Fuldaer Leitung
L.
1
Au pair.
Ich will
kommt vielleicht heute Nacht noch." „Gott und die Heiligen stehen mir bei!
ihr nicht unter die Augen treten." Das Mädchen eilte über die Treppen
Lokaler.
Fulda, 1. Mär, 1913.
a. AnrknnstSfstkle. Im Interesse der Arbeitgeber unb der Versickerten ist von dem Vorstände und der LandesversicherunaS-Anstalt Hessen «Nassau für die hiesige Kontrollstelle ein Sprechtag einaericklei worden. Der LandeSveisickerungS« Inspektor wird jeden Samstag normt tag von 9—1 Uhr und pack« mittags von 3—6 im Dienstzimmer Adalbertstraße 31b anzutreffen sein.
t Znm Präses des kath. Männer« und Meisterver« einS bat der Hockw. Herr Bisnok den Herrn Sub« regens dcS diesigen Priesterseminars, Dr. Dominikus Heller, ernannt.
— G'undstückcv'rkanf. Herr Brauereidirektor Eck war, hier verkaufte an Herrn Malermeister Krönung einen Bauplatz an der Parkstraße, auf dem sofort mit den, Bau eines Einfam'lienhaules begonnen roirb. Ter Kaufpreis beträgt ci. 7000 Mk.
X Uckerlaodientrale. Im Anschluffe an einen Vorlrag, der bteict Tage in Alsfeld über Vie Erbauung einer Ueberlandzenirale gehalten wurde, et; obren rotr, daß die Errichtung einer Zentrale im nordöolicken Teile des Vogelsbcrges nickt ins Auge geiaüt worden »st. Für das ganze Ucbctianb,enitalen • Pros kt der Kreise um Fulda herum war utipiünghd) beabsichtigt, den Strombedarf zum Teil den staatlichen Kiaslwerten an der Edertalspere zu entnehmen. Ta 6 Steile aus der Umgebung Kassels bereits mit den staatlichen Krasl« werken Verträge abgeschlosien haben und auch das Risiko, welches durch den Betrieb der lieber! a ad zen
M 50.
Samstag 1. März 1913.
vertraut war und das nun in einer Ecke stand und, die Schürze vor dem Gesichte, bitterlich weinte.
„Margherita, wie lange bist Du hier im Hause?" fragte er.
„Zwei Monate — seit das andere Mädchen geheiratet hat."
„Es wird Dir schlecht gehen, wenn das Kind nicht gefunden wird. Die Gräfin hat den Teufel im Leibe. Nun erst in diesem Falle —"
Das Mädchen weinte nur um so lauter.
„Lauf davon!"
Sie nahm die Schürze vom Gesicht und blickte den Alten überrascht an. „Ihr meint es gut mit mir, Jaeobo?"
„Natürlich — Du hast Verwandte?"
„Eine Base — sie wohnt zwei Stunden von hier, mitten im Walde."
„Lauf zu der Base und lasse Dein Gesicht hier nicht mehr sehen, Margherita — hier hast Du Geld, damit Du Deinen Schrecken vergißt."
Ueberrascht blickte die Magd auf die Münzen. „Das ist Gold. Jacobo, so viel Geld habe ich in meinem Leben nicht gesehen."
„Ich schenke Dir die fünf Goldstücke, habe mir dieselben vom Munde abgespart", sagte der alte Mann. „Packe schnell Dein Bündel, halte aber reinen Mund, daß ich Dir dazu geraten, und laufe fort, so schnell Dich Deine Füße tragen. Das Kind wird Wohl zum Vorschein kommen, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Ich glaube positiv, daß es lebt — brauchst Dich nicht ru grämen. Mer wenn Du der Gräfin unter die Augen trittst . . ."
„Um Gotteswillen nicht!"
„Dann möckte ich in Deiner Haut nicht stecken", setzte der Alte hinzu. „Deinem Liebhaber weide ich moraen sagen, wo er Dich finden kann, ich habe erlauscht, an Weicker Stelle Du ihn treffen willst."
