Zuldaer Zeitung
Monatr-Veilage:
n LIehungsNfie« der preußisch-Mdeutsch« Ktefftn-toHerie. — tzaldjährlich kaschens-hrplm. s
Mittwoch den 22. Januar 1913
40. Zahrgang.
Erftes Blatt.
Nr. 17
■a
erscheint »glich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, viertel- »hrNcher Bezugspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Julöa fomie auswärts 1.50 Mark. - Rotationsbru* und Verlag der - 5 zuldaer flctienöruckerei In Zulda. Scmfpredjer Nr. 9. S z
“ ~ TDorfjen-Beitage: i: “
Illustrierte Sonntagszeitung
5'Helgen: Ter Baum einer «nfrairtgen Coioneljeile, 47 mm breit, NoHet 15 Pfa.
. ■ , Bekamen: Per Raum einer ColoneUeUe, 74 mm breit, kostet 40 pfq. Bei
<ulhner Sefdlilhfsblätfer ?id!.erh«u,?een FSb?!t .$ür une w»ta>ntien)-irm 20 Pf. extra. In-
5UtUUCr UC|UJIUJI5UIUHVI X°ndurskSN«n wirb der bewilligte Rabatt hmfcltie. Erfüliunaecrt für bas e«.
Magen »an Sortierungen ifl Suiba. flnieigen-flnnahme bis 10 Uhr uormlttcgs.
# - Größere flnieigen «bitten wir uns tags vorher. ;; a
Deutscher Rei hstaG
Sitzung vom 21. Januar 1913.
Nuf eine Anfrage des Abg. RUHle (Sog.) ant- toortet Direktor im Reichsamt des Innern Dr. Kaspar: Die Verhandlungen über Lohnbeschäftigungchon K i nd e r n im Haushalt und Landwirtschaft schwebt noch, da die Erhebung noch nicht von allen Bundesstaaten eingegangen sind.
Es folgt die Fortsetzung der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern.
Eine Kommissionsresolution betr. unverzüglicher Maßnahmen gegen eine künstliche Verteuerung des Kaffees wird mit zur Beratung gestellt.
Abg. Nacken (Zentr.): Es handelt sich darum, besonders den unteren Klassen ihr tägliches Getränk nicht unnötig verteuern zu lassen durch wucherische Finanz- Praktiken von in- und ausländischen Kaffeespekulanten. Zum Schutze des Kaffeebaues hatte der brasilianische Saat s. Zt. große Mengen angekauft und in Lagern verstaut. Die Spekulation bemächtigte .sich der Sache und brachte den Kaffee in ihre Hände, um ihn erst dann zu verkaufen, wenn die Preise hoch genug sind. Fachleute schätzen den Schaden, der dadurch dem deutschen Volke erwächst auf 150, ja 210 Millionen für die drei Jahre, 1910 bis 1912. In Amerika hat man auf Grund eines Antitrustgesetzes gegen dieses Treiben Front gemacht. Wie ungeheuer der Schaden ■für das Volk ist, zeigt die Preissteigerung von 85 P f. auf 69 Pf. pro Pfund, also um 100 Proz. Mancher Händler und Kaffeeröster ist dadurch dem Ruin preisgegeben worden. Zur Abhilfe ist schon in der Kom- Mission angeregt wurden, auf diplomatischem Wege auf t>ie Negierung in Sao Paulo vielleicht im Einvernehmen Mit Frankreich und Belgien einzuwirken. Ich empfehle, eine Konferenz von Fachleuten zusammenzuberufen. "Ferner die Anpflanzung von Kaffee in unseren Kolonien. Wir haben dem Reich zu Liebe den Kaffee um 10 Pf. erhöht und darum umsomehr die Pflicht, Preistreibereien zu unterbinden. iLebh. Beif. i. Zentr.)
Staatssekretär Dr. Delbrück beklagt namens der verbündeten Regierungen die Verteuerung des Kaffees und verspricht, die vom Vorredner gegebene Anregung gu prüfen.
Darauf wird die Resolution angenommen.
Im Kapitel „Allgemeine Fonds" werden zur Förderung der Seefischerei 500000 Mark, gegen das Vorjahr 125 000 Mark mehr gefordert.
