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5. Blatt.

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Fuldaer Leitung.

JVs 8.

samrtag U. Januar 19f3.

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Mobilisation konnte dir osterreichisch-nngarische Re­gierung selbstverständlich bei den jetzigen ungeklärten Verhältnissen noch nicht eingehen.

In Portugal hat es eine Ministerkrisis gege­ben, an sich kein Aussehen erregendes Ereignis, bei den Drunter- und Drüber-Zuständen, die in der Mu- sterrepublik herrschen. DaS Vie versprechende Pro­gramm des neuen Ministerpräsidenten lautet frei­lich: Disziplin in der Armee, Toleranz im bürgerli- chen Leben und Verbesserung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage, ob er aber die Kraft und Fähig­keit besitzt, es durchzuführen, ist eine andere Sache.

die deutsche Auswanderung in ganz anderer Weise, als es bisher geschieht, geregelt und in überseeilche Kul­turländer abgcführt werden, mit denen Niedcrlas- sungsverträge nach Art des japanisch-brasilianischen Nnsiedlungsvcrtrags abz» schließen wären. Dann bät- ten wir keine notleidenden Massen, keine industrielle Reservearmee im Land, die wir nicht ernähren konn­ten, dami, aber auch erst dann wäre die Gefahr des Hungers für alle Zeiten beschworen.

Vermischtes.

* Ein Opfer seiner Spekulationen. In Schlett- stadt (Elsaß) wurde der Direktor der dortigen Filiale der Allgemeinen Elsässischen Bank-Gesellschaft Karl Müller nach einer Revision der Bücher durch die Generaldirektoren dieser Gesellschaft verhaftet. Man spricht von einem Fehlbeträge von 80000 Mark. Müller führte ein einfaches Leben und ist ein Opfer seiner Spekulationen geworden. Das nicht unbe- dcukende Vermögen des Verhafteten ist gerichtlich

Was soll denn nun geschehen, um das Gespenst des Hungers zu bannen? Jede kriegerische Unterneh- muna zum Zweck der Eroberung von Märkten oder von Ländern ist ein veraltetes und im höchsten Maße zweischneidiger Verfahren. Die Möglichkeit einer Niederlage muß btUtgertoeife ebenso fest ins Auge gefaßt werden wie die Möglichkeit einer Sieger. Wäh­rend des ostasiatischen Krieges sind die LebenSmittel- preise in dem Getreide exportierenden Rußland umS Dreifache gestiegen. Die für da? alte Europa lebens­gefährlichen Dalkanwirren werden ähnliche Folgen zeitigen. In dem relativ getreidearmen Deutschland würben die Preise im Falle eines Krieges, in bett wir selbst verwickelt würden, wahrscheinlich aufs Zehn­fache steigen. Schlägt sich aber Rußland auf die Seite unserer Feinde, so ist uns die Hungersnot gewiß.

Vochen-Uun-schau.

[:] Fulda, io. Januar 1913.

Das durch den Tod von Kiderlen-Waechters ver­waiste Auswärtige Amt hat in der Person des vls- hcrigeii Bolschaiiers am italienischen Hme, tvott- lieb von Jagow, einen neuen Leiter erhalten. Seine offizielle Ernennung ist zwar noch nicht be­kannt gegeben worden, wohl aber verlautet halbamt- lich daß er als Nachfolger des verstorbenen Staats- selr'etärs in Aussicht genommen worden sei. ^aS bisherige Ausbleiben einer amtl. Bekanntmachung bürgte vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß die Berufung von Jagows zum ^taat^feiretar ein grü­neres diplomatische? Revirement zur Folge haben bürft1’ Seine Ernennung wird in den Blattern nut -Zurückhaltung notiert. Die Frage, ob er den schwe­ren urd hohen Anforderungen, die die Leitung der Auswärt-m Politik des Deutschen Reiches, zumal in d-r ict'gcn Zeit politischer Hochkonjunktur, an rhn stellt gewachsen ilt, im bejahenden Sinne zu beant- Worten b-ebe freilich auch Vorschußlorbeeren auStet- len M-chr als ein ruhiges Vertrauen auf seinen guten Willen und seine Arbeitskraft wird Herr von "laoow wohl selbst kaum erwarten. Zu seinen Guu- stnt spricht seine schnelle diplomatische Laufbahn — ’r ist noch nicht 50 Jahre ast. Römische Korrcspon- ,entCrt rühmen ihn als einen Diplomaten von großer .Arbeitsamkeit.

