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* i Nr. Z6. Erstes Blatt.
Donnerstag den 1Z. Februar 1913»
40. Zahrgang.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 12. Februar 1913.
Äuf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung des sozialdemokratischen
Wahlrechtsantrags.
Der Antrag will dem Artikel 3 der Reichsverfassung hinzufügen, daß in jedem Bundesstaate eine auf Grund des aIlgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrechts gewählte Volksvertretung beiteben mutz, für die alle über 20 Jahre alten Reichsange, hörigen ohne Unterschied des Geschlechtes das aktive und passive Wahlrecht haben sollen.
Abg. Wels (Soz.) begründet den Antrag. Die Preu, tzische Wahirechtsfrage ist nur noch eine Machtfrage. Die Initiative in der Wahlrechtsfrage gehört dem Reichstag. 1813 hat sich das Volk für die Wiederaufrichtung der Sohenzollernmacht geopfert. Bis heute wartet es ver- -redlich auf den Dank vom Hause Hohenzollern. Der Reichstag mutz diesen politischen Ndtstand in Preußen beseitigen. Wir vertrauen darauf, daß die Massen ihre Forderungen durchsetzen werden, ob mit oder gegen Sie, das ist Ihre Sache.
Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Ich kann mich darauf be- schränten, eine Erklärung zu verlesen, die von dieser Stelle aus der Abg. Graf Hompesch bereits am 7. Febr. 1906 und am 22. Januar 1908 abgegeben hat; die lautet: Meine politischen Freunde halten in Uebereinstimmung mit früheren Erklärungen an der Auffassung fest, wo- nach die Gestaltung des Wahlrechtes in den Einzelstaaten zur Zuständigkeit dieser letzterer gehört und der des Reiches enthoben ist. Was daS Rerch seinen Bürgern durch Gewährung des allgemeinen gleichen geheimen und unmittelbaren Wahlrechtes gewährt hat, wird auf die Dauer auch in den Einzelstaaten den Bürgern in entsprechender Weise gewährt werden müssen. Nach Art. 23 der Reichsverfassung ist der Reichstag nicht in der Lage, die Initiative nach dieser Seite zu ergreifen, wenn aber die verbündeten Regierungen nast Matzgabe der Reichsverfassung dem Reichstag einen Gesetzentwurf zu- gehen lassen, in welchem unter Erweiterung der Zustän- digkeit des Reiches die Einführung des gleichen, allgemeinen, geheimen und unmittelbaren Wahlrecht in den Einzelstaaten zum Vorschlag gebracht wird, so sind wir bereit, derselben unsere Zustimmung zu erteilen.
Abg. Bassermatm (natl.) gibt folgende Fraktionserklärung ab. Wir erkennen dem Reiche das Recht zu, für jeden Einzelstaat eine gewählte Vertretung zu ver-. langen, deren Zustimmung zu jedem Landesgesetz und zur Feststellung des Staatshaushaltes erforderlich ist. Darüber hinauszugehen und di« Einzelheiten einer sol- ch-n Verfasfungsreform vorzuschreiben, lehnen wir wie bisher ab.
Abg. Graf Kanitz (kons.) erklärt namens der kon- servativen Fraktion: Der Antrag der Sozialdemokraten verstötzt gegen die Grundlagen der Reichsverfassung. Di« Regelung der inneren Verfassung der Bundesstaaten ist bei Gründung de» Reiches nicht der Reichsgesetzgebung übertragen worden. Das würbe die Souveränität der Einzelstaaten berühren und den bundesstaatlichen Cha- rotier ins Wanken bringen. Die Sozialdemokraten wollen das Reich in einen Einheitsstaat auf demokratischer Grundlage verwandeln. Wir erheben gegen diese fort, gesetzte Verletzung der Verfassung Einspruch und lehnen er grundsätzlich ab, uns auf eine Erörterung einzulassen, weil sie die Zuständigkeit des Reichstages überschreitet. (Lebh. Beifall rechts.)
Abg. Kopsch (Vp.): Die Linke steht dem Grundgedanken des Antrags sympathisch gegenüber. Das Reich mutz auf Schaffung eines liberalen Landtagswahlrechtes dringen. Die Sozialdemokaten verlangen nun auch das Frauenstimmrecht und daS Wahlrecht der Jugendlichen als Naturrecht. Ja, warum denn dann überhaupt eine Altersgrenze? Wir Fortschrittsmänner wollen bei aller Sympathie für die Frauen weise vorgehen. In dem vorliegenden Gewände wird der Antrag hier keine Mehrheit finden.