Abg. v. Böhlendorf (k.) schildert eingehend die Volks- wirtschaftliche Bedeutung der Seefischerei.
Abg. Dr. P reust (Zentr.) bittet um zahlreichere Häfen an der Ostsee und mehr Kühlwagen für den Din- nentransport, ferner um noch größere Beachtung der wissenschaftlichen Forschungen in Nord- und Ostsee und len Kolonien.
Abg. Noske (Soz.) fordert Beseitigung aller Fifch- xölle.
Abg. Struve (Vp.) begründet eine freisinnige Resolution betr. Erhöhung des Fonds zur Förderung der Seefischerei auf 610 000 Mk.
Abg. v. Richthofen (natl.) bittet um möglichste Ausdehnung der drahtlosen Telegraphie zum Schutz der persischer und Transportwagen nach amerikanischem
Abg. Kirsten (Soz.) kritisiert die harten Bestrafungen der Fischer bei Abfang von zu kleinen Fischen und solemisiert gegen den Grotzkapitalismus.
Die freisinnige Resolution auf Erhöhung des staat- ächen Beitrags auf 610 000 Mk. vom Jahre 1914 ab Sird angenommen. — Bei der Unterstützung der deuten Seemannsheime im AuSlande empfiehlt
Abg. Meyer-Herford (natl.) eine Resolution Bas- sermann auf Erhöhung des Fonds im nächsten Etat.
. Abg. Henke (Soz.) stimmt dagegen, da die Seemanns- ,leime unter Leitung von Seemannspastoren, insbesondere organisierte Seemannsleute bekämpften und zu Unterstützung der Parteipolitik benutzt würden.
Ministerialdirektor v. JouquiereS erklärt, daß nicht nur die ausländischen, sondern auch die inländischen Seemannsheime unterstützt würden. Ohne die Hilfe der Geistlichen wäre es den Seemannshäusern niemals mög. »ich gewesen, den an sie gestellten Forderungen nachzu-
Der Gras von Tarent.
32] Roman in 3 Bänden von F. Steinkirchner.
„Mädchen, seit langem schon schwebt ein Sturm toben Lüften", unterbrach Graf Tarent die Erzählerin, „kurze Zeit noch und das Unwetter wird ws- hrechen willst Du nicht zurückkehren in das Haus?"
„Wenn Ihr befehlt, ja, doch weih ich eine Stelle, hoch oben in den Felsen, wo ich oftmals Schutz gesucht habe vor Wettern. Es ist mein Lieblingsplatz, hundertmal habe ich da gelauscht dem Brausen der See ftnd den Stimmen in den Lüsten."
„Gut, zeige mir den Platz und fahre fort in Deister Erzählung."
Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, wo sie sich befinde, bog das Mädchen plötzlich nach per rechten Seite ab und ging in einer Richtung, in der der Graf noch nicht gewesen.
„Als die Mutter vor den Bruder trat und chm sagte, daß sie sich versprochen habe, dem Mann ihrer Wahl", fuhr die Blinde fort, „da raufte Baruch sein Haar, er flehte und bat, und als die Mutter fest blieb, da drohte er Gebrauch von Gewalt zu machen. Er war einer der Aeltesten in der Gemeinde und sein giort galt viel. Nach dem Brauche der Israeliten nnte der Bruder die Schwester mit Gewalt zurückhalten, da keine Eltern vorhanden waren. Er drohte, die Schmach der Gemeinde anzuzeigen, und verbot ihr jeden Umgang mit dem Edelmanne. In einer Ikr nächsten Nächte entfloh die Mutter aus dem Ghekn. sie folgte dem Manne ihrer Liebe und der Fluch inr Gemeinde folgte ihr."
, Mit liefern Interesse folgte der ®raf der Erzählung dcr Blinden. Nun wurde seine Aufmerksamkeit abgeleukt durch den Umstand, daß sie, ihn immer ge- leitend, plötzlich vor dem Felsen, der hier steil auf- ^ieg Halt machte.
vie tastete vor sich hin, bis ihre Hände einen der mageren Büsche fanden, deren Wurzeln in den .Einenkungen des Gesteines kümmerliche Nahrung faulen. Tas Mädchen bog die Zweige zur Seite Und nun sah er, daß dahin ein ganz schmaler Pfad, Sem Auge kaum erkenntlich, zur Höhe führte. Die Elitbe ptr * voran ihr Fr*' kannte :°be Windung des
kommen. Herr Henke hat seine Behauptungen durchaus nicht bewiesen. Bei diesen Dingen können wir die freie Liebestätigkeit nicht ausschalten.
