Einzelbild herunterladen
 
  

Jtr. 299.

Fulda, den 24 Dezember 1932.

Aach den Feiertagen.

Kurz vor dem Fest hatte leider das winterliche Wetter des Dezember ein Ende gefunden. Ein Weihnachtsbild mit glitzerndem Schnee und blin­kendem Eis war uns in diesem Jahre nicht besmie- den. Zumeist hüllte an den beiden Feiertagen ein mehr oder minder dichter Nebel die Welt ein. Nur vorübergehend wurde es Heller. Auf den Bergen, höher als 400 Meter hinauf, soll aber in der Rhön und im Taunus Sonnenschein geherrscht haben und alles, was aus dem Nebelmeer hervorragte, dis Gipfel der Berge also, bis in weiteste Ferne sicht­bar gewesen sein.

Weihnachten ist glücklicherweise für den ch r ist - l i ch e n Menschen nicht auf die sogenannte „Stim­mung" gegründet. Für ihr ist ein gesegnetes Weihnachtsfest nicht abhängig von mehr oder weni­ger geeignetem Witntersportwetter, nicht abhängig von dem, was sich oberflächliche Zeitgenossen in und um einen sag. „Weihnachtsmann" an Kitsch zusammengeleimt haben. Weihnachten ist das feine Freudenfest der nach Rettung aus dem menschlichen Jammer sich sehnenden Seele, ein religiöses Fest voll stiller Innerlichkeit. In Fulda trägt glück­licherweise das Weihnachtsfest noch in erster Linie religiösen Charakter. Als am Samstagabend mit dem Hereinbrechen der Dunkelheit die Geschäfte schlossen u. von den Türmen die Glocken die Weih­nacht feierlich einläuteten, breitete sich eine wirk­liche Feierstille über die Straßen. Die heilige Nacht zog herauf, in der wir des Wunders von Bethlehem ehrfurchtsvoll gedenken. Dann aber, kurz vor der 4. Morgenstunde, öffnete sich fast an je­dem Haus die Tür und die Christen strömten zu den feierlichen Metten in die Kirchen. Alle waren überfüllt. Der hohe Dom, an dessen Südseite ein Weihnachtsbaum erstrahlte, ebenso wie die beschei­denen neuen Gotteshäuser am Rande der Stadt. Ein edler Wetteifer zeigte sich, diese nächtlichen Got­tesdienste durch Musik und Gesang so schön wie möglich zu gestalten. Wer das Orgelspiel im hohen Dom hören durfte, wird sicherlich diese künstlerischen Darbietungen lange nicht vergessen. Auch im bi­schöflichen Hochamt am 1. Feiertag um %10 Uhr wurde hier durch den Dom- und Alumnenchor, der mit Orgel- und Orchesterbegleitung die Stella- Maris-Messe von Griesbacher sang, bemerkens­werte heilige Musik geboten. Die Christmette in der Klosterkirche auf dem Frauenberg war beson­ders stark besucht. In der Stadtpfarrkirche gefiel vor allem wieder die herrliche Ausschmückung des Altars.

In allen Kirchen sind auch in diesem Jahre wie­der Krippen ausgebaut, die namentlich die Kinder in Entzücken versetzen, aber auch die erwachsenen Gläubigen mit Ehrfurcht von dem Geiste christlicher Kunst erfüllen. Das ist veredelnde Volkskunst, weit wichtiger und wirkungsvoller als gelehrte Samm­lungen problematischer Kunstschöpfungen. Das milde trockene Wetter begünstigte namentlich auch den Besuch der Krippe in der Klosterkirche auf dem Frauenberg, die eine besondere liebvolle Ausge­staltung erfahren hat.

Wie schon in den Tagen vor dem Fest die, Betätigung christlicher Liebe durch zahlreiche Be- Icherungen sich in erfreulicher Weise gezeigt hatte, io wurde auch am heiligen Abend gegenüber den in bechnders traurigen Verhältnissen befindlichen Mitmenschen christliche Caritas offenbar. Für 10 Straf- und 6 Untersuchungs-Gefangene der hiesigen Strafanstalt fand eine schlichte Feier int Betsaal der Anstalt statt, bei der der Aufsicht führende Richter des Amtsgerichts, Amtsgexichts- rat Bellenberg, eine tröstende Ansprache an die Gefangenen richtete. Im Obdachkosen-Asyl in der Rhabanusstraße wurde für 32 Wanderer, darun­ter 7 Männer, die das 60. Jahr überschritten hatten, eine Weihnachtsfeier bereitet. Hier hielt Pfarrer Hattendorf eine Ansprache und Ober­bürgermeister Dr. Danzebrink ließ weihnachtliche Geschenke überreichen. Auch von einigen Ge­schäften waren Weihnachtsgaben zur Verfügung gestellt, ebenso von der evangelischen Diakonissen­station. i