Abg. Seyda (Pole) steht grundsätzlich auf dem Boden des sozialdemokratischen Antrags, mutz aber wegen Be- denken gegen Festsetzung deS Alters auf 20 Jahre und Gewährung des FrauenwahlrechteeS den Antrag ab- lehnen.
Abg. Merlin (Rp.) lehnt den Antrag wegen des Widerspruchs gegen den föderalistischen Charakter des Reiches ab.
Abg. Burckharbt (wirtsch. Vgg.): Wir stehen auf dem Standpunkt der Konservativen und der Reichspartei. Wir Christlich-sozialen sind im preußischen Landtag nicht ver- treten. Auch wir wollen hinein und wollen deshalb ge- Heime Wahl. Die DolkSpartei hat, als sie dort die Mehrheit hatte, daS Wahlrecht nicht geändert.
Als letzter Redner zur ersten Lesung wird aufge- Elfen Abg. Herzfeld (Sog.), der aber nicht im Saale anwesend ist. (Grotze Erregung b. d. Sozialdemokraten.)
Die erste Lesung des Antrages ist beendet; es be. Sinnt die
zweite Lesung.
Abg. Liebknecht (®og.): Die Haltung der Rechten zu Unserem Anträge ist ein schlagender Beweis für die Notwendigkeit, dieses schmachvolle Wahlrecht zu ändern. (Unruhe rechts.)
Vizepräsident Paasche: Auf Parteien angewandt, ist das Wort .schmachvoll" nicht parlamentarisch, aber auch auf Zustände angewandt, unterliegt feine Zulas. sung dem Urteile deS Präsidenten.
Abg. Liebknecht (fortfahrend): Die Haltung des Z e n- trumS ist unverständlich: ES will einer Wahlrechts, änderung zustimmen, wenn die Regierung die Initiative ergreift. Dem Hause steht dieselbe Initiative zu wie der Regierung. Die Nationaliberalen drückten sich bei der Wahlrechtsdebatte im Abgeordnetenhause in größerer Anzahl von der Abstimmung. Die Rechte ist grundsätz. üch feindlich gegen jede Reform kcS Dreiklassenwahl, rechts. Und die freikonservative Partei, die nennt sich dier Reichspartei I Eine Koierie ist es, aber keine Par- iei! Im Abgeordneienhauie bemüht sich der arrogante und als Grandsoigneur auftretende Herr v. Rat borff (Präsident Kämpf bittet den Redner, sich zu mätzigen) ich nehme den Ausdruck zurück — dem Volk das Wahlrecht zu nehmen und ihm nur daS Zahl recht zu ”1fen. Sie (nach rechtS) wollen Preutzen stärken und "Q8 Reich schwächen, wir wollen aber das Jun- "r.Preutzen zertrümmern, (Lebhafte Unruhe rechts; Lärm im ganzen Huase) und ein freies Preutzen schaffen.
Präsident Kämpf: Sie dürfen einer Partei dieses ^uscs nicht vorwerfen, sie wolle Deutschland schwächen. , Äbg. Liebknecht lfortfahrend): Die Gefahren, die uer künftigen Entwicklung beS Reiches bevorstehen, sind vurch Sie, durch Ihre Freunde und durch jene söge- nannte vreutzische Regierung, die sich zusammensetzt . . .
Präsident Kämpf: Sie dürfen die preußische Regie. run® nicht herabsetzen, ich rufe Sie zur O rdnUng.
Abg. Liebknecht (fortfahrend) - Wir werden unser Ziel schon erreichen. Ihnen (nach rechts) gegenüber haben wir nur ein Lachen. (Beitall bei den Soz)
Abg. Sivkowisch (Vp.): Die Immer noch geltende Verfassung von Mecklenburg vom Jahre 1755(f>6rt, hört!) übeiläbt dem Volke keine Rechte, «s müssen enblich Mittel und Wege gefunden werden, diesen Ver» hällniisen ein Ende ,u n a hen. , „
Abg. Dr. Herzfeld (So,.) behandelt ebenfalls die mecklenburgische Versassungsirage in sehr langer Rede.
