Fuldaer Zeitung
Inseln! tagfid) mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Dierftt- fthrUcher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld In Zu Ida Jo wie auswärts 1.50 Mark. •••• Rotationsdruck und Verlag der e • Sulöaer fldienbrudterd In Zu Ida. Zernsprecher fit. 9.
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Hr. 61» Crstes Blatt.
Freitag den 14» IHärz 1913»
40. Zahrgang,
Preußischer Landtag»
HrrrrnhauS.
Sitzung vom 13. März 1913.
Die Gesetzentwürfe betr. die Errichtung von Amtsgerichten in Gronau (Westfalen) und Brühl werden debattelos angenommen. Desgleichen findet der Gesetzentwurf über die Haftung des Staates und anderer Verbände für Amtspflichtverletzung von Beamten bei Ausübung der öffentlichen Gewalt Annahme.
Es folgen Petitionen.
Eine Petition um Beseitigung des Vorrechtes der Hausbesitzer bei den Stadwerordnetenwahlen wird als Material überwiesen.
Eine Petition um Verleihung des passiven kommuna. len Wahlrechtes an die Volksschullehrer wird gemäß dem Kommissionsantrag als Material überwiesen.
Eine Petition um Einführung der geheimen Abstimmung bei den Wahlen der Stadtverordnetenversammlung wird auf Antrag des Frhrn. v. Luzius durch IIebergang zur Tagesordnung erledigt.
Freitag: Kleine Vorlagen und Petitionen.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 13. März 1913.
Die Beratung des Etats des Finanzministeriums wird fortgesetzt.
Es liegen vor die Anträge des
Abg. B arischer CZtr.) auf Beseitigung der Re- wunerationsfonds und Verwendung der dadurch frei werdenden Mittel für allgemeine Wohlfahrtseinrich- lungen der Beamten; des Abg. Porsch (Ztr.), noch in dieser Session den unteren und mittleren Beamten mit kinderreichen Familien Erziehungsbeihilfen zu gewähren; des Abg. Viereck (srcikons.) auf Gewährung von Teuerungszulagen an kinderreiche Unterbeamte; des Abg. Aronsohn (Vp.) auf Verringerung der Remu- nerationsfondS zu Gunsten fester Vergütungen an kinderreiche Beamtenfamilien; des Abg. Dr. v. Savigny (Ztr.), auch mittleren kinderreichen Beamten mit einem 4500 Mark nicht übersteigenden Gehalte Teuerungszulagen zu gewähren; des Abg. Dr. Gottschalk (natl.), der diese Grenze für chie mittleren Beamten bei 8000 Mark seht.
Die Abgg. Biereck (freikons.) und Delius (Vp.) sprechen sich für die Anträge aus.
Abg. Ströbel (Soz.): Die vorliegenden Anträge nützen fehr_ wenig. Was hat das Zentrum alles versprochen! öie halten niemals das, was Sie versprechen. iLebh. Zwischenrufe der Konservativen und des Zen- trums sowie des Abg. Hoffmann.) Wir werden bei den Wahlen, wo Sie auf den Beamtenfan^ ausgehen wollen, Ihnen die Maske abreißen. (Große Unruhe.) Wir werden für den Antrag des Zentrums stimmen, wonach den unteren und mittleren Beamten mit einem 3000 Mark nicht übersteigenden Gehalt die Zulage gewährt werden soll.
Abg. v. Savigny (Ztr.): Wir sind überzeugt, daß wir mit unserem Antrag eine erfüllbare Forderung stellen. Damit ist den Beamten mehr geholfen, als mit weitgehenden Forderungen, die nie erfüllt werden.
Ein Schlußantrag wird angenommen.
Die Anträge Äartscher (Ztr.), Aronsohn (Vp.) und Porsch (Ztr.) gehen an die Budgetkommission, der An- trag Savigny (Ztr.) wird abgelehnt, der Antrag Gott- schall (natl.) wird angenommen, ebenso der Antrag Viereck (freikons.).
Der Etat des Finanzministeriums wird bewilligt.
Es folgt Beratung des Antrags der Abgg. v. Wenden und Gen. betr. die Bekämpfung des Kinderelendes.
