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Samstag, den 31. Dezember 1932.

Fuldaer Zeitung. (Amtliches Lreisblatt)

Nr. 302.

Fulda, den 30 Dezember 1932.

Gegen die Arbeitslosigkeit.

Der Reichskommifsar für Arbeitsbeschaffung, Dr. Gere ke, veröffentlicht in der Zeitschrift „Der Heimatdienst" einen ausführlichen Artikel über „Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit". Jm> we­sentlichen wiederholt Dr. Gereke darin die bereits in seiner kürzlichen Rundfunkrede gemachten Aus- Mrungen. Als eine wichtige Aufgabe sieht Dr. Gereke es an, die notwendige Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Stadt und Land her­beizuführen. Er vertrete keinesfalls Notstandsar- bsiten oder Im herkömmlichen Sinne „zusätzliche" Arbeiten, sondern die Durchführung regulärer Ar­beiten der öffentlichen fionb, für die die Arbeits­kräfte zu normalem Lohn herangezogen werden mühten. Rach den Feststellungen des Instituts für Konjunkturforschung, so heißt es u. a. in dem Ar­tikel, haben wir gegenwärtig eine Arbeitslosigkeit non mehr als 7 Millionen Menschen. Zusammen mit den Angehörigen der Erwerbslosen leben rd. 15 Millionen Deutscher von öffentl. Unter- stützungen. belasten damit nicht nur die öffent- lichen Etats, sondern fallen auch für den Kon­sum weitgehend aus. Es ist deshalb von Anfang an mein Bestreben gewesen, der Auslas­sung zum Durchbruch zu verhelfen, daß die Wirt­schaft nur wieder belebt werden kann, wenn mög­lichst viele Arbeitslose zu vollem Lohn ein­gestellt werden, damit wir wieder jene Kaufkraft Herstellen, die mir zur Verbesserung des Absatzes von Landwirtschaft und Industrie dringend brau­chen. Gerade di« Bemühungen zur Berbesserung der Lage unserer Landwirtschaft werden nur dann von vollem Erfolg sein, wenn die große Masse der Verbraucher in ihrer Kaufkraft gestärkt ist.

Set Siözesanklerus !m Jahre 1933.

Don den Geistlichen der Diözese Fulda wird im neuen Jahr« keiner sein goldenes Priesterjubi- läum feiern können. — Der Schematismus weist 8 Jubilarpriester aus, die in den Jahren 1871 bis 1882 geweiht find und also schon ihr goldenes Ju­biläum gefeiert haben. Geist!. Rat Ney-Dipperz (Senior des Diözesanklerus). Geistl. Rat Schick- Saffig. Ehrendomherr Dr. Weber-Marburg, Geistl. Rat ßomf>’fjiinfelö, Pfarrer a. D. Deck-cheiliqen- ftadt, Geistl. Rat Herzberg-Beuren, Se. Exzellenz Dr. Joseph Damian Schmitt, Bischof von Fulda, Gefftl. Rat Kramer, Fulda. — Ihr silbernes Jubiläum feiern folgende im Jahre 1908 zu Priestern geweihte Herren: am 10. April: Pfarrer Ernst - Ershausen, Dechant Hunstiger • Nordhausen, Strafanstaltspfarrer Lohofs-Kassel, Pfarrer Schade- Großbartloff, Pfarrer Wagner-Martinfeld; am 25. Juli: Pfarrer Balzer-Michelsrombach, Pfarrer Beck-Bosch, Pfarrer Horst-Oberbimbach, Pfarrer Kircher-Petersberg bei Fulda, Studienrat Pfeifer- Fulda, Pfarrer Gr. Quell-Burghaun, Pfarrer W. Quell-Schleid, Pfarrer Reinhard - Jena, Pfarrer Roßbach-Kaslel-Wehlheiden, Pfarrer Schaub-Roß­dorf. Pfarrer Witzel-Schwarzbach: am 10. August: Pfarrer Helbig-Wiesenfeld und Pfarrer Kaufmann- Kreuzebra.

ft tippenfei« auf dem Frauenberg.

Die Arbeitsgemeinschaft der Krip. penfreunde Fulda veranstaltet wie alljähr. lich in der Klosterkirche auf dem Frauenberg eine kirchliche Feier. Am Sonntag, 1. Januar, findet nachm. 4.30 Uhr eine feierliche Krippenandacht mit Ansprache und Segen statt. Alle Gläubigen sind ,zu dieser Krippenandacht auf dem Frauenberg« herrschst eingeladen. Für die Mitglieder der Ar­beitsgemeinschaft sind die ersten 10 Bänke rechts (unter der Kanzel) reserviert.

