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Fuldaer Zeitung

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Hr. 58» Erftes Blatt i

Dienstag den N. iEärz 1913»

40. Zahrgang.

je Wer zwingt uns zum Rüsten?

Manche wollen alle Schuld auf Frankreich schieben, das den Frankfurter Frieden immer noch nicht als endgiltig betrachten will, sondern zähe an dem Revanchegedanken festhält.

In der Tat wirst der Chauvinismus bei den Franzosen gegenwärtig wieder große Blasen. Bor rier Jahren noch, während der KrisiS wegen Bosniens, war die Stimmung deS Volkes und die Politik der Regierung in Paris erheblich bedächtiger und sried. licher als jetzt. Ader demgegenüber steht die Tatsache, daß Frankreich für sich allein bedeutend schwächer ist, als Deutschland. Auch wenn Frankreich zur dreijährigen Dienstzeit zurückkehrt, ist sein Heer für uns noch nicht gefährlich. Die Gefahr stellt sich erst durch die Bundesgenossen, die Frankreich im kritischen Augenblick finden würde. Wenn wir ansere Rüstung verstärken, so geschieht daS haupt­sächlich wegen des russisch-sranzösischen Bündnisses. Die Entente mit England fällt nicht mit demselben Gewicht in die Wagschale, da England bei seiner gegenwärtigen Heeresvcrsassung kein beträchtliches Hilfskorps auf daS Festland werfen kann. Ob eS dazu gewillt ist, kann ja dahingestellt bleiben; augenblicklich ist allem Anschein nach die englische Regierung nicht abenteuerlustig. Ganz anders sieht es im Osten aus. Rußland kann den Franzosen gerade das bieten, was im Lande des Zweikinder- sqstems mangelt: Menschen. Und die gehobene Stimmung der Franzosen rührt gerade daher, daß sie von der Bereitwilligkeit Rußlands zur Hilft 'etzt fester alS je überzeugt sind.

Ein Krieg nach einer Front wäre leicht, auch für das deutsche Heer in seiner gegenwärtigen Ver­fassung. Die Möglichkeit eines Angriffs von zwei Seiten zwingt unS zur Aufrechterhaltung einer starken Wehrmacht. Im Grunde genommen richtet sich also die geplante Heeresverstärkung mehr gegen Osten, als gegen Westen. Die Offiziösen sprechen das nicht gern auS und die Minister erst recht nicht; denn man behandelt den russischen Nachbar immer mit großer Rücksicht, um die friedlichen Einflüsse am Petersburger Hose nicht zu unterbinden. Den »Draht nach Rußland*, an dem zu Potsdam und in der Ostiee so viel herumgeflrckt worden ist, möchte man ja nicht gefährden taffen. Aber alles Bemühen von deutscher Seite hat es nicht zu hindern vermocht, daß in Rußland die panslaviftische (die allrussische Strömung immer mehr Boden gewinnt.

Und diese Bewegung ist ihrer Natur nach zunächst feindselig gegen Oesterreich, das beträchtliche flavische Elemente dem russischen Einfluß vorenthält, dann auch feindselig gegen Deutschland, das mit Oesterreich verbündet ist und die Hauptmacht des verhaßten Germanentums ist. Daraus folgt, daß der ruffische Panslavismu» sich mit Frankreich vereinigt fühlt: dem gleichen Haffe und der gleichen politischen Spekulation.

Das russisch-französische Bündnis ist schon alt, aber die neueren Ereignisse haben seine Innigkeit und seine Gefährlichkeit für uns erhöht. So lange die Türkei ihr europäisches Gebiet besaß, war sie freilich kein BundeSgenoffe, doch ein vorteilhafter Nachbar für Oesterreich. Die Türkei ist nun nach Asten verdrängt; auf dem Balkan herrschen jetzt die emporgekommenen Staaten, die viel Macht und noch mehr Se'bstbewußtsein euvotben haben. Bulgarien und erst recht Serbien sind dem ruffifchen Einfluß ausgesetzt. Ob Rumänien sich auch von Petersburg einsangen läßt, ist abzuwarien. Auf jeden Fall hat Oesterreich im Osten jetzt eine unbequemere Nachbar­schaft, gegen die es im kritischen Augenblick einen Teil ferner Streikt-äste auf der Wacht halten muß. Da wir nun mit Oesterreich auf Gedeih und Verderb verbunden sind, so müssen wir den Mehrbedarf an Streitkräften, der durch die Ereignisse im Osten und

Der Graf von Tarent.

62] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.

6,

k Die Abrechnung.

Am selben Mend, da der Vicomte Bixio eine so schmerzliche Enttäuschung erlebte, saß Isidor Baruch in einem Zimmer des Palais Guastalla und legte dem Prinzen von Indien einen großen Stoß Rech­nungen und Bücherauszüge vor, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Der Prinz blickte wie selbstvergeffen vor sich hin, er hatte den langen Auseinandersetzungen Baruchs, welche immense Gewinne aus den ihm anvertrauten Geldern bekundeten, nur mit halber Aufmerksamkeit zugehört. Plötzlich aber, da der Sprecher zum Konto für ausgeliehene Gelder kam, und auch da ungeheure Profite nachwies, wurde der Zuhörer vecht ausmerk- fam.

Achtzig tausend Dukaten wurden erzielt an Zin­sen für ausgeliehenes Geld", fuhr Baruch fort. „Vieles steht noch im Buche, denn das ausgeliehene Geld eilt nicht zum Zurückkommen, aber der Baruch bat offene Augen und seine Agenten sind scharf, es ist nicht ein schlechter Schuldner darunter und das w.eiste Geld liegt auf gutem Grund und Boden. Geld ist gesucht allerorten und bringt heutzutage hohe Zinsen."

„Wieviel Zins berechnet Ihr denn gewöhnlich Baruch?" fragte er.

, Der Hebräer kam in eine leichte Verlegenheit und WM Auge suchte dem forschenden Blicke des Fragers anszuw eichen.

„Zinsen? Wie haißt? Wenn das Geld ist knapp, pann nimmt man hohen Zins, auf gutes Pfand fünfzehn und zwanzig fürs Hundert» Wenns nicht ist Grund und Boden, der nicht fortlaufen kann, dann iwffzig und mehr, wenn auch die Unterschrift ist gut Hnb das Geld steht sicher, aber nie habe ich genom-

die bedenkliche Haltung Rußlands notwendig wird, auszugleichen suchen.

Daß Frankreich auf seine Revanchegedanken verzichten sollte, ist nach den Erfahrungen von 40 Jahren nicht zu erwarten. Die russische Regierung hat keinen Grund, sich an Deutschland zu rächen; aber eS besteht immer die Gefahr, daß sich die Btacht- haber in Petersburg von den panslavistischen Treibern zu einem kriegerischen Abenteuer drängen lasten.

Die Unsicherheit der russischen Politik, die unter dem Einfluß der Balkanereigmffe noch gesteigert ist, gibt den AuSschlag für die neuen Rüstungen Deutschlands.

** Die neue Militarvorlage.

lieber den Inhalt der neuen Militärvorlage weiß der ,Berl. Lokal-Anz/ aus Grund besonderer Informationen folgendes mit,«teilen:

Die gesamte Vermehrung wird 68000 Köpfe jährlich betragen, innerhalb zweier Jahre 4000 Offi­ziere, 15000 Unteroffiziere und 117000 Mann, was un­gefähr 1.018 Proz. der Bevölkerung gleichkommt. — Aus diesen Mannschaften werden zunächst einmal die 18 Re­gimenter, die nur zwei Bataillone haben, ihr drittes Bataillon erhalten; außerdem werden durchweg die Kompagnien verstärkt werden, diejenigen der Grenzkorps sollen sogar auf einen höheren Etat gebracht werden. Neue Jnfanterieregimenter werden nicht gebil­det, wohl aber werden die übrigen Truppengattungen neue Kontingente erhalten. So bestätigt es sich, daß sechs neue Kavallerieregimenter werden angefordert werden, die in der Hauptsache den Grenz­korps zugeteilt werden sollen. Ein Blick in das Buch über die Armeeeinteilung belehrt uns, daß die neue Vor­lage auch dem 8. Korps ein Kavallerieregiment bringen dürfte. — Den dringenden Wünschen, unserer Feld- Artillerie die nötige Bespannung zu geben, wird auch nachgegeben werden: fast 80 000 Pferde wer­den verlangt, so daß künftig jede Batterie auch zu Frie­densübungen schon mit sechs Geschützen und einigen Munitionswagen ausrücken kann. Dem Verlangen, dauernd Kavalleriedivisionen zu formieren, hat man nicht nachgeben können, man begnügt sich mit der Forderung deS Kommandeurs, seines Adjutanten und Generals^rbsoffizierS. Auch ist eine Vermehrung her Hebungen von Kavalleriedivisionen in Aussicht genommen.

