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Illustrierte Sonntagszelfung | Zuldaer Sefchichtsblätter
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Nr. 49. erstes Blatt
Freitag den 28. Februar 1913.
40. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung dom 27. gehr. 1913.
Nuf der Tagesordnung steht die zweite Beratung deS Stets der Neichseisenbehnen.
Abg. Fuchs (Soz.) bittet um Annahme deS Antrags, daß die Löhne und Gehälter sämtlicher hei den Reichs- eisenbahnen beschäftigten Arbeiter und Heinen Beamten um 10 bis 15 Prozent erhöht werden und fordert Einstellung der IV. Wagenklasse in Eil- und Schnellzüge und Koalilionsrecht für die Eisenbahner.
Abg. Schiffer-Borken (Ztr.) ist erfreut über die Einführung des neuen Zeitlohnsystems, bringt eine Anzahl Einzelwünsche der Eisenbahnhandwerker und Arbeiter der Betriebswerkstätten Montigny bei Metz vor, um sich darauf der wichtigen Frage der rechtlichen Verhältnisse der Staatsarbeiter im allgemeinen und der Reichseisen» bahnarbeiter im besonderen zuzuwenden. Zahlreiche Vorschriften der Gewerbeordnung über Arbeiterschutz und Lohnzahlung könnten auf Staatsbetriebe übertragen wer- den, besonders zu regeln seien die Fragen der unber» schuldeten Arbeitsunterbrechung, des Erholungsurlaubes usw. Die Aufsicht auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes müsse besonderen Inspektionen übertragen werden. Arbeiter und Handwerker mit 10 und mehr Dienstjahren sollten nicht ohne weiteres von den unteren Dienststellen entlassen werden können und alle Arbeiter müßten durch Ausschüsse vertreten werden. Der Wunsch nach Schaf, fung von paritätischen Schiedsgerichten erscheine berech- tigt und trage zur Rechtssicherheit und Förderung des sozialen Friedens bei. Er bittet, den Kommissionsantrag auf Berücksichtigung der Heimarbeiterorganisationen bei Vergebung von Lieferungen anzunehmen. Den sozialdemokratischen Antrag lehnt er ab.
Abg. Schwabach (natt.) erwägt die Schaffung eine» Ausgleichsfonds für die Reichseisenbahn, verlangt Reform oder Aushebung der Fahrkartensteuer und Vereinheitlichung des Tarifwesens. Den zum Etat gestellten Anträge der bürgerlichen Parteien stimmt er zu, den sozialdemokratischen Antrag lehnt er ab.
Preußischer Finanzminister v. Breitenbach hält es gegenwärtig nicht für angezeigt, einen AuZgleichfondS zu schaffen. Arbeiterentlassungen von Leuten, die bereits 10 Jahre im Dienste der Reichseisenbahn stehen, könnten nur mit Zustimmung der Generaldirektion vorgenommen werden. Koalitions- und Versammlungsrecht deS Eisenbahnpersonals seien nur soweit beschränkt, als nationale und betriebstechnische Hinsicht es unbedingt erforderten. Das Streikrecht könne den Staat.sarbeitern nicht zuge- standen werden.
Abg. Röfer (Vp.) befürwortet eine Resolution der Dudgetkommission auf Verbesserung der Avancements- Verhältnisse der Assistenten und Staatsdiätare.
Abg. Windeck (Lothringer) fordert für die Arbeiter und Beamten der elsaß-lothringischen Bahnen bessere Lohnverhältnisse.
Abg. Dr. Werner-Gießen (wirtsch. Vgg.) schließt sich dem Vorredner an und wünscht evtl, reichsgesetzliche Regelung der Arbeits- und Ruhezeit der Beamten.
Abg. Werner-Hersfeld (Refp.) bittet um Berücksichtigung der Gehaltswünsche der Lokomotivführer und anderer Beamten.
Freitag: Weiterberatung.
Preußischer Landtag»
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 27. gebt. 1913.
Die Beratung des Bergetats wird fortgesetzt.
Abg. Mocco (natl.) bedauert das schlechte Aufrücken der Bergassessoren.
