Zuldaer Zeitun
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Illustrierte Sonntagszeitung | Zuldaer Seschichtsblütter
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Montag den 20. Januar 19)3.
40. Zahrgang.
Lrstes Blatt.
Nr. 15.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 18. Januar 1913.
Der Nachtragsetat, der 60 Millionen aus dem Aus- gleichsfonds zur Beseitigung der Bahnkalamität im Ruhrrevier, 900 000 Mk. zur Unterstützung an Beamte verfügt, wird in zweiter und dritter Lesung unverändert angenommen nach einer Rede des Abg. Ströbel (Soz.), der seine Genugtuung ausspricht über die Hal. tung des Zentrums, das, wenn auch nicht die weiter- gehende Forderung aus dem Reichstage, so doch durch Bartscher die Forderung von 100 Mk. für jeden Beamten gestellt hat. Abg. Bartscher (Zentr.) zieht seinen Antrag zurück, weil ihn der Präsident für unzulässig erklärt, behält sich aber vor, bei anderer Gelegenheit dar. auf zurückzukommen.
Hierauf wird die zweite Beratung des Entwurfes eines MoorschutzgcseyeS fortgesetzt.
Zu den einzelnen Paragraphen liegen ziemlich wo. sentliche Abänderungsanträge vor, die uns um so weni- zer interessieren, als das Gesetz auf Hannover beschränkt bleibt. Im Schlutzparagraph . beschloß das Haus nämlich die nicht unbedeutende Aenderung, daß die Bestimmung Wegfällen soll, wonach auf andere Provinzen das Gesetz nach Anhörung des Provinziallandtages durch königliche Verordnung ausgedehnt werden kann. Das Haus wollte auf sein Recht nicht verzichten, die Frage des Moorschutzes für andere Provinzen selbst zu prüfen und zu entscheiden.
Es folgt die Fortsetzung der Besprechung der Interpellation Fritsch (natt.) über die
Notlage des Realkrebits, verbunden mit dem Anträge Arendt (freik.) betreffs Untersuchungen über den städtischen Realkredit.
Abg. Dr. Crügcr-Hagen (Vp.): Es gibt über 17 000 ländliche Kreditgenossenschaften. Von einer Kreditnot -es ländlichen Grundbesitzes kann daher nicht gesprochen werden. Viel schlimmer steht es in den Städten, auch in den mittleren und kleineren. Die Misere auf »em städtischen Hypotheken markt trifft nicht nur die Hausbesitzer, sondern auch die Allgemeinheit. Die Wertzuwachssteuer hat absolut nicht sozial gewirkt, die Mieten sind sogar infolge der Abwälzung weiter gestie- gen. Unsere ganze Steuerpolitik hat eine einseitige Tendenz gegen den städtischen Hausbesitz. Unser Hypothekenrecht hat wesentlich zur Verschuldung beigetragen. Es bedarf einer Nachprüfung. Den Hypothekengläubigern mutz, Anspruch auf die Mieten gewährt werden. In Deutschland wird jährlich eine Milliarde für Wohnungen auSgegeben, und das Doppelte wird von den Haus- besitzern für Hypotheken gebraucht. Die Regierung möge die in Aussicht gestellte Vorlage recht bald einbringen. > Wir haben ja schon Hypothekenfandüriefinstitute für den Hausbesitz, aber wir haben keine guten Erfahrungen damit gemacht. Mit den zahlreichen Rezepten, die den Hausbsitzern empfohlen werden: Hypothekenverlust-Versicherung, Garantiegenossenschaften und dergl. mehr ist nicht viel zu machen. Für das UebergangSstadium möchte ich noch die Gründung von HypothekenvermittelungSan- ftalten empfehlen. Hoffentlich treten bald wieder solidere Verhältnisse ein. (Beifall.)
