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Erstes Blatt

Nr. 12

Donnerstag den 16. Januar 1913.

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Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 15. Januar 1913.

Fortsetzung der zweiten Beratung über den Etat des Ministeriums des Innern.

Abg. Freiherr v. Elamp (Rp.): Namens meiner Freunde habe ich zunächst unsere Entrüstung über daS Auftreten des Reichstagsabgeordneten Wetterte Aus­druck zu geben. (Lebh. Beifall rechts.) Wie die schlimm­sten französischen Chauvinisten hat Wetterte die Rcvanchegefinnung der französischen Bevölkerung auf­gelegt. Der elsaß-lothringische Landtag hat bereits seiner Empörung Ausdruck gegeben. Ein Mann, der so auf- tritt wie Wetterte, sollte selbst einsehen, daß für_ ihn im Deutschen Reichstag kein Platz ist. (Lebh. Zustim­mung.) Die Entwicklung der Verhältnisse in E l s a ß - L o t h r i n g e n erfüllt uns mit Sorge. Wir verlangen ausführliches Material, damit noch in dieser Session diese wichtige Frage hier er tert wird. Der Redner wendet sich dann dem Etat zu. Die Ansicht des Abgeordneten Fischer, daß unsere soziale Gesetz­gebung seit dem Ausscheiden de§ Grafen Posadowsky aus dem Amte stillgestanden hat, trifft nicht zu. Die Sozialdemokraten sollten doch einmal auf ihre Genossen in Frankreich wirken, daß dort die sozialen Einrick tungen getroffen werden, wie sie bei uns zu finden find. Die Anregung des Grafen Westarp wegen eines V e r- botes des Streikposten stehens begrüßen wir. Die Entwicklung der Warenhäuser beansprucht unsere größte Aufmerksamkeit. Vom preußischen Wahlrecht gilt, waZ Bismarck von preußischen Angelegenheiten sagte: Sie seien wie eine Wolljacke, erst kratzen sie etwas, nachher fühlt man sich aber sehr wohl darin. Der ge­planten sozialdemokratischen Volksversicherung ist die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Es muß ein Gegen­gewicht dazu geschaffen werden. Wenn die bürgert che Gesellschaft durch das Vorgehen der Sozialdemokratie aufgerüttelt wird, wird auch der nichtsozialdemokra- tische Arbeiter einen Segen auS der sozialdemokratischen Bewegung haben. (Beifall rechts.)

