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Nr. 57. Crstes Blatt.

Montag den |0. HTärz 1913.

40. Zahrgang.

* Bum 10. Mm 1913.

Ehrfurchtsvoll bewahrt jedes im Denken unb Füh­len gesunde Volk die Erinneruna an die Zeiten, in denen seine Vorfahren sich durch heldenmütige Vertei­digung ihrer heiligsten Güter einen Ruhmeskranz er­warben. Für unser Vqterland knüpfte sich eine solche Erinnerung an die tiefernste große Zeit vor nun­mehr hundert Jahren. Staunend und bewundernd blicken wir zurück auf unsere Väter, die sich im Jahre 1813 wie ein Mann erhoben und in edlem Zornes- mut die Fesieln der Fremdherrschaft brachen. Alle die heißen Leidenschaften, die ein mannhaftes Volk zu feurigem Tun entflammen, wenn es gilt, für Ehre und Freiheit einzutreten, waren erwacht. Gewaltig und wuchtig schäumte die Volkskraft über und errang so herrliche Siege, wie die Weltgeschichte sie nur selten zu verzeichnen hat. Außerordentliche Opferwilligkeit aller ohne Unterschied bedurfte es, um solche Ergeb­nisse zu erzielen, um überhaupt mit Aussicht aus Erfolg den Kampf g"gen den mächtigen Bedrücker I aufnehmen zu können. Aber fteudig, ohne Bedenken I brachte das Volk diese Opfer, gab Gut und Blut hin im Vertrauen auf Gott für König und Vaterland. Ein Vorbild der Treue und Ergebenheit sind auf diese Weise unsere Vorfahren von 1813 dem heutigen Gc- I schlechte geworden, dem sie zugleich gezeigt haben, I was wahre Vaterlandsliebe zu leisten imstande ist.

Nichts anderes als ein Gebot der Pflicht erfüllen wir daher, wenn wir jetzt in der Zeit der Jahrhundert- Gcdächtnistage jener Tapferen in. Dankbarkeit geden­ken und ihre Taten feiern. Der Kaiser hat in sinniger Weise den 10. März, der eine doppelte Bedeutung in I der preußischen Geschichte hat, als Tag der Feier zum I Andenken an die Befreiungskriege bestimmt. Es ist der Geburtstag der K ö n i g i n Luise und der Tag der Stiftung des Eisernen Kreuzes.

Große Tage waren es, als vor nunmehr hundert Jahren der Kampf gegen den Beherrscher fast ganz I Europas gerüstet wurde. Unermüdlich war der qe-

Wir Deutsche können die Hundertjahrfeier in wn vier F des Turnerzeichens begehen, frisch und sröhlich, fromm und frei, ohne Scheu vor dem eigenen gewissen oder vor einem empfindsamen Nachbarn. Rußland, unser Waffengenosie von damals, dagegen muß seine Hundertjahrfeier „dämpfen". Es hat die ^clbstherrlichkeit, die es im Winter 1812/13 gegen «neu gewaltigen Feind behauptete, zu -inem Teile wieder aus der Hand gegeben, indem es sich mit dem ^gner von damals in ein Bündnis verstricken ließ, einer Geldknechtschaft verzweifelt ähnlich sieht. Deutschland ist genau auf demselben Wege geblieben, "kn es 1813 beschritten. Von dem französischen Joch, unsere Vorfahren abgcschüttelt, haben wir kein «tückcheu uns wieder aufladen lasten. Als 1870 der mstte Napoleon den Versuch machte, die Ueberlcgen- hcit des ersten Napoleon von neuem geltend zu Machen, wurde durch einen schweren und erfolgreichen das Werk der Befreiungsjahre vollendet und Uchergestellt. Dieser zweite (und hoffentlich letzte) ^weinngskrieg brachte uns auch das, was schon im

1813 verheißen war, aber erst nach 50 jährigen Zurren und Wehen fertig wurde: „ein? deutsche ~.eH.affung in lebenskräftiger Brr " nng und snrri ' ohne fremden Einfluß". Da 'm fran- Usichen Volke noch im fünften Jahrzei,. ach dem a<>r s urtcr Frieden der Revanchegeist foruebt und kJ' .neuer‘,i1,0§ sichtlich aufflamint, so brauchen wir 2/ Msterer Gedenkfeier auf die Gefühle der Nachkom-

ei1 LCt Beneaten von rcchtswcaen fcijtc Rück'-zu j

| nehmen. Trotzdem geben wir unserer Feier keine I feindselige Spitze. Deutschland wollte und will nicht sich überheben, sondern nur sich e r h e b e n. Kein I Begehr nach fremdem Gut, sondern nur die Wehr des eigenen! Wir jubeln nicht über den Schaden oder I die Schande eines anderen, sondern über die Freiheit, Einigkeit, Selbstherrlichieit und Kraft unseres I Volkes.