Abg. Borchardt (Soz.): Die Hauptsache der Verschuldung liegt in der Terrainspekulation. Die Terraingesell- fchaften suchen sich mit Vorliebe Bauunternehmer aus, die selber nichts haben. Davon kommen dann die vielen Subhastattonen. Die Grundstücke fallen an die Gesell, schäften zurück. Hinter den Gesellschaften stehen die grotzen Bauten. Warum widerstrebt man der Enteia- nung des Grundbesitzes? u
Abg. Graf Spee (Zentr.): Die Bodenreformer treten mit ihrer Grundidee äüf sozialdemokrat. Boden. Besse- ming wird erst eintreten, wenn die B e l a st u n g des Grundbesitzes den Einnahmen angepatzt wird. Ich will heute die steuerliche Ueberlastung des Haus- und Grundbesitzes durch Beispiele nicht beleben. Eue unt horrenden Steuerüberlastungen des städtischen Haus- und Grundbesitzes gespickte Kanone werde ich bei anderer Gelegenheit abschietzen, bei Be- mtung meines Antrages auf Abänderung des Kommu- aalabgabengesetzes. Ich hoffe, datz diese Materie, bevor vir auseinandergehen, hier noch einmal eingehend be- sprachen wird. Die Lasten der Haus- und Grund- vesrtzer sind heute zu groß. Das Einkommen der HauZ-
Der Gras von Tarent.
20] 9toman in 3 Bänden von F. Steinkirch„er- £in9 er durch den Garten, dann durch-
et Tal der Insel, bis er in der
tfi Pölich des Brandes gedacht^
geschnmaaelten ir"T?i£ vollgepfropft waren mit gchchn.uggelten Warenladungen und suchte die Stelle Ä2“ üb-- bas R-n unbbkaabf gestattet.. Er erkannte nun datz das Unalück ftrfi £ letzt schaute, das war ein
tnth Sn und Asche, brennende STwp Ä ™°9fen',bom Winde getrieben, torrch die Lust. Der Graf erkannte, daß es sich um das Henn von Tausenden handelte Das aan,» SSL™* R“ ^^keligen Gassen und
Stadtteil, wo Hafenarbeiter und S °^nten’ benT leeren Untergange ge- . Ihn schauderte. Die unglückliche Stadt' Kaum «n Haus war darin, in dem nicht die schrecklich- Krankheit ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatte und nun noch dieses neue, unberechenbare Elend' '
Er schaute nach der Burg Tarent, das Gebäude stand sicher da oben auf den Felsenhügeln an entgegengesetzter Seite, und vielleicht stand sitz, die seinen Namen führte, auf dem Balkon, den Buhlen an der Seite, und genoß den schaurigschöne» Anblick, den das Wüten großer Feuermassen stets aewährt.
,Bitter lächelnd wandte er den Blick von der statte, wo er geboren, gelebt und geliebt hatte und swaute hinauf zum Horizont. Mit Befriedigung be- werkte er, daß sich vom Meere her große Wolken- ^vasien zusammenballten und der Stadt näherten.
Tag war furchtbar heiß gewesen, die Luft schwül. , steute sich, daß der Dettermonat war, füllte sich in' x 'C Helt die Luft mit Elektrizität, dann gab es er, r, Regel wolkenbruchariger Regen, größere --oytwl konnte den Verzweifelnden drüben kaum -u teil werden.
-Im Stillen beschloß er, von seinen Reichtümern
besitzer mutz bei der Besteuerung zugrunde gelegt wer- den, nicht imaginäre Werte. (Lebh. Zustimmung.)