Abg. Irl (Ztr.): Wie kam gestern Herr Müller dazu, uns den Metterle an die Rockschötze zu hängen? Wetterle ist nicht Mitglied des Zentrums. Was Herr Müller- Meiningen über den Erlaß deS bayerischen Kriegsmini- ster gesagt hat, paßte gar nicht zu seinem sonstigen scharfen Vorgehen. Also heraus, Herr Müller, mit diesem Spaltpilz! Der Redner spricht dann über den Schutz des selbständigen Mittel st an de S. Der Reichstag ist dafür; er hat keine Schuld, wenn nichts geschieht; aber die verbündeten Regierungen haben mit wenigen Ausnahmen nichts in der Sache getan. Immer heißt es nur: „Erwägungen schweben!" Müssen wir denn immer warten, bis es zu spät ist? Ueberall hat man sonst Vorbeugungsmittel. Nur der Mittelstand mutz warten. Gewiß, Staats Hilfe tut es nicht allein. Gerade für den gewerblichen Mittelstand gilt vor allem das Wort: Arbeiten und nicht verzweifeln! — Aber man darf den Mittelstand doch nicht geradezu als Aschenbrödel behandeln. Die Regierung betont im­mer ihr Wohlwollen, aber die Gesetze, die dem Mittel­stand zugute kommen sollen, werden von den Beamten nicht immer in richtiger Weise angewendet. Die Marine- und andere Verwaltungen, die Lieferungen brauchen, sollten sich an die Handwerker direkt werden. Diese Bestrebungen werden von hoher Stelle unterstützt; deshalb sollten Beamten, die nicht so ver­fahren, bei Beförderungen und Auszeichnungen über­gangen werden. Es ist kein Wunder, wenn auf Hand- werkertagungen, wie in Würzburg, einmal kräftige Worte dagegen gesagt werden; deshalb brauchen di? Regierrngsvertreter nicht gleich empfindlich zu werden. Auch wir müssen einen energischen Schutz der Ar­beitswilligen verlangen. Wieviel Arbeiter müssen ihre Stelle verlassen, weil sie nicht einer sozialdemokra­tischen Lrganisation angehören wollen! (Hört, hört! und sehr richtig! im Ztr.) Dieser Terrorismus schadet nicht bloß den Handwerkern, sondern auch dem Handwerk selbst. (Sehr richtig! im Ztr.) In einem Falle mußte rin verheirateter älterer Geselle, der Meister gewesen war, so seine Arbeit verlieren, weil er nicht der freien Gewerkschaft beitreten wollte. Zum Schutz der ArbeitS- willigen ist nicht ein Ausnahmegesetz nötig. Wir bitten um baldige Vorlage einer Gewerbegesetznovelle bezüglich ber Handwerker im Sinne der Denkschrift deS letzten Handwerkskammertages. Dringend notwendig ist die Einführung deS zweiten Teiles deS Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen. Ter Gewerbe» stand mutz endlich mal die Bedeutung der Kreditgenos- sensckaften erkennen und darauf dringen, daß diese Ger ossenschaften sich noch mehr zusammenschlietzen. Wenn der Bundesrat nicht endlich einmal wenigstens unsere dringendsten Forderungen erfüllt, dann können wir nicht glauben, daß ihm ernstlich darum zu tun ist, den Mittelstand vor dem Untergang zu bewahren. (Bei­fall im Ztr.)

Präsident Dr. Kämpf macht den Redner darauf auf­merksam, datz es unzulässig sei, ein Mitglied des HauseS, wenn auch in bedingter Form, als unehrlich zu bezeich­nen, wie das Redner gegenüber den gestrigen Aus­führungen deS Abg. Dr. Müller-Meiningen getan hat.

Staatssekretär Dr. Delbrück: WaS die Sozialpolitik betrifft, so haben die meisten Vorredner die Frage des Koalitionsrechtes besonders erörtert. Meine Rede vom 10. Dezember vorigen Jahres hatte lediglich den Zweck, an der Hand der Gesetzgebung, der geschichtlichen Ent­wicklung unserer Gesetze und an der Judiklatur die Grenze des Koalitionsrechtes und der Gültigkeit deS Reicksvereinsgesetzes festzustellen. Ich fann nur ein« schreiten, wenn es sich bei einzelnen Vorkommnissen um grundsätzliche Abweichungen von der Ansicht der Reichsleitung handelt. Ich habe lediglich eine Abgren- ^zung des KoalitwnSrechtes und des Vereinsgesehes vor- genommen, daher ist es auch unzutreffend, wenn der Abg. Fiscker mir vorwarf, daß meine Ausführungen zum Koalitionsrecht eine Verhöhnung beeS Koalitions- rechtes bedeuten. Auch hinsichtlich der Gewerkschafts, enzyklika habe ick an meiner Rede vom 10. Dezember nichts mehr zu ändern oder in Abrede zu stellen. Be- züglich bei mit der Kurie gepflogenen Verhandlungen genügt es, zu sagen, daß wir in dem Gewerkschaftsstreit vermittelnd cingriffcn und in Rom zugunsten her interkonfessionellen Gewerkschaften gewirkt haben und datz die Kurie den Willen hat, den katholischen Arbei- tern den Beitritt zu den Gewerkschaften nicht zu ver­wehren und damit ist daS Fortbestehen der Gewerkschaf, ten in der bisherigen Weise gesickert. Mit dem Koali- tirnsrecht hängt die Frage des Schutzes der Urbeits» willigen eng zusammen. Ick stehe noch auf dem­selben Standpunkte wie im vergangenen Stebre, gleichen die übrigen beteiligten Ressorts und der Reichs- kanzler. Ein Verbot des S t r e i k p o st e n st e h e n o eröckte ich als ein untaugliches Mittel zur Bekämpfung des Uebels. Eine völlige Beseitigung der Belästigungen der Arbeitswilligen ist nur möglich durch eine neue systematische Aenderi-ug unserer strafgesetz­