„Ihr habt ein gutes Her;, Jacobo, saat ihm auch, ich sei bei der Base, und er soll mir treu bleiben und sein Wort halten wegen der Heirat und —"
„Ganz gut, alles werde ich ihm sagen, aber nun mache, daß Du auf Deine Kammer' kommst, packe Deine lleb-n ^chcn, und ich will Dir unterdessen
die kleine Tür auf der anderen Seite aufsperren, daß Du unbemerkt entschlüpfen kannst. Die Gräfin
2. Blatt.
Druck der xvldoer Zchentnicttei in Selbe.
der Einwilligung nicht, wenn das Bild zu Zwecken der Rechtspflege und der öffentlichen Sicherheit von Behörden vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zur Schau gestellt wird. Wie denn auch das Verbrecheralbum wohl meist unter hellem Widerspruch der darin Abgebildeten zustande kommen dürste.
Jacobo hatte sich unbemerkt vom Garten in die "urg begeben, und nach wenigen Minuten kam er, ""scheinend recht unruhig, bte Treppe herunter und ttef nach der Wärterin des Kindes.
„Margherita stebt draußen auf dem Wege und schwätzt mit ihrem Schatz", sagte einer der Diener.
Der Alte stürzte zum Tore und streckte den grauen «opf
hinaus.
„Margherita, Du leichtsinnige Dirne, komme augenblicklich herein", mahnte Jacobo. „Wirst Du deshalb bezahlt von der Herrschaft, daß Tu das MkS heimlich verläßt und eine Stunde lang herum- Wterft mit jungen Burschen?"
»Was sicht Euch an?" antwortete das Mädchen ^jchmpvisch. „Die Herrschaft ist ja nicht da."
»Wo ist der junge Graf?"
Die Heime tun, was sie können, aber das meiste erfahren sie gar nicht, und die Spur von Tausenden verliert sich in den Tiefen von Paris. Wie manche findet sich nicht mehr nach Deutschland heim, — wie manche kehrt heim mit gebrochenen Flügeln — und wie manches Kind einer deutschen, hilflosen jungen Mutter wird in der Assistence publique erzogen!
Sie sind eine so leichte Beule für die Verführung, die sich hier in so feurige Worte und so flammende Gesten kleidet! Täglich bröckelt das Leben um sie her, das andere Moralgesetze hat, mehr ab von den deutschen Grundsätzen, mit denen sie herkam, und keine Mutter wacht über der jungen Seele ihres Kindes. Vielleicht sitzt daheim eine Stiefmutter oder ein Stiefvater, die ihr das Heim entfremden und ihr die Hilfe versagen (ich kenne ein solches tapferes braves Mädel, das sich zu tot arbeitet, während sein Vater als reicher Hausbesitzer daheim auf dem Geldsack sitzt), vielleicht ist es ein Vormund, der nicht nachdenkt. Oft genug aber ist es einfach eine simple Gedankenlosigkeit der Eltern, die nicht erkennen, daß sie ihre Kinder in fremden Familien fremden Sitten und Einflüssen aussetzen, für deren Versuchungen sie nicht erzogen sind. „Alle unsere Köchinnen waren deutsche Advokatentöchter", sagte mir mal ein ziemlich herabgekommener Pariser, dem ich gewiß mein Kind nicht anvertraut hätte.
Wer seine Tochter zu Studienzwecken nach Paris schickt, soll sehr überlegen, ob sie auch energisch, willensstark unb konzentriert genug ist, um allen Versuchungen dort, die die luxuriöse Weltstadt, das enervierende Klima, die andere Lebensauffassung, die anderen Sitten ibr bieten, gewachsen ist. Denn sehr, sehr viele liebe, brave Mädels verfallen dort in einen eigentümlichen hysterischen Rausch, der sie ganz gefangen nimmt und besinnungslos macht.
Eltern sollen sich klar machen, daß ihre Tochter auch in ihrem Hause einige Tausend Mark zum Leben brauchen würde und sollen das Geld für sie auf einer Pariser Bank deponieren, sodaß sie Heimreisen kann, wenn sie merkt, daß Paris ihr über den Kopf wächst: unb daß sie aus einem Hause sich entfernen kann, wenn sie merkt, daß dort ihre Rechte nicht gewahrt werden oder ihr Ruf und ihre Tugend in Gefahr gerät. Die Bank kann die Eltern von jeder abaeho- benen Summe benachrichtigen. und so bleibt die Kontrolle über das Leben ihres Kindes. Und nur mit einer solchen oestinden Grundlage ist die Existenz des deutschen Mädchens in Paris möglich.
