Fuldaer Leitung
ümstag 15. März 1915.
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und daran wird weder die Nikolin- noch die Alkohol- furcht viel ändern. Dis kleinen Beschwerden, die man
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Auf dem Balkan scheint der Friede fürs erste noch nicht einzukehren. Dir Vermittlung der Mächte scheint daran scheitern zu wollen, daß die Verbündeten auf der Zahlung einer Kriegsentschädigung durch die Türkei bestehen. Diese ist hierzu aber einfach nicht imstande. Mit der Schlichtung des bulgarisch-rumänischen Konflikts wird sich eine Botschafterkonfcrenz in Petersburg befassen. Ter rumänische Prinz Ghika, der bereits in der russischen Hauptstadt eingetroffen ist, wird dort neben dem rumänischen Gesandten die Interessen seines Landes wahrnchmeu. Ti- Konferenz findet unter dem Vorsitz des russischen Ministers des Auswärtigen, Ssasonow, statt.
— Vom Examen. Professor: »Gibt es Fälle, Herr Kandida', in denen die Unkenntnis des Gesetzes nichts schadet ?' — Kandidat (nach kurzem Besinnen): ,Q ja, wenn man schon feinen „Assessor" gemacht hat."
nach einem vergnügten Abend vielleicht bat, beseitigt inan, indem man ein paar von Fays ächten Sodener Mineral-Pastillen im Munde zergehen läßt. Die Pastillen wirken ersrilchenv, sie beseitigen die Verschleimung und zugleich auch die Säureansammlung im Magen. Eine Schachtel mit Fays Sodener sollte man darum immer zur Hand haben. Sie kostet nur 85 Pfg, und ist überall zu haben. Sdoncere Kennzeichen: Der Name „Fay" und weißer Kontroll- ___streifen mit amtlicher Bescheinigung des Bürger- Kh Amtes Bad Sooen a. T.
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vermischtes.
* Jugendliche Giftmischerin. In Regensburg wurde das 16jährige Dienstmädchen Marg. Probst, das aus Aerger darüber, daß es nicht genug Ausgang beklommen habe, innerhalb weniger Tage viermal Salz- säure in die Milch, den Tee oder Kaffee geschüttet hatte, zu 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
* Ein englisches Kanonenboot quer durch Frankreich, Das englische Kanonenboot „ffloofe* ist zur Bewachung nach den westafrikanischen Gewässern abkommandiert worden, besitzt aber nicht genügend Tiefgang, um bei den augenblicklich herrschenden Stürmen eine genügende Sicherheit gegen Schiffsunfälle zu bieten. Besonders der bewegte Meerbusen von Biscaya könnte ihm gefährlich werden. AuS diesem Grunde wird das Kanonenboot mit Erlaubnis der französischen Regierung durch die französischen Kanäle vom Aermelkanal bis zum Mittelländischen Meer fahren.
* Ein Schnellkoch. In der Kochkunstausstellung im Lunapark in Paris wird gegenwärtig ein Wettbewerb im Kochen veranstaltet. Zur ersten Probe hatten sich vierzehn Bewerber eingefunden, denen je eine durch Ersticken getötete Ente und das nötige Material, sowie die unentbehrliche Spirituslampe zur Verfügung gestellt wurde. Bereits nach sieben Minuten hatte der erste, ein 24jähriger Koch, nicht nur die Ente vollständig durchgebraten und die. scharfe, braune Sauce fabriziert, sondern die Ente auch nach allen Regeln der Kunst zer- fchnitten und auf dem Präsentierteller hergerichtet. Alle seine Mitbewerber brauchten mindestens die lwppelte Zeit, ohne jedoch die Qualität seines Bratens im Entferntesten zu erreichen. Dem Kochkünstler wurde die goldene Denkmünze verliehen.
tige Einrichtung; denn sie braucht titele Monate, um das Getreide langsam heranwachsen und reifen zu lassen, und das paßt doch gar nicht in diese Zeit der Schnellfabrikation. Schnell soll alles gehen; schnell will der Mensch groß und selbständig werden, schnell will er wohlhabend werden, schnell will er 'eine Tagesarbeit erledigen, schnell will er sich in das Vergnügen stürzen, schnell will er das Erworbene ober Geliehene ausgeben, schnell will er den Becher der Lebenslust auskosten. Diese Hast wird zu einer aufreibenden Last, und das Ende vom Siebe ist, daß der friedlose Mensch schnell alt und schwach wird.