Wenn der Opfergcist von 1813 in zeitgemäßer Ge­stalt heutzutage bei uns auss neue erwacht, dann liegt darin nichts aggressives, nichts habgieriges oder herrschsüchtigcs. Nachdem Deutschland trotz mancher Herausforderungen 40 Jahre lang sein scharfes Schwert sorgsam in der Scheide gehallen hat, darf es jeden Zweifel an seiner Friedlichkeit als Erzeugnis des Hasses oder wenigstens einer heillosen Verblen­dung zurückweisen. Wir verfolgen bei den Rüstungen [ der Gegenwart kein anderes Ziel, als wie unsere Vor­fahren bei der gewaltigen Schilderhebung von 1813: die Unabhängigkeit und Sicherheit der deutschen Nation.

Auch in unserer Dündnispolitik sind wir seit 100 Jahren auf dem geraden Wege geblieben. Ten Frdiheitskampf bestanden wir mit den Russen und den Oesterreichern zusammen. Wenn Rußland heute nicht mehr in bundesfreundlicher Be­ziehung zu uns steht, so ist das wahrlich nicht Deutsch­lands Schuld, das dem östlichen Nachbar eher zu viel, als zu wenig nachgelaufen ist. In Rußland ist die panslawistische Strömung aufgckommcn, die ihren Feind im Germanentum sieht unb sich zu besten Be­kämpfung mit der ersten romanischen Macht verbün­det hat. Unsere Vorfahren hatten das französische Joch abgeschüttelt, um frei zu werden, aber nicht, um es mit einem russischen Joch zu vertauschen. Tie Waffenbrüderschaft mit Oesterreich steht erfreu­licher Weise heute in der gleichen Blüte und Kraft, wie vor 100 Jahren. Das Jahr 1866 brachte freilich eine zeitweilige Störung; aber die häusliche Ausein­andersetzung sührte zur Klärung und bald zu einer vollen Versöhnung und Verbrüderung. In dem Jubeljahr freuen wir uns ganz besonders über die feste und fruchtbare Solidarität, die politische Ehe Deutschlands mit Oesterreich.

wiegte preußische Staatskanzler Hardenberg um die Schließung eines Bündnisses mit Rußland und Oesterreich bemüht, mit doppeltem Eifer wurden die Rüstungen gegen den Erbfeind betrieben, die ganze Nation drängte zu den Waffen.

Bereits am 13. Februar hatte Friedrich Wil­helm III. Napoleon ein Ultimatum gestellt; das kleine auf das rechte Elbufer beschränkte Preußen dem französischen Kaiserreiche, das noch nach jener schreck­lichen Katastrophe auf den Eisfeldern Rußlands ein Heer von 600 000 Mann aufzubringen verstand. Das von Napoleon so verachtete Preußen gab das Zeichen zu seinem Sturze. „Um Europa frei zu machen," schlossen Rußland und Preußen am 28. Februar den Allianz-Vertrag von Kalisch. Und bereits am 2. März rückte das preußische Heer unter Jork und das rus­sische unter Graf Sahn-Wittgenstein über die Oder vor. Am 10. März standen die beiden Armeen auf ihrem linken Ufer. Die Franzosen hatten schon Ber­lin geräumt. In Breslau aber erließ Friedrich Wil­helm einige Tage später, am 17. März, den zündenden Aufruf „An Mein Volk!" und „An Mein Kriegs­heer!", und ein Heer von 271 000 Mann trat in Waf­fen. Von je 17 Einwohnern zog einer in den Be- steiungskrieg. Am 27. März wurde Napoleon die Kriegserklärung Preußens übergeben.

