Fuldaer Zeitung. (Amtliches KreisblaM Sonntag, den 25. Dezember 1932.
Ar. 298.
Weihuachtsplauderei.
Etwas Erhebendes wollen heut« die Menschen. Das fast einem sogar jeder Kinobesitz«r. der sich auf sein Publikum versteht. Womöglich soll es ein Wunder sein, jedenfalls etroas, was über den All. taa weghilft. Dunkler Ahnung voll, es müsse doch auf Erden schon ein Reich geben, das einer unausrottbaren Sehnsucht des Menschenherzens nach Freude, nach Licht, nach Schönheit, nach Seligkeit entspricht, tastet man sich am Bretterzaun der Not hin, durch jede Spalte äugend, ob der müde Blick nicht auf einen Stern falle. Und nun ist da nichi nur ein Stern, sondern eine ganze Gegend voller Lichterbäume, voller Kinderlust, voller Märchen, und man steht stille und staunt nur immer, daß das alles noch da ist auf dieser Erde, mitten im Elend, mitten in der Verzweiflung. Wer hat das alles nur entzündet, wer weckt diesen verborgenen Strom, wer hat dieses geheime Reservoir der Kinderfreude in Verwaltung, wer ist der Zauberkünstler, der in so viele Hütten dringt, wer macht die Menschen so froh an diesem Tag. Es ist ja gar nicht wahr, daß wir ein Zeitalter der Sachlichkeit sind, daß Technik uns mechanisiert hat, daß die blaue Blume nicht mehr blüht. Am Markte, an den Straßenkreuzungen unserer Großstädte wachsen auf einmal ganze Tannenwälder aus. Schämen- sich ihrer Schlichtheit durchaus nicht im Anblick der strahlenden Häuserfronten ringsum. Stehen da, als wollten sie ihr altes Hausrecht in der Gemeinschaft der Menschen wieder geltend machen. Sie fürchten offenbar auch nicht die Konkurrenz all der umliegenden Herrlichkeiten der Zivilisation. Sie wissen ganz genau, daß unter dem vornehmen Pelz sowohl wie unter dem einfachen Kittel noch das gleiche Menschenherz schlägt, das sich einfach freut, weil nun wieder Weihnachten ist.
Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. So wie die Veilchen im Frühling, so wie die Rosen im Sommer, so wie die Trauben im Herbst, so wie der Schnee des Winters. Das hindert keine Kultur, das hat mit all bem an der Oberfläche des Tages Geschehenden gar nichts zu tun, das kümmert sich nicht um Krisen und Konjunkturen, das fragt keinen Kanzler und keine Parlamentsmehr- heit, das Christkind ist einfach da. Die Gelehrtheit mancher Hohen Schulen hat es geleugnet, Gottlosenbewegungen haben es für eine Erfindung der Priester erklärt, der Fortschritt, so hieß es, ist über solche Märchen hinweggegangen, eine materielle Lebenshaltung ließ ihm scheinbar keinen Raum mehr, man führte Kriege und machte Friedensschlüsse als sei es gar nicht vorhanden, und doch: Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Es hält keine langen Reden, es veranstaltet keine apologetischen Kurse, es sichert sich nicht durch Organisation, es hinterläßt an keiner Bank «ine Summe für die etwa bei all diesen Weihnachtsfeiern entstehenden Unkosten, es ist einfach da. Leugnet Gott, leugnet die Kirche, leugnet, was ihr wollt, hobt* ihr Lust auch die Tannenbäume zu leugnen, die Lichter darauf, die Silberfäden, die Krippe, die Mitternachtsmette, die Weihnachtsliedkr, die Frohe Botschaft vom Altäre her? Das ist einfach da, bei den Christen und bei den Sozialisten, bei den Gläubigen und bei den Ungläubigen. Es ist da als ein Glanz, der immer wieder aus den Tiefen des Stromes der Geschichte heraussteigt, es ist da wie eine Welt für sich, wie eine Freud«, di« kein Mensch erfinden konnte, wie eine Kraft, die zu Bi- lanzen zwingt, anders als Rechnungen mit vergänglichen Größen sie darstellen.
