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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 8. Februar 1913.

Die Beratung deS Etats wird beim Justizetat fort« ^Hierzu verlangt daS Zentrum in einer Reso- rntion die Vorlegung eines Gesetzentwurfes über den Zwangsvergleich autzerhalb des Konkurses und die nationalliberale Partei die Vorlegung eines solchen, durch den den Gemeinden und ander­weitigen Kommunalverbänden, dem Reiche und den Staaten bei allen Zwangsver st eigerungen von Grundstücken ein kurzfristiges Vorkaufsrecht ein- geräumt wird.

Bor Beginn der Debatte gibt Abg. CcricI (kons.) hie Erklärung ab, daß, wenn seine Ausführungen in fter Sitzung vom 16. Januar dahin ausgelcgt worden seien, als ob er dem Reichskanzler und dem Staats­sekretär des Innern Mangel an persönlichem Mut vor- geworfen hätte, dies nicht in seiner Absicht gelegen habe. Er habe unter dem Ausdruck seines Bedauerns über daS entstandene Mißverständnis dem Reichskanzler und dem Staatssekretär entsprechende Erklärungen abge­geben und stelle dies auch gegenüber der Oeffentlichkeit fest.

Abg. Dr. Cohn (Soz.) wünscht eine Neuregelung der Konkursordnung, bespricht sodann das Koali- tionsrecht und den Schuh der Arbeitswilligen nebst der Konservativen Stellungnahme, ferner die Klassenjustiz der Richter, Mißbräuche bei der Untersuchungshaft.

Abg. Belzer (Ztr.): Die übertriebenen Angriffe des Vorredners auf den Richterstand weise ich entschieden zurück. (Bravo!) Die Frage der geisteskranken Verbrecher, die gegenwärtig eine Gefahr für die Gesellschaft und die öffentliche Sicherheit geworden sind, müßte noch vor der allgemeinen Revision des Straf, gesehbuches geregelt werden. Die Ankündigung eines Gesetzes gegen den Schmutz in der Literatur und die Auswüchse der Kinematographen begrüßen wir dankbar. Eine neue Gebührenordnung für Rechts­anwälte wie auch eine Revision der Gebühren für Zeugen und Sachverständige muß schleunigst einge­führt werden. Auch jetzt muß ich wieder fragen: Wann bekommen wir endlich ein Spionagegesetz? Ob wir der Resolution ber Nationalliberalen zustimmen werden, kann ich noch nicht sagen. Dagegen verlangen wir ein Gesetz über den Zwangsvergleich außer- halb des Konkurses, um dem arg bedrängten Mittelstand helfen zu können. Ich bitte um Auskunft über den Stand des Prozesses Eulenburg.

Staatssekretär Liseo: Fürst Eulenburg ist zuletzt im Dezember v. I. auf seinen Gesundheitszustand unter­sucht worden. Diese Untersuchungen haben ergeben, daß der Fürst bis jetzt nicht verhandlungSfähig ist. Sein Zustand wird dauernd kontrolliert, und wenn eine Besserung seines Zustandes eintritt, wird die Ver­handlung stattfinden. Die Behauptung des Abg. Eohn, daß bei unS eine Klassenjustiz herrsche, muß ich mit Entrüstung zurückweisen, lieber die Einführung eines Zwangsvergleiches außerhalb des Kon­kurses hat mein Amtsvorgänger bereits eine Denkschrift vorgelegt, die zur Ablehnung führte. Gleichwohl bin ich zu einer neuen Prüfung bereit. Verhandlungen über ein Geld-Wechselrecht sind im Gange. Zwanzig Staaten haben die Konvention bereits unterschrieben. Eine Revision der Gebühren der Rechtsanwälte steht be­vor. Noch in dieser Session wird Ihnen eine Revision der Sachverständigen- und Zeugen geb ührenord- nung zugehen. Ein erheblich verschärftes Spionage, gesetz ist in Ausarbeitung.

