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Nr. 4. tr|ies Blatt.

40. Zahrgang.

Dienstag (»en 7. Januar 1913*

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Veuttches Neich.

Der neue Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.

Wie nach dem Wolss'schen Bureau verlautet, ist )er Botschafter in Rom, von Jago w, sur den Losten des Staatssekretärs des Auswärtigen Zimtes tn Aussicht genommen worden. Herr v. iiagow wurde bekanntlich neben dem Unterstaatssekrctar Zimmer­mann schon seit einigen Tagen als wahrscheinlicher Slachsolger Kiderlens genannt. . - .

E. (S. Gottlieb v. Jagow wurde als «ohn des Erb. jägermeisters Start v. Jagow am Juni 18 3; ju Berlin geboren. Nachdem er seine jurtflt d?en Studien beendet und Referendar in Oppeln gewelen, wurde er 1892 Regterungsassessor in Potsdam, trat IS.'o m die diplomatische Karriere em, und zwar war er zunach i Attache der deutlchen Botschaft in Rom, 189'- als Attachs der preußischen Gesandlschas' in München, tm nachten Jahre Gesandtschaslssekretär in Hamburg, 1897 als svicher der deutschen Geiandtschast tm Haag, 1909 erft«J schastssekretär in Rom. Nachdem er tm Jahre 1906 m Berlin als Vortragender Rat im Auswarugen Amt tätig mar, kam er als Gesandter nach Luxemburg und Ü 08 als bevollmächtigter Botschafter des Deutschen Reiches ^Ein unbeschriebenes Blatt" wird der neue Mann in der Presse genannt. Im Grunde genommen sind alle unsere Diplomaten in den Botschaften und Ge­sandtschaften unbeschriebene Blatter. Herr v. Jagow versügt offenbar über die nötige Schulung und nach allem was man bisher von ihm gehört hat, auch über die erforderliche G e f ch i ck l i ch k e 11. Den guten Willen hat er dadurch bewiesen, datz er feine Gesundheitsrücksichten hintangesetzt hat. Wir wollen dem Erwählten Glück wünschen und seine Leistungen abwarten.

* Berlin, 6. Jan. 1913. Der frühere Chef deS Generalstabes der preußischen Armee, Generalfeld. marschall Gras v. Schneffen, ist am Samstag nachmittag im Aller von 80 Jahren gestorben. Schlieffens Persönlichkeit wird immer eine der mar­kantesten in der Armeegeschichte bleiben. _ Er ist der Bahnbrecher der Theo ie des Kampfes mit Millionenheeren und hat diese Theorien, die heute die Grundlage der Operationen des großen Krieges sind, der Armee und w erster Linie dem Genepalstab zum Gemeingut gemacht. Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine Verordnung über die Einrichtung einer Standesverlrelung der Zahnärzte, auf Grund deren für das Gebiet des Königsreichs Preußen eine Zahnärztekarnmer mit dem Sitz in Berlin er­richtet wird.

