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Mittwoch den 26» Februar 1913»
Lrstes Blatt.
fir. 47.
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40. Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 25. gebt. 1913.
fuf der Tagesordnung stehen zunächst Wahlprü» ^Bei der Wahl des Abg. Kölsch (natl.), Offenburg» beantragi die Kommission Ungültigkeitserklärung. £te Wahi wird nochmals zur Prüfung an die Kommis. £>n lurücfvettotefen.
1 Die zweite Wahlprüfung betrifft die Wahl der Abg. 2r. Becke r-Alzeh-Bingen (toilb), der früher zu den fiatL gehörte. Er ist mit 12 016 gegen 12 012 Stimmen «egen den freisinn. Pfr. Korell gewählt worden. Aus dem Wahlakt in Sprendlingen ist eine Reihe Unregel. Eigleilen festgestellt. In der Wahlprüfungskommis, ngn wurde mit Rücksicht hierauf die Ungültigkeit der |,ei diesem Wahlakt für Dr. Becker abgegebenen 139 glimmen gefolgert, wahrend ein anderer Teil der Korn, piffion auch die 882 Stimmen, die bei diesem Sprend- finger Wahlakt für Korell abgegeben wurden, kassieren pcnte. Tas wurde schließlich mit neun gegen fünf Aommiffionsstimmen abgelehnt. Die Wahlprüfungs- kommission hat dann aber nach Prüfung einiger an. berer Pretestpunkte 44 ungültige Stimmen für Becker abgezogen, so daß Dr. Becker seine Mehrheit verloren hat.
Die Kommission beantragt daher Ungültigkeitserklä» rung der Wahl. .
Abg. Schwarze (Str.) beantragt dagegen die Gültig, (eit der Wahl, lieber diesen Antrag soll na in ent. lief) abgestimmt werden, und zwar, wie Vizeprä» sibent Paasche verkündet, nachmittags 5 Uhr.
Abg. Dr. Arendt (Rp.): Die Wahl in Sprendlingen ist zweifellos ungültig. Zieht man die in Sprendlingen abgegebenen Stimmen für beide Kandidaten ab, so er. gibt sich eine Mehrheit für Dr. Becker. Seine Wahl muß also gültig sein.
Abg. v. TrampczinSki (Pole) spricht sich für den AommisswnSbeschluß auS.
Abg. Werr (Ztr.) schließt sich im Wesentlichen den Ausführungen des Abg. Dr. Arendt an und bittet um Gültigkeitserklärung der Wahl.
Die Abgg. Neumann-Dofer (Vp.) und Stadthagen (Soz.) sind ‘für Ungültigkeitserklärung.
Abg. Braband (Vp.) protestiert gegen den Vorwurf, baß die Wahlprüfungskommission nicht die nötige Sach, lichkeit bei der Wahlprüfung habe walten lassen.
Abg. List (natl.) pflichtet dem Vorredner bei, hält e3 aber auch für das Richtigste, die Wahlprüfung einem Gerichte zu iberlassen. daS frei von den Einflüssen deS Reichstags ist.
Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Wenn Sir heute ihren Standpunkt ändern, so hat das zur Folge, daß in Zu- tunft die ganzen Bestimmungen des Wahlreglements keinen Wert haben. Ich kann meinerseits nur bitten, er bei der bisherigen Praxi» zu belassen, und zwar im Interesse der Wahlsicherheit. Wir geben die Sicherheit des Wahlergebnisses preis, wenn wir die Vorschriften des WahIreglementS nicht als Mußvorschristen in allen ihren Konsequenzen behandeln. (Beifall im Ztr.).
ES wird abgestimmt. Die namentliche Abstimmung ergibt die Gültigkeit des Mandat» bei Abg. D r. Becker. Für Becker stimmten 159 Abgeordnete, gegen ihn 158; drei Abgeordnete enthielten sich der Ab» ftimmung.