Die Zahlengelehrten machep viel Aufhcbcff? von dem Rückgang der Sterblichkeit. Mir imvo- nieren diese Ziffern gar nicht. Rechnen wir einmal alle Fortschritte zusammen, welche die Menschheit int letzten halben Jahrhundert gemacht hat durch Verbesserung der Nahrung, Hebung der ganzen Lebensführung, Entwicklung der Gesundheitspflege, Herstellung tion einwandfreien Wasserleitungen und zweckmäßigen Entwässerungen, durch Entwicklung der ärztlichen _ Kunst, Schutzpockenimpfung, Heilserum, Krankenhäuser, Krankenversicherung, usw. usw. Müßte da nicht der Rückgang der Sterblichkeit und die Verlängerung der Lebensdauer noch viel, viel größer sein? Offenbar gibt es da verderbliche Einflüsse, die der Gesundheitspflege entgegentoirfen, und das ist einerseits der Maschinendienst, der als Entlastung der Menschenmuskeln gedacht war, ober zt! einem Räuber an der Lebenskraft geworden ist, und andererseits die aufreibende Unrast, die das ganze moderne Leben und Treiben mit sich bringt.
Bezeichnend für die Nervenschwäche der Gegenwart ist der Eindruck, den die Kricgscreig- nisse machen. Im vorigen Herbst ist der' Balkan- krieg ausgebrochen, und die Zuschauer sind höchst verdrossen darüber, daß er zu Ostern noch nicht einmal «t Ende ist. So. eilte Langsamkeit findet man unerhört. Nicht einmal das Zuschaueu kann man so lange aushalten! Vor 100 Jahren haben unsere Vorfahren zu threm und unserem Glück etwas mehr Geduld und Ausdauer gehabt. Die Befreiung vom Joche Navoleons ging wabrlich nicht im tSonSum,
3. Blatt.
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den „Nathan" geschrieben habe, „um dem Offen» barungsanspruch des Christentums einen Stoß zu geben" (S. 45). Wo Lessing anders redet, ist es nicht etwa innere Ueberzeugung, sondern ein „exotischer Vortrag", d. h. taktis'c Verschleierung seiner eigentlichen radikalen Ansicht.
.Lessing bat die OffenbmungSansprüche der positiven Religionen abgelehnt. Alles, was m den tveotoguchen Streitfrtiri’ten und tn der „Erziednng des Menfchen- geschlechtes" dem wideripricht, gehört nur dem ,exo- tetlichen Vortrag" an. Das ist ein Resultat, und kein unwichliges. Es zeigt die Irrigkeit der von Ritter, Waüernaael, Soeben ein ft verfochtenen, beute noch nicht aui-geftorbeiien Beurteilung der schließlichen religiösen Stellung Lessü-uö." (S. b8.)
So gelangt beim Loofs zu dem Endergebnis: „Müssen wir aufhören, die Kluft zu empfinden, die, wenn auch in verschiedenem Maße, uns tion ihm trennt? Im Gegenteil! Die Wahrheit fordert, daß wir sie empfinden. Tenn Lessing hat letztlich nur e i it e r j e b e Positive Religion verwerfenden Aufklärung, nicht dem Christenium dienen wollen" (S. 64).
Wir empfehlen diese Urteile besonders den Männern der „Wartburg", welche in ihrer bornierten Pflege der konfessionellen Hetze so gerne den „Protestantismus" der deutschen Klassiker hervorheben und diese als Zeugen der geistigen Kraft des Protestantismus hinstellen, ein Umstand, der in anderer Hinück ja auch eine Charakteristik des Christentums der „Wortburg" selbst bedeutet, aber nicht eben eine sonderlich schmeichelhafte.
