Fuldaer Zeit«
nionats-Beilage:
Nr. 55
Crstes Blatt
Freitag den 7. IHärz 1913
40. Jahrgang.
+ Die Wehr- UN- Deckungsfragen.
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tscher Reichstag
Sitzung vom 6. März 1913.
Die Vorlage wurde schließlich an die Armeekom- Mission verwiesen, und. die Kammer nahm die $ub«: getdebattc wieder auf.
* Berlin, 6. März 1913. Der Kaiser stattete Donnerstag vormittag dem Reichskanzler ö.' Beth« mann-Hollweg einen Besuch ab. — Der Vertreter des Wahlkreises Ost« und Weststernberg im Reichstage, Abg. v. Kaphengst (kons.), ist Mittwoch im Alter von noch ni t 43 Jahren gestorben. Er war einer von jenen sechs konservativen Abgeordneten, die im Juni 1909 für die Erbanfallsteuer stimmten.
c Die Budgetkommission des Reichstages beriet am Donnerstag den südwestafrikanischen Etat weiter. In bezug auf die Schutztruppe fand folgende Resolution die Zustimmung der Mehrheit: „Den Reichskanzler zu ersuchen, im nächstjährigen Etat für Südwestafrika bei den Anforderungen für die Militärverwaltung die Stärke der Schutztruppe zu verringern."
s In der LeuchtSlkommission dcS Reichstages wurde gestern über die Betriebsgesellschaft verhandelt. Abgelehnt wurde die vom Zentrum beantragte Forderung einer öffentlichen Ausschreibung der Lieferung und eines Zuschlags an den Mindestfordernden. Auch weitere Anträge des Zentrums über die Regelung der Rechtsverhältnisse zwischen Kleinhandel und Betriebsgemeinschaft wurden abgelehnt. Dagegen wurde nach einem fortschrittlichen Anträge eine Bestimmung angenommen, wonach die Betriebsgesellschaft in die bestehenden Verträge des Kleinhandels mit ihren Lieferanten, soweit sie die Stellung von Verkaufsgefätzen betreffen, eintreten müsse. Endlich wurde ein Antrag des Zentrums, der die Erledigung des Geldverkehrs der Betriebsgesellschaft mit ihren Abnehmern durch Reichsbank, Staatsbanken, oder Scheckverkehr fordert, angenommen.
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Illustrierte Sonnfagszeifung
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:: Ziebungsliften der preutzlsch-süddeutschen Klaffen-Eotterie. — haldjährllch easchmfahrplan. s
Ausland.
Die französische Heeresverstärkung.
maligen Ausgaben durch eine einmalige Abgabe vom Vermögen gedeckt werden sollen, Zwar Hal der Bundesrat diesem Vorschlag seine Zustimmung noch nicht erteilt, doch ist nicht zu bezweifeln, daß es geschehen wird. Mil dem Gedanken an sich kann man sich einverstanden erklären; im einzelnen aller- dings wird ,u prüfen sein, ob der Vorschlag bet Reichsregie- a nicht verbesserungsbedürftig ist. Un- klarhcil beste, noch darüber, ob außer dem Vermögen auch die größeren Einkommen mit rur Abgabe herangezogen werden sollen. Unseres Erachtens wäre eme solche Maßnahme ganz unbedenklich, ja sogar ^forderlich insoweit, als ja tn vielen Fällen große Einkommen vorhanden sind, ohne daß ein Vermögen vorhanden ist.
Was die Deckung der laufenden Aus- gaben anlangt, so steht bezüglich ihrer mit Sicherheit noch nichts fest, da der Bundesrat noch nickt gesprochen hat. Das Dunkel, das über den Plänen der Reichsregierung lag, ist zwar gelichtet insofern, als fest zu stehen scheint, daß sich unter den Dcckungs- Vorschlägen die Reichsvermögenssteuer und die Erbanfall st euer besinden werden. Welchem der Vorschläge der Reichsregierung der Bundesrat den Vorzug geben wird, muß abgewartet werden. Leider läßt sich nicht vcr.ennen, daß die Aussichten der Erbanfall st euer gegenüber der Vermögenszuwachs, steuer günstiger sind. Der Bundesrat solllesich aber, bevor er sein letztes Wort spricht, reiflich überlegen, ob er gut daran tun wird, in so schweren Zeiten aufs neue den Zankapfel der Erbanfallsteuer, die zweifellos eine Brüskiernng der rechtsstehenden Par- te>en bedeuten würde, unter die bürgerlichen Parteien zu werfen. Ader auch die Parteien der Linken sollten wohl mit sich zu Rate gehen und den Bogen nicht überspannen. Es könnte sein, daß der Pfeil auf sie selbst zurückschnellen würde. Wir wollen an dieser stelle auf diese Frage nicht naher eingehen, bevor die Entscheidung des Bundesrats, die ja in nächster Zeit zu erwarten ist, gefallen fein wird.