ES folgt die Prüfung der Wahl deS Abg. Haupt (Soz.), der in Jerichow mit 7 Stimmen Mehrheit ge. wählt worden ist. Die Kommission beantragt, die Wahl für ungültig zu erklären, da bei näherer Prüfung keine Mehrheit für Haupt erhalten geblieben ist.
Abg. ReitzhanS (Soz.) beantragt Gültigkeit der Wahl, eventuell Zurückverweisung an bte Kommission.
Die Abgg. Schwarze (Ztr.), Dr. Arendt (Rp.) und Beit (kons.) sprechen für Ungültigkeit der Wahl.
Abg. Dr. Neumann-Hoser (Vp.) empfiehlt Rückverweisung der Wahl an die Kommission.
Abg. Schmidt-Meißen (Soz.) zieht darauf den An» trag auf Gültigkeit der Wahl zurück und begnügt sich im Namen feiner Fraktion mit Rückverweisung an die Kommission.
Die Wahl wird dann mit 170 gegen 142 Stimmen an die Kommission zurückverwiesen.
Einige Petitionen werden erledigt.
Mittwoch: Schwerinstag. (Regelung dS ®ubmif- sionSwesenS, kleine Garnisonen.)
vrr Gras von Tarent.
52] Roman in 3 Bänden von F. Tteinkirchne
„Ihr seid'S, Jose? Welche Ähnlichkeit meint Ihr?"
„Mit dem Grafen Tarent, den Sie tn mein Haus gebracht und der so schnell gestorben ist."
Der Geistliche fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „Ihr habt Recht, Mann, dieser fremde Pri'^ hat auf mich auch den Eindruck gemacht, al» sei ich ihm im Leben schon begegnet. Nun, da Ihr mich erinnert, muß ich Euch beistimmen. Ja, seine Züge gleichen einem, der nicht mehr ist! Aber der Verstorbene war jung, und auf dem Haupte dieses Fremdlings liegt der Schnee der Alters. Ah, es war eine schreckliche Zeit, als wir den Grasen Tarent bestatteten."
„Ja, das war es, Hochwürden. Gott schütze uns vor solcher Pestilenz für alle Zeiten!"
Tie beiden Männer reichten sich nochmals die Hände, bann schieden sie.
• 2. ' A
Düstere Ahnungen.
Dierundzwanzig Stunden später, nachdem der Prinz von Indien in Genua ein getroffen war, bewegte sich eine Reisekutsche in der Richtung nach der- selben Stadt. Hinter der osfenen Kutsche, tn der ein Herr und eine Dame saßen, ritt ein Diener. Die Landstraße war wenig belebt, außer diesem einen Fuhrwerk und dm wenigen erwähnten Personen, war weil und breit nichts anderes zu sehen, als duirk. ler Wald, durch den sich die von Casteldo nach Genua führende Landstraße dahinschlängelte.
Es war ein heißer Tag, etwa um die zehnte Stunde des Morgens. Die Sonne fing an zu bren- nen, der Wind wirbelte den Staub auf von der Straße und hüllte die Cqnipage oftmals ein, wie in «ne Wolke.
„Lasset uns auSsteigen, Anatole", sagte die Dame ku ihrem Begleiter, „wir wollen eine Strecke zu Fuß geben, der Staub, den die Räder aufrollen, wird rnftig. Der Wagen kann langsam im Schritt fahren.
‘6 sehne mich nach Bewegung."
Preußischer Lauvtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 25. gebt. 1913.
Die zweite Beratung des Etats der Handels- unb Gewerbeverwaltung wird beim Kapitel gewerbliches UnterrichlSwesen fortgesetzt.
Abg. Borchardt (Soz.): In der Volksschule werden die Schüler schon mit Religion überfüttert. Wenn die Religion nun auch noch in den Lehrplan der Fortbildungsschulen aufgenommen würde, so würde sie den jungen Leuten noch mehr verekelt werden, als dies schon jetzt der Fall ist. Wir wollen weder den fakultativen, noch den obligatorischen Religionsunterricht in den Fortbildungsschulen, vor allen Dingen aber wenden wir uns dagegen, daß die Fortbildungsschulen politischen Zwecken, das heißt antijozialistischen Zwecken dienstbar gemacht werden.
Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.): Tie Ausführungen deS Vorredners haben ergeben, daß feine Partei religionsfeindlich ist. Wenn der Vorredner sagt, wir wollten die Fortbildungsschulen zu parteipolitischen Zwecken mißbrauchen, so mag er sich solche Bemerkun- gen für Volksversammlungen aufsparen. (Abg. Liebknecht ruft: Sie gehören in den Zirkusl und wird vom Vizepräsidenten Krouse zur Lrdnung gerufen.) Wir wollen den Religions-Unterricht an den Fortbildungsschulen nicht obligatorisch, sondern fatul- t a t i D machen. Wir wünschen, daß die FortbildungS» schulen unter dem Ressort deS Handelsministers bleiben.
Die Debatte über daS Fortbildungsschulwesen wird geschlossen.
Abg. Thurm (Vp.) tritt für Förderung des Flachs- baueS ein und wünscht an den gewerblichen Fachschulen daS Interesse hierfür geweckt.
Abg. v. Strombeck (Ztr.): Der Mittelstand bedarf der Fürsorge der Staatsregierungen durch Weiterausbau der Fortdildungs- und Fachschulen. Von großem Nutzen würde die Sendung von Wanderlehrern in die kleineren Wirtschaften sein. Für da? Genossenschaftswesen sollten mehr Mittel aufgewendet werden. Bei einer Neuregelung der Reichsgewerbeordnung für die Zulassung der Hausierer die Bedürfnisfrage entscheidend sein zu lassen, dürfte überaus schwierig, vielleicht unmöglich fein, da der ansässige Gewerbetreibende ein Bedürfnis niemals anerkennen wird. Der Hausiererstand, der besonders für das Eichsfrid eine Notwendigkeit sei, müsse vor Vernichtung geschützt werden.
Beim Titel »Förderung deS Hausgewerbes durch Schulen, Wanderunterricht ufro."- bittet
Abg. v. Strombeck (Ztr.), das Elchsfeld zu berück, sichtigen.
Abg. Lieneweg (kons.) hebt die Verdienste der Handwerkskammern um die Hebung des Handwerks hervor.
Abg. Wenke (93p.) verteidigt den Hansabund gegen den Vorwurf der Handwerkerfeindlichkeit.
Abg. Maurer (natl.) wendet sich gegen die Jnstal- lations. und Materialmonopole bei llebe rla ndzen- traten.
Minister Dr. v. Sydow bedauert, daß der Erlaß von 1912 nicht die durchschlagende Wirkung gehabt habe. Der elektrische Strom müsse möglichst billig geliefert werden, und es frage sich, ob man nicht in diesem Punkte die Gewerbefreiheit einschränken soll.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) bezeichnet einen Beschluß der Bäckerinnung in Magdeburg, unter einer Ordnungs- strafe von 20 Mark keinerlei Einzelverträge mit dem sozialdemokratischen Zentralverband der Backer allzu- schließen, als ungesetzlich.
HandelSminister Svtww: Es war Pflicht der Innung, ihre Standesehre gegenüber der sozialdemokratischen Organisation wahrzunehmen, und das ist durchaus auf gesetzlichem Wege geschehen. Ter Regierungspräsident hat mit vollem Recht das Vorgehen der Innung gebilligt. Wir haben nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, die Innungen gegen sozialdemokratische Be- ftrebungen zu schützen.
Abg. Hammer (kons.) zählt alle Gesetze zu Gunsten deS Handwerks auf, gegen die die Volkspartei gestimmt habe, die, abhängig von Banken und der Börse, nur deren Interessen vertrete.
Abg. Just (natl.) bittet den Minister, nur solche pari, tätische Arbeitsnachweise zu unterstützen, die keine politischen Nebenzwecke verfolgen.