Das Generalkonsulat, das dem unaeheueren unb übermäßigen Zustrom der jungen deutschen Mädchen mit seinem Zirkular zu steuern sucht, hat absolut recht. Die Tatkraft, die Liebenswürdigkeit und Gefälliakeit, die Poesie und Zärtlichkeit der deutschen Erziehung und Kinderstube sind in Frankreich sehr geschäht, viel mehr, als man maeben will. Tas deutsche Kinder- fränlein ist ein Bestandteil des Pariser Lebens geworden. Mer so wie ihre Eristenzen heute sind, ist alles das verschwendet, aus Mangel an wirtschaftlichen Hilfsmitteln — aus bitterer Not verschleudert — was auch für sie ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor hätte werden können.
in ihre Kammer. Listig blickte ihr Jacobo nach. „Ich habe ein gutes Werk getan", murmelte er, „das Mädchen soll nicht darunter leiden."
Von der Höhe, von der die Heerstraße niederführte, zur Stadt Genua rollte um dieselbe Stunde ein Reisewagen. Bei jedem Schritt, den die Pferde machten, trat das Panorama der tief unten liegenden Stadt mehr hervor.
Im Magen saßen zwei Personen, ein Mann und eine schöne junge Frau, bereu Gesicht Spuren von Ermüdung zeigte. Schweigend schauten die beiden nieder auf das zauberhaft schöne Bild, die . Tausende von beleuchteten Fenster und Lichter an ben Schiffen im Hafen und draußen auf dem Meere sahen von der Höhe aus, als- sei die Ebene gefüllt mit ebensoviel glühenden, phosphoreszierenden Johanniswürmchen.
Nun legte der Kutscher die Bremse ein, und im Schritt nur konnten die Pferde talabwärts g'hm. Als der Wagen an eine Bieaung der Straße kam, da wurde die Burg Tarent sichtbar.
„Ich bin recht fioh, wenn ich zu Hanse bin", sagte die junge Frau, „es war ein anstrengender Tag, den ich sobald nicht vergessen werde."
Der Mann an ihrer Seite gähnte. „Wir hätten schon vor Stunden eintreffen können", antwortete er, „aber die Wege sind znm Verzweifeln schlecht — auch ich bin froh, wenn ich aus diesem Kasten heraus bin."
Ungefähr fünf Minuten ging die Fahrt schweigend dahin. Die Burg Tarent wurde nun deutlich sichtbar, mit bloßem Auge konnte man bereits jedes Fenster leben Tie Frau beugte sich plötzlich vorwärts und blickte angestrengt nach der Richtung, wo die Büro ftanh
Der Gras von Tarent.
65] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
Das Kind hielt er krampfhaft an sich gepreßt, fein teuerster Besitz. Plötzlich steckte der Knabe den Kopf aus den Falten des Mckntels.
„Papa, ich habe den Bibi verwren", rief er kläglich. „Er ist ins Meer gefallen und muß ertrinken'" Der Gras lächelte in unendlichem Glücke. „Tu bekommst morgen eine andere Puppe, Kind", sagte er.
„Einen Bibi, der zwei Augen hat?"
„Ja."
„Und eine Zunge auch?"
„Ja, und er wird fast so groß sein, wie Du selbst."
„A-a-a-h!"
Plötzlich blieb Tarent stehen, und er nahm das - »eine Barett vom Kopfe des Kindes und warf es hmunter ins Meer.
„Sie werden annehmen, das Kind ist ertrunken", murmelte er.
Tann entschwand er mit seiner Last im Dunkel der Nacht.
Das Recht am eigenen Bilde.
Lor einigen Jahren wandte sich eines Tages eine fang verlobte Dame in Heller Verzweiflung an mich und erzählte, ihr Bräutigam habe ihr mit der Losung des Berlöbniffes gedroht weil ein Photograph in ihrer Heimatstadt ihr Porträt in einem Schaukasten Angen habe und obendrein einen schwunghaften Affichtspostkartenhandel mit dem Bilde treibe. Jene Ausnahme war anläßlich einer Theatervorstellung ohne Wissen der zu den Mitspielerinnen zählenden Abgebildeten entstanden und zeigte sie demgemäß in tinem ungewöhnlichen Aufputz und in theatralischer Haltung Alle Bitten um Unterlassung weiteren Mißbrauchs der Photographie blieben jedoch unerfüllt.