Berghauptmann v. Seifen bemerkt, daß viele Berg- affefforen zum Studium im Auslande beurlaubt würden.
Abg. Dr. Pachnicke (Vp.) erklärt, daß der Staat über den Syndikaten stehen müsse und vor allem die Rentabilität bei seinen Unternehmungen den Interessen der Allgemeinheit hintanstellen müsse, um in der Preispolitik vorbildlich zu sein.
Minister Dr. v. Sydow erklärt, daß das Kaligesetz seinen Zweck, Verschleuderung von Kali nach dem Auslande zu verhüten, voll erreicht habe. Der FiStuS fei shndikatsfreundlich und bereit, mit dem Syndikat über ein erträgliches Verhältnis zu verhandeln.
Abg. Spintzig (freikons.) hält den Anschluß deS Staates an das Kohlensvndikat für wünschenswert. Eine Ermäßigung der Ausfuhrtarife für Kohlen, wie sie vor dem Jahre 1908 bestanden haben, sei hauptsächlich im Interesse des Saargebietes wünschenswert.
Abg. Seiner! (Soz.) ist mit einer weiteren Verstaatlichung der Kohlenbergwerke einverstanden.
Freitag: Fortsetzung der Beratung.
Eine Milliarde Heeresforderungen.
Man schreibt uns aus Berlin:
In Berliner Blättern ist zu lesen, parlamentarische Kreise seien der Ansicht, daß die Budgetkommission schwerlich vor Pfingsten die Wehr- Vorlage und die Deckungsfrage verabschieden könne. Es muffe daher mit einer Sommertagung des Reichstags nach Pfingstn gerechnet werden; die Regierung dürfe unter keinen Umständen eine Verschiebung der Wehrvorlagen auf den Herbst zulaffen. Hierzu erfahren wir aus zuverlässiger Quelle, daß die Regierung z. Zt. wirklich mit den Fraktionen über die Frage verhandelt, eine Entscheidung bisher aber noch nicht getroffen worden ist. Wie es heißt, besteht bei den Parteien einschließlich der So- ziawemokratie Bereitwilligkeit, dem Wunsche der Reichsregierung zu entsprechen, und es dürste schon in nächster Zeit die Entscheidung fallen. In parlamentarischen Kreisen glaubt man ferner, daß die Reise des Schatzsekretärs Kühn nach München und Stuttgart anscheinend nicht nur den Zweck gehabt habe, mit den Finanzministern der süddeutschen Bundesstaaten über die Vermögen s- zuwachs st euer zu verhandeln. Dian nimmt vielmehr in parlamentarischen Kreisen an, daß die Reise des Schatzsekretärs auch dem Zwecke dienen sollte, die Stellungnahme der süddeutschen Staaten zu den Schwerin-Löwitzschen Vorschlägen, die Stempel- steuern auf das Reich zu übertragen, auszukundschaften. Wir glauben zu wissen, daß die Reichsregierung den Schwerin-Löwitzschen Vorschlägen nicht ablehnend gegenüber steht; ihre Bedenken dagegen sind durchaus nicht fachlicher, sondern lediglich taktischer Natur. Tie Ausarbeitung ittter diesbezüglichen Vorlage würde
nämlich wegen der bei llebertragungen der Stempelsteuern von den Einzelstaaten auf das Reich notwendig werdenden Verfassungsänderungen in den Einzelstaaten, sowie Wegen der Schwierigkeit der gesetzgeberischen Fassung des Schwerin-Löwitzschen Vorschlages mindestens 6 Monate in Anspruch nehmen. Da aber die Reichsregierung den dringenden Wunsch hat, die Wehrvorlagen so schnell wie möglich verabschiedet zu sehen, so ist eS immerhin fraglich, ob dieser Weg der Deckung von ihr beschrit» ten werden wird. Fraglich wäre es zudem, wie der Bundesrat sich zu den Schwerin-Löwitzschen Vorschlägen stellen würde. Die Reichsregierung würde es stveifellos gern sehen, wenn die Deckungsfrage nach der Richtung gelöst würde und die Wehrvorlage erledigt werden könnte, ohne daß gleichzeitig auch die Deckungsfrage entschieden würde. Ferner erfahren wir noch, daß die jährlichen Neuanfor- derungen für militärische Zwecke sich in Wirklichkeit auf 200 Millio nen Mark belaufen dürften. Nach den Erfahrungen, die wir bei früheren Wehrvorlagen gemacht haben, dürften die mit der jetzigen Wehrvorlage verbundenen einma- ligen Ausgaben das vier« bis fünffache der dauernden Ausgaben betragen, so daß schätzungsweise die jetzt notwendig werdenden einmaligen Ausgaben die Höhe von rund 1 Milliarde erreichen dürften.