Abg. Dr. Grunenberg (Zentr.): Man wendet sich dagegen, datz die Gemeinden Garantiefonds für die Haus- und Grundbesitzer schaffen. Nach meiner Mei. nung wird aber gerade durch solche Garantiefonds die gemeinnützige Bautätigkeit in ganz erheblichem Maße gefördert. Ein Risiko sollen allerdings die Gemeinden dabei nicht eingehen. Eine Verstaatlichung deS Grund und Bodens ist nicht möglich. Auch ist damit nicht zu er- reichen, daß billige Wohnungen hergestellt werden. Dazu sind andere Mittel notwendig. Eine vernünftige Terrainspekulation halte ich sogar zur Förderung deS Wohnungswesens für notwendig, natürlich in gewissem Sinne. Auch halte ich eine Verbindung der Lebensversicherung mit der Schuldentilgung für sehr angebracht. Die Landesversicherungsanstalt in Düsseldorf hat eine solche Verbindung geschaffen und eine ganze Anzahl zwei- ter Hypotheken in der Weise gegeben, datz dafür als Garantie eine Lebensversicherung gestellt wurde. Die Landesversicherung ist dabei gut gefahren, vor allen Din- gen aber die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden, denen man solche Hypotheken gegeben hat. Gerade im Interesse der kleinen Gewerbetreibenden sollte man dieses Mittel mehr anwenden. Die Lebensversicherung bietet uns einen von den Wegen, um die Hypotheken zu tilgen. Natürlich mutz man da in richtiger Weise vorgehen, man kann dieses Mittel nicht in jedem Falle anwenden. Daß das Taxwesen geordnet werden muß und daß endlich Taxämter geschaffen werden müssen, unterliegt gar keinem Zweifel. . Im übrigen kann ich mich versönlich den Ausführungen des Abg. Crüger anschlie- tzen. Seine Vorschläge erscheinen mir durchaus diskutabel.
Die Erörterung schließt, der Antrag Arendt wird angenommen.
Eine Petition des Verbandes der größeren preußischen Landgemeinden um Entlastung Hinsicht- lich der Volksschulen wird der Regierung zur Erwägung überwiesen.
Dienstag: Moorschutz, dritte Lesung, kleine Etats.
O Der drohende Zerfall unserer Bottskraft.
Durch alle Kulturvölker schleicht heute ein giftiges Nebel, das an ihrem Marke frißt und sie über kurz oder lang dem Untergang Preisgeben muß.
Seitdem der Glaube an den Ernst und die Verantwortung dieses Lebens mehr geschwunden ist, seitdem an Stelle einer idealen, glaubensstarken Lebensauffassung der Materialismus und der Verweichlichung in den Kultuwölkern Wurzel gefaßt haben, ist die Sorge um das Geschlecht immer lässiger und die Liebe zum eignen Ich immer rücksichtsloser und stärker geworden. Wir sind hoch gekommen in der Kultur, wir weisen staunenswerte Errungenschaften im Reiche der Technik auf, wir sind reich geworden und kennen einen Luxus, der unseren Vorfahren gänzlich fremd war. Und in all diesem Fortschrift bangen wir um unsere Nachkommenschaft. Egoismus ist heute Trumpf, er schwächt und degeneriert die Völker. Der Männer wird's immer weniger, die noch zur Vaterschaft entschlossen sind und die Frauen schwinden mehr und mehr, die zur Mutterschaft ein entschlösse- nes und freudiges Ja aussprechen.
An dieser Kraftlosigkeit siechen die Völker dahin; sie ist nicht die Folge der Höhe unserer Kultur, sondrrn ein Zeichen ihres Nieder- g a n g s. „ . I
Es gibt heute Länder, in denen die EntvölkerungS- frage die brennendste aller Lebensfragen geworden ist. In Frankreich wird heute nicht weniger gehest ratet als früher, aber die Geburtenziffer ist enorm gesunk-n. Kein Krieg könnte dem Lande solchen Schaden zufügen, als es das dort eingerissene Entvölkerungssvstem tut Man könnte heute schon das Fahr berechnen, in dem Frankreich verschwurHen sein wird, wenn das sittliche Elend nicht noch größer wird.
Wir Deutschen haben allen Grund, das Auge auf uns selbst zu richten und ernst mit uns zu Gericht zu gehen, ob nicht auch bei uns die sittliche Schwäche überhand zu nehmen droht.
