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z. Blatt.

Vttt bet Selbe« JJctttBtte«-«ei m Selbe.

Fuldaer Leitung»

M ,4.

Samstag 18. Januar 1913.

Wochen-Kun-rchau.

[:] Fulda, 17. Januar 1913.

Sowohl im Reichstage als auch im Preußi­schen Abgeordnetenhause kam es in dieser Woche zu Auseinandersetzungen über das Jesuiten- gesetz. Im Reichstag anläßlich einer kleinen Anfrage über das VortragSverbot für den Jesuitenpater Co- hauSz Die Erwiderung der Reichsregierunq war ein Produkt der Verlegenheit und lief darauf hinaus, das Jesuitcngefetz zu einem Gesetz der Willkür zu stem­peln. Im Abgeordnetenhaus standen die Verhand­lungen über das Jesuitengesetz im Vordergrund des Interesses. Der Zentrumsabg. Graf Praschma schnitt in seiner Rede zum Etat die Jesuitcnfrage an und legte in glanzvollen Ausführungen die ganze Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit dieses Ausncchme- gesetzes dar. Wie bereits im Reichstag, so nahmen aueb hier die einzelnen Parteien Stellung zu den Ausfübrungen des Zentrumsredners, die durch den Abg. Porsch durch reichhaltiges Tatsachenmaterial noch ergänzt und verlieft worden sind.

Im preußischen Abgeordnetenhause hat bei Wie­deraufnahme der Verhandlungen der Finanzminister den Etat eingebracht, der den Nachweis erbringt, daß die preußischen Finanzen gesund sind und ein erfreu­liches Bild abgeben.

der einen guten Ruf zurückläßt, ist auch sein Nach­folger, der bisherige Kolonialminister Lebrun, Zivilist. — In dem berühmten. Schlöffe zu Versailles hat am 17. Januar die Wahl eines Präsidenten für die französische Republik stattgefunden, nachdem die Amtsperiode Fallt öres abqelaufen war. Aus der Urne ging im zweiten Wahlgange der seitherige Mi­nisterpräsident Poincars hervor.

In Portugal hat die Kabinettskrisis einen anderen Ausgang genommen, als man zuerst ange­nommen hatte. Der Führer der radikalen Gruppe, Affonso Costa, hat die Bildung des neuen Kabinetts übernommen. Diese Gruppe allein hat allerdings nicht die Mehrheit in der Kammer. Sie ist auf das Zusammengehen mit den geniäßigteren Revolution nisten angewiesen. Das bedingt jedoch eine Politik, die nicht nur dem radikalen Parteiprogramm ange­paßt ist. Affonso Costa war in der provisorischen Regierung als Justizminister von größtem Einfluß auf die neue Verfaffung und die neuen Gesetze. Er stellt allerdings keine Beseitigung der ungeheuren Härten in dem Kultusgeletz in Aussicht. Wohl aber s versprich?! er, daß die Regierung die schwebenden : Prozesse abschließt, die Untersuchungshaft bei den Militärgerichten abkürzen und über die Auslegung des Gesetzes betr die Kulte einer Erörterung im Parlament herbeiführen werde.

Die Neuwahlen für den Landtag werden nach Vereinbarungen zwischen dem Präsidenten des Hauses und den einzelnen Fraktionsführern voraus­sichtlich bereits im Frühsommcr erfolgen. Als vor­aussichtlicher Termin für die Urwablen ist der 14. Mai festgesetzt worden. Durch die frühen Neuwahlen will man vermeiden, daß die Jubiläumsfeierlichkeiten des Königs durch Wahlkämpfe actrübt werden: auch kann alsdann bereits der neue Landtag dem Monar­chen seine Glückwünsche darbringen.