In einem wunderschönen Bändchen hat Ruth Schaumann uns den „Krippenweg" gedichtet und gezeichnet. Einzig in ihrer Art sind dies« Bilder, so voller Kindlichkeit und darum eben voll der Weisheit, die nur aus Kinderherzen stammen kann. Eines schildert uns auch den verlorenen Sohn. Auch er ist noch ein Kind. Nach dem Stern der Weihnacht streckt er seine Händchen aus. Im Vordergrund sieht man die Schweinchen, unter die er geraten ist. Allerliebst sind auch sie, stellen sie doch Geschöpfe -ar, die aus Gottes Hand hervorgegangen sind. Dieses Kind, das wir den verlorenen Sohn nennen, ist nur durch ein Versehen, durch einen kindlichen Irrtum, zu diesen Tieren geraten. Er ist eigentlich besser. Er hat den Stern gesucht. Aber wie es so geht bei törichten Kindern, sie laufen allem nach, was ihnen in den Weg kommt und sie verlockt. Im Herzen aber tragen sie die Sehnsucht nach dem Stern. Er hat nun seinen Irrtum eingesehen:
Und als verhallt der Engel Ton, Der alle Welt erweckt. Hat zitternd der verlorene Sohn Die Händchen ausgestreckt:
„Er ist ein Kind — ich war ein Kind, Wo wird mir ein Verzeihn!" Und wo der Heimat Hütten sind. Läßt ibn der Vater ein.
Dieser verlorene Sohn wäre heute in ein Sensationsstück gegangen. Er ist einer von denen, die sich nach dem prickelnden Reiz drängen, weil er sie vom Leben des Alltags befreit. Eigenllich will er etwas Erhebendes, aber er hat sich vertan. Er ist zu jenen Tierchen geraten, die doch seine Gesellschaft nicht sein sollen. Kaum geht der Stern auf, da weiß er. was er eigentlich gewollt hat. Und so sind wir Kinder, und so sind es selbst noch die Verbrecher. Sie vertun sich nur, sie wollen eigentlich das Außergewöhnliche. Im Grunde möchten sie den Stern, von dem sie heimlich wissen, daß er dennoch am Himmel steht. Indem diese Künstlerin den Menschen als Kind nimmt, nimmt sie ihn eigentlich richtig. Etwas Frauliches kommt da durch, denn die Frauen nehmen nicht nur ihre Kinder als Kinder, sondern auch nicht selten ihre Männer. Sie wissen mit Männern umzugehen, weil sie sich auf Kinder verstehen, und weil jeder Mann auch ein Kind in sich hat.
Sieh dir dieses Europa an. Es tut so groß. Aber womit amüsieren sie sich? Mit Kinderspielzeug. Sie bauen Fabriken und Zentralen, wie ein Kind Baukastenschlösser. Sie tragen Smokings un- weiße Westen, wie ein Kind seinen Sonntagsanzug. Da ist doch gar kein Unterschied. Nimm selbst die hochfeierlichen Professoren, nach Kaiser Wilhelm und neben den Oberbürgermeistern der Gipfel der Kultur in Deutschland. Wie klein sind die Dinge, über die sich mancher akademische Senat aufregt. Man muß sich schon künstlich zum Ernst zwingen, wenn man nicht lachen soll, genau wie «ine Mutter, wenn sie dem ernsten Getue zuschaut, mit dem ihre Kleinen das Puppenzeuq behandeln. Brächte einer manche Sitzung von Stadtvätern, die würdig einherschreiten, auf Heinzel
männchenformat. er brauchte für den Tert nicht weiter zu sorgen. Es wirkte alles unglaublich komisch, nur weil es keine Stadtväter mehr wären, sondern Heinzelmännchen. Dies« wunderbare Weih- nachtssreude .zeigt uns. daß das Kind im Europäer noch nicht gestorben ist. Er liest zwar vom hohen Pflichtbegriff bei Kant, aber er steckt doch seinen Christbaum an. Und das ist eben das Schöne, das Echte an ihm. Das akademische Gesicht, das er bei Kant schneidet, ist gezwungen, wird so lange beibehalten als andere Akademiker in der Nähe sind. Kamn aber sind sie verschwunden, so wird der Weihnachtsbaum angesteckt und man ist, was man wirklich ist, ein Kind, und weiter gar nichts.