Da drängt sich uns in surchtbarer Deutlichkett die Erkenntnis auf, daß wir mit Riesenschritten französischen Zu ständen entgegeneilen. In den Großstädten zeigt der Zerfall unserer Volkskraft schon erschreckende Spuren. Gab es in Berlin im Jahre 1880 auf 1000 Einwohner noch 39,9 Geburten, so ist die Zahl im Jahre 1910 bereits auf 21,5 gesunken. In dem gleichen Zeitraum fielen diese Verhältniszahlen in Hamburg von 38,1 auf 23,2, in Dresden von 35,1 auf 21,6, in Hannover von 35,6 auf 21,4, in Stuttgart von 36,2 auf 24,4, in Bremen von 36,3 auf 26,6, in Breslau von 37,6 auf 27,5 und in Königsberg von 37,0 auf 29,1. Diese Zahlen reden allein eine zu laute Sprache, als daß sie vieler Erläuterung bedürften.
Und "wenn es noch gesund und kräftig wäre, dieses spärliche Geschlecht, das fit unseren Großstädten heranreist! Mer es sind fast durchweg dekadente Knaben und verzimperlichte Mädchen, die dort heranwachsen und Väter und Mütter d?s kommenden Geschlechts werden sollen, wenn sic v i Haupt hierzu noch den Mut und die Kraft finden. Es „pariselt" in unseren Städten und immer mehr sickert das Gift auch in die ländlichen Bezirke hinein. Die Sozialdemo- kratte sorgt schon dafür, daß die Propaganda für das Zweikindersystem und für die hierzu erforderliche „Aufklärung" in die bretten Massen des Volks getragen wird. Eine freisinnige Gesinnungsmanie trägt das ihrige dazu bei, daß Kindersegen als eine Rückständigkeit empfunden wird. Dabei nehmen Alkoho- lismus, geheime Krankheiten, Frauenleiden, Tubcr- knlose und Säuglingssterblichkeit überhand; immer schwächer und widerstandsloser werden die Betörten, denen der Ernst der Vaterschaft und Mutterschaft geschwunden ist Eine gewissenlose Geschäftsreklame arbeitet gleichfalls an der Zersetzung d-s Fa^iflenft- bens und dem Ruin des Einzelnen. Wir sind so weit gekommen, daß alle, denen bin Znknns. unseres Volkes am Herzen liegt, erschrocken sftllstehen vor dem Bild, das bie, ©tatiftif vor unfern Augen entrollt, und mahnend ihre Stimme erheben, um das deutsche Volk zurückzuntfen von der abschüssigen Bahn.
Wir Deutschen sind allein auf uns gestellt, wir haben von draußen keine Stärkung zu erwarten. Um so bedenklicher wird unsere Schwächung im Hinblick auf das ungehemmt schwellende Leben bei der flawi- schen Rasse. Noch haben wi: keinen Grund verzagt zu sein; noch halten wir uns Dank vem ländlichen Jungbrunnen unserer Volkskraft auf der Höhe, aber die Zersetzungskeime sind in unserem Volkskörper hineingelegt worden; es gilt jetzt, mit allen Mitteln ihrem schädlichen Wirken Einhalt zu gebieten.
Die Tatsache, daß der Geburtenrückgang bei der katholischen deutschen Bevölkerung am schwächsten ist, am stärksten aber in den Gegenden, die vorwiegend sozialdemokratisch und freisinnig sind, zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen, um eine Gesundung unseres Volkes he,beizuführen. Unserem Volke "muß jene moralische Stärke und jener Opfersinn wiedergegeben werden, wie sie vom Christentum verlangt und verliehen werden.
Deutsches Keich.
