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Küster. Vieleicht ihre einzige Weihnachtsfreude, das Krippchen —, wer kommt schon nach hier? Arme Leute, Arbeitslose . . .

Eva Berner überquert die Straße, Die ist noch ge­nau so nüchtern und trostlos, genau so verwittert die Häuser, so düster die Höfe. Nächstes Jahr ist es da, denkt sie froh, schaut verwundert auf, als der Chrfft- baumverkäufer an der Ecke sie anruft.

„Frau Berner! Hörn Se, man eenen Momangl"

„Ja, Herr Schulze?" Eva erkennt den Portier ihres Hauses.

Er hält ein Tannenbäumchen hoch, ,chier, bet Weih­nachtsbäumchen habe ik for Sie ufsjehoben —*

„Danke". Eva Berner fühlt das Blut m die Wan­gen steigen. „Danke, Herr Schulze, aber, Sie wissen ja, mein Mann--*

Wat denn! Wat denn!" wehrt Wilhelm Schulze ihre Verlegenheit ab. „Sie sollen mir man bloß den Jefallen tun und bet Bäumeken mitnehmen. Ik hatte nu mal den Einfall, ike. Ik hab et doch nur hier Hefen. Jetzt kooft doch feen Mensch mehr wat."

„Sie — Sie wollen mir —?"

„Ratierlich!" Wilhelm Schulze wird eifrig. „Sötte ne doch, Frau Berner, et hat teenen Wert for mir, is nun mal son Einfall ..." Er drückt ihr das Bäum­chen in die Hand, „so un det jehört dazu, bet stn man bloß en paar Lichterken, die hatte ik noch ibrig. No",

er zwinkert vertraulich der vor ihm Stehenden zu. „So junge Leute müsse« doch en Weihnachtsbaüm haben! Schon jut, is nichts zu danken!" schneidet er ihren Dank ab. Und freut sich mächtig, als Eva mit feinen Geschen­ken in dem düsteren Hausflur verschwindet. „Mit die Leute is et schwer", murmelt Wilhelm Schulze, „ik kann Weihnachtsböme vetkoofen oder als Wurstmaxe jehn, wozu kann man son Prokuristen schon jebrauchen, jerade fors Rechnen."

Eva war schon oben angekommen, schloß auf. ,Hans!" rief sie froh, „da schau, ein richtiges Tannenbäumchen —"

„Gekauft —?" Han» Berner nahm es ihr ab.

„Herr Schulze schenkte es mir!"

„Ich habe auch eine kleine Weihnachtsfreude für dich, Eva". Hans Berner öffnete die Zimmertüre. „Don Weihnachten ab soll ich dem Kolonialwarenhändler die Bücher führen gegen Lebensmittel. Das ist allerlei, Eva, nicht wahr?"

„3a", Eva Berner lachte fröhlich, „es kommt auch nicht zufällig. Denn, Hans, was wir uns so lange ge­wünscht --"

Zu der glückseligen Freude der beiden Menschen beim brennenden Tannenbäumchen sangen die Weihnachts­glocken feierlich-frohe, tröstliche Melodie. Von einem armen Kinde, das reich genug war, um eine ganze Welt zu erlösen . . . .

Die Christnacht des Peter Blank.

Don H i I d

Peter Blank hob langsam den Kopf von der Tisch­platte und blickte mit schlafmüden Augen um sich.

Eine dickqualmige Luft, die nach Fusel und schlech­tem Tabak roch, benahm ihm fast den Atem, und die horten Faustschläge der Kartenspieler ließen ihn jedes­mal zusammenzucken

Er hatte sich noch immer nicht an diese Obdachloken- Afyle gewöhnt, wenn ihm auch die stinkende Wärme an« genehmer erschien als die Hundskälte ba draußen. Daß er bei diesem Lärm hatte schlafen können, verwunderte ihn nicht sonderlich, denn wenn man seit Wochen kein anständiges Bett mchr unter sich gefühlt und seit Ta­gen keinen warmen Bisten mehr im Magen gehabt hat, kann man überall schlafen.

„Was is'n heute für'n Tag?" wandte sich Peter Blank an seinen Nachbarn, der mit zerfallenem Gesicht vor sich hindöste.