Abg. Erzberger (Zentr.) protestiert gegen die Angriffe Henkes. Es wäre nur zu wünschen, daß die SeemaunS- heime auch einen so hohen Protektor erhielten wie die Schiffsjungen. Dann würde wohl mehr Geld flüssig gemacht werden. Ohne die christliche Liebestätigkeit könnten die Seemannsheime nicht bestehen, und tottnt man warten wollte, bis die Sozialdemokratie Geld dafür gibt, könnte man lange warten. Der Abg. Henke hat hier nur von neuem die RekigionSfeindlichkeit der Sozialdemokratie kundgetan.
Die Resolution Bassermann wird angenommen.
Zu Maßregeln gegen die Reblaus werden 1000 Mark gefordert.
Abg. Paasche (natl.) begründet eine Resolution auf Einberufung einer Kommission, die die Deschwerdcru der Winzer über die Ausführung des ReblauSgesetzeS prüfen und geeignete Vorschläge zur Beseitigung der Mißstände machen sollen.
Direktor im ReichSamt deS Innern b. JonauiereS er« klärt, daß die Beschwerden der Winzer der Regierung durch die Petition der Winzerversammlung in Bingen erst bekannt geworden fei. Sollte sich bei der eingeleiteten Untersuchung die Beschwerden als richtig Herausstellen, dann werde die Zusammenberufung einer Konferenz von Sachverständigen in Erwägung gezogen sein.
Abg. Baumann (Zentr.) fordert gleichfalls, daß das Reblausgesetz nicht rücksichtslos und schikanös gehandhabt werde. Vor allen Dingen sei das Verbot der amerikanischen Rebe nicht gerechtfertigt. Sie liefere nicht nur reichere Ertrage, sondern auch gute Qualitäten. . Der Resolution Bassermann stimm!. Redner zu rtib kittet um möglichste Beschleunigung der Angelegenheit. (Df.)
Die Resolution wird angenommen.
Mittwoch: Fortsetzung.
Preußischer LattMaK.
Abaeordnetenba»?.
Sitzung vom 21. Januar 1913.
DaS Abgeordnetenhaus erledigte das Mearlchutzgkseh in dritter Lesung und begann dann die zweite Lesung deS Etats.
Beim Etat der Sottcriebertoaltu'ng erklärt auf eine Anfrage des Abg. Hahn ein
Regierungskammissar, daß die gegen den früheren Abg. Held (natl.) in seiner Eigenschaft als Lotteriekollekteur gemachten Vorwürfe eingehend geprüft würden..
Beim Etat der Münzverwaltung führt
Abg. Dr. Arendt (fr.) an, daß die gemeldete Prägung von Jubiläums,münzen anläßlich deS Re- gierungsjubiläumS des Kaisers im Werte von 1 Mill. Mark entschieden zu wenig fei.
Abg. Dr. Hauptmann (Zentr.) : Unsere 25 Pf.-Stücke und 10 Pf.-Stücke sind nicht nur häßlich, sondern auch sehr unpraktisch. Ich möchte durchlöcherte Scheidemünzen empfehlen, die Verwechslungen ausschließen.
Ein Regierungsvertreter teilt mit, daß die Zahl der Jubiläumsdenkmünzen bedeutend höher sei. Zurzeit schweben außerdem Erwägungen über neue Hunderi- und Zehnmarkscheine.
Abg. Dr. Pachnicke (Vp.): Hoffentlich werden die neuen Scheine künstlerisch und praktisch. Durchlöcherte Münzen sind unhhgienisch. Das 25 Pf.-Stück war in der Tat ein arger Mißgriff.
Beim Etat b e S Staatsministeriumß wünscht Abg. Dr. König (Zentr.) eine einheitliche Bezeichnung aller Bürobeamten erster Klasse in ganz Preußen.
Beim Etat der Generalkommission bemängelt Abg. Liebknecht (Soz.) die große Zahl bet Ordensverleihungen.