-s- Keine neue Kabinetsorder über den Zwei­kamps? Wie eine militärische Nachrichtenstelle wis­sen will, wird die im Sommer angekündigte kaiser­liche Kabinetsorder über den Zweikamps, die bisher dem Offizierkorps noch nicht zugegangen ist, für's erste auch nicht erlassen werden. Die geplante Ver­ordnung sollte einer Ergänzung der ehrengericht­lichen Bestimmungen vom 1. Januar 1897 werden und u. a. bestimmen, daß Zweikämpfe zwischen Of­fizieren künftig grundsätzlich erst nach Abschluß eines förmlichen ehrengerichtlichen Verfahrens ausgetragen werden dürfen. An maßgebender Stelle foll nun der Militärisch-Politischen Korrespondenz zufolge eine Aenderung der bis vor kurzem bestandenen Absicht erfolgt- und von einer ehrengerichtlichen Verfügung abgesehen worden sei. Der Grund sei in dem Er­gebnis einer Umfrage zu suchen, die durch das Mili­tärkabinett bei den kommandierenden Generälen ver­anstaltet worden ist. Die große Mehrzahl der Gene­räle habe mit Entschiedenheit die bisherigen Vor­beugungsmaßregeln gegen den Zweikampf im Heere für ausreichend gehalten. Die Ver­antwortung für diese Mitteilung muß der Militä­risch-Politischen Korrespondenz überlassen werden. Sollte sie sich bestätigen, so würde das nichts anderes bedeuten, als daß bezüglich des Duells im Heere alles beim Alten bleibt. Wie würde das mit der Erklärung in Einklang zu bringen fein, die der Kriegsminister von Heeringen im Mai v. I. in der Budgetkommiffion und im Plenum des Reichstags dahingehend abgegeben hat, daß durch eine Ergän­zung der Duellbestimmungen vom 1. Januar 1897 noch mehr als bisher auf eine Verminderung der Duelle in der Armee hingewirft werden soll? Es ist kaum denkbar, daß die Regierung lediglich auf das Ergebnis einer Umfrage bei den kommandieren­den Generälen hin von der Erfüllung der dem Reichstag feierlich gegebenen Zusage Abstand neh­men sollte. Es ist kaum denkbar, daß die Regierung die Resolutionen, in denen sich der Reichstag für möglichste Beseitigung des Duells aus dem Heere ausgesprochen hat, in fcenen er insbesondere den Zwang zur Herausforderung zum Zweikampf und zur Annahme eines folchen verwirft, gegenüber der Ansicht eines Teils der kommandierenden Generäle nicht alle! so gering bewerten sollte. Ferner hat der Reichstag gewünscht, daß Duellanten aus dem Heere entlasten werden sollen, insbesondere aber, daß kein Offiüec wegen Ablehnung des Duells aus dem Heere entfernt werden darf. Gerade auf die letzte Forderung leit der Reichstag besonderen Wert, und mit ihrer Erfiilluna hätte die Regierung einem WunsAe entsprochen, den die erdrückende Majorität de« deutschen Volkes seit lanaont beat upd besten Nichterfüllung das Aristl'Ae deutsche Volk als eine fAreienho Ungerechtigkeit emvfindet. Jedenfalls wird der R-üA-ftog sich bald Auskunft darüber ein­holen, wie di- Regierung dem in der Dnellreiolution vnm 13. Pkai v. I. ausgedrückten Wunsche des ReiAstags nochntkommea gedenkt und ob die be­stimmten Zi'igaen und Versvrechen des Kriegsmi­nisters von Heeringen wirklich nichts zu bedeuten haben.

c Eine Er-mnuma d-s ^o^sbeamtend'snmmgr- aefetzes ist dem Bundesrat im Entwurf zuaeaangen. Es soll sich dabei im wesentlichen um die Einführung des Wiederaufnahmeverfahrens han­deln, das nach den bisherigen Bestimmungen dieses

Gesetzes auch dann ausgeschlossen war, wenn sich, nachdem das Urteil rechtskräftig war, neue schwer­wiegende Momente zugunsten des Angeklagten er­geben haben, die nach dem Strafrecht eine Wieder- äufnahme rechtfertigen würden.

--- Eine Landtagsersatzwahl ist durch den Tod des konservativen Abgeordneten v. Wilckens not­wendig geworden. Wilckens, der auch dem Reichstag von 19071912 angehörte, vertrat im Abgeordncten- hause mit dem freikonservativen Abg. v. Gamp zu­sammen den Wahlkreis Flatow-Deutsch-Krone, wo er mit 270 gegen 102 Stimmen gewählt wurde, die auf den Zentrumskandidaten entfielen.