„Wie Du willst, Anita" sagte ihr Begleiter, „be- denke aber, daß jeder Aufenthalt uns später nach Genua bringt. Wir haben noch eine lange Tagereise vor uns, wenn wir vor Einbruch der Nacht ein treffen wollen."
„Was liegt daran, eine Stunde früher oder spä- ter", entgegnete sie, dem Kutscher ein Zeichen zum Anhalten gebend. Mit einem Zuge des Aergers im Gesicht folgte ihr der Mann auf dem Saumpfad, der neben der Straße herlief und über den die Bäume des Waldes einen wohltuenden Schatten breiteten.
Schweigend gingen die beiden eine Zeitlang nebeneinander. Die Vögel auf den Bäumen zwitscherten und fangen, aber weder die Frau, noch der Mann hörten aus die Laute der gefieberten Sänger. Aedes war mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Plötzlich unterbrach die lunge Frau daS Stillschweigen.
„Anatole, ich habe heute ein merkwürdiges Ge- fühl in mir es liegt auf mir, wie ein Alp, und ich vermag nicht zu sagen, wie es kommt. Ich habe ein? Empfindung, als sollte mir heute noch etwas ganz Unerwartetes begegnen, ein Unglück, ich ver- mag einen anderen Namen dafür nicht zu finden. Ich bin abergläubisch, wie Tu weißt."
„Spotte nicht, Geliebter, wir Frauen empfinden anders als Männer. Seit er — er tot ist und begraben, bat sich manches geändert. Ich habe es Dir tn Casteldo schon mitgeteilt, oft fühle ich, als habe der Verstorbene sich erhaben aus seinem Sarge unb blicke auf mich au« weiter Ferne. Aber immer unb immer kommt er mir näher, unb im Wachen und im Schlafe sehe ich fein ernstes, strenges Gesicht. Habe Nachsicht, Lieber, ich kann mir nicht helfen, es ist nun einmal so. Das ist auch der Grund, warum ich auf Deinen Plan, den Tu mir vorgelegt hast, nicht eingehen kann. Ich bin keine liebende Mutter, die Natur hat mich anders ausgestattet, als meine GeschlechtSgenostinnen, aber töten kann ich das Kind nicht. Es ist sein Kind, unb ich fürchte den Toten unb bie Rache beS Himmels."
„Tu wirst fromm, Geliebte."
„Beurteile mich, wie Du willst, aber der Knabe soll leben, ich werbe auch nicht bvlb’en, daß Tu ein Verbrechen begehst. Warum aach?"
Abg. Seineri (Soz.) polemisiert gegen den Minister der in der Frage des Arbeitsnachweises bewußt für die Interessen der Arbeitgeber Partei nehme, ohne die Arbeiter zu beachten.
Mittwoch: Fortsetzung und Bergetat.
q- Deutschland und Dänemark.
Das dänische Königspaar weilt gegenwärtig in der deutschen Reichshauptstadt. Nach dem tragischen Lede seines Vaters Friedrichs VIII. auf deutscher Erde hat König Christian X. im Mai v. I. Den dänischen Thron bestiegen und hat jetzt mit seiner Gemahlin, der Königin Alexandra, am deutschen Kaiserhof bie Reihe ber Besuche begonnen, bie regle- rer.be Fürstlichkeiten nach ihrer Thronbesteigung in bett europäischen Hauptstädten abzustatten pflegen.