Schönst« Eigenschaft eines Kindes, daß es noch glaubt. Der liebe Gott ist ihm selbstverständlich und das Christkindchen ist «s auch. Laß einmal aus diesem sogenannten ungläubigen Europa das gelehrte Wesen etwas verschwinden, laß die Leute einmal wieder einfach und ehrlich werden, laß sie einmal die blöde Menschenfurcht von sich tun, und es wird der verlorenste Sohn wieder dem Stern von Bethlehem nachgehen. Zu Weihnachten erlaubt es die Mode, gläubig zu sein. Und siehe da, diese Pause benutzen alle Heiden und Ungläubigen, um für einen Augenblick sich mitzufreuen. Und sogleich sind sie auch die liebsten Menschen. Sie veranstalten Bescherungen, sie häufen Geschenke, sie lieben Frau und Kinder .... Alle Jahr« wieder kommt Xas Christuskind. Und dann erinnert sich die Menschheit, daß si« einen Erlöser hat. Friede ist auf Erden und Liebe. Arm und Reich sind einander nahe. Warum soll nicht immer Weihnachten sein? Wir wollen einmal nach Genf gehen und einen Völkerbundsbeschluß in dieser Richtung herbeifüh- ren. Und bringen es die Diplomaten nicht fertig, dann laden wir die armen Hirten ein — so wird es auch billiger. Und dann soll Wechnachten sein und Friede auf Erden. Einverstanden? Gloria in excelsis ...» Der Alann im Alande.
Salzburger vischofskonferenz.
Die Beschlüsse der Oesfenllichkeit übergebe«.
Die Wiener Reichspost veröffentlicht die Beschlüsse der österreichischen Bischofskonferenz, di« vorn 22. bis 24. November in Salzburg getagt hatte.
Danach hat die Konferenz in Anbetracht der düstern Wirtschaftslage ihr« Stimme zu „überaus dringliche Bitten und nachdrücklichen Forderungen" erhoben. Die Beschlüsse wenden sich zunächst gegen den Zinswucher, der die ganze Wirtschaft beherrsche und nicht mehr aufleben lasse. Sie gehen bann über in eine Mahnung an die Besitzenden. ,chen Reichtum zum Wohl der Gesellschaft zu verwenden, durch ihn immer neue Arbeitsmöglichkeiten für die Arbeitsuchenden zu schaffen, weil alle Menschen, die arbeiten können, ein Recht zur Arbeit haben". Die ernsteste Aufgabe der maßgebenden Kreis« für di« Regelung der verworrenen Wirtschaftsverhältnisse sei. den rechten Weg und bie rechten Mittel zu finden. Außer gegen den Zinswucher wenden sich die Bischöfe auch gegen den Preiswucher, der, wie Pius XI. schon betont habe, einer der Hauptschäden des heutigen Wirtschastslebens darstelle und eine der Hauptursachen feines Zerfalles sei. Die Beschlüsse münden aus in eine Ermunterung an alle Kreise der Bevölkerung. der Not mit opferwilliger Barmherzigkeit zu begegnen und insbesondere jede Möglichkeit Arbeitsgelegenheit zu schaffen, zu benutzen.
Di« österreichischen Bischöfe wollen das Gewis- len wecken, den Blick schärfen für die Unterscheidung von Recht und Unrecht. Sie erheben ihre Stimmen, um Menschen, die jetzt schwerste Pflichten für Staat und Volk tragen, zu ermutigen und ihnen zu zeigen, daß sie ihnen mit der stärksten sittlichen Macht Beistand im Ringen mit übergewaltig erscheinenden Unheilskräften verheißen.