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, Reichskanzler hat für Freitag nach- nuttag die Führer der bürgerlichen Parteien zu einer Besprechung in den Reichstag eingeladen, in welcher er ihnen vertrauliche Mitteilun gen über den Inhalt der Wehrvorlage machen wird.
* München, 6. Marz 1913. Die Richtigkeit der Nachricht, Bayern wolle eine SotierungSfteuet der ausländischen Wertpapiere vorschlagen, wird hier bestritten. Dem Plane einer einmaligen Abgabe vom Vermögen stehl Bayern mit rückhaltloser Sympathie gegenüber.
.:. Der „Ultramontamsmus" am Ruder. Aus Straßburg schreibt jemand: Wie ich in der „Frank, furter Zeitung" gelesen, erklärte die „Badische Lau- deszertung" die Notwendigkeit des Großblocks unter andcrm mit dem Hinweis darauf, daß in Bayern in Württemberg und auch in Elsaß-Lothringen der Ul- tramontanismus am Ruder sei. Jammerschade ist's, daß diese bedeutsame Entdeckung noch nicht früher gemacht worden ist. Jetzt wird es zweifellos den Elsaß- Lothnngern sonnenklar werden, warum gerade im katholischen Elsaß-Lothringen der Statthalter die 3 Unterstaatssekretäre, die 3 Bezirkspräsidenten, fast alle Kreisdirektoren und von den etwa 70 Universi- tatsprofessoren rund 60 protestantisch sind; auch der Fall Dr. Stabiler usw. erscheinen jetzt in ganz anderem Lichte. Die herrschsüchtigen Ultramontanen nützen eben ihre Macht brutal aus! Es geht halt nichts über Aufklärung!
Ist das nicht traurig? Die „Vosiische Ztg." die bisher sich nicht genug tun tonnte im Schreien nach einer Vermögenssteuer, macht jetzt, wo eine solche Luft'd^ ~“re ihrem gepreßten Herzen also „Es gibt recht viele wohlhabende und reiche Leute, die ihren Aufenthalt und Wohnsitz frei m JtÄJnmen können. Nicht bloß Rentner, sondern auch Gesellschaften, namentlich ältere, große Unternehmungen, buhlen sie sich im Deutschen Reich überbürdet, so liegt ihnen der Gedanke nabe, ihr Zelt außerhalb des Deutschen Reiches auftusctilagen, wo sie gern auf» genommen werden und vielfach, beifpielSroetje in einzelnen Kantonen der Schweiz, auf lange Jahre Steuerfreiheit genießen. Es ist selbstverständiich, daß die Gesetzgebung eine solche Abwanderung nicht zu fördern hat, zumal, da mit der Vermögensabgabe auch bte Einkommensteuer und mancher sonstige wirtschaftliche Vorteil dem Heimstaat verloren ginge. -Wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, sieht ftian die Wirkung eines Steuerunterschiedes schon an dem Wegzug fteuerfräfitger Burger von Berlin nach Grünewald. Die Verhältnisse bei der Vermögensabgabe liegen mannigfach anders, aber nicht durchweg besser. Die Abwanderung einer nennenswerten Zahl Steuerzahler ins Ausland, wenn die Vermögensabgabe nicht in mäßigen Grenzen bleibt, ist olles eher als ausgeschlossen."
Die alte Geschichte: Die liberalen Großkapitalisten sind patriotisch bis auf die Knochen, solange c n- dere Leute die Kosten aufbringen; sobald sie aber s e l b st Opfer für das Vaterland bringen sollen, drohen sie den Staub desselben von den Füßen zu schütteln. Wirklich eine traurige Gesellschaft.