Spartoffenflutbaben und hilfsbedürstigkeitsptü- funq.

Ein Schreiben des Präsidenten der Reichs­anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosen- Versicherung an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband beschäftigt sich mit der Berücksichti­gung von Sparkassenguthaben bei der Prüfung der Hilfsbedürftigkeit in der Arbeitslosenversicherung und Krisenfürsorge. In diesem Schreiben weist Dr. Syrup nochmals darauf hin, daß versicherungs- mäßige Arbeitslosenunterstützung nach dem 36. Un«

terstützungstaqe und Krisenfürsorge allgemein nur dann gewährt werden kann, wenn der Arbeitslose nad) den Grundsätzen der öffentlichen Fürsorge als hilfsliedürftig anerkannt wird. Bei der Priifung dieser Frage ist an sich sein ganzes verwertbares Vermögen und Einkommen zu berücksichtigen. Al­lerdings unterscheiden sich die versicherungsmäßige Arbeitslosenunterstützung, auch soweit sie von der Hilfsbedürftigkeit des Arbeitslosen abhängig ist, und die Krisenfürsorge von der allgemeinen Wohl- fahrtsfürsorqe dadurch, daß hier die Unterstützung vom Verbrauche oder der Verwertung eines „klei- neren" Vermögens nicht abhängig gemacht werden darf. Sparkassenquthaben von geringerem Umfang sind demnach regelmäßig als „kleine­res Vermögen" in diesem Sinne anzusehen und bei der Unterstützungsgewährung unberücksich­tigt zu lassen. Die Bestimmung aber, bis zu welchem Betrage noch ein Guthaben als „kleineres Vermögen angesehen werden kann, verbleibt den örtlichen Instanzen. Maßgebend sind hier die Richt­linien des zuständigen Wohlfahrtsamtes. In dem Antragsformular wird der Arbeitslose zwar ver­pflichtet, auch ein kleineres Sparguthaben anzu- qeben, aber gleichzeitig darauf hingewiesen, daß seine Arbeitslosenunterstützung von dem Ver­brauche dieses Guthabens nicht abhängig ist.

Inventurausverkäufe im Fuldaer Land.

Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau Geschäftsstelle Fulda weist darauf hin, daß im Stadt- und Landkreis Fulda sowie Kreis Hünfeld, gemäß Bekanntma­chung des Herrn Regierungspräsidenten zu Kassel vom 17. Juni 1932, Jnventurverkäufe nur stattfin­den dürfen in der Zeit vom 9- bis 28. Januar 1933 und zwar nur in folgenden Branchen: Textilien aller Art, Schuhe, Portefeuillewaren (Damenta­schen, Reisekoffer pp.), Herren- und Damenhüte. Für den Stadtkreis Fulda ist eine freiwil­lige Vereinbarung, unter Führung der Geschäfts­stelle Fulda der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau dahingehend getroffen worden, daß der Jnventurverkauf am Montag, den 9. Januar 1933 beginnt und am Samstag, den 21. Januar 1933 endet.

Gegen Schund- und Schmuhfchrifien.

Der Preußische Städtetag hatte auf Anregung des preußischen Ministers des Innern bereits im Jahre 1929 den Städten empfohlen, den Inhabern von Zeitungsständen die Bedingung aufzuerlegen, daß erotische Zeitschriften in anreißersicher oder abstoßender Weise nicht ausgestellt werden dürfen. Auf Anregung dss Paritätischen Ausgleichsaus­schusses, in dem die evangelischen und katholischen Verbände zusammengeschlossen sind, hat der Städtetag nun seinen Mitgliedern empfohlen, mit den Pächtern der städtischen Kioske eine Vereinba­rung zu treffen, wonach Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke vom Vertrieb ausgeschlos­sen werden, wenn sie in sittlicher oder religiöser Beziehung Aergernis zu geben geeignet sind. Feil- bieten und Verkauf anstößiger Literatur soll durch eine entsprechende Vertragsklausel belegt werden.

Beamte Dürfen keine G »schenke annehmen.

Der Frankfurter Stadtturnrat vor bet DisziplmarkaMmer.