Abg. Dr. Würmeling (Ztr.) weist auf die Erfolge der caritativen Vereine in der Bekämpfung des Kinder- elendes hin und bittet um tatkräftige Unterstützung durch den Staat. Seine Partei stimme der Verweisung des Antrages an die Kommission zu.
Nach weiteren Ausführungen des Abg. Hirsch (Soz.) wird der Antrag v. Wenden an die Kommission über- wiesen.
Es werden Petitionen erledigt.
Dann vertagt sich das Haus auf Dienstag den 1. April. Tagesordnung: Innere Kolonisation.
UE Em englischer Wasserstrahl nach Paris.
Ein Londoner offiziöses Blatt, die „Westminster Gazette" ergänzt die Erklärung des Premierministers Asquith, daß England nicht verpflichtet sei, tm Kriegsfall zwischen Deutschland und Frankreich Truppen zur Unterstützung Frankreichs nach dem tfeftlanbe zu senden, in einer Weise, die gar keinen Zweifel darüber aufkommcn läßt, daß man sich in Großbritannien gegenwärtig dafür bedankt, sich französischen Revancherwecken dienstbar zu machen. Tas genannte Blatt schreibt:
Eimge deutsche Blätter sagen, daß der Schlüssel der Situation in brutschen Händen läge; das tst vielleicht em zu großes Kompliment für un§, aber wir können ausdrücklich betonen, daß, soweit wir Einfluß befltzen, wir ibn rückhaltlos gebrauchen werden, um der wahn- (innigen Idee eines Brav ent tvkrieg e s zu neuern. Wenn Frankreich wirk! ch eine europäische Verschwörung gegen Deutschland ausheckte, die unserer und Nußlands Zustimmung bedürfte, so können wir die absoluteste Versicherung abgeben, daß wir keinerlei Anteil daran nehmen würden. Wir freuen uns, die Franzoien als umete Freunde betrachten zu lönnen, aber wenn unsere Freund» solchen Wahnsinns iahig wär.n, wäre es unsere Freundesp^tcdt, sie tu rück,uh alten und nicht auszuhetzen. Natürlich halten wir diese ganze Panik für grundlos, aber die Verhältnrsfe tn Europa sind so, da« wir nichts tun our en. was salscke Besorgnisse ooer falsche Erwartungen Zwecken tönnte, sondern wir müssen unermüdlich und uneutiniitiat für die Entspannung zwischen dem Dreinerdand und dem Dreibund wirken, die heule ® ropa am mellten not tut und deren Durch- mh' Ng •> e stärkste Sicherheit lür den itieoen sein rou'be. ß.. ~tc Franzosen waren zum größten Teil des Glaubens, daß wirklich ein geheimes Abkommen be- lt-he über die Entsendung eines englischen Hilfs- kvrpz im Falle eines Krieges mit Deutschland. In Deutschland hatte man die Gerüchte dieser Art mit großer Gelassenheit ausgenommen; dort herrschte die Ansicht vor: Förmlich verpflichtet wird sich England wohl nicht haben, aber wir müssen doch mit der 'Möglichkeit rechnen, daß ein englisches Hilss- gelandet werde, — was allerdings nicht über
mäßig gefährlich ist, wenn auch die Zahl der Söldner 100 oder 150 000 betragen sollte!
Seit 19 j5, als Deleasss mit dem König Eduard die Marorloir sis einleitete, sind wir Deutsche gewohnt, m t einem englischen Htlfskorps für unsere Gegner zu rechnen. Wenn nun der englische Erstminister die Verpflichtung zu einer solchen Hilfeleistung in aller Form ableugnet, so begrüßen wir das als ein Zeichen für die gegenwärtig friedlichen und beruhigenden Tendenzen der Londoner Regierung. Aber wir geraten deshalb nicht in Ver- zückung; denn wie es in der Vergangenheit schon Augenblicke gegeben hat, in denen England über Truppentransport nach dem Festland beriet, so kann auch in Zukunft wieder eine Konstellation kommen, die eine englische Regierung zur freiwilligen Einmischung in einen Festlandskrtcg verleiten könnte.