Dem Königspaar ist in Berlin von ber gesamten Bevölkerung ein herzlicher Willkomm entboten worden, denn das deutsche Volk fühlt sich dem benachbarten Dänenvolk verwandt und bringt ihm herzliche Sympathie entgegen. Zwischen dem deutschen Reiche und Dänemark hat sich in den letzten Jahrzehnten ein solch reicher geistiger unb wirtschaftlicher Verkehr ausgebildet, baß bie beiden Völker sich viel näher gerückt sind unb ihrer Stammesverwanbtschaft immer mehr sich bewußt werben. Viele Fäden spinnen sich von hüben nach drüben und von dort wieder zu uns, daß man in gewissem Sinne von einem Hinein- wachsen des dänischen Volkes in das deutsche unb auch umgekehrt reden kann. Um so befremdlicher und bedauernswerter ist es darum, daß in Nordschleswig sich bie Männer dänischen Ursprungs bi3 heute noch nicht mit den geschichtlich gewordenen Tat- fachen haben abfinden können. Das ist umsomehr zu beklagen, als sowohl bie preußische wie die dänische Regierung ehrlich bestrebt gewesen ist, einen Ausgleich der nordmärkischen Gegensätze herbeizusühren. Wie dies in der Geschichte aber immer der Fall ist, so bewahrheitet sich auch in der Nordecke des deutschen Reiches ber Erfahrungssatz, baß Druck Gegenbruck erzeugt, baß mit anberen Worten die Umtriebe in ber Nordmark bie preußische Regierung zu Barsoi- gungsmaßregeln greifen ließ, bie in gleicher Weise zu bedauern sind, wie bie dänische Propaganda in der deutschen Grenzprvvinz.
Es wäre der schönste Erfolg beS dänischen Königsbesuches in Berlin, wenn er dazu beitragen würde, eine Annäherung des deutsch-dänischen Elements und einen Ausgleich des deutsch-dänischen Gegensatzes herbeizusühren. Das ist nicht nur der Wunsch des deutschen Volkes, sondern wird auch in Dänemark als wünschenswert und segensreich erstrebt. Allerdings gibt es auch im dänischen Königreich ebenso wie in Deutschland Brauseköpfe, die von undurchführbaren Wünschen beseelt sind, aber bie offizielle dänische Politik ist offenkundig von freundschaftlicher Gesinnung gegenüber dem großen Nachbarreich erfüllt.
Dem dänischen Königspaar wirb durch den festlichen Empfang unb bie fteubige Gastfreundschaft, die ihm das deutsche Volk erzeigt hat, die Ueberzeu- gung gefestigt werden, daß wir Deutschen den Dänen freundschaftlich gesinnt sind und herzlichst wünschen, daß auch der letzte Gegensatz und die letzte Mißstim- miqkeit bie zwischen uns unb dem dänischen Bruder- voll seit 1864 noch bestehen könnten, aus der Welt geschafft werben.
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W Berlin, 25. Febr. 1913. Der Kaise r besuchte heute vormittag mit bem König von Dänemark mehrere Gardekavalleriekasenun, um bie Ossi- ziersreitstunben zu besichtigen. DaS Frühstück wurde beim Garde-Kürassierregiment eingenommen. Die Kaiserin, die Königin unb bie Kronprinzessin besich-
Aergerlich schlug er mit einer Gerte, bie er abgerissen, auf einen Strauch wilder Rosen am Wege, daß bie roten Blüten nieberfielen ins Gras. Dabei murmelte er einige unverstänbliche Worte.
„Warum auch?" wiederholte bie junge Frau. „Ich habe bie Nutznießung ber Güter, bis ber Knabe zum Manne geworden ist. Dieselben liefern reichen Ertrag, wie Du wohl weißt. Wir können demnächst bie Verlobung feiern, wenn Du eS willst, und nichts binbert uns, in kürzester Zeit bie Hochzeit folgen zu lassen. Es wirb sogar bas Beste fein, denn die Dienerschaft munkelt bereits und schaut auf mich oft mit vielsagenden Blicken. Bis der Knabe majorenn wird, vergehen noch lange Jahre, und vieles mag sich ereignen in der Zwischenzeit. Er mag eines natürlichen Todes sterben vor der Zeit, ich würde nicht viel trauern, aber zu leide tun sollst Du ihm nichts!"
„Ich muß Geld haben, eine größere Summe, dieser Prinz ober Abenteurer, was immer er sein mag, soll mir jenen Abend in Rom zurück^ahlen. Ich verstehe Kunststücke mit den Karten, die das Glück toirigiren, aber um viel zu gewinnen, kann ich nicht beginnen mit einer Hand voll Gold."
