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Samstag, den 31. Dezember 1932.

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)

Ar. 302.

Begebenheiten

Der Mord an dem 5. A.-Kameraden.

Die Mörder des SÜL-Hlannes Hentsch nach Sojen geflüchkel.

Wie die DAZ. aus Dresden erfährt, befinden sich die drei des Mordes an Hentsch beschuldigten SA.-Leute Schenk, Fränkel und Woicik in Südtirol und zwar in Bozen, lieber die Flucht selbst, den Fluchtweg, die Vorbereitungen und die Seibiffe, die ihnen zuteil geworden ist, hätten die Ermittlungen bereits bestimmte Anhallspunkte ergeben. Auch die Braut des vermutlichen Haupt­täters Schenk, deren Bruder schon verhaftet wor­den ist, soll inzwischen flüchtig geworden sein und fick wahrscheinlich ebenfalls nach Bozen begeben haben.

lieber das Ergebnis der Oeffnung der Leiche des Nationalsozialisten Hentsch erfahren wir noch folgendes: Der Befund ergab, daß drei Schüsse auf den Ermordeten abgegeben worden sind. Der eine der Schüsse, der beim Durchgang durch die Lunge eine Arterie aufgerissen hat, hat den Tod des Hentsch herbeigeführt. Im Körper des Ermordeten wurde ein Geschoß gefunden, ein wei­teres Geschoß steckte in der Kleidung an der Stelle des Rückens. Der Tod Hentfchs ist nicht durch Ertrinken, sondern infolge des Lungenschusses ein­getreten.

Deutscher Sluslieferungsantrag an Italien?

Wie von amtlicher sächsischer Seite verlautet, wird der Auslieferungsantrag in der Mordfache Hentsch noch am Freitag vom sächsischen Justizministerium fertiggestellt und den zuständigen Stellen in Berlin übermittelt werden.

Zunächst werden Reichsinnen- und Reichsjrüstiz- minifterium zu prüfen haben, ob es sich im Falle Hentsch um ein politisches oder um ein gemein­gefährliches Verbrechen handelt.

*

Der flüchtige Sturmführer Schenk ist 9m Juni 1931 aus der Reichswehr entlassen wor­den. Er war Oberjäger beim 10. Jnfan- f er ter e g t'men t "iln Dresden. Gegen Schenk war seinerzeit ein mil>t>tärrsches Entlas­sungsverfahren eingeleitet worden, well er verbotener Weise enge Beziehungen zu der natio- navsozialistffchen SA. unterhielt. Während dieses Verfahrens hatte Schenk seine Berlvbungsanzeige nut einem Hakenkreuz versehen in der Dresdner nationaksozialistischen Zeitung veröffentlicht, was wiederum zu einem Strafverfahren gegen ihn führte.

* Neuer Schnelligkeitsrekord des „fliegenden Hamburger". Der „Fliegende Hamburger", der seine Fahrt am Donnerstag mit einer ganzen Reihe bekannter Persönlichkeiten als Fahrgäste un­ternahm. brauchte für die Strecke Berlin— Hamburg nur 138 Minuten gegenüber 142 Minuten auf seinen früheren Probefahrten. Unter den Fahrtteilnehmern befanden sich u. a. Staatssekretär Dr. Meißner als Vertreter des

aus aller Welt.

Reichspräsidenten, Staatssekretär Planck als Ver­treter der Reichsregierung, der GeneraMrektor der deutschen Reichsbahn Dr. Dorpmüller, ferner meh­rere höhere Beamte des Reichsverkehrsministeri­ums, Professoren der Universitäten und Technischen Hochschulen ufw. Unter den geladenen Hamburgern befanden sich u a. der Präsident der Hamburger Handelskammer Rottebohm, Geheimrat Dr. Cuno, Dr. Melchior und Max Warburg.

* Die lofenauer Hütte aus dem Ieldberg nieber- gebrannt (Gig. Meld.) Die am Südhang des Feld­bergs etwa 1300 Meter hoch gelegene Totenauer Hütte ist, wie aus Freiburg i. Br. gemeldet wird, Freitag- morgen bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Per­sonen sind nicht zu Schaden gekommen.

Mtt der Motorspritze verunglückt

Ein Feuerwehrmann getötet, vier weitere schwer verletzt.

Am Donnerstag vormittag wurde die Motor­spritze aus dem württembergifchen Schwär,zwald- dorf S t o ck a ch zu einem Brande nach Mühlin­gen gerufen. In der Nähe der Kosakenbrücke kam der schwere Wagen in einer scharfen Kurve infolge Glatteis ins Rutschen, durchbrach das Geländer der Brücke, stürzte eine steile Böschung hinunter und legte sich im Bach auf die Seite. Von den 15 Mann Besatzung war der Friseur Hepp sofort tot, vier andere Feuerwehrleute er­litten schwere Verletzungen und wur­den nach dem Krankenhaus Stockach überführt.