lieben Bestimmungen, an deren AitSarber» tung wir begriffen sind. (Hört! Hört! bei den Soz.) Die Ausschreitungen im Ruhrrevier wären auch borge, kommen und zur gerichtlichen Verhandlung gezogen wor­den, wenn wir ein Verbot deS Streikpostens gehabt hät­ten. In den meisten dieser Fälle handelt es sich um Ausschreitungen Streikender gegen Arbeitswillige, wäh­rend nur eine geringe Anzahl von Straftaten ArbeitS- williger zur Kenntnis der Gerichte gekommen sind. Die Vorgänge im Ruhrrevier zeigen, datz diejenigen recht haben, die Klage führen über die Belästigung der Ar- beitswivigen. Wenn die Sozialdemokraten da­hin wirken möchten, daß die Streikenden in den Grenzen des Gesetzes bleiben, dann ruft nie­mand mehr nach einem Gesetz. (Sehr gut.) In der Heiniarbeiterfrage find wir daran, daS Gesetz auszu» bauen. Auch hinsichtlich der schweren Eisenindustrie sind unS Vorwürfe nicht zu machen. Dort herrschen bessere Verhältnisse als im ganzen Ausland. Ein gewisser Ruhepunkt in der sozialen Politik ist angesichts der großen Erweiterungen der sozialen Gesetze in den letzten Jahren erklärlich. Vorläufig find wir zu einem gewis­sen Abschluß gekommen. Deutschland steht hinsichtlich seiner großen Fürsorge noch immer an der Spitze der Nationen. Die Sozialdemokratie hat keinen Anlaß, sich über das Matz unserer Sozialpolitik zu beklagen, sie erschwert nur die Arbeit, wenn sie das Ideal im Aus­lände sucht, und dieses auf Kosten des Vaterlandes lobt. Ich will keine Kritik üben an dem Verhalten eines Mitgliedes dieses Hauses, aber ich danke allen, die so entschlossen und tapfer gestern und heute ihrer Ab­neigung gegen ein derartiges Treiben Ausdruck gegeben haben. (Lebh. Beifall.)

Abg. b Gruse (kons.): Wir haben die MittelstandS- frage im Sinne des Handwerks und des kleinen Ge­werbes schon vertreten, als die nationalliberale Partei noch gar nicht daran dachte. Der Redner zählt einige Haiptmittelstandsforderungen auf: Beschränkung der Wanderloger, Abgrenzung von Fabrik und Handwetck, Heranziehunj der Industrie zu den Kosten der Lehr- lingsauSbikdung und vor allem Neuregelung deS Sub- mifsionsweseuS. Bei der Frage der Beseitigung deS § 100 q sind die Nationalliberalen erfreulicherweise un­sere Freunde geworden. DaS Wohlwollen der F»r e i f i n n i g e n für den Mittelstand ist mehr Väter- lich. Der Redner fordert weitere Maßnahmen gegen den Hausiererhandel, daS Zugabewesen und da? AuS- verkaufswefen. Tie soziale Arbeiterfürsorgegesetzgebung ist in erster Linie auf meine politschen Freunde zurück, zuführen. (Lachen links.) Wir treiben reine Mittel­standspolitik. Im lauen Bad deS HansabiindeS wird die weiße Lilie des Mittelstandes nicht aufblühen. (Beifall reckts, Lachen links.)

