen, durch er« höhten @i|er die vom Tose gerissene Lücke an^üllcn zu heheit.
& Die preußischen Landt«gswahlen.
Vor fünf Jahren glaubte man allgemein, dies sei das letzte Mal, daß auf Grund des alten „deitbch" Wahlverfahrens die Landesvcrtretcr erkürt würben. Ater jetzt müfjen wir nochmals nach s>m vielgc- scholtcnen System wählen. Unb ob tn ber neuen Gcsetzgcöungsperiode eine Wahlreform '-ustanbe kommen wird, bas ist noch sehr zweifelhaft. Manche haben bas Hoffen verlernt unb machen sich auf eine weitere Verschiebung der Wahtreform gefaßt.
Tie e nf r u m Spartet kann angesichts dieser Schwierigkeiten sagen: Ich habe das meinige getan' In der Tat, wenn die Regierung sich den Bestrebungen des Zentrums angeschlossen hätte, so würden die Wähler in diesem Jahre sich wenigstens des großen Fortschritts bet geheimen Stimmabgabe erfreuen. Obendrein hätten sich noch heilsame Abschwächungen bet Plutokratie, des übermäßigen Einflusses des Großblockes erzielen lassen. Unfern Führern im Abgeordnetenhauje ivar es gelungen, die konservative Partei, deren Beihilfe zu einer Wahlreform unentbehrlich ist, zu der Mitwirkung an' einem wesentlichen Fortschritt zu bewegen. Tas Kompromiß hätte auch die Zustimmung des Herrenhauses gefunben,. wenn nur die Regierung sich dafür eingesetzt hätte. Aber Herr v. Bethmann ließ durch den Frhrn. h. Schorleniet, der damals erst Mtnisterlandidat wat, im Herrenhause einen A b - ä n d e r u n g s a n t r a g zur - Wahlklassenbildung stehen in ihrem bitteren Leid, l.rrd 'es macht mich glücklich, sagen.zu können, daß mein Rat und mein Beistand mit einem Wohlwollen belohnt ist, das ich mir zu erhalten gedenke bis <■.« mein Lebensende. Ich fühle mich gleichsam verwachsen mit diesem Hause, das seit langen Zeiten mir eine zweite Heimat war. Ich teile Freuden und Leiden. Stellen Sie sich deshalb mein Entsetzen vor, Monseigneur, als ich von Rom hierher nirückkehrte und hörte, ber Erbe von Tarent sei verschwunden. Wenige Stunden waren nur vergangen, seit man den Knaben zuletzt gesehen. Ich kam gerade recht, um an den Nachforschungen nach dem unglücklichen Kinde teilzunehmen. Schade, jammerschade um das bildschöne Kind, ich hatte mich so sehr gefreut auf sein Wachsen und Gedeihen. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie die Kopfbedeckung und -seine Pnpve, die dem Knaben lieb war, von den Wellen des Meeres da draußen auf und nieder geschleudert wurden. Ah, der Gott, an den die Menschheit glaubt, ist nicht immer gerecht!"
Auch die Gräfin hatte sich erhöben von ihrem Sitze — die Bank hätte für cin.cn Dritten nicht Raum gehabt — und die Gruppe ging mm in der Richtung nach der Stelle zu, wo das Ilnglück sich zugetragen hatte.
Der Prinz von Indien streckte, nachdem ber Baron geendet, die Hand gen Himmel und blieb stehen. „Doch Gott ist gerecht!" rief er feierlich, „wir Sterbliche erkennen nur oftmals nicht seine Wege. Ließ er es geschehen, daß Vas Kind diesem Hause und der Welt entschwand, so war es zu dessen Heil! B^cnken Sie, Herr von Meneville, daß niemand, atmet, ber Voraussagen könnte, welche Gefahren und welche Leiden das Schicksal für ein junges Menschenleben im Schoße birgt." '
Meneville fühlte sich unangenehm berührt. Er wehte die Lippen zusammen. Eine Antwort fand er nicht. Fing dieser Märchenvrin; wieder an, seine Gedanken zu lesen, wie er in Rom getan? Besaß er wirklich solche Fähigkeiten? Er gedachte der Dame Cisarelli und der Tropfen, die sie ihm gegeben. Da wäre allerdings schwere Gefahr gewesen für das
durchdrücken, der wie eine Sprengbombe wirkte und das ganze Unternehmen vereitelte.