Grubeu-Auglück in Angarn.

13 Todesopfer bei einer Schlagwetter-Explosion.

Nach einer Meldung aus Fünfkirchen hat sich in der Grube von Nagymanyok eine schwere Schlagwettererplofion ereignet. 13 Bergleute wur­den dabei getötet, ein weiterer Bergmann wurde schwer verletzt. Er liegt im Krankenhaus. Die Ursache des Unglücks ist noch unbekannt.

* 8 Monate Gefängnis für ein betrügerisches Oelsardinengeschäft. Nach mehrmonatiger Ver­handlung wurde am Donnerstag der „Direktor" Adolf Wüst von dem Berliner Gericht wegen ge­meinschaftlichen fortgesetzten Betruges und schwe­rer Urkundenfälschung zu 8 Monaten Gefängnis ver­urteilt. Wüst hatte das Vermögen des Hamburger Kaufmanns Carlos Walter, des deutfchen Vertre­ters einer der größten portugiesischen Oelsardinen« fabriken, dadurch u m 150 000 Rm. geschädigt, daß er für 200 000 Rm. Oelsardinen bestellte und bei Empfangnahme lediglich 50 000 Rm. Anzahlung leistete. In der Urteilsbegründung stellte das Ge­richt fest, daß es Wüst nur darum zu tun gewesen wäre, die Ware zu erhalten, um sie lombardieren

zu können. Das Gericht stellte weiter fest, daß das Betrugsmanöver von Wüst gemeinsam mit dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Walter Triebe ausge, führt worden sei. Das Verfahren gegen Dr. Ir»be wurde vor wenigen Tagen auf Grund der Amne­stie eingestellt, da bei ihm wirtschaftliche Notlage als Ursache der Handlung angesehen wurde.

Ehristbaum in Flammen.

Zwei Sinder verbrannt. — Ein weiteres Sind in hoffnungslosem Zustand ins Krankenhaus gebracht.

Die drei K in d e r eines Landwirts aus Miskolc; (Ober-Ungarn) zündeten in Abwesenheit der Eltern die Christbaumkerzen an. Der Baum fing Feuer, das rasch um sich griff. Zwei Kinder im Alter von vier und zwei Jahren fanden in den Flammen den Tod. Das dritte Kind im Alter von sechs Jahren wurde mit schweren Brandwunden ins Krankenhaus ge­bracht. Sein Zustand ist hoffnungslos.

• Grausiger Selbstmord eines Lokomotivführers. Auf dem Bahnhof A l t f o h l in der Slowakei er. eignete sich ein grauenhafter Vorfall. Der Loko­motivführer Kocha bestieg eine fahrbereite Loko­motive, zog den Pelz aus, öffnete die Tür des Heizkessels und sprang in die Glut hinein. Nach wenigen Sekunden war er vollständig verkohlt. Der Selbstmörder hinter­läßt eine Witwe und zwei kleine Kinder Er scheint in geistiger Umnachtung gehandelt zu haben.

Eine toütühne Fahrt.

3m Segelboot von Oslo nach Florida.

Ein norwegischer Seemann namens Alfons Hansen verließ im August d. I. in einem 36 Fuß langen Se­gelboots Oslo, um in Ausführung einer Wette am Weih­nachtsabend Miami an der Küste von Florida zu er­reichen. Er ist pünktlich auf Tag und Stunde in Miami eingetroffen. Seine „Begleitung" bestand aus einem Hund und einer Katze, die die lieber« querung des Atlantik sehr gut überstanden haben.

• Tragischer Tod von Mutter und Sind. Die Ehefrau des Schlossers Gottfried in Leipzig be­fand sich am Donnerstag nachmittag mit ihrem fünf Jahre alten Töchterchen in der Küche. Plötz­lich erlitt Frau Gottfried, die herzleidend war, einen Ohnmachtsanfall in dem Augenblick, als sie den Gaskocher a n st e ck e n wollte. Durch das ausströmende Gas wurden Mutter und Kind getötet.

Heues in kürze.

In ZeIl a. d. Mosel wurden durch eine Feu­ersbrunst 5 Wohnhäuser vernichtet.

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In Wellington (Neuseeland) stieß am Ein­gang des Binnenhafens ein Dampfer mit einem Motorboot, auf dem 31 Arbeiter aus dem Außen­hafen zurückkehrten, zusammen. Das Motorboot sank. 21 Arbeiter wurden gerettet, die übrigen 10 sind wahrscheinlich ertrunken.