Im Reiche trägt man sich wieder mit dem Ge­danken einer neuen Militärvorlage. Ueber ihre Höhe liegt jetzt noch Dunkel, doch will ein Blatt schon wiffen, daß in derselben 75 Millionen Mark angefordert werden sollen. Soviel bisher bekannt war, sollten in dem zu erwartenden Nachtragsetat nur Forderungen für eine Luftflotte in Höbe von etwa 18 Millionen Mark enthalten sein. Weiter- gehende Nachrichten sind bisber von der amtlichen Presse dementiert worden. Wie es sich nun um die letzte Ankündigung einer Militärvorlage verhält, ist bis zur Stunde noch ungewiß.

Mir den für den 14. Mai angesetzten LandtagS- wablen in Preußen hat sich der sozialdemokra­tische Preußentaa beschäftigt Wie nicht an­ders zu erwarten war, bat er schroff gegen die r"chts- stehenden Parteien Stellung genommen, freilich im übrigen auch beschlossen, die Fortschrittliche Volks- Partei nur dann bei den Wahlen zu unterstützen, wenn diese der Sozialdemokratie Aequivalente bieten würde.

Der elsaß-lothringische Landtag hat am Dienstag seine Arbeiten wieder begonnen. Sein Präsidium wurde aus einem Mitglieds des Zen­trums, einem Lothringer und einem Sozialdemokra­ten gebildet.

Vom Ausland steht immer noch der Balkan tm Brennpunkt des Jntereffcs. Die Londoner Ver­handlungen haben bisher kein Resultat erzielt. Auch die Vertreter der Großmächte sind ohne jede Aus­nahme in den letzten 8 Tagen redlich bemüht gewe­sen, zum Friedenzu arbeiten. Sie sind aber überall ans die größten Schwierigkeiten gestoßen. So wie die Dinge liegen, hat es sich bisher als unmöglich erwiesen, die Formel zu sinden, welche die Ansprüche des Balkanblocks und die Zugeständnisse, zu denen die Türkei bereit ist, durch ein Kompromiß ausgleicht. Ob die Vorstellungen, welche die Großmächte in Kon- stantinopel zu machen beschlossen haben, die Türkei zum Nachgeben in der Hauptfrage „Adrianopel" be­wegen werden, steht nicht fest, und es wäre müßig, darüber Vermutungen anzustellen.

In Frankreich hat wieder einmal die unsterb­liche Dredfus-Afiäre ein neues Opfer gefordert: den Rücktritt des Kriegsministers Millerand. Er hatte den Oberstleutnant du Paty de Clam, der als Geg- ner des Hauptmanns Drevfiis in dem Sensations- prozeffe eine große Rolle gespielt bat, wieder bei der Landwehr angestellt. Linksrepublikanische Blätter erhoben daraufhin schwere Vorwürfe gegen ihn, und der Ministervräsident Poincars veranlaßte ibn schleu­nigst, seine Demission einzureichen. Wie Millerand,

Jt? Der Vergleich mit anderen Ländern.

Professor Martin Spahn hat in einer Ver- • sammlung von Zentrumswählern in Krefeld aner- : kannst daß der Katholizismus in Deutschland sich in einer besseren Lage befinde, als in anderen europäischen Ländern, auch wenn wir uns vieles einzelne noch besser und gerechter wünschen.

In liberalen Blättern wird das als ein ganz neues, überraschendes Zugeständnis hingestellt, ob­schon doch niemand von uns jemals bestritten hat, j daß es unserer Kirche und unseren Glaubensgenossen ■ in gewißen anderen Ländern, z. B. Frankreich, ? schlechter geht. Auch der hl. Vater selbst hat i schon die verhältnismäßig günstige Lage in Deutsch- > land anerkannt. Die erwähnten Blätter knüpfen nun an die Spahn'schen Worte die Frage: „Wozu dann noch die Zentrumspartei?" Und die „Tägl. i Rundschau" fügt noch hinzu: „Wozu deren skrupel- i lose Agitation?"