England gefiel sich bis zu König Eduards Zeiten in der splendid Isolation, tn dem glänzenden Allem« stehen, gemäß dem deutschen Spruch: Der Starke ist am mächtigsten allein! Seitdem ist England ein Mitglied der europäischen Gruppeubildung geworden. Es gehört zum Dreiverband (Trtpleentente), die dem Tretbitnv das Gleichgewicht hält. Der Rame deutet aber schon an, daß die rechtliche Grundlage der beiden Gruppen nicht die gleiche ist. Der Dreibund beruht auf einem regelrechten Vertrag mit fest umschriebenen gegenseitigen Verpflichlungeit. Auch das russisch-französische Bündnis bat eine solche Grundlage; dagegen stehen diese beiden verbündeten Mächte zu England nur im Verhältnis dec „Entente", bcS freundschaftlichen Ein- vernebmens,dasmanbeierbaulicheNAnsprach<neordi,le (herzlich) nennt. Die „Herzlichkeit" ist der Ersatz für die fehlende rechtliche Verpflichtung. Bei dem parlamentarischen Regiment in England kann die Regierung überhaupt keine geheimen Verträge mit sicherer Rechtskraft schließen. Sie hat es bet ihrer lebhaften Umwerbung ja auch nicht nö i?, sich in lästiger Weise zu binden. Ten gewünschten Einfluß auf die Fest- tandsstaaten erreicht sie schon durch die Entente mit Frankreich und Rußland, so daß sie sich die Freiheit der Entschließung und insbesondere die F.eiheit in der Wahl ihrer Hilfsmittel von Fall zu Fall Vorbehalten kann.
Die Erklärung des Ministers Asquith war also Teilte Offenbarung von Dingen, die bisher geheim gc- wesen. Wo sie Ucbcrraschung erweckt hat, da hatte bester Aberglauben geherrscht, wie z. B. in weiten taniösischen Kreisen. Darin liegt aber gerade die at.uelle Bedeutung dieser Erklärung, daß fie abkühlend wirkt auf die übertriebenen Hoffnungen der Chauvinisten. Offenbar hat auch Asquith die Absicht gehabt, einen kühlen Wasserstrahl in un- verletzender Form nach Paris zu richten. Er sagt nicht, daß England nicht helfen will, aber er gibt zu bedeuten, daß England nicht zu helfen braucht, wenn man gegen seinen Wunsch und Willen einen Krieg anzettelt.
Dieses Verhallen der englischen Negierung paßt ganz zu der Rolle der Friedensvermittelung, die ihr infolge der Wahl Londons a!5 Sitz der Bolfcha ter-Vcreinigung zugesallen ist. Dazu gehört auch ein neuer osfizwier Mahnruf von London, daß die Balkansiaaten nun endlich aufhören möchten, die Großmächte wie Laufjungen zn behandeln. Es zeigt sich immer mehr, daß es ein sehr weiser Gedanke war, das Ansgleichsgeschäst nicht nach Berlin zu ziehen, sondern nach London zu verlegen.
Wenn nun das englische Htlfskorps nicht vertraglich vorgesehen tst, aber doch möglich bleibt, so ist vieler Zustand sonderbarer W.'ise für Deutschland weniger belästigend, als für '-Belgien. Zur Wahrung seiner Neutralität muß Belgien rüsten, und diese Nculralttät wird nicht von De itschland bedroht, sondern von Frankreich und England, und zwar gerade tabutd), daß ein englisches Hilfskorps in belgischen Häsen landen würde. Es lut uns leid, daß Belgien zu Rüstungen gezwungen wird; aber es ist uns lieb, wenn es seine Neutralität wirklich verteidigen kann, — auch nach Süden und Westen.
Deutsches Reich.
* SBetlitt, 13. März 1913. Der Kaiser hat heute im Biinisterium der öffentlichen Arbeiten einem von Lichtbildern begleiteten Vortrage des Geh. Oberbaurats Germelmann über die Wasserstraßen in dem Gebiete des Miffiffippi und die norbamertfanifdien großen Seen beigewohnt. — Seine die-jährige Reise nach Korfu hat der Kaiser jetzt endgültig aufgegeben. Dafür tst ein längerer Aufenthalt der (aiterhdjen Familie tn Homburg v. d Höhe oder tn Wilhelm sh öhe bei Kastel tn Aussicht genommen.— Der König von Italien hat am Donn rsiag vormittag den neuernannten Botschafter des Deutschen Reiches, v. Flolow, in leserlicher Antriusaudienz empfangen. Tie Audienz trug einen außerordentlich herzlichen Charakter.
