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FrsUlZg den 7. Februar

Erstes Blatt.

40. Zahrgang.

Nr. 3S.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 5. Februar 1913.

Die Beratung des Etats des Innern wird fortgesetzt beim Kapitel „Reichsvcrsichernngsam i".

Abg. Giesberts (Zcntr.) wendet sich gegen die ?iüon- nentenversicherungen der Presse, dcsgl. die Abgg. 2mt= badet (Soz.) und Werner-tzersfeld (W. 23.)

Abg. Trimborn (Z.) hält es für wünschenswert, dag eine Reihe von Erläuterungen zu dem Gesetze der P r i v a t b c a m t c n v c rs i ch e r u n g in asten interes­sierten Kreisen Verbreitung finde. Er bittet um Be­schleunigung der Entscheidung über die Zulassung der Ersatzvercine und befürwortet das Gesuch des Magde­burger Privatbeamtenvereins um Zulassung als Ersatz- lasse unter Anpassung der VercinSstatüten an die gesetz­lichen Anforderungen. Eine rasche Aufklärung über die Handhabung des Gesetzes und über die Versicherungs­pflicht bei den unteren Verwaltungsbehörden tue drin­gend not. Ueber Privatlehrer und Lehrerinnen, Lehrer an Diasporaschulcn herrschen noch eine Reihe von litt» klarbeitcn. Ten Anträgen, sie von der Versicherungs­pflicht zu befreien, wird häufig Widerstand entgegen­gesetzt. Jedenfalls biete das Gesetz allen Privatange­stellten große Vorteile und sei unter Zustimmung aller Parteien zustande gekommen.

Direktor im Ncichsamt des Innern Dr. Caspar er­klärt, daß die Absicht bestehe, ein besonderes Publika­tionsorgan für die Entscheidung und Bekanntmachungen des Direktoriums der Versicherungsanstalt für Ange­stellte herauszugcben. Die Entscheidung für die Zu­lassung von Ersatzkasscn soll möglichst beschleunigt wer­den. In Bezug auf den Magdeburger Privatbeamten­verein stimme er dem Abg. Trimborn zu. Das Reichs­amt fei fortgesetzt bemüht, die Schwierigkeiten bei der Feststellung des Kreises der Versicherten durch möglichste Vereinfachung des Verfahrens zu beheben.

Abg. Giebel (Soz.) bemängelt, daß das Direktorium Sei Ausgabe von Informationen usw. die „freie Vereini­gung" schlechter behandelt habe, als den „Hauptausschutz" und wendet sich dann in längeren Ausführungen gegen den Beschluß, die Kruppsche Pensionskasse als Lebens­versickerungsunternehmen zu verwenden.

Abg. Graf Westarp (k.) bittet, die bei der Privat­beamtenversicherung angesammelten Reserven in mög­lichst weitem Umfangs den Kreditbedürfnissen des M i t t e l st a nd e s dicnbar zu machen.

Ministerialdirektor Dr. Caspar stimmt dem bei.

Wg. Irl (Z.) schließt sich dem Wunsche des Grafen Westarp an und bittet die Regierung, über die Verwen­dung der Gelder von Zeit zu Zeit in Denkschriften Auf. schluß zu geben.

Es folgen die einmaligen A u s g ab e n. Beim Kapitel „über den Beitrag des Reiches zu den Kosten einer Anstalt für die Bekämpfung der Säuglingssterb­lichkeit im Deutschen Reiche" begründet

Abg. Büchner (Soz.) einen sozialdemokratischen An­trag auf Errichtung einer Reichsanstalt zur Bekämp­fung und Erforschung der Säuglingssterblichkeit.

Abg. v. Graefe (?.) will die Säugkingsfürsorge der kommunalen und privaten Fürsorge nicht entzogen wissen und ist deshalb gegen die sozialdemokratische Resolution.

Abg. Mumm (SB. 23.) begründet einen Antrag zur Erhöhung der Mittel zur Bekämpfung der Säug­lingssterblichkeit und zur Förderung des Hebammen- weiens im nächsten Etat.