Ob diese Höhe nun erreicht werden wird, erscheint uns doch zweifelhaft, diese enormen Ausgaben könnten natürlich nur durch eine Anleihe gedeckt werden.
□ Nene Reichs- «nd Staatsanleihen.
Die Ausgabe von 50 Millionen Mark 4 prozentiger ReickiS« und 100 Millionen Mark 4 prozentiger preußischer Staatsanleihe, sowie von 400 Millionen Mark 4 prozentiger preußischer Schatzanweisungen ist beschlossen worden. Die offizielle Ankündigung hat folgenden Wortlaut:
Unter Führung der ReickiSbank und der Königlichen Seehandlung (Preußische Staatsbank' gebifbete Konsortien übernahmen von bet Finanzverwaltung 50 Mill. Mark Reichsanleihe und 100 Millionen Mart preußische Staatsanleihe, beide vierprozenttg und bis 1925 unkündbar. Die öffentliche Zeichnung sindet am 7. März zmn Kurse von 98,60 statt. Für Stücke, die unter Sperrung bi» 15. Januar 1914 in das Reich?» oder Staatsichuldbuch eingetragen werden, beträgt der Zeich- nungSpreis 20 Pfg. weniger. Ferner hat da» unter Führung der Seehandlnng stehende sogenannt« Preußenkonsortinm 400 Millionen Mark vierprozentige preutzische Schatzanwetsungen, fällig 1917, übernommen, die ebenfalls am 7. März zu 99 Prozent zur Zeichnung aufgelegt werden. Die Besitzer von am 1. April 1913 fälligen Schatzanweisungen können diese zu pari in Zahlung geben, so daß sie eine Lliark Zuzahlung auf 100 Mark erhalten.
Das Reich, da» noch über zirka 360 Millionen Mark offene Kredite verfügt, realisiert danach nur einen relativ kleinen Betrag: Preußen, dessen Anleihe- frebite sich bisher auf 1125 Millionen Mark beiteten, und das mit dem Etat 1913« 14 weitere 290 Mill onen Mark an (orderte, dringt insgesamt 500 Mill ionen Mark heraus, wovon aber 200 Millionen keine neue Schulden Vermehrung bedeuten
Der Betrag der Staatsschuld Preußens beläuft sich nach dem Etat für 1913-14 auf 9900 Millionen Mark. Davon entfallen auf verzinslich« Schatzanwetsungen 585 Millionen Mark mit folgenden Fälligkeiten: 200 Millionen Mark fällig am 1. Avril 1913, 145 Millionen Mark fällig am 1. April 1915, 40 Millionen Mark fällig am 1. April 1916.
Die Anleiheschuld des Reiches beträgt unter Hinzurechnung der 120 M lli onen Mark Reichskafsen- scheine 4950 Millionen Mk. Die Schu.denver i ehrung deS Reiches ist außerordentlich schnell von statten gegangen, besonders in der Zeit des Blocks, und hat erst in den letzten Jahren eine Unterbrechung refp, Verlangsamung erfahren. DaS werbende Aktiv- vermögen ist im Vergleich mit der Höh« der Anleihe- schuld klein, doch haften die Bundesstaaten auch für die Reichsschulden, so daß schon auS diesem Grunde di« gute Qualität außer Zweifel steht.
Das wichtigste in der obigen Ankündigung sind die Bedingungen: der niedrige KurS und dte zwölfjährige Unkündbarkeit.
:r Die Einbringung der neuen Militärvorlage in Frankreich.