Reklame«- «ud Anzeigenteil.
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drehen vor sich. Zu Anfang des Jahres 1813 wurde b_er. erste Grund gelegt durch die Konvention von Tauroggen, als der preußische General Aorck eigenmächtig sich mit den Russen verband. Korck mußte zwei Monate lang aushalten in der Ungewißheit, ob er wegen seiner Eigenmächtigkeit auf dem Sandhaufen erschossen ober von seinem König gerechtferngt werben würbe. Erst im März fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten und zu Gunsten des Bündnisses mit Rußland. Dann dauerte es nach sieben Monate, bis die entscheidende Schlacht bei Leipzig geschlagen wurde, und wieviel Sorgen und Mühen gab cs in diesen schweren Monaten, wieviel Tapferkeit, Zähigkeit, Starkmut und Geduld mußte da aufgeboten werden!' Bei der Verfolgung des zurückweichenden Feindes gab es nun wieder viel Hemmnisie. Erst zum Neujahrstag 1814, also ein ganzes Jahr nach der Flucht Napoleons aus Rußland und nach der Konvention von Tauroggen, konnte Blücher den Rhein bei Kaub überschreiten. Wenn dieser alte Gaudegen nicht von dem gewaltigen Vorwärtsdrang beseelt gewesen wäre, so hätte es noch länger gedauert, bis man in das Erbland des Feindes gelangt wäre. Und dann gab es noch ein Vierteljahr voll Kämpfe und Beratungen, bis man endlich Hallali blasen konnte. Von der weiteren Geduldsprobe, welche die langwierige Diplomatie den Völkern bereitete, und von der unvermuteten neuen Kraftprobe bei Waterloo, die Napoleon durch seine Rückkehr tion Elba notwendig machte, wollen wir nicht näher sprechen. Es genügt, um unseren Vorfahren den Ruhm gesunder Nerven zu sichern. Das waren noch Leute tion ruhiger Festigkeit, von zäher Ausdauer, tion ziel- bewußter Geduld.
Ich zweifle nicht an dem Wagemut unseres gc- genwärtigen Geschlechts. Aber, ob wir die nötige Nerticiikraft zur Beharrlichkeit haben, das ist die ernsteste Sorge. Ctrohfeuer machts nicht: es muß eine nachhaltige Glut sein, die nicht in Wind und Wetter schnell vergeht.
. Die Nervenschwäche ist die gefährlichste Zeitkrank- beft Du und ich, wir sind keine Mt-liboktoren. aber
wochen-Nundschau.
(:| Fulda. 14 Marz 1913.
Das preußische Volk hat am Montag den hundertjährigen Gedenktag der Volkserhebung im Jahre 1813 festlich begangen. Es war dem Volke ein Be- tzürfnis, nicht nur durch patriotische Gedenkfeiern der großen Zeit vor 100 Jahren sich zu erinnern, sondern auch durch Dankesgottesdienst im ganzen Lande dem obersten Lenker aller Geschicke Dank zu sagen für den Beistand, den er den Vätern vor einem Jahrhundert hat angedeihen lassen. Eins ist im ganzen Volke das Gefühl, daß es kein würdiges Begängnis der großen Volkserhebung Preußens gegen die französischen Bedrücker wäre, wenn nicht auch der Geist und die Tugendkraft, die vor 100 Jahren unser Volk so stark und unüberwindlich machten, im heutigen Geschlecht neues Leben gewännen. Dieser Ueberzeugung gaben auch die meisten festlichen Veranstaltungen zur Begebung der Jahrhundertseier Ausdruck, das betonte vor allem auch der preußische König in seinem Aufruf an fein Heer, den er am 10. März erlassen hat.