Q Liberalismus, Religion und schwäbische Landtags- wähl. Es ist bekanntlich einer der ichwersten Vor- würfe, den die Liberalen dem Zentrum machen zu können glauben, wenn sie auf die große Zahl der Geistlichen hinweilen, die dem Zentrum bet Wahlen Gefolgschaft leisten. Wir haben immer betont, daß gerade der Liberalismus allen Grund hat, mit einem derartigen Vorwurf zurückhaltend zu fein. Das ist vor kurzem noch von einem badischen evangelischen Geistlichen bestätigt worden und wird jetzt von neuem bestät-gt durch b'e .Süddeutsche Naiwnalliberale Korrespondenz". Dort führt ein württembergischer Nationalliberaler aus, .

c3 sei nachgerade in weiten Kreisen allgemeine Ansicht geworden, daß das Wort .liberal" gleichbedeutend sei mit anti kirchlich. Und eine gewisse einflußreiche Presse habe dieser Meinung immer neue Nahrung ge­geben.Dazu kommt aber auch," so heißt es melier, .die Tatlache, daß die liberalen protestantischen Theo­logen, die in den letzten Jahren zu Dutzenden die Politik mehr oder weniger als ihren eigentlichen Beruf erkannt zu haben glauben, Unterschlupf bei den liberalen Parteien gesucht und auch geiunden haben. Das muß natürlich auf die Dauer die kirchlich positiv gerichteten Elemente in der Partei abstoßen unv nach rechts treiben, dies um Jo mehr, wenn die Nationalliberalen, wie das gegenwärtig geschieht, einen Mann rote den Pfarrer Traub unberstützen, der nicht wegen seiner Lehre, sondern wegen seiner Auflehnung gegen seine voraesetzte Behörde aus dem Amte entfernt wurde. In Württem­berg ist das Volk in weiten Schichten noch protestantisch, und der Führer der nationalliberalen Partei, Herr von Lieber, ist als poütiv gerichtet bekannt. Die Lanv- devölkerutig rthll von den liberalisierenden politilchen Pastoren nichts' wissen und betrachtet deshalb mit Miß­trauen diejenigen Parteien, bie sich' vor deren Wagen spannen lassen. Diese «erhSltnisse dürsen unseres Erach- tens von der Gesamtparteileitung nicht länger alS neben» fachlich behandelt werden, soll aus die Dauer die national- liberale Partei im Reiche wie in Württemberg nicht schweren Schaden leiden."

Was hier von Württemberg gesagt wird, das trifft, so meint die protestantische ,Kreuzzeitung', auf ganz Deutschland zu.

)( Eine christlich-nationale Forst- und Landarbeiter- gewerkschaft, die dem Gesamtverb-ande der christlichen Gewerkschaften Deutschlands angeschlofsen fein soll, und den Reichstagsabg. Franz Behrens zum Vor- sitzenden hat, ist am 1. Januar in Tätigkeit getreten. Die neue Gewerkschaft kann bereits auf einen Mit­gliederbestand von 3500 Köpfen rechnen, da chr die der christl. Gewerkschaftsbewegung schon angehöri­gen Weinbergs- usw. Arbeiter zugewiesen werden sol­len. Wie die übrigen christlichen Gewerkschaften, will auch der neueZentralverband der Forst-, Land- und Weinbergsarbeiter" ,

oie sogüiSemotralische Klaffenkampfidee und Me­thode grundsätzlich verwerfen und b» kämpfen, der christlich-nationalen Gesinnung und der staats­bürgerlichen Eriiehima eine Heimstatt bieten."

Gleichwohl hat die Gründung dieser Land- und Forstarbeitergewerkschaft in der konservativen Presse keine sympathische Ausnahme gefunden, obwohl sonst die konservativen Blätter der christlichen Gewerk­schaftsbewegung durchaus wohlgesinnt waren. So bezweifelt dieKreuzzeitung", daß eine christlich­gewerkschaftliche Landarbeiterbewegung geeignet fein würde, der sozialdemokratischen Landagitation ent- gegenzuwirken; sie befürchtet vielmehr, daß die christ­lichen und die sozialdemokratischen Organisatoren mit­einander in einen höchst bedenklichen Wettbewerb um die Gunst der Landarbeiter eintreten und so eine gefährliche Beunruhigung des platten Landes beruf fachen könnten. Das führende konservative Blatt wünscht, daß das platte Land von jeglichem Versuche, die Arbeiterschaft gewerkschaftlich zu organisieren, ver- schont werden möchte. DieDeutsche Tagesztg.", daS Organ des Bundes der Landwirte, schreibt:

Wir verkennen durchaus nicht, daß die Gründer dieser Gewerkschaft gute Absichten hegen. Gleichwohl können wir derartige Organilationen nicht für zweck- mäßig erachten, schon deswegen nicht, wett sie geeignet stno,denKlassenged anlen in derLandarbeiter- fchaft wachzurufen, und weil durch sie die Gründung von ArbeitgeberoraonNationen veranlaßt werden dürfte."

Wir halten diesen Ausführungen gegenüber die neue Organisation für durchaus zeitgemäß und ange- bracht. Es berührt merkwürdg, daß die Blätter, die vor kurzem bei Gelegenheft der Gewerkschastsenzyklika noch warm für die christlichen Gewerkschaften einge­treten sind, von ihrer Einführung auf dem Platten Lande nichts wiffen wollen.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. DieMilitärische Korre­spondenz" meldet, daß demnächst unter dem Vorsitz Kaiser Fran; Josephs tue alljährlich um diese Zeit üblichen militärischen Beratungen statt­finden, in denen bekanntlich hauptsächlich Personalien erörtert werden. Diese Meldung beweist, daß die Gerüchte über ein ernstliches Unwohlsein des Kai­sers nichts als ein Börsenmanöver waren. An Stelle des zurückgetretenen ungarischen Justizmini- sters Szekcly wurde der Staatssekretär tm Unter­richtsministerium, der frühere Slraftechtsprofesior v. Balogh, zum Justizmlniiier ernannt. -er Statthalter von Tirol, Marius Freiherr von Spiegel- felb, wird nächster Tage zurücktreten. Die Gründe seines Rücktritts liegen in der scharfen Gegnerschaft Der Italiener, die auch die Arbeitsunfähigkeit des

Tiroler Landtages verschuldet haben. Trotz viel­monatiger Verhandlungen Hal Frhr. von Spiegelfelb nicht bie Schwierigkeiten überroinben und den Lanbtag arbeitsfähig machen können.

** Ter Rücktritt des Kabinetts in Portugal, der be­reits vor Weihnachten angekündigt war, in nunmehr erfolgt. Ministerpräsibent Duarte Leite bot dem Präsibenten Arriaga bie Demission des Kabinetts an, die angenommen würbe. Arriaga betraute ben Führer der Revolutions - Partei mit der Bilbung des neuen Kabinetts.

Rußland. Die Zeitungen Dien, Pietierburgski, Zistok und Birjeviia Viedomosti wurden konfisziert, weil sie Stellen aus einem Schreiben des abtrün­nigen russisch-griechischen Mönches und Propheten Heliodor, mit dem er die orthodoxe Kirche beleidigt, veröffentlicht haften. Die Redakteure werden vor Gericht gestellt werden.

Iie Sflltairaflc.

Die Friedens» krhaablungeu.

Mit dem Ultimatum, das die Balkanstaaten am Freitag bet Pforte überreichten, waten die Friedens- vethanblungen in ein kritisches Stadium eingetteten. Ein Abbruch bet Verhandlungen und damit eine Wiederaufnahme deS Krieges erschien wahrscheinlich, wenn auch nicht sichet geworden. Wie daS ,Reutersche Bureau' aus den Kreisen bet Balkanverbündeten erfuhr, wird bie Lage inbeffen nicht für so kritisch gehalten, wie daS Bureau sie am Samstag hinstellte. Die Frage des Abbruchs der Verhandlungen wirb für den Augenblick nicht beschleunigt werben. Die Mächte werden, wie man glaubt, vor der Einnahme Abrianopels, bie binnen zehn Tagen erwartet wird, nicht intervenieren. Eine Intervention vor der Ein­nahme wäre eine Verletzung bet Neutralität der Türkei gegenüber.