Der Alte schob seinen Priem aus dem rechten in den linken Mundwinkel, stierte den Frager mit ausdrucks­losen Augen an und brummte:

„Mensch, det weeste. nid)? Heilig Abend is heut'."

„Heiliger Abend?" — Peter Blank erinnerte sich dumpf, daß früher, als feine Mutter noch lebte, an die­sem Abend ein Tannenbaum in der guten Stube stand, daß es ein besseres Essen gab als gewöhnlich und daß man nachts in die Kirche gegangen war. Aber das war schon lange her. Nur gut, daß man diesen senti­mentalen Kitsch längst über Bord geworfen halte. Die­ses sogenannte Fest der Liebe war ja doch nur für die Reichen da und für die Dummen, die nie klüger wurden.

Sang man heute nicht: „Stille Nacht, heilige Nacht?"

Peter Blank lachte bitter auf. Don dieser stillen Nacht war hier verdammt wenig zu spüren. Da saßen seine Nachbarn, fluchten und stritten sich um ein paar lumpige Kartenpfennige.

Ein Narr, wer noch an die christliche Liebe glaubte! Hatte män ihm nicht Arbeit und Brot genommen? Hatte man ihn nicht auf die Straße gejagt wie einen Hund, Ser in der Gosse verrecken konnte, ohne daß ein Hahn nach ihm krähte?

Und die Zukunft? Peter Blank sah in das versierte Schnapsgesicht seines Nachbarn und wußte: das fft die

Das schaukelnde krippchen.

Ein winzig hölzern Krippchen hängt an meinem Baum.

Es fft von großen Krippen nur ein Traum.

Ein Kindlein, das auf einem Aste schaukelt und drüber hin ein gelbes Sternlein gaukelt. Und alle Lichter schauen darauf hin, als hätte nur die kleine Wiege Sinn.

Und alle Tanenzweige schirmend neigen, als wollten sie ihm stumme Ehrfurcht zeigen.

Ja, alle Schatten um das Krippchen schwanken und mit dem allen meine Festgedanken.

Margaret Hohmann.

e Kneip.

Zukunft. Nicht lange dauerte es mehr, und er würde auch da hocken, stumpf und verdrossen, oder er würde die Karten auf den Tisch knallen und sich mit groben Flüchen um ein paar armselige Kupferpfennige schlagen.

Das war also das Endel Gut, daß seine Mutter das nicht mehr zu erleben brauchte, die brave Frau, die sich in ein frühes Grab geschasst hatte, um den Sohn etwas lernen zu lassen.

Sollte man dieses Ende ruhig abwarten? Da war es doch besser, vorher selbst Schluß zu machen, solange man noch anständig war. Jetzt hinaus auf die Landstraße gehen, sich in den Schnee setzen und einschlasen; es würde nicht lange dauern mit den zerrissenen Schuhen und dem dünnen Anzug.

Dieser Gedanke ließ Peter Blank nicht mehr los. Je länger er sich mit ihm beschäftigte, desto mehr reizte es ihn, gerade in der Ehristnacht, wenn die anderen in ihren warmen Feierstuben saßen, wenn man von den Kanzeln Liebe und Erlösung predigte, diesem ganzen Lug und Trug den Rücken zu kehren.

Als Peter Blank von einer nahen Kirche die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde hörte, ging er mit schwerfälligen Schritten hinaus in die Nacht.

Ein eisiger Wind fegte den Schnee durch die men­schenleeren Gassen und wirbelte die Eiskörner dem Mann ins Gesicht, der in seinem dünnen Gewand bis ins Mark erschauerte und vergeblich die erstarrten Hände in den durchlöcherten Taschen zu bergen suchte.

Als Peter Blank die schützenden Gassen verließ und sich mühsam die Anhöhe hinaufarbeitete, über die die Landstraße zum nächsten Dorf führte, sah er von allen Seiten dunkel-vermummie Gestalten dem Hügel zu- streben.

„Aha, die gehen in die Mette der Bergkapelle", dachte Peter Blank bei sich, und wieder stieg ein Gefühl maß­loser Bitterkeit in ihm auf: „Die hatten gut nachts in die Kirche laufen in ihren Pelzen und dicken Röcken. Und wenn sie nach Hause kamen, wartete ihrer ein war­mes Zimmer und ein kräftiger Imbiß "

Jetzt sah er die Kapelle schon ganz nahe vor sich. Aus den bunten Fenstern strömte eine gedämpfte Helle, und wenn sich die Türe auftat, um einen verspäteten Be­sucher einzulaffen, wehte der Wind fesllichen Orgetton an Peter Blanks Ohr.