Abg. Schirmer (Z.) weist den sozialdemokratischen Dorlourf, daß bei Kommunalvcrwaltungen, in denen das Zentrum die Mehrheit habe, die Säuglingssterblichkeit größer sei, wie anderwärts, zurück.

Der sozialdemokratische Antrag wird abgelehnt, der Antrag Mumm angenommen.

Bei dem Titel „Erforschung und Bekämpfmig der Tuberkulose" wird die Resolution des Grafen Westarp sk.) auf Erhöhung des Titels um 60 000 Mk. onge- uommen.

. Beim Titel „Beitrag zu den Unterhaltungskosten emer Versuchsanstalt für Luftschiffahrt" (750 000 Mk) bemerkt.

Abg. Dr. Belzer (Z.), daß leider eine internationale Regelung des LuftschiffahrtsrechtS am Widerftande Eng- mnds gescheitert sei, weshalb man sich zunächst auf die Schaffung eines deutschen LuftschiffahrtSrecht beschränkt, das aber nicht so eng befaßt sein dürfe, daß es sich lediglich auf gewerbliche und verkehrSpol,zeiliche B-stim- mungen beschränke. Vor allem bedürfe der Schaden­ersatzanspruch dringend baldiger Regelung und zwar nach den Beschlüssen des deutschen Juristentags «ach dem Prinzip der Betriebshaftung außer dem Scha­den durch höhere Gewalt.

(Direktor im Reichsamt des Innern Lewalb erklärt, »aß schon an sämtliche Bundesregierungen das Ersuchen gerichtet fei, auf landcsgesetzlichem Wege einer Gefäbr- «Mg der Sicherheir vorgubeugen.

Abg. Erzberger (Z.): Das kann noch lange dauern:

»st daher dringend notwendig, sofort im Wege der Verordnung vorzugehen. In keinem Lande der Welt herrscht eine solche Freiheit. Hier steigen Leute auf, die keme Ahnung von ihren Maschinen haben. Auch die Frage der Haftpflicht mutz geregelt werden.

Ministerialdirektor Dr. Lewald: Kontrollvorschriften Mr Sicherung des Publikums sind ausgearbeitet. Der Gesetzentwurf wird bald kommen, allerdings wird ein llrotzer Teil der Bestimmungen im Verordnungswege erscheinen. Wir wollen unser Flugwesen nicht unter­binden, sondern fördern.

Es folgt das Kapitel des „Klein-Wohnungswesens".

«bg. Göhre (Soz.) fordert ein Reichswohnungsgesetz, da das Gesetz Preutzens den Forderungen nicht ent­spreche.

Graf Pofadowskv (wild) glaubt zunächst das preu- msche Wohnungsgesetz abwarten zu müssen, ob es seine Erwartungen erfülle. Täten die anderen Bundesstaaten m der Wohnungsfrage nichts, so sei es noch immer Zeit, don Reichswegen einzuschreiten. Dem Arbeitsmanne Musse die Erwerbung eines kleinen Häuschens möglich gemacht werden. DaS sei auch entscheidend für die po­litische Zukunft deS Vaterlandes.

Abg. Braband (Vp.) bittet den Vorsitzenden der Wohnungskommission, die Kommission möglichst bald jusannncnzvrufen.

Freitag: Fortsetzung.

Preußischer Landtag

Abgeordnetenhaus.

Sitzung vom 6. Februar 1913.

Die Beratung deS Etats de» Ministcrium» d«S Witter» wird fortgesetzt beim Titel „Polizeiverwal- stngen der Provinzen".

, Abg. Ramdohr (frf.) tritt für die ländliche Wohl- «hrtspflege ein. Es müssen Kautelen geschaffen werden, M das Publikum gegen die Verbreche» eines Slernickel r»d ander»r Mordbüben zu schützen. Dazu rechne ich

besonders die verschärfte Anmcldcpsticht, Einsüdtung des Instituts der DlftrittLkommissare, rote es in Posen besteht, und Erleichlcrung der Benutzung des Telephons auf dem Lande.

Abg. Dr. Flesch (Vp.) ist für Trennung der Armen- pflege von der Polizei und für weitgehendere tleber- lraguug ron Polizeibesugntssen an die Kowinuncn.