Abg. Schiffer.Magdeburg snatl.) wendet sich gegen den Vorwurf einer Klassenjustiz und beklagt den unge­heuren Wust von Paragraphen und Verordnungen und wünscht mehr Licht und Luft und weniger Paragraphen in der Gesetzgebung.

Abg. Holtschke lkons.) verwahrt sich gleichfalls gegen den Vorwurf der Klassenjustiz und emvfiehlt Einführung der P r ü g e I st r a f e.

,. Abg. Warmuth (Rp.) fordert im Interesse der Gläv- mger. eine Heraufsetzung der Grenze des p f ä n d u n g s- fahtgen Gehaltes auf 1800 Mark und begründet eine fretkonservative Resolution auf Vorlegung eines Gesetzentwurfes betr. Arrest auf Miet- oder Pacht, zms nur für das laufende Kalenderjahr.

Abg. Bietmeyer (wirtsch. Vgg.) wendet sich gegen den «orwurf der Klassenjustiz und wünscht, daß die Richter ruchtbi^ zu 70 Jahren und darüber im Dienste bleiben

Der Gras von Tarent.

88] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.

Plötzlich wieherte das edle Tier in d-r Nähe des Dasitzenden laut auf, und das Wiehern wurde be­antwortet von einem anderen Pferde, das einen Rei- ter trug und eben an der Biegung der Straße sichtbar Schotten" bCI ^gung von nur wenigen hundert

Der einsame Manu blickte auf beim Geräusch °rr Tierlaute und gewahrte oben in geringer (En? fttmtng, an der Biegung der Straße, einen Reiters- mann langsam naher kommen. Zuerstschaute er gleichgültig auf den Kommenden dann aber, als der- selbe sich mehr und mehr näherte, verrie'ten seine 6uge Ueberraschung und Staunen. Langsam stand er auf und näherte sich der Stelle, wo der Reiter passieren mußte.

Es war ein alter Mann, der mit gebeugtem Rü­cken auf seinem Tiere saß und manchmal vergebens versuchte, das müde Pferd zu einer schnelleren Gang­art zu bewegen. Ms er sich der Stelle näherte, wo das andere Pferd graste, da hielt er plötzlich mit einem Waffen Zügeldruck sein Pferd an, denn eine Stimme hatte an sein Ohr geschlagen, eine Stimme, die er ö‘*t mehr gehört seit langen Monaten — »Jacobo!"

Der Alte ließ die Zügel los und toä’e vor Schreck botn Siye gefallen, wenn ihn der vorher erwähnte ^ann nicht mit seinen Armen aufgefangen hatte.

„Gelobt sei Jesus Christus!" stammelte der Alte. . »In Ewigkeit, Amen!" entgegnete der andere, der M angerufen. „Du alter," getreuer Mann, die stimme hast Du erkannt, nun bet-achte meine Züge, vielleicht findest Du etwas darin, das Dich erinneft an jäne vergangene Zeit."

Ter alte Diener des Hauses Tarent starrte toort. tos auf sein Gegenüber. Tie Haare stiegen ihm zu "Ovrge, er zitterte am ganzen Körper vor Ängst, Auf­regung und Furcht.

. stehe mir armen Sünder bei", sagte er, i"tc9 kenne diese Stimme h. v.tS unter Tausenden.

Montag Öen 10. Februar 1913.

40. Zahrgang.

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Abg. Dr. HaegN (Elsässer) bespricht ein« zweimonat- liche Gefängnisstrafe des Abg. W e t t e r l e wegen einer Karrikatur in seinem Blatte, die angesichts der Harm- losigkeit der Karrikaturen viel zu hart gewesen seien, besonders im Gegensätze zu einer Geldstrafe mit 200 Mark der rheinisch-westfälischen Zeitung wegen Beler- digung des Statthalters von Elfaß-Lothringen.

Montag: Wahlprüfungen, Rechnungssachen, Fort- setzung.