Abg. Dr. Toormann (Vp.): Herr b. Gamp hat das Treiben des Abg. Wetterle mit der elsaß-lothringischen Verfassung in Zusammenhang gebracht. Was hat die Verfassung damit zu tun? lieber den Hansabund wer- den wir uns mit den Konservativen niemals verstän. bißen. Wir machen eS nicht mit, wenn die Sozial- demokraten unsere ganze Sozialpolitik in Bausch und Bogen berrrteilen. Die freien Gewerkschaften, die einen großen Aufschwung, genommen haben, wollen jetzt durch die neue ^Volksfürsorge" weitere Kreise gewinnen. Wenn damit Gutes für die Arbeiter erreicht wird, würden wir uns freuen. Die Berufskrankheiten sollten in die Unfallversicherung einbezogen werden. Der Redner fordert eine reichsgesetzliche Regelung des WohnungS- wesens.

Abg. Echwabach (nafl.) führt Beschwerde über die Handhabung des Sprachenparagraphen des Vereins- gesetzes gegen die Litauer und andere königstreue Volks, flämme.

Abg. KurzawSki (Pole) wirft den deutschen Beamten in den Lstmarken Mißbrauch ihrer Amtsgewalt vor. Harmlose Vereine werden als politisch betrachtet und schikaniert.

Abg. Werner-Gießen (W. Vgg.): Wir verlangen in einer Resolution baS Verbot von Schaustellungen fremder Rasfenangehöriger, ferner fordern wir ein ®e. setz zum Verbot der Verwendung nicht deutscher Ge. schäftsbezeichnungen. DaS System der Einfuhrscheine ist für unsere ostdeutsche Landwirtschaft unbedingt notwen­dig. Die Interessen des Mittelstandes werden an hoher und höchster Stelle mit Füßen getreten. (Präsident Kämpf: Wenn Sie damit diejenige Stelle meinen, die an der Spitze des Reiches steht, so ist das eine Ausdrucksweise, die ich nickt scharf genug rügen kann.) Kempinski bezog von hoher Stelle Rabiner Kacheln und erhielt gleichfalls hohen Besuch. (Unruhe.) Auch eine Berliner Svnagoge kann sich hohen Besuches rühmen. (Unruhe.) Wir bedauern das im Interesse deS deutschen Namens und unseres Volkes, das un« Männer wie Bismarck und Zeppelin geschenkt hat. (Unruhe.) Wie die Warenhäuser bilden auch die Großbanken eine große Gefahr für unseren Mittelstand. Gegen die matz, lose Verhetzung der Sozialdemokratie muß die Regie, rung energische Maßnahmen ergreifen. Wir brauchen nicht nur einen Schutz für die Tiere, sondern auch für die Menschen, insbesondere sollten die ausländischen, nickigermanischen Studenten von unseren Hochschulen erngehalten werden. Auch wir mißbilligen das Auf. reten des Abgeordneten Wetterle. Ebenso wie er be» orgt aber auch die Fortschrittliche Volkspartei die Ge» ckäfte des Auslandes. (Großer Lärm.) Präsident Kämpf ruft den Redner zur Ordnung.) Wenn es aus die Sozialdemokraten ankommt, werden den ausländi­schen, bei uns gastierenden Arbeitern alle sozialpoliti. schon Vorteile zugewendet, unsere heimischen aber kön­nen ihretwegen betteln gehen. (Beifall rechts, Lachen links.)

Donnerstag: Weiterberatung.

)( WetterlS.

Her elsässische ReichStagSabg. Abbe WetkerkS bat in der verganuenrn Woche durch Fianlreich eine VortlagSreise gemacht, die ihn nach Le Havre und iHouen geiührt hat. Seh en für Paris angekünvigten Vortrag bat er auf Rat feiner Freunde nicht selbst gehalten, sondern sein Konzept wurde von dem Leiter der Veriammlung vorgelesen. Jeder nationalfühlende Deutiche wird es aufs tiefste bedauern und unerträg­lich finden, daß em deutscher ReichStagsadgeordneter in dielen unruhigen Tagen in Frankreich umherzieht und Reoen hält, die nur zu sehr geeignet sind, den Chauvinismus in schlimmster Weife gegen Teutich. lano anzuiachen. Wir stimmen voll und ganz der ,®ermania' bei, wenn sie dieses Austreten Wetter lös mißbilligt. DaS Blatt schreibt:

Ein El>ab»Lothringer von 1913, der Mitglied deS Deutfchen Reichstages und des els.«lo:hr. Landtages ist, der zudem ein Geistlicher ist und dem (els.-Iothr.) Zentrum angehört, der muß sich gerotfie Reserven auterleaen. Tut

er das nicht, so kann er sich nicht gegen den Vorwurf rechtfertigen, daß er die eigenen Interessen über die der Allgemeinheit setzt. Wettens mußte die Schwierigkeiten vorauSfehen, die er der ganzen Partei bereiten würde, trotzdem es für jeden Einsichtigen klar ist, daß eine Partei keinerlei Verantwortung tragen kann für das, was ein Mitglied im Privatleben ritt.

Es werden denn auch m der Tat schon wieder Angriffe gegen daS Zentrum und die hinter ihm stehenden Katholiken laut. Nichts ist so ungerecht­fertigt wie das. ES wird uns niemals einfallen, für dieses DottragSlournee des FranzöSlingS StietlerlS eine Lanze zu brechen. So schreibt hierzu der Zetstrums- abgeordveie Kuckboif im ,Daa':

»Wir haben schon ScheidemannS Vorgehen im Herbst vorigen Jahres verurteilt, und seine Aentzerungen waren zweifellos nicht so gefährlich wie die WetterleS. Auch hat ein Scheidemann nicht die Verantwortung wie Wet» teile, denn Wetterle fitzt im Reichstage auf der rechten Seite des Hauses, er gehört — wenigstens äußerlich — zum elsaß-lothringischen Zentrum, ist Katholik und ka­tholischer Priester. In diesen letzteren beiden Eigen- schäften hätte er allen Grund, sich Beschränkungen auf. zuerlegen, denn das Ansehen und der gute Name des Katholizismus müssen durchaus darunter leiden, wenn einer, der in feinen Reihen durch fein Amt als Seel­sorger gezeichnet ist, derartige Reden hält, die den Frie­den der Völker gefährden können. . . . Welche Kämpfe haben die deutschen Katholiken geführt, um nachzuwei. sen, daß sie auf dem Boden beS neuen Deutschen Rei­ches stehen, und zu den deutschen Katholiken gehören auck die in Elsaß-Lothringen. Man wird in diesem Lande ir diesem Jahre die große Tagung der Katholiken abhalten. Diese Tagungen haben immer großen Wert darauf gelegt, ihrer patriotischen Gesinnung offen und laut Ausdruck zu geben. Wenn nun auch der Abg. Wetterle wenig Einfluß mehr in seiner Partei hat, so ist er doch vom elsaß-lothringischen Volke gewählt, und in dieser Eigenschaft hat er Rücksicht zu nehmen auf den deutschen Katholizismus, dem er nun einen ungast, liehen Empfang im Lande zu bereiten sich anschickt."

Der „Elsässer Kurier" schreibt:

„Sollte Herr Wetterle ganz so gesprochen haben, wie es ihm in den Mund gelegt wird, so muß von allen Seiten der schärfste Protest dagegen erhoben werden. . . . Wetterle mag gesagt haben, was er will; er hat gesagt. WaS et denkt, und er hätte ein endgültiges Ur­teil über sich selbst gesprochen."

deutscher Reich.

♦♦ Berlin, 15. Im. 1913. Der Kaiser beschloß, ernt 18. Januar im Königlichen Schlosse mit veu kapilelsähigen Rittern deS Ordens vom Schwärzen Adler die feierliche Investitur einiger Mitglieder vornehmen und ein OrdenSkapitel abzuhalten. — Kaiser Wilhelm wird anfangs März dem Kaiser Franz Joseph gelegentltch seiner Korfu.eise in Schönbrunn einen Besuch abftatten.