Gegen den Frankfurter Stadtturnrat war a u f eigene Veranlassung ein Disziplinarver­fahren eingeveitet worden, als Gerüchte umliefen, er habe sich von Firmen, di« sich um städtische Lieferungen bemühten, bestechen lassen. Dies soll tn der Weise geschehen sein, daß dem Turnrat Auslagespesen ersetzt würden. In einem anderen Fäll habe die Stadt die Beschaffung eines Photo- apparates nicht genehmigt. Hierauf hätten zwei Firmen mehrere hundert Mark als Kaufpreis für den Apparat gezahlt.

Die Sache kam vor dem Bezirksausschuß in Wiesbaden zur Verhandlung, der auf 3 0 0 Mark Geldstrafe erkannte. Die sowohl vom An­geschuldigten als auch vom Anklagevertreter ein­gelegte Berufung wurde zurückgewiesen und in der Begründung u. a. ausgeführt:

„Wenn der Stadtturnrat als ehrenamtlich tätiger Fürsorger für Spottvereine Auslagen ge­habt habe, so habe et sich zwecks Erstattung dieser Auslagen an die Stadt oder auch an die Spott- vereine wenden können. Auf keinen Fall habe er aber mit den Lieferanten in geschäftliche Beziehun­gen treten dürfen. Wenn ihm auch zu glauben fti, "daß er Auslagen gehabt habe, so haben die

Auslagen doch nicht den Betrag erreicht, den er von den 'Firmen bekommen habe. Dies« hätten in engsten geschäftlichen Beziehungen zur Stadt Frankfutt gestanden; auf die Vergebung der Auf­träge habe der Stadtturnrat maßgebenden Einfluß gehabt. Nicht nur in dieser, sondern auch in der Angelegenheit mit dem Photoapparat habe er sich disziplinarisch strafbar gemacht. Bei der Bemes­sung der (strafe müsse zugute gehalten werden, daß der Angeschuldigte etwas großzügig gewesen fei "nb persönliche Vorteile nicht erstrebt habe; insbesondere den Photoapparat Habe er sich aus idealen Gründen beschafft: zur Propagandierung seiner Sportideale; zu seinen Gunsten spreche auch seine lange vorwurfsfreie Dienstzeit."

1900 : 8000 — 1932 : 41 000.

Der Dresdener Stadtschulrat Dr. Harnacke gibt in einem Ausruf gegen das übersteigerte Bildungswesen folgende Ziffern: 1900 wurden in Deutschland bei 2 Millionen Geburten 8000 Abiturientenzeugnisse erteilt. 1932 wurden 900 000 Kinder geboren und 41 000 Abiturienten­zeugnisse ausgestellt! Aus diesen Ziffern schöpft Harnacke den warnenden Schluß: Ein Volk, das nichts Entscheidendes dagegen tut, daß feine Ju­gend in Ausbildungssackgassen strömt, aus denen es keinen Weg in bürgerliche Existenz und Fami- liengrünbung gibt, vernichtet seine eigene Zukunft.

Handwerkskunst.

Eine sehenswerte unb für bas Fuldaer Hand­werk höchst ehrenvolle Ausstellung wird in den Schaufenstern der Firma Ludwig Fleischmann, Schreibwaren und Buchbinderei, Karlstraße, zur Zeit gezeigt. Es handelt sich um fünf Meister­stück«, die außergewöhnliche handwerkliche Bega­bung und Können ettennen lassen. Vier von den Jungmeistern sind Söhn« von Fuldaer Handwerks­meistern. Der Ausfall der Meisterarbeit, die exakte urtb peinlich saubere Ausführung geben der Hoff­nung Raum, daß auch der derzeitige Nachwuchs des Fuldaer Handwerks in die Fußtapfen der Vä­ter eintritt und die Anfertigung von Qualitätsar­beit weiterhin erstrebt. Es ist erstklassige Werk­mannsarbeit, die da gezeigt wird und di« den fünf Jungmeistern zur Ehre gereicht.

Die Dekorationsmalerei mit dem beigegebenen Entwurf des Herrn Fritz Spiegel lassen schöp- ferisches Können, erlesenen Geschmack und eine sichere Pinselführung erkennen.

Die verschiedenen Einbände unb Buchbinder- arbeiten bes Herrn Josef Fleischmann ste-

Ein Falschmünzer verhaskek.