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Die zweite Beratung des Etats des Ministeriums _~5nnern wird beim Kapitel Medizinalver­waltung fortgesetzt.

Die Abgg. b. der Osten (kons.) und Forster (freik.) betonen, daß der Geburtenrückgang weniger ein soziales, als vielmehr ein nationales Problem sei. Ge­rade in den sozialdemokratischen Kreisen sei der Ge­burtenrückgang am stärksten. Die Regierung solle nach dem Vorschlag des Prof. Wolff, Breslau, eine Kommis- sion zur Untersuchung der Angelegenheit einsetzen.

Preußischer Landtag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 8. Februar 1913.

Stehen die Verstorbenen wieder auf? Habe ich mei­nen Verstand verloren? Das sind dieselben Augen, dieselbe Stirn, aber doch anders. Wäre es nicht um die grauen Haare, ich würde glauben, den Geist mei­nes seligen Herrn zu sehen."

Jacobo lehnte sich an das alte Gemäuer, der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht, Furcht, Liebe, Aufregung, gespannte Erwartung, dies alles vereint drückte sich in den Blicken seiner Augen aus.

„Ich sehe, Du zweifelst und glaubst einen Schat- ten zu erblicken," fuhr der andere fort. „Aber ich bin von Fleisch und Bein, wie Du, und wenn der Schmelz der Jugend von mir gewichen ist, so hat es das Schicksal so gewollt. Ein Tag und eine Nacht, welche ich unter Toten verbracht, haben dieses Werk getan. Gott allein weiß, was uns Menschen frommt."

Sprachlos vor Staunen und Schrecken starrte Ja­cobo auf den Sprecher.

„Hen, sind Sie es wirklich?" fragte er mit zit­ternder Stimme. „Ist cs möglich, oder bin ich betört durch ein Trugbild?"

„Ich schwöre Dir, Jacobo, ich bin der, den man in früheren Tagen den Grafen Tarent nannte. Hätte ich an jenem Morgen, da Du mich batest, nicht mein Haus zu verlaffen, Deinem Rate gefolgt, so wäre vieles anders, ganz anders. Das Geschick hat es ge­wollt, daß ich erkrankte und leblos niedersank. Man begrub einen Scheintoten."

Nun kniete der alte Diener nieder. Die Tränen liefen ihm in den grauen Bart, und laut schluchzend bedeckte er die Hand des Wicdergefundenen mit Küssen.

„Ja, Herr, Sie sind es," sagte er. „Nun schwindet ber letzte Zweifel, und ich wundere mich, daß ich — —Aber das ist ja alles so ganz ungeheuerlich, daß mein alter Kops cs kaum fassen kann. Gott fei ge­priesen, der alles zum Rechten lenkt. Herr, Sie sehen alt und grau ans, doch sind nur acht Monate ver­gangen, seit Sie von uns gegangen sind, wie ist das möglich?,"

(Beifall.)

Abg. Dr. Wagner-Breslau (freikons.) fordert zur Beseitigung des Geburtenrückganges die Hebung des Hebammenwesens. Die Tuberkulose sei weder eine moderne Krankheit, noch eine Folge der sozialen Verhältnisse, wohl aber zum Teil der Boden- bejchaffenheit. Die Sterblichkeit sei infolge der sozialen Gesetzgebung erheblich zurückgegangen. Zur Bekämpfung der Kindersterblichkeit fordert er, daß die Kin­der in möglichst jungen Jahren durch die Fürsorge der Regierung aufs Land hinaus kommen, um zu gleicher Zeit der Landflucht Einhalt zu tun.

Abg. Dr. Mugdan (Vp.) spricht über den Leipziger Aerzteverband und freie Aerztewahl, fordert schleunige gesetzliche Regelung der Arbeitszeit des Kran- kenpflcgerpersonals und lobt die Leistungen der Or­densschwestern, besonders der katholischen.