Der Detttsche Reichstag und daS Preußische Ab- geordnetenhaus sind nach Bcendigtrng der Wcih- nachteferien wieder zusammengetreten. DaS Mge- wdneteuhaus, daS jetzt zum letzten Male vor seiner kliiklösung tagt, hat die Beratung des Etats in An­griff genommen, eingeleitet durch eins Rede des yinan-,Ministers Dr. Lentze.

Eine Konferenz der Finanzminister der deut,chen Bundesstaaten fand in Berlin statt. Obwohl der über ihre geheimen Beratungen attSgebreitete Schleier nicht gelüftet wurde, so verlautet doch, daß sich hie Finanzleiter der süddeutschen Staaten gegen eine Ueberlastung einer Besitzsteuer des Reiches ausge­sprochen hätten.

Der Streik auf den Gruben im Saarrevier, dessen Beginn von den christlichen Gewerkschaften für den 2. Januar festgesetzt war, ist durch da? Entgegen­kommen der Behörden und ein Eingehen auf die be­rechtigten Forderungen der Bergleute verhütet Wor­den.

Unter den Toten der Woche befinden sich der frühere Geueralstabschef der Armee, Generalfeldmar­schall Graf von Schlieffen, und der Bischof von Lim­burg, Tr. Dominikus Willi.

In Frankreich hat man wieder einmal ein größeres Marineunglück zu verzeichnen. Eine Dampf­rohrexplosion auf dem Panzerkreuzer „Massena" hat neun Tote gefordert. Diese fortgesetzten Unfallmel­dungen auf frainäsischen Kriegsschiffen erwecken ge­rade keinen günstigen Eindruck von den Zuständen auf ihnen. Die französische Presie, besonders die chauvinistische, kommt denn auch aus der kitzlichen Nervosität nicht mehr heraus. — Die Wahl des neuen Präsidenten der Republik ist von dem Ministerrat für den 17. d M. festgesetzt worden, lieber die Aussich­ten der verschiedenen Kandidaten herrscht noch keine Klarheit. Die meisten Chancen hat neben dem Se­nator Ribot anscheinend der jetzige Ministerpräsident Poincaree.

Tie Friedensverhandlungen in London sind auf einem toten Punkt angelanat. Da? Abtreten Adrianopels und der Aegäischen Inseln seitens der Pforte dürfte das sonst ruhiae Blut der Moslem in starke Wallung versetzen. In türkischen Offizierkrei­sen gährt es so wie so schon bedenklich. Hoffentlich gelingt es der gemeldeten Vermittelungstätigkeit der Großmächte, den Friedensknoten zu schlingen Ge­rüchte von einem Ausweg, den der englische Minister des AuSwärfigen Sir Edward Grey gefimden haben soll und der in der Neutralitätserklärung Adrianopels und seiner Umgebung bestehen soll, verdienen kaum eine Erörterung, dä eine solche Lösung weder die Bulgaren befriedigen kann, noch den Türken annehm­bar erfchcinen wird, da es ja für sie auf dasselbe hin- auskommt, auf den Verlust Adrianopels.

Die kritische Lage, die zwischen Rumänien und Bulgarien entstanden war, ist einer Hesse- ren Situation gewichen. Die es heißt, nehmen die Verhandlungen zwischen beiden Staaten einen für beide befriedigenden Verlauf. Sie werden Wohl zur Abtrewng eines schmalen Grenzstreifens an Rumä­nien führen.