Er blickte finster und schwieg eine Weile.
„Ich wollte heute, ich hätte den Knaben ttatb Casteldo mitgenommen und genügende Dienerschaft , fuhr sie fort. „Sicherlich wäre ich dann dort geblieben und so lange nicht zurückgekehrt, bis die,er geheimnisvolle Mann Genua verlassen hätte. Ich habe ihn noch nie gesehen, und doch fürchte ich ihn nach dem, was Tu mir mitgeteilt. Ah, Du beginnst kleiner zu werden in meinen Augen, Anatole.--
Mit Taschenspielerkunststückchen willst Du ihm bei» kommen, der übernatürliche Kräfte zu besitzen scheint. Tue, wie Du willst, aber denke meiner Worte, Du wirst ihm unterliegen. Lasse ab von ihm, Anatole, der Mann bringt Dir Unglück unb Verderben, ich fühle es!"
„Und doch wirst Du ihm begegnen müssen, er hat den Wunsch ausgedrückt, Dir eine Beileidsvisite abzustatten."
Sie blieb stehen und schaute ttem Manne neben ihr voll ins Gesicht. „Das ist seltsam — der Verstorbene ist nun eine recht lange Zeit in der Gruft."
tigten das Säuglingsheim in Charlottenburg, dann die Königin mit ber Kronprinzessin das Kaiser Fried- rich-Mus:uin. Die Königin speiste bei der Kronprinzessin.
Bei ber heute abenb zu Ehren be« dänischen Kö- nigspaares tm königl. Schlosse stansinbeiiben G a- la täfel brachte Kaiser Wilh e l m einen TrinksPruch ans, worin er den König und bie Königin von Herzen willkommen hieß unb dem König für den durch den Besuch erbrachten Beweis persönlicher Zuneigung unb freunbnachbarlicher Gesin- nung bankte. Der Kaiser fuhr sodann fort:
Daß ich dies warm erwidere, daß es auch mein und meiner Negierung aufrichtiger Wunsch und bester Will« ist, die Beziehungen unserer Länder z u pflegen und auszugestalten im gegenseitigen Interesse und zum Wohle beider Völker, dessen dürfen Ew. Majestät gewiß sein. Um Ew. Majestät auch ein äußere» Zeichen meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben, habe ich beschlossen, Ew. Majestät a la suite meiner Marine zu stellen. Bei den regen nacbbarlichen Beziehungen unserer Flotten wird eS Meiner Marine eine Ehre fein, wenn Ew. Majestät diese durch Ew. Majestät verehrten Herrn Vater bekleidete Stellung freundlichst annehmen wollten.
Ter Kaiser gedachte sodann besonders des Bande« schwesterlicher Liebe das die Königin von Täite- mark unb die deutsche Kronprinzessin einschließt und trank schließlich auf das Wohl des Königs unb der Königin von Dänemark unb des gesamten königlichen Hauses.
Der Königvon Dänemark antwortete auf daS Wärmste für die ihm zugedachte Auszeichnung und fuhr fort:
Indem ich tn Euerer Majestät einen erhabenen Monarchen erblicke, dessen nie ermüdende F riedenS- liebe bald einer Lbjährigen Negierung ihr Gepräge aufgedrückt hat, hege ich die freudige Zuversicht, daß Euere Majestät die meinem Großvater und meinem Vater bewiesene Freundschaft auf mich übertragen möchten. Zu dieser Hoffnung gesellt sich noch der innige Wunsch, daß die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern auch fernerhin sich auf der festen Grundlage gegenseitigen Vertrauens und freundschaftlicher Verständigung unserer beiden stammverwandten Völker nut ihren volkStüm- jichen Eigenarten entwickeln möge.
Am Hiensiag nadjmutag uat der König von Dänemark tm Königlichen Schloß den Reichs« la ns ler und den Staatssekretär von Iagow empfangen.
e Die Wahrweiber in England.