*

Die Feiertage selbst verliefen in Fulda sehr ruhig. Die Sttaßen waren meist fast menschen­leer. Im warmen Stübchen gab man sich bei dem, was das „Christkind" gebracht hatte, bei mehr oder minder kunstvoller Musik, bei den

Fuldaer Aettuna (Amttiches Sreisblatt)

Mittwoch, den 28. Dezember 1932.

Lauten des Radio und ähnlichem der Weihnachrs- stimmung hin.

Schon aber ist die Ruhezeit für die meisten vorbei. „Zwischen den Jahren" heißen diese fünf Werttage, die das alte Jahr noch übrig hat. Mögen sie zu einem Neujahr hinführen, das uns nicht allzuviel neues Unheil bringt. Auf einiges sind wir ja von vornherein gefaßt und von den Glücksmüglichkeiten für 1933 macht sich wohl Keiner, der nicht „Drittes Reich" für etwas hätt, was sich auf dieser Welt verwirklichen ließe, übertriebene Vorstellungen.

Dom Diözesantlerus.

Wie der „Hessische Kurier" meldet, ist der in Kassel in der Pfarrei St. Marien tätige Herr Kaplan Botthof (früher Stadtkaplan m Fulda) mit Wirkung vom 2. Januar zum Missionspfarrer der neuerrichteten Seelsorgstelle Suhl in Thü­ringen ernannt worden.

Aus der Scntrumspartei.

Auf der Tagung des Landesausschusses der Kurhesstschen Zentrumspartei, der, wie mitgeteilt, am 9. Januar in Fulda zu- sammentritt, wird über die Reichspolitik der Reichstagsabgeordnete P r a d e k-Hei!igenstadt das Referat halten. Herr Pradel vettritt bekanntlich seit dem Frühjahr dieses Jahres als Nachfolger von Wilhelm Marx den Wahltteis Thüringen (Geisaer Land) im Reichsparlament.

Promotton.

Herr Diplomlandwirt Josef R e h b e r g , Sohn des Landwirts und Bürgermeisters B. Rehberg in Reckrod, Kreis Hünfeld, promovierte im Institut für Tierzucht und Molkereiwesen der Landwirt- fchaftlichen Hochschule zu Bonn zum Dottor der Landwirtschaft mit bestem Erfolg. Herr Dr. Reh­berg ist Abiturient des hiesigen Gymnasiums.

Todesfall.

Am Samstag, den 24. d. Mts., verschied nach langer Krankheit ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Fulda, Herr Mendel Grüne bäum, Inhaber der Mehlgroßhandlung Fulda-Schlüchtern. Besonders zur Zeit der schwie­rigen Ernährungskage unserer engeren Heimat ivährend des Weltkrieges hat der Verstorbene im Verein mit den Fuldaer Stadt- und Kreisbehör­den sich Verdienste für die Allgemeinheit erworben. Auch in der Nachkriegszeit, als die Arbeitslosig­keit sich ins Ungemessene steigerte, hat M. Grüne- baum verborgene Werke der Barmherzigkeit an Bedürftigen jeder Konfession in reichem Maße geübt. Ehre seinem Andenken!

Don der Kasseler Regierung.