Die neue französische Wehrvorlage, die 500 Millionen Franks zur „Beschleunigung der Arbeiten für die nationale Verteidigung^" fordert, wurde am Donnerstag von dem Finanzminister i« der stanzösischen Kammer eingebracht. In der Begründung heißt es:
Die letzten Kriege haben bestätigt, wie notwendig e» für die Rationen ist, ihre Verteidigungsmittel beständig auf der Höhe des Fortschritte?, der Wissenschaft und der Kriegskunst zu halten, da man sonst befürchten müsse, sich in einem Zustand der Unterlegenheit zu befinden, dem abzuhelfen dann schwierig sein würde. Desgleichen trugen dazu bei, die Vorstellungen über die Verwendung gewisser Materialien zu ändern. Die Regierung bat als unumgänglich notwendige Maßnahmen die V c t • vollkommnuny deS Kriegsmaterials und der Organisation der Verteidigung angeführt. Die Gesamtausgaben für die nationale B- rtei- dtgung betragen ungefähr 6 8 5 Mill. Um einen Aufschub soviel als möglich zu beschränken, soweit es die Sage der Industrie zuläßt, werden Ausgaben nötig sein, die die gewöhnlichen Kredite um 500 Millionen Franks übersteigen. Die Vorlage bestimmt, daß die Ausgaben von 500 Millionen über den normalen Kredit hinan? auSschlicßlich für Erwerbu n g, Fabrikation und zum Bau innerhalb einer höchsten Frist von 5 Jahren bestimmt sind.
Den Franzosen, die durch die anaekündigte deutsche Militärvorlage erschreckt worden sind, wird «s -sewiß znr NennHtnum; gereichen; daß ihre
Regierung sich anscheinend die Vorhand gesichert hat. Aber die jetzt eingebrachte Vorlage trifft noch nicht den Kern der HeereSfrage. Soweit man aus der obigen Meldung ersehen kann, sollen zunächst die sachlichen Berteidigungsmittel so schnell als möglich aufgebessert werden; tote schnell das gehen toird, hängt natürlich von der Leistungsfähigkeit der Fabriken und der Technik ab, und die ist in Frankreich nicht übermäßig graft. Die Entwicklung der persönlichen Verterdigungsmittel läuft noch daneben oder vielmehr hinterher. Das Ministerium berät noch darüber, ob und in welchem Umfange man zur dreijährigen oder wenigstens 2y2« jährigen Dienstzeit zurückkehren soll, um den «tätigen Mannschaftsstand der vorhandenen Truppenteile auf eine Höhe zu bringen, die der deut- fchen Friedenspräfenz näher kommt. Wenn das be- schloffen wird, so kommt zu der „einmaligen" Ausgabe von 500 Millionen noch die große fortlaufende Mehrausgabe für die verstärkte Friedenspräfenz. Nebenbei wird noch eine besondere Mehraufwendung an Prämien und Solderhöhungen nötig sein, um die ersorderliche Anzahl pon Kapitulanten heranzulocken.
Frankreich bereitet sich zu gewaltigen Opfern vor. Sie sind größer, a!S die uns zugemute en. In Deutschland werden allerdings eine Anzahl von brauchbaren Rekruten, die bisher sreigestellt wurden, künftig dienen müssen: aber in Frankreich besteht schon längst der Dienstzwang für alle brauchbaren Rekruten, ja sogar für die meisten halb- brauchbaren. Wenn nun die Dienstzeit wieder um ein ganzes oder wenigstens ein halbes Jahr verlängert wird, so ist das eine sehr drückende Mehrbelastung deS Volke?, die unS glücklicher Weile auch jetzt noch erspart werden kann. Aus dem einfachen Grunde, weil wir noch genügenden männlichen Nachwuchs haben und bei den Franzosen der Nachwuchs dürftig ist.