Oesterreich behält in der Herzegowina und Bosnien noch immer verstärkte Truppenmassen un- terden Waffen. Auf die russische Anregung zur De-

2Ius Uirche und Schule,

* Limburg, 10. Jan. 1912. Zum BistumSver- Kiefer für die Zeit der Sedisvakam wurde der bi§> heri-e Generalvikar, Herr Domdekau Prälat Hilpi f ch gewählt.

A Die Hochschule für Kirchenmusik in Rsm. Eine Schöpftmg des Papstes, die in der katholischen Welt noch nicht das Interesse und die Unterstützung ge­funden bat, wie sie sie verdient, ist die Hochschule für Kirchenmusik in Rom. Diese Hochschule besteht seit zwei Jahren. Der hl. Vater hat von Ansang seiner Regierung an die Einheit des kirchlichen Gesanges in der ganzen katholischen Welt verlangt und seit Jahren arbeitet eine besondere Kommission an der Verwirklichung der päpstlichen Wünsche: aus dem Kirchengesang ein Gebet, eine Erhebung, keine Zer- streuung zu machen. Eine Reihe liturgischer Gesang­bücher ist bereits erschienen. Die Hochschule für Kir­chenmusik aber soll die notwendige» Lehrer und Ver­mittler für die Ausführung des kirchlichen Gesanges im Sinne des Papstes ausbilden. Diese Schule ist als» keine ausschließlich römische oder italienische Ein­richtung, sondern eine internationale Einrichtung. Die vatikanische Druckerei hat Aktien von 10, 100, 1000 Liren ausgegeben, welche einen Vcrmögens- grundstock für diese päpstliche Schöpfung abgeben sol­len.

2lus dem NachdargedieLe.

* Hanau, 10. Jan. 1913. Von deu typhus- kranken Soldaten des 1. Bataillons des Eisen­bahnregiments ist in dieser Nacht der Pionier Nees, gebürtig ans dem Dillkreis, gestorben. DaS ist daS 15. Opfer, das die Epidemie hinweggerafft hat. Die Zahl der Kranken betragt heute noch 165. 29 davon gaben hohes Fieber. Die Zahl der Genesenden ist 63. — Im Alter von 52 Jahren starb der Kaufmann Almeroth. Der Verstorbene hat sich als vieljähriger Vorsitzender des Hanauer Detaillistenvereins und als Magistratsmitglied wesentliche Verdienste erworben.

* Frankfurt, 10. Jan. 1913. Graf Zeppelin ist gestern hier eingetrofsen, um einer Vorführung auf dem Gebiete deS Motorbaues beizuwohnen, die vielleicht geeignet ist, eine Umwälzung auf industriel­lem Gebiete herbeizuführen. Es handelt sich um die Erfindung eines Frankfurter Ingenieurs BoSzhardt, der einen Motor konstruiert hat, der seinen notwen­digen Betriebsstoff — Elektrizität und Magnetismus — selbständig auS der Erde und aus der Lust nimmt,

ES bleibt zunächst nichts anderes übrig, als durch glichst vorteilhafte und bestimmt abgefaßte H a n - kommen den Absatz deutscher Industrie- Waren zu sichern, sodann aber ^cwußt einer Zeit ent» gegenzustreben, da sich D e u t s ch I a n d mit O est e r- reich-Ungarn, Frankreich und Italien iu einem mitteleuropäischen Wirt­schaftsgebiet zusammenschließen würde, oder einer Zeit', da es sich selbst genügen könnte, wobei ins­besondere darauf zu achten' wäre, daß dir deutsche Landwirtschaft stark genug gemacht werden müßte, um durch Ausdehnung und gleich- zeitige lebhafte Verstärkung des Betriebs das deutsche Volk ernähren zu können. Es müßte aber endlich

Unpolitische Zeitläufe.