* Berlin, 19. Jan. 1913. Das neue Linienschiff »Kaiser* wird als Wohnschiff des Kaisers zum ersten Male bei der Rekrutenvereidtgung in Wilhelmshaven in Funktion treten. Das Schiff hat bereits das Inventar, Möbel und Silberzeug, von dem bisherigen Wohnschiff deL Kaisers, der „Dcutsch- lanb*, übernommen. — Das Militärwochenblatt
aufs Reichlichste zu geben, sobald er seinen Fuß drüben ans Ufer gesetzt. Wann konnte dies sein? Zuerst mußte doch Baruch zurückkehren.
Würde er kommen heute? In der Nacht? Nein — in der Finsternis konnte die Fahrt durch die Wirbel und Strudel und durch die Brandung nicht gewagt werden. . . .
Er wurde verwirrt bei dem Gedanken, mit dem zauberhaften Wesen nicht nur den ganzen Tag allein zu sein, sondern auch die Nacht.
Ein seltsames Gefühl überkam den starken Mann. — Die Reden des Mädchens, das seine Zuneigung ihm so offen entgegenbrachte, machten ihn schon erbeben und doch glücklich. Die Herrliche hatte ihn empfangen, den Fremden, wie die Braut den lang erwarteten Bräutigam, ihr seltsames, unerklärliches Benehmen verwirrte seine Sinne.
Der stttlich strenge Mann scheute sich vor den kommenden Stunden"
Darum hatte ihn das Schicksal gebannt an diese? Eiland heute im Verein mit diesem jungen Wesen, das schöner war und lieblicher, als jene andere und rein und keusch?
Wollte ein güttges Geschick ihm den Weg wessen zu neuem Liebesglücks? Mit ihr, die rein war und hold?
Eine fiese Röte überflutete sein Gesicht, dann fuhr er plötzlich mit der Hand über die Sfirne, als wolle ft durch die Bewegung ein Bild des Wahnes der- scheuchen. War er nicht ein Lebender und nun tote« oer gebunden an die andere?
Das Herz doll Bitterkeit, wandte er sich und verließ die Felsengänge, zurückzukehren in daS Innere der Insel.
Als er nun durch das Heine Tal wanderte, da meinte er sich zu freuen, daß er das Mädchen nirgends sah, und doch schauten seine Augen begehrlich nach demselben aus. Sinnend ging er über die Fluren, als er nun den Garten betrat, da war ihm zu Mute, als sei er hier schon lange gewesen, als sei dies seine Heimat. Er durchschritt die Pflanzung »ach allen Richtungen, die Pracht der Blumen und
Blüten bemerkte er nicht. Die Sonne verschwand hinter Wolken, ein gelber Dunstkreis sammelte sich in den Höhen und machte die Luft dick und schwer.
Er achtete nicht der Vorgänge in der Natur.
Der Gedanke' durchzuckte ihn wie ein tiefer, körperlicher Schmerz, daß er morgen oder übermorgen wieder diese Insel verlassen solle. Wenn er ging, wenn er 'dieses traute Paradies verließ, wenn er hinauszog in die weite Ferne, was würde aus ihr werden, die bereits sein ganzes Denken in Anspruch nahm? Würde ein anderer einst diesen keuschen Mund küssen?
De« Gedanke bereitete ihm eine Qual, die er vordem nie gesühlt.
11.
Herzen tauschen sich zum Bunde.
Graf Tarent war an einer Stelle angelangt, wo die Wege sich kreuzten. Unter einer; Gruppe von schattigen Bäumen befand sich hier eine Ruhebank, er ließ sich darauf nieder. Vornübergebeugt saß er eine Weile da, und gedankenlos bückte er sich nach einem kleinen trockenen, gefallenen Zweige und spielte mit den Sandkörnern des Weges.