Inzwischen hat sich immer deutlicher herausgestellt, was damals die Einsichtigen schon erkannt und zur Richtschnur ihre Taktik gemacht hatten: es ist unmöglich, die Frage des preußischen Wahlrechts mit einem Schlage im Sinne des „allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen" Systems der Reichstagswahlen zu lösen. Die Fehler und Mängel des mehr als 60 Jahre alten Landtagswahlrechts lassen sich nur stückweise und schrittweise, durch allmähliche Anpaffung an die neirzeitlichcn Verhältnisse ausbessern.
In der Zwischenzeit haben wir die bewegten Reichstagswahlen von 1912 erlebt, die ein riesiges Anwachsen der sozialdemokratischen Frak- twn mit sich brachten. In Verbindung damst stand die Entwicklung des Großblockgedankens. Die Umsturzpartei fand nicht bloß in gewissen süddeutschen Landtagen, sondern auch bei den Reichstagswahlen und. bei den Wahlen zum Reichstags- Präsidium eine weitgehende materielle und moralische Unterstützung von Fortschrittlern und I u n g l i b e r a l e n. In Folge dieser bedauerlichen Entwicklung der parteipolitischen Kämpfe wurde weithin die Abneigung gegen jede „demokratische" Wahlreform gesteigert oder neu begründet. Das skandalöse Treiben der sechs Sozialdemokraten im preußischen Abgeordnetenhause tat fein übriges. In vielen Kreisen denkt man jetzt: „Nur keine Alahlreform, die uns auch noch in Preußen mehr Sozialdemokraten oder Bundeßbrüder der Roten beschert!" Wie mächtig diese Parole geworden ist, konnte man neuerdings aus den Verhandlungen des konservativen Parteitages ersehen.
Die Aussichten für eine durchgreifende Reform des preußischen Wahlrechts sind also jetzt noch schlechter, als von fünf Jahren. Die Schuld daran tragen hauptsächlich die Radikalen auf ber Linken, die durch ihr herausforderndes Verhalten die „Reaktion" heraufbeschworen haben. ■
Das Zentrum hat das {einige getan, um die Reform in Fluß zu bringen. Wir können die Angriffe von links leicht zürückweisen unter Hinweis auf die Tatsache, daß unsere Freunde alles Wohl vorbereitet hatten, um die erste Bresche in das veraltete Svstem zu legen: und wenigstens die geheime Stimmabgabe die wichtigste Garantie ber Wahl- freihe.it, sofort zu sichern. Wir brauchen uns aber nicht auf diese Abwehr zu beschränken, sondern können zum Angriff auf die Agitatoren übergehen, ändern wir ihnen nachweisen, daß es gerade die Sozialdemokratie und deren öffentliche oder geheime Bundesgenossen sind, die durch ihr staatsgefährliches und herausforderndes Verhalten den Reformgedanken sowohl bei der Regierung als bei den ausschlaggebenden Konservativen in Mißkredit bringen.
Die schlimmsten Feinde des Fortschritts und der Freiheit sind diejenigen, welche die Freiheit zu Umsturzzwecken mißbrauchen.
Deutsches Keich.
*♦ Berlin, 15. Marz 1913. Der Slaaksminister a. D. Geh. Reg.-Rat Tr. GiSbert v. Vonin-Vrettin ih fftftorben. Exzellenz n. Benin war Bevollmächtigter jtim Bundesrat und Mitglied des Heri entmiste?."
** Dee Seifer m itt Landwehrssiizierkkerpt. Erst jetzt wird balbamthd) die Neöe, bse bet Kaiser am 10. März im LandwehroffizierS-Kasino zi> Berlin nebelten hat, im Wortlaut helannlgegeden tn Kaiser sacke u. e.;
.Tie feierliche Erneuerung Ihres TrenschwnrS und ba? GclödrnS, Ihrer LanLwetnvcviie „®lit Gott tüt
junge Menschenleben, das ihm im Wege gestanden war — sonderbar, daß dieser Prinz, von dem nie- man wußte, woher er kam und wohin er ging, immer das Rechte traf in seinen Aussprüchen.
„llntex solchen Umständen werden Sie begreifen, Hoheit, daß cs mir wenig darum zu tun war. Besuche abzustatten und Einladungen anzunehmen", sagte Meneville. „Der Verlust des Kindes und der Schmerz der Mutter ging mir nahe, sehr nahe!"
Der Prinz versuchte, in das Gesicht der jungen Fran zu schauen, es gelang ihm nicht. Sie hatte dasselbe bei der Rede ihres Geliebten abgewendet. Viel kleiner schien er ihr in diesem Augenblicke im Vergleiche zu dem anderen. Zum ersten Male fühlte sie ein Bedauern, daß sie ihn je kennen gelernt. Welch niedrige Verstellungskunst! Sic selbst fühlte sich schuldig, schuldig über alles Maß, aber sie hatte Trug geübt aus Leidenschaft, er aber täuschte durch falsche Worte, wo Worte unnütz waren. .