Dieser elementaren Volkserhebung konnten die Heere des Tyrannen nicht standhalten. Oesterreich schloß sich bald dem preußisch-russischen Bündnis an, und so kam die gewaltige Völkerschlacht bei Leipzig, die Flucht der französischen Armee, der llebergang der Verbündeten über den Rhein und die völlige Besiegung des Korsen im Jahre 1815. *

Der Zusammenbruch Preußens in den Jahren 1806 und 1807, die Katastrophen von Jena und Auer- städt, hatten erst den Weg freigemacht für die Be­tätigung der edelsten Tugenden des ganzenVolkes. Eine sechsjährige, überaus schwere Leidenszeit hatte jung und alt, hoch und niedrig geläutert. Gewiß, die Zeit war noch nicht reif, ein Deutsches Reich zu schaffen, aber damals wurde doch zuerst die Stimmung geschaffen, die in den geistig führenden Mcmnern un­seres Volkes die Sehnsucht nach einer nationalen politischen Einigung des Volksganzen weckte und nicht mehr einschlummern ließ.

Daher ist die freudige Erinnerung an das Jahr 1813 nicht nur für die Preußen, sondern für j alle Deutschen ein inneres Bedürfnis. Sie wird ihre I Wirkung auch auf unser heutiges Geschlecht nicht ver- | fehlen.

I Nörgler haben gelegentlich die Frage aufgeworfen, ob in dieser Gemeinsamkeit nicht Deutschland mehr Lasten und Leistungen hat, als Oesterreich. Ein sol­ches Hantieren mit der Goldwage ist jetzt so wenig angebracht, als vor 100 Jahren. Das kleine Preußen hat im Jahre 1813 mehr Krieger auf die Schlacht- I selber gebracht, als Oesterreich und Rußland, jeder I für sich, zu stellen vermochten. Das war eine groß­artige Leistung preußischer Opferwilligkeit und Tat­kraft, die auch nicht unbelohnt geblieben ist; denn die bahnbrechende Rolle, zu welcher der preußische Nord- osten damals durch die geographisch-polit. Lage und durch d:e eigene Tüchtigkeit berufen wurde, hat den Grund gelegt zu der Präsidialstellung und der Kaiser­würde im neuen Deutschland. 1813 taten alle Be­teiligten, was sie könnten, und wer mehr vermochte, ersetzte gern, was bei dem Genossen mangelte. So muß es auch bei dem gegenwärtigen deutsch-öster­reichischen Bündnisse gehalten werden. Das deutsche Reich hat mehr Steuerkraft, mehr Einwohner, eine stärkere nationale Geschlossenheit und eine gleich­mäßigere Volksbildung. Wenn es demgemäß in das Kompagniegeschäft eine größere Einlage bringt, so tut es einfach seine Pflicht und Schuldigkeit, und wir sind mit dem Genossen herzlich zufrieden, wenn er | nach seinen Kräften auch das ©einige tut. Cs kommt I ja schließlich nur daraus an, daß die vereinten Kräfte ausreichend sind, und darauf dürfen wir nach den bisherigen Erfahrungen rechnen.

Die Lebenswurzel unserer Kraft und Sicherheit ist und bleibt freilich die Einheit im Reich. Es paßt sehr schön, daß gerade jetzt der bayerische R e g c n t in Berlin seinen Besuch machte. Die Main­linie ist schon längst überbrückt, aber cs ist doch gut, wenn vor aller Welt, vor der fteuudlicheu und im- freundlichen, die Festigkeit und Geschlossenheit des Reichs eindrucksvoll bekundet wird. Unb wenn Steuer« fragen oder Reste ans der alten Knlturkampfzeit uns zeitweilig häusliche Unruhe bereiten, fo wollen wir uns in's Bewußtsein rufen, wie glatt und breit für uns der Weg zur Einigkeit gebahnt ist im Vergleich zu den ungeheueren Schwierigkeiten, die vor 100 Jah­ren der Sammlung der nationalen Kräfte entgegen- ftanben. Da mußte erst Stück für Stuck der eine Staat und Stamm nach dem andern aus der. mili­tärischen und politischen Umklammerung durch den Fremdherrn gelöst werden. Die wackeren Männer, die das BesreiungSwerk begannen, haben trotzdem alles gewagt und nie verzagt. Sie wußten unter den schwierigsten Verhältnissen die Einigung zu schaf­fen; wir wären elende Epigonen, wenn wir nicht wenigstens die gegebenen Grundlagen der Einheit zu wahren verständen. Dazu gehört freilich der Ver­zicht auf Eigensinn, Eifersucht und Verfolgungslust, welche Untugenden uns schon viel „innere Kämpfe" beschert haben. Auch das sind Opfer, die für'8 Vater­land gebracht werden müssen, und sie können wert­voller'und fruchtbringender sein, als Geldopfer.