Plötzlich zuckte er zusammen, sein Ohr hatte das Rauschen eines Frauenkleides auf dem Kieswege vernommen. Er schaute auf und gewahrte die Blinde, tote sie sich ihm in gerader Richtung nahte. Langsam, die Augen, welche nicht sehen konnten, nach der Stelle gerichtet, wo er saß, kam fte näher und näher. Zwischen ihr und ihm lag jetzt der gurgelnde Bach, frei und ohne Z^zen schritt sie über den schwankenden Steg, der darüber führte, und kaum berühtten chre Hände das Geländer. Nun war sie darüber und stand vor dem Kreuzwege —- ohne Besinnen schlug sie die Richtung zu ihm ein, und toottlos, als sei sie allein an der Stelle, setzte sich das Mädchen neben den Mann, aber nicht auf die Bank, sondern in dos grüne Gras, und die Finger tasteten unter beit Halm.nt und Gräsern und 'suchten nach Blumen.
Sie pflückte Gänscblü.: Veilchen' u.td Ver-
Mmeinnicht, dazu kleine Moo^rost::, und mit Be-
meldet: Prinz Heinrich 45. von Reuß, Sohu des Regenten des Fürstentums Reuß, Erbprinz von Reuß j. L., ist a la suite des 2. Bat. des 7. thür. Jnf.-Regts. Nr. 96 gestellt worden. — Der ftaifex hat sich von dem Medailleur Professor Sturm eine Anzahl von Münzentwürfen mit seinem Bildnis vorlegen lassen. Die Geldstücke sollen zum 25 jähr. Regierungsjubiläum des Monarchen geprägt werden und das Bildnis des Kaisers in Gardekürassterunisorm tragen. — Der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, v. I a g o w, wurde zum Bevollmächtigten des Bundesrats ernannt. — Im preußischen Abgeordneten- Hause haben Mitglieder der bürgerlichen Parteien einen Antrag eingebracht, durch den die Staatsregierungen aufgefordert wird, möglichst bald einen Gesetzentwurf zum Schutze der gefährdeten Bodenaltertümer in Preußen vorzulegen.
)( Kapitel des Schwarzen Adlerordens Im könig- sichen Schloß zu Berlin fand am Samstag vormittag das Fest des hohen Ordens vom Schwarzen Adler statt. Die neu auszunehmenden Ritter waren Admiral Graf v. Buudissin, Kriegsminister v. Heeringen, Admiral und Chef der Hochfeeflotte v. Holtzendorff, kommandierender General des 16. Armeekorps v. Prittwitz und Gaffron und General v. Plötz. Der Kaiser nahm selbst die Aufnahme der neuen Ritter vor. Hierauf begaben sich sämtliche Ritter in feierlichem Zuge, voran die soeben aufgenommenen Ritter, zuletzt der Kaiser, nach dem Kapitelsaal, wo nunmehr der Kaiser als Großmeister in Gegenwart der 49 Ritter ein Kapitel des Ordens abhielt.
a. Die Budgelkommiffion des preußischen Abgeordnetenhauses berotütgte bei der Beratung des Landwirt- schaftsetats für den Bau eines neuen Gebäudes für da« Landwirtschaslsministerium als erste Rate 500000 Mark. Für die Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin soll ein Versuchsgut angekaust werden Allgemein trat der Wunscy hervor, für die ländlichen Fortbildungsschulen und Wanderfchulen die Fonds wesentlich zu erhöhen. Eine dahingehende Resolution fand einstimmig Annahme. Der Plan einer obligatorischen Schlacht» viehverstcherung, den man vor einigen Jahren in der Regierung verfolgte, ist einstweilen fallen gelassen worden, da das private Versicherungswesen auf biejem Gebiete große Fortschritte gemacht habe.
s. Die Pctitionskommifsion des Abgeordnetenhauses beriet u. a. über eine Pelton betr. Festlegung des Osterfestes. Im Verfolg ihrer früheren Stellungnahme, die im Prinzip eine solche Festlegung herbeiwünschte, sprachen sich auch jetzt die Mitglieder der Kommission im gleichen Sinne aus, zumal.kirchlicherseiis Bedenken gegen den Sinn der Petition nicht beständen. Ein Rcgierungsvertreier versicherte, die Regierung habe bereits Die Frage erörtert, und wenn auch Schwierigkeiten dem Plane gegenüberständen, so seien diese doch nicht schwerwiegender Natur.