Turnen und Spott

FutzbaN.

Rot-Weih Frankfurt in Fulda.

Wohl niemand hätte je erwartet, daß dieser Frank» furter Verein, in dessen 1. Mannschaft der Torwart der deutschen Nationalmannschaft mitwirkte, einmal in Ab» stiegsgefahr geraten würde. Seine gesamte 1. Mann­schaft nahezu wurde tzisqualifiziert. Und jetzt hat der Verein sogar infolge finanzieller Schwierigkeiten seine Zahlungen einstellen müssen. Man darf aber ebenso behaupten, daß man es der neuen Mannschaft nicht zu» getraut hätte, es binnen weniger Monate wieder zu einer solchen Durchschlagskraft zu bringen und wieder zu den erstklassigsten Mannschaften des Mainbezirkes aufzurük- ken. Vier Spieler vor allem haben sich bereits heute wieder einen Namen von gutem Klang unter den süddeutschen Fußballern verschafft und zählen zur süd­deutschen Spielerelite: Ditzel, Kornrumpf, der unver­wüstliche Verteidiger, Fischer, ein bereits würdiger Nachfolger von Kreß und der Läufer Sand. Diese Elf besitzt eine vorzügliche Hintermannschaft und im Sturme eine Schußkanone, die es dem 1. Sportver­ein Borussia nicht leicht machen wird, selbst bei bester Absicht, die Schlappe des Vorjahres am Neu- jahrstage wieder wettzumachen. Damit ist die Ge­währ gegeben, daß wir am Sonntage wiederum guten Fußballsport in der Johannisau geboten bekommen, da Borussia auch seine komplette 1. Mannschaft den Gä­sten entgegengestellt.

— Turn- und Sportverein 1911 Künzell. Am Neu­jahrstage erwartet die erste Mannschaft die erste Mann­schaft des Rasensport Petersberg zu einem Freundschafts­spiel.

Flugsport.

Man schreibt uns: Der Segelflugsport hat nun auch in dem in nächster Nähe von Fulda gelegenen Dorfe Engelhelms seinen Eingang gehalten. Seit dem Sommer dieses Jahres hoben sich einige für den Segelflugsport begeisterete junge Leute in aller Stille daran gemacht, ein Segelflugzeug unter Leitung von Herrn Erwin Köhler zu erbauen. Die Maschine, die ihrer Vollendung entgegen geht und in einer Scheune gebaut wurde, ist, was die Arbeitsausführung anbe­langt, als sehr gut zu bezeichnen und zeugt von großem Sachverständnis der Erbauer. Daß die Maschine slug- fähig wird, verbürgt Werkmeister Albert Hautumm, der in uneigennütziger Weise seine reiche Erfahrung zur Verfügung gestellt und die Bauzeichnungen geliefert hat, Mögen diese wenigen Zeilen dazu beitragen, daß auch in anderen Dörfern der Flugsport Eingang finbet Den tüchtigen Engelhelmsern ein kräftiges „Flug Heil!"

Ein im Osten Berlins gelegenes nationalso­zialistisches Verkehrslokal wurde kurz nach Mitternacht von Kommunisten beschossen. Die Schützen flüchteten in ein KPD.-Lokal. Zwei Per. sonen wurden als angebliche Täter festgenommen.

Kunst und Literatur.

Max Liebermann Vizekanzler des „Pour le meriie".

Nach dem Ableben des 1. Vizekanzlers des Ordens „Pour le merite" für Wissenschaften und Künste, Ludwig Hoffmann, ist, wie die Kaiser Wilhelm-Gesellschaft für Förderung der Wissenschaften mitteilt, Professor Max Liebermann, der bekannte Berliner Maler, von den Dr. densrittern zum 1. Vizekanzler gewählt worden.

Für Silvester:

Rum, Arrac, Weinbrand, Spirituosen Liköre, Rotweine, Weißweine, Bowlenweine Süßweine, Schaumweine, Punschessenzen

von

Joseph Schmitt, weinsroßhanmuns, Fulda.

Büro und Hauptkellerei: Paulustor 4 — 6. Fernsprecher Nr. 2011 Kleinverkauf: Marktstraße 32.

ÄFflfPII Mer uni) Sohu

Roman von Alfred Manns.

22] Copyright By Karl Köhler & Co., Berlin-Zehlendari.

Am Tage nach der Beerdigung zog llmmo Oltmanns auf den Eytinghof.

