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irr. 292

Hebet die Güke.

Düte kann in kleinster Hütte wohnen.

Düte kann sich beugen unter Kronen.

Düte kann auf sich allein vergessen.

Düte kann den Weltenraum durchmessen.

Düte kann den stärksten Geist bezwingen.

Güte kann mit Sternen-Liedern singen.

Güte kann begraben unter Kränzen lebend sein zu heilig-ew'gen Tänzen.

Margaret Hohmann.

Briefe ans Christkind.

Eigentlich ist ja der Nikolaus nichts weiter als ein Vorbote des Ehristkinbchens, und der Nikolaustag ist w!e die Tür, die hineinführt in den Kinderhimmel: Weihnachszeit.

Wenn dann morgens die Schule beginnt, ist es meist noch etwas dämmrig, und das Kerzenlicht am Advents­kranz kommt dadurch recht zur Geltung. Merkwürdig, was so ein Adventskranz etwas Schönes ist! Und wie feierlich ist so ein Kerzenlicht! Wie andächtig singt sich ein Adoentslied bei seinem Schein! Allemal fallen beim Anzünden der Kerzen dürre Fichtennadeln auf den Boden, sie werden immer gesammelt und auf den Ofen gelegt. Das riecht dann so recht nach Weihnachten. Wenn dann die Lichter gelöscht werden, da merken wir auf einmal, daß es inzwischen hell geworden ist draußen, und mit einem Schlage sind wir wieder im Alltag. Nur die Tannennadeln aus dem Ösen duften noch nach Wald und Weihnacht.

Zu Hause und in der Schule werden dann allerlei geheimnisvolle Dinge getrieben. Die Mädchen schließen sich während der Handarbeitsstunden in der Schule ein zum Verdruße der Jungen; die dagegen haben stets Be­darf an Laubsägen, Leim, Kleister, Papier, Pappe und Holz. Und die Kleinsten? Denen steht der Mund nicht mehr still, sobald das Wort Weihnachten fällt. Dis Weihnachtsgeschichten im Buch« haben sie längst ge­lesen, Christbäume und ähnliche Dinge malen sie in jedem freien Augenblick, und mindestens einmal am Tage wollen sie das Lied singen: Ihr Kinderlein, Inmet. Nun sind in unserer Schule alle Jahrgänge

reinigt. Die Kleinen in den zwei untersten Schuljah- t glauben felsenfest ans Christkind, die Neun- und hnjährigen jroeifeln. und die darüber hinaus gehören den Ungläubigen, d. h. sie sind die meiste Zeit des hres ungläubig. In der selig spannungsvollen Zeit r Weihnachten wird das auf einmal anders. Die age, ob es ein Christkind gibt oder nicht, die ist samt en Zweifeln auf einmal gelöst, denn nun glauben t alle wieder ans Christkind, und wenn unsere Klei- xn in ihrer kindlichen Art vom Christkind erzählen, trm gibt es weder ein zweifelndes Lächeln bei den roßen noch irgend eine abfällige Bemerkung, sondern ir alle hören ihnen andächtig zu und freuen uns mit nen.

Daß wir Briefe ans Christkind schreiben wollten, von hatte ich mit den Kleinen schon im Sommer ge­rochen. Das war ihnen ein mächtiger Ansporn gerne» 1, sich im Schreiben zu üben; denn wie soll man einen rief ans Christkind schreiben, wenn man nicht Schrei- n gelernt hat! Die Großen hatten damals ja et- as hinterhältig gelächelt und hatten mir zu verstehen geben, das wäre doch wohl nichts mehr für solch auf­klärte Leute wie sie. Nun, ich hatte damals nichts eiter gesagt. Als ich aber dann so in der zweitletzten

um

MN

NILS

Beilage zur Fuldaer Zeitung

18. Dezember.

Woche vor Weihnachten den Kleinen die weißen Zettel zum Briefschreiben gab und mich dann wieder zu den Großen wandte, da erlebte ich etwas Erstaunliches: samt und sonders hatten auch sie die Zettel vor sich liegen urb schrieben Briefe ans Christkind. Sie guckten mich zwar ein bißchen verschämt an, als erwarteten sie, von mir ein wenig verspottet zu werden. Aber ich sagte nichts und half ihnen dabe-, und so waren wir wnhl zwei Stunden eifrig an der Arbeit. Und besonders die Großen gaben sich Mühe, recht ordentlich zu schrei­ben und die Briefe mit bunten Randleisten aus Tan­nengrün und Kerzen zu verzieren.