Abg. Hoffmann (So,.) ift Mitglied der sazraldemo- kratischen Landtagsmehrheit des Fürstentums Rudolstadt und erklärt sich mit dem dortigen Wahlrecht durchaus iuftieoen. Die neue Wahliechtsvoilage, die der Ministerpräsident jetzt vorgelegt habe, sei eine verrückte Handlung. Er wird vom Präsidenten gerügt, als er dann noch von einer unfähigen Regier ung seines Landes spricht.
Abg. Wurm (Soz.) spricht über das neue Fünf- klafsenwahlrecht in Reich j. L.
Damit endet die Debatte.
Dte Abstimmungen ergeben die Ablehnung deS Antrages in feinen einzelnen Teilen. Damit ift auS der weiten Leimig kein Verhandlungssioff für eine dritte Lesung üdriggeblieben und das von den Sozialdemokraten beantragte Wahlrechtsgesetz damit erledigt.
Donnerstag: Justiz- und Postetat.
:: Der Wahlrechtsantrag im Reichstage.
DaS Reich soll sich nicht in preußische Angelegenheiten mischen, daS ist in den letzten Tagen in beiden Berliner Parlamenten wieder ösler verlangt worden. Gewirkt bat daS natürlich nicht. Andauernd muß Preu (en sich im Reichstag Kritik gefallen lassen, mit ihm auch andere Bundesstaaten. So gestern bei der Beratung des sozialdemokratischen Wahlrechtsan- traqeS.
Nach dem Antrag soll in jeglichem Bundesstaat jeder Mann, jede Frau und jedes Fräulein, sosern sie über Zwanzig sind, geheim, gleich, direkt und allgemein wählen dürfen. Das höchste, was sich ein Realpolitiker unter den obwaltenden Verhältnissen in der Wahlrechtsfrage zum Ziel setzen tarnt, ist die Uebertragung des Reichstagswahlrechtes auf die LandtagSwablen. Die Sozialdemokratie aber kümmert sich nicht um die Grenzen der Möglichkeit und der politischen Vernunft; sie fordert für die Einzelstaaten radikale Neuerungen des Wahlrechts, an die im Reiche selber noch gar nicht zu denken ist. Der Reichstag soll nicht bloß das indirekte Verfahren, die öffentliche Stimmabgabe und die Dreiklassenbildung in Preußen beseitigen, sondern auch obendrein noch das Frauenwahlrecht und das Wahlrecht der grünen Jugend von 20 bis 24 Jahren in Preußen und den anderen Bundesstaaten eiufüyren.
Wer solche wilden Vorschläge macht, will nichts positives erreichen, sondern nur demonstrieren und krakehlen! Bei der Behandlung dieses sozial- demokratischen Agitationsversuches haben die Führer größerer bürgerlichen Parteien kurzgefaßte Erklärungen abgegeben, in denen die verschiedensten Gesichtspunkte für die Haltung jeder Fraktion klar dargelegt waren. Diese Erklärungen erfüllen den Zweck von längeren Reden. Die Zeitersparnis ist sehr groß; man gewinnt nicht bloß Zeit durch die knappe Zu- sammensaffung der eigenen Gedanken, sondern auch dadurch, daß dem redewütigen Segnet wenige Anhaltspunkte für seine Polemik gegeben, also auch ein gewisser Zwang zur Kürze auferlegt wird. Je weniger den Wortdrefchern der Linken entgegnet wird, desto eher kommt die sogenannte Debatte zu Ende und die schaffende Arbeit zu ihrem Recht. —
Die Stellung der bürgerlichen Parteien ist bekanntlich ungleichmäßig sowohl zu der Wahlrechtsreform selbst als auch zu der Frage der Zuständigkeit des Reiches. In letzterer Hinsicht nehmen die Konservativen eine unbedingt ablehnende Stellung ein, während daS Zentrum zwar anerkennt, daß nach dem gegenwärtigen Recht die Reichs- gesetzgebung nicht zuständig ist, aber doch eine Ausdehnung der Reichskompetenz durch Initiative der Regierung für zulässig erachtet. Die Nationalliberalen gehen über die Ansicht des Zentrums insofern hinaus, als sie schon gegenwärtig daS Reich für befugt erachten, für jeden Einzelstaat (also auch z. B. für Mecklenburg) eine gewählte Volks- Vertretung vorzuschreiben; dagegen wollen die Nationalliberalen nichts davon wissen, daß das Reich über die allgemeine Forderung einer konstitutionellen Verfassung hinauSgehe und bestimmte Vorschriften über die Ausgestaltung des Wahlrechts mache. Diese Stellungnahme erklärt sich dadurch, daß die natio« nalliberale Partei von dem Klafsenwahlrecht ihren Vorteil erwartet, also der Gleichheit der Wahlstimmen widerstrebt. Für die Uebertragung be« Reichstags Wahlrechts auf Preußen tritt nur daS Zentrum rückhaltlos ein. Die Fortschrittspartei tut dasselbe in Worten, aber es ist nicht ganz klar und sicher, ob es ihr damit voller Ernst ist.