Die ftriminalpolizei faßt den Falschmünz«, der hier in d« letzten Zeit falsche 1 Mark- unb 50 Pfennig-Stücke in den Verkehr brachte.

In den letzten Monaten mehrten sich die Fäll«, in denen hier Falschgeld im Verkehr festgestellt unb angehalten mürbe. Da es sich burchweg um in der Herstellung gleichartige Stücke handelte, so be­stand schon seit längerer Zeit bei den maßgeben­den Stellen die Auffassung, daß diese Falschstücke hier am Ort hcrgestellt wurden. Am Tage vor Heilig-Abend wurde nunmehr von der Fuldaer Kriminalpolizei eine Falschmünzerwerk- ftätt« auskindig gemacht und in großen Mengen die erforderlichen Materialien und For. men für die Anfertigung der Falschstücke, sowie eine Anzahl fertig gestellter falscher 1 Mark-Stück« und 50 Pfennig-Stücke vorgefunden und beschlag­nahmt.

Als Täter kommt der 64 Jahre alte Monteur Josef Weichlein in Frage, der festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht wurde. Wie di« inzwischen durchgeführten eingehenden Recher- chen der Kriminalpolizei ergeben haben, hat W. seit Monaten falsche 1 Matt-Stücke und 50 Pfen­nig-Stücke durch Verausgabung in hiesigen Ge­schäften in den Verkehr gebracht.

Die Ermittlungen über den tatsächlichen Um­fang der hergestellten Falschstücke sind noch nicht abgeschlossen. Es steht aber fest, daß W., der feine Tätigkeit sogar seinen nächsten Angehörigen ge­schickt zu verbergen gewußt hat, keinerlei Mittäter bzw. Mitwisser gehabt hat.

hen in der Ausführung, im Entwurf und in der Sauberkeit der Vergoldung auf einer erstaunlichen Höhe. Besonders die Handvergoldungen sind mit seltener Sauberkeit unb geschmackvoller Anordnung durchgeführt.

Das Schloß des Herrn Ludwig Fleisch­mann beweist, daß auch heute noch, im Zeitalter der Fabrikware, ein Schlosser ein gutes Schloß zu machen vettteht, dem er ja seine Berufsbezeichnunq verdankt. Die Wahlarbeit, eine Grablaterne, nach eigenem Entwutt gefertigt, läßt hervorragendes Können erkennen, das starre Eisen in Formen zu zwängen, wie sie dem Prüfling bei Anfettigung der Entwurfsskizze vorgeschwebt haben.

Daß auch das spröde Zink es gestattet, künst­lerisches aus ihm zu fertigen, beweist der mit gro­ßer Sorgfalt und Sachkenntnis angefertigte Palm-

Seid verkehrsfreundlich!

Mas jeder hin kann, um den Fremden-Verkehr zu heben.

Es geht bas Gerücht, baß verschiebene beutsche Bolks- stämme als besonbers höflich, bezw. entgegenkommend gegenüber Auswärtigen und Fremden anzusprechen seien. Man nennt hier in erster Linie den Rheinländer und Sachsen, gelegentlich wohl auch den süddeutschen Franken. Maa es sich hier um Legendenbildungen han­deln, eines ist sicher: es würde sich empfehlen, wenn der Deutsche allgemein entgegenkommend gegenüber Frem­den angesprochen würde. Das wird erreicht werden, wenn man den Menschen klarzumachen versteht, daß Höflichkeit gegenüber Fremden nicht nur eine sehr an­genehme, sondern auch eine äußerst nützliche Tugend ist. Nützlich insofern, als es sich schließlich herumspricht, wo die Gäste in Stadt und Land am freundlichsten und ent­gegenkommendsten behandelt werden. Man könnte viel­leicht das alte Sprichwort umkehren und in folgende Form bringen:

Bist Du wo gut ausgenommen, Wirst Du gerne wiederkommen.

Und das wollen wir doch schließlich alle, daß die Fremden, die unser schönes Fuldaer Land aufsuchen, wiederkommen und auch andere mitbringen.