Was ist nun der Inhalt dieser Briefe? Natürlich sind es die Wünsche ans Christkind. Die Anrede lautet bei allen Briefen gleichmäßig:Liebes Christkind!" Die Kleinen schreiben kurz und bündig, was sie gern hätten, mit der einem sechsjährigen Menschenkind eigenen Recht­schreibung ; diese Briefe sind sich alle sehr ähnlich und lauten etwa wie der folgende:

Gnipßlicht und Auto ein bläzchen und 5 grifel."

Die Sieben- und Achtjährigen schreiben etwa so:

Korn wieder bei uns bring mir zwölf Stifterfarben. Und vier Gummi. Auch ein Pferdchen ich will auch immer braf fein.

oder: Bring mir ein Taschenmesser denn mein Griffel bricht immerzu ab. Aepfel haben wir nicht viele drum sollst du mir Aepfel bringen. Dann noch eine Musig dann will ich nichts mehr haben.

Je weiter hinauf, desto eingehender und dringender werden die Briese, aber auch desto bescheidener und wissender um die Schwere der Zeit. Es mögen noch einige Proben der höheren Jahrgänge folgen:

Du warst schon lange nicht mehr bei uns. Es ist Zeit, daß ich dir schreibe, was ich haben will, denn es sind nur noch vierzehn Tage. Darum will ich dir jetzt meine Wünsche schreiben: Ich möchte gern eine Laubsäge und noch ein wenig für das Krippchen haben. Schäfchen und Hirten kaufe ich mir selbst. Vielleicht bringst du mir einen Engel oder einen Hund bei die Hirten. Wenn du noch ein bißchen Geld hast, kannst du noch etwas An­deres kaufen. Ich will mir nicht so viel wünschen, denn ich weiß, du hast nicht viel Geld.

Jetzt kommt die Zeit, da du bald kommen mußt. Ich wünsche mir einen dicken Unterred, damit ich im Winter nicht erfriere. Ich glaube, das kannst Du mir sicher mit» bringen, das ist nicht zu viel verlangt. Der Herr Lehrer sagt immer, daß das Christkind und der Niko­laus allwissend seien. Darum mußt du auch mitbrin­gen, was ich mir bestelle und darfst es nicht vergessen. Ich wünsche mir eine Hornhäkelnadel, auch ein Kästchen voll buntem Garn. Ich habe noch nie gehäkelt, deshalb gefällt mir das so gut. Du wirst ja wissen, wo Du es herbekommst. Bringe es mir ja bestimmt! Aber auch ganz bestimmt! Das macht mir die größte Freude. Ich warte schon darauf, bis ich es bekomme.

Das sind so einige dieser Kinderbriefe, wahllos her- ausgegriffen. Irgendwie bemerkenswert tft jeder ein­zelne. Gemeinsam ist allen die Bescheidenheit, die um­so größer wird, je älter die Kinder sind. Weiterhin ge­meinsam ist vielen Briefen der Wunsch nach Krippenfi­guren, ein Beweis für die Beliebtheit der Weihnachts­krippe, die sich eben einzubürgern beginnt.

Was geschieht nun mit diesen Briesen? Da kommen an einem Abend die Mütter in die Schule. Wir spre­chen über Weihnachten und die Familienfeier au* Weihnachten, und wenn es uns allen so recht weihnacht­lich ums Herz geworden ist, dann teile ich die Briese aus, und die Mütter sehen nun schwarz auf weiß, welche

Wünsche die Herzen ihrer Kinder bewegen. Damit ist die Hauptsache getan. Das weitere besorgt die Mutter­liebe.