Abg. Ströbel (Soz.) tritt für weltliche Kran, kenpflege ein, und bessere Bezahlung der Pfleger.

Abg. Schmedding (Ztr.) erklärt namens seiner Par­tei, dem Siandpunkr der Sozialdemokraten über die Verhinderung der Konzeption nicht zustimmen zu können, bedcweri im übrigen, daß diese heikle Frage so breit ge­treten worden iit

Abg. Dr. König (Ztr.) hält die Klagen der Nah- rungsmittelchemiker über Anstellung- und Besoldungs­und Pensionsverhältnisse für berechtigt und wünscht sie auch in der Kommunalverwaltung tunlichst berücksichtigt.

Ein Negierungsvertreter stimmt dem Vorredner zu.

Beim Titel „Medizinaluntersuchungsämter" begrüßt Abg. Frank-Köln (Ztr.) die im Etat neugeschaffene Stelle eines pharmaceutischen Hilfsarbeiters und hofft auf Reform des Apothekenwesens. Eine Ver- staatlichung oder Kommunalisierung des Apotheken­wesens sei wohl nicht von Vorteil. Er regt die Frage ber Aufhebung der Personalkonzession an und wünscht Abiturium für Apotheker.

Minister v. Dallwitz erklärt, die Vorbildung ber Apo­theker für eine Reichssache, bie Regelung des Apotheken- Wesens für bie ber Landesgesetzgebung und stellt reichs- gesetzliche Regelung über Arzneiverkehr in Aussicht. Zur Ausführung des Seuchengesetzes seien 100 000 Mark be­stimmt.

Ein Antrag ber Abgg. Schmedding (Ztr.), Dr. Friedberg (natl.), Frhr. v. Zedlitz (freikons.) und Dr. Mugdan (Vp.), aus diesem Fonds 30000 Ml. für me- dizinalpolizeiliche Zwecke: Auskunft- und Fürsorgestellen, Tuberkulose und Krebskrankheit u. s. w. zu verwenden, wird angenommen.

Der Rest der dauernden Ausgaben wird bewilligt, und nach kurzer Debatte über 30 000 Mark zur Bekäm­pfung der Granulöse ber ganze Etat bes Innern.

Es folgt bie Beratung des Etats der Danverwaltung.

Die Einnahmen werben ohne wesentliche Debatte bewilligt, bei ben Ausgaben begrüßt

Abg. Schmedding (Ztr.) die günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse, wenn auch die Einnahmen bie Ausgaben ber Bauverwaltung noch nicht beckten. Er begrüßt bie Summen für ben Ausbau ber Weser tmb Fortführung ber Mainkanalisierung, die er für notwendig halte und fordert Herstellung eines Seitenkanals an ber

Lippe auch ohne Heranziehung ber Rheinprovinz unb Westfalen.

Abg. Frhr. v. Zedlitz (freikons.) wünscht Kompen- sationen für Schlesien durch den Ausbau der Oder und eine entsprechende Gestaltung des Eisenbahntarifs.

Minister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach erklärt, daß dem Hause bald ein Gesetzentwurf über den Aushau der Oder zugehe. Auch er halte ben Bau des L ippe-Seiten-Kanals für besser, bedauert aber, daß die Mittel nicht ausreichen. Wenn der jetzige Zeitpunkt versäumt werde, würde eS in Zukunft Schwierigkeiten unb noch größere Kosten geben, während doch bie Pro­vinzialverbände jetzt leicht ihre Lasten auf die Interes­senten abwälzen könnten.

Abg. v. BÜIow-Homborg (natl.) wünscht allgemeine Anordnungen für die Errichtung von Klein-WohnungS- bauten.

Ein Regierungsvertreter weist auf bie bereits be­stehenden Anordnungen über Klein-Wohnungsbauten hin.

Montag: Fortsetzung.