* .,Parleibuch"-Deamle in Württemberg. Aus Stuttgart wird gemeldet: In einer Sitzung des auf Antrag der Nationalsozialisten eingesetzten Untersuchungsausschusses des Landtags zur Prüfung der Frage, ob es in Württemberg sogenannte Parteibuchbeamte gebe, wurde von den Personalreferenten der einzelnen Ressorts mitgeteilt, daß es im Staatsministerium zwei Samte, denen jedoch eine besondere Aufgabe zugewiesen fei, in der Finanzverwaltung abgesehen von einigen früheren Offizieren. die im Auftrag« des Reichs angestellt wurden, keine, in der Justizverwaltung keine, in der inneren Verwaltung zwei, nämlich frühere Offiziere, in der Kultusverwaltung einen und in her Wirtschaftsverwaltung zwei Beamte ohne die entsprechenden Prüfungen für den Staatsdienst gebe. — „Ungeprüfte" Menschen werden in Deutschland — im Gegensatz zu allen anderen Kultur-Nationen — nicht für voll genommen. __________
* Bestialisch« Mordtat in einem memelländischen Dorf. In dem memelländischen Dorf G r a b uj> • p« n wurde ein bestialischer Mord entdeckt. Als der Besitzer Schnell sein 30jähriges Dienstmädchen Emilie Platuschaite wecken wollte, war die Kammer des Mädchens leer. Man durchsucht« das ganze Gehöft und fand das Mädchen imVieh- stall ermordet auf. Der Kopf war fast vom Rumpfe getrennt. Neben der Leiche fand man eine schwere Kartoffelhacke, an der Blutspuren und Haare des Mädchens klebten. Dem Morde mutz ein erbitterter Kampf vorausgegangen sein. Dis Kriminalpolizei nahm den 17jährigen Kut. scher Ewald Matzeleit fest, an dessen Kleidern frische Blutspuren bzw. frisch gewaschene Stellen gefunden wurden. Zwischen dem Kutscher und der Ermordeten bestand seit langem «ine heftige Feindschaft.
Neues in kürze.
Der Hamburger Senat hot für das Jahr 1933 Bürgermeister Dr. Karl Petersen zum ersten Bürgermeister wiedergewählt.
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Don den drei im Lemberger Ukrainer-Prozeß zum Tode verurteilten Angeklagten sind zwei bereit» h i n g e r i ch t e t worden. Der Dritte wurde zu 15 Iah, ren Gefängnis begnadigt.
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In der Artillerieschule von N e t u n a, nahe bei Rom, ereignete sich beim Füllen von Munition eine Exploe sion, di« fünf Soldaten das Leben kostete.
Im Brüsseler Autosalon Ware« wieder die,merkten aurqestell- ten Mayen mit Continental bereift Diese Reisen sind unverwüstlich und werden darum auch von Fachleute» allen andere» Steifen vorgeiogen.
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Das Wunder der Weihnacht.
„Anbetung des heiligen Kindes".
Majolika-Relief von Andrea della Robbia (1435—1525).
KpnfPtl Vater und Sohn
Roman von Alfred Manns-
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Copyright Dy ttarl 93V« & To., Berlin-Zehlkndorf.
* „W'fst's schon erleben, wenn du nicht klug bist. Ich sitze hier seit sieben Jahren, und ich will nicht Hans Knopf heißen, wenn dos nicht ein Hundeleben «ar. diese ganze Zeit. Mensch, wenn du vernünftig wärst, könnt'st du dein Glück machen! Auf so eine Gelegenheit wie heute habe ich seit sieben Jahren gewartet; und Caromba, ich lasse si« mir nicht entgehen!"
„Was soll das heißen?" fragte Arno, dem die Schläfenader schwoll.
„Das soll heißen, daß dort hinten, wo du die Bahn siehst, eine Blockstotton ist, wo ab und zu ein Güter- zug rangiert — so zum Beispiel heute. Ich habe das gestern festgestellt, nachdem Joe Biddle, den der Boß sonst mitzunehmen pflegt, das Bein gebrochen hatte. Verdammt geschunden hat mich der Alte! Hier hätll ich's ihm gegeben, wenn ich mit ihm gewesen wäre. Mit dir teile ich; einverstanden?"
„Ein gemeiner Hundsfott bist du!" schrie Arno und wollte auf den anderen zu. Der aber hatte sofort feinen Eoltrevoler in der Hand. „Hands up! Es geht auch ohne dich, Bursche", sagte er grinsend.