Wir haben schon neulich erwähnt, daß die neuen Rüstungen unter dem Gesichtswinkels eines starken Grenzschutzes im Osten vorgenommen werden — ein Teil der einmaligen Ausgaben wird bekanntlich zur Verstärkung unserer Festungen verwendet —; dem­entsprechend müssen unsere Festungsanlagen auch mit ausreichender schwerer Artillerie versehen wer­den. Die Vorlage sieht die Bildung eines halben Dutzend neuer Fußartilleriebataillone vor, denen auch selbständige Maschinengewehrabteilun- gen zugeteilt werden sollen. Man wird in der An­nahme nicht fehlgehen, daß für die schwere Artil­lerie des Feldheeres ebenfalls eine Vermehrung der Bespannungsabteilungen vorgesehen ist. Die Zahl der Scheinwerferkompagnien, die die Vorlage bringt, wird ebenfalls erheblich sein, auch die Lücken unseres Trains werden durch Aufstellung mehrerer neuer Formationen ausgefüllt werden. Selbstverständ­lich muß mit all diesem auch eine weitere Vermehrung der technischen Truppen Hand in Hand gehen. Heliograph und Funkentelegraphie nehmen jetzt so viel Kräfte in Anspruch, daß mit den bestehenden fünf Te­legraphenbataillonen längst nicht mehr anS- men über hundert, wie cs tut mein Konfiirrent, der Salomon Jtzig."

Der Prinz warf einen unwilligen Blick auf den Sprecher. „Dieser Gewinn würde mir in den Hän­den brennen", sagte er, „Ware ich nicht reich, es wäre dasselbe, ich wurde die vierzigtausend ver­schmähen, die aus der Notlage anderer heransge- preßt sind. Die Kirche zuni heiligen Geist und das dazugehörige Kloster sind arm, die Gebäude baufäl­lig und bedürfen dringend der Reparatur, die Schu­len sollten längst erweitert werden, aber es fehlt an Geld —überweist die ganze Summe an Kirche und Kloster. Der Geistliche, der einst in schrecklicher Stunde über mir die Sterbegebete betete, wird eine Helle Freude daran haben und ich habe eine Pflicht der Dankbarkeit abgetragen."

Mit offenem Staunen schaute der Händler auf den großmütigen Geber. „Herr, Ihr seid bereit, immer zu geben, aber nehmen wollt Ihr nicht", sagte er. „So lange wird stehen die Welt, wird man müssen bezahlen Zins für geliehenes Geld, oder Ge­schäft und Handel und Wandel hätte sein Ende."

Der Prinz machte eine abwehrende Handbeweg­ung. „Verschont mich mft solchen Argumenten, Ba­ruch, Ihr feit einer der besten Envers Raffe, und doch hängen an Euch die Fehler und Mängel, derenthal­ben die Anhänger Eures Glaubens so mißachtet sind. Warum nehmt Ihr nicht rechtmäßigen Zins, fünf oder höchstens sechs vom Hundert?"

„Waih geschrien, Herr, wäret Ihr bekannt mit Geschäften und mit den Wegen des Handels, Ihr würdet reden mit anderer Zunge. Wer eingeht cuff ein Risiko, muß haben Aussicht auf großen Gewinn, beim Gotte meiner Väter, was sind fünf Prozent oder sechs? Dunst, ein Hauch im Winde! Würde eS lohnen, zu besitzen Kapital, wenn alle Menschen wä­ren von Eurer Art, Herr?"

Der Prinz erhob sich. „Die Welt würde bann jedenfalls besser bestellt fein", entgegnete er. „Aber genug für heute von diesem Gespräche. Ich sehe wohl, daß das anvertraute Kapital Früchte getragen hat in Buren Händen, könnt Ihr die Abrechnung

zukommen ist, diese sollen fast verdoppelt werden, wäh­rend daS Pionierwesen auch um ein halbes Dutzend neuer Kompagnien vermehrt werden soll.