Wozu die Zentrumspartei? Vor allem dazu, u m zu verhüten, daß es der Kirche in Deutschland nicht ebenso schlecht gehe, als z. B. in Frankreich. Im Groß- und Rotblock sitzen Poli­tiker genug, denen der französische Kulturkampf als Muster vorschwebt, die nicht bloß die Trennung von Staat und Kirche, sondern die Entfernung der Re­ligion ans der Schule und aus dem ganzen öffent­lichen Leben anstreben. Zur Abwehr dieser Bestre- bungen, und zur Wahrung des Errungenen und zur Verhütung von Verschlechterungen wählen wir Zen- trmsabgeorodnete.

Zweitens auch zu diesem Zweck, daß sie Verbes­serungen anstrebe in den vielen Einzelheiten die auch Prof. Spahn noch als mangelhaft und un­gerecht bezeichnet hat. Im Vordergrund steht augen­blicklich der Kampf gegen das unselige Ausnahme- gesetz, deffen Verewigung in verschärfter Faffung der Bundesrat jüngst „beschloffen" hat und deffen Aufhebung wir im Namen der Gerechtigkeit und des religiösen Bedürfnisses fordern.

Drittens aber ist die Zentrumspartei nicht allein zur Wahrung unserer religiös.sittlichen An- schaumigen und Jntereffen begründet, sondern auch zur Vertretung der wirtschaftlichen, sozialen und über­haupt der politischen Willensmeinung ihrer Wähler­schaft. Also mit dem Fortbestand des Zentrums wer­den sich die Herren Gegner wohl oder übel abfinden müßen.

Die Phrase von der „skrupellosen Agitation" ken­nen wir längst. Wenn die Liberalen oder der Evan- gelische Bund agitieren, so sei das schön und gut; aber wenn die Konservativen oder das Zentrum vor dem Volk ihre Sache vertreten, so ist das ffrupellose Agitation. Was nun die gegenwärtigen Verhältnisse in unserer Lage betrifft, so macht uns die Agi- tation keine Mühe und Unkosten: die Gegner be­sorgen ja die wirksamste Agitation für die Zentrums-

Partei durch die Hetze gegen die Jesuiten und die Verweigerung der Rechtsgleichheft. Der hohe Bun­desrat hilft dabei mit durch seinen verschärfenden Beschluß.

Wenn aber die Herren es lieben, die deutschen Verhältniße mit denen anderer Länder zu ver­gleichen, so möge man doch nicht bloß Frankreich und die sonstigen schlecht gearteten Staaten heran­ziehen, sondern auch diejenigen Staaten, in denen den Katholiken mehr Gerechtigkeit und Frei­heit gewährt wird, als in Deutschland. Von diesen besseren Staaten können wir ja hoch etwas lernen.

Z. B. in der Jesuitenftage. In Dänemark, in England, in den Vereinigten Staaten usw. besteht der konfessionelle Friede ohne Jesuitenverfolgung. Die größte Gleichartigkeit in der konfessionellen'Mischung weisen Holland und Deutschland entf. In Holland hat man kein Jesuitengesetz, obschon doch dort auch „Erinnerungen" an die Reformationszeit und die nachfolgenden Wirren fortleben. Man ist aber dort klug genug, die Politik der gegenwärtigen Wirklichkeit anzupaßen und nicht den „Empfin­dungen", die man aus den verfaulten Akten des 16. oder 17. Jahrhunderts nähren könnte. Tatsache ist, daß in Holland die Jesuitenfreiheit und der konfessio­nelle Friede Vortrefflich neben einander bestehen. Die deutschen Konservativen könnten sich besonders mer­ken, daß in diesem „jesuitisch durchsetzten" Lande das politische Zusammenarbeiten der Katholiken und der gläubiaen Protestanten in fruchtbarer Weise sich ent­wickelt hat.