Das Verhältnis von 10 zu 16

Hier und da kann man in der Presse lesen, die Mitteilung des Staatssekretär v. T i r p i tz in der Budgetkommission des Reichstags: ein Verhältnis von 10 • 16 zwischen der deutschen und der englischen Flotte sei für die nächsten Jahre wohl annehmbar, diese Mitteilung enthalte die Er­klärung von einem bereits vollzogenen oder doch so gut wie abgeschlossenen F l o t te u a b ko m - men zwischen Deutschland und England. Damit wird nun wohl weit über die Wirklichkeit hinaus­geeilt.

Für die Oeffentlichkeit liegt vorläufig nichts wei­ter vor, äTä die Erklärung unseres Staatssekretärs des Marineamts, daß das Stärkeverhältnis der bei­den Flotten von 10 : 16 ann ehmbar sei.

Diese Ziffern sind entnommen einer Rede, die der englische Marineminister Churchill vor 11 Monaten, am 18. März 1912 gehalten hat. Herr Churchill hat damals, wie das in der englischen Mi- nisterberedtsamkeit üblich ist, seine Ausführungen mtt mannigfachen Klauseln und Bedingungen versehen Das Stärkeverhältnis von 10 : 16 stellte er nicht für die ganzen Flottenstrettkräfte auf, sondern nur für die neueren, großen Schlachtschiffe der Dread- noughtklasse. Die „große Ueberlegenhett" in den Schiffen der Bordreadnoughtveriode hob er aus­drücklich als eine besondere Sicherheit für Eng­land hervor. Ja, er stellte sogar in Aussicht daß England, um Ersatz für die veraltenden Schiffe der Vorperiode zu finden, die Neubauten über das Verhältnis von 10 : 16 steigern mußte. Ferner be­schrankte er die Dauer des Dreadnought-Verhältnis, sez auf 4 bis 5 Jahre, wovon jetzt noch 3 bis 4 Jahre übrig bleiben. Dazu kam noch der Vorbehalt: „ab­gesehen von unerwarteten Entwicklungen anderer Länder." — Die englische Regierung hat sich also noch nicht gebunden. Was deutscher Setts jetzt erklärt worden ist, hat auch nicht den Charakter einer Bindung. Deutschland übernimmt keine Verpflich­tung, sondern bekundet nur seine Ansicht, daß die deutsche Flotte mit dem Stärkeverhältnis von 10 zu 16 sich begnügen könne.

Wenn daraus ein Vertrag werden soll, dann muß zunächst die englische Regierung sich klar und bestimmt auf denselben Boden stellen, und dann muß im einzelnen ausgemacht werden, auf welche Schtffsarten sich das Stärkeverhältnis beziehen solle, wie man über die Art, Größe und Zahl der geplanten Ersatz- oder Neubauten sich zu verständigen haben, — auf welche Zeit das Abkommen gelten soll, wie die von den englischen Kolonien geschenkten Kriegsschiffe anzurechnen sind, ufw. Je mehr man sich in den Entwurf eines solchen Vertrages hineindenkt, umso­mehr will es einem fraglich scheinen, ob er durchs führbar ist.

„Die Schrecken einer Nacht haben die Verände­rung hervorgebracht. Ich erwachte in meinem Sarge zu neuem Leben und fand mich allein unter Toten in meiner Ahnengruft. Glaubst Du nicht, daß sol­cher Schreck das Haar erbleichen läßt in einer Nacht?"

„Ja, armer, lieber Herr! Ich begreife es. O, daß ich Sw zu mir sprechen höre, wie einst in vergangener Zeit. Kein Zweifel, keine Furcht ist mehr in mir, ich e mich unaussprechlich glücklich, Sie wiederzu-

. Wie oft habe ich alter Mann für Sie gebetet! Lieber Herr, tote entkamen Sie ans der Gruft. Nie war die Ture zur Grabesstätte offen, ich weiß das bestimmt."