Nebenher muß natürlich auch das Unterrichts- wesen seine Ergänzung finden: sämtliche militäri­schen Unterrichtsanstalten werden vermehrt werden. Um schon rechtzeitig die nötigen Offiziersstellen besetzen zu können, wird eine Beschleunigung der Ausbildung der Kadetten und Fähnriche eintreten. Alles in allem kann man sagen, daß die Offiziere mit einem starken Avancementsschub rechnen können, denn um nicht im Kriegsfälle die Befehlsverhältnisse in der aktiven Truppe zu zerreißen, werden eine Reihe höherer Offiziersst eilen für die Reservefor­mationen jetzt schon gefordert werden.

Daneben hält man selbstverständlich an der Forde­rung erheblicher Mittel für Zwecke unserer Luftflotte fest. *

+ Tie Finaifiminister der Einzelstaalen sind am Montag unter oem Vorsitz des Reichskanzlers im Reichsamt be§ Innern zu einer Konferenz zu» fammengeireten, um die Vorschläge der Reichsregierung zur Deckung der W •brootlage entgegenzunehmen. Die Versammlung setzt sich aus mehr als 50 Mitgliedern zusammen; sie besteht aus den Herren des Bundes­rats und den bundesstaatlichen Ministern. Anwesend ist auch der Kriegsminister v. Heenngen. Wie wir bereits mehrfach meldeten, besteht bezüglich der Art »er Deckung keine Einmütigkeit unter den Bundes­staaten. Der Widerstand der größeren Bundesstaaten richtet sich gegen die Vermögenszuwachssteuer, die vom Reichsschatzamt vorgeschlagen ist und für die sich auch, wie gestern gemeldet, das preußische Staats­ministerium ausgesprochen hat. Wir glauben aber in der Annahme nicht fehl zu gehen, daß die Reichs­regierung trotzdem die Vermögenszuwachssteuer Vor­schlägen wird. Auch ist noch nicht die Hoffnung geschwunden, daß schließlich doch noch einige der bisher widerstrebenden Bundesstaaten der Vermögens­zuwachssteuer ihre Zustimmung geben werden, sodaß diese im Bundesstaat eine große Mehrheit sinden würde. Andererseits läßt sich allerdings nicht ver­kennen, daß die Witwen- und Waisen st euer, die zweifellos von dem einen oder anderen Bundes­staat vorgeichlagen werden wird, zahlreiche Anhänger im BundeSrat bat. Neben der Erbanfalliteuer werden jedenfalls auch noch eine Anzahl anderweitiger DeckungSoorschläge gemacht werden. Einstweilen wird abzuwarten fein, welches das Ergebnis der Mmisterkonsereuz fein wird.

z Die Decknugsfraze. Die .Norddeutsche Allge­meine Zeitung' schreibt:

Unsere Mitteilungen vom vorigen Samstag über den Plan der einmaligen Vermögensabgabe haben eine gute Auf nahm e gefunden. Unser Volk ist ent­schlossen, die in den letzten Monaten so vielfach bekun­dete Opferwilligkeit wahrzumachen und zur Tat zu schrei­ten. Die einmalige Vermögensabgabe zur Deckung der einmaligen Heeresforderungen erscheint mehr und mehr als der r i ch t i g e W e g. Es wird nun aber darauf ankommen, den einfachen und klaren Gedanken der Ver­mögensabgabe festzuhalten und Abwege bei den Er­örterungen über die praktische Gestaltung zu vermeiden.

WaS für Abwege sind da gemeint? Vermutlich zielt das offiziöse Blatt in erster Linie auf die An­regungen, auch die hohen Einkommen zur Opfer­gabe heranzuzichen. Man fragt sich: Wenn das Kapital herangezogen wird, von deffen Zmsen der nichterwerbstäuge Rentner leben mutz, soll dann dcr glückliche Erwerber von 100000 oder noch mehr jähr­licher Einkünfte nicht auch herangezogen werden? Die Frage drängt sich auf; die Gerechtigkeit spricht für die Heranziehung auch desjenigen Reichtums, der in einer fortlaufenden hohen Einnahme besteht. Ob man das einen „Abweg" nennen kann.

verschieben auf gclegcnere Zeit? Ich bin heilte nicht in der Laune, derlei weiter 31t erörtern."