Die drei standen nun an der Stelle, wo der Ausgang war zu dem Fclsenpsadc, von dem cs steil ab- sicl zur' See.
Bon hier aus war ein weiter Ueberblick über das Meer/ Der Prinz schaute, von seltsamen Gefühlen bewegt, Hinüber »ach dem Felserleiland, deffcu zackige Konturen aus der See in ber Ferne aufstiegen. Dort lebte ein holdes, reines Wesen mit dem Knaben, den man hier tot glaubte. Das Weib an der Seite, das mit ihm einst vor den Altar getreten, schaute er mit Sehnsucht hinüber, 'n ihr, an der seine Seele hing.
Tic neben ihm stand, batte mit seinem Selbst nichts zu tun, sie war ihm so fremd, als sehe er sie zum ersten Male. /Zwischen ihr und ihm lagen unermeßliche Fernen. Richt eine Faser verband ihn geistig mit ihr. Er wundert? sich, wie er sie einst lieben gekonnt. Er begriff sich selbst nicht.
Er hatte ein schönes Gesicht geliebt, eine Fratze, die lachen und weinen konnte. Wie lange war das denn her? Hundert Jahre mutzten vergangen sein. — Er schaute sie an, und sie wendete nun nicht mehr das Gesicht zur Seite. Welch ein Unterschied zwi- chen ihr und jener! Diese Augen schauten traurig oder kokett, bic Lider mußten dem Blicke Helsen. Bei
König und Vaterland" allezeit eingedenk zu bleiben und ihr nachzuleben, habe ich gehobenen Herzens entgegen« genommen. Es ist nur eine toargfefjaft bafür, daß der Seift treuer Pflichterfüllung, derumerem Volke vor hundert Jahren mit Gottes Hilfe den Steg verlieh, auch henke noch in den Ostiztertorps des Benrlaubten- standes rote der aktiven Arnne lebendig ist. In unserer ernsten Zeil aber gilt es, diesen Geist der Hingabe an daS Vaterland auch in unserem Volke und tn feiner Jugend wach zu erhalten, die sittlichen Strafte zu heben Und zu stärken und nicht durch Selbstsucht, Genußsucht und Abfall von dein Glauben unserer Väter verkümmern zu iaflen. Unb dazu mitzmvirken, sind Sie, Kameraden von ber Reserve unb Landwehr, ganz besonders berufen uns uuSersehen. Sie stehen in Ihrem Derufsleben tn bauernder Fühlung mit allen Schichten berBevölkerung. Ihr Beispiel, Ihre Lebensanschauung unb Ihre Pflichterfüllung gegen Gott, König und Balerlanb sind von auBerorbentlidjer Bedeutung im Kampfe gegen die tinsteren Mächte des Unglaubens und derVaterlandslosigkeit, die in unseren Tagen an dem gesunden Marke unteres Volkes zehren und seine Ruhe und seine Zukunft zu zerstören drohen. Des Vaterland erwartet von I men in erster Lmie nicht krtegerische Lorbeeren, sondern ein verdienstvolles W rken a!3 Staatsbürger. ES rechnet daraus, daß Sie dem deutschen Volke unb besonders der deutschen Jugend mit Rat und Tat und einem charaktervollen Borbilde treu zur Seite stehen. Ein solches Eintreten für die idealen LebenSwerte wird Sie um jo tüchtiger mache'» zur Erfüllung Ihrer militärischen Aufgaben als Führer der Söh'ae unseres Volkes, auch aus dem Schlachtselde, wenn die Not des Vaterlandes Sie je zwingen sollte, Ihren stiedli' en Beruf mit dem Schwert zu isertaujcben. Das ist der Weg, auf dem Sie sich als würdiger Nachfolger jener etntn Landwehrofkiziere vor hundert Jahren erweisen sollen, die nicht nur auf des Königs Rus selbst freiwillig zu den Fahnen geeilt waren, sondern schon vorher, als sie noch auf dem Katheder, im Bureau, in der Fabrik ober auf eigenem Hofe schafften, durch Wort, Lieb oder Brispicl die gute Saat tn das Herz beS Volkes ge« ftteul und es zur freubigen Hingabe von Gut und Blut für Ehre und Freiheit des Vaterlandes begeistert hatten. — Eingedenk des verheißungsvollen und zugleich mahnenden Wortes des Feldmarschalls Blücher tn seinem Armeebefehl nach der Schlacht von Belle Alliance „Nie wird Preußen linieigehen, wenn eure Söhne und Enkel euch gleichen" und tm festen Vertrauen auf die Treue meiner Ttiarier trinke ich auf bas Wohl des Landwehrosfizier- korps Berlin. Vivat Regis triarii.' Drei Hurras unserer Landwehr!"