Als ob Licht und Musik ihn angezogen hätten, ging Peter Blank auf die Kapelle zu. Erst, als er in der Kirche ftanb, wurde er sich feines Tuns bewußt.

„Wie kam er dazu, in die Mette zu gehen? — Er wollte doch . . ." Seine finsteren Gedanken gingen unter in einem brausenden Jubelchor der Orgel, in den sich helle Knabenstimmen mischten.

Kaum waren die letzten Akkorde verklungen, als der greife Pfarrer auf die Kanzel traf und mit freude­schwingender Stimme die Weihnadstsbosichaft verkün­dete, die den Menschen Frieden verspricht, so sie einer guten Willens sind.

Peter Blank hörte die Berheißungsworte, und es war ihm, als bb sie ihm besonders gelten, ihm, der so lange keines guten Willens war.

Ein angenehmes Gefühl von Wärme riefelte durch

Fünf Minuten Denksport

Kreuzrvort-Rätsel.

in

7

Auslösung des Silbenrätsels.

Die Wörter bedeuten von oben nach unten: 1 Stadt Thüringen, 4 Art Erde, 5 Gesangsstück, 7 Fisch,

1 Ehre, 2 Seide, 3 Grotte, 4 Inder, 5 Höhe, 6 Wund Friede, 8 Taufe, 9 (Erbe.

Aus den dolf, e, e, e, la, laus, lei,

pferd, po, rat, reep, rich, rin, ro, sa, sche, fei, fix, spin, fter, tc, te, fe, ter, ti, tib, tri, trom, trotz, tus, u, ul, oeau, vel, do, mit sind 24 Wörter zu bilden, deren An- sangs- und Endbuchbuchstaben, beide von oben nach un­ten gelesen, eine Weihnachts-Bauernregel ergeben (ch gleich ein Buchstabe). Die Wörter bedeuten: 1 Berg bei Innsbruck, 2 Insekt (Gliederfüßer), 3 Russischer Bol-

1 Okuli, 2 Traube, 3 Attest, 4 Namur, 5 Nächst,!o 6 Erlau, 7 Nostradamus, 8 Brauerei, 9 Auerhahn, Uhlnnd, 11 Mansfeld, 12 Ostsee, 13 Trapini, 14 Auttir 15 Normandie, 16 Nab ob, 17 Eulenspiegel, 18 Ni-, 19 Birne, 20 Armbrust, 21 Unschlitt, 22 Malve, 23 Wa meister.

Das Lied laufet: O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter.

Auflösung des Rätsels:

Pfefferkuchen.

Silbenrätsel.

Silben a, a, ber, blatt, cha, chil, dä, de, e, fall, fe, fla, free, graf, ha, i, in, fe, R, kis mon, na, ne, ni, nil, no, ny, on, pe,

Das Wort laufet: Ehre fei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.

Auflösung des Befuchskarten-Räffels: Schneidermeister.

8 portugiesische Besitzung in Vorderindien, 9 rumänische Münzeinheit (Plural), 11 Insel im Irischen Meer, 12 Grille, unwillkürliches Zucken am Körper, 14 Säuge­tier, 15 chinesisches Wegemaß, 16 Feldmaß.

Don links nach rechts: 2 Wild, 3 Große Nieder­lassung, 6 Salafpslanze, 10 südslawische Küstenland­schaft am Adria-Meer, 13 hohes Jahresfest, 15 Christ­baumschmuck.

Anfer jüngster Setzerlehrtlng

hatte gerade einen Weihnachtswunsch für unsere Leser zusammengesetzt, als ihm plötzlich der Satz aus ber Hand fiel und ein buntes Durcheinander bildete. Komischer­weise lagen die Buchstaben hauptwortweis« beisammen:

HOF, WACHS, REH, STEIN, FEST.