Dieser Fall darf nun insofern allgemeines Interesse beanspruchen, als uns tagtäglich ein ähnliches Geschick beschicken sein kann. Aber auch bei minder grobem Unfuge, der mit unseren Bildern getrieben jpirb, muß es uns doch biStoeilen unangenehm sein, ständig vor den Augen eines großen Publikums zu stehen, zumal wenn unser Konterfei nach unserem Gefühle schlecht getroffen ist oder wenn es uns in feierlichem Gewände, wie etwa im Hochzeitsstaate, zeigt
Schutzsuchend rufen wir darum nach unserem Recht am eigenen Bilde, das uns seit dem 1. Juli 1907 in einem bis dahin unbekannten Umsange gesetzlich üerbrieft ist. Ihm entnehmen wir, daß unsere Bildnisse nur mit unserer Einwilligung verbreitet ober öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen. Früher machte es einen Unterschied ob die Abbildungen auf unsere Bestellung hin erfolgt waren oder nicht. Eine derartige Schranke hat das neue Gesetz indes beseitigt. Mag das Bild darum bestellt worden sein, mag man es ohne unser Vorwissen gefertigt oder gar gegen unseren Willen hergestellt haben: gleichviel, es genießt heutigentags unter allen Umständen den Schutz vor Schaustellungen und Ver» brcilungen.
Der Photograph darf demnach, freilich seiner ständig geübten und von uns meist gern geduldeten Praxis zuwider, unser Bild nicht ohne unsere Genehmigung in seinem Schaukasten unterbringen oder in dem Atelier auslegen. Der Vorsicht halber ist allerdings jedem, dem ein solcher Aushang unlieb ist, ein darauf abzielendes Verbot an ben Photographen zu empfehlen. Diesem ist bcbingungslos Folge zu leisten, währenb man bisweilen die ohne Zweifel recht irrige Ansicht Vertreten hort, cs sei daraus, baß man sich, ohne eine Verbreitung ober eine Schaustellung unserer Bilder zu untersagen, abbilden ließ, auf unsere Genehmigung zur Auslage im Atelier oder zum Aushang im Schaukasten zu schließen. Vielmehr scheint dem Gefetze eine solche Einwilligung zur Der- fügung über unser Bildnis nur bann erteilt, wenn wir uns bafür, daß wir uns abbilden ließen haben entschädigen lassen. Bemerkenswert ist übrigens, daß zwar unser Bild, nicht aber etwa auch eine Karikatur von uns den Schutz des Gesetzes genießt. Die Verbreitung von Karikaturen kann also gegebenen» falls höchstens Stofs für eine Beleidigungsklage liefern.
Mit der Genchmigung zum Aushange unserer Bllder dürfen wir aber um deswillen ein wenig zurückhaltend fein, als eine solche nicht widerruflich ist, wenn wir uns nickt etwa bei ihrer Erteilung das Wiberrufsrecht ausdrücklich vorbehtelien. Rücksichtlich der Schutzdauer belehrt uns das Gesetz, daß diese sogar über unseren Tod hinaus währt, Nach dem Tode des Abgebildeten bedarf es nämlich zehn Jahre lang der Einwilligung bei Angehörigen, unter denen der überlebende Ehegatte und bte Kinder des 2lbgc» bildeten und, wenn weder Ehegatte noch Kinder vorhanden, die Eltern zu verstehen sind. Die seinerzeit viel besprochene Porlräticrung der Leiche des Fürsten Bismarck gibt weiter zu der Erwähnung Veranlassung, daß auch nach dem Tode ausgenommene Bildnisse dem Verbote, sie zur Schau zu stellen oder zu verbreiten, unterliegen.
Wollte das Gesetz eine grundlose Schädigung der Verfertiger der Bilder vermeiden, so mußte es sich in seinen Sätzen vor einer Ueberspannung des dem Abgebildeten gewährten Sckmtzes hüten. Der Gesetzgeber hat diesenl Bedürfnisse auch tatsächlich genügt, sofern er ausdrücklich gestattet, daß solche Bilder, auf denen die Per>onen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Oerllichkeit erscheinen, auch ohne Einwilligung verbreitet und zur Schau gestellt werden dürsen. Tesgleichcn sind Bilder von Ver- sammlungen, Auszügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die bargestellten Personen teilgenommen haben, schutzfrei. Tas Gepräge des Einzelfalles wirb hier bie richtige Antwort darauf geben, ob jeweils der Abgebildete, oder die Landschaft oder der Aufzug bas Beiwerk darstcllt. Schließlich bebarf es auch bann
tra.e erwächst, leibst übernehmen, ist für das Projekt der lleberlandzentrale Fulda ins Auge geiaßt worden, auf den Braunkohlen-Fcldcrn bei Ost beim im Streife Melsungen oder bei Wüsten > ach > en im Kreise Gersieid Zentralen zu errichten. £ie diesbezüglichen Verhandlungen zwilchen den Besitzern der Kohlenfelver und den Kreisbehöiden schivcbcn zurzeit noch.