Am Ende der Verhandlung im Reichstage bleibt eS, wie es war: Preußen kann zu einer Wahlresorm nicht von reichswegen kommen, sondern nur durch einen Entschluß seiner eigenen gesetzgebenden Körperschaften. Die Aussichten sind nicht günstig und werden um so ungünstiger, je mehr die Sozialdemokratie sich breit macht.
Die Verlobung der Kaisertochter.
* Karlsruhe, 12. Febr. 1913. Während des heutigen Nachmittags und Abends fanden sich auf dem Schloßplatz und auf den zu ihm führenden Straßen stäiidig viele Schaulustige ein. DaS sürstliche Braut- paar, das einige Fahrten im offenen Wagen unternommen hatte, wurde überall sehr lebhaft begrüßt. Um 7.20 Uhr reiste die Kaiserin mit dem B r a u t paar, dem Prinzen Oskar, Prinz und Prinzessin Max von Baden nach B e r li n ab. Leider ereignete sich kurz vor der Abfahrt ein Unglücksfall. Tas Auw des Prinzen Ernst August überfuhr einen 16jähr. Lehrling, der, wie es heißt, aus einem
Hause springend unter den Kraftwagen geriet. Er tn j lebensgefährliche Verletzungen davon; an seinem Wiederaufkommen wird gezweifelt. Der Prinz beteiligte sich an der Verbringung des Jungen nach dem Krankenhause und setzte dann die Fahrt nach deut Bahnhof fort.
W Berlin, 12. Febr. 1913. Der Kaiser wird auf dem Bahnhof zum Empfang des Brautpaares anwesend sein. Die Herrschaften fahren in offenen vierspännigen Equipagen mit Eskorte durch das Brandenburger Tvr nach dem Schlosse. Das Zie- tenhusaren-Regiment trifft in Berlin ein, um das einziehende prinzliche Brautpaar zu geleiten. — Ter Hochzeitstag soll für die zweite Hälfte des Oktober d. I. angesetzt werden. Wahrscheinlich wird die Trauung am Geburtstage der Kaiserin, am 22. Oktober, stattfinden.
Zur Welfensrage.
Bei seinem, auf eigenen Wunsch erfolgenden Uebertritt aus der bayerischen in die preußische Armee wird Prinz Ernst 31 u g u ft dem Könrg von Preußen den Treueid als preußischer Offizier leisten. In dieser Eidesleistung ist, tote der „Vossischen Zeitung" von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, ohne weiteres und mit aller Deutlichkeit ein Verzicht des Prinzen auf hannoversche Ansprüche enthalten. Sein Vater, der Herzog von Cumberland, hat sich mit dem Uebertritt des Sohnes in preußische Heeresdienste einverstanden erklärt. Das bedeutet allerdings keinen formellen Verzicht des Herzogs auf Hannover, immerhin aber eine Abschwächung seines bisherigen Standpunktes. Ein ausdrücklicher Verzicht des Herzogs war nach dem Verhalten, das er die Jahrzehnte hindurch beobachtet hat, nicht zu erwarten. Man nimmt Rücksicht aus die Gesinnungen des Herzogs, die man namentlich in dynastischen Kreisen begreift und der Achtung wert hält. Diese Meldung wird der,^rreuzzeiiung" von unterrichteter Seite als zutreffend bestätigt. Aehnlich schreibt die „Frankfurter Zettuüg":
Die Verlobung der beiden jungen Menschenkindern ist, so unwahrscheinlich es auch klingen mag, tatsächlich eine Herzenssache wie bei anderen Menschen auch. ES ist kein Geheimnis, ist auch hin und wieder einmal in der Presse und in einer bekannten Wochenschrift mit markanten Aeutzerungen erwähnt worden, datz die Tochter des Kaisers an diesem Prinzen Ernst August Gefallen gefunden hat und datz dieses Gefallen auf Gegenseitigkeit beruhte. So ist es zu dieser Verlobung gekommen, die in absehbarer Zeit auch zur Regelung der braunschweigischen E r b f o I g e f r a g e führen wird. Das ist aber nicht ihr Z w e ck, es wird nur ihre Folge sein. Der Herzog von Cumberland, der dieser Verlobung nicht nur zugestimmt hat, sondern sie auch gern sieht, hat sich zum Verzicht auf Hannover bis jetzt nicht entschlossen und es ist mög- lich, datz er sich auch nicht dazu entschlietzt; nicht etwa, datz er Absichten auf Hannover hätte — das war nie der Fall — aber er hält sich schließlich durch Wort und Treue auch gegenüber den alten Anhängern seines Hauses in Hannover gebunden und hält so an einem Grundsatz fest, dem praktisch Folge zu geben, er nie gedacht hat.