Wir bitten unsere lieben Leser, hier Ordnung zu schaffen und die Buchstaben dieser fünf Wörter so umzustellen, daß der Weihnachtswunsch lesbar wird.

schewistenführer, 4 Altes Wort für Misti mit Beerenfrüchten, 6 Geldentwertuna 7 ber Elbe, 8 Aegyptische Königin 9 gd>n sp<mne, 10 Gesamtheit ber Eigenschaften - sch«", rr Land in Afrika, 12 Schffsstrevve flöttin, 14 Kleiner Karpfenfisch, 15 jjJ, ’ merovingischer Könige, 16 Blasinstrument dungsftück für den Winter, 18 Stufe ftöbe ia menschliches niederes Wesen, 20 Afrik D 21 Männl. Borname, 22 Jtal. Reformator' A name, 24 Blattschädling.

Auflösungen aus der letzten Sonnte

Lösung des Sreuzworlrätsels.

10

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feinen Körper. Immer ferner klang ihm die Stimme des Pfarrers, die Altarlichter verschwammen zu einem riesigen Feuermeer . . . . dann schlug ein Körper hart auf die Steinfließen auf.

*

Als Peter Blank die Augen öffnete, sah er das freundlich-runde Gesicht einer Frau über sich gebeugt, die ihm etwas Heiß-Duftendes einflößte. Erstaunt blickte er sich um und fand sich auf dem Sofa eines warmen Weihnachtszimmers, in dem eine geschmückte Tanne und ein sorglich bereiteter Gabentisch von der verflossenen Bescherung sprachen.

Kaum war Peter Blank wieder zu sich gekommen, als die Frau ins Nebenzimmer rief:

„Otto, er ist wieder bei Besinnung."

Aus diesen Rus eilte ein Herr in mittleren Jahren herbei, auf dessen Gesicht sich heitere Gute spiegelte:

„Nun, junger Mann, wie fühlen Sie sich? Hoffentlich haben Sie sich bei Ihrem Fall in der Kirche nicht ver­letzt. Kommen Sie jetzt, und nehmen Sie etwas zu sich Sie werden Hunger haben!"

Mit schwankenden Schritten folgte Peter Blank dem kleinen, lebhaften Herrn, der schnell sprach und nie eine Antwort abwartete.

Als alle drei am gedeckten Tisch saßen und Peter Blank seinen ersten Hunger gestillt hatte, mußte er von sich erzählen. Er tat es erst langsam und stockend, über­wand aber seine Verlegenheit bald, als er die aufrichtige

Teilnahme des Ehepaares bemerkte. Es war das c Lied von Arbeitslosigkeit und Landstraße. Peter Bb verschwieg auch nicht, daß er in dieser Nacht aus 1 Leben hatte gehen wollen.

Der Frau standen die Tränen In

den

Augen,

als

geendet hatte, der Mann aber streckte Peter Blank hi lich die Hand hin:

„Sie haben einen guten Eindruck auf mich gern» junger Mamr, Ich will sehen, ob ich etwas für Sie i kann. Ich habe zwar nur ein kleines Geschäft, aber ich keine Kinder habe, wird es auch noch einen tritt miternähren können. Bleiben Sie vorläufig einmal < mein Gehilfe bei mir. Ich hoffe, daß wir gut mite ander auskommen."

Peter Blank hörte dieses Angebot wie ein Tn Das konnte doch nicht wahr sein! Gab es denn roh noch gute Menschen, die nicht nur von Liebe redete sondern Liebe übten?

In dieser Nacht konnte Peter Blank seit langem der einmal meinen, aber es waren glückliche, erlös Tränen.

♦

Ein neues Dasein begann für Peter Blank, Tage Arbeit und des Aufftiegs.

Daß sich sein Herz auch in Glück und Wohlsein t verhärtete, dafür sorgte die unauslöschliche Erinnerun an jene Ehristnacht, die ihn dem Leben neu geschen hatte.

beitszimmer nebenan Schritte, einen unterdrückten Fluch, das Poltern eines stürzenden Stuhles.

Und dann krachte ein Schuß.

Es folgte ein dumpfer Fall, und hastige Schritte lie­fen davon.

Das trug sich alles ganz rasch zu, und obgleich Iör- genBollander in Hast aus dem Bett sprang und die Tür zum Arbeitzimmer aufriß, konnte er nur noch flüch­tig einen Schatten sehen, der sich durch das Fenster schwang. Er machte Licht. Dann sah er es: Nahe der Wand lag Dolapi am Boden. Schnell sprang er hinzu:

„Dolapi, was ist geschehen?"