)( 25 Millionen Mark für innere Kolonisation. Ein dein pienßnchen Abgeordnetenhause jugegangei er Gesetzentwurf verlangt zur Förderung der Landeskultur und der inneren Kolonisation 25 Millionen Mark
* Richterliche Wahlpriisungen. Zur zweiten Beratung des Rsichsiagsnals hat die nationalliberale Fraktion den Antrag gestellt, den Reichskanzler zu ersuchen, baldmöo chst den Entwurf eines Gesetz s vorzulcaen. durd d-n die Wadlprüiungen einer ge- richtlichen Behörde ideiwiesen werden.
)( Auch ein Schmieröl-Monopol? Wie der Verein deuf cher M neralöl«Händler (Hamburg) erfahren haben roiii, soll mit dem Petroleum- auch zugleich ein Schmieröl-Monopol elngeiührt werden. Hiergegen wendet der Verein sich mit einer Petition an den Reichstag. In der Begründung wird au-geiühri, daß der Sebmieröl-Handel hunderte von Qualitäten führt, deren Ersatz durch ein Monopol eimach ein Ding der Unmöglichkeit fei. Ebenso we»ig könne man auch eine auf Monopolöl gestützte Zentralstelle den detaillierten und komplizierten Anford-runaen derJndustriegenügen.
+ Tas Grab der Großblockhoffaungen nennt die ,Bert. Morgenpoftt den Ausfall der Lanotagswahl in Teltow-Beeskow. Der .Vorwärts" aber lieft den Freisinnigen solgcndermagen die Levuen:
„Es tdjeint, als ob der Freisinn diese strikte sozial- demokraiijche Wahlenthaltung nicht erwartet habe, so aufgeregt gebärdet er sich, selbst bas ,Berl. Tageblatt'. Hatte der Freisinn wirtlich ein anderes Abstimmungs- retult.it erwartet und sich eingebildet, daß die Sozialdemokratie auf Parteitagen und Kreittonferenzen nur »am Schein Beschlüsse faßt, di« rücksichts.oS burchzu- sühren ihr nachher der Wille fehle, so ist er nun hoffentlich von seinem sträflichen Opum'smuS kuriert! Denn das mag er sich zum letzten Mal gesagt fein lasten: hofft er auf Unterstützung durch die Eoziaidemokratie, so wird er sich schon aus dte sozialdemolratischen Bedingungen, also in eraet Linie auf die ehrliche 'Verpflichtung der Gegenseitigkeit, emlaffen müssen. Im anderen Falle wird c; ihm überall so ergehen wie in Teltow- Beeskow ! Aber dann soll er nicht, rote diesmal unglaub- ttcherweiie wieder bas ,Berl. Tageblatt', die Sozialdemokratie für leine Niederlagen verantwortlich machen, sondern seine eigene Feigheit und R^ckgratlosigkeit, sein eigenes Anlehnungsbeoür.iNis nach rechts, das ihn zum willenlosen Hörigen der Nationalliberalen gemacht Hal!"
Der atme Freisinn!