Am 10. März 1813, am Geburtstage der Königin Luise, wurde das Eiserne Kren; gestiftet. Auch wer sonst dem Ordenswesen skeptisch gegenübersteht, wird vor dem eisernen Kreuz, das 1870 seine Würde und seinen Wert neu bekundete, hohen Respekt haben. Tas eiserne Kreuz war das rechte Symbol für den Freiheitskampf. „Gold gab ich für Eisen". „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte." In dem Eisen versinnbildet sich die O p s e r w i l - ligkeit und die Tapferkeit. Und die Form des Kreuzes war wohl am Platze, denn durch die Freiheitsbewegung ging ein tiefer, schöner reli­giöser Z n g. Tie Tapferkeit war in der Tat von der F'r ö m m i g k e i t gestützt und veredelt und ge­stärkt. In unserem „aufgeklärten" Zeitalter könnten und sollten wir von der religiösen Gesinnung der tüch­tigen Vorfahren wieder lernen. „Gott, mit uns." „Mit Gott für König und Vaterland." Der Name des Höchsten darf in diesen bewährten Sprüchen nicht

vergeblich geführt werden. Wenn die atheistische So­zialdemokratie für die Volkserhebung von 1813 keinen Sinn und keinen Respekt hat, so liegt das nicht zum mindesten an ihrem Widerwillen gegen die religiöse Stimmung jener Zeit.

Was nützt die Gedenkfeier, wenn sie nicht zur Nachahmung der bewährten Tugenden aneifert? Die Hundertjahr-Erinnerung predigt uns Frömmig­keit, Opferwilligkeit und Eintracht; sie mahnt uns auch zu einer einfachen, soliden Lebensführung unter Abweisung des hohlen Luxus. Ein verwöhn­tes und verweichlichtes Geschlecht hätte so gewaltiges nicht leisten können. Vor allem ermahnt uns das Gedenkjahr zu zäher Ausdauer. Den Freiheits­kämpfern ftelen die Siege keineswegs in den Schoß. Erst gab es Fehl- unb Rückschläge genug. Aber die Wackern hielten aus und setzten immer von neuem an mit dem Aufgebot aller Kraft. Haben wir noch die Fähigkeit zum Dulden und Warten und zum fort­gesetzten mühseligen Ringen?

Wir dürfen stolz sein auf unsere Vorfahren von 1813 und auch von 1870. Aber ob wir stolz sein " fen auf die Jetztzeit und auf uns selbst, das muß jich erst noch zeigen in den F r ü ch t e n , die der Baum der Gedenkfeier trägt. Die festlichen Worte verhallen; die T a t muß bleiben.

- »

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. März 1913.

Vor Eintritt in die Tagesordnung macht der Präsi­dent Mitteilung von einem Telegramm des Präsidenten der Teputiertenkammcr der portugiesischen Republik, in welchem dem Reichstag und dein deutschen Volk aus Anlaß des Marineunglücks die warme Anteilnahme der Deputierlenkammer zum Ausdruck gebracht wird.

Erster Gegenstand der Tagesordnung ist die dritte Lesung des NotetatS.

Abg. Haase lSoz.): Die Schuld daran, datz die Etats­beratung zu Ostern noch nicht zu Ende geführt ist, trifft die Regierung, die den Reichstag zu spät einberufen hat. Darin liegt eine Verkürzung der Rechte des Parlaments.

Abg. Seyda (Pole) erklärt, daß das Etatnotgesetz der Regierung nicht die Erlaubnis gebe, für die Antipolen­politik weitere Mittel zu verwenden.

Hierauf wird das Etatsnotgesetz angenommen.

Es folgt die Fortsetzung der 2. Beratung über die Etats der Schutzgebiete, und zwar zunächst über den EtatsürOstasrika.

Beim Kapitel „Weiße Hilfskräfte" beantragt die Kom­mission eine Resolution auf Förderung der Bauin- w o l l k u l t u r.