N. Berlin, 9. Januar 1913.

(Nachdruck nicht gestattet.)

£,r$. dieses Jahr die vergnügliche Zeit Aschen Neuzahr und Aschermittwoch bemessen! Dar- uber seufzen manche Leute, die gern daS Tanzbein .schwingen und Mummenschanz treiben. Ostern, mei- nen sie hatte ganz gut noch einen ganzen Monat später fallen können. Andere freilich sagen, wir tön« ne“ m inesen wenigen Wochen den Geldbeutel und die Gesundheit genugsam strapazieren. Als Un- parteiischer bemerke ich: Schadet nicht- Küme ist des Witzes Würze und des Vergnügens bche Stürze. Wenn Abraham a Sancta Clara noch lebte, so wurde rr vermutlich sagen: der .Kurzschluß in elektri- ^hen Anlagen tft ein gefährliches Dina, aber der kurze Schluß von Besuchen, Unterhaltungen Luftbad kmten und dergleichen ist Wohltat und ÄeiSheit.

,Furz und gut". Da heutzutage Zeit als Geld gilt, so sollten wir etgentheg die Zeitverschwenduna uns schon abgewöhnt haben. In der Schule hat man d'e Kurzstunde eingeführt, und ich gönne auch gern den Schülern von heute diese und andere Erleichte­rungen, mit denen man uns vor 50 Jahren nich» verzärtelt hat- die Voraussetzung ist freilich, daß die Burschen in der verkürzten Stunde ihre ganze Auf. merksamkeit und Kraft dem Unterricht' widmen. ?yruher schrieb man längliche Briefe, faltete und ver- Igelte sie recht umständlich und Zahlte am Post, pyalter das beträchtliche .Franko". Jetzt zieht man •; der Rocktasche eine Postkarte, kritzelt ein paar ,cn darauf, steckt das Blättchen in einen der zahl.

- )en Briefkästen, und die Korrespondenz ist erle- 'jU.Emer mündlichen Besprechung brauchte man Emen Weg hin, ein langwieriges Gerede, und zuruck. Jetzt nimmt man den Hörer vom J’ric&t sich kurz und klar aus, hört die •2^5 “ Schluß! Der Gipfel der Kürze ist dort erreicht, wo man gar nichts sagt, z. B. in der Ber-

also eine billige Betriebskraft abgeben würde! Ueber die Einzelheiten der neuen Maschine kann nichts nä- hereS angegeben werden, da die Ersindung bereits von einer amerikanischen Gesellschaft angekauft worden ist, und sich der Ersinder lediglich das "Verwendungs- recht sür Deutschland Vorbehalten hat. Ein früheres Angebot deS Erfinders war von der deutschen Regie» rung obgelehnt worden. Jetzt hat man für die Sache Interesse gewonnen. Graf Zeppelin und mehrere Herren vom Patentamt in Berlin begaben sich in Be-» gl-itung deS Erfinders und seines'Patentanwaltes nach Nied, wo Boszhardt seine ersten Motore lausen lassen will. Eine Erdleitung sür die Stromentziehung ans der Erde und eine Leitung für die Stroment­ziehung aus der Lust bilden die ganze Anlage, in der die beiden Motors eingebaut werden sollen. Ein kleiner stationärer achtpferdiger Motor setzt sich von selbst in Bewegung, wenn der Motor zwei Stunden an die Leitung angeschlossen ist. Ein größerer beweglicher Motor, zu dessen Inbetriebsetzung etwa 3 Pferds» fräfte notwendig sind, soll sich selbst aus der Lust speisen und ununterbrochen lausen können. Wie der Erfinder glaubt, wird der Motor eine vollständige Umwälzung auf dem Gebiete der Elektrizitätswerks Hervorrufen. Große Fcuerungs- und Kesselanlagen seien vollständig übcrslüssig. Don unschätzbarem Wert sei der Motor für Autos, Straßenbahnen, Schiffe, Eisenbahnen, Luftschiffe und Flugmaschinen. Wenn sich die Hoffnungen be5 Erfinders alle erfüllen, kann seine Ersindung eine Umwälzung Hervorrufen. Vor­läufig darf man noch auf die Erfolge warten.