W. London, 6. Jan. 1913 Der heutige Tag hat bie Friedensverhanblur.gen nicht weiter gebracht. Die Türken unterbreiteten folgenbe neue Instruktionen:

1. Die Türkei ist bereit, im Norden von Adria« nopel einige Zugeständnisse an Gebiet zu machen, je­doch mit AuSIchluß AdrianopelS selbst.

2. Die Türkei begibt sich ihrer Rechte auf Kreta unter der Bedingung, daß die Abtretung keiner anderen Inseln von ihr verlangt wird.

Wie man sieht, enthalten diese Instruktionen nicht den unbedingten Verzicht aus Abrianopel, den Dr. Danew verlangte. Trotzdem hat dieser seine An­kündigung , baß er bie FriebenSverhanblungen heute abbrechen werde, falls bie bulgarischen For» derungen unerfüllt blieben, nicht wahr gemacht. Nachdem die formelle Sitzung beendet war, wurde den Türken in der folgenden allgemeinen Unterhaltung erklärt, die Verbündeten beabsichftgten nicht, den Ab­bruch der Verhandlungen herbeizuführen. Da aber eine zufriedenstellende Antwort auf die Vorschläge der Verbündeten vom Freitag nicht eingegangen sei, suspendierten sie die Arbeiten solange, bis eine zu­friedenstellende Antwort erfolgt sei. Im weiteren Verlauf der nicht formellen Unterhaltung erklärte Refchid-Pafcha, er beabsichftgte, über die Verprovian­tierung AdrianopelS zu sprechen, sei aber der Ge­legenheit beraubt worden, dies zu tun. Es wurde ihm gesagt, die Angelegenheit sei bereits in der frühe­ren Sitzung besprochen worden, in der erklärt wor­den sei, daß die Konferenz nichts mit den Bedingun­gen des Waffenstillstandes zu tun habe. Die Türken verließen sodann etwas erregt den Palast.

London, 6. Jan. 1913. Wie das Reutersche Bureau erfährt, waren die Delegierten der Balkan- ftaaten der Meinung, daß eine Vertagung der Konferenz über das griechisch-orthodoxe Weih­nachtsfest hinaus den-ken zu weiterer Ueberlegung Zeit geben wird, sodaß es ihnen möglich fei, bei der nächsten Sitzung annehmbare Vorschläge zu machen. Die nächste Sitzung findet voraussichtlich am Fre i- tag statt, vielleicht schon am Donnerstag.

Der Botschafterkonferenz

wurde gestern von Reschid-Pascha folgende schriftliche Rote vorgelegt:In der Note, die uns die Delegier­ten der verbündeten Staaten im Laufe der gestrigen Sitzung unterbreitet haben, haben sie die Ansicht auS- gebrüeft, wir hätten die (Srgebniffe des Krie­ges nicht in Rechnung gezogen. Wir müfiett dar­auf Hinweisen, daß wir in die bedeutenden territo­rialen Konzessionen, abgesehen von zwei Punkten, eingewilligt haben. Wir haben sämtliche Forderun­gen der verbündeten Staaten zugestanden. Dadurch, daß die Verbündeten verlangten, in der Klausel, durch die wir die westlich vom Wilajet Adrianopel besetzten Gebietsteile abtraten, den Ausdruckbesetzt" durch den Ausdruckgelegen" zu ersetzen, haben sie selbst anerkannt, daß ein Teil des Gebiets, defien Ab­tretung sie verlangen, sich augenblicklich nicht tn ihren Händen befindet. Im Geiste toeiten Entgegenkom- mens haben wir uns auch dieser Förderung gefügt.

Türkischer Ministerrat.