Mit Wirkung vom 23. Dezember 1932 wurden Regierungsasfessor Dr. K nost, der Referent für Polizei, Polittk und Presse bei der Regierung zu Kassel, und Regierungsassessor Dr. Jor­dans vom Oberversicherungsamt Kassel zu Re- gierungsräten ernannt. Der stellvertretende Polizeipräsident von Kassel, Oberregierungsrat Dr. Mergenthaler, ist, wie der Lpd. zuverlässig erfährt, auf seinen Antrag aus dem bayerischen Staatsdienst entlassen und mit Wirkung vom 23. 12. 1932 in die preußische Staatsverwaltung übernommen worden. Oberregierungsrat Dr. Mer- genthaler wird an das Polizeipräsidium Reckling­hausen versetzt und mit der Leitung des Polizei­amtes in Gladbeck betraut. Zu seinem Nachfolger wurde Regierungsrat Dr. Lindenborn, zu­letzt un Preußischen Ministerium des Innern tätig, 'berufen. Dr. Lindenborn war Sereits als Regierungsreferendar in der Kasseler Regierung tätig, wurde 1925 Regierungsassessor, war hierauf im Landratsamt Neustadt (Oberschlesien) und so­dann beim Polizeipräsidium Berlin, von wo er ins Preußische Innenministerium berufen und am 23. 12. 1932 zum Regierungsrat ernannt wurde. Regierungsrat Dr. Lindenborn wird seinen Kas­seler Posten erst am 1. Februar 1933 antreten.

Enttäuschte Hoffnungen der Wintersportler.

Wenn schon im Fukdatal das Wetter der letzten Zett nicht auf die Weihnachtszeit eingestellt war, in der man die Natur gerne im weißen Winter­kleide sieht, so herrschte auf den Rhönbergen und den sonstigen deutschen Mittelgebirgen geradezu eine Frühlingstemperatur. Zwar bestand nicht mehr der auffällig große Witterungsunterschied zwischen Berg und Tal wie in den letzten 14 Tagen, als in den Tälern kalte Luftschichten und feuchte Nebel unbeweglich lagen und auf den

Höhen die Menschen in Hemdsärmeln gegangen sein sollen, aber auch an den Feiertagen hatte der Höhenwanderer mittags wieder das stolze Bewußtsein, zu den auserwählten Sonnenmen­schen zu gehören. In den Tälern dagegen wallte bis aus 500 Meter herauf ein dichter Nebel, aus dem die Bergeskuppen wie kleine Inseln aus einem wildbewegten Meer herausschauten. Von Schnee gibt es unter diesen Umständen in der Rhön keine Spur mehr. Wenn trotzdem gestern einige Großstädter mit ihren Skiern in die Rhön fuhren, so beweist diese Tatsache nur, daß es immer noch unverbesserliche Optimisten gibt. Sonst waren die Rhönzüge verhältnis­mäßig Teer, wie überhaupt bie Reichsbahn das Fehlen der Wintersportmöglichkeit sehr stark 'pürte. Der Verkehr tn den Weihnachtstagen blieb wesentlich hinter dem Ergebnis des Vor­jahres zurück. ________________

Steuererleichterungen für Hausbesitzer.

Der Reichsfinanzminister hat noch einer Mel­dung Berliner Blätter einen Erlaß über steuer­liche Erleichterungen für Hausbesitzer herausgege- ben. In diesem Erlaß heißt es u. a.: Die Wirt­schaftskrise und nicht zuletzt die Auswirkungen des in der Verordnung des Reichspräsidenten vom 8. Dezember 1931 zugelassenen außerordentlichen Kvn- digungsrechts von Mietverträgen haben in vielen Fällen ein Leerstehen von gewerblichen Räumen (besonders in Industrie- und Geschäftshäusern) und großen Wohnungen sowie eine zum Teil erhebliche Senkung der Mietpreise zur Folge gehabt. Hier­durch ist der Hausbesitz vielfach in eine Notlage ge­raten. Bei der Einziehung der Steuern soll hier­auf Rücksicht genommen werden. Zur Aufbrin­gungsumlage werden vom 1. April 1932 ab nur Unternehmer herangezogen, deren aufbrin­gungspflichtiges Reinvermögen 500 000 Mk. über­steigt. Darüber hinaus ist insbesondere für die Geschäftshausbesitzer, die in ihrem Grundstück einen eigenen gewerblichen Betrieb un­terhalten oder an einem in dem Hause befindlichen Gewerbebetrieb beteiligt sind, die Erleichterung ge­troffen worden, daß in derartigen Fällen nicht mehr stets" das ganze Grundstück, sondern nur noch die Grundstücksquote zur Aufbringungsumlage her­angezogen wird, in deren Höhe das Grundstück im gewerblichen Interesse des Grundstückseigentü­mers genutzt wird. Damit ist für die Zeit vom 1. April 1932 ab den Wünschen der Hausbesitzer weitgehend Rechnung getragen worden.

Ausdchnung der Sperre für Einheitspreisgeschäfte.