* Kassel, 10. Jan. 1913. In einer chemischen Fabrik fiel gestern ein Arbeiter in ein Bassin, das mit kochendem Wasser gefüllt war und zog sich schwere Brandwunden am linken Beine zu. — Ein junger Kaufmann schob in einem Gasthause einem später kommenden Freunde einen defekten Stuhl hin. Dieser setzte sich ahnungslos darauf. Bei:» Zurück- lehncn ging jedoch der Stuhl entzwei, und der junge Mann stürzte mit dem H'mterkopf derart gegen einen Tisch, daß er bewußtlos liegen blieb. Er hatte eine ffaffenbe Kopfwunde davongetragen. — Drei zuge­reiste Bäckergesellen hatten hier zusammen gekneipt und dann einen Spaziergang durch die Stadt unter­nommen. Als sie habet zum Rathaus kamen, erin­nerte sich einer von ihnen, daß er noch Steuern zu be« zahlen habe. Et bat nun, ihm 10 Mark zu leihen, er werd? diese alsbald zurückerstatten, denn er habe auf der Poft 100 Mark zu erbeben. Einer der gut­mütigen Kollegen gab die 10 Mark her, wartete dann aber vergebens auf die Rückkehr des neugewonnenen Freundes. Der saubere Bursche hatte durchs einen andern Ausgang dos Weite gesucht. — Hier zirkulie­ren falsche, aus Zinulegicrung bestehende Zweij- m a r k st ück e mit dem Bildnis König Wilhelms TI. von Württemberg, dem Münzzeichen F und der Jah- reSzahl 1908. Sie sind echten tauschend ähnlich, süh- len sich jedoch fettig an.

* Gießen, 10. Jgn. 1913. Ein großzügiger U m» bau de? Güter- und Rangierbahnhofes ist fettens der Eisenbahndirektion geplant. Es handelt sich tun eine direkte Verbindung der Bahnen Köln-Gi-chen und Frankfurt-Gießen für den Güterverkehr mit Um. gchung d»? Gießener Bahnhofes. Beide Bahnen fto. f:en im Bahnhof Gießen in einem spitzen Winkel zu­sammen und in diesem Winkel liegt Klein-Linden mit dem am nächsten nach Gießen verschobenen Dorsteil Bernha-bshausen. Zwischen diesem und Alt-Klein-Linden soll die zweigleisige Verbindungs­bahn durchgesübrt werden. Angeblich sind drei Mil­lionen Matt für die Anlage vorgesehen.

* Sprendlingen, 10. Jan. 1913. Ueber den kürz­lich gemeldeten Kirchenranb werden jetzt nähere Einzelheiten bekannt. Es wurden ein Kelch, eine Kelchkuppa, zwei silberne Tellerchen, sowie ein klei­nes silbcr-vergolbetes Gefäß gestohlen.

* Vom Eichsfeld, 10. Jan. 1913. In Worbis wurden durch Vertreter aus verschiedenen Ortschaften der Kreise Worbis, Heiligenstadt und Dnderstadt ein Eichsfelder Turngau mit Anschluß au den TurnkreiS Kassel gegründet.

liner Straßenbahn. Fahrgast und Schaffner tauschen einen Groschen und ein Billet aus, und wenn der Fahrgast ein Trinkgeld gibt, so fährt die Hand deS Schaffners in stummem Dank an die Mütze. Rem­pelt mau im Gedränge jemand an, so saßt man die Bitte um Entschuldigung der Kürze halber in das volltönende Fremdwort Pardong.

So sind wir in manchen Dingen schon recht kurz angebunden. Mer in anderen Dingen halten wir uns schadlos; da find auch die modernen Menschen noch recht langwierig und langweilig.