Die geplante H e e r e s v e r st ä r k u n g und die Frage, wie die Ausgaben, die sie verursacht, gedeckt werden sollen, steht nach wie vor im Mittelvunkt des Interesses. Die in dieser Woche in Berlin versammelte Konferenz der bundesstaatlichen Finanzminister und Bundesratsmitglieder hat der Erhebung einer einmaligen Abgabe vom Vermögen zur Deckung der einmaligen Kosten allgemeine Zustimmung gegeben. Die jährlich aufzubringenden 200 Millionen "können natürlich nicht durch eine einzige Steuer bestritten werden; ob nun die Reichsvermögenssteuer ober bie Erbonfallsteuer vom Bundesrat beschlossen wird so müssen doch auch noch andere Steuerguellen erschlossen werden. Genannt werden u. a. die Wehrsteuer Dividenden- und Kotierungssteuer, Inseraten- und Reklamensteuer, mehrere Staatsmonopole u a m Man tut übrigens am besten, sich zu gedulden, bis die Deckungsvorschläge der Regierung der Ocffentlich- kett bekanntgegeben werden, was voraussichtlich noch vor Ende dieses Monats der Fall sein wird. Dem ^^lag f°P nämlich voraussichtlich schon vor dem 28. März die Wehr- und Deckungsvorlage zugehen, der nach Beendigung seiner Osterferien, voraussichtlich am 7. April, die erfte Lesung der Wehrvorlage be- ginnen wird. ö
Im Laufe der letzten Woche stattete auch der neue P r' " Sregent von Bayern mit seiner Gemahlin dem deutschen Kaiser einen Besuch ab Er wurde von der Berliner Bevölkerung herzlichst bewillkommnet. Viel beachtet wurde eine Rede des Pnnzreqcnten während seines Aufenthaltes in Ber- “n'4n Ler er öie Reichsfreudigkeit Bayerns betonte. < ankreich ist der Gedanke der Revanche
wieder. lebendig geworden. Ueber die Richtung der französischen Gedanken ist man bei uns durchaus nicht im Unklaren. Man will ein Plebiseit in Elfaß-Loth- rmgen verlangen, weil man hofft, daß es sich für den Anschluß an Frankreich aussprechen werde Die Neherchauvinisten denken gar an die Rheingrenze. Unb raffeln dabei nm dem Säbel. Das ist aber nicht tragisch zu nehmen. Man könnte mit Ben Akiba sa- gen, es ist alles schon dagewesen. Mit der Armee der „glorreichen Nation" hat es einen Haken: Es ist eine Armee ohne Soldaten. Eine Armee ohne Soldaten ist tote etn Geldbeutel ohne Geld: Mit beiden kann man nicht titel anfangen, jedenfalls aber keinen Spaziergang nach Berlin machen.
h ,.®"e erfreuliche Klärung hat der düsterumwölkte politische Horizont dadurch erfahren, daß Oestetreich- Ungarn und Rußland sich über eine Demobilisie-ung der an der russisch-österreichischen Grenze anacbäüften Lruppen verständigt haben. Tief aufatm'end hat Europa diese Kunde vernommen, denn tote ein böser Alp lastete fett Monaten auf aller Welt das Bewnßt- scm daß an der russisch-österreichischen Grenze Hun- | dfrttausende von Soldaten in voller Kriegsbereitschaft einander gegenüberstanden, und alle Bemühungen, t Wien und Petersburg bestehende gegen.
!ettige Mißtrauen zu bannen, zu versagen drohten.