Im Reichsanzeiger wird eine Verordnung ver­öffentlicht, die unter Abänderung der Bestimmun­gen des dritten Teiles der Notverordnung vom 9. März 1932, die bisher nur für Städte mit weniger als 100 000 Einwohner geltende Sperre der Errichtung von Einheitspreisgeschäften auf alle Städte ausdehnt. Damit gilt in Deutschland das Verbot der Errichtung von Ein­heitspreisgeschäften ohne räumliche Ein­schränkung bis 1. April 1934. Zur Aus­dehnung der Sperre hat die Feststellung geführt, daß seit Erlaß der Notverordnung vom 9. März 1932 tn den von der dort angeordneten Sperre nichtbetroffenen Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern sich die Klagen des g e w e r b - eichen Mitte Ist an des über den Wett­bewerb der Einheitspreisgeschäfte er­heblich vermehrt haben. Diese Klagen haben auch dazu geführt, daß von der großen Mehrzahl der Regierungen der Länder eine Ausdehnung der Sperre für Einheitspreisgeschäfte schlechthin a!ls vordringlich bezeichnet worden ist. Die Ver- Vordnung enthält weiter eine gewisse Ver­schärfung b erf ü r b t e bestehenden E i n- heitspr e isgesch äste geltenden Be­triebsvorschriften, insbesondere hin- sichtlich des Verkaufs zu anderen als Einheitspreisen.

„Deutsche Woche" im Schulunterricht.

Um der ungerechtfertigten Bevorzugung fremder Erzeugnisse auf dem deutschen Markt und der da­durch bedingten Belastung unserer Handelsbilanz entgcgenzutreten. veranstaltet der „Volkswirtschaft­liche Aufklärungsdienst" im ganzen Reiche foge­nannte „Deutsche Wochen". Diese finden alljähr­lich im Herbst statt und sind im kommenden Jahr für mehr als 1500 Städte und Ortschaften geplant. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, haben der Reichskommissar für das preußische Mi­nisterium für Wissenschaft, Kunst und Volksbil­

dung, der Reichskommissar für das preußische Mi- nifterium für Handel und Gewerbe und der Reichs­kommissar für das preußische Ministerium sikr Landwirtschaft, Domänen und Forsten in einem gemeinsamen Runderlaß an die Provinzialschul­kollegien und Regierungen die Schulen aller Art auf diese Veranstaltung hingewiesen. In dem Erlaaß heißt es. daß die „Deutsche Woche" um so mehr Beachtung verdient, als die Erziehung unse- rer Jugend zum verständigen wirtschaftlichen Den­ken eine anerkannte Notwendigkeit sei. Die man­nigfaltigen Anregungen, die die Veranstaltungen der „Deutschen Woche" bieten, könnten im Unter­richt ausgewertet werden und auch bei der Jugend die Erkenntnis fördern, welche Bedeutung der ein­heimische Markt für die Gesundung der deutschen Wirttchast hat.

Wann sind Iubiläumsgaben an Arbeitnehmer steuerfrei?

Jubiläumsgaben sind nach der Rechtsprechung des Reichsfmanzhofs nur dann als einkommen- unb schenkungssteuerfrei zu behandeln, wenn sie übliche Gelegenheitsgeschenke im Sinne von § 18, Abs. 1 Nr. 16 des Erbschaftssteuergesetzes sind. Als übliche Gelegenheitsgeschenke kommen nur Sachgeschenke (Ehrengeschenke) ober bet der ver­änderten Wirtschaftslage Gelbgeschenke in mäßiger Höhe, bie dazu bestimmt sind, ein Ehrengeschenk zu ersetzen, in Bewacht. In Abänderung seines Erlasses vom 11. Februar 1932 (S. 2114—21 HI) hat sich der Reichsf'manzminister gemäß § 131 AO. unter Vorbehalt ^derzeitigen Widerrufs da­mit einverstanden erklätt, daß künftig allgemein Geldgeschenke der genannten Art als steuerfrei behandelt werden, wenn sie den Betrag von 4000 RM. und die Höhe von sechs Monatsbezügen nicht übersteigen und deshalb gegeben werden, weil der Arbeitnehmer ununterbrochen 25 Jahre bei demselben Arbeitgeber in einem Arbeitsverhältnis gestanden hat. Bet ununterbrochenem 40- bzw. 50jährigem Arbeitsverhältnis erhöht sich bie Frei­grenze auf 8 bezw. 10 000 Mark. Liegen nicht die sämtlichen, vorstehend bezeichneten Voraus- setzungen vor, so ist grundsätzlich der ganze Bettag steuerpflichtig, etwaige Einwendungen müssen dann tm Rechtsmittelverfahren geltend gemacht werben. — Erstattungen bereits von Jubiläumsgaben ent«

Wie wird das Vetter?