Aus dem Reichstage. Im Reichstage nahmen die zweite Lesung über den Etat deS Innern, und zwar beim Titel »Gehalt des Staatssekretärs" ihren Fortgang. Vom Etat selbst war auch heute wieder kaum die Rede. Man beschäftigte sich im Gegenteil mit den verschiedenartigsten Fragen unserer Wtrt- fchastS-, Handels» und Sozialpolitik. Auch die Affäre Wett er! 6 spielte in den Verhandlungen eine große Rolle. Wenn der Abg. Welterlö im Hause anwesend gerne en wäre, so wür-e er sicherlich von dem, roaS man heute über ihn tagte, wenig ettteul gewesen sein. Gleich der erste Redner, der Reichs» partetler v. Gamp verurteilte in den schr fiten Worten die Reden Wetterläk, die er in der letzten Zett in Frankreich gehalten hat. Der Redner fand lebhaften Bet all, als er meinte, Wetter 14 müsse nach seinen Leistungen in Franlreich nun doch eigentlich den Schluß ziehen, daß er in den Deutschen Reichs­tag nicht mehr htneinpaffe. Auch der nachlolgende Redner, der 'Zentrumsabgeordnete Irl, mißbilligte das Verhalt n WetterlSS. Ta am Dienstag der frei­sinnige Abgeordnete Müller-Meiningen den Versuch gemacht hatte, WetterlS dem Zentrum an die Rock- ichößr zu hängen, so hielt es der Abg. Irl für not­wendig, daraus dinzuweifen, daß Wetter!4 dem Zen­trum nicht angehöre und auch noch nicht angehört bade. DaS sollte, so meinte der Abg. Irl weiter, der Abg. Müller-Me nmgen doch auch w.ffen. Hat er eS aber gewußt, so war sein Verhalten am Diens­tag nicht ehrlich. Schon lange nachdem dec Abg. Irl geendet hatte, erhob sich droben am Präsidenten« tisch Herr Kämpf, um dem Abg. Irl für den dem Abg. Müller-Memingen in bedingter Form gemachten Vorwurf der Unehrlichkeit eine Rüge zu erteilen. Wenn eS gilt, seine Parteifreunde zu schützen, bann ist Präsident Kämpf stet« bei bet Hand. Erlaubt sich aber die Linke arobe Beleidigungen ber übrigen Parteien und bet Regierung, bann ist Herr Kämpf taub. Dafür hat er seiner tfeit ben Beweis geliefert, als er es zulreß, daß der Sozialdemokrat Scheibemann den Herrn ReichStanzler ht ber gröblichsten Weife beleidigte, fosag dieser sich gezwungen sah, angesichts der sonderbaren GeschäslSführung des Herrn Kämpf den Saal zn oerlaffen. Doch nun genug hiervon. Lebhaftem Interesse begegnete bet Abg. Irl mit feiner Rede sowohl von Seiten bei Haus.'S als auch auf ber Regierungsbank. Er war bet Dolmetfch des MittelftandeS, der mit Recht von sich sagen kann, daß er in ben letzten Jahren von bet Regie­rung stiefmütterlich behandelt worden ist. Schutz der Handwerkerdausorderungen, Schutz gegen ben Bau- fchwlndel, Schutz gegen die ®ea mtenfonfumneteme ufw. Eine gante Liste von berechtigten Forderungen ließe sich au1 ließen. Und daS Zentrum spendete leb­haften Beifall, als der Redner an die hohe Regie­rung die Bitte richtete, nun endlich einmal vom toten Gleise der Erwägungen herauSzutommen und wenigstens etliche bet zahlreichen Handwerleriorbe« tungen zu erfüllen. Dann erhob sich ber Staats» fekretär deS Innern Dr Delbrück, in besten Ressort alle bie Wünsche und Klagen fallen. Dr. Delbrück sprach lange und eingehend über die verschiedensten Wirtschaftsgebiete und wat auch imstande, vereinzelte Versprechungen abzugeben. Im Otogen und Ganzen aber veMelt et sich reserviert. Hinsichtlich beS Streik» postenstehenS konnte man aus feinen Ausführungen