Abg. Krätzig (Soz.): Der Resolution der Budget­kommission vermögen wir nicht beizustimmen, denn von unseren Kolonien ist eine wirksame Beeinflussung des Daumwollmarktes nicht zu erwarten. An der gegenwär­tigen schwierigen Sage des Baumwollmarktes ist einzig die Wirtschaftspolitik Deutschlands, schuld. Wir haben auch da keine Veranlassung, die verkrachten Plantagen­gesellschaften mit dem Geld der deutschen Steuerzahler wieder flott zu machen.

Abg. Schiffer (Ztr.j: Der Verbrauch an Baumwolle hat sich bei uns in den letzten 40 Jahren auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, ungefähr versiebenfacht. Deutschland mutz fetzt jährlich ungefähr 600 Mill, für Baumwolle an das Ausland zahlen. Wir können be­stimmt hoffen, daß cS in einigen Jahrzehnten sicher möglich fein wird, mit Hilfe unserer eigenen Produktion einen Einfluß auf die Preisgestaltung zu erzielen und eine gewisse Unabhängigkeit vom Auslande zu erreichen. Im Jahre 1903 hat sogar der „Vorwärts" und auch Genosse Legien die Vorteile einer eigenen Daumwoll­zucht nicht verkannt, wodurch umsomehr die ablehnenoe Haltung der Sozialdemokratie unverständlich ist. An der Entwicklung der Baumwollzucht hat auf,er der Textil­industrie die Volksgesamtheit das allergrößte Interesse. Ich bitte, der Resolution der Budgetkommission für einen Nachtragsetat zur Förderung der Baumwollkultur zu­zustimmen.

Abg. Dr. Paasche (nail.): Wir haben das allergrößte Interesse an der Förderung unserer Baumwollkulturen, uns im Hinblick auf die amerikanische Konkurrenz so rasch wie möglich auf eigene Füße zu stellen. Die Not der in manchen Spinnereien beschäftigten Arbeiter wird noch bedeutend größer, wenn wir nicht rechtzeitig für eigene Baumwollindustrie sorgen.

Staatssekretär Dr. Solf ist mit den Worten der Vor­redner einverstanden und weist darauf hin, daß beson­ders England, Italien und Rußland zum Kampfe gegen die übermäßige Produktion Amerikas rüsten und wir nicht zurückstehen dürften. Seine Kolonialpolitik sei un­bekümmert um die Kritik der Sozialdemokratie im In­teresse des deutschen Handels und Wandels.

Abg. b. Böhlendorsf-Kölpin (kons.) weist die Angriffe gegen das kolonialwirtschaftliche Komitee zurück.

Abg. Gothein (Vp.) wünscht vor allem zur Förderung der Baumwollkultur die Verbesserung der Wasserftratzen in den Kolonien.

Abg. Dr. Ahrens (Rp.) weist ebenfalls auf die Unzu­verlässigkeit der Wasserstraßen hin, die als Ergänzung, nicht aber als Ersatz der Eisenbahn auSzubauen seien.

Die Resolution der Kommission auf Bewilligung aus­reichender Mittel zur Förderung der Baumwollkultur wird angenommen.

Beim Titel „Bekämpfung von Epidemien in den Schutzgebieten" (810 000 Mk.) macht

Abg. Dr. Paasche (natl.) auf die große Verbreitung der Geschlechtskrankheiten und den Geburtenrückgang speziell in Ostafrika aufmerksam und fordert Bekäm­pfung der Alkobolpest.

Staatssekretär Dr. Sols erklärt, daß zur Bekämpfung dieser Krankheiten, wie auch der Trunksucht alles getan werde.

Nach unwesentlicher Debatte wird der Rest des Etats für Ostasrika angenommen.

Es folgt der Etat für Kamerun.

Abg. Brabant (Vp.) beleuchtet den Wert der Deut­schen Neuerwerbungen in Kamerun.

Abg. Dr. Paasche (natl.) macht Vorschläge für neue Babnprojekte.

Staatssekretär Dr. Solf verspricht Remedur der Kon- zeisionsgesellschaften, die er nach den bestehenden Ver­trägen nur kontrollieren könne.