Sie gab keine Antwort, sie lag da mit geschlossenen Augen, ihr Atem ging stoßweise, die kleinen Hände wa­ren in Schmerz zusammengekrampst.

Er riß ihr das Gewand über der Brust auf, und da quoll es ihm rot entgegen, langsam, aber stetig. Er riß die Kissen von den Sesseln und schob sie unter ihren Kopf. Er sprang zur Tür und schrie nach Wung. Sein Auge siel auf den Schreibtisch, und er sah, daß der Kasten herausgezogen war. .

Dort hatte doch fein Revolver gelegen! Der fehlte!

Er griff nach dem Verbandszeug, das er im Be­stand feiner Hausapotheke besaß. Neben Dolapi kniete er nieder und wischte das Blut von ihrer Brust, ver­suchte, den rieselnden Strom aufzuhalten.

Wung stand vor ihm und sah entsetzt auf bas leb­lose Mädchen am Boden!

„Dolapi erschossen!"

Er zuckte zusammen und hob die Hand.

„Haben Sie gehört, Mr. Bollander? Schuß auf ber Straße oder im Garten?"

Jörgen Bollander befahl:

' „Geh! Laufe, so schnell du kannst! Hole Dr. Bar­ker! Er soll sofort kommen!"

„Sie sind dann allein im Haus, Mr. Bollander. Li-Pen und der andere sind fort."

„Geh, sage ich!"

„Wenn ber Mörder wiederkommt?"

„Geh!"

Da glitt Wung hastig aus dem Zimmer, er eilte die Treppe hinab. Erschreckt fuhr er zurück, als einer ihm

entgegenkam. Es war Li-Pens Verwandter, der mit dem entstellten Antlitz.

„Li-Pen ist zum Arzt. Bleibe du im Haus! Laß niemand herein als Li-Pen oder den Arzt!"

Er stieg nach oben und kauerte gleich darauf neben Jörgen Bollander.

„Darf ich sehen, Mr. Bollander! Ich verstehe etwas von den Wunden."

Bollander sah erstaunt auf den Chinesen.

„Wo kommst du her?"

„Ich war immer nahe."

„Und Mrs. Shelton?"

„Es droht ihr in dieser Nacht keine Gefahr."

Der Chinese beugte sich tief über die Röchelnde. Als er sich aber wieder aufrichtete, sah Bollander betroffen in eine haßverzerrte Fratze.

„Was ist?"

„Mr. Vollander, das Mädchen muß sterben."

„Sterben? ’Rein, Dolapi foll nicht sterben! Sie war treu und gut, sie setzte ihr Leben für mich ein."

Der Chinese hatte sich vom Boden erhoben.

Seine Stimme klang drohend:

„Sie wird sterben, wie die starb, die mich vor seiner Kugel schützen wollte! Er trifft immer die gleiche Stelle!"

Seine Hände öffneten sich und schlossen sich, sie schienen sich um, irgend etwas krallen zu wollen. In seinen Augen loderte ein wahrhaft teuflischer Haß. Wortlos verließ er das Zimmer.

Nun wellte Jorgen Bollander wieder mit Dolapi allein. Er sah es, er gestand es sich stöhnend ein: Ja, da kam der Tod! Dolapi mußte sterben. Sterben muhte dies kleine junge Birmesenmädel um seinetwillen! Denn der Eindringling hatte ihn finden und ihn töten wol­len, Dolapi aber stellte sich ihm entgegen. Sie erkannte wohl zu spät die Gefahr, sie riß den Schreibtischkasten auf und griff zum Revolver, und der Feind entwand ihr die Waffe, tötete sie wohl mit eben diesem Revolver!

Er biß die Zähne hart aufeinander:

„Schuft, du elender, erbärmlicher Schuft, dies junge Leben zu vernichten!"

Er sah auf das bleiche Antlitz mit den geschlossenen

Augen, sah die feinen, zarten Wangen, die kleinen vol­len Lippen. f

Arme, kleine Dolapi! Hast du mich geliebt, und ich mar immer nur dein Herr. All deine Liebe mußte dar­ben, mußte unerfüllt bleiben, und jetzt kommt ber Tob zu bir. Vielleicht ist ber nun ber erste, ber bich küßt. Aber er soll nicht ber erste fein!