Der Mangel an Rekruten zwingt die Franzosen, sich vollständig in die Arme Rußlands zu werfen. Rußland soll das Men scheu material liefern, das di« Franzosen sich selbst nicht mehr verschaffen lönncn. Daher erklärt es sich auch, daß die französische Presse in der gegenwärtigen H tze des Rüstungsfiebers über da? russische Bündnis überschwenglich phantasiert. Rußland, so heißt es da, lüfte auch, und wenn erst die beiden verbündeten Staa en es auf 3V« Millionen Krieger gebracht hätien, so würde niemand in Europa mehr daS Recht haben, zu sagen, daß er ihm den Frieden auszwinge. Uns Deutschen ist dieses Bündnis und der Gedanke an einen Zweifrontenkrieg längst vertraut geworden. Ob jene es mit vereinten Kräften auf 21/* Millionen brauchbare Soldaten bringen, müffen wir abwarten. Inzwischen wird aber Deutschland dafür sorgen, daß es selbst stark genug ist, um die verbündeten Nachbarn von einem Angriff adzu- schrecken, d. h. den Frieden zu erzwingen.
Bundesgenossen haben wir bekanntlich auch, und es ist geradezu ein Firber-Einsall, wenn ein Pariser Blatt behauptet, die deutsche Wehrmachlver- stärkung sei verursacht durch Mißhelligkeiten mit Oesterreich unv Risse im Dreibund. Im Gegenteil; der Dreibund ist fester alS je, wie man u. a. auS der jüngsten Reve deS italienischen Ministers San Giulano deutlich ersehen tarnt. Auf der andern Seite ist freilich die ruffisch-französische Freundschaft auch in gutem Stande; doch ist England zur Zeit nicht mehr so eng mit den andern Dreiverbandsstaaten verbunden. In dieser Hinsicht ist se^r bezeichnend der große Unterschied zwischen dem warmen leidenschaftlichen Ton, mit dem die Franzosen jede Höf- lichkeitSdepesche des Zaren als ein erlöiendes Himmelsgeschenk preisen, und den kühlen Einschaltungen, in oenen so nebenbei die englische Entente erwähnt wird.
Deutschland bedroht Frankreich in keiner Weise; wir könn n aiso nichts daiür, wenn die Franzosen vom Rüstungsfieber ergriffen werden. Aus üten Reden und Talen sehen wir aber, daß sie den Gedanken an e 'en Reoanchekrieg mit Hllse Rußlands noch nicht au acgtben haben.
Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 27. Februar 1913. DaS dänische Königspaar hat Donnerstag morgen Berlin wieder verlassen und ist üb.r Sagnitz-Trelleborg wieder nach Kopenhagen zurückgelehrt. — Der neue Entwurf des Gesetze- über die Errichtung eines Kolontalge- richtShofeS ist dem Bundesrat zugegangen. — Das Wassergesetz, da» kürzlich vom Landtage verabschiedet worden ist, wird am 1. April 1914 in Kraft treten. Dte AussührungSbestimmungen werden im Lause diese» Sommer» auügearbeitet werden. — Graf Schwerin-Löwitz, der Präsident des Abge- ordnetei,Hauses, ist an einer Mittelohrentzündung erkrankt.
s. Die Subfletfemmiflian des Reichstag» setzte bei der Beratung des ostascikainichen Schutzgeoielseral» die Elörterung der Etnarborenenfrage fort.
s In bet Budgetkommifsio« des Abgeordnetenhauses teilte rna Mittwoch abend bei der Verhandlung über bas ElernentarunterrichtSwefen der Kultusminister mit, daß für 1914 in Aussicht genommen sei, anSeminarprä- paranbenan st alten zwei Lehrer staatlich anzu- stellen, die die gleichen Bezüge und Pensionen erhalten sollen wie die staatlichen Lehrer an den Präparandenanstalten. Tie Leiter der bestehenden Präparandenanstalten sollen in den Oberlehrerrang aufrücken. Ferner soll vom 1. April 1913 ab an den Lehrerseminaren eine ordentliche L^hrerstelle in eine Prorektorstelle umgenxm- beit werden. Der Prorektor soll den Keifen der akade- misch gebildeten Seminarlehrer entnommen werden. Auch Theologen sollen zu Prorektoren ernannt werden können, wenn sie die Oberlehrer- oder Rektorprüfung bestanden haben. Ter Lehrermangel nimmt ständig ab. Ein Regierungsvetreter teilte mit, daß am 1. Oktober 1911 1510 Stellen unbesetzt waren und daß davon 1127 Stellen durch Lehrreinnen besetzt werden konnten, so daß in Wirklichkeit 383 Stellen nicht besetzt waren. Am 1. Oktober 1912 waren 1216 Stellen unbesetzt, davon konnten 946 durch Lehrerinnen besetzt werden, so daß nur noch 270 Stellen tatsächlich unbesetzt waren. In der Sifeung «st Donnerstag wurde d-r Rest des ®lernen.