Da treffen sich zwei Freundinnen auf dem Bur- «ersteig. Sie stehen wie ein Doppelfels in der Bran- düng des Verkehrs und plauschen und klatschen ohne Ende. Oder die „Herren der Schöpfung" sitzen bei ihrem Schoppen und ihrer Tabaknudel so dauerhaft, als 6% ft» Äalkanvertreter in London wären, und be­reden ihren fabelt Klatsch mit zahllosen Wieberholun­gen d»n Kraftworten unb „Witzen". Ist da die Zeit Geld? Dann nmß es wohl Papiergeld sein, bas man totschlagen kann.

Und bie Besuche! Von Zeit zu Zeit sieht man ja einen guten Bekannten ganz gern, zunächst von vorn. Aber balb kommt her Augenblick, wo man den Besuch gern von hinten sehen möchte, weil man doch in der Küche oder in der Kinderstube oder im Arbeitszim­mer auch noch einiges zu tun hat. Dem Besucher geht'S aber, tote einem schlecht vorbereiteten Redner: er kann den Schluß und den rechten Abgang nicht finden. Der kurze Besuch wäre eine Freude gewesen; der lange Besuch wird zum Derdruß. Der Anfang stt leicht; bas Aufhören ist eine Kunst. Wenn die Ko« wtn immer wieder Master nachgießt in den Brüh» topf, fo wird aus dem gute« Stoff schließlich ein fa­des Zeug Es gibt aber Leute, die bei einer Unter- Haltung stets den Wasterkestel gebrauchen. Nachdem |te tbre Meinung gesagt haben, wiederholen sie recht lang und breit denselben Gedankengang, und um den Eindruck zu verstärken, wird dann noch ein drittes Mal die -Lache recht gründlich wiedergekaut. Die Wirkung wird dadurck, verwässert, die Zeit wird tot«

den widrigen Bodensatz, die ekle Hefe, erreicht hat. — ES müßte eine transportable, geräuschlose Wecker­uhr erfunden werden, die auf die wohlbemestcne Zeit des Rückzuges gestellt würde und den VergnügungS- menschen im gegebenen Zeitpunkt so lange piekte, bi* er den Heimweg angetreten.

„Einen noch! So jung kommen wir nicht wieder zusammen!" Eine alberne Redensart, aber an beit Stammtischen hat sie noch immer ihre Wirkung. Wer vernünftigerweise Schluß machen will, wirb von de« unvernünftigen Kameraben mit List unb Gewalt zu- rückgchalten. Solche Eingriffe in die Freiheit und baS Selbstbestimmungsrecht sollten eigentlich straf­bar sein. Man könnte sie auch unter ben Diebstcchls- parograplvn bringen, weil man bem Nächsten Zeit und Gesundheit raubt, vielleicht auch noch den HauS« frieben. Das Zurückhalten des Gehlustigen soll eine Höflichkeit sein; in Wirklichkeit ist es eine Unart, und wenn man hinterlistige Künste antoenbet, wie Spott- rcben, Rnnbenschmeißen usto., so ist es ein Frevel. Wer bas Animieren betreibt, sollte in ruhigen Mor- genstunben einmal ernstlich darüber nachdenken, oh er solche Treiberdienste vor seinem Gewisten verant­worten kann. — Kurz ist das Leben, lang die Kunst, sagt ein alter Spruch. Wir haben in der kurzen Le­bensfrist vieles zu leisten, um rechtschaffen unser» Poste» auSzusüllen. Daher muffen wir svarsam um» achen mit unserer Zeit und unsere» Kräften. Spar- sam soll nicht heißen knauserig. Nein, es soll auch der Erholung und der Erfrischung, der Ruhe und dem Deronügen Raum aeacben werden. Nur das rechte Maß muß gewahrt werden. Kur; und gut! DaS ist keine Aszetenvrcdigt, sondern c:re Klug, heitsregel. Tenn da? verlängerte Vergnügen ist kein Genuß mehr, sondern eine Strapaze — keine Erfri­schung mehr, sondern eine Ermattung — kein Ge­winn, sonder» ein Raubbau.