— Tie Zahthundeltfeier am 10. März soll nach dem Wunsch des Kapers in gem ein Stile begangen werden. Auf Anordnung des Munsters des Innern haben die Obetpiäfioentcn die Som mun a Lbebör« oen in ganz Preußen gebeten, fämiliche Denkmäler, die mit der Erinnerung an Die F iiherts« trüge un £u .immsnhang liehen, an vielem Dane feft« ich zu bel.anzen. Aukeroem lallen die öffentlichen Gebäude Flaggenschmuck tragen. Das Staatsministerium hat beschlossen, den 10. Mmz als Feiertag lür alle staatlichen Behörden zu bejanoe.n. E> enso bat Der I i'tizmtn ster benimmt, caß an öten-tn Gedenktag, abgesehen von dringlichen Ausnahmefällen keine Termine abgehalten werden sollen. Auch in den Gefängnissen finden auf den 10. März die für Kaisers Geburtstag gültigen Bestimmungen Anwendung. Jugendliche Gefangene sollen gegebenenfalls in angemessener Weste auf die Bedeutung dieses Tages hmgewiesen werden.
L- Durch Fuhrwerke wurden gestern abend in der Adalbert- unb Frankfurterstraß: je eine Straßenlaterne bemoliert.
* Tie hesseu-nassauffche landlv. Berussgenossen- schäft hat im Jahre 1911 einen Betrag von 1185 215,95 Mk. für Unfallentschädigungen gezahlt gegen 1241683,71 Mark im Jahre 1910. Da die entsprechenden Zahlen im Jahre 1908 unb 1909 1 370 064,81 Mk. unb 1323 541,06 Mk. betragen hatten, so liegt ein wesentlicher Rückgang vor. Ueber bie einzelnen Entschädigungsarten ist hervorzuheben, daß im Jahre 1910 die Kosten des Heilverfahrens um rund 4000 Mark, die Verletztenrenten um 87 000 Mark zurückgegangeu, die Witwenrenten um rund 2000 Mark, die Kur- unb Verpflegungskosten in Heilanstalten um 7000 Mark erstiegen sind, währenb sich im Jahr: 1911 die Heilkosten um rund 3200 Mark, die Verletztenrenten um rund 50 000 Mark, die Kur- und Verpflegungskosten um rund 6000 Mark verringert, bte Witwenrenten um rund 3000 Mk. erhöht haben. Das Jahr 1912 hat mit einer laufenden Rentenbelastung von 1006 147,10 Mk. gegen 1 114 924,70 Mk. zu Beginn des Jahres 1910 begonnen.
J) Die Tegernseer veranstalteten gestern als drittes ®aftfp;el einen Gangboser« Abend. Gegeben wurde „Der Prozeßbansl", jenes oderbayerische Vollsstück, mit dem Ganghofer nack dem »Herrgott« schnitzer von Ammergau" seinen größten Erfolg als Dramatiter erzielte. Von einer von innen heraus sich vollziehenden Entwickelung Der Charaktere ist in Dem Stück keine Rebe. Schilderungen^ seelischer Prozesse fehlen, und auf einmal steht Das ®nbremltat fix und fertig da. Betrachtet man mbiffeu Das Werk in Rücksicht auf Die Ausgabe Der Darsteller, in erster Linie Leben und Treiben Des Volles ;u veran chau« heben, so wird man eS sehr interessant finven, rumal eine Anzahl, frischer und fröhlicher Genölten Den ernsten Gang der HanDlung mit heiterem Leben um« neben. So machte auch Das geftrige BoUsnück in Dem nur mä tg besetzten Bürgervcrein.aaale e neu starten Eindruck auf Die Zulchauer. Das Geheimnis Der großen Wirkung bet Aknon Der Tegernseer beruht vor allem dm in. Daß sie alles Gesuchte und Thecu a« hsche fernbaltcn, stets ind viDnell gestalten unb srstch pulsierenbes Leben auf die Büh> e bringen. Tas naturwahre Spiel bestrickte das Publikum und rief nach jedem Aufzug begeisterte Bei allskundgebungen hervor. Alle Darsteller taten ihre Schuldigkeit. Den irtelbelben gab Heini Sacks mit packender C mrak- teriftit; er verlieh der Figur des ewig prozeßwütigen Bauern ein echt tünstleiifches Gepräge. Den immer durstigen Gemeindedtener, beut eine Maß weit über Die Pfl chten seines Amtes als Treuer Der hohen Obrigkeit geht, stattete Franz Winter mit zünbenbcni Humor aus, otne indessen zu übertreiben. Zum Erfolg der wirksamen Darstellung trugen aiiuj Die vorzüglich ausgeiübrten Tänze und Gelänge, sowie bte Zithervorträge nrcht wenig bet. ($ip Tuet! für Tischgeige und Zither gefiA tij le w, baß bet Benall nicht eher tu >te, bis sick Die Künstler zu einet Zugabe bereit ertlärien. — H-.uie touimt bte '-Hauern» fomöbie ..Ter Fnedensiu ter" von L'iaxuniltan Lcknubt als tetz'es Gainpiel zur Aufführung.