Beim Etat Oberrechnungskammer wünscht Abg. Göbel (Zentr.) eine Vereinfachung be8 Verfahrens der Oberrechnungskammer.
Beim Etat deS DisziplinarhofeS wünscht
Abg. König (Zentr.) das Wiederaufnahmeverfahren in Disziplinarverfahren. Ferner eine Entschädigung zu
■:» 4^4»,'.-»-«--,«!--»>»- • •»
Weges, ohne Besinnen stieg sie in die Höhe. Er, der Sehende, staunte über die Sicherheit ihrer Dewegun- oen, statt sie zu leiten, leitete das blinde Mädchen ihn. Endlich auf einem kleinen Plateau angelangt, blieb es stehen und wartete auf ihn.
Als er neben ihr stand und um sich blickte, da gewahrte er, daß die Natur in bizarrer Laune hier ein allerliebstes Bersteck in dem Gestein geschaffen hatte. ES war eine kleine, schmale Höhle, überdeckt durch massive Felsmauern, vorne offen und steil zum Meere abfallend. Der Eingang war so schmal, daß nur eine Person hineinschlüpfen könnte. Diese Höhle war vielleicht zehn Fuß breit und ebenso lang, groteske Figuren hingen von der Decke herunter, stammend aus der Urzeit, da die unterirdischen Kräfte der kochenden Erde das Felsen-Eiland emporhoben in glühend flüssigem Zustande.
Als die Beiden eintraten, flogen eine Anzahl Moden unerwartet hinaus, kreischend über die Störung der Ruhe. Nun sielen die ersten Tropfen, aus den grauen Wolken zuckte der Blitz und dann grollte der Donner und das Echo verpflanzte sich an der Stelle und hallte wieder an den Wänden mit oftmaliger Wiederholung. Der Abend war hereingebrochen, die grauen Wolkenmassen hatten das Licht des Tages gekürzt.
Er blickte zur Stadt. Mit bloßem Auge konnte der Graf erkennen, daß der Wind glücklicherweise die Flammen drüben nach der Richtung getrieben hatte, wo das stäche Land begann und das gierige Element nicht mehr weiter um sich greifen konnte. Als nun der Sturm sich erhob und durch die Lust brauste, stiegen drüben heiße Dämpfe empor, denn die Wolken brachen und Feuer und Wasser stritten um die Oberhand.
Unten am Fuße der Felsen rauschten die vom Sturme gepeitschten Wogen des Ozeans und donnernd schlug die Brandung empor.,
„Ein fchauerlirh-schönes Bild",, sagte Graf Tarent. „Könntest Du es sehen, Mädchen, Du würdest staunen und erschauern."
„Sehen kann ich nicht, doch fühle ich das Groß- arttge in der Natur," entgegnete sie. „Oft bin ich hier und mein Ohr lauscht den Stimmen aus den Lüften und aus dem Meere. Ich höre den Wind fäuseln oder braute' die Wao-"- a»-a«E ob°r do-
Nnrecht entlassener Beamten aus Staatsmitteln und eine Neuerung des gesamten DtSziplinarstrafrechtS nach dem Vorbilde des Reichsbeamtengesetzes. Er erinnert an die gesetzliche Regelung ber Fragen bei Residentspflicht der Beamten, deS Urlaubs ufto.
Geheimrat Fritsche: Es besteht die Absicht, nach Verabschiedung deS ReichsgesetzeS einen möglichst gleichen Entwurf dem Landtage vorzulegen, der hoffentlich in der ersten Session des neuen Landtages erfolgen könne.
Die Abg. Dr. Friedberg (natl.) und Dr. Liebknecht (Soz.) schließen sich den Wünschen beS Abg. Dr. König an.
Beim Etat beS Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten erkennt.
Abg. v»m Rat (natl.) die Politik des .Friedens an, wünscht aber eine starke unb aktive auswärtige Politik und macht unserem Großkapital den Vorwurf bet Jnter- nationalität. Er „brandmarkt" das Verhalten beS Herrn Wetterle.
Staatssekretär im auswärtigen Amte Zimmermann: Die richtige Direktion beS Großkapitals geschieht nach Möglichkeit. Ein Mittel, die Großbanken von Geschäften abzuhalten gebe eS nicht, im übrigen glaube er, daß üch unsere Wirtschaftspolitik auf dem richtigen Wege befinde,
Abg. Göbel (Zentr.) wünscht besseren Grenzverkehr, besonders in Oberschlesien, und richtet sich gegen das Verfahren der russischen Behörden auf sogen. Sachsen- ganger.
Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) wünscht die Beseitigung der Gesandtschaften beim Vatikan und bei den Bundesstaaten.
Abg. Pachnicke (Vp.): Was den Gesandten beim päpstlichen Stuhl betrifft, so habe auch ich Bedenken, wenn die Praxis beS päpstlichen Stuhles sich nicht an» bett. Die innerdeutschen Gesandten halten wir für überflüssig. Dio Staaten können sich im Bundesrat mitieilen, was sie sich zu sagen haben.
Abg. "Herold (Zentr.): Wir mißbilligen das Auftreten Wetterles aufs ichärfste. Wetterle hat mit dem Zentrum nichs zu tun unb ist nie Mitglied der ZentrumSsraktion gewesen. Die elsaß-lothringische Zentrumspartei ist völlig selbständig und hat mit uns nur den Namen gemein. Die Gesandtschaft beim päpstlichen Stuhl werden wir mit aller Entschiedenheit verteidigen.
Abg. Frbr. d. Zedlitz (freikons.) gibt seiner Freude über die „kräftige Abschüttelung deS Dbg. Wetterle^ durch den Abg. Herold Ausdruck.
Der Etat wird bewilligt.
Beim LandwirtschaftSetat bittet Dbg. Göbel (Ztr.) um Ausdehnung des sogen, kleinen GrenzverkehrS von Schweinefleisch auf Rind- unb Hammelfleisch.
Abg. Graf v. b. Gröben fordert Förderung deS landwirtschaftlichen Schulwesens. Redner bedauert, daß im BimdeSrat die preußischen Stimmen für die Ermäßigung ber Fleischpreije abgegeben sind. Hoffentlich würden die gewährten Ausnahmezustände keinen Tag länger dauern, als es unbedingt notwendig sei. Im Weiteren Bolemifierf Redner gegen die Behauptung ber Linken, daß an ber Fleischteuerung bie Großgrundbesitzer Schuld hätten. Die Linke behandelt diese Frage nicht sachlich, sondern lediglich vom politischen Standpunkte aus. (Sehr richtig! rechts.)
Abg. Wallenborn (Ztr.) hebt den schweren Stand der deutschen Landwirtschaft gegenüber ber Fleischteue- r u n g hervor. Nachdem trotz der enormen Schädigung durch die Maul- und Klauenseuche, trotz der Futterknapp- öeit die Landwirtschaft mit größten Opfern ihre Viehbestände nicht bloß durchgehalten, sondern sogar vermehrt babe, follten die Vorwürfe gegen sie endlich verstummen. Die deutsche Landwirtschaft könne den heimischen Fleisch- marlt nur ganz versorgen, wenn bie jetzige Wirtschaftspolitik aufrecht erbalten bleibe. Die gewährten Erleich- terungen ber Fleischeinsuhr müßten zeitlich streng begrenzt bleiben. FaS FleischbesSaugesetz unb bie Seit« «bcngesetzgebung müsse aufrecht erhalten werden. Für die Förderung des Landwirtschastsunterrichtswesens mußten weit mehr Mittel als bisher aufgewendet wer- den. $m weiteren fordert Redner reichhaltigere Zuwen- düng für bie Lanbwirtschaft ber Rheinprovinz. Bezüglich ber ländlichen Fortbildungsschulen sei zu bedauern, daß der fachliche Unterricht eingegangen sei. Bei den Fort- nein, alle diese Laute sind Musik für michUieUchts sieht, als ewige Finsternis."
Hoch aufgerichtet stand sie mit vorne über gebeugtem Körper und horchte hinaus nach der Meeresseite.
Nun blickte er sich um in dem Raume. Ein kleiner Felsblock lud zum Sitzen ein, aber er war zu klein, um zwei Personen bequem Platz zu bieten. Als die Beiden sich darauf niederließen, faßen sie dicht aneinander. Ihre Hand suchte die ferne, unschuldsvoll lehnte sie den Kopf an seine Schultern und wie ein glückliches Kind lächelnd, richtete sie die großen wunderbaren Augen auf ihn, die sein Bild doch nicht fassen konnten.