Minister de- Innern v. Dallwitz ctlUitt, daß die Uebertraguna grübet er Besugnisse au p-c Kommimalver- ival!»ng im Ermesten dec Regierung stände.

Abg. Dr. Grttncnberg (Zlr.) will für B.sserstelltmg der Poli;eiielretäre ctnlreten, wird aber daran »cm Präsidenten gehindert, da dies er ft bet den Peti ionen verhandelt we oen solle.

Abg Bel! (Ztr.) weist auf die ungünstigen AnstellungS- verhältüisse der Po iizeif ekrotär-Auwärter hin und auf die schlechten Aussichten auf Beförderung.

Abg. FrnnkKöln (Zlr.) klagt über den Mangel an Schutzlcuten in Söin.

Minister v. Dallwitz erllärk, daß Köln weit günstiger gestellt fei, als andere Städte.

Beim Kapitel . Landgend.rrmcrie" Irrten di«

Abgg. Hammer (fonf.) und Heine (natl.t für finanzielle Besserstellung del Gendarmen ein.

Abg. Trinnrnberg (Ztr.! wünscht cbensallZ Gehalts­erhöhung und Erl-öhuug der Dienstaniwand-entichädigung für die Gendarmen. Auch oi Urlaubsoertällnisfe müssen verbessert werden. Monatlich sollten sie wenigstens einen freien Tag haben, um auch einmal sich mehr ihrer Familie widmen zu können. Die Aireslstrase sollte bc- seitigt werden. Hier liege schon der Beschlust de8 HauseS auf Beseitigung der Arrestslrase für die Untei» beamten vor.

Tie vgg. Sübitfc (freikons.) und Delius (Pollsp.) schließen sich Die;en Wünschen an.

Gcheunrat Schneider erklärt, daß über die Erhöhung der Tienftaufwandet ifchädlguugen Erhebungen schwebten.

Abg. Borchardt (S) bemängelt die Behandlung der Gendarmen, die wie Schulbuben bet Verschlungen erst üOmal abschre.l en müssen.

Beim Titel „Jugendfürsorge" tritt Abg. Schmedding- Münster iZtr.) erneut für den Antrag auf Abänderung des Fürforgezöglingsgefetzes ein, die vom Herrenhaus und selbst vom Minister als notwendig an« erkannt worden sei.

Minister des Innern v. Dallwitz erllärt, daß eine Abänderung in der Form des Gcfetzes tu Aufsicht ge­nommen fei.

Abg. Schepp (Vv 1 macht auf die Kinogefahr für die Jugend aufmerksam.

Abg. Borchardt (ä.) klagt über schlechte Behandlung der Ingens m den Erziehungsan allen.

Abg. Lohmann (NulltVst bitter nm Annahme des nationalliberalen Antrages, den im Etat für die Zwecke der Jugendfürsorge vorgesehenen Posten von 30000 M. im nächsten Etat wesentlich zu erhöhen.

Geheimrat SMoffer erlläu,. .ouü. mü dcr Zu.g^ird- fürsorgeerztehung au-gezeichriete Erfolge ge ^,cht feien Die körper 11' e 'Züchtigung fei weiem.stch eingeschränkt worden und würde nur bei den schwersten Verfehlungen angewandt und nur bei solchen Zöglingen, bet denen sich em anderes Strafmittel als unwirlfam erwiesen habe. Das Erzieherpersonal würde m ss Sorgfältigste ausge­sucht und ausgebildet, sodaß hochersreultche Fortschritte erzielt feien.

91 bg. Dr. Schepp (Vp.) spricht dem Abg. Borchardt jedes Berständnis für Erziehung ab.

Die Adgg. Lieber (ntl.) und Dr. Flesch (Vp.) treten für den nat onaUtfceralen Slntrag auf Bewilligung von mehr Mitteln für die Zwecke der Jugendfürsorge ein.

Abg. Rosenotv (Vp.) befürwortet eine Förderung der Volkstindergäuen.

Der Titel „Jugendfürsorge" wird bewilligt; über den nationalliberalen Antrag wird erst nach Erledigung deS Etats übgeftimmt.