* Heber die Verstärkung- unserer Lufiflolte schreibt die,Voff. Zig/:
In dem neuen Nachiragsetai für die Luftflotte, in dem über 20 Millionen für Zwecke der Miliiärluftfchiff-- fahrt angefordert werden, dürfte eine Forderung für eine bestimmte Zahl von Luftschiffen und Flugzeugen nicht enthalten fein, sondern eine allgemein gehaltene Summe, die es der Heeresverwaltung überläßt, die Mittel zum Bau von Luftschiffen, Hallen, Gaswerken usw. für Flugzeuge und sonstige Bedürfnisse zu verwenden. Eine Erhöhung des Mannschaftsbestandes der Luftschifferbataillone usw. ist in den Nachtragsetat ebenfalls nicht enthalten, da hierfür in der neuen Militärvorlage erst Mittel eingestellt sind. Geplant ist, von, den ango forderten Mitteln mit möglichster Beschleunigung i 0 Luftschiffe starren Systems zu bauen. Weiterhin soll der Bau von Parsevalschiffen gefordert werden. Auch Luftschiffe anderer Systeme werden übernommen, ivenn sie sich für HeereSzwecke als tauglich erweisen. Wenn kürzlich behauptet wurde, daß der Bau von M.-Schtffen (System Groß) eingestellt werden solle, so trifft das nicht zu. Man wird zunächst die Erfahrungen mit dem im Umbau begriffenen M. 4 abwarten, um dann erst entsprechende Entschließungen zu treffen. Wir werden um die Mitte des Jahres besitzen: 15 Zeppeline, L Schütte-Lanz-Schiffe, 4 Parseval-Schiffe und 1 Mflsiärlustschiffl im ganzen also 22 vollwertige «chi ff e. Dadurch haben wir uns einen erheblichen Vorsprung vor allen anderen Mächten gesichert. Die neuen Mittel vermögen bann einen weiteren, schnellen Ausbau unserer Luftflotte. •
** Eiernudelpolitik treiben in Baden einige zentrumsfeindliche Blätter. Vor einiger Zeit wurde bekannt, daß verschiedene Parlamentarier, zum Beispiel Bassermann, Frank, Erzbergcr, also allein zwei Mannheimer, ihren Namen und ihr Bild als Warenbezeichnung und Reflame hergegeben hätten: Bassermann und Frank, soviel uns bekannt ist, für „Dampfnudeln" (Zigarren), Erzberger für etwas Nahrhafteres, nämlich für Eiernndeln. Letzterer wollte damit einem Schulkameraden, der ihn darum bat, einen Dienst erweisen. Nun ist cs allerdings nicht nach jedermanns Geschmack, sich & la Bismarckhering" behandeln zu lassen. Aber wie man sieht, gibt es in den verschiedensten Fraktionen Persönlichkeiten, die nichts daran finden und sich aus Tabak- und Nudelpapiersäckchen „verewigen" lassen. Nun ging aber damals die Rotblockpvesse hin und gackerte, als ob sie die Eier zu den Nudeln liefern müßte, nur noch von den Eiernudeln des schwäbischen Schulkameraden des Abg. Erzberger, schwieg aber von dem Frankschen Tabak. Und so macht sie cs heute noch. Verschiedene liberale Blätter vertreiben weiter die Erzbergerschen Eiernndeln. Ja, das Demokratenblatt in Stuttgart, genannt Beobachter, findet, daß das Reichstagszentrum als „Nudelreisender" in Betracht komme. Diese Geschmacklosigkeit hat auch der „Bad. Landeszeitung" so gut gefallen, daß siü dieselbe wicdergibl. Dieses Gebühren liberaler Blätter gibt uns das Recht, von Nudelblättern und Nudelpolitik zu reden, weil hier der Versuch gemacht wird, mit Nudeln Politik zu treiben.
-- Weimar, 13. März 1913. Im Wesinarischen Landtage wurde beute für den Neubau eines Gcricht?» oebäudes und Gefängnisses in Weimar die 1. Rate von 200000 Mk. einstimmig bewilliat. Der Entwurf eines Steuergesetzes für die Jahre 1914/16, der nur formaler Natur ist, wurde angenommen. Ein Antrag des Abg. Bändert, Abgaben auf Orden und Titel einzufübren, wurde gegen 11 Stimmen aboelehnt. Der Regierungsvorlage, bett, die Unterbringung geisteskranker Verbrecher in der LandeSanstalt in Waldheim, wurde debattelos zugestimmt. In der fortgcletzten Etatsberatung wurden bewilligt 75000 Mk. für Wegebauunterstützungen, 369770 Mk. für Heimallastcn, 83055 Mk. für Angestellten- und Arbeiterversicherung und 4000 Mk. für Frauenvereme. Die letzte Sitzung vor den Osterferien findet Freitag vormittag statt.