Das kontinentale Hochdruckgebiet hat sich durch bie Zufuhr kalter ozeanischer Luftmassen wieder verstärkt. Während jedoch in den höheren Lagen Abkühlung ein- tritt und sich noch meist heiteres Wetter halten kann, brachte die feuchtere Luft in den Niederungen mit ge­ringer Milderung meist eine Verstärkung der Nebelbil­dung. Eine Tiefdruckstörung wird uns am Montag vie­lerorts noch Regen bringen. Mit dieser Entwicklung haben sich wieder normalere vertikale Temperaturver­hältnisse eingestellt, die erwarten lassen, daß unsere Wit­terung wieder in zunehmendem Maße in den Einfluß­bereich der atlantischen Zyklone einbezogen wird.

Aussichten für Mittwoch: Milder und einzelne Niederschläge.

Temperatur- und varometerstand in Fulda.

Mitgeteilt von Diplom-Optiker Sauerborn.

Barometerstand

(auf Meererhöhe reduziert!

Thermo­meterstand

24. 12. 6 Uhr abends

25. 12. 8 Uhr morgens

25. 12. 12 Uhr mittags

776,0 mm

779,0 mm

779.5 mm

+ 3,5° C

+ 2,5° C

+ 3,0° C

Höchste Temperatur im Schatten am 24. 12. + 5,0° C

Höchste Temperatur in der Sonne am 24. 12. 4- 7,0° C

Niedrigste Temperatur seit 24. 12. + 0,0' C

25. 12. 6 Uhr abends

26. 12. 8 Uhr morgens

26. 12. 12 Uhr mittags

779,5 mm

777,0 mm

776,5 mm

+ 3,5° C

+ 1,0° c

+ 1.5° C

Höchste Temperatur im Schatten am 25. 12.

Höchste Temperatur in der Sonne am 25. 12.

Niedrigste Temperatur sei» 25. 12.

+ 4,0' C

+ 4,5° C

- 0,5 C

26 12. 6 Uhr abends

27. 12. 8 Uhr morgens

27. 12. 12 Uhr mittags

776,0 mm

773,0 mm

773,5 mm

V 0,5 C

4- 1,0 C

V 2.0' C

Höchste Temperatur im Schatten am 26. 12. + 3,0° C

Höchste Temperatur in der Sonne am 26. 12. + 4,0' C

Niedrigste Temperatur feit 26. 12. — 0,5° C

Niederschi v. 24.12. morg. 811 — 27.12. morg. 8110,0 mm Relative Feuchtigkeit der Luft am 27. 12. mitt. 12 Uhr 70,0°/«

Kangemarck

Son einem/ öer äaftei war.

8 Copyright 1932 by Knorr & Hirth, G. m. b. H.

Dann steht der Schlosserlehrling Riedelheim vor dem Oberkommandierenden. Sir John weiß, daß man mit diesem Jungen anders reden muß.

„Ihre Regimentskommandeure heißen Oberst von Dobschütz und Oberst von Oertzen. Ihr Divisionskomman­deur ist der Generalleutnant Hahn und Ihr Kommandie­render General der General der Kavallerie von Kleist. Stimmt genau, wie?"

Riedelheim hat keinen Dunst, er hat sich niemals darum gekümmert, welchen Namen die großen Herren trugen, die immer zu Pferd angewetzt kamen und an allem etwas auszusehen hotten.

„Wees ick nid)", sagt Riedelheim und grinst.

Aber Sir John lächelt nicht zurück. Er läßt die bei­den anderen hereinholen.

„Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen", sagt er. „Sie brauchen mir nur zu bestätigen, was ich Ihnen vor­lesen lasse und einige ganz unwesentliche Fragen zu be­antworten. Ich werde Sie nichts fragen, was Sie zum Verräter machen würde." Sir John macht eine Pause.