Bei dem Blick auf die anderen Länder darf man nicht dem selbstgerechten Pharisäer nachabmen, son­dern man muß auch auf das gute Beispiel achten, das gewiße Länder uns geben, und daraus die Nutz­anwendung ziehen. Denn unser Vaterland soll nicht nur weniger schlecht, als die schlechten Länder, sondern mindestens ebenso gut, und wo­möglich noch b e ss e r, als die guten Länder sein. .,*•

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verrtsches Reich.

(*) Der Bundesrat und die Duellfrage. In der Uebersicht der vom Bundesrat gefaßten Entschlie­ßungen über Beschlüße des Reichstages ist die Duell- frage sehr ausführlich behandelt. Nach der Ansicht dvr Regierung kann eine Beseitigung der Zwei­kämpfe nur durch Maßnahmen angestrebt werden, die sich an die Angehörigen aller Stände wenden und geeignet sind, eine Wandlung der zurzeit in weiten Kreisen über die Wahrung der verletzten Ehre herr­schenden Ansichten herbeizuführen. Die in Vorbe­reitung befindliche Revision des Reichs- strafgesetzbuches werde Gelegenheit zur Prü­fung bieten, inwieweit durch anderweitige strafrecht­liche Behandlung der Beleidigrmgen den Zweikämp­fen Einhalt geboten werden könne. Die Einschrän­kung deS Zweikampfes in Heer und Flotte sei von neuem angestrebt worden. Die Zahl der Berurtei- | lungen wegen Zweikampfes sei zurückgegangen. Offiziere, die die Ehre eines Kameraden in frevel­hafter Weise verletzten, würden im Heere nicht ge­duldet werden. Religiöse Neberzeugung oder sittlich gerechtfertigte Bedenken gegen den Zweikampf sollten von den Ehrengerichten stets gewürdigt werden. Die Forderung des Reichstages, alle Duellanten des Hee­res aus dem Dienste zu entlaßen, sei unerfüllbar, weil eine solche Strafe nicht verhängt werden könne gegen einen Offizier, der sein Leben für den Schutz seiner angegriffenen Ehre eiusetzt.

_ München, 15. Jan. 1913. Zur bayerischen Königsfrage überschreibt Dr. Armin Kausen in seiner „Allgemeinen Rundschau" (Nr. 3 vom 18. Jan.) einen längeren Artikel, der auch als Broschüre erschienen ist. Der Artikel, dem als Motto vorange­setzt ist: „Es lebe der König! Es lebe die Königin!" vertritt mit großer Wärme den Wunsch, daß dem Sehnen des königstreuen Bayetnvolkes nach einem König Rechnung getragen werde: „Die Bewegung ist durch die hochherzige Entschließung des Regenten nicht zum Stillstand gebracht, sie dauert fort und wird wohl kaum wieder zur Ruhe kommen, bevor nicht eine Lösung im Sinne der gewaltigen Mehr- beit des Volkes gefunden fein wird." Der Verfasser läßt der Mehrheft der Zentrumsfraktion, deren Be­denken, den „feinsten Empfindungen staatS- und ver­fassungsrechtlicher Gewissenhaftigkeit und einer ka-

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tonischen Strenge, die selbst ein blutendes Herz nicht mftsprechen lassen darf", entsprungen seien, alle Ge­rechtigkeit widerfahren, ist aber der Ueberzeugung, daß viele von denen, die diese Bedenken teilen, jeden gangbaren Weg aus dem Labyrinth dankbarst be- grüßen würden. Der Artikel schließt: „Steht son­nenklar fest, daß König Otto unheilbar wahnsinnig, geistig tot ist. dann ist die Königsfrage gelöst, genau so wie nach der Beurkundung des körperlichen Todes durch die Staatskommission. Der König, dem die anbertraute Gewalt übergeben wird, ist eben König Ludwig IH. selbst. Möge darum bald, recht bald das Sehnen des königstreuen Bayernvolles sich in I den jubelnden Ruf auslösen: Es lebe der König, es lebe die Königin!"