Der Mann erbebte vor Glück, ihr warmer Atem berauschte ihn, ihr wallendes seidenes Haar deckte ihre und seine ineinander geschlungenen Hände.
Er hörte das Pochen ihres Herzen», ferne Pulse flogen, er glaubte, sich niederbeugen zu müssen zu dem toten Munde um denselben zu küssen. . . .
Ein unenolichez Verlangen überkam ihn, die lieb- siche Gestalt zu umschlingen und an seiner Brust gefangen zu Balten.
Wieder bezwang sich der starke Mann und mit eisernem Willen sammelte er die Denkkraft.
„Erzähle mit. von Deiner Mutter Wetter," bat er.
„Ti, Mutter folgte dem Edelmann nach Apulien, wo seine Heimat war," fuhr sie fort. „Er hatte daselbst ein kleines Schloß und Gut. Das Judenmäd- chen nahm die christliche Religion an und ein Mönch der benachbarten Denedikttnerabtei verband sie und ihn wrs Leben. Sie lebten Iahte de§ Glückes, dann Wurde ich geboren- Derselbe Mönch, welcher die Trauung vorgenommm, taufte Mich. Ich war nun meh- reis Jahre alt, da trennte die Hand des Schicksals Beter und Mutter. Der in den besten Lebensjahren stehende. Mann erlag, schnell und unerwartet einem hitzigen Fieber und Mutter und ich, bie’-fmim. zu sprechen vermochte, waren allein. Nun folgten schlimme Tage, ich zwar vermag mich deren kaum zu erinnern, doch hörte ich in späteren Zeiten die Blutter darüber fingen. Der Verstorbene hatte Verwandte, die gesegnet waren mit Glücksgütern und während der Lebzeit de§ BaterS ost bei ihm erschienen. Auf meine Mutter, die frühere Jüdin, schau
bildungsschulen mit Besuchszwang sei vor allem die Reift gian als Unterrichtsfach zu fördern. (Beifall im Zt--'
Mittwoch: Fortsetzung.
Die Suspension
des Jesnitengesetzes.
Wir lassen es dahin gestellt, ob tatsächlich Bestrebungen dorthin zielen, das Jesuitengesetz auf Zeit und Wohlverhalten zu suspendieren, jeben falls gibt es einen besseren und kürzeren Ausweg; auf ihn hat kürzlich der Abg. Porsch hingewiescn.
Abgeordneter Dr. Porsch erinnerte im Abgeordnetenhause an den bekannten Beschluß deS Bundesrates vom 5. Juli 1872. Durch ihn sollte der § 2 des Jesuttengesetzes ergänzt und erläutert werden. Nach § 2 des Jesuitengesetzes hatte die Landespolizeibehörde die Möglichkeit, jedem deutschen Jesuiten den Aufenthaltsort anzuweisen, jeden Ausländischen auszuweisen. Der Bundesrats- beschluß erklärt ergänzend als verboten, „jede Or- denstcttigkeit, insbesondere in Kirche und Schule,, sowie die Missionen". Die preußische Regierung' hat im Anschluß an diesen Bundesratsbeschluß einen Geheimerlaß am 28. September 1872 ergehen lassen, in welchem die Ordenstätigkeit weiter desiniett worden sst, und zwar dahin, daß jede priesterliche und seelsorgerische Tätigkeit des Ordens verboten sein soll, insbesondere — „die Abhörung der Beichte", „die Erteilung der Absolution" und die „Verwaltung der Sakramente", ein Beweis, wie wenig un- terrichtet über katholische Dinge der Verfasser dieser preußischen Verfügung war.
Nun ist der § 2 des Jesuttengesetzes schon vor zehn Jahren aufgehoben worden. Aber nicht aufgehoben worden ist ber Bunbesratsbeschluß. bei den § 2 ergänzte, unb der preußische Geheim- erlaß, der diese Ergänzung erläuterte. Beide bestehen heute noch in Kraft, obgleich der Gesetzesparagraph, auf den sie sich stützen, längst nicht mehr besteht. Das ist gesetzgeberisch und rechtlich ein Unding,
Man sollte meinen, daß der Bundesrat und der Reichskanzler, als sie sich tm November die Köpfe über die Jesuitenfrage zerbrachen, zunächst an den Abbruch dieser zwei unhaltbaren Ruinen aus der Kulturkampfszeit gedacht hätten. Wie kann eine Bundesratsverordnung bestehen bleiben zu einem Gesetzesparagraphen, der gar nicht mehr existier t? Und wie kann der preußische Geheimerlatz bestehen bleiben, wenn der Paragraph nicht mehr da und der Dundesratsbeschluß offenbar nicht mehr rechtsgültig ist, den er interpretiert und ergänzt?