Abg. Erzberger (Ztr.) hält die Erklärung de? Staats­sekretärs über die Bekämpfung des AlkoholmitzbrauchS unter den Eingeborenen nicht entschieden genug. -Der Staatssekretär steht hoffentlich nicht auf dem S d- punkt: „Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist ein braver Mann." Wir haben c" i'bingS in Togo und Kamerun mit dem Widerstand t französischen Regie­rung zu rechnen, der Deutschland hindert, den Alkoböl zoll in diesen beiden Kolonien wesentlich ui erbghen.

Wir sollten mit aller Entschiedenheit auf der bevor­stehender Konferenz in Paris wenigstens eine Verdop­pelung e Einfuhrzolles durchsetzen. Durch ent- sprechende Gestaltung der Eisenbahntarife müßte der Alkohol wenigstens vom Inneren des Landes zurück- gehalten werden. Von jeher sei das Zentrum gegen die Konzessionsgesellschasten. Er fragt über den Prozeß des Kolonialamtes gegen die Nord-Kamerungesellschaft an und wünscht für alle1 anderen Konzessionsgesellschaften ein so günstiges Abkommen wie mit der Süd-Kamerun­gesellschaft. Tie Vorwürfe des Abg. Dr. Weill Dr. Semler gegenüber seien vollauf berechtigt. Ich halte es für meine Pflicht, festzustellen, daß Dr. Semler der Budgetkommission fein Amt als Kolonialreferent zur Verfügung gestellt hat, als er Aufsichtsrat der Süd­kamerungesellschaft wurde. Er übergab das Referat für Kamerun einem Parteifreund, behielt es aber unter einmütiger Zustimmung für die andern Kolonien. Daran ist nichts auszusetzen, solange nicht nachgewiesen ist, daß er dieses Amt in persönlichem Interesse ausgeübt hat. Die Angriffe gegen Major Dominik sind durchaus un­berechtigt. Tas bezeugt jetzt, wo sein Mund verstummt ist, gern die katholische Mission, die unmittelbar in feiner Nähe tätig war. (Beifall.) Mit einer Verdeutschung der französischen Gesellschaften in Neu-Kamerun durch deut­sches Kapital ober stärkeren Einfluß der deutschen Ver­waltung würde die Handelsfreiheit für deutsche Kauf­leute in Neu-Kamerun wesentlich sicher gestellt werden. Für die Fortsetzung bet Mittellanbbahn befürchte ich große Schwierigkeiten.

Abg. Dr. Weill (Soz.): Wenn bie Regierung von ber Süb-Kamerungesellschaft eine so erhebliche Einschränkung ihres Konzessionsgebietes erlangt hat, kann sie dasselbe auch von den anderen Gesellschaften verlangen.

Der Etat für Kamerun wird mit einer Kommissions« reformiert betr. Maßnahmen zur Errichtung von Ein­geborenenreservaten unb zur Sicherung ber Handelssrei- heit der deutschen Kaufleute angenommen.

Mach unerheblicher Debatte wird der Etat für Süd - West-Afrika angenommen. — Eine Kommissions- refolution auf SScrminberung der Schutz­truppe wirb gegen Zentrum unb Sozialdemokratie abgelehnt. Die Resolution auf eine anderweitige Gestal­tung des Etats in der Richtung, datz bie Kosten ber Lan­despolizei künftig einheitlich nach einem im Etatgesetz festzusetzenden Verhältnis auf Reich unb Schutzgebiet verteilt werben unb die nach Kamerun verbannten Hot­tentotten wieder in ihre Heimat anzusiedeln sind, wirb angenommen.

Die Etats für Neu-Guinea und Samoa wer­den debattelos erledigt.

Es folgt der Etat für Kiautschou. U. a. führt Abg. Nacken (Zentr.) aus, daß unser Schutzgehiet Kiautschou in einer erfreulichen Entwicklung begriffen sei. Tsingtau habe sich als bedeutender Stützpunkt für Handel unb Wandel erwiesen unb bewährt. Der Schiffs­verkehr habe sich in erfreulicher,Weise gehoben unb (Sin- fuhr unb Ausfuhr steigernd zugenommen. Dringend notwendig sei ber Bau ber von Tsingtau ausgehenden Sübbahn burch .deutsches Kapital, um einer belgischen Konkurrenz zuvorzukommen, wodurch ber Verkehr von Tsingtau abgezogen würbe . . . Der Staatssekretär möge bei dem beutschsn Kapital seinen ganzen Einfluß biin- genb dahin geltend machen. Von großer Bedeutung sei ferner der Ausbau ber deutsch-chinesischen Hochschule in Tsingtau als deutsches Kulturzentrum im Osten.