Hilke, als Erbin nicht nur des bäuerlichen Besitz­tums, sondern auch der väterlichen Charaktereigenschaf­ten, gab sich keiner weichen, äußeren Traurigkeit hin. Der Pastor hatte ein wahres Wort gesprochen: Für sie war der Vater nicht tot. Er lebte in ihr, und die Dinge um sie herum waren erfüllt von seinem Geiste.

Mft llmmo beredete sie sachlich alles das, was es zu tun gab. Sie verabredeten eine Arbeitsteilung der­art, daß der Bauernsohn fast selbständig, ohne Hilkes jedesmalige Zusttmmung einholen zu müssen, ale An­ordnungen eines Bauern traf. Nur bei größeren Aus­gaben wünschte Hilke gefragt zu werden. Im übrigen behielt sie sich selbst Haus, Geflügel und Milchwirtschaft als ihr Revier vor. Die beiden jungen Leute verstan­den sich ohne viele Worte; es gab in keinem Punkte llnsttmmigkeiten.

Am Abend setzte sich Hilke an ihres Vaters Schreib­tisch und schrieb an Arno nach Soffta Cruz de Canon:

Lieber Arno!

Seit gestern liegt mein guter Vater draußen bei Mutter auf dem Friedhof. Sein letztes Wort war ein Segen für uns. Er starb mit der Ueberjeugung, daß mir dereinst glücklich fein werden. Diese lleberzeugung habe ich auch, und deshalb warte ich auf Dich. So wie ich bin, muß ich Dir treu fein, selbst wenn mir die Ver- nunft das Gegenteil geböte; doch das tut sie nicht.

. Dein Vater ist an meiner Seite dem Sarge gefolgt;

wallte es so. Der Pastor hat sehr viel Gutes von dem Verstorbenen gesprochen. Er hat die Bauern ge­mahnt, gerecht, barmherzig und nachdenklich zu fein. Dabei hat er wohl an die Sache mit Deinem Vater ge­dacht. Ob es viel genützt hat. weiß ich nicht und glaube es vorläufig auch leider nicht. Wie sollen denn auch Fremde Gutes denken, wenn selbst Du ,, , Doch ich

weiß ja, wie in Dir das Vertrauen langsam abgetötet wurde, eben durch Deinen Vater. Trotzdem: ich glaube an seine Unschuld. Wenn Du übrigens fürchtest, daß Egbert Renken wieder in das Wirtshausleben zurück - fallen könnte, so kann ich Dich hierüber gänzlich be­ruhigen. Der neue Renkenhof ist bald unter Dach, und Dein Vater hat seit Deiner Abreise kein Wirtshaus wie­der betreten. Er hat einen aufrechten und stolzen Gang und arbeitet wohl mehr noch als in der besten Zeit, als Deine Mutter noch lebte.

Hier auf dem Eytinghof ist llmmo Oltmanns als Verwalter; das tft'1 ein guter Mensch. Ob er hier blei­ben wird, ist noch die Frage — ich kann Dir das nicht so erklären. — Wenn Du Verpflichtungen dort einge- gangen bist, so halte sie ein; doch für einen neuen Renkenhof zu sparen drüben, hast Du nicht nötig, selbst wenn Du Dich mft Deinem Vater nicht wieder aus- söhnst.

Nun lebe wohl. Glaube mir, daß ich Dir stets treu bin und die Deine werde, sobald Du nur rufst.

Deine Hilke.

Eine Woche später fuhren Hilke und llmmo mitein­ander in die Kreisstadt, um einige erforderliche Voll­machten für llmmo ausfertigen zu lassen.

Als sie an dem Briefträger vorbeikamen, winkte der und gab dem jungen Bauern einen Brief. Hilke er­kannte den gleichen gelben Umschlag, der ihr Schreiben von Arno umschlossen hatte. Sie war sehr erregt, ließ sich aber nichts merken. Utnrno las den Absender, schüttelte den Kops und steckte den Bries in die Tasche.

„Der Bries ist von Arno Renken, und er kommt aus Amerika. Hoffentlich geht es ihm nicht schlecht. Wenn er Geld braucht, dann sehe ich zu, daß ich was für ihn kriege; denn Arno ist mein bester Freund, wenn er auch der Sohn von dem — ach fo, dein Vater hat ja wohl zu ihm gestanden — dann will ich nichts Ungutes über Egbert Renken sagen. Ja, und wenn ich so darü­ber nachdenke, wer weiß denn, ob man das überhaupt darf; es ist nur, weil sein eigener Sohn nicht an ihn glaubt. Wie soll da unsereiner?"