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Ausland.

** Weitere S-cc^arptnd des russisch-chinesischen Konflikts. Petersburg, 13. Jan. Wie die „Russische Rundschau" erfährt, tritt der russisch-chinesische Kon­flikt anscheinend in ein ernstes Stadium. Der Em­pfang der mongolischen Deputation in Petersburg hat in China das größte Aufsehen und eine gesteigerte Erbitterung erregt. Der Pekinger Korrespondent des „Golos Moskwy" berichtet, daß der Krieg mit Rußland in China als endgültig und unumstößlich beschlossen gelte, da in China die Ueberzeugung vor­herrsche, Rußland gebe durch seine Stellungnahme in der mongolischen Frage das Signal zur A n f t e i- lung Chinas unter die Mächte. Nach Meldun­gen japanischer Blätter hat Puan-Shi-Kai den Plan einer im Frühjahre zu unternehmenden Strafexpe­dition in die Mongolei gebilligt und ben. Gouverneu­ren zur Kenntnis gebracht, daß sie entsprechende Vorkehrungen zu treffen hätten. Die mongolische Regierung in U r g a rüstet ihrerseits, wie „Nowoje ® rem ja" mitteilt, zur Abwehr und hat sich mit dem Ersuchen an Rußland gewendet, neue Militär­instruktoren zu entsenden, ferner Geschütze, Mcffchi- nengewehre und Bajonette zu liefern.

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Unpolitische ZeMSuse.

N. Berlin, 16. Januar 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.) ssest und hört man von dem modernen Schmderhannes, dem Mafsenraubmörder Ster- u t ck e l. Leider! Diese Bestie in Menschengestalt 'ru „berühmt" gemacht. In einigen Ber- JSl’Jwerden sogar tiefsinnige „psycholo- ÄLnl-L?'7 °ufgettM über das Geistes- und Ü ä nu?’ gewerbsmäßigen Mordbrenners. Denn es nun zur Gerichtsverhandlung kommt, so wird der »Held abermals in bengalischer Beleuch- St Än9 Ä SrusMchtigen Publikum borge- N Ä ÄSE- B" d>- S<hu»d.

Dreistigkeit. Die letztere Eigenschaft hat es 9 jbm £°9S ^acht, nicht nur zweimal aussen Händen der Gendarmen wreder zu entweichen sondern vrele Jahre lang ungestört in Preußen zu leben nfi* schon ein Steckbrief mit auffallenden Kennzeichen' und 10 MO Mark Belohnung hinter chm erNwar „ Dann liegt daS Bemerkenswerte an diesem Fall Sonst pflegen bte Verbrecher die Großstadt Vorzug xehen, w deren Menschengewühl sie untertaucht

^lefcr Raubmörder ging aufs Land, auf das platte Land, fand als Müllergeselle oder Bauern- mecht ein Unterkommen, vertrieb sich die fceic Seit m Radfahrvereinen, auf Tanzböden, mit Dorflieb, schäften usw., bis er die Gelegcnheft zu einem loh. nenden Raubmord gefunden hatte.

Wie ist es möglich, daß ein Bauer in Oderbntch ^nen Knecht in fern Haus aufnimmt, der gar keine Papiere hat? Wie kann der Hausvater sechs Wochen mnA die polizeiliche Anmeldung des neuen Hausge. Nossen unterlaßen? Das macht die Leutenot. Die ^nndwtrte sind froh, wenn sic überhaupt nur eine -ftbcitskraft bekommen können. Sie greifen zu, ohne it einen Ausweis zu fordern. Sie nehmen den zu« »Ar-enen Menschen an ihren Tisch und in den ile h t um’ °$ne etwas weiteres von ihm zu Wiffen, w et zwei Arme zum Arbeiten hat. Wenn der

Knecht keine Lust hat, sich auf der Polizei anmelden zu lassen, so sieht man von der vorgeschriebenen An­meldung ab; sonst könnte ja der Helfer wieder lau­fen gehen.