„Das, Du treuer Mann, ist mein Geheimnis," entgegnete der Graf, ben alten Mann aus seiner knienden Stellung cmporhebend und ihn zu einen} Sitze neben sich glettend. Als ich zum Himmel ver­zweifelnd um Erbarmen schrie, da zeigte mir die All­macht einen Ausweg zu den Felsengrotten, den kei­ner unter den Lebenden kennt, als ich allein."

„Und Warum kamen Sie nicht hinauf zur Burg, edler Herr?"

Der Graf antwortete der Frage nicht direkt.

„Den Tao nach meiner Befreiung aus dem Grabe verbrachte ich in der Verborgenheit," fuhr er fort, „ein Zufall hatte mich belehrt, daß ich in jener gräß­lichen Nacht den Schmelz der Jugend verloren hatte. Ich zögerte, als alter Mann vor die Frau zu treten, die ich" so sehr geliebt."

Der alte Jacobo zuckte zusammen bei ber Er­wähnung der Frau.

„Was ist Dir, Sliter?"

„Nichts, Herr, fahret fort*

„Als bie Nacht aber gekommen War", fuhr der Erzähler fort, „da konnte ich nicht mehr anders, ich umschlich mein Haus wie ein Dieb in der Nacht."

Jacobo schaute betroffen auf.

„Ah, nun begreife ich eine Erscheinung, die ich draußen am Fenster wahrgenommen —"

„Die Erscheinung war ich," fiel Tarent ein.

Die beibeit Männer blickten schweigend einan­der an.

Aber was hat denn die Erklärung des deutschen Marinesekretärs zu bedeuten? Immer noch sehr viel. _ Zunächst wird dadurch ein Verdacht au S ge­räumt, der in England wett verbreitet ist und von der deutschfeindlichen Partei weidlich ausgenützt wird. Deutschland bekundet vor aller Welt, daß es nicht die Absicht hat, die englische Flottenmacht zu über­holen, daß es vielmehr nach tote vor nur eine so starke Seewehr erstrebt, um vor einem Angriff gesichert zu sein, und daß es deshalb sich mit 10 Ge­fechtseinheiten gegen 16 englische begnügen kann.

Zweitens liegt in bet deutschen Erklärung die Einladung zu einer friedlichen Verständigung, zu einer entlasteten Praxis. Auch ohne ver­tragsmäßige Abmachungen können die beiden Reiche ihre Flottenbaupläne so abgrenzen, daß an Stelle des wilden Wettrüstens die Erhaltung des normalen Stärkeverhältnisses 10 : 16 tritt.

Es ist also von deutscher Seite ein „Vorscblag zur Güte" ergangen, ber, wenn nicht zu einem Vertrag, aber doch Zur Verträglichkeit führen kann.

Jedenfalls ist die deutsche Erklärung eine Grundlage für die Besserung der deutsch, englischen Beziehungen. Sonst hätte man einen solchen Versuch nicht gemacht. Welche Früchte die Anregung haben wird, das hängt zu- nächst von der englischen Regicmng ab. Jetzt hat sie das Wort.

*

♦ London, 8. Febr. 1913. Bei Besprechung der Erklärung des Staatssekretärs T i r p i tz im Dud- getauSschüffe betätigt die ministerielle Westminster Gazette: da bie Erklärung des Admirals v. Tirpitz nicht das Ergebnis von Unterhandlungen über die Rüstungssrags zwischen der britischen und der deut­schen Regierung oder irgendwelchen Anstoßes, von britischer Seite' gewesen sei. Das werde übrigens ben Inhalt dieser Erklärung wahrscheinlich auf deut­scher wie auf britischer Seite nur um so annehmbarer machen, weil es ben Ausblick auf die Zukunft klarer mache und ben Gcbanken an Geheimnisse oder eine fremde Beeinflussung ausschalte. Natürlich werde es stets eine vorsichtige und großmütige Staatsklugheit erheischendes Problem bilden, zu verhindern, daß der natürliche und gesunde Wetteifer zweier so kräftiger Handelsvölker in politische Reibung ausarte. Wenn man sich indes einerseits vor Augen halte, daß Eng- land ben überseeischen Ausdehnungsdrang Deutsch­land? nicht aufhalten könne, und daß es anderseits für Deutschland bester fei, daß England Seemacht mit einem kleinen Heere unb soweit wie möglich freier Hand in ber europäischen Politik bleibe, als daß cs durch deutsche Seerüstungen getrieben werde, eine Festlandmacht mit einem großen Heere und festläu- dischn Bündnissen zu werden, so sollte es doch nickst schwer fallen, sich an eine ständige und beiden Län­dern paffende Polittk zu halten.