„Mir ist so, als ob das alles noch mal an den Taz

kommt, llmmo. Nun laß mich mal auf deinen Platz und gib mir die Zügel. Du mußt erst lesen, was dein Freund schreibt." Das klang so entschieden, daß llmmo gehorchte. ,

Hilke las in des jungen Bauern Mienen. Darin lag kein Mitleid, wohl aber Staunen und beinahe so etwas wie Bewunderung. „Den Donner auch" und „Na, so was!" murmelte er vor sich hin.

Endlich war er fertig. Er starrte ins Weite und warf dann einen Blick voll Liebe auf Hilke, als diese gerade mit der Leine beschäftigt war.

„Wir müssen noch mal die Plätze tauschen", sagte er dann. „Du mußt diesen Bries auch lesen. Das ist ein mächtig schneidiger Bursche, der Arno. Der hilft sich selbst und so gründlich, daß er mir schon was anbieten kann."

Nachdem der abermalige Platzwechsel stattgefunden hatte, nahm Hilke den Bries und sah dabei so sonderbar erregt aus, daß llmmo sich wunderte; doch er war weit davon entfernt, die Zusammenhänge zu ahnen.

Hilke las:

Lieder llmmo!

Du kannst Dir wohl denken, weshalb ich sortzog aus der Heimat. Durch Zufall bin ich hier in Amerika gleich an die richtige Stelle gekommen, wo ich mich nützlich machen kann. Der Viehfarmer, bei dem ich bin, will eine Milchverwertungsfabrik errichten und eine Herde halbwilder Präriekiche umzüchten. Die Stiere hierfür mußt Du dort besorgen, und zwar müssen sie die Eigenschaften und Rassen haben, die ich auf dem bei­liegenden Zettel notierte. Die Tiere müssen ganz erst- klafsig fein. Vier Stück brauchen wir, von verschie­dener Stärke, nicht zu schwer. Das Geld kannst Du bei der Deutschen Bank in Bremen abheben, wenn Du Dich als llmmo Oltmanns ausweiseft, bis zu siebentausend Dollar. Sprich wegen Verladung mit dem Norddeut­schen Lloyd; vielleicht nimmt der für feine regelmäßi­gen, westamerikanischen Fahrten die Stiere als Deck­last mit; sonst gibt Dir ein guter bremischer Spediteur wohl einen Rat. Doch er muß darauf achten, daß die

Tiere für die amerikanische Eisenbahnfahrt als Zucht« vieh und nicht als Schlachtvieh verladen werden. — Und noch eins: Ich habe meinem Farmer von Dir er- zählt; er will Dich gerne einstellen. Arbeit gibt’s genug für uns u. lohnende. Du bist ja zu Hause abkömmlich und könntest die Stiere gleich begleiten. Reicht das Geld nicht, so telegraphiere.

Mir geht es gut, doch ich habe Sehnsucht nach der Heimat; doch fort kann ich hier nicht, und Dein Kom­men würde mir eine große Freude machen.

Telegraphiere bitte gleich: Wird gemacht. Komme mit ober komme nicht mit.

Es gritfjt Dich Dein Freund Arno.

Während Hilke las, grübelte llmmo Oltmanns. Er war etwas weniger schwer veranlagt als Arnv, und in ihm hatte früher em mächtiger Trieb in die Ferne gelebt. Nicht für immer wollte er dort bleiben, aber sehen wollte er fremde Menschen, fremde Sitten, an« dere Landschaften. Doch nun? Nichts hätte ihn vom Cytinghofe sortgebracht; denn mit einer großen, taube­ren Liebe hing er an dem Mädchen, das neben ihm saß. Fast traumhaft war ihm das Anerbieten des ster- benben Hilbert Eyting erschienen, und dann vom Au­genblicke an, als er sah, daß es Wirklichkeit war, da hätte er fein Glück um keinen Preis der Welt wieder hergegeben. Er wußte nichts von Arnos und Hilkes Liebe. Warum sollte er nicht hoffen? Stark und ehrlich war seine Liebe, die, darüber war er sich völlig klar, nicht dem Eytinghofe galt.

Hilke hatte den Brief in den Schoß sinken lassen und starrte ebenfalls vor sich hin. Sie fühlte nun sicher, daß llmmo sie lieb hatte, und in dieser Sicherheit sah sie der nächsten Zukunft, im Zusammenleben mit dem jungen Manne, einigermaßen unruhevoll entgegen. Zwar, einen so tüchtigen Verwalter würde sie kaum wiederbekommen; aber vielleicht sand sich doch einiger« maßen Ersatz Und dann vor allem: Arno hatte Sehn« sucht nach ihr und der Heimat; die konnte ihm der Freund vielleicht etwas lindern.

(Fortsetzung folgt.)