Dazu bedarf es aber der Höflichkeit. Nicht ohne Grund hat vor Jahren eine große Berliner Zeitung eine Woche veranstaltet, die unter der Devise „pro pentilezza" (für die Höflichkeit) stand und bei deren Abschluß das blaue Band der Höflichkeit an Geschäftsleute, Strahen- passanten, Schaffner, Chauffeure und Schupos verteilt wurde. Solche äußere Ehrungen sollten gar nicht nötig fein, wir müßten von selbst wissen, daß es nur unser Vorteil (ein kann, wenn wir uns unseren Gästen ge­genüber stets freundlich und liebenswürdig zeigen. Der Städter und Landmann, der Schüler und Beamte, der Gastwirt unb Hotelier muß instinktiv fühlen, daß er Fremben gegenüber eine Mission zu erfüllen hat. Er will doch für feine Heimat unb beren Verkehr wirken. Der Frembenverkehr, von bem ganze Völker — wir brauchen nur an bie Schweiz zu erinnern — leben, ist heute ein so wichtiger Wirtfchaftsfak- t o r geworben, baß er nicht übersetzen werden darf, ins­

besondere nicht in unserem, durch bie Wirtschaftsnot be­sonders leidenden Vaterlande.

Fragt Dich ein Fremder nach einem Haus, einer Straße oder einem Verkehrsweg, so antworte ihm höf­lich und liebenswürdig. Erzähle ihm noch etwas, wenn er Dich anzuhören wünscht, von der Geschichte und Lag« des Ortes, wo er sich gerade aufhält, preife Umgebung und Sehenswürdigkeiten, mache ihn auf historisch dsnk- würdige Stätten aufmerksam. Der Gast Deiner Hei« mat wird dann nicht nur Deine Ortskenntnis bewun­dern, sondern er wird Dir dankbar für jeden Hinweis fein, der ihm neu und verlockend erscheint. Natürlich muß jeder, der Auskunft geben will, auch Bescheid wissen in der Heimatkunde seiner Vaterstadt oder seines Dorfes, er muß wissen, welche Unter- kunfts- unb Verpslegungsstätten er bem Fremben in Rücksicht auf beffen Gelbbeutel empfehlen kann. Er muß z. B. auch frei sein von jebem Vorurteil gegen Autos, die er nicht als Stinkkutschen ober Staubauf- wirbler ansehen darf, sondern als Verkehrsmittel, die in unserer Zeit nicht mehr entbehrt werden können und deren Insassen noch obendrein Geld ins Land bringen. Der Auskunft erteilende „Eingeborene" muß auch Ent­fernungen richtig fchätzen tonen. Wenn man einem Touristen einen schönen Wanderweg empfiehlt und die Strecke auf Wi Stunden bemißt, während sie in Wirklichkeit 2'Ä Stunden erfordert, dann ärgert sich der Fremde, fühlt sich angeschmiert und kommt leicht nicht wieder.

Deshalb kann man nur immer wieder jedem zurusen: Seid höflich und entgegenkommend gegen Fremde, zeigt ihnen, daß Ihr Freude und Genugtuung empfindet, wenn sie Euer schönes Land aussuchen und helft ihnen mit Rat und Tat, wenn sie sich an Euch wenden. Der Erfolg wird sich früher ober später in einer verbesserten Verkehrsbilanz zeigen. Verkehr aber schafft Ar­beit, Brot unb Geschäftsbelebung. Ein deutscher Dichter hat einmal nicht mit Unrecht gesagt: „Höflichkeit ist bas Staatspapier bes Herzens, bas oft um so größere Zinsen trägt, je unsicherer bas Kapital ist."

Kangemarck

Don einem, öer öabei war.

6 Copyright 1932 by Knorr & Hlrth, G. m. b. H.

Thirr versteht kein Wort. Aber er weiß, daß Leben und Tob bie,es alten Mannes in seiner Hand ruhen und er ist entschlossen, nicht übereilt zu töten, aber zu töten, wenn das harte Gesetz, das er mitgebracht hatte, es erforderte.

Sie kommen wieder aus der Scheune heraus und sie haben nichts gefunden.

„Man müßte die Scheune ausräumen," schlug der Gefreite vor, „er kann ja alles Mögliche unterm Stroh versteckt haben."

Thirr bettachtet das Gesicht des Bauern, er mochte an die siebzig Jahre alt fein. Ein verrunzeltes Gesicht, schneeweiße Haare darüber, Hände wie aus Holz. Und wie er, so betrachten auch seine Leute dieses alte Gesicht und ihre Mienen werden etwas unsicher.

„Er hat es nicht getan," sagt Thirr plötzlich.