„Sie können heute noch nach England kommen und ich werde dafür sorgen, daß Sie er dort gut haben. Im an­deren Falle machen Sie Arbeitsdienst hier in Frankreich." Sir John wartet.

Er bekommt keine Antwort.

Er geht im Zimmer hin und her und wartet. Er will ihnen etwas Zeit lassen.

Währenddessen dudelt Schneller unhörbar vor sich hin, Rohrbeck betrachtet den kleinen französischen Oberst, der am Fenster steht und etwas aufschreibt, und Riedelheim hat die Tatzen hinter dem Rücken zusammengelegt und denkt gar nicht.

„Cs genügt wohl", sagt Sir John. Er nimmt eine Zigarette aus seinem Etui, dann noch eine und noch eine dritte.

Aber dann fällt ihm anfdjemenb plötzlich etwas ein, et legt die drei Zigaretten auf den Tisch, und auf diese

Weise sind die drei Kriegsfreiwilligen um die Ehre ge­kommen, vom englischen Oberbefehlshaber eine Zigarette zu erhalten. „Doherty", sagt Sir John.

Und mit rotem Kopf zwängt sicy wieder der junge Patroullienführer durch die Offiziere. Er baut sich auf, hebt die Hand an den Mützenschirm. Seiner iln.’otnt sieht man an, daß sie nicht in St. Omer jeden Morgen ausgebürstet und gebügelt wird, seine Reitstiefel sind verkrustet vom flandrischen Dreck und sein sauber rasier­tes Gesicht hat entzündete Augen von vielen Nächten ohne Schlaf.

„Doherty", sagt Sir John, „es wird hoffentlich Ihrem Selbstgefühl nicht schaden, wenn ich Ihnen mitteile, daß Sie der Armee einen Dienst erwiesen haben, dessen Be­deutung Sie gar nicht wissen können. Und wenn ich das Glück abziehe, das Sie bei dieser Geschichte gehabt haben, bleibt immer soviel Verdienst übrig, daß ich Ihnen eine Dekoration anheften kann."

Zum ersten Male an diesem Tag lächelt Sir John, denn er ist stolz auf solche kleinen, etwas mit Ironie durchschossenen Ansprachen. Und er heftet Leutnant Do­herty das Kreuz an, von dem seit dem Mobilmachungs­tage die britischen Soldaten ohne Rangunterfchied träu­men.

Die Hände aller Offiziere fliegen an die Müge.

Doherty muß sich zusammennehmen, um nicht zu heu­len, seit neun Tagen ist er nicht aus den Kleid-rn gekom­men, hat keinen Brief von seiner Frau bekommen, hat Rüben gegessen und trockenes Brot, das macht einen Mann schwach in den Nerven.

Die drei deutschen Jungens haben die Zeremonie mit­angesehen. Niemand kümmert sich mehr um sie. Einsam stehen sie herum, etwas verlegen und verschüchtert. Sie ahnen, daß dieser junge Kavallerieoffizier etwa? geleistet hat, was mit ihnen zufammenhängt, aber es muß etwas mehr gewesen sein, was er getan hat, als nur mit der Uebermacht einer Eskadron aus dem Hinterhalt ein paar Radfahrer zufammenzufchießen.

Aber dem Studenten Schneller, der die ganze Feier­lichkeit verfolgen konnte, geht langsam eine Ahnung auf. Das Notizbuch feines Kommilitonen Richard Baum! Als sie schon gefangen waren, sah Schneller, daß der englische Offizier bas rote Notizbuch seines toten Freundes in der Hand hatte. Und da stand alles aufgezeichnet, alles. Schon auf dem Truppenübungsplatz in der Heimat batte

ihnen der Kompagnieführer anempfohlen, sich die Namen und die Gliederung der Truppenteile zu merken, dem sie angehörten und die Namen der Vorgesetzten, die sie be­fehligten. Und Richard Baum, mit seinem miserablen Gedächtnis und seiner pedantischen Umständlichkeit hatte sich alles säuberlich in seinem dicken, roten Notizbuch aus­geschrieben.

Daher wußten sie es. Schneller atmete auf. Alfa war niemand, der sich als Schuft benommen hatte.

Sir John streifte sie, bevor sie abgeführt wurden, noch einmal mit einem kurzen Blick.