40. Zahrgang.

herauslesen, daß das Verbot des StrcikpostenslehrnS in dem kommenden neuen Strafgesetz gercge.t werden solle.

a. Die polnische Riichslagssraktion hat beschlossen, eine Interpellation übet die Enteignung emzu» bringen. Zu Rednern find die Abgeordneten Scysa und v. MorawSki bestimmt.

4- Der Entwurf eines Fideikommißgesetzes ist soweit fettiggestellt, daß er demnächst dem preußifchen Staatc-ministertum zur Bejchlußfastung zugehen fann. Et soll dem neugewählten Landtag als eine der ersten Vorlagen zur Durchberatung vorgetegt weroen. Auch der Entwurf eines Ftschereigeietzes ist fertig» gestellt und nochmals einer eingehenden Durchsicht unterzogen rooroen, so daß demnächst feine Einbrin­gung in das Staatsministerium erfolgen bürte. Er wird ebenfalls nach dem Zusammentritt des neuen Landtags vielen beschatttgen.

-T- Eine Fahrplankonferenz zwischen den deutschen, österreichischen und uiederländischen Eisenbahnver roaltungen wird in der nächsten Woche in München ftatiftnäen. Es soll dabei eine Verbesserung einzelner Verbindungen zwischen Mittel- und Süddeutschland, resp. Vlistingen und Süddeutschland beschlossen werden.

(*) Die Aussichten der Sozialdemokratie bei den am 14. Mai stattfindenden LandtagZwahlen beurteilt der sozialdemokratische Reichstagsabgeord­nete für Frankfurt a. Main Dr. Guard in einem Artikel in der „Neuen Zeit" recht kühl, indem et schreibt:

„ Sewiß, wir haben von 1903 auf 1908 die Wahl­beteiligung unserer Anhänger gewaltig zu steigern und beinahe zu verdoppeln verstanden, von 298410 auf 521265 sozialistisch stimmende Urwähler in der dritten Klasse allein. Aber von den 521255 roten Urwählern dritter Klasse fallen allein 420 328 auf die Städte, und der sehr geringe Anteil von 100 9.17 Urwählern auf das Land, wöbet die außerordentliche ®ejentrahfation der Industrie zu beachten ist, die in Preußen auch die ehe» mats rein agrarischen Bezirke proletarisch mehr und mehr durchsetzt. So stimmten im roeltjält chen Landlreis Recklinghausen, wo überhaupt tast nur Jndunrie» arbeitet und Bergleute wohnen, 1908 gante 2331 Ur­wähler der dritten Klasse von 34 4.5 Urwählern dieser Klasse Übet Haupt für uns, im ©labtlreile Gels en- tträten von 23352 Urwählern gar nur 1337, und von ostetbifchen, auch schlesischen «ehrten soll dabei erst gar nicht einmal geredet werden. Wit dürien die preußts en Wahlziffern auch einmal von dieser Seite betrachten, ganz tühl und nüchtern, uns uns sagen, daß solche Teil­nahmslosigkeit Bände redet von der schweren politischen Beweglichkeit der preußischen Ar beiter massen, soweit sie nicht, wie in Berlin und Umgegend, im fortwährenden Feuer und in einer ausgezeichneten Organisation steben, die sie nie locket läßt."

Aus den Worten Quarcks spricht vor allem der tiefe Schmerz, datz es den „Genossen" bisher , trotz aller Mühe nicht gelungen ist, ebenso wenig wie in dem „von den Psafsen beherrschten" Rheinland in Westfalen festen Futz zu fassen.

+ Bermiing ins Herrenhaus. Der Rittergutsbesitzer Cetonomietat v Tellemann in Köln ist aus Lebens­

zeit ins Herrenhaus berufen worden.