Die Leutenot kann so etwas vielleicht erklären, aber doch nicht entschuldigen. Soweit darf man doch auf keinen Fall den Leichtsinn treiben, daß man einen wildfremden Menschen, der keinen schriftlichen und keinen mündlichen Ausweis hat, ohne weiteres in sein Haus, in seine Familie aufnimmt. Und wie nachläffig müßen dort die Amtsgeschäste geführt wer­den, wenn ein zugezogener Knecht sich sechs Wochen lang dort bewegen kann ohne daß sich jemand um die polizeiliche Anmeldung kümmert? Der Verbre­cher hat sich natürlich keineswegs in dem Anwesen verborgen gehalten, sondern sich frank und frei über­all gezeigt, wo etwas los war.

Aus dieser Erfahrung ergeben sich zwei Lehren, eine für die Polizei und eine für die Hausväter.

Die Polizei muß bei der Verfolgung von flüch­tigen Verbrechern auch das platte Land im Auge be- halten. Man sieht ja, daß die alte Annahme, der Verbrecher flüchte in die städtischen Schlupfwinkel, laugst nicht immer zutrifft. Die Verbrecher betreiben auch daß Gegenteil von Landflucht, nämlich die Flucht auf das Land. Sie können dort länge- Aufent­halt nehmen, wie Sternickel, ober auch „Geschäfts­reisen" durch die Dörfer unternehmen. ES ist ja sehr bezeichnend, daß Sternickel, als er zu der letzten Mordtat Helfershelfer braucbte, in seine- Landein« samkeft drei „Berliner" traf, die sich zu Mordgesellen eigneten. Wenn gewiegte Kriminalbeamte von Zeit zu Zeit Stteifzüae durch das platte Land machten, so könnten sie wahrscheinlich manchen finden, den sie bisher veraeblich aefutfci haben. Die Vorbedingung dazu ist freilich die allaerneine Durchführung der Meldevflicbt. Wenn ich Minister des Innern toäre, hürbe ich sofort den Landräten und den Bür« aermeiftern der kreisfreien Städte eine außerordent- k'che Nachprüfung der Richtigkeit und Vollständigkeit der Meldereaister zur Pflicht machen.

, In Deutschland besteht weithin eine gewiffe Ab­neigung gegen die Polizei; wenigstens fehlt es an Bereftschaft zur Unterstützung der Polizei. Wie das

kommt, mag oahmgestellt sein. Aber, wenn es sich um Maßnahmen zur Abwehr von Verbrechern handelt, so sollte jeder gute Bürger das feinige dazu betragen, daß die Sicherheit von Gut und Leben ge- wahrt Eietibe. Man sieht ja, daß die polizeiliche An­meldung nicht eine lästige burcaukratische Formalität fft, sondern ein wesentliches Mittel zur Verhütung von Untaten. Darum sollte jeder darauf achten, daß N'cht w seinem Orte oder in seiner Nachbarschaft sich lichtscheue Leute fesffetzen.

Die Haupffache bleibt fteilich, daß jeder Haus- Vater das eigene Haus rein hält, also bei der Aufnahme von Gesinde vorsichttg ist. Ein der« brecherischer Knecht, eine liederliche Magd sind doch noch viel größere liebel, als der Mangel an einem Knecht oder einer Magd. Prüfet alles und behaltet nur das zuverläßige Personal.