10 Löffel Rizinusöl täglich ist zwar etwas viel, aber eine Radikalkur, die bald mürbe macht. Wenn in England jetzt solche Kuren für bie Suffragetten, die den Wert be8 Lebens des Nächsten unb des fremden Eigentums zu schätzen anscheinend ganz verlernt haben, in Vorschlag gebracht werben, so geschieht den fanatischen Frauenrechtlerinnen ganz recht, wenn sie neben bem Schaben jetzt auch ben Spott zu tragen haben. Damit will man es aber nicht genug sein lassen, benn noch anberc Vorschläge wie Zwangsheiraten Verbannung auf eine kleine, weltabgelegen« Insel, Stockprügel obe: Kahlscheren des Kopses sind gemacht worden.
Sind alle diese Vorschläge auch extrem, so kann sich die englische Regierung in London nicht verhehlen, daß ihre Haltung gegen bie Suffragetten eine a n b e r e werben m u ß, ehe sie noch mehr Unheil anrichten, wie bisher.
In Deutschland sinb wir noch nicht so weit, baß die Frauen für die nächste Zukunft sich auf die lieber- tragung politischer Rechte auf ihr Geschlecht Hoffnung machen könnten. Auch ist das Verlangen da- kommt, wie er jetzt wieder in England auf ber 2a»
„Trotzdem wirst Du bie Bekanntschaft des Frem- ben machen müssen."
„Anatole, Du weißt, ich habe Dich geliebt, wie selten ein Mann geliebt würbe von einem Weibe", begann sie nun, „erfülle mir eine Bitte!"
„Unb bie wäre?"
„Du hast eine ungeheuere Summe an biesen Fremden verloren, meide ihn nun und denke nicht mehr daran Auch ich will den Verlust vergessen unb Dir keine Vorwürfe mehr machen — aber laste uns ziehen auf ein anderes ber Güter, bis biefer sonderbare Mann Genua verläßt."
„Anita, sei teilt Kinb, ich erkenne Dich nicht wieder", erwiderte der Baron. „Die Sache fängt an, absurd zu werden. Ein Abenteurer kreuzt meinen Pfad und erzählt mir Dinge aus meiner Vergangen- heil, zugleich begünstigt ihn das Glück im Spiel, und er spielt mit mir mit Erfolg. — Das ist alles. Am Tische wird erzählt vom Todesfall Tarents, und ber Frembling interessiert sich für bie junge Witwe unb erwähnt nebenbei, daß er beabsichtig?, Dir eine Kon- doienzvisite abzustatten, was weiter? — Du wirst ihn empfangen, wie man einen distinguierten fr em- den Mann empfängt, wirst ihm etliche Dankesworte abstatten, und die Geschichte ist aus. Ich versuche recht ober schlecht Dein Gelb zitrückzuerlangen, und eS wird mir gelingen. Wenn kein anderer Weg übrig bleibt, mußt Du beim Juden Baruch Deinen Schmuck in Pfand geben, damit ich Mittel an bie Hanb bekomme, hohes Spiel zu riskieren. Wäre dieser blöde Knabe nicht, wir könnten Geld in Hülle und Fülle auf die Tarentschen Besitzungen aufnehmen. Dieser Prinz aus Indien wird ein zweites Mal der Verlierer fein, dessen bin ich sicher, und in wenigen Wochen wird er wieder weiter ziehen, nnb vielleicht hören wir im Leben nichts mehr von ihm. Nimm Deinen Verstand zusammen, Siebe, ergib nicht Dein ganzes Selbst der Furch! und bem Aberglau. ben, sonst kommst Du so weit, daß Tu Deinen eigenen Schatten furchtest, wenn Tu im Sonnenschein spazieren gehst. Willst Du dem Erben von Tarent den Vorzug vor mir geben und anfangen, die zärtliche Mutter zu spielen, woblan, so mag es sein!"
(Fortsetzung folgt.)