„Edler Herr, der Baruch hat noch zu verrechnen einen Gewinn von hundertachtzigtansend Goldgulden, aus einem Geschäft, das getan wurde mit —"

„Ich will nichts mehr hören, übermorgen viel­leicht oder in einer Woche; sagt, Baruch, Ihr seid sicherlich nicht ärmer geworden durch das Geld, das ich in Eure Hände gegeben; wird in Eurem . Hause immer noch gehandelt mit kleinen Dingen, den Leu­ten Sand in" die Augen zu streuen über Eure Ver­mögenslage?"

Der Jude blickte mit einem gewissen Stolz em­por. „Nein, edler Herr, das hat ein Ende genom­men. Wenn es Euch eines Tages gefällt, den Fuß ins Ghetto zu setzen, dann werden Erire Augen sehen, daß der Baruch wohnt in einem neuen, großen Hause, und daß in seinen Schreibstuben zwanzig junge Männer sitzen, welche mir helfen im Geschäft. Habe ich nicht mein Vermögen verdoppelt in wenigen Monaten durch das Geld des gnädigen Herrn, der einem verachteten Inden hat geschenkt so viel Ver­trauen, wie kein anderer vor ihm. Das Ghetto ist wieder erstanden, aus hölzernen Häusern find ge­worden steinerne. Wer hat den Armen in der Ge­meinde geholfen, bis sie hatten ein Dach über dem Kopfe? Der Baruch. Wer hat gespeist im Anfänge Hundert von den Bedürftigen der Gemeinde und später fünfzig täglich, bis gehoben war bi; große Not? Wer hat gegeben zum Aufbau des Tempels zehntausend, nachdem der Salomon Jtzig, der Schnor­rer, gegeben hatte nur zweitausend? Der Isidor Baruch. Wer wird gegrüßt von Zllt und Jung, wenn er setzt seinen. Fuß aus dem Haustore? Der Baruch. Die Leute sagen, er ist ein großer Mann und der Salomon Jtzig ist ein Schnorrer, dem zittern die Finger, wenn es gilt zu geben aus dem eigenen Beutel."

Der Prinz blickte wohlwollend auf den Israe­liten. „Ihr seid ein ganz guter Mensch in Eurer Art, Baruch, wenn Ihr auch die Mängel Eurer Rasse in den alten Tagen nicht mehr ablegen könnt.

mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls stellt der Rück- griff auf gewisse Einkommen eine Erweiterung des Opferplanes dar, und iran kann den Offiziösen zugeben, daß der ursprüngliche Gedanke dadurch weniger einfach wird. Voraussetzung müßte sein, daß im ganzen Reich eine gleichmäßige Einschätzung des Einkommens statlfindet, etwa nach dem Muster oes sehr komplizierten preußischen Verfahrens der Veranlagung zur Staatsemkommknsteuer. Das würde praktische Schwierigkeiten und prinzipielle Bedenkeu der Bundesstaaten herbeiführen.

[] Die neue Polenvorlage

Trotz der entschiedenen MißbWgung des Reichs­tages und damit der Mehrheit des deutschen Volkes ist die preußische Regierung gewillt, ihre „Ostmarken. Politik" weiter sortzusetzen. In ihrer neuen Polen- Vorlage, die kürzlich dem preußischen Abgeordneten­hause zugegangen ist, werden im ganzen 230 Mil­li 0 n e n M a r k für die „beharrliche Fortsetzung der Siedelung und Besitzergreifung" in den preußischen Ostprovinzen angefordert.

Wollte man sonst nichts gegen diese Vorlage ein- toenben, so erscheint doch schon die nicht kleine Forde­rung von 230 Millionen in einer Zeit der finanziellen Kalamität sehr auffällig. 725 Millionen Mark hat die preußische „Ostmarkenpolitik" schon verschlungen, und was ist erreicht worden? Alle Mittel sind vergeblich angewandt worden. Soll noch mehr Geld aufgewendet werden, dann wird es ebenso nutz­los verpulvert wie das frühere.