= Weimar, 6. März 1913. Im wemiarischen Landtage wurden heute Petitionen erledigt. Das Ge- such des Hauplausschufses für die naalltche Pensions- Versicherung der Prwatangestelllen um Nachprüfung deralsLebensversicherungsunternehmungen anerkannten Werkskasfen, sowie ein Gesuch von Einwohnern in Allstedt um Beseitigung der Pfarrabgave wurden durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt. — Am 15. März wird der Landtag bis zum 7. April in di» Osterferien gehen.
desache. Sämtliche Kultusgegenstände zur Mhaltung >:s Gottesdienstes seien bereits frei, ein Gesetzentwurf betr. Grunderwerb der Mission und Gesellschaften gehe in den nächsten Tagen dem Bundesrat zu und der Alkoholgenuß würde möglichst eingeschränkt. In der Frage der Jagdschutzordnung stehe er auf dem Standpunkt der Jagdschutzfreunde. Vor allem erbitte er das Vertrauen des Reichstags. (Beifall.)
Fr .tag: Fortsetzung.
Preußischer Landtag
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 6. März 1913.
. Tie Beratung des Eisenbahnetats wird fortgesetzt I beim Titel „dauernde Ausgaben".
Abg. Heckenroth (k.) erklärt, daß der Ministerial- erlaß über die Anrechnung der Militärdienstzeit auf das I Dienstalter der Eisenbahnbeamten leider zu wenig beachtet würde. Die Arbeiterausschüsse hätten sich eben- I so gut wie die Arbeiterpensionskassen bewährt. Der Minister möge fortfahren in der sozialen Fürsorge, er I möge aber auch fortfahren in der Bekämpfung der sozialdemokratischen Agitation und kein Organisation dul- den, die das Streikrecht in ihr Programm ausgenommen hat. (Lebh. Beifall rechts.)
Abg. Dr. König-Krefeld (Z.): Einer der dringlichsten Wunsche der Beamtenschaft geht dahin, das Beamten- r e ch t zu kodifizieren. Namentlich sollten darin die wichtigen Fragen des Disziplinarverfahrens, der Un- kundbarkeit beS Dienstverhältnisses, der Regelung des Urlaubs, der Residenzpflicht der Beamten, des Vereinigungsrechts geregelt werden. Auch bezüglich der Besoldung haben die Beamten zahlreiche Wünsche und zwar schon lange. Am besten würde man den Weg beschreiten, den das Zentrum empfiehlt: Kinderer- ziehungsbeihilsen zu gewähren. Dieser Antrag setzt da an, wo die Not am größten ist, bei den Fa- milien mit mehreren Kindern und wird zweifellos dazu beitragen, die einzelnen Beamtenklassen etwas damit auszusöhnen, wenn alle ihre besonderen Wünsche nicht gleich erfüllt werden. Ein von uns unterzeichneter Antrag wünscht, die Eisenbahnassistenten mit den Reichseisenbahnassistenten in ihrem Gehalt gleichzustellen. Die Hilfsunterbeamtenzeit sollte bei Berechnung des Ruhe- gehalts mitgezählt werden, oder wenigstens ein fortlaufender Zuschuß zu der Pension gewährt werden. Werter bringt Redner Wünsche der Bahnhofsaufseher, Eisenbahnunterassistenten, Eisenbahnwerkführer, Lade- nnd Bodenmeister, Weichensteller, Eisenbahntelegraphisten, Eisenbahnhandwerker, Kolonnenführer, Lokomotiv» beamten, Rangiermeister, Eisenbahnpackmeister, Eisenbahngehilfen, Wagen- und Hilfswagenmeister, Wagenwärter, Handwerker und Arbeiter auf Lohnerhöhung, Wohnungsgeldzuschuß, Vermeidung von Geldstrafen, Ausgleichszulagen usw vor.
Minister v. Breitenbach: Ich tue für meine Beamten und Arbeiter, was sich vom Standpunkt eines ein- I Seinen Ministers tun läßt. — Der Minister geht dann zum größten Teile unverständlich auf einzelne Wünsche ein und sagt möglichste Berücksichtigung zu.