Der rechtzeitig aufhört, kann vergnügt wieder an» fangen. — Ich höre auch auf.

* Das Gespenst des Httngcrs wird von O. Umftib im Novemberheft deS „Tür» merS" in brohenber Größe aufgerichtet. Dir wollen bie sehr nachdenklich stimmenden Darlegungen wenig- stenS in ihren allgemeinen Grundlagen hier toieder- öeben .... Tatsache ist, baß bie mitteleuropäischen Industriestaaten mehr unb mehr in Abhängig- feit geraten von den getreideauSs ühr en­de n Ländern. Und wenn einmal diese Länder ihre Tore sperren, beim droht her Hunger nicht bloß den Engländern, sondern auch uns.

Andrew Carnegie, der nicht nur ein geschäfts- aewcmbter Milliardär, nicht nur ein begeisterter Frie» benSfreuud, sondern auch ein weitblickender Sozial­politiker ist, sagt in seinem Buch „Amerika,^ ein Triumph der Demokratie": „Diese gewaltige, täglich wachsende Ausfuhr an Nahrungsmitteln nach Europa muß ern st e Gedanken sür die Zukunft erwecken. Die Bevölkerung der Alten Welt nimmt in ungeahntem Maße zu, ohne daß zugleich die be- baute Flache oder deren Ergiebigkeit wüchse. Die 172 Millionen, welche Europa zu Anfang des 19. Jahr­hundert? beherbergte, haben sich auf 312 Millionen vermehrt, — ein Zuwachs, der in der Geschichte der Alten Welt beispiellos basteht. Schon kann bie Nah- rilngSmittelProouktion mit dem Verbrauch nicht mehr gleichen Schritt halten: ohne die Hilfe Nordamerikas oder anderer Länder wäre» wirtschaftliche Krisen un­vermeidlich gewesen. So beträgt bas jährliche Plus an Getrcibe,' bas in Europa eingeführt werden muß, zirka 13-1 Millionen Hektoliter, das an Fleisch 853 000 Tonnen. Schon jetzt ist eS also auf auswärtige Hilfe, vor allem von feiten Nordamerikas, angewiesen, um diesen AuSftill zu decken, und wird mit zunehmender Bevölkerung in ein feste? AbhängigkeitSverhältnis zu ihm treten müssen."

Dazu kommt, daß Amerika in seiner Gesamtheit als einheitliches Wirtschaftssystem mehr unb mehr in bi» Erscheinung tritt. Nordamerika nimmt die süd- amerikanischen Staate» als Absatzmärkte, die von Rechts wegen ihm gehören, iu Anspruch. So kommt die Zeit unaufhaltsam immer naher, in der Pan- amcrika aufhören wird, unsere Ware» zu kaufen. „Sobald in Amerika," sagt Dr. Losch in feinem Buch „Nationale Produktion und Berufsgliederung", bie eigene Jnbustrie genügenb erstarkt ist, finden bie europäischen Produkte keinen nennens­werten Absatz mehr; ja Amerika tritt bann selb st in bem »och übrigen Teil des Weltmarkts als Verkäufer auf. Dann haben wir kein Gelb, um Brot für unsere Industriearbeiter einzutauschen" — und wieder brobt her Hunger.