* Hannover, 12. Febr. 1913 Heute abend fand hier eine stark besuchte Vertrauensmänner-Versamm- lung der De utsch-hanno berschen Partei statt, in der Frhr. v. Scheele, der Vorsitzende des Direktoriums der Partei, erklärte, daß sich durch die Verlobung des Prinzen Ernst August mit der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen an der Stellung der Partei nichts geändert habe. Die Versammlung stimmte nach einer längeren Aussprache dieser Auffassung durch die Annahme einer Entschließung zu, tn der es heißt:
Wir werben nach wie vor in niedersächsischer Zähigkeit und in stets neuem Vertrauen den Kampf für die unverjährbaren Rechte des Hauses Braunschweig-Lüneburg und des hannoverschen Volkes fortsetzen, zum Segen unserer Heimat und deS gesamten lieben deutschen Vaterlandes.
* Hannover, 12. Febr. 1913. Der alte Herzog von Cumberland läßt der „Welfischen Deutschen Volkszeitung" durch den welfischen Reichstagsabgeordneten v. Scheele folgende Zuschrift zugehen: • Lieber Scheele! Es beglückt mich, Ihnen und den treuen Hannoveranern, die eben in so erhebender Weise an unserem tiefften Schmerze teilgenommen haben, heute die freudige Botschaft machen zu können, datz unser geliebter Sohn Ernst August mit der Prinzessin Viktoria Luise, der Tochter des deutschen Kaisers und Königs von Preutzen, sich verlobt hat. Wir flehen zu Gott, datz der Bund dieser deutschen Fürstenkinder, der aus eigener Neigung entsprungen und mit dem Segen der Eltern geschlossen wurde, nun gedeihen werde zum Segen der Verlobten und unserer beiden Häuser.
ns. Der Kaiser im Landwirtschaftsrat
Der Kaiser erschien gestern morgen, rote angesagt, in der Plenarsitzung deS LandroirtfchaftsratS, der seine Arbeiten im Sitzungssaals des Herrenhauses fortführte. Nach dem ersten Vortrag, der die Frage behandelte, ob die Landwirtschaft ihre Fleifcherzeugung genügend ausgestalten könne zur eigenen Volksernährung, griff der Kaiser mit einer längeren Rede in die Besprechung ein. Er machte dabei ausführliche technische Mitteilungen über dte Erfolge auf feiner eigenen Gutswirtschaft. Der Monarch sprach frei und hatte nur eine Reihe von Zahlen auf seinem Blatte notiert.