Trotzdem noch eine große Reihe von Rednern gemeldet ist, wird die Debatte über die Besoldungen geschlossen. Die Redner, die nicht mehr zu Wort I gekommen sind, bedauern, daß es ihnen unmöglich ge- I macht ist, für die Beamten zu sprechen.
Der Titel Besoldungen wird bewilligt.
Nach weiterer unerheblicher Debatte ist das Ordina- I rium erledigt.
Beim Extraordinarium werden eine Reihe von Ein- I zelwünschen in bezug auf Bahnhofsa nlagc n geäußert. Der Eisenbahnetat ist damit erledigt.
Freitag: Notgesetz, Nachtragsetat usw.
Der Kampf gegen die katholischen Schulen in Frankreich. Die Blockmehrheit hat ihren Willen durchgesetzt und vor allen anderen dringenden Sacher ihre GesctzeSvorschläge zur „Verteidigung der Laien schule" zur Diskussion der Kammer gestellt. Die Nachgiebigkeit der Regierung gegenüber den Links- republikanern steht in schroffem Gegensatz zu der Begeisterung der französischen Katholiken, mit bei diese die Wehrvorlage der Regierung begrüßen uni verteidigen. Die Minister lassen sich diese Unterstützungen gefallen, greifen ab der Opposition zu Liebe zugleich zum letzten Schlage gegen die Freiheit der Katholiken in der Schule aus. Zur Abstimmung steht ein Gesetz, demgemäß in allen Städten und Orten unter 3000 Einwohnern, d. h. so ziemlich überall die Errichtung freier (katholischer)
So sieht sich also Deutschland auf sich allein angewiesen.
Zweck der neuen Wehrvorlage ist e$, dieser neu geschaffenen Lage der Dinge Rechnung zu tragen. Dazu gehört vor allem eme umiangreiche Verstärkung und Bes stigung unsrer Ostgrenze, die Ausfüllung bisher noch vorhandener Lücken und die vraktiiche Verwertung der im Balkankrtege gemachten Erfahrungen. Dies alles bedingt die augergewöhnllch hohen Ausgaben. Jrn großen und ganz n läßt sich gegen dte RüftungSpläne der Regierung ernstlich nichts cin- wenven. Ob eine Verkürzung der Forderungen möglich fein wird, muß einer näheren Priftnng Vorbehalten bleiben, bis die Vorlage in ihren Einzelheiten be» tannt ist.
Bezüglich der Dcckungssraae herrscht zurzeit noch einiges Dunkel, ^eft steht nur. daß die ein»
Der Nachtragsetat für 1912 und das Etatsnoigesetz für 913 werden debattelos angenommen.
ES folgt die Fortsetzung des Kolonialetats.
Abg. Erzberger (Zentr.): Der Abg. Henke hat dieser Tage eine Auffassung hier vertreten, die mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Die Aussichten über unsere Kolonien dürfen nicht in den pessimistischen Rah. men hineingepreßt werden. Die Nachteile und Miß- bräuche geben wir auch zu, aber man muß doch gerechterweise auch anerkennen, daß die Kolonien unsere heimische Industrie mit Rohstoffen versorgen sollen und dies heute auch bis zu einem gewissen Prozentsatz tun. Die bisherigen Versuche mit Baumwollpflanzungen berechtigen zu begründeten Hoffnungen, ferner ist es auch gelungen, in Neu-Guinea eine Petroleumquelle zu entdecken. Daneben dienen unsere Kolonien auch als Absatzgebiete für die Erzeugnisse der heimischen Industrie. Deshalb können auch die Arbeiter ein erhebliches Interesse an dem Aufblühen unserer Kolonien haben. Auch die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft, z. B. die Völkerkunde, haben reiche Anregungen und ungemein viel Material aus den Kolonien bekommen. Wir haben unsere Kolo n i a l p 0 li ti k von Anfang unterstützt, einer- seits aus religiösen Erwägungen, andererseits aus nationalen und wirtschaftlichen Gefichtspunkten und an dieser Auffassung halten wir auch heute noch fest. (Beifall im Zentr.) Wir freuen uns, daß auch die Regie- rung in der Kolonialpolitik sich mehr und mehr unseren Anschauungen nähert, so in der Frage der Ansied- lungspolitik in Ostafrika, nach dem System Rechenberg. Der Schwarze soll zur Arbeit erzogen und mchl gezwungen werden und der Versuch des Arbcits- Strangcä muß n icbei aufgehoben werden. Unser Schutz- truppensystem bai in Südwestafrika rund 50 099 Menschenleben