Freitag: 'Fortsetzung.

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+ Die neue Militärvorlage.

Man schreibt uns aus Berlin: Daß bald eine neue Hecresvorlage in ganz beträchtlicher Höhe dem deutschen Volke präsentiert werden wird, bezweifelt heute niemand mehr; Ungewißheit herrscht nur noch darüber, ob die Forderungen an den Steuersäckel des Volkes sich auf 100, 130 oder gar 150 Millionen Mark jährlich belaufen werden. Allein Anscheine nach kommt man der Wahrheit am nächsten, je höher man in die Millionen hinauf geht.

Tag für Tag lassen sich Stimmen vernehmen, die sich einen offiziösen Klang zu geben bemühen, um die Oeffentlichkeit so allmählich auf den Umfang der neuen .Heeresvcrlage und die Höhe der unlöslich da­mit verbundenen Deckung vorzubereiten. Wie weit derartige Meldungen offiziös inspiriert sind oder in welchem Grade bei ihnen der Wunsch der Vater deS Gedankens war, läßt sich natürlich sehr schwer fest­stellen: doch scheint heute bereits soviel festzustehen, daß sich die kommende Militärvorlagö als wichtigstes Ziel die Heranziehung aller diensttaug­lichen Wehrpflichtigen unter Aufrechterhal­tung der Ersahreserve in ihrer heutigen Art gefegt hat? Darauf läßt auch die Andeutung, die der Kai- ser in Königsberg in seiner zweiten Rede machte, schließen, als er die allgemeine Wehrpflicht als das persönliche und größte Opfer des preußischen Volkes pries und beifügte: „Wenn sich jetzt eine Berstär- krmg dieses Fundaments im Rahmen der allgemei­nen Wehrpflicht als notwendig erweist, zweifle ich nicht, und darin bestärkt mich der heutige Tag, daß das deutsche Volk zur Uebernahme weiterex persön­licher Opfer nach dem rühmlichen Vorbilde unserer Väter freudig bereit sein wird."

Bisher wurde bekanntlich ein großer Teil als brauchbar befundener Mannschaften nur deshalb nicht eingestellt, weil sie nach dem Etat nicht unterzubrin­gen waren. Dadurch wurde die bei uns zu Recht be­stehende allgemeine Wehrpflicht tatsächlich durchbro­chen. Zur vollständigen Durchführung der allge­meinen Wehrpflicht fehlten bisher die Mittel und schien auch die politische Lage keinen zwingenden Grund zu bieten. Der Satz von 1 Prozent der Kopfstärkc der Gesannbcvölkerung galt daher lange Zeit für die allem durchführbare und auch allen Lagen völlig angemessene Hccresstärke. Tie Heeres­verwaltung bemühte sich, diesen Satz von 1 Prozent der Gesamtbevölkernng wenigstens annähernd zu er­reichen. Augenblicklich, wo" sich die Gesamtstärke

unserer Friedenspräsenz auf 636 560 Mann beläuft, fehlen bei unserer Gesannbevölkerung von 66 Mil­lionen also noch rund 24 0' -) Mann an dem gefor­derten 1 Prozent.

Tic Frage, um die sich alle? dreht, ist nun selbst­verständlich die: bedingt die heutige poli­tische Lage eine wesentliche Verstär­kung unserer Streitkräfte und lassen sich int Felle der Bejahung ohne gar zu empfindlichen Steuert* r u cf genügend Mittel aufb'ringcn, um die dann erforderlichen Mehraufwendungen für unser Heer zu bestreiten?

Es ist selbstverständlich, daß kein deutscher Patriot dem Vaterland die Mittel verweigern will, die zu seiner Verteidigung, ja selbst zu seiner Vormacht­stellung notwendig sind; das sind wir unserer kampffähigen Jugend schon schuldig. Einer ernsten Prüfung aber wird die. ,Frage, bedürfen, ob und ut welchem Umfange unsere HecrcSstärke erhöht werden m n ß. Diese Prüfung darf nicht mit einem Hurra­patriotismus veranstaltet werben, dem unser Herr überhaupt nie groß und stark genug ist. Wir haben unsere Rüstung trötz der Bewilligung des Ouinquen- nats 1911 und 1912 wiederum e r h e blich ver­stärkt und stets wurde uns die Versicherung ge­geben, jetzt sei es genug, nfehr bedürfe die Heeresverwaltung wirklich nicht. Wobei allerdings zugegeben ist, daß seit dem letzten Jahre die inter­nationale Lago sich nicht unerheblich versnoben hat.