* Rudolstadt, 13. März 1913. Weil eine Verständigung nut der sozialdemokratischen Mehrheit im Rudolstädter Landtag nicht zu erzielen war, hat die Regierung in der heutigen Sitzung des Landtages ihren Antrag, die Pfarrgchälter zu erhöhen, vorläufig zurückgezogen. Der Landtag hat den Etat darauf in erster Lesung einstimmig angenommen. Tie von dem Landtag gewünschten Vorlagen über die Steuerreform und die Wahlrechtsänderung, gedenkt die Regierung dem Landtage morgen vorzulegen.
Tcr Termin der preutzifchen Landtagswahlen.
Der ,Staa'san;e'gett veröffentlicht eine Bekennt- maebung des Ministeriums des Innern, wonach die Wahlen zum p-eußischen Abgeordnetenhause auf den 16. Mai (Wahlmänner) und 3. Juni (Abgeordnete) festgesetzt werden.
* Erkiankung des Herzogs von Sachsen-Meiningen.
Aus Mentone wird gemeldet: Der Herzog von Sachlen-Rieimngen hat in den letzten Tagen einen
heftigen Anfall von Asthma erlitten, der bei seiner Umgebung eine gewiffe Unruhe verursacht hat. Ter Herzog ist jetzt aber außer Gefahr.
— Die Ausweisung der Barmherzigen Schwestern aus Gdingen.
Wir berichteten kürzlich, daß in dem Badeort Gdingen bei Danzig die Vincentincrinnen aus Grund der falschen Anschuldigung ausgewicsen wurden, sic trieben polnische Propaganda und hätten eine Ordensniederlassung zum Zwecke der Ausbreitung ihrer Ordcnstätigkeit gegründet, wozu sie keine Genehmigung besäßen. Tatsächlich hielten sich in Gdingen ständig nur zwei Schwestern zur Bewirtschaft htng des kleinen Anwesens auf und um das Erholungsheim für kranke Schwestern zu leiten, wozu sie die Genehmigung haben. Die Schwestern lebten einsam und zurückgezogen und verließen ihr bescheidenes Heim nur dann, wenn arme und kummerbedrückte Fischerfamilien zu trösten waren, oder wenn einem Kranken geholfen werden sollte, der die Schwestern um Hilfe angegangen. Sie verlangten keine Bezahlung und gaben sogar biß notwendige Arznei umsonst. Bei Katholiken und Protestanten waren die Schwestern gleich hoch angesehen.
Die Ausweisung hat allgemeine Entrüstung hervorgerufen, indessen in der liberalen und auch in der konservativen Presse wird der Fall einfach totgeschwiegen. Wenn irgendwo ein liberalisie- renoer Beamter schief angesehen wird, dann werden Lefiartikel über Leitartikel verbrochen. Und die sich konservativ nennende Presse ist auch nicht faul, wenn es gilt, einen Gendarmen oder Amtsdiener gegen ungerechtfertigte Angriffe zu verteidigen. Wenn irgendwo ein Auto in den Straßengraben gefahren ist, dä entsendet ein „unabhängiges" Blatt drei „'Rechercheure auf einmal und wartet mit spaltcnlangen Berichten auf. Mer hier handelt es sich ja um Barmherzige Schwestern, um katholi- s ch e Schwestern, hie sich beisalleu ließen, ihren kranken und armen Mitmenschen Gutes zu tun, und die deshalb aus ihrem Erholungsheim ausgewiesen wurden, lieber diesen Hohn auf jede Kultur, über diese Sünde gegen das Volksempfinden für Recht und Gerechtigkeit regt sich weder Liberal noch Konservativ noch Unabhängig auf. Tas katholische Volk hat eben für seine „Herren" zu arbeiten, für den Staat Steuern zu zahlen, für das Vaterland ' Soldat zu werden, das Königtum durch Bekämpfung der Umsturzpartei zu verteidigen und im übrigen Brutalitäten stumm zu ertragen. Denn „wir haben ein Gesetz". —
Inzwischen hat das „Westpr. Volksblatt" in Danzig weitere Erkundigungen eingczogen und hat Näheres erfahren über die Gründe, auf welche die Ausweisung sich stützt. Danach hätten die Schwestern in Gdingen
1. eine regelrechte Niederlassung zum Zwecke der Ausbreitung ihrer Ordenstätigkeit gegründet, wozu sie keine Genehmigung besäßen,
2. hätten sie mehrere Grundstücke zu eigen und auf einen derselben wäre ein Erholungsheim für Geistliche eingerichtet.