tarunterrichts wesen? erledigt, ferner der Etat- titel für Kunst und Wissenschaft. Zu einer längeren Aussprache gab das Kapitel Jugendpflege Anlaß. Der Minister teilte au5 einer Nachweisung über die Verteilung der staatlichen Mittel zur Förderung der Jugendpflege in 1911 mit, daß u. a. kirchliche Vereine mit 157 000 Mk., politische Gemeinden mit 155 000 Mk. und nationale Turn, und Sportvereine mit 128 000 Mk. unterstützt worden sind.
8. Tie Leuchtölkommisstoir des Reichstages kam gestern zunächst zum Beichtmse über bis Geualiung des AusfichtsrateS. Ihm sollen fünf Reichstagsimt- glteöei und je zwei Vertreter des Kleinhandels und der Sonsamgeuossenschaslen angehSren. Hierauf ging die Kommlfsion übet zur Beralung der GewinngettaUung für dte ÄrrtriedSgeiellschast. Das Ergebnis war gin Beschluß, wonach der Gewinn der Gesellschaft auf höchsten» 5 Prozent festgesetzt wird. Die Schluß« Verhandlungen der Sitzung betraren die Frage der Festsetzung eines Höchstpreises für Petroleum. Äußer den Soztaldemolralen trat auch das Zentrum dafür ein. Der Zenlrumsrevner berief sich auf die einschlägigen Darlegungen der Regierungsverlreker, Die selbst 15V, Pienntg pro Liter als Normalpreis bezeichnet haben. Man könne den Höchstpreis alle 5 Jahre festlegen und vorläufig 16 Pfg. bestimmen. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Dre Verhandlungen sollen am 6. März fortgesetzt werden.
a. Die Pktitionskommission deS Reichstag» verhandelte gestern unter Zuziehung eine? Komm.ssarS a 18 dem ReichSfchatzmnr über 22 (Angaben, betreffend den Wohnungsgeldzu schuß. Die Eingaben wurden als Material überwiesen und in einer Resolution der BundeSral ersucht, für die Bemessung des WohnungS- geldzuschuffes der Unieibeamten andere Grundsätze auf« guftellen.
*, Eine Vereinfachung der sozialen Gesetzgebung regt der frühere konservative Reichelagsabg. Schneidermeister Jakobskötter in Erfurt in einer Zuschrift an die .Kreuzztg/ an. Es müßte, so sagt er, sich bei gutem Willen ein Weg finden lassen, um die Kranken- und Unfallvecsicherung nebst den ganzen Berufsgenoffenschaften in ein Gesetz zusammenzu« fassen und Alters» und Invalidenversicherung mit der Angestelllenversicherung zu vereinigen. Hierdurch würde die Verwaltung einfacher und vielleicht auch billiger werden, jedenfalls aber für d e der Versicherung zugehörigen Kreise nicht teuerer und mit wenig zeitraubender Arbeit und sonstigen Begleit erscheinungcn verbunden.