Ueber die Art der S t en c r a n f b rin gu n g sich zu erregen, ist vorläufig noch müßig, nur dar­über wird man sich wohl allseitig klar sein, daß eine Erhöhung irgendwelcher Verbrauchssteuern unter aller. Umständen ausgeschlossen ist.

Ter falsche Alarm in Straßburg.

In den Blättern, den inländischen wie den aus­ländischen, kann man noch lange Spalten über die neue Köpknickiade lesen. Sie ist das Weltge'präch.

Vielfach kann man trotz des Reinsalls der Genug­tuung begegnen, daß sich gezeigt habe, wie sehr die Straßburger Garnison auf der Höhe fei, es habe alles geklippt, vorzüglich geklappt: ein paar Stunden nur, und das Heer stand parademäßig Auf dem bezeichneten Platze. Gewiß, die Maschine ist in der schönsten Ordnung. Ader nrc steht's mit dem Geist, der die Maichine lenken unk leiten soll?

Man lönnle berzlich lacken über den gelungenen Stretch dr? "Zahlmeisters. Auch Der Spott der be­nachbarten Franzo eu braucht uns in der Heit rkeit nicht zu stören; denn die haben sich voriges Jahr noch viel mehr geleistet als einen fallen Paraderuf, dort haben blindeikrige Behörden eine Mobilmachung mit allem Zubehör von Ängstgeschrei und Abschieds« tränen in Szene gefegt. Aber das reine Veranügen an dem Schlußesfekt des Straßburger Karnevals kann dock nicht aufkommen bei der Erwägung, ob denn die „Spitzen der Behörden" im Reichslande sich 'ihrer Aufgabe gewachsen gereigt habe, und ob nicht in der Leichtigkeit der Düpierung eine große Ge­fahr steckt, insbesondere für den Kriegslast.

Gehorsam ist die erste Pflicht, aber nicht die einzige und nicht die unbedingte Pflicht. Als das angebliche Kaisertelegramm mit allen äußeren An­zeichen der Echtheit ankam, mag der sofortige Befehl des Alarmsignals wohl gerechtfertigt gewesen sein, da keine Zert verloren werden dürfte. Aber nach diesem ersten Kommando blieb doch Raum für die Ueberlegung. Wußte denn niemand von den Offizieren, wos in allen Zeitungen gestanden hatte: daß der Kaiser in diesen Tagen am anderen Ende des Reiches, in K ö n i g s b e r g, an der Jubel­feier sich beteilige? Die Z i v i l regierung, die doch Wohl sofort von dem großen Ereignis verständigt worden ist, mußte erst recht die öffentlichen Nachrich­ten über den zeitigen Aufenthalt des Monarchen ken­nen. Wenn nicht, so läge eine bedenkliche Weltfremd­heit und Akten-Engherzigkeit vor. Auf jeden Fall mußte eine so überraschende Ordre zuin Nachdenken und zur Nachprüfung anregen. Wenn man nur beim Telegraphenamte, von dein die De- pesche stammen sollte., sich nach den Umständen der Herkunft und Ankunft erkundigt hätte, so wäre sofort der Schwindel entdeckt worden. Ferner hätte man anfragen können bei der Station, wo der Kaiser an­geblich vom Zuge ins Automobil steigen wollte, oder bei einer Hauptstation, die der vermeintliche Hofzug postieren mußte. Telegraph und Telephon reichen auch bis Berlin. Was laa näher, als beim Hosmar- schallamte oder beim Kriegsminister_ oder beim Reichskanzler anzuklingeln und um nähere Mittei­lungen zu ersuchen? Aber niemand kam auf den Ge­danken solcher „Weiterungen": alles war hypnoti­siert von dem gefälschten Telegramm. Blinder, me- ckanischer Gehorsam gegen einen vermeintlichen Be­fehl.