Der Landwirt im Oderbruch hat seinen Leichtsinn bei der Aufnahme des Knechtes „Heinrich" mit dem eigenen Tode, dem Tode seiner Frau unb dem Siech­tum feiner Kinder bezahlen müssen. Wir wollen nicht hoffen, daß man anderswo den Leichtsinn eben- foweit treibt; aber eine Mahnung zur Vorsicht ist doch am Platze. Es handelt sich ja keineswegs um die Abwehr von Mördern allein. Auch die Ver­hütung von Diebstählen ist nur ein Gesichts- punkt, nicht der alleinige. Wer einen Dienstboten in sein Hauswesen aufnimmt, muß auch auf die fitt« i licken Wirkungen achten, die von dem neuen Mit- afieb auSaeben. Wenn ein Aeraernis zu befürchten ist, vielleicht faaar eine Verführung der Kinder, dann erbietet die Vater« und Muttervflickt: Fort mit dem S'ttenverderder! Es gibt nickt blaß LeibeSmördor, sondern auck Seelenmörder; es wird auch Gift für die Serien aemifckt unb verabreicht. W" eine solche Gefahr droht, da müssen affe anderen Erwägungen | zuruckst-ben. und man muß sich auch einen mctteriel- ' Ten Nachteil aetollen lassen. eb° man bas moralische Wohl der Familie, b'a§ wahre Glück deS Hauses aufS , Spiel setzt.

! Die Gesindefrage ist ein höchst wichtiges unb sehr schwieriges Kapitel des modernen Wirtschaftslebens und Familienlebens. Ter alte patriarchalische Geist , ist entflohen; an Stelle des Vertrauensverhältnisses

tritt der Geschäftsgeist; der eine Teil wird an­spruchsvoller, der andere Teil verliert sein Wohlwol- len. Immer mehr Unzuftiedenheit, immer mehr Wechsel. Aus der Unstetigkeit der Verhältnisse er­gibt sich vielfach Mangel au V o r s i ch t bei der Auf­nahme und Mangel an N a ch s i ch t bei der Be­handlung der Leute. Ja, Nachsicht und Geduld müs­sen ebenso entschieden gefordert werden, wie Strenge bet der Ausmerzung von schlechten Elementen' Wenn jemand HauS- und Hofgehilfcn gefunden hat, die ehr- lich, gutwillig unb sittlich tadellos sind, so soll er dem Himmel danken und die Leute zu behalten suchen, auch wenn sie in ihren Leistungen nicht ganz auf der Höhe stehen. Wo der gute Wille vorhanden fft, da lassen sich die vorhandenen Mängel nach unb nach beseitigen. Die Herrschaft muß durch eine weiss Mischung von Wohlwollen und Autorität, durch ae« duldiae Belehrung, gutes Beispiel und ruhige, ziel- bewußte Führung zugleich Vertrauen unb Resvekt zu erringen wissen. Das ewige Kritteln und Schel­ten macht eS nickt: die Untergebenen dürfen nicht von Saunen und Uebertreibungen sich geauält füllen. Gerechtigkeit ist die Grundlage der großen Staaten und auck des kleinen Hausstgates. Besser nock Ge- reckfiakeit mit Strenge als Willkür mit fckwacklicken Zwifckenvaufen! Zu dem outen Recht de? Gesindes gehört die ausreichende Vervflemmg. Wer verlangt, doß sich die L»'tte als brave Glieder des HauSwefeus fühlen «mb ffibrnt. der muß auck fein fSe-renre(fii mit ettrms väterlicher und m''tterlich"r Liebe aus» üben. Die 9»itte müssen fsiblen, daß man auf ihr Wo'^ bedackt ist. Wer ungeduldig wo-d-n miss, ntöae »unöckst erwägen, ob et bei einem Wechsel wirlstch etwas b"sieres erreicht.

Es ist beitt-ittgge nickt lelckt. .^errlckaft zu fein) Aber ob die Kunst lckwer oder leickt ist, sie muß er» brüt und guckt werden. „Einige ^uu-n'S, andere lernen eS nie", tagte mein astet Schullehrer. -. et es neck nickt kann, der tollte dock mal Umschatt halten bei dem Ngckborn oder Bekanut-u d"t beL, ter mit seinen Q»uten auskommt. Absehen ir" ja in der Lebensschule erlaubt.