■4- Urlaub für einberufene Militärpflichtige. Der, Reichskanzler richtete vor einiger Zeit an den Deutschen Handeistag ein Schreiben, in dem er bemerkte, mtlt« tärischerseits sei darauf hingewiesen, daß von einzelnen kaufmännischen und industriellen Firmen dienst- und übungSpflichtigen Personen des Beurlaudtenstandes die Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen militärischen Pflichten durch Androhung der Entlastung oder durch Stellung der Bedingung, binnen Jahresfrist nicht zu üben oder sich nicht zum Reserveoffizier wählen zu lassen, erschwert werde. Er richtete an den Handelstag die Bitte, seinen Einfluß auf die dieser wichtigen Frage noch nicht mit der gebotenen Rücksichtnahme und Sympathie gegenüberstehenden Kresse geltend zu machen. Der Präsident des Deutschen Handelstags hat das Ergebnis einer hierüber unter den Mitgliedern veranstalteten Umfrage dem Reichskanzler übermittelt. Er hat in dieser Eingabe nach der ,Vossischen Zeitung' Nr. 32 folgende Wünsche ausgesprochen:
Man solle die Gestellungsbefehle den zu Hebungen einberufenen Personen möglichst frühzeitig, mindestens einen Monat oder vier Wochen vor Beginn der Hebung, übermitteln. Hinsichtlich des Zeitpunktes der
Händigkeit, als hätte ihr nie das Licht der Augen gefehlt, begann sie nach einiger Zett, dieselben zum Kranze zu winden. Sich bewegungslos verhaltend, schaute er auf ihr Tun. Sie hatte die rote Sammetrobe abgelegt und war jetzt gekleidet in Weiß, in losen Falten hing das Kleid an den schmiegsamen Gliedern nieder.
Er toar sich nicht im geringsten gewiß, ob das Mädchen seine Anwesenheit kannte, er hütete sich deshalb, auch nur die geringste Bewegung zu machen. Die Blinde zog einen Bindfaden aus der Tasche, und mit Geschwindigkeit umwickelte sie die Sfiele der gebrochenen Pflanzen. Dazu kamen ihre Freunde, die Vogel, von den Bäumen geflogen und flatterten ihr wie einer Altbekannten auf bie Schultern und bie Arme und Hände, und sie griff in die Falten deS Kleides nnb gab dem begehrenden Volke von dem weißen Gebäcks, das er mittags auf dem Tssche gekostet. Dann arbeitete sie Wetter am Kranze und wehrte dem flüggen Volke, das immer und immer wieder kam.
Endlich hatte das Mädchen einen Kranz gefertigt, setzte sich denselben in das lange, seidene Haar, stand nun auf, ging leise zu dem Sitzenden und, verschämt sich vor ihm beugend, sagte es mit melodische» Stimme:
„Edler Herr, gefalle ich Euch?"
Sie war also hierher gekommen, toeu sie gefühlt, daß er an der Stelle sich befand!
Der Graf wußte sich kaum zu fassen vor Der- tounberung. Er griff nach der Hand der Bunden und wMg überließ sie ihm dieselbe.
„Du herrliches Wesen. Dich hat die Natur ft schön gestaltet, daß Du nicht des Schmuckes der Bitt len bedarfst", sagte er bewundernd.
Er fühlte, wie ihre Hand bebte tn der seinen, und nun gewahrte er mich wieder das verräterische Not das in ihrem Gesichte sich zeigte so ost er ihre Schön? heft gepriesen. ,Lch bin sehr glücklich, da Euer Nugf mit Wohlgefallen auf mir ruht", stammelte sie der schämt und das Gesicht zur Erde neigend. - Wiederum eine dieser sonderbaren Reden'. (F. f.)