♦ Die deutsche Kolonialzeitung, in deren vorletz­ten Nummer bekanntlich ein kultnrkämpferischer Ausfall des Hauptmanns von Pcrbandt enthalten war, schreibt in ihrer neuesten Ausgabe:

„In der letzten Nummer ist leidcr in einer Buch­besprechung des Herrn von Perbandi verskhent.ich eine Bemei tuna stehen geblieben, die die Schrisilestuna n t d) t billigt, wie jedem, der unsere Wochenschrift und idre Bestrebungen kennt, gewiß ohne weiteres tlar gewesen ist.

** Unkenntnis in katholischen Dingen. ^In der soeben im Berlage von Arthitr Dolge in "Stuttgart erschienenen Schrift: „Türkei, Oesterreich Deutsch, land" von Privatdozent Albrecht Wirth liest man auf Seite 43 und 44 u. a. folgendes:

czch habe lange NI laiholilchen Gegenden gewohnt und habe io manche Vorteile tatbohtoer Kultur Sätzen gelernt. Dazu rechne ich allerdings richt die widrige Üeberwachung, die an österreichischen Schulen von festen des Klerus geübt wird, und sonst noch v'e eS. Genug, in der abschühenden Beurteilung der Sitbohlen, tn bet sich namentlich Berliner und Hamburger hervortun, wird viel gesündigt. Abgeschmackt war es von den hansiawchen Feinden des Fuisten!°n,ern?, d>e von Emden aitS geplante Schiffahrisverbindung, die Auaust Thyssen, der Herzog von Ufeft, Fürst Fürstenberg wollen, als „katholische Linie" verächiltch zu machen. Wemg. ftnts ist sie nicht ,'oniftisch. Allgemein 9^ten im llortien die Raitioliten als minder begabt. Nun, ^te beit haben die Lettie doch im Erfolge emes Windt- barst eine» Pierpont Morgan, eines Grasen Galen und dadurch gezeigt, daß die

bi» Vertreterin einer Minderheit, Jahre hindurch bie Geschicke Deutschlands lentte und daß letzt, unter dem Katholiken Hertling, Bayern in Deutichland voran ist. Da» sollte denn doch das Urteil der evangeliichen Brüder etwa» ändern! In jebem F lle neben diese dann hinter ihren christlichen Glaubensgeguern zur , daß sie von den gegnerischen Zuständen roeivg wissen, ihr Schrifttum überhaupt nicht lesen, wahrend die Satbo Uten über die Ansichten und Wandlungen nn evan geloschen Lager meist recht gut, wanchma sogar au«- gezeichnet unterrichtet sind. Zu allen Deutschen geh doch auch alle Kathoiilen."

0-0 Straßburg, 15. Jan. 1913. Der Reichs- und Lanbtagsabgeorbnete Abbh W e t ter 1 6 , ber a Parlamentarier der „Els.-Lothr. Gruppe angchort, unternahm vor kurzer Zeit eine Vorlragsreise nach Frankreich. Seine Reben, bie Stimmiiiig für den Abfall der ReichSlande von Dentschlanb und — anschlutz an Frankreich bezwecken 1°^", ruse,i m allen Teilen Deutschlands peinliches « Heben ber vor. DaS führende katholische Blatt iLlsaß-Lothrtn genS, die „Lothringer BvlkSstimwe , verost. > ck nun einen scharfen Artikel gegenWetterlös traaSreise, der an Teiitlichkeit nichts zu wunfchen übria läßt. Es wird ihm mit Recht frevelhasteS Spiel mit dem Feuer unb Selbstsucht vorgeworfen unb sein Verhalten als uuverantivortllch und bet» hängniSvoll bezeichnet. - Morgen Wird hier eine Protestversammlung gegen das sriedenstorende Ge- bahren des Lc-ndtagSabgeordneten Tr. Wetterle ftatt« finden — Der elsaß-lothringische Land- taa bat am Di-nstaa seine Arbeiten wieder aufge-