gefordert. Es wurde in die Eingebon nen, die an ga keinen Angriff dachten, hineingefchossen. Solche Expeditionen dürft.! nie wieder unternommen werden. Nachdem die Eingeborenen sich unterworfen haben, hat eine weitere Verfolgung und Riederschietzen keinen Zweck mehr. Dem Gouverneur als einzig verantwortliche Stelle müssen sich die militärischen Machthaber unterordnen. Für die im Jahre 1920 eintretende Beseitigung der H a u s sk l a v e r e i sind schon jetzt entsprechende Uebergaugsbestimmungen zu treffen. Die Missionare müssen kräftiger unterstützt werden und der Islam weniger begünstigt werden. Ein evangelischer Missionar sagte, die Entscheidung über den Islam im schwarzen Erdteil wird in Deutsch-Ostafrika fallen. Man begünstigt geradezu die Mohammedaner. (Hört, hört!) Man baut zwar keine Moscheen mehr, aber als Ortsvorsteher zieht man Mohammedaner den Christen vor. (Hört, hört!) Die Leute denken geradezu: Wenn du der Regierung eine Freude machen willst, dann werde mohammedanisch. Man sollte den Leuten klar machen, dah das Deutsche Reich kein mohammedanisches ist, sondern ein christliches, daß Christen die Steuern aufbringen. Wir verlangen kein Geld für ine Missionare, aber Zollfreiheit für alle Artikel, die sie brauchen. Man soll auch nicht kleinlich und engherzig sein, wenn die Missionare Land haben wollen. Ein Quadratmeter Land ist doch nicht so kostspielig wie in der Leipziger Straße in Berlin. Die Regierung hat gewünscht, daß die Missionare in unseren Kolonien möglichst Deutsche sein sollen. In Rom steht man dieser Forderung sympathisch gegenüber. Wenn die deutsche Regierung deutsche Missionare haben soll, dann soll sie aber auch dafür sorgen, daß nicht die einzelnen Bundesstaaten die Ordensniederlassungen in ungebührlicher | Weise erschweren oder unmöglich machen, denn heute mutz der junge Nachwuchs im Auslände herangebildet werden. Wenn in Deutschland neue Stationen mit Schulen für Missionare gegründet werden, so soll man keine Schwierigkeiten machen und nicht gleich Zähneklappern und Knieschlottern bekommen. Wenn wir I Weltpolitik und Kolonialpolitik treiben wollen, dann darf I man nicht kleinlich sein, dann muß man den Verantwortlichen Stellen in Preußen und anderswo den Standpunkt einmal klarmachen. Wenn wir die Kolonien durch Eisenbahnen erschließen, so kommen wir rasch vorwärts. Die .Deutsche Tageszeitung", hat sich ein Verdienst er- worben, daß sie den Forscher Emil Zimmermann zu Erkundungsreisen in Neukamerun und anderen Teilen des Schutzgebietes veranlaßt hat. Solche Reisen sind wertvoller als die, die auf Reichskosten veranstaltet werden. Die verheerende Alkoholpest darf durch den Bahnbetrieb nicht weiterverbreitet werden. Man sollte den Alkohol ganz vom Transport ausschlietzen. Für die neuerworbenen Teile von Kamerun wünschen wir Pandelsfreiheit für die deutschen Kaufleute und die Schaffung von Eingeborenenreservaten. Neukamerun 'st kein Paradies, aber es ist nicht schlechter als Altka- merun vor 20 Jahren. Das Geld, das wir in Alt- tomerun gesteckt haben, rentiert sich bereits. Die großen Gesellschaften müssen zu einem recht erheblichen Teil zu den Verwaltungskosten herangezogen werden. Un- sere Kolonien verlangen schwere Opfer, trotzdem werden wir nie bereuen, daß wir sie erworben haben. (Lebh. Beifall im Zentrum)
Abg. Semler (nalt.): Der Aufschwung, den unsere Kolonien in den letzten zehn Jahren genommen haben, Jft ganz bedeutend. Das beweist das stetige Wachsen "".Ausfuhr. Zu begrüßen ist die von der Budgetkom- miffion beantragte Resolution auf weitestgehende Förderung der B a u rn w 0 l l k u l t u r in den Schutzgebie- »en. Die Kaufleute und Industriellen sind im allgemeinen recht zufrieden, da sich auch der Staatssekretär mit fet- Jter ganzen Person für die Förderung der Kolonien ein- I^tzt. Wo bleibt das Denkmal für die alten Schutztrupp- ler? (Lachen bei den Soz.)