(*) PolkSbildungSabenb. Die Naturdenkmal- pflege ist der Gegenstand des Vortrages des Herrn Prof. Dr. Schäfer zu Kassel am morgigen Volksbildungs- abend. Unter Naturdenkmälern sind nach den vom Preußischen Kultusministerium ausgearbeiteten Grundsätzen für die Wirksamketi der staatlichen Stelle für
Ueber dieses Thema schreibt Frau Luise Becker Paris in b:n Münch. N. Nachr.: Jahr für Jahr wächst das Heer der deutschen Mädchen stärker an, die nach Paris gehen, um sich in der Sprache zu vervollkommnen, und „die blonben Gretchen" aus Deutschland nehmen einen großen Platz ein in der — dienenden Bevölkerung von Paris. Jawohl in der dienenden. Denn ein Mädchen, das von seiner Familie fort um einen Broterwerb in eine Stellung geht, ist in Paris gesellschaftlich deklassiert. Beson- ders, wenn es in die Familie eintritt.
Es ist nun in Deutschland die Annahme verbreitet, daß es das bequemste Mittel fei, deutsche junge Damen in Paris „studieren" oder „sich vervollkommnen" zu lassen, indem man sie in eine Familie au pair, das heißt ohne Gehalt, gibt. Tas erspart den Eltern selbst die Unterhaltungskosten, und gibt ihnen scheinbar die Sicherheit, die Tochter gut aufgehoben und gut behandelt zu wissen. Das verfluchte ver- astete Sparfystem bei der Erziehung von Mädchen spielt bei diesem leichtsinnigen Treiben der Eltern die Hauptrolle. Für einen Sohn, der diese oder jene Karriere ergreift, muß das da fein, und muß das zur Verfügung stehen, was er braucht — das Mädchen dagegen muß sich einrichten.
Man gibt ihr das Reisegeld und vielleicht noch ein paar Hundert Mark; bis sie eine Stelle hat, hat , sie zu leben. Aber sie müßte eben gerade Geld haben, ' wenn sie eine Stelle hat. Ihre paar Hundert Mark verrinnen in dem teuren Paris wie Butter in der Sonne. Die Stellen sind auch nicht immer so da, wie man will. Im Sommer bis tief in den Herbst hinein ist tote Zeit, auch auf Stechen ist bis in den Januar hinein nicht zu rechnen. Bekommt sie schließlich eine au pair-Stellung, so zeigt man 'hr ein hübsches Zimmer und sichert ihr für ihre Studien und ander» Unterrichtsstunden freie Zeit zu. Das Leben ist teuer in Paris, da wird die freie Wohnung, das Essen und Trinken ungeheuer befreitet. Wenig- stens den Ausländerinnen gegenüber. Eine Französin würde nie eine au pair-Stelle annehmen, ober dort etwas tun. Jede Französin läßt sich ihre Arbeit, tote immer sie sei, so hoch tote möglich bezahlen, und blickt darum verächtlich auf die Deutsche, die ohne Lohn arbeitet. Denn arbeiten muß sie! Au pair ist ein weiter Begriff, und in Bürgerfamilien, in denen es einigermaßen knapp hergeht, spart man am Esten, um den Aufwand nach außen und die Mitgift der Töckter -u bestreiten. Familien in guten, soliden Verhältnissen nehmen keine au pair-Stützerl, sondern gut bezahlte Kräfte. Und es gibt natürlich in Paris eine Reibe sehr guter Stellen, obgleich das junge deutsche Mädchen fast nie Familienanschluß in deutschem Sinne findet. Die französische Famflie ist so streng in sich geschlossen, daß jede Fremde nur immer die Anaestellte bleibt und alle Sentimentalitäten dort unangebracht sind. Aber gerade bie Familien, bie sparen wollen, deren Geld nicht für den Aufwand reicht, den sie machen, die nehmen die Ausländerin, das au pair-Fräulein.