Den Studenten Robert Schneller aus Eisenach ein­undzwanzig Jahre alt, den Schlosserlehrling Karl Ric- delheirn aus Jena und den Oberprimaner Otto Rvhr- beck aus Bad Käsen an der Saale, beide siebzehneinhalbes Jahr alt.

Die drei Zigaretten, die er ihnen hatte schenken wol­len, weil sie sich wie richtige Soldaten und nicht wie Kinder benommen hatten, tagen vergessen auf seinem Schreibtisch.

Sir John muß alles umwerfen.

Die Unterhaltung, die Sir John mit seinem Stabe hernach sührte, war ziemlich kurz.

„Meine Herren", sagte Sir John, „wir haben also die Anwesenheit von Regimentern festgestellt, die uns aus der Friedensaufstellung der deutschen Armee nicht be­kannt sind und noch weniger aus den Mobilmachungs- plänen. Das heißt, wir haben auf einmal eine funkel­nagelneue Armee gegen uns, von deren Existenz wir bis heute morgen keinen Dunst hatten. Etwas peinlich, aber wir werden uns deshalb nicht in die Hofen machen."

Der General wanderte langsam quer durchs Zimmer zu der riesigen Karte, die die ganze Saalwand einnahm. Er legte seine gepflegte Hand auf den Abschnitt zwischen Dpern und dem Meere. Hätte die Kaiserliche Oberste Heeresleitung ihm nicht wie aus Zauberhand diese neue Armee in den Weg geworfen, bann hätte der britische Feldherr innerhalb acht Tagen dieses Gebiet mit feiner Offensive genau so zugedeckt, wie er es jetzt mit feiner Hand unternahm.

Er sah mit feinen kühlen Blicken über die Karte

In der Fensternische beugte sich ein kleingewachsener | französischer Oberst, indem er das Käppi aus der erhitzten |

Stirn schob, über bas Fensterbrett, wo er sich Notizen auf einem Zettel gemacht hatte, er rechnete jetzt fieber­haft. Dann dreht er sich zu dem Hauptmann um, der ihm über die Schultern gesehen hatte.

„Mon camerabe", flüstert er unb beutet auf den Zet­tel, „hier die genauen Ziffern. 41 Jnfanterieregimenter, 9 Jägerbataillone, 1 Ulanenregiment, 9 Feldartilleriere­gimenter und 4 Erfatzbrigaden. Das ist die neue deutsche Armee, die vierte, wie sie das wieder fertig gebracht —*

Die Stimme Sir John Frenchs unterbrach sie.

„Also", sagte er gelassen, „wir fangen wieder von neuem an. Die ganze Geschichte wird umgeroorfen. Der Angriffsbefehl wird zurückgenornrnen. Ich fahre jetzt nach Cassel, bin um Mitternacht wieder zurück. Sie fah­ren mit, Wilson, wie?"

Er war kaum aus dem Zimmer, als die Offiziere sich an die Telephone und an die Feldtelegraphen stürzten und nach ihren Ordonnanzen brüllten.

In Cassel befand sich der französische General Foch. Mit ihm verstanden sich die Engländer vorzüglich und manche Reibung zwischen den Alliierten wurde durch Wilson und Foch aus der Welt geschafft. In dieser Nacht kam alles darauf an, sich mit den Franzosen zu ver­ständigen und unvcerzüglich neue Pläne mit ihnen zu ent. werfen.

Sir John öffnet langsam die Tür zum Zimmer des französischen Generals. „Mein Herr", sagt er, „setzen Sie sich so schnell Sie können, in einen Armsessel. Di« Deutschen springen uns mit einer funkelnagelneuen Ar­mee in die Fresse." Foch starrt ihn entgeistert an, „Aber", murmelt er dann, „unb Ihre schöne Offensive ---?" Sir John grinst unb zuckt die Schultern.

Und in die Stille des Zimmers sagt der französische General laut und deutlich ein einziges Wort: „Werde."

Dies war der Tag, der den gesamten, großartigen Angriffsplan Sir Johns in tausend Fetzen riß. Diese neue deutsche Armee, aus Kriegsfreiwilligen und Land- wehrleuten, aus dem Boden gestampft, aus dem heiligen, willigen, flammenden Boden des Vaterlandes. Und es war gelungen, die Existenz dieser Armee solange geheim zu halten, bis sie zum Vormarsch antreten konnte, bie die ersten Radfahrer der Spitze sich auf die Pedale schwangen.

(Fortsetzung folgt.)