Arno hatte gehorchen müssen; aber feine Geistesgegenwart verließ ihn nicht. Was er noch nie getan hatte, tot er jetzt. Er schlug mit aller Wucht den rechten Sporen in die Weiche des Tieres, daß er, laut aufstöh» nenb, sich drehend, in die Luft ging und dadurch auf Armeswette dem Hans Knopf nahe kam. In diesem Augenblick schlug die geballte Faust Arnos auf die Revolverhand des Sachfen, der schmerzlich aufschri« und die Waffe fallen ließ. Da halle ihn Arno zu sich her» Wergeholt und verabfolgte dem Hans einige gewalttge Hiebe über den Rücken, die ihn trafen wie Pferdehui- tritt«.
„Mensch!" schrie der Sachse, „kannst du denn keinen «paß verstehen?"
„Rein, solche Spähe nicht. Run gib mir mal deine dinte. So. Und dein schönes Messerchen. Jetzt
darfst du wieder aufsteigen und wirst mich freundlichst weiter führen nach Rwerhall. Ich glaube, Vater Oexle sagte gestern, daß dort auch der Sheriff wohnt."
Hans Knopf rieb sich den Rücken und schnitt eine furchtbare Grimasse; aber er gehorchte auf der Stelle.
Endlich langten sie in dem Städtchen an. Hier suchte Arno den Sheriff auf, der auch wirklich daheim war, und teilte ihm mit, was geschehen sei.
Statt sich zu entrüsten, schmunzelte der Mann; doch er legte die Hand pflichtgemäß auf di« Schulter des Sachsen. „Grüßen Sie Ihren Boß in Santa Eruz", sagt« der Sheriff und entließ Arno mit einem Händedruck.
Di« Bank war geschlossen und wurde erst in drei Stunden wieder geöffnet. Das war dem jungen Deutschen einerlei; denn sein Pferd bedurfte ohnehin der Ruhe.
Arno ging in ein Restaurant, speiste, schlenderte durch die Sttahen der Stadt und richtete schließlich seinen Auftrag aus.
Inzwischen hatte das Pferd sich ausgeruht, und Arno ttat den Heimweg an, den er ja nun kannte.
Er stellte sich die Szene von vorhin wieder vor und mußte sich sagen: der Sachse hatte eigenllich ein ganz treuherziges Gesicht Sollte der Oexle wirklich ein so schlechter Mensch fein, wie Hans Knopf ihn schilderte? Aber sofort wies er diesen Gedanken von sich. „Das ist dummes Zeug. Ein jedes Wort, das der Oexle zu mir gesprochen hat, war das eines Ehrenmannes."
Auf dem Rückwege hatte sich Arno nicht übermäßig beeilt, und als er in Santa Cruz anlangte, dunkelte es bereits.
Bärbchen kam ihm auf ihrem schönen Pony entgegengeritten. Sie war einigermaßen verlegen, so wie Arno sie noch nie gesehen hatte.
„Mußt nicht böse sein, Bub, nicht böse fein."
„Ja, aber warum denn, Bärbchen?"
Darauf antwortete sie nicht. Als ihr Arno berichten wollte, was geschehen fei, winkte sie wie scheu ab. .Laß nur, ach, laß nur."
Vor dem Haufe stand Jose Torre, dem man nichts von seiner Gicht ansah, und neben ihm — gewiß und wahrhasttg — das war Hans Knopf.
Zuerst wußte Arno vor Staunen nichts zu sagen. Dann dachte er, der Bursche hat sich beim Sheriff herausgelogen und macht mich nun hier schlecht. Fragend blickte er auf Oexle, der einigermaßen bedrückt auf ihn zukam und lagte: „Ja, weißt du, ich erzählte dir schon gestern, unser Sheriff fft eiy guter Kerl. Aber so wie in deinem Falle verlangt er Beweise für die Ehrlichkeit. - Gewiß und wahrhaftig: von mir aus wäre das nicht nötig gewesen. Doch der Sheriff---*
Da brauste Arno auf: „Herr Oexle, was Sie da gemacht haben, ist eine Gemeinheit! Das haben Sie gemacht wie di« russische Polizei! Soll ich Ihnen was sagen: Ich gehe jetzt hinaus zu den Indianern, und morgen stütz ziehe ich hier ab. Da haben Sie die Schießgewehre wieder. Wenn ich auf solche Stteiche von Ihnen gefaßt fein muß, bann verzichte ich auf ein Zusammenarbeiten!"