deutsches Reich.

*♦ Berlin, 9. Febr. 1913. Der frühere braun, schweigische Gesandte am Berliner Hofe, Burchard Freiherr von Cramm-Burgsdorf ist im 77, Jahre in Blankenburg am Harz gestorben. — Wie eine Korrespondenz toiffen will, soll dem Reichstag noch in dieser Session ein neues Spionagegr- s e tz zugehen. — Der nächste Stapel lauf einer deutschen Großkampfschiffes, des Linienschiffes „S", erfolgt anfangs März in Wilhelmshaven, wo bet Kaiser alsdann auch der Vereidigung ber Rekruten beiwohnen wird. — Wie in parlamentarischen Krei­sen verlautet, ist zwischen der Regierung unb ben großen Parteien des Abgeorbnetcnhauses in dem Streit um bas Eckgrund st ück ber Prinz Albrecht- unb Königgrätzerstraße eine Einigung erzielt worden. Auf diesem Grundstück soll für das Abge­ordnetenhaus ein Garten eingerichtet werden.

„Was haben Sie gesehen in jener Nacht, Herr?" fragte der alte Diener.

„Ich sah ein Weib, das ich geliebt hatte mit jeder Faser, und als ich darauf schaute, da entdeckte ich, daß ein Engelsgesicht sich verwandelte zur Satans- sratze. Jene Nacht lehrte mich, Menschen zu Haffen und zu verachten. An jenem Abend erftrhr ich auch, baß diese unnatürliche Mutter ihr Kind haßt, das sie mir geboren hat."

Für eine Weile sprachen bie beiden kein Wort, bann unterbrach ber Graf bas Stillschweigen.

„Jacobo, ich habe mehrmals Nachricht erhalten über meinen Sohn, aber in ben letzten Wochen scheint ein Brief verloren gegangen zu sein. Wie geht eS bem Kleinen?"

Da leuchtete es hell auf in den Augen be« Die. ners. „Gott sei es gebankt, et ist gesund und blüht auf, aber in ben vergangenen Monaten war ich oft besorgt um das Kind, benn es schien zu kränkeln. Habe ich recht gehört, Herr Graf, daß Sie mehrmals Nachricht erhielten über den Knaben?"

„Ja, es ist so."

„Wer gab bie Nachrichten?"

„Ein Mann, ben auch Du kennst unb ber mein Vertrauen besitzt, der Jude Baruch."

„Ah, nun verstehe ich, warum der alte Hebräer sich in den letzten Monaten so an mich herangedrängt hat," sagte Jacobo. „Et war wie eine Klette, man konnte ihn nicht abschütteln, und er stellte stets mehr Fragen, als drei beantworten können. An mir nahm er das lebhafteste Interesse, aber auch die anderen Diener des Hauses wurden von ihm ausgekundschaf- tet. Einmal sah ich, daß er reichlich Geld gab an den einen, und ich konnte mir das nicht erklären. Heute verstehe ich eS, er wollte immer genau informiert sein über alles, was sich im Schlosse zutrug, um es Ihnen zu melden. Gnädigster Herr, toie kommt es, daß Sie mich alten Mann nicht mit Ihrem Ver­trauen beehrten?"

' (Fortsetzung folgt.)