Staatssekretär des Reichsmarineamtes v. Tirpitz ist von der wirtschaftlichen Entwicklimgsfähigkeit Tsingtaus überzeugt unb stimmt bem Vorredner völlig bei. Er macht bie deutsche Industrie auf bie Kohlen unb Eisen­erze in Kiautschou aufmerksam, um sie bei ber jetzt be. vorstehenden Entwicklung Chinas konkurrenzfähiger zu machen. Der Etat für Kiautschou wird en bloc an. genommen.

Mit einem Gedenkwort an die glorreiche Seither 100Jahren, an die innerliche unb äußer­liche Befreiung bes Volkes unb mit bem Wunsche eines frohen Osterfestes schließt Präsident Kämpf die Sitzung.

Mittwoch 2. April: Antrag Ablaß (Vp.) betr. Verbot ber Errichtung von Fideikommissen unb Petitionen.

Preußischer Landtag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 8. März 1913.

Die Beratung bes Etats ber Zentralgenossenschafts­kasse wird fortgesetzt.

Abg. Mepenschein (kons.): Tie Angriffe gegen die Zentralbarlelmskasse sind ungerechtfertigt. Diese Kasse sieht wie jedes solide Unternehmen ebenfalls auf Liqui­dität, unb ein Zwiespalt mit den Verbänden sei nicht erwünscht. Der alte Raiffeisen ist doch ein besserer Or- ganifator gewesen als manche annehmen. Die Raiff- eisen'sche Organisation ist die einzige, die in ihren Sta­tuten stehen hat, daß ihre Genossenschaften auf christ­licher unb staatstreuer Grunblage beruhen. (Beifall.)

Abg. Human» (Ztr.) bittet, daß ben eingetragenen Genossenschaften, besonders den Kreditvereinen ebenso wie ben Kommunalsparkassen unb anderen Korporatio­nen das Recht erteilt wird, in eigener Angelegenheit, ohne Beglaubigung ihrer Unterschrift löschungsfähig zu quittieren. Bis zur Erfüllung dieses Wunsches rät er, den Genossenschaften und Vereinen ein einzelnes Mit- glich mit Generalvollmacht zu versehen.

Präsident ber Zentralgenossensöftlstskasse Dr. Hei- ligenftabt stellt Prüfung des Wunsches des Vorredner! in Aussicht und wendet sich bann gegen ben Abg. Lieb, knecht, der gestern eine Bevorzugung der ländlichen Ge­nossenschaften seitens der Zentralgenossenschaftskasse be- hauptet hatte. Dem Abg. Brors gegenüber hebt er noch hervor bah die Zentralgenossenschaftskasse auch ben ge> werblichen Genossenschaften in weitgehendem Maße Kre­dit gewahre.

Abg. Dr. Stull (Ztr.) betont dem Abg. Oeriel gegen­über, inan lasse beide Organisationen ihren Weg gehen, die mit ihrem guten Wirken für Land unb Volk ihren Zweck erfüllten. Sein Wunsch nach Reform des Aus­schusses sei burch bie Ausführungen des Präsidenten Dr. Heiligenftadt gerechtfertigt worden. Der au sich gute Gedanke, nach einem besonderen günstigen Geschäfts­jahre den angeschlossenen Verbandskassen ein Prozent oder ein halb Prozent Zinsen als Rückvergütung zu er­lassen. wäre nach der Verfassung ber Preußenkasse un­ausführbar. Der vom Herrn Dr. Grucgcr vorgeschlagenk freie Ausschuß aus ben Kreisen ber Genossenschafter würde lebhaften Anklang finden. (Beifall.)

Hierauf wird ber Etat ber Zentralgenossenschafts, lasse bewilligt.

Es folgt die 2. Beratung des Gesetzentwurfes über den Ausbau von Wasserkräften im oberen QueUgebiete der Weser. Die Kommission hat die bewilligten Mittel von 9 Mill, auf 10’/2_ Mill, erhöht unb bittet, bei Aus­führung von Ueberlanbzentralen auf bie Städte Kasse' unb Göttinnen Rücksicht au nehmen.