Das ist sogar im Kriegsfälle nicht am Platze. Tie Offiziere und sogar die Truppen selbst werden abgeleitet 'zum eigenen Denken und Prüfen, sogar zmn selbständigen Handeln nach eigener Kennt­nis der Dinae. Der Offizier soll nicht eine Maschine sein, die automatenhaft den erhaltenen Befehl aus­führt, sondern ein vernünftiger Mensch, der seine fünf Sinne und alle verfügbaren Hilfsmittel der Aufklärung gebraucht, der überlegt und urteilt, der auch durch" die Angst vor der eigenen Verantwortung sich nicht irre machen läßt im Gebrauch seiner Geistes­und Willenskraft. In Straßburg gmg es verzweifelt mechanisch zu. Es wäre doch wirklich gut, wenn an­gesichts dieses Zwischenfalles einmal gründlich nach­geprüft würde, welche Persönlichkeiten (auch die zivi­len eingeschlossen) dasjenige Maß an Umsicht, Gei­stesfrische und Geschicklichkeit haben, das gerade dott so bitternotwendia ist.

Eine weitere Nachprüfung wäre den bestehenden Einrichtungen zu widmen. Kaisertelegramme oder sonstige folgenschwere telegraphische Verfügun­gen müssen an solche Formen und Abzeichen gebun­den sein, die nicht jeder entlassene Zahlmeister nach­

ahmen kann. Auch der A u s t r a g solcher De- pk scheu darf nicht einfach durch einen gewöhnlichen Boten erfolgen; wenigstens muß zugleich eine tele­phonische Benachrichtigung erfolgen.

Von höchstem Ernste ist schließlich die Frage: Wie schützt man sich im Kriege gegen s a I f ch e B e - fehle, die ein maskierter Spion überbringt oder durch eine getäuschte Ordonnanz überbringen läßt?

Die Einzelheiten mögen die Sachverständigen des näheren erörtern. Tie Hauptsache ist freilich, daß in allen Beamten- und Offisierkreisen statt der me­chanischen Dienstleistung wieder mehr das Nach- d e n k e n , die Ü e b e r l eg u n g, die Umsicht und Geschicklichkeit, kurz die Vernunft in die erste Linie tritt.

Das Gouverne ent Straßburg gibt folgenden amtlichen Bericht über den durch die ge­fälschte Tepefche hervorgerufenen falschen Alarm her­aus: „Der Uebungsalarm der Garnison Straßburg wurde veranlaßt durch ein auf der Hauptwache von einem Boten in Postuniform abgegebenes, nach Form und Ausdruck durchaus einwandfreies Telegramm, das die Ankunft S. M. des Kaisers ankündigte, und die sofortige Versammlung der Truppen auf dem Polygon befahl. ' Als Verfasser und Überbringer dieses Telegramms wurde bereits heute nachmittag ein ehemaliger Zahlmeisteraspirant ermittelt und ver. haftet. Er ist in vollem Umfange geständig. An­klage wegen Urkundenfälschung ist seitens der zustän. digen Behörde eingeleitet worden."

Ter Verhaftete heißt nicht Keller, sondern August Wolter und war seinerzeit Zahlmeisteraspirant beim Fußartillerie-Regiment Nr. 8 in Metz. Wolter tat hei seiner Verhaftung recht vergnügt und sprach offen seine Freude aus über das gelungene Manö­ver. Er ist seinerzeit wegen Geistesgestörtheit anS der Armee entlassen worden. Das amtliche Depe­schenformular hat sich Wolter dadurch verschafft, daß er vorher an seine Adresse ein Stadttelegramm sandte .und den Text darauf ausradierte.