Wenn es in der Begründung der neuen Forderung heißt, daß durch die Ansiedelung und Besitzbefestigung der beiden Provinzen Posen und Westpreußen „15 000 deutsche Familien mit ungefähr 32 000 Köpfen un­mittelbar zugeführt, 5335 deutsche Familien mit un­gefähr 7751 Köpfen seßhaft gemacht, 7751 Familien mit ungefähr 17 000 Köpfen darin festgehalten" wor- den sind und im ganzen „der unmittelbare und mit­telbare Gewinn" der deutschen Bevölkerung der bei­den Provinzen mit 150 000 bis 200 000 Personen an­gegeben wird, was wollen diese Ziffern bedeuten ge­genüber der weit größeren Anzahl der pol- n i s ch e n Bevölkerung, die man ja nicht austreiben und vernichten kann? Es wird in der Begründung der neuen Vorlage gar zu sehr mit diesen Ziffern als mit großen Erfolgen geprunkt, und am Ende doch zugestanden, daß das Deutschtum in diesen beiden Provinzen immer noch nicht „soweit gestärkt ist, daß es den wirtschaftlichen Machtkampf gegen das Polentum mit Erfolg fort führen und eine weitere staatliche Fürsorge durch Siedelung und Besitzbefesti- gung entbehren könnte. Dazu kommt, daß sich das Polentum Weitzer kräftigt und gute Fortschritte macht." Ist das nicht ein deutliches Eingeständnisdes Mißerfolges der preußischen Regierung?

Das Zentrum hat die verfehlte Polenpolitik von Anfang an als eine Ausnahmegesetzgebung und kul-, turkämpferische Maßnahme zum Zwecke der P r 01 e- ftantifierung der Ostmarken verworfen, und es steht der neuen Polenvorlage selbstverständlich ebenso ablehnend gegenüber.

Die Erfolglosigkeit des Bergewaltigungskampses der preußischen Regierung gegen die Polen bedeutet nichts anderes als eine Niederlage. Abkehr von dieser Ausnahmegesetzgebnng, eine Versöhnung mit den Po­len würde für die Regierung einen Erfolg bedeuten, zumal sie damit gewisse radikale Elemente in der pol­nischen Bewegung kaltstellen würde.

Erst recht bedenklich erscheint dies neue Kampf- gefetz gegen die Polen in der jetzigen Zeit voll ernster Gefahren, in einer Zeit, da an die Einigkeit und Opferwilligkeit aller deutschen Staatsbürger ein feier* licher Appell geht.

Doch zu etwas anderem, das mir unendlich wichtiger ist, als alles Geld und Gut dieser Erde — wie geht es meinem Kinde?"

Er hatte die letzten Worte leise gefragt, sofort nahmen die Augen des Juden einen Weichen Aus­druck an.

„Edler Herr, der Knabe konnte nicht besser auf­gehoben sein, er verlebt glückliche Tage — Lea ist ihm Mutter und Schwester zugleich — sie scheint ein neues Leben zu führen, seid Ihr das Kind ihrer, Sorge anverttaut habt. Ich erkenne das Mäbchen nicht wieder, alle Schwermut und Träumerei scheint von ihr gewichen zu fein."

Der Prinz blickte sinnend vor sich nieder, feint Augen erglänzten.

„Hat Maria je Botschaft gegeben für mich, Ba­ruch?" fragte er in zögerndem Tone.

Der Handelsmann blickte den Frager etwas er- ftännt an. „Nein, edler Herr, denn der Baruchs würde bestellt haben die Botschaft. Lea gehört zu jenen Wesen, die alles in sich bergen und nur selten sprechen. Als Sie damals von uns gingen, da wurde das Mädchen stiller noch als zuvor, und Mhrrha, die Magd, klagte mir und sagte, eine große Veränderung sei mit dem Mädchen vor sich gegangen. Es begann, stundenlang ununterbrochen hinauszuschauen zum' Meere, und wenn man unbemerkt näher kam, so konnte man oft hören, daß Lea mit jemand zu spre­chen schien. Seit dem Momente aber, daß das Kind den Boden der Insel betrat und ich dem Mädchen Ihren Wunsch überbrachte, es solle dem Knaben Mutter sein, seit dieser Zeit ist alles ganz anderst Sie lacht unb singt, unb alle Schwärmerei und alles, Uebernatiirliche ist gewichen von meiner Schwester Kind. Tag und Nacht ist sie um den Knaben, ob^ wohl blind, leitet es jeden seiner Schritte und be­wacht ihn auf das Aengstlichste. Der Erbe von Ta­rent könnte nicht in besseren Händen sich befinden. Wollen der edle Herr sich selbst überzeugen und wie-' ber einen Besuch dec Insel abstatten?" *

(Fortsetzung folgt) - ' '