4* Der deutsche Wchrverein erläßt anläßlich der bevor stehendeit Vervollkommnung unserer Rüstungen einen Ausruf, der neben mancherlei beherzigenswerten Gedanken auch wieder jene Ungeschicklichkeiten enthält, wie man sie in den Verlautbarungen, die von. alldeutscher Seite kommen, stets findet':
„Der Wehrverein ist stets eingetreten für die volle Durchführung ber allgemeinen Wehrpflicht. Was wir einmal ronten, aber nicht mehr nno, sinv liniere west», üchen Nachbarn: ein Volk in Waffen. Nach Wiedereinführung bet dreijährigen Diansizeit wird ,hr Heer bas mtfrtge an Friedensstärke «eit übertreffen. Eine höchst, bedenkliche Steigerung der Angriffskrast und Angriffslust wird dann die sichere Folge sein."
Das selbstgefällige Erinnern, daß der Wchrverein stets niehr Rüstung gefordert hat, ist unangebracht.. Wir könnten den Wchrverein daran erinnern, daß er .er deutschen Regierung des öfteren schon mit seiner überlauten Forderung einen schlechten Dienst erwiesen hat, weil dadurch im Auslande der Anschein erweckt werden mußte, als hätte unsere Heeresorganisation bedenkliche iÖiängel gehabt. Wenn die Regierung die jetzt in Aussicht genommene Heeresverstärkung damals noch nicht für nötig hielt, sondern jetzt erst mit Neufer derungen kommt, so wird sie dazu ihre ganz beson-. dere Gründe haben. Die Art und Weise, wie der Wchrverein für die Verstärkung unseres Heeres Propaganda gemacht hat, hat mehr geschadet als genützt und mit seinem jetzigen Gebahren verhält es sich nicht anders. Gewiß sollen wir unseren Gegner nicht unterschätzen. Aber was soll es heißen, wenn der Wehrverein unsere westlichen Nachbarn im Gegensatz zu- jener sab man in den Augen die Seele. Man konnte sie ergründen, klar und rein lag sie - vor dem Beschauer. Die" Blinde hatte nichts zu verbergen, die Sch:nde alles. Ein Engel des Lichts und einer- der Finsternis.
„Von jetzt an werde , ich mehr zu . Euer Hoheit Verfügung stehen", begann Menavillc aufs neue. „Wir Menschen können uns nicht immer der Trauer über die Verlorenen hingeben, besonders in einer Zeft, wo vor kurzem noch der Tod sein Heim in jedem Hause aufschlug. Wollte man die hergebrachten Formen hochhalten, jeder Mensch fast müßte im Trauerflor umherwandeln, denn wer hat nicht vor kurzem ein Glied aus seiner Sippe verloren? Es freut mich, daß der alte Geist der Fröhlichkeit wieder im Volke erwacht ist, es tut den Toten nicht weh, daß man wieder, wie einst, Musik und Gesang hört auf dcn Straßen. .Das Volksleben ist wieder erwacht. Die Heiterkeit der Südländer bricht wieder durch. Die vornehmen Häuser haben sich wieder ge- ifffnct, Besucher werden geladen, Feste gegeben, wie einst. Das bringt das Geld wieder ins »Rollen. — Ah, mein Prinz, weil ich vom Gelbe spreche, das erinnert müh an ein Gerücht, das heute morgen in der Stadt. von Mund zu Mund läuft: Sie sollen der Kirche zum heiligen Geiste vierzigtausend Du- 'aten zum Geschenk gemacht haben. Der Jude Isidor Baruch hat das Geld diesen Morgen der Kirchen- verwaltung ausgezahlt in Ihrem Namen, die Nachricht verpflanzte sich von Mund zu Mund, und in diesem Augenblicke spricht die ganze Stadt von dem untzeheurert Geschenk. Hoheit, wer so geben kann, der muß Schätze besitzen ohne Zahl. Sic sind ein sehr, sehr glücklicher Mann."
„Meinen Sic," fragte der Prinz bedeutungsvoll. „Dringt denn der Besitz von irdischen Gütern Glück und Zufriedenheit? Ich verachte das Geld, meine imiönlichen Bedürfnisse sind gering und leicht zu be- riobigen. Tie Jagd nach dem Golbe ist eine Krankfeit, welche die meisten erfaßt, unb doch ist Gold nicht mehr wert, als Sand, wenn ber Tod an das Saget eines Reichen herantritt. Sticht eine Minute Leben kann er sich damst erkaufen."