Einen entschieden guten Eindruck hat die Rede des Premierminister Asgnith im englischen Parlament hinterlassen. Er erklärte, daß die politische Giuppierung der Mächte dieselbe geblieben sei und °°tz England an der Entente mit Frankreich und Rußland ftsthalte und auch ferner festhalten werde Das haben alle Kenner der Politischen Weltlage nicht anders erwarten können, und es wtr eine erfreuliche «toat ju dieser Erklärung, daß der Minister hervor- A>d, daß das Zusammenarbeiten Englands und g-eutschland auf dem Boden des orientalischen Pro- memZ gegenseitiges Vertrauen hervorgerufen habe, 6aS.-’?'e er unter dem Beifall des Hauses sagte, «zwischen den beiden großen Nationen anbauern" werbe.
wir können doch für untere eigene Gesundheit sorgen und damit auch zur Verbesserung der Welt ein Scherflein beitragen. Wir brauchen Ruhe, und wo ist im brausenden und brandenden Meer das Eiland der Stille zu finden? In deinem Herzen und — wenn du im rechten Familienleben stehst — auch an deinem Herde.
Tie stille Woche mahnt zur Einkehr in den Hafe« der Beschaulichkeit und des Friedens. Recht abgegriffen sieht der alte Spruch aus: Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Aber das ist Wahrheit und Weisheit. Was uns am schlimmsten quält und drückt und zerrt und stachelt, das sind die Vorwürfe int Innern, die sich nachts melden, wenn sie am Tage übertäubt werden. Wer fein Gewissen in Ordnung bringt und sich sagen kann: Jetzt lebe ich in Frieden mit Gott und den Menschen! — der hat den Grundstein gelegt zu seinem Glück; denn ein höheres Maß von. Glücksefigkcit läßt sich auf Erden nicht erlangen, als das Bewußtsein, daß wir nach bestem Wissen und Können unsere Pflicht und Schul- digkeft getan haben und tun wollen.
Ist so die bebagliche Ruhe im Herzen hergestellt, so wird auch in der Familie sich der stille, selige Frieden begründen und genießen lassen. Wenn es am häuslichen Herde manchmal an Wärme und Ge- müilichkeit fehlt, so ist in der Reael mich die Unrast, der Mangel an Besonnenheit und Mäßigung, die Ner- oenerrcaung durch Eitelkeit. Habgier, Genußsucht oder Eigensinn daran schuld. Nimm nicht erst die Gold- toage, nm abtuschätzen, tote groß das Verschulden der anderen Familienmitglieder fei, sondern bessere dich selbst und bringe für deinen Teil Frieden und Wohlwollen, Ruhe und Behagen in das Haus. In der heiligen Stille möge die Liebe und das Behagen neu cm Mühen, daß Ostern ein wirkliches Fest der Erlösung und des neuen Lebens werde.
Wenn Sie Ihr Kind gesund, munter und geistig frisch sich entwickeln feben wollen, so geben Sie ihm Dr. Hommrk'S Haemarvgen. Warnung! Man verlange ausdrücklich den Namen Dr. Somme!
Deutsches Heid).
— Steuersreudigkeit? Das Bild allgemeiner Steuerfreudigkeet suchen offiziöse Federn an die Wand zu malen. Einst hat Fürst Bülow — es war am 6. Dezember 1905 bei der Beratung der sog. kleinen NeichSfinanzen des Frhrn. v. Stengel — im Reichstag erklärt:
Keine Steuer ist populär; jede findet ihre Gegner, an jeder wird Kritik geübt. Es ist für eine Regierung immer sehr unangenehm, wenn sie Geld braucht, hat Fürst Bismarck schon im Norddeutschen Reichstag gesagt; denn diejenigen, die es ihr geben sollen, geben es ihr viel lieber nicht, da sie dafür nach ihrer Ansicht weit bessere Verwendungszwecke haben. Steuern zahlt man weniger aus Patriotismus als aus Zwang; kann man sich ihnen entziehen, so tut man es nicht ungern. Insbesondre hat jede neue Steuer etwas unbeschreiblich Ungemütliches. In dieser Beziehung haben sich die Menschen und haben sich die Verhältnisse nicht geändert.