Der Kaiser machte zunächst ziffernmäßige Angaben über die Mehrerträge, die er auf seinen Wiesen und Stetfern durch Meliorationen erzielt habe. Eine am Haff gelegene 500 Morgen große Fläcbe wurde zur Wiese ausgearbeitet. Jrn Jahre 1910 brachte sie 4500 Ztr. Heu und Weide für 70—80 Rinder und 25 Pferde, im Jahre darauf 9000 Ztr. Heu, und Weide für 120 Rinder und eine entsprechende Anzahl Pferde. Die Zahl der Pferde wurde auf 90 erhöht, darunter 10 edle Zuchlstuten. Vor der Melioration waren 780, nach ihr 1000 Morgen Acker Land bestellt und statt 6—7000 wurden 13—14 000 Fuder Getreide geerntet. Damit, so schloß, der Kaiser den ersten Teil seiner Ausführungen, habe ich den Beweis gebracht, daß wir tatsächlich in der Lage sind, innerhalb unseres Vaterlandes unsere landwirlschaftliche Produktion so zu steigern, daß wir nicht nur die Fleisch- sondern auch die Brot- und Kartosielversorgung überneh
men können. Neben der Bodenaufbesserung ist die Güte der Aussaat von wesentlicher Bedeutung. Der Kaiser erklärte, stolz darauf zu sein, als der Erste den Roggev des Herrn v. Lochow in Westpreußen eingeführt zu haben. In sehr humoristischer Weise besprach dann der Kaiser die guten Erfolge, die er auf Kabinen mit dem Petkuscr Roggen erzielt habe, den er in Westpreußen als Erster eingeführt habe. „Ich bin etwas eitel und stolz darauf, daß es mir gelungen ist, den Petkuscr Roggen in diese Gegend von Westpreußen eingeführt zu haben. Er war dort total unbekannt. Weil ich das gewußt habe, habe ich die Landwirte der dortigen Gegend darauf aufmerksam gemacht. In einer der schweren reg. nerischen Sommerszeiten der letzten Jahre, wo der Rog. gen wie gewalzt dalag, bemerkten die Landwirte, die auf einer durch meine Felder führenden Landstraße zu- rückkehrten, zu ihrem Erstaunen, daß der Roggen auf meinen Feldern aufrecht stand wie Ncanenlanzen. (Hei- terkeit.) Mein Verwalter war zufällig draußen und sah eine Reihe Wagen, die angehalten hatten und deren Insassen ausgestiegen waren. Er vermutete ein Unglück, ritt hin und fand eine ganze Menge Landwirte, die heftig diskutierten, was denn mit diesem Felde los sei. (Heiterkeit.) Als ihm der Inhalt dieser Gespräche mitgeteilt wurde, sagte er den Leuten, daß das Pet» kuser Roggen sei, von dem den Landwirten nichts bekannt war. Die Folge war, daß im Herbst die Leute sich vor meiner Scheune geschlagen haben um diesen Roggen. (Heiterkeit.) Ich habe ein ausgezeichnetes Geschäft bei dem Verkauf gemacht (Erneute Heiterkeit) und alle Teile sind außerordentlich zufrieden. (Heiterer Beifall.) Ich sehe schon einige Neugierde auf Ihren Gesichtem, was aus dem „Bos Indiens Major" geworden ist. (Große allgemeine Heiterkeit.) Er hat sehr gut eingeschlagen. Hagenbeck hat mir eine Reihe von älter« Bullentieren «gekauft, um sie später in den Kolonien zu verwenden. Ich habe weiter 15 Zebubullenkälber und 37 Kuhkälber stehen. Aufschluß über die Milchverwer- tung kann ich noch nicht geben, denn sie sind noch nicht so weit."
Der Kaiser geht dann näher ein auf die Verwendung und die Zucht des Zebu-Rindviehes in Kadinen und bemerkt u. a„ daß mit Zebustieren in Indien auch Ren- nen veranstaltet würden. Ob ich, fährt er fort, dem Oberlandstallmeister demnächst meine Zebustiere für ein Rennen anbieten kann, das Weitz ich freilich nicht. (Grotze Heiterkeit.) Zum Ausgang seiner Ausführungen zu- rückkehrend, betont der Kaiser mit großem Nachdruck, daß die deutsche Landwirtschaft unbedingt in der Lage sei, ihre Produktion so zu steigern, daß das Vater!and unabhängig vom Aus- lande wäre, und seinen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten im eigenen Lande decken könne. Dieses Ziel könne und müsse unbedingt erreicht werden. (Lebhafter Beifall und Händekla- schen.)
Präsident Graf Schwerin-Löwitz bankte dem Kaiser sür feine Mitteilungen, aus denen hervorgehe, welches große Jntereffe der Kaiser an dem Gedeihen der deutschen Landwirtschaft nehme. Die b utfetje Landwirtschaft könne mit Stolz den Kaiser zu ihren BerufSgenoflen zählen.