Dann legt er dem alten Mann die Hand auf bie Schulter, ber steht auf unb einige Tränen stehen noch auf seinen lebernen Backen.

Thirr macht eine beruhigende Handbewegung.

Schüttelt den Kopf unb schiebt bie Unterlippe vor.

Der alte Bauer begreift plötzlich, rutscht näher unb faßt nach der Hand von Thirr und bevor dieser es ver­hindern tonn, hat er seine weiten Lippen auf die Hand gepreßt.

Thirr wird rot. Er dreht sich um.

„Los," sagt er heiser, „wir müssen zurück."

Sie sehen den alten Mann noch mitten im Hofe tnien und ihnen nachstarren, die Ziegen schnuppern ihm an den weihen Haaren herum und die Fertel und Hüh­ner hoben sich um ihn versammelt, ein Bild bes Friedens und der Unschuld.

Dann stampfen sie wieder über den Acker und kom­men auf die Straße, sie geraten in die Kolonnen eines fremben Regiments unb sie beeilen sich, nach vorne zu

Thirr geht zum Kompagnieführer, um zu tnelben.

Leutnant 5?errer zuckt bie Schulter.

„Auf Ihre Verantwortung," sagt er kurz unb schickt ihn zurück zum Zuge.

Der Marsch geht weiter.

Die erste Gruppe ist ziemlich schweigsam, tnbeffen bie anberen schon roieber ihre Lieber ausgenommen haben. Sie müssen an ben ersten Toten benten und an den alten Bauern, dem sie das Leben gelassen haben. Und sie müssen auch auf einmal daran denken, was es heißt, den Feind im Lande zu haben.

Stunde um Stunde vergeht, und der Tornister be­ginnt infam zu drücken.

Weiter geht ber Marsch.

Der Kriegsfreiwillige Gregorius betrachtet bie Lanb- fchaft wie aus einem Traume heraus. Roch zittern feine Kniekehlen etwas von bem eisigen Schrecken, ben er empfanb, als er abdrückte und Thirr vor ihm stand.

Der Krieg ist nicht einfach, denkt er verwirrt.

Kilometer um Kilometer.

Und dann taucht die Silhouette einer größeren Stabt aus bem beginnenben Abend.

Es ist Roulers. Kirchtürme und Häuserlandschaften. Die Regimenter halten. Und zum ersten Male kann Feldwebel Thirr. der vom Kompagnieführer zurück- kommt, etwas erzählen. Deutsche Patrouillen sind am Morgen auf englische Kavallerie gestoßen. Der Feind ist also in ber Nähe. Vielleicht ist angesichts jener Stabt bas erste Gefecht in Aussicht.

Niernanb, nicht einmal ber Oberbefehlshaber der Ar- mee, der Herzog Albrecht von Württemberg, weiß, welche große Bedeutung dieser Zusammenstoß der Rad- fahrpatrouille hatte. Vielleicht müssen die Generalstabs­offiziere zugeben, daß nunmehr der Gegner weiß, daß eine neue Armee im Anmarsch ist Aber niemand hat Kenntnis davon, daß dieser Anmarsch eine große Offen­sive des General French unmöglich gemacht hat.

Also Engländer, denken die Jungens und starren Thirr an. Aber bevor Thirr zu Ende berichtet hat, kommt der Kompagnieführer im Galopp heran.

„Seitengewehr aufpflanzen!"

Es rauscht durch die ganze Truppe, ein funkelndes Gewirr geht über ben Köpfen umher unb bann steht ein Walb blitzender Bajonette in ber Abenbsonne.

„Die Stabt ba vorne heißt Roulers!" ruft Leutnant Perrer, „sie ist wahrscheinlich besetzt unb wird angegrif­fen. Ich verlasse mich auf die Kompagnie." Und bann springt er vom Pferb und gibt die Zügel dem Pferde­halter.

Die Jungens stehen schweigend, aber es liegt ein Ausdruck in ihren Gesichtern, der Thirr, der sie be­obachtet, auf einmal unsäglich rührt und packt. Ein feierlicher, schöner Ausdruck, anders kann man es gar nicht bezeichnen. Und immer, später, als sie schon längst vor Langemarck lagen und viele dieser Kinder getötet und begraben waren, erinnerte sich Thirr an diese Mi­nute, da zum ersten Male ihre Augen in die Bajonette starrten und ber Krieg seine dunklen Schwingen über ihnen entfaltete.