In offiziösen Organen wird gegentoärtig die Vorstellung zu wecken gesucht, als ob heute die Menschen und die Verhältnisse „in dieser Beziehung" sich doch geändert haben. Man lese nur in den „Berk. Pol. Nachr.":
Auch in den Kreisen, die kein Vermögen besitzen, macht sich das Bestreben geltend, an der Deckung dieser einmaligen Kosten mit einem einmaligen Beitrage teilzunehmen. Wie wir hören, find namentlich aus diesen Kreisen in den letzten Tagen im Reichsschatzamt Einzahlungen mit der Bestimmung borgekommen, sie zur Deckung der betreffenden Heeres- kosten zu verwenden. Bisher hat man im Reichsschatzamt Summen, die aus privaten Kreisen zur Bestreitung von Reichsausgaben. gesandt wurden, zurückgegeben. Es wäre aber zu erwägen, ob in diesem Falle an dem bisherigen Brauche festgehalten werden soll. Geschähe dies, so würde Kreisen, die kein Vermögen besitzen, aber für die Bestreitung der einmaligen Heereskosten Beiträge geben wollen, die Gelegenheit genommen werden, ihre Opferwilligkeit in die Tat umzusetzen. Wie wir weiter hören, ist auch aus den Kreisen mit geringem Vermögen eine ähnliche Opferfreudigkeit gegenüber den behördlichen Stellen zum Ausdruck gÄracht. Dieser Umstand dürfte für die Bemessung der Grenze des zu besteuernden Vermögens nach unten nicht ohne Einfluß sein, um so weniger, als die kleineren Vermögen doch einen ganz beträchtlichen Teil des Gesamtvermögens darstellen. Nach preußischen Feststellungen machen die Vermögen unter 20 000 Mk. den neunten Teil deS Gesamtvermögens aus.
~ Leider ist hier vergessen worden anzugeben, welche Summen und von wieviel Spendern im Neichsschatz- amt bereits eingegangen sind. Erst dann würde" sich feststellen lassen, ob wirklich das Wort des Fürsten Bülow heute nicht mehr zutrifft. Im übrigen ist die Auslassung der „Bcrl. Pol. Nachr." offensichtlich nur dazu bestimmt, für die Heranziehung der Heine» rcn Vermögen und entsprechende Schonung der großen Vermögen Stimmung zu machen.
<? Wer regiert in Bayern? Liberale Blätter übernehmen einen Artikel der sozialdemokratischen „Münchener Post", in welchem mit obiger Ueber- schrift die bayerischen Verhältnisse gekennzeichnet werden sollen. Drei schreckliche Ereignisse sind es, die zwar nicht ein Erdbeben, aber doch ein fnrcht- bares liberales Männer-Grusefn ausgelöst haben:
Die Religion der Klassiker.
Es ist ein beliebter Trick der gewöhnlichen populären Bekämpfung der katholischen Kirche, daß zum Erweis der höher» geistigen Ueberlegenheit des Protestantismus über den Katholizismus kurzerhand die deutschen K l a s s i k e r als „Protestanten" aufgeführt werden. Wenn man nur so ehrlich dabei wäre und auch bemerken würde, daß diese allerdings protestiert haben, aber nicht bloß gegen den Katholizismus, den sie n i ch t kannten, sondern auch gegen den Protestantismus, den sic kannten, und gegen das Christentum überhaupt. Sobald das angefügt würde, müßte auch der Einfältigste merken, daß es dann gar nicht angeht, diese Klassiker als „Protestanten" auszugeben und damit zugunsten des Protestantismus zu renommieren.
Doch sei gerne festgestellt, daß eine sachlichere Beurteilung anfangt Platz zu greifen, und es wenn auch immer noch recht vereinzelt — doch anerkannt wird, daß diese Dichter n i ch t als P r o t e st a n t e n ausgc- geben werden können, und zwar gerade wegen ihrer grundsätzlich.feindseligen Stellung gegen das Christentum.