Das Bezeichnende im Falle Wolter ist, daß diese Alarmdepesche nicht bje erste ist. Ende vorigen Jahres machte er schon einen ähnlichen Streich. Damals wollte er nach Berlin zur Unter­suchung. Um das zu bewerkstelligen, sandte er sich von Montigny nach Metz eine Depesche folgenden Inhalts: „Herrn A. I. Wolter. Auf alle." In der ihm dann zugestellten Depesche änderte er Adresse und Tert folgendermaßen; „Telegramm aus Berlin nach Metz. Auf allerhöchsten Befehl ist der ehemalige Vizefeldwehel Wolter sofort nach Berlin zu bringen." Dieses Telegramm beförderte er ganz Harmlos, mit einer Depeschenbotenmütze bekleidet, an die zuständige Adrefle. Am anderen Morgen saß er mit einer Or­donnanz in der Bahn nach Berlin. Als er dort äuge- kommen war, stellte sich der Streich natürlich heraus. Mau behielt ihn, da er nun einmal in Berlin war, dorr und untersuchte ihn, wie er es gewünscht hatte, sechs Wochen. Das Ergebnis war, daß man ihm er- klärte, er sei nicht zurechnungsfähig, was er wahr- scheinlich nicht bemerfte. Darauf kam er nach Straß­burg und machte am Mittwoch mit der Alarmdepesche dassell'e Manöver, indem er sich das Telegramm selbst zufandte und dann, wieder mit der Mütze eines De- pefcheubcten bekleidet, das Formular mit geändertem Text der zuständigen Behörde überbrachte.

Daß der Kaiser einmal die Straßburger überra­schen würde, war nicht so ganz unwahrscheinlich. Die Sttaßburger Post erinnert daran, daß dies früher einmal geschehen ist. Am 11. Januar 1893 traf der Kaiser um 12 Uhr 40 Min. ganz unerwar­tet im Sonderzug in Straßburg ein. Selbst seine Umgebung hatte von der Absicht erst erfahren, als der kai'erliche Zug in Appenweier auf das Sttaßburger Geleise übergeführt wurde. In Kehl hatte der Hos- zug den um 12 Uhr 32 Min. ankommenden Perso­nenzug überholt. Der Bahnhofsvorsteher erhielt den Befehl, keine Meldung nach Straßburg zir geben. Am Bahnhosplatz rief der Kaiser den ersten.Soldaten, des­sen er ansichtig wurde, einen Infanterie-Einjährigen, heran: „Kennen Sie mich?" „Zu Befehl, Majestät!" ertmberte der Front machende Einjäbrige. „Dann zeigen Sie mir den Weg zur Hauptwache!" Der Kai­ser und die in seinem Gefolge befindlichen hohen Of­fiziere folgten dem Einjährigen durch, die winkligen Straßen der alten Stadt zur Hauptwache am Kleber- Platz, wo der Kaffer die gesamte Garnison alarmieren ließ' Es dauerte nur wenige Mimtten, bis die Trommler und Hornisten durch die Straßen eilten, in denen sich die Nachricht von der Ankunft des Kaisers wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Bald darauf rückten auch bereits die ersten Regimenter mit klin- gendem Spiel zu dem im Süden von Straßburg, drei Viertelstunden von der Stadt entfernten Poly­gon, dem Exerzierplatz der Garnison, hinaus, wo der Kaiser die Front der Truppen abritt und einen Vor­beimarsch abnahm. Dann kehrte er mit feinem Ge­folge zum Bahnhof zurück und setzte die unterbrochene Reise nach Karlsruhe fort. Für den Einjährigen, der dem Kaiser den Weg zur Hauptwache gezeigt hatte, sollte der ehrenvolle Befehl traurige Folgen haben. Der Mann mußte sich, bereits erhitzt, nachher selbst im Laufschritt zu seiner Kaserne begeben, um recht­zeitig mit ausrücken zu können, und unter der Ein­wirkung der Kälte zog er sich eine Lungenentzündung zu, der er bald darauf erlag. Der Kaiser, dem von dem Todesfall Kenntnis gegeben worden war, ließ am Grabe des Soldaten einen prachwollen Kranz niederlegen.

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Deutsches Reich.

4- „TaS schwarz-rote Wahlbündnis".

Die frankfurter Zeitung', die zuerst die Nachricht gebracht hatte, ein bekannter Zentrumssührer habe sich mit fonalvemokralischen Führern in Verbindung ge etzt. um für eine eventuelle Reichs-