Die Bajonette gehören zum Gewehrmodell 98, mit dem die Infanterie ausgerüstet ist. Als sie dieses Ge­wehr zum ersten Male in der Hand hielten, mußten sie zugeben, daß es ein schönes Gewehr war. Sie lernten mit ihm umgehen, aber den altgedienten Soldaten, die ihnen das beibringen sollten, lief bisweilen eine Gänse­haut über den Rücken, wenn sie daran dachten, daß sie mit solchen Jungens in ein paar Wochen in den Krieg ziehen sollten.

Und wenn das Gewehr Modell 98 schön anzusehen war, so war auch bas Seitengewehr Mobell 98 schön anzusehen. Das Bajonett war lang, schmal, beinahe elegant. Aber biese Seitengewehre haben sich später, als sie ihre furchtbare Arbeit begannen, als viel zu schwach erwiesen, sie würben, so rasch es eben ging, burch kürzere unb breitere ersetzt.

Nun steht vor Roulers ein weithin schimmernber Walb von Bajonetten, soweit man bie Straße nach vor­wärts unb soweit man sie nach rückwärts überschauen kann. Zum ersten Male wirb es ernst, für sie alle. Viele betrachten nachbenklich mit erhobenem Kopf bas Bajonett unb bewegen es ein wenig hin unb her Da­mit also sollten sie fechten beim Sturmangriff, ben Kol­ben an bie Seite nehmen, bie Linke an ben Handschutz pressen unb bann — ja unb bann sollte es geschehen, ihnen ober bem anbern, ben man Feinb nannte. Es war nicht gerabe viel Zeit gewesen, ihnen bas Fechten beizubrin- gen, wie für alles nicht viel Zeit gewesen war. Nicht sehr oft hatten fie das Bajonettiergewehr m ber Hand

gehabt, jenes gewehrähnliche Holz mit bem Tuchball auf ber Eisenspitze.

Thirr hatte manchmal ratlos auf bem Exerzierplatz seinem auseinanbergezogenen Zuge zugesehen, wie die Jungens ebenso furcht- wie ahnungslos mit den Holz­knüppeln in der Lust herumfuhrwerkten. Ein mittel­mäßiger Reservist aus einem aktiven Regiment hätte im Nu, einen nach dem andern, die ganze Kompagnie auf den Hintern fetzen können.

Nun, denkt Thirr, indessen er an einem Chaussee­baum lehnt und, wie immer und unaufhörlich, feine Leute beobachtet, sie wisse« ungefähr, wie es gemacht wird und einige sind sogar unter ihnen, die sich vorzüg­lich habet angestellt haben.

Nun stehen sie schon eine ganze, ermüdende Weile angesichts der Stadt, in ber sich ber Feinb befinben soll. Sie werben allmählich etwas ungebulbig. Lang­sam sinkt bie Sonne weiter in bie Bäume hinein, man sieht sie schließlich zwischen ben Zweigen stehen wie ein großer, ferner, purpurroter Lampion.

Der Kompagnieführer ist wieher nach vorne ge- gangen. _

Es wirb nicht viel gesprochen. Sie träumen vor sich hin unb lassen immer wieher bie aufgepflanzten Sei­tengewehre ein wenig ausfunkeln. __

„Ist ja heller Quatsch!" sagt auf einmal Pfanen« stiel laut unb vornehmlich in bie Stille hinein unb fein« großartigen Schmisse verziehen sich zu grämlichen Or­namenten.

Der Unteroffizier Müller II breht sich kurz um und mustert ben Studenten mißtrauisch.

„Was ist Quatsch?" fragt er scharf.

„Herr Unteroffizier," antwortet Pfannenstiel fried- lich und alles, was in der Nähe steht, drängt sich zu- fammen, „ich habe zwar, auf Ehre, noch keinen Krieg mitgemacht. Aber ich dachte folgendes: wenn da welche säßen, würden sie aufpaffen. Und wenn ba welche auf- paffen würben, hätten sie uns auch gesehen. Unb wenn sie uns gesehen hätten, ließen fie uns hier nicht so gemütlich stehen unb bas brave Kind markieren. We­nigstens so'n Schrapnell würden sie uns um bie Glatze pfeffern, was, Herr Unteroffizier?"

(Fortsetzung folgt.)