Die Aufhebung dieser beiden Ergänzungen de? seit zehn Jahren aufgehobenen § 2 des Jesuttengesetzes hätten die Katholiken schon lange erwarten können, um so mehr, als ausdrückliche Versprechungen nach dieser Richtung von maßgebender Stelle gemacht worden sind. Mau muß wenigstens diese Vermutung hegen nach den Wort«i des Abg. Dr. Porsch in der Sitzung des Abgeord. netenhauses vom 14. Januar 1913: ....
Ich möchte hier behaupten, daß leitende katholische kirchliche Kreise — ich will im Augenblick nicht deutlich werden — Grund zu der Annahme batten, daß die Aufhebung de? 8 2 des Jesuitengesetzes die Aushebung der Bundesratsverfügung vom 5. Juli 1872jur haben
würde, chört! hört! im Zentrum.) Das tft bebauet« licht'weile nicht eingelreten.
Diese Andeutung läßt vermuten, dag vom Reichskanzler Fürsten Bülow oder seinem Vertreter emem Kirchenfürsten oder einem Führer des katholischen Volkes bestimmte Zusagen gemacht worden sind, der Aufhebung des 8 2 des Jesuitengesetzes auch schwer verbargen sie die Abneigung vor ihr. Als nun der Vater erkrankte, da kamen diese Verwandten und blieben im Hause, um zu sehen, ob et ^ wieder erheben würde vom Krankenlager oder nicht. Mutter ahnte in jenen Tagen nichts von dem Schrecklichen, baS folgen sollte. Als der Tod des Vaters emgetre- ten war, als man ihn begraben hatte, da traten dre Verwandten vor sie und sagten: „Gehe, Demes Bler- bens ist nicht mehr hier an diesem Orte, gehe nut Deinem Bastard zurück zu den Juden! Da wallte der Mutter das Blut heiß auf, daß man sie so tödlich beleidigte! Sie ging ins Archiv und suchte unter den Familrenpapieren nach den Dokumenten, welche die Beweise waren, daß sie Christin geworden und mit dem Verstorbenen sich ehelrch verbunden hatte. Sämtliche Papiere waren verschwunden — diebische Hände hatten dieselben beseitigt, während der Krank- heit des Vaters."
„Und der Mönch, der die Trauung vorgenommen?" fragte der Graf.
>,Er war inzwischen gestorben. „
„Konnte kein Kirchenbuch Auskunft geben?
„Nein, denn es war nicht mehr vorhanden. Em Feuer hatte vor Jahren einen Flügel des Klosters eingeäschert unb die Kapelle und das Kirchenbuch, das darin verwahrt war, wurde von den Flammen verzehrt. Mhrrha, die jüdische Magd, war meiner Mutter gefolgt mit dem Manne, Baruch wußte darum und'ließ sich durch sie fortwährend Nachricht senden über die enflohene Schwester. Als nun bie matt« ter kein Recht fand, als sie von bem Gute getrieben würbe mit dem Kinde, sandte Merrha hetmltch ihren Mann nach Genua und der trat vor Baruch und sagte: Deine Schwester ist arm, sie wohnt in einer Hütte, mich sendet Mhrrha, Du sollst Helsen, denn Eile tut not. Da erbarmte sich Baruch, denn er hatte die Schwester nie vergessen. Er kam selbst und ohne ein Wort des Vorwurfs trat er vor die betrogene Er nahm sie mit sich, aber nicht ins Ghetto, wo die Juden wohnen, sondern hierher auf diese Insel verbrachte er sie. Hierher folgte auch Mhrrha, die Magd, die meine Amme geworden und deren Mann — Ihr müßt ihn gesehen haben in der Schaluppe, als ^hr kämet."