Staatssekretär, des Neichskolonialamts Dr. Sols tuhrt aus,_ bafj die Verhandlungen über das Kolonialdenkmal günstigen Verlauf versprächen.
I Abg. v. Böhlendorff-Kölplin (k.) ist mit der Ent.
-Jung unserer Kolonien zufrieden, wünscht jeuuaj ! Neuerung im Eisenbahnbau, Beseitigung des Arbeiter- I Mangels und Förderung der Missionen beider Konfesio- nen und Ausbildung der Oriental. Seminars zu einer ^us landshoch schule.
Waldslein (Vp.) erklärt, die jetzige Kolonial- vutit gerne unterstützen zu wollen, mit der er im "^meinen zufrieden sei.
»nrt -rr" r" Liebcrt (Rp.) macht Vorschläge bezüglich einer • rteuiiaften Traeierung neuer Bahnen in den Solo« en unb jst für volle Beibehaltung der Schutztruppen.
Staatssekretär Dr. Solf wendet sich gegen den Abg. fe, und stimmt für eine Erziehungspolitik für die «« nut allergrößten Humanität, die je nach
Charakter der Moral und der Höhe ihrer Bildung ; L J., die verschiedenen Schutzgebiete verschieden sein \ J 'e> . ~er Kamps wegen des Islamismus sei schwer i-. ungenügenden Orientierung, jedenfalls trage V uiegterung nichts zu seiner Verbreitung bei. Auch cwe der Islam toeniaer als Religion, sondern als Mo-
veutsches Keich.
** Prinzregcnt Ludwig in Berlin.
Prinzrcgent Ludwig von Bayern ist Donnerstag nachmittag, von der Bevölkerung lebhaft begrüßt, mit Gemahlin zum Besuch des Kaiferpaares in Berlin erngetrossen. Der Kaiser, die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise, das Prinzenpaar Eifel-Friedrich, Prinz August Wilhelm, Prinz Oskar, die Prinzen Friedrich Sigismund und Friedrich Karl von Preußen waren zum Empfange am Bahnhof anwesend. Oberbürgermeister Wermuth begrüßte die Gäste im Namen der Stadt Berlin. Der Einzug in die Reichshaupfftadt, die mit deutschen und bayerischen Fahnen reich beflaggt war, erfolgte über die Konig- gratzerstraße, durch das Brandenburger Tor und die Linden. Im ersten vierspännigen offenen Wagen hatte der Kaiser mit dem Regenten Platz genommen, den Wagen eskordierte die Garde-Kürassier-Eskadron. Die zweite gleichfalls vierspännige Equipage nahm die Kaiserin mit der Prinzessin Ludwig ein; diesem Wagen gab die Dragoner-Eskadron das Geleit. Das Prinzregentenpaar hat im König!. Schlöffe Wohnung genommen. —- Am Freitag morgen findet ein Empfang des Prinzregenten seitens der Stadt Berlin im Rathause statt, am Nachmittag wird der Prinzregent dem Flugplatz Johannisthal in Begleitung des Kaisers einen Besuch abstatten.
. Gestern nachmittag empfing der Reichskanzler den mit dem Prinzregenten eingetroffenen bayerischen Ministerpräsidenten Frhrn. v. Reitling.