Auf die Vorträge der Referenten folgte' eine eingehende Debatte. Alsdann berichtete Prof. Dr. Honcamp -Rostock über die bisher angestellten Versuche über die zweckmäßige Nährstoffgabe bei der Mästung des Rindes, über die Ergänzung der Magermilch bei der Aufzucht der Kälber, sowie über den Wert von Moorhcu bei Ochsenmast gegenüber von Marsch- und Klecheu. Das Reichsamt des Innern sowie der deutsche Landtoirtschaftsrat werde gerade bei der Wichtigkeit dieser Frage in der Zeit der sog Fleischnot sich nicht der Kenntnis entschließen können, daß es auf diesem Gebiete noch viel zum Wohle des Volkes und der LandtoiAschaft zu tun gebe. Zum Schluß sprach Dr. Frost- Stockholm übe: die Enttoicklung der Rindviehzucht in Dänemark und Schweden.
Eine Rede des Reichskanzlers.
Am Abend fand ein F e st e s s e n statt. Bet die- {er Gelegenheit hielt der Reichskanzler eine lnsprache, in der er u. a. ausführte:
Die Landwirte billigen nicht alles, was ich in letzter Zeit im volkswirtschaftlichen Gebiete veranlaßte. Trotz- dem müssen Sie mir gestatten, datz ich gern zu Ihnen komme, datz ich mich wohl bei Ihnen fühle. . In der Einladung sehe ich ein Zeichen, datz es nur die Ueber- zeugung ist, was uns in Fällen trennt, wo wir einmal glauben, verschiedene Wege gehen zu müssen. Wir ha- ben dir Ernte des letzten Jahres in Frieden bergen können und ich lebe der Hoffnung, datz der deutsche Land- mann auch fürderhin ungestört feiner Arbeit wird nachgehen können. (Beifall.) Das Friedensbedürfnis, das, wie ich glaube, alle Grotzmächte beseelt und das uns hoffentlich auch üb er die Balkankrise hinweghelfen wird, hat die gesundeste Grundlage in dem überall lebendigen Bedürfnis, die Kräfte der Nationen in immer fortschreitender Arbeit zu entwickeln. In welchem Matze die deutsche Landwirtschaft darauf angewiesen ist, immer mehr zu schaffen Und zu produzieren, um ihren Platz im Volksganzen auszufüllen, daS wissen Sie selbst am besten. Ich bitte den Deutschen Landwirtschaftsrat, wie bisher, so auch fernerhin, diese Entwicklung kräftig zu fördern. Wir werden in diesem 1 Jahre unsere Lüftungen z u Lande v er stärken müssen. (Lebhafter Beifall.) Darin sind alle verantwortlichen Stellen, das will ich hier hervorheben, eines Sinnes (lebhaftes Bravo) und das Volk, wenn ich es recht verstehe, will, daß, wer wehrfähig ist, auch Soldat wird. (Lebhafter Beifall.) Reich, Staat, HauS und Hof sind uns mit allem, was sie an Hab und Gut für Leib und Seele umschließen, zu heilig, als daß wir sie nicht mit den äußersten Mitteln gegen den Krieg und die Kriegsgefahr zu sichern und zu verteidigen ent. schlossen wären. (Beifall.) Darin ist, davon bin ich überzeugt, die Nation einig, und wird es auch bleiben, wenn wir im Reichstag — um Ostern wird es sei n — die Vorlagen verhandeln. (Beifall.) Aber Opfer wird e8 kosten. Gott hat dem deutschen Volke eine Stelle auf dem Erdball angewiesen und urtfere Geschichte so gefügt, daß Opfer, große Opfer unser schweres Erbteil sind. Sie willig zu bringen, sei unser Stolz. (Beifall.) Als Landwirte sind Sie mit dem Boden der Heimat bescuders eng verwachsen; aus diesem Heimatsboden svrießl nicht nur Korn, das uns nährt, sondern aus ihm sollen sich immer aufs neue Fleiß, Zähigkeit, Genügsamkeit und Zuversicht verjüngen, die im Wechsel von Jahrzehnten und Jahrhunderten unsere Väter und Urväter im Schveitze ihres, Angesichtes im Saatkorn in ihn eingefät haben, «allen Sie diese Güter auch ferner-