)( Toleranz. Em Beispiel von Toleranz, wie matt sie in überwiegend evangelischen Gemeinden wohl vergeblich suchen dürfte, hat, wie kürzlich an anderer Stelle dieses Blattes gemeldet, die Gemeinde Kleinheubach in Ullterfronken gegeben. Der Gemetnderat dieser saft ausschließlich katholischen Residenz de» Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg bat dem protestantischen Geistlichen, der um 1000 Mark für einen Belsaal eingekommen war, 1400 Mk. bewilligt und erklärt, er möge sich bei weiterem Bedarf wieder vertrauensvoll an die Gemeinde wenden. — Di« »Deutsch« Tageszlg.', die dieses Beispiel katholischer Toleranz ihren größtenteils evangelischen Lesern vor Augen führt, nennt dasselbe „nachahmenswert". Wir sind gespannt darauf, ob man wohl je in der katholischen Diaspora, wo bekanntlich die kirchlichen Verhältnisse der Kalholiken mehr als traurig sind, wo sie sich oft eines Tanzsaals oder eine« Scheune al» Raum für den sonntäglichen Gottesdienst bedienen müffen, ein ähnlichesEntgegenkomme« von evangelischer Seit« gegenüber den kleineren kalho^ lischen Gemeinden wird melden lönnen. Wir w. rden mit Freuden von einer solchen Nachahmung der in Kleinheubach bewiesenen Toleranz 'Diitteilung machen.
Die Einflusslosigkeit der Sozialdemokratie. Ja der neuen Nummer der Sozialistischen Monatshefte findet der frühere ,Vorwärts'-Redakteur Wilhelm Schröder bei aus, daß die f ozialdemo kratls che Fraktion trotz ihrer 110 Sitze nicht den Einfluß im Reichstag hat, den sie eigentlich Haden müßte. Er drückt dies so au$:
Die Sozialdemokratie ist mit ihren 110 Abgeordnete» di« stärkiie Frattivu im Reichstage, aber sie hat auS dieser Zahl noch nicht die Koniequenzen gezogen. Jqr« Stätte wird daher zugleich zu ihrer Schwäche. In früheren Zeiten, da konnten ihre Vertreter fröhlichen Mute» und nicht allzu belämmert um Realitäten auf der Tribüne beS deutschen Pacli.inenis ihre Forderungen geltend machen .... Da» eigentliche Schweigewichl de« Zahl machte sich erst nach den letzten Wahlen geltend. Durch herkömmliche Anschauungen übet die Behandlungen taktischer Fragen, die nicht von einem Tag zum andern adzuitteiseii sind, an die Vergangenheit gebunden, tonnt« die Partei im Reichstag zumeist nur negativ wirken, indem st« Schlimmes vethülele.....AVer
in gar vielen anderen Angelegenheit«» muß die Sozial- bemottane aus die Bewegungsfreiheit vor ehedem verzichten, wenn sie nicht tue Stellung de» Zentrums noch ausschlaggebender ge< statten will, als es ohnedies der Fall ist!
Em sehr inleresfanles Geständnis! Wie seht haben die Sozialdewol'a.en aut das Anwachsen ihrer Mandaksziffer auf Hu gepocht, und nun sehen fit ein, daß sie mit d,,em „Schwergewicht der Zahl* noch einflußloser sind, als vordem. Sie können oder wollen auch nicht nach sachlichen Gründen abstimmen, um das Zentrum noch ausschlaggebender zu machen! Darum cnualten sie jetzt einen ungewöhnlichen Ben, illigungsetser, wo das Zcmram Abstriche oder Aenderungen an Regierungsvorlagen für notwendig oder fachlich gerecklscrtigl hält. Am meisten aberhaben die Sozialdemokraten Angst vor einer Reichstagsauflösung, rnvem sie nicht mit U irecht befürchten, daß sie dann bet dcn Neuwahlen nahezu die Hälfie ihrer Reichsiag-lagsiiian- ocue verlieren und dadurch im Anlegen cet „Äeuossen' eine große Einbuße erieiden werden.
)( Jesuitenhetze im Theater. E-n von einem sonst unbekannten ®a,.iltfteiler M. ba.i Mens verjagtes Schauspiel „Jesu nen" erlebte vor einigen Tagen am Rcsidenztheater in Wiesbaden seine Erstausführung. Dieses Stück, das das Schicksal eines abtrünnigen Jesuitenpaters schildern soll, wird von der „Rhein. Volkszeitung" einer ernsthaften Kritik unterzogen und wie folgt bewertet:
„Das Schiiulpiel ist als Sun uvvrt betrachtet er« bärmlich. als Tendenz ück io einseitig und ungerecht.