Der Kaiser hat eine Reihe von Ordensau s- zeichnungen verliehen; u. a. erhielt Staatsminister Dr. Frhr. v. Hertling den Roten Adlerorden erster Klasse. Dem Prinzregenten überreichte der Kaiser die Epauletten und Achselstücke des 2. Nieder- schlesischen Infanterie-Regiments Nr. 47 mit dem Namenszug des Prinzregenten.
Man schreibt uns aus Berlin:
Unfere Angaben über die Höhe der zu erwarten- ! den Ausgaben für die HeereSverstärkung sind mehr- fach in der Preffe Zweifeln begegnet. Demgegenüber können wir nur nochmals feststellen, daß in her Tat die einmaligen Ausgaben sich auf rund eine Milliarde belaufen werden, während die dauernden Ausgaben jährlich rund 200 Mil. Honen betragen. In ihren Einzelheiten steht die neue Wehrvorlage allerdings noch nicht fest, doch wird nach unserer Kenntnis der Sachlage die durch sie herbeigeführte Verstärkung unserer Wehrmacht für den einzelnen Jahrgang rund 84000 Mann, d. h. also bet der zweijährigen Dienstzeit insgesamt 168000 Mann betragen. Das ist gewiß eine ganz außerordentliche Maßnahme. Sie findet aber ihre Berechtigung in der namentlich durch die Ereignisse auf dem Balkan herbeigesührten Verschiebung der Machtverhältnisse in Europa.
Die bisherige Auffaffung, daß in einem europäischen Kriege die Balkanstaaten durch die Türkei in Schach gehalten würden, ist bei der gegenwärtigen Lage der Dinge unhaltbar geworden. Oefterretch steht sich heute im Ernstsalle zwei Fronten gegenüber, den Bal» kanstaalen und Rußland. Oesterreich ist somit mehr als bisher in Anspruch genommen und Deutschland kann nicht mehr in dem gleichen Maße auf seine Un. terstützung rechnen, wie es bisher der Fall war. Aber nicht das allein. Auch Italien ist durch seine Neu. erroerbungen an der nordafrikanischen Küste für Jahre hinaus so stark in Anspruch genommen, daß es, will es seinen Aufgaben voll gerecht werden können, nicht mehr in gleichem Maße wie früher als Machtzuwachs bewertet werden kann.
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Tie Vorlage über die dreijährige Dienstzeit wurde gestern in der franz. Kammer durch Kriegsminister Etienne eingebracht. Der Gesetzentwurf sieht für jeden diensttauglichen Franzosen eine ununterbrochene dreijähr. Dienstzeit in der aktiven Armee vor, elf Jahre in der Reserve der aktiven Armee, sieben Jahre in der Landwehr und sieben in der Reserve der Landwehr, sodaß die Zeit der Wehrpflicht im ganzen achtundzwanzig Jahre beträgt. Die Begründung der Vorlage betont in ihrer Einleitung, daß dir Ereignisse des letzten Jahres die meisten Stationen dazu geführt haben, ihre Armeerüstungen zu verstärken, unb daß unter diesen Umständen auch Frankreich die Pflicht habe, das nämliche zu tun. Im übrigen ist die Begründung durchaus technisch gehalten.
Die Verlesung des Gesetzentwurfs in der Kammer verursachte große Radauszenen. Sofort nach den ersten Worten des Ministers erhob die Linke einen derartigen Lärm, daß es unmöglich war, den Kriegsminister zu verstehen. Etienne blieb ruhig und sprach weiter. Darauf hörte man Worte wie: B .... diten, Reaktionäre, Verräter. Der Präsident Deschanel versuchte vergeblich, die Ruhe wieder herzustellen. Er gab bekannt, daß er alle diejenigen, die derartige Worte gebraucht haben, dafür verantwortlich machen werde. Die Lärmszenen waren ganz beispiellos heftig. Die Gemäßigten und Konservativen schienen von der Kundgebung ganz der- blüfft und rafften sich erst nach einigen Augenblicken zu Profestrufen auf. Sie riefen den Sozialisten zu: Nieder mit den Verrätern! Geht in den Reichstag Preußens! Während des Tumults ordnete der Präsident an, die Tribünen zu räumen, doch wurde der. Befehl alsbald zurückgezogen, da die Zuschauerfribü- nen nur im Falle einer Unterbrechung der Sitzung geräumt werden können.
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