Wenn sie ein bis zwei Wochen da ist, und sich wobl und geborgen fühlt, wird „zufällig" das Dienst- mädchen entlassen und Fräulein muß „vorüber- gehend" alle Arbeiten tun. Dabei bleibt es denn, wenn das junqe Mädchen nicht die Mittel hat, sortzri- gehen, ober mit einer Kündigung zu drohen. Die geprüfte Erzieherin hat Teller zu waschen, Zimmer zu reinigen, Stiefel zu putzen und man hält sie in Schach damit, daß man ibr drobt, „keine Empfehlung" zu geben. Denn die Empfehlung ist in Paris alles, das deutsche Zeugnis nichts. Auch ihr Zimmer muß sie einer durchreisenden Tante ober einem heimkehrenden Sob'i geben, und oben in ben sechsten Stock ziehen, wo bie Dienstmädchen des Hauses mit ihren Liebhabern nächtliche Orgien feiern. Dienstmädchen sind sehr teuer in Poris und stellen oroße Ansprüche, da ist das deutsche Fräulein viel billiger, sie muß mit allem zufrieden sein, was man ibr gönnt unb kann cmßerbem noch als Gesellschisterin die Töcktor be- aleiten. Denn kein beiratssäbiaes junges Mädchen, seihst der mittleren Bürgerfamilien, geht in Paris ohne Be-fleitimg aus. Dann aber ist sie in einem neuen Konflikt: sie soll bie Töchter behüten, unb bte Tochter bat ihre kleinen Geheimnisse und Rendezvous und wird viel eher die Lehrmeisterin des deutschen Gretchens.
„Das Kind? Es ist oben in seinem Zimmer, und es ist noch keine ganze Stunde, seit ich es allein gelassen habe, ich schwöre es bei meinem Schutzheiligen!"
„Tas Kind ist nicht im Zimmer — ich habe eben nachgefehen, obwohl es nicht meines Amtes ist."
„Nicht im Zimmer", näselte lässig das Mädchen, „dann hat es sich durch die Tür geschlichen und befindet sich auf der Galerie."
„Die Galerie fft leer."
„Es wird sonstwo in der Burg sein--"
„Ich habe alles durchsucht. Das Kind war in keinem der Räume."
Das Mädchen sagte zu dem Burschen: „jtomm morgen wieder zur selben Zeit, aber warte weiter unten. Ist denn das Kind aus Zucker, daß man es bewachen soll Tag und Nacht?"
Leichtfüßig rannte ba§ Mädchen durch das Tor unb sprang die Treppen empor. Es konnte das Kind nirgends sinden und begann, laut nach ihm zu rufen.
Keine Antwort erfolgte.
Nun wurde das Mädchen unruhig und besorgt. Sie stürzte hinunter in ben Garten unb durchrannte alle Gänge und Wege. Das Kinb war nirgenbs. Laut schreienb unb jammernd kam sie zurück. Die gesamte Dienerschaft geriet in Aufregung. Die Stallknechte, der Kammerdiener, die Küchenmagd, alles begann zu suchen. Lichter wurden angebrannt, jedes Gemach wurde untersucht, vom Keller'bis zum Dache wurde geforscht, im Garten wurde unter jeden Busch gesehen, unter jede Hecke, nirgends war der Knabe. Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich aller, ein jeder hatte das Kind des verstorbenen Grafen Tarent geliebt.
Von neuem begann die Suche, bie gesamten Anwesenden teilten sich in Gruppen, jede Gruppe suchte systematisch ein gewisses Teil der Burg ab, ebenso geschah es im Garten, lieber ein Dutzend Laternen sah man schimmern im Dunkel der Nacht. Jedes kam zurück, keines hatte eine Spur von dem Knaben entdeckt.
«Jacobo ging nun, unbemerkt von den anderen, zu dem Mädchen, dem bie Wartung des Knaben an-