In scharfen Worten hat einst der knorrige L a - g a r’b e gegen diese falsche und den Tatsachen nicht entsprechende Verherrlichung der Klassiker durch die Ver- herrlicher des Protestantismus Front gemacht und geschrieben:
„Ich leugne runb heraus, dasi Lessina, Goeihe, Herder, Kani, Wmckelimmn vom pcotestautlschem System unv der proiesianllschen Kirche irgend wesentlich beeinfluß! sind, und mrlctärfe das Gewicht dieser Leugnung noch dwurch, baß ich mich ausdrücklich der amtlichen Stellung Herders (Supcrintenbent) zu erinnern ertiare. Wer der B (iiung ist, daß diese Leugnung de» Tatsachen Gemüt an tut, wird den Beweis für feine Meinung zu fuhren haben; kann er diesen Beweis nichl erbringen, durste bei der für die jetzt herrschende Weüanschaumig grundlegenden Slellung der genannten fünf Männer leftneben, daß wir uns des ProteNannrrnus in Deuisch. lanb tatsächlich entledigt haben." -Deutsche Schriften 47. Göttingen 1903)
Auch der protestantische Theologieprofessor Sell (Sonn) hat in seinem Buche „Die" Religion unserer Klassiker" (Tübingen 1904) offen erklärt, daß keiner von den Genannten (Lessing, Herder, Schiller, Goethe) jemals ein orthodoxer Christ gewesen sei; ja nicht einmal bie Stufe des „modernen" Protestantismus haben die Genannten nach Sell erreicht:
.-Auch diejenige Reduttion der christlichen Glaubensvorstellungen, die sich im „modernen" Protestantismus vollzogen hat, wo man sich begnügt mit einem schlichten Monoideismus, mit der Anerkennung Jesu als oes Urbilds aller Frömmigkeit und Heiligkeit, das als solches der Cohn GolteS gewesen Ist, mit dem Glauben an die in ihm uns gewordene Offenbar ung Gottes und mit der Zuversicht, durch etn Herzensoirhältnis zu diesem Heilande reis zu werden zur Aufnahme in (ein Reich, das auf Erden als die Kirche erscheint, — auch diese Religion ist von den wenigsten der Klaffiker nur erreicht worden (etwa ausgenommen Herder, und jedenfalls nicht dauernd sestgehalten worden." (S. 257.)
Wenn aber bie sonst als „Protestanten" verherrlichten Klassiker nicht einmal bicses stark reduzierte Christentum des modernen Protestantismus erreicht haben, wie nur mag man sie dann als Zeugen für die geistige Bedeutung des Protestantismus ousgeben? Darm gebe man doch offen die Tatsache zu und lasse sie ruhig aus dem Spick, wenn man das Hohelied auf die unersetzliche Kulturfähigkeit des Protestantismus singt. In diesem Sinne, spricht sich der protestantische Theologe L o o s s aus in einer Untersuchung über „Lessings Stellung zum Christentum" (Theologische Studien und Kritiken 1913, 1. Heft, S. 31 ff).
Zunächst weist er den Versuch ab, Lessing nachträglich noch auf dem Umweg zum Christen und Protestanten zu machen, daß man sagt, bei einem längern Leben hatte Lessing, der im „Nathan" wie ein vom Christentum abgefallener Deist rede, gewiß, „stark und ehrlich, wie er war, den ,Nathan' und die Irrungen gegen das Christentum zurückgenommen", wie einst Wackcrnagek den Versuch unternommen hat zur „Rettung" Les- sings. Vielmehr bekennt Loofs zunächst, daß Lessina
1. Ein Beamter des VerkehrrminrsteriumS antwortete einer Beamtendeputation, die wegen Einreihung in eine höhere Gehaltsklasse vorstellig wurde, er wolle einmal mit Dr. Pichler (dem Vorsitzenden der Zentrumsfraktion, d. i. der stärksten Fraktion) reden, ob sich die Sache in der nächsten Session des Landtages machen lasse.
2. Dr. Pichler hatte sich mit Erfolg beim Eisen, bahnpräsident für eine überzählig gewordene Dienstfrau verwendet, daß sie statt beim Wagenputzen wie seither im Fahrdienst Verwendung finde.