Konstantinopel, 6. Jan. 1913. Ein gestern in der Privatwohnung des Großwesirs abgehaltener Mi­nisterrat, der fünf Stunden dauerte, beschloß, auf den von ben türkischen Bevollmächtigten am 3. Januar gemachten Vorschlägen zu beharren und bet den Machten neue Schritte zu unternehmen. Ter G r o ß w e s i r leidet an einer Erkältung, konnte jedoch beim heutigen Mintsterrat den Vorsitz führen. Man hofft, er werde am 8. Januar das Zimmer verlaffen können. Gerüchte über eine Ministerkrise erhalten sich fortgesetzt. ES bestätigt sich, haß ein hervorragendes Mitglied deS Kabinetts mit den Jungtürken in Verhandlungen steht. Die regle- rnnasfreundliche Presse bementiert in kategorischer Weise bie Krisengeruchte.

Eine türkische Kriegsanleihe.

* London, 6. Jan. 1913. Wie das Reutersche Bureau erfährt, ist eS der türkischen Regierung ge­lungen, Arrangements für eine sofortige Anleihe zu

treffen, bie burch Spezialkriegs steuern ga­rantiert wird.

DaS Schicksal AdrianopelS.

* Sofia, 6. Jan. 1913. Auf Wunsch deS Korn- Mandanten der Festung Adrianopel, des Generals Schukri-Pascha, findet morgen eine entscheidende Zu- fammenkunst bulgarischer und türkischer Delegierter vor der Festung statt. Man erwartet die schnelle Kapitulation, zumal ein heutiges Radio - Tele­gramm des Festungs-Kommandanten an den Groß- roeftr die Situation bet Festung als rettungslos bezeichnet.

wirkt hat.

R. I. P-

Bischof Dr. Dominikus Willi f

Gestern vormittag traf hier bie Trauerkunde ein, baß der Oberhirt der Diözese Limburg, Dr. Domi- nikus Willi, nach einem langen, schmerzlichen Kranken- lager von 15 Wochen um »/«II Uhr im Herrn ent- schlafen ist. Der Hochwürdigste Herr hatte sich am 16. September vorigen Jahres in das Redemptoristen­kloster zu Geistingen a. b. Sieg begeben, um an ben Ptlesterexerzitien teilzunehmen. Am letzten Tag« der Exerzitien trat bei ihm plötzlich eine so starke Herz­schwäche ein, daß man ihm in Anbetracht seines hohen Alters und deS großen Schwächezustandes die hl. Sterbesakramente spendete. Zwar erholte er sich nach und nach wieder so weit, daß er nach Limburg zurückkehren konnte, doch blieb sein _ Gesundheits­zustand dauernd gefährdet, und seit einigen Tagen war kaum noch Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens vorhanden.

Der Entschlafene hat ein Alter von 68 Jahren erreicht. Seine Wiege stand zu Ems im schweize­rischen Kanton Graubündten. Sein Vater stand in neapolitanischen Diensten. Karl Marlin, so war fein Taufname, empfing seine erste Ausbildung in den Schulen zu Ems und Chur und bezog bann das Gymnasium bet Benediktiner zu Maria Einsiedeln. Bei einem Besuche des Cisterzienjerklosters Mehreran 1859 tarn ihm der schon längere Ze t rege gewordene Beruf zum Ordensstande zu klar m Bewußtsein, und so trat er nach Beendigung feiner Gymnasial« studien am 20. April 1861 in Mehreran ein; am 11. November erhielt er das Orbenskleid, am 13. No­vember des folgenden JahreS legte er das Gelübde ab und am 12. Mai 1867 empfing er nach Vollen­dung seiner philosophischen Studien die hl. Priester« weihe. Am 15. August deS gleichen Jahres wurde er zum Präfekten des Gymnasiums in Mehreran er­nannt, welches Amt er biS zum Herbst 1875 betlei« bete, wo er das Rektorat der großen Anstalt über« nahm. Drei Jahre später erfolgte seine Ernennung zum Prior von Mehreran, und am 20. August 1888 zog er als Prior der neuen Cisterzienser-Niederlaffung tm BiStum Limburg in Marienstatt ein. Bereits im Jahre 1889 wurde er zum Abte der Cifierzienser- Abtei Marienstatt ernannt, im April 1890 zu Mehreran alS solcher benediziert und am 8. Mai tn Marienstatt installiert. Die göttliche Vorsehung rief ihn am 15. Juni als Nachfolger des am 6. Februar verstorbenen Bischofs Dr. Karl Klein am den bischöf­lichen Stuhl zu Limburg. Die feierliche Btschoss- weihe und Inthronisation erfolgte am 8. Sept. 1898.