Seppel Oexle machte ein sehr wehleidiges Gesicht. Ehrlich beschämt war er. „Bub, hier in der rauhen Gegend, wo soviel Gesindel herumläust, haben wirs immer so gehalten mit der Probe. Ich hätte sie btr nicht zumuten dürfen. Gewiß und wahrhasttg: du hast mein Ehrenwort, ich mach' nicht wieder so was."
Damit griff er Arnos Rechte, und Bärbchen faßte seine Linke. „Sei wieder gut." Aus den Worten sprach so viel Ehrlichkeit und Freundlichkeit, daß Arno sie nicht zu verkennen vermochte.
Er drückte die beiden Hände und sagte: ,Lch glaub's."
Da trat Hans Knopf vor. „Vater Oexle, laßt einen Indianer kommen, der mir die Nacht den Rücken kühle. Etwas nilbert ohnehin den Schmerz schon: das Gefühl, daß die Hiebe redlich verdient waren."
Da lachte Arno. „Hör mal, Busche. Du hast vorhin gesagt, du willst nicht Hans Knopf heißen, wenn nicht alle deine Lügen stimmen, und nun?"
,chi, hi, Freund mit der starken Hand, dar war schon richtig. Hans Knopf nenne ich mich hier in Amerika. Ich heiße von Haus aus Hans Müller."
In dieser Nacht schlief Bärbchen Oexle unruhig. Sie kannte sich nun gar nicht mehr aus. Der niederdeutsche Landsmann des Vaters hatte ihr doch zu mächtig imponiert! War das nun Liebe, was sie zu ihm
spürte? Mußte der arme Rodrigo nun doch zurückstehen?
Seppel Oexle hielt Wort. Es war ein prächtiges Zusammenarbeiten zwischen ihm und feinem norddeutschen Landsmann.
Mit frischer Tatenfreudigkeit machten sich 8ke beiden an das Werk, das sie sich vorgenommen htttten. Das reifte und gedieh unter ihren glücklichen Händen; denn es war nicht auf Spekulation erbaut, sondern auf Rechtschaffenheit und Verständnis für die Bedürfnisse des Marktes.
Arno arbeitete vom stühen Morgen bis ht den späten Abend, und sein« Arbeit schafft« ihm hohe Befriedigung; aber glücklich war er nicht. In seiner Seel« faß ein Stachel; und je länger er In der Prärie weilt«, sich auch wohl mit ihr befteundete, um so mehr erfüllte ihn die Sehnsucht nach der Heimat.
Den norddeutschen Bauern fesfell die Scholl«. Ss ist ihm nicht der leichte Wandertrieb zu eigen, der feit tausend Jahren im Schwaben steckt. Er kennt nicht das Sprichwort: „Ubi bene, ibi patria"; sondern: Heimat ist Heimat, auch wenn er mir schlecht dort ergeht!"
3. Kapitel.
Als Arno den Renkenhof verlassen hatte, mar der alle Egbert Renken wie vernichtet zufammengesunken. In dieser Verfassung fand ihn Hilbert Eyttng, der sofort nach Arnos Abschied sich zu dem alten Freunde begeben hott«.
Egbert Renken, sah kaum auf, als der Eytinghos» bauer eintrat. Er runzelle die Sttrn; denn aus den Taschen Renkens blickten noch unordentlich hineinge» ftopste Geldscheine hervor. „Egbert, laß dir helfen", sagte er dann milde.
„Helfen? Mir? Da, steh her!" Und er griff in die Taschen und zog das Geld hervor. „Der Renkenhof fft wieder «^unh Ich brauche keine Hilst!"
„Du w'-'r' nichts vor. Du bist in Not!
Nicht ’oh- r ' Geld aus dem Haufe
jagen".