Cs geht eine Ahnung durch unsere Jnbustriestaa- teu, baß her Weltmarkt nicht ewig auf­nahmefähig bleiben wirb, baß eines Tages sämtliche Kulturlänber inbustrieali- fiert sein werben, baß bann unsere Daren im AuS- lanb keine lohnenbe Abnahme mehr finben werben, weil bie Auslanber imstanbc sein werben, ihren Beborf selbst zu becken. Woher soll bei Deutsche bann bas Zwölftel von Getreibc bezahlen, bas er nicht selbst hervorbringen kann, unb bie Südfrüchte unb anbere Genüsse, an bie er sich gewöhnt hat? Dr. Losch wird bas Richtige getroffen haben, wenn er sagt (a. a. O.):

»In demselben Augenblick, wo ein zunebmender Prozentsatz eines Voltes nicht ntebt durch Nabrungs« vroduktion des Inland? ernährt werden kann, wird bie innere und äußer« Politik b tftS Volke? verwickelt und kritisch . . . Nährend der «lnhetmijche Drolerzenger nur vom Wetter abhängt, hängt der ausländische Drotdizieher von der BerkaufSmSglichkeit der von ihm heraellellien Waren im Ausland und noch dar» vom ausländischen Weller ab . . . Niemand kann in Abrede gellen, daß der Bedarf an NabrungSmiUeln für ein Bell fe uner­bittlich notwendig tft, daß man überhaupt nur in zwei Fällen ruhig sein kann: entweder müffen jene Waren in ihrer ganzen Menge tm Inland erzeugt oder müffen sie auS Quellen entnommen werden, deren Offenhaltung in jedem einzelnen Augenblick der Macht des einiüb« teeben Lande« unterworfen ist. El» dritter Zustand führt auf di« Dauer den R»tn jede« Belte« Herder."

geschlagen, die Geduld des Zuhörers erschöpft sich, und wenn er es nicht sagen darf, so denkt er doch: „Qncttschkopf".

Besonders unangenehm wirkt die Langwierigkeit beim Wschiednehmen. Zwischen Tür und Angel glaubt der Scheidende sein Geistes- oder Herzenslicht noch recht tüchtig leuchten lasten zu müssen. Da gibt e6 im Stehen und bei der allmählichen Rückwärts­konzentrierung noch eine Reihe Slpropos und bann eine Unmasse von Komplimenten. Als ob man für «ine Reise um die Welt Mschied nähme! Man mutz solche überhöflicheu Klettenbesucher beinahe aus ber Tur schieben. DaS Uff bet Erleichterung hören sie leibet nicht mehr. — Kürze ist auch der Höflichkeit Mütze. Je umständlicher, desto zweifelhafter.

Mer die Genüsse unb Vergnügungen bc3 Lebens — bie möchte ber begehrliche Mensch doch recht gründ- lich auskosten unb jeher frohen Stunde zurufeu: Ach, verweile doch, du bist zu schön! Der Seufzer ist keine wirksame Zaubetsormel. Wenn da? Vergnü­gen seinen Höhepunkt überschritten hat, so geht eS bergab mit der Freude. Der kluge Mensch bricht rechtzeitig ab; doch der Tor bildet sich ein, der Höhe­punkt käme noch. Ist das Glück nicht willig, so. braucht er Gewalt; er sucht krampfhaft das Vergnü­gen zu steigern, stürzt sich leidenschaftlich in den Tanz oder daS sonstige Festgetriebe. vielleicht soaar auf da? Büfett mit den anregende» Getränken. Ter verlän­gerte Kampf um die Glückseligkeit endet mit einer Niederlage., Am andern Morgen tituliert man sich selber mit einem Namen cm? dem Tierreiche und sagt sich: Märe ich doch eine ober zwei ©tunben früher nach Haufe gegangen, so hätte ich noch eine ange­nehme Erinnerung gerettet; aber so — brrrf

Der Weg zum Katzenjammer hctt Aehnlichkeit mit dem Weg zur Hölle; er ist auch mit guten Vorsätzen gepflastert. Diele bringen die gute Absicht mit, recht­zeitig aufzuhören; «ber ber Appetit kommt beim Esten, ber Durst beim Trinken, man wurstelt weiter im Irrgarten des BergniigenS unb hofft immer noch, auf ben Fonds der Süßigkeit zu kommen — bis man