Leis und vorsichtig beugte er sich ganz zu ihrem Antlitz herab, unb seine Lippen ruhten auf ben ihren.

„Hab Dank. Dolapi!"

Und ba geschah es, baß die Sterbende die Augen öff­nete. Augen, die ratlos blickten, die in jähem Emp­finden des Schmerzes in der Brust sich müde schloffen, unb bie sich boch wieder öffnen mußten, weil etwas Wun­dersames bei ihr war, weil da ganz, ganz nahe das Antlitz dessen war, den sie liebte, ben sie so enblos liebte, unb besten Augen so gut unb lieb unb andächtig die ihren suchten, dessen Lippen auf ben ihren ruhten.

Es war ein seliges Glänzen, was da in ben Augen der kleinen, fterbenben Dolapi wuchs.

Sie wollte bie Arme heben; aber bie Kraft fehlte ihr dazu. Nur ihre Augen konnten ihm zeigen, wie so sehr sie ihn liebte, unb ihre Lippen formten Worte.

„Bist bu boch — Dolapi gut?"

„Ja, Dolapi, ich bin bir gut! Nur bas sollte nicht geschehen!"

„Ich war — wohl eingeschlafen. Er schwang sich — in bas Zimmer. Ich lief zum Schreibtisch. Der Re­volver. Er riß — ihn an sich. Er schoß."

„Dolapi-, hast bu ihn erkannt?"

„Ja — ja!"

Das selige Glück erlosch in des Mädchens Augen. Todesangst stand darin.

„Hüte dich! Er ist — wie der Tiger — so falsch!"

„Der Name, Dolapi!"

Sie rang nach Luft, und ein schmerzlicher Zug flog um ihren Mund.

„Nun kommt — der Tod. Ich kann dich — nicht Mehr schützen."

Er stöhnte:

„Ja, Dolapi, und hättest du noch ein zweites Leb zu vergeben — du opfertest es wohl wieder für mi< — Dolapi, der Name!"

Sie öffnete die Lippen, sie wollte sprechen. Da ab schoß es wie ein Strom aus ihrer Brust, und Blut qw aus ihrem Munde. Ihr Kopf sank nach hinten.

Dolapi war tot.

17.

Jörgen Bollander verharrte neben der toten Dolapi- Er hatte ihr die Augen zugedrückt und bas Blut von ihren Lippen gewischt, von diesen Lippen, die den Na­men des Mörders nicht mehr auszusprechen vermochte". Als er unten im Garten Stimmen hörte, richtete er sich endlich auf. Er nahm die Decke vom Tisch und breitete sie über bie Gestalt Dolapis, über biefen zierlichen Kör­per, in bem nun kein Leben mehr war, unter bem si4 ein dunkler, schwärzlicher Fleck gebildet hatte, ber immer mehr wuchs unb sich hervorschob. Jemand sprang b* Treppe empor. Es war Doktor Barker.

„Man hat Sie ermorden wollen, Bollander? Ur das kleine Mädel hat es erwischt?"

Er kniete schon bei Dolapi und schob nach kurz« Untersuchung bie Decke roieber über ihr Antlitz. Seil zenb richtete er sich auf.

„Ja, ba ist nichts mehr für mich zu tun. Sie ist iS Die Poizei ist bereits alarmiert; sie wird wohl alsbal hier oben erscheinen. Jetzt finb bie Herren erst unte mit bem Mörber beschäftigt. Gut, baß bet Mensch f" selbst richtete."

Da fiel es Jorgen Bollander erst wieder ein:

Ja, der Mörder! Wer hatte Dolapi niedergeschosieN Und unten hatten sie den Mörder gefunden? Er ha^ sich selbst gerichtet?

„Von wem sprechen Sie, Doktor?"

„Ach so, Sie wissen bas noch gar nicht! Er h sich unten im Garten erschossen, mit Ihrem Revolvi Bollanber! Da hat bas kleine Möbel sich bem V» schen wohl entgegengestellt, hat zu bem Revolver fl griffen, unb er riß ihr bie Waffe aus ber Hanb ur schoß sie nicbcr."

(Fortsetzung folgt.)