Mehr als 14 Jahre hat Bischof Willi mit größtem Eifer und unermüdlicher Schaffensfreudigkeit die ihm anvertraute Diözese geleitet. Gleich nach seiner Kon­sekration begann er unter das Volk zu treten. Er verstand es, "durch seine Leutseligkeft und Liebenswür- digkeit und seine herzlichen Ansprachen auf seinen Fir­mungsreisen, die er anfangs auch auf die entlegen­sten Pfarreien seiner Diözesen ausdehnte, aller Herzen zu gewinnen und für das Gute zu begeistern. Vor allem lag ihm die Heranbildung eines tüchtigen Klerus und die Fürsorge , für ausreichenden Nachwuchs im Priestertum am Herzen. Im April 1905 konnte er ba§ zum Ersatz für mangelhafte Räume auf maleri­scher Höhe bei Hadamar in majestätischen Formen neu erbaute Konvikt, Collegium St. Bernardi von ihm genannt, einwechen. Damit war Raum geschaffen für Aufnahme von weit über 200 Zöglingen, die unter geistlicher Leitung der Mehrzahl nach zum Priesterstande herangebildet werden sollten.

Schon fünf Jahre darauf erteilte er einem zwei­ten Konvikte in Montabaur, welchem er den Namen Collegium Marianum gab, feierlich die kirchliche Weihe. Seinen Bemühungen verdanken auch ver­schiedene Orden und Kongregationen Niederlassungen tn seiner Diözese, wie z. B. bie Kapuziner in Frank­furt, welche daselbst eine segensreiche Wirksamkeit ent­falten. Große Verdienste sammelte er sich auch durch kräftige Unterstützung deS Bonisatiusvereins und Gründung immer neuer Seelsorgsstationen. Seine fromme, echt kirchliche Gesinnung beweisen nicht nur feine verschiedenen Reden und Pastoralschreiben, son­dern auch seine Teilnahme an den jährlichen 3?rieftet» exerzitien, feine regelmäßige Reife zum Hl. Vater nach Rom und die fleißige Beteiligung an den Bi­schofskonferenzen in Fulda. Zu unserer Diözese hat der Entschlafene überhaupt die innigften Beziehungen gepflegt. In der stattlichen Schar der Kirchenfütsten, welche zur Feier des Bonifatiusjubiläums sich im Juni 1905 tm altehrwürdigen Fulda versammelten, fehlte auch Bischof Willi von Limburg nicht. Un­serem hochseligen Oberhirten Adalbertns hielt er am 20. Juli 1906 im hohen Dome die Gedächtnisrede, und bei der Konsekration seines Nachfolgers, unseres Hochw- Herrn Bischofs Dr. Schmitt, konnte Fulda den Oberhirten der Diözese Limburg als bischöflichen Assistenten begrüßen. . .

Der Heimgegangene hat sich als Schriftsteller bet bett Historikern rnen Namen von gutem Klang ge­sichert. Er veröl, entlichte verschiedene Arbeiten aus der Geschichte des Cisterzienserordens, wie er denn auch als Bischof dem Orden eine ungeschwächte Siebe bewahrt hat.

Möge der barmherzige Gott, der höchste Bischof der Seelen, seinem getreuen Diener mit himmlischen Gütern reichlich vergelten, was er hinieden Gutes ge«