3. Dr. Pichler hatte, als er mit der Bahn in München ankam, seinen Schirm im Wagen stehen lassen. Er meldete den Verlust und eine Schar von Beamten suchte den kostbaren Gegenstand.
Diese drei Ereignisse sind es, die der „National- liberalen Korrespondenz" folgendes Jndianergeheul entlocken:
„Wer also in Bayern regiert, ist aus dem obigen leicht zu ersehen. Von ähnlichen Zuständen wird das vorwiegend protestantische Württemberg, das seit den letzten Landtagswahlen von einer schwarz-blauen Mehrheit regiert wird, nicht verschont bleiben. Wenn es nicht gelingen sollte, bei den badischen Landtagswahlen im kommenden Herbst eine schwarz-blaue Majorität zu verhindern, dann werden die Zustände bei uns in Baden, das 50 Jahre lang liberal regiert worden ist, ebenso traurig und trostlos, wie sie in Bayern sind, denn bie Herrschsucht des Zentrums kennt keine Grenzen."
Einfach schrecklich, wenn auch in Baben der Regenschirm eines Zentrumsabgeordneten verloren ginge, von Beamten gesucht und nickt gefunden würbe! Einfach schrecklich, wenn auch in Baben einmal der Tag anbräche, wo eine bei der Bahn angestellte Waschfrau durch Vermittlung eines Zentrumsabgeordneten eine erwünschtere Stelle bekäme! — Wir sind allerdings der Ansicht, daß Waschweiber in der Politik recht bedenkliche Erscheinungen sind — wenigstens für die Parteien, in denen sie auftauchen. Wir andere haben dagegen unsere Freude daran.
BW
UnpoMsche Zeitkäufe.
N. Berlin, 13. März 1913.
(Nachdruck nicht gestattet.)
S£ie sti11e Woche kommt. Wer wird es denn tn. der Welt, wenigstens für diese acht Wie em wogendes Meer sieht das Leben Ms das m einem fort braust und brandet. Keine »uhx und keine Rast, keine Stille und kein Frieden!
. m Pf ums Dasein wird nicht allein immer Nrotenger, sondern auch immer lärmender. Früher W aus die Muskeln, jetzt geht es an die Nerven, mns Enschheit wird nervös, weil ihr trotz aller utooernen Badeeinrichtnngen das lindernde und cr- qu tiende Bad der Stille, der beschaulichen Ruhe fihlt.
wird in steigendem Maße die. Mehrzahl der Hur t. i)a§. städtische Leben gedrängt, wo die t ; allein am Tage, sondern auch in der ... herrscht. Zweitens dehnen sich die sogen. Er- ft-ngenschafien der Kultur, die es vor allem auf die zung der Augen- und Ohrcnnervcn abgesehen ha- fy'.-.t 'tonter mehr auf das Platte Land aus; wo man "''chls anderes sah und hörte, als die grüne fiientBhh^nb ^m^^lgezwitscher, da gibt es jetzt fettb me Phonographen und sonstige ruhesto- D' Ä^chlungen zur Nervcnsolter.
^^"fch^n haben keine Ruhe mehr im Leibe bi"' 'n Seele. Deshalb sind sic auch so ungedul- H°sticher Weise spricht man tion der für' h Zeit und möchte daraus einen Vorzug Ur;. rwhrhunbert des Dampfes, der Elektrizität ist di Clugmaschinen hcrlcitcn. In Wirklichkeit bQ,, c Ungeduld, der Mangel an bedächtiger Aus- iclhr;*nc Tchstchche, eine Krankheit. An all den Eisenbahnstationen steht geschrieben: aber'«. ' brühet: hatte man solche Wartesäle nicht, haben Perstand doch die Kunst des Wartens. Jetzt lernt "qu tro$ dieser Einrichtungen das Warten, ver- len mir enn ^cutc die Saat ausgestrcut ist, so Wal- gen „ ‘ morgen schon die Blüte sehen und übennor-
™. die 9' , . • richtige moderne Stadtmensch hält r tur eine lehr rückständige und minderwer-