Hierzu bemerkt das genannte Danziger Zentrumsblatt:
In Gdingen halten sich ständig nur 2 — zwei! — Schwestern auf, und zwar lediglich zu dem Zweck, das Grundstück zu bewirtschaften und das Erholungsheim für kranke Schwestern zu leiten, wozu sie die Genehmigung haben. Tatsächlich sind auch im Sommer mehrere kranke Schwestern zur Erholung dagewesen Wenn tn dem Erholungsheim bisher nur wenige kranke Schwestern Aufnahme finden können, so liegt zum Teil die Schuld darin, daß man den Schwestern einen Streifen des angrenzenden Gemeindelandes zur Erweite- rang des Baues jetzt nicht abtreten will, trotzdem die Mehrheit der Gemeindevertretung dafür ist und trotzdem seinerzeit das Land versprochen worden ist. Das Aufsuchen der Kranken ist in Gdingen nicht Daseinszweck der Schwestern, sondern geschieht nur g e- legentlich, wenn fie dazu gebeten werden. Wie aus diesem Tatbestände eine regelrechte Ordensnieder, lassung, also eine Vereinigung von Mitgliedern einer religiösen Genossenschaft behufs gemeinsamen Lebens nach der Ordensregel und zur Erfüllung der besonderen Zwecke der Genossenschaft, hergeleitet werden kann, ist nicht ersichtlich. Wir wissen nämlich, und e5 wird in jeder staatlichen Dorfschule gelehrt, daß in der Not dem Nächsten zu helfen, eine strenge Christen- pflicht ist, die in Preußen, dem berühmten Lande der Gottesfurcht noch nicht verboten sein dürfte.
Dio Schwestern üben also nicht eine besondere Ordenspflicht aus, sondern das allgemeine Gebot der christlichen Nächstenliebe, wenn sie jemand bei Unfall ober Krankheit helfen. ES ist aber fraglos besser, wenn in Unglücksfällen das Volk, das nicht das Geld dazu hat und oftmals auch nicht mehr die Zeit, den Arzt zu holen, seine Zuflucht nicht zu abergläubischen Mitteln oder alten Weibern nimmt, sondern sich an sachgemäß aus. gebildete Krankenpflegerinnen wendet.
Wenn Schwestern, denen man nichts weiter vorwerfen kann, als daß sie armen Leuten Gutes erweisen, wozu nach göttlicher Anordnung jeder nach Kräften ver- pflichtet ist, dafür auSgewiesen werden sollen, wahrend Sozialdemokraten, die den offenen Umsturz auf ihre Fahne geschrieben haben, sich überall frei umhertummeln können, überall ihren zerstörenden Einfluß geltend machen können, so kann man solche Dinge nicht verstehen und vorn rein menschlichen und vom patriotischen Standpunkt nur aufs tiefste bedauern.
Die Barmherzigen Schwestern in Gdingen haben, wenn sie darum gebeten wurden, jedem ihre Hilfe geleistet, ohne Unterschied beS Standes und der Kon. session. Auch bei Protestanten waren sie begehrte Helferinnen in der Not. Selbst der protestantische Amtsvorsteher hat ihre Hilfe für feine Frau in Anspruch genommen.
Kein Wunder, daß die Nachricht von der Abberufung der Schwestern eine allgemeine Bestürzung und Ent» rüftung hervorrief. Es wurde auch sofort eine Bitt, schrift ans Ministerium für die Belassung der Schwestern abgefatzt, welche nicht nur Katholiken, son- bern fast alle Protestanten des Ortes unterzeichneten, selbst der Gemeindevorsteher.
Eine zweite Bittschrift ist an die Kaiserin abgegangen, von Frauen, auch evangelischen, unterzeichnet..
Hieraus ist ersichtlich, daß die Schwestern niemand, lästig, sondern allgemein beliebt waren und als Wohles