Ein Hindernis gilt es da freilich in manchen Fällen noch zu überwinden, das ist der Vater. Diese und jene Mutter klagt, der Mann hätte gar keinen Verstand für solche Dinge. Er meinte, e r hätte früher nichts be­kommen zu Wechnachten, und da brauchten die Kinder

setzt auch nichts, zumal in dieser schweren Zeit, wo da» Geld so rar [et. Da wird nichts Anderes übrig blei­ben, als mit den Männern selbst zu reden.

Nochmals: rührend ist die Bescheidenheit dieser kind­lichen Weihnachtsbriefe, und bitter ist der Gedanke, daß auch die größte Bescheidenheit vielleicht umionst ihren kleinen Wunsch aussprach. Man mochte betteln gehn für de Kinder, wenn man wüßte, wohin. -w.

Johannes Wingert.

Eine vorweihnachisgeschichte vom Rhein.

Er hieß Johannes und im Altmännerheim kannte fast nur die Schwester Oberin feinen Familiennamen, aber sie hütete sich, ihn zu nennen, denn darin lagen Johannes' heimliche und offene Sünden. Als der Alte vor drei Sommern eingeliefert wurde, hatte er durchge­laufene Schuhe und Hofen, in deren Löcher der Wind spielte. Er war schwach vor Hunger, aber der Wein­dunst sprang ihm aus dem Munde, lieber die Ruinen seiner Zähne schimmerte der grünliche Weinstein und lag die Bräune viel gerauchten Tabaks. Die Schwester kam selbst aus dem Rheingau, kannte aus ihren Mäd­chentagen die Stunden der Traubenernten und die Kirch­weihen, wo der Wein in Bächen floß. Weil sie vielerlei Erfahrung hatte, nannte sie den neuen Bürger ihres Reiches vom ersten Tage ab einfach Johannes. Win­gert, so hatte die Schwester Oberin gesagt, ist ein herr­licher Name für einen Herbst voll Sonne, ein richtiger Name für die reifen Traubenhänge, aber ihr seid müde gelaufen und drüben im Berg steht jetzt der Winter zwischen den leeren Stöcken. Da ist der Wingert kein Vergnügen, darum rat ich auch zu dem Namen Jo­hannes. Wir haben keinen im Hause, der so heißt. Weil aber Advent ist, tätet ihr mir auch einen großen Gefallen, wenn ihr euch auch so nennen liehet. Wir warten alle auf das große Licht und auf einen anderen Sommer.

Der Alte hatte sich vorgestellt, mit dünnem Milchreis empfangen zu werden, statt dessen aber sprang ihm der Duft eines guten Weines in die Nase, und die rote Lampe vor dem Muttergottesbildchen warf einen luftigen Widerschein in den gelben Trank. Da war ihm die Wahl nicht schwer, und schließlich dachte er daran, was der Pastor von Gundelheim vom Wegbereiter Johannes gesagt hatte. Das war wirklich nicht schlecht. Er nickte und trank. Am Abend las er die Geschichte seines Na­menspatrons, und fand sich darein, hier seine Rolle spie­len zu dürfen. Das fiel ihm um so leichter, als die Oberin ihn statt in Felle in einen ordentlichen Anzug stecken ließ, und der Trunk schien ihm besser gewesen als aller wilder Honig.

*

Nun gingen Johannes Tage in ruhigem Fluß Wenn er früher an ein Altmännerheim gedacht hatte, konnte es fein, daß ihn mitten im August ein Fräst überfiel, wie fönst im November. Das Altmännerheim ist das Schicksal aller, die in derBruderschaft Landstraße" leben. Einmal kommt, wie der Lotse an den Strom­schnellen, der Gendarm und schleppt das Schifflein in einen Hafen, wohl oder übel. Dann ist es vorbei mit allem Jn-die-Stube-spucken, oder Jn-Kanalröhren-nüch- tigen, dann hat der Durst sein Recht verloren, und mit dem Magen wird umgegangen, wie mit dem eines Säuglings. Johannes mußte sich sagen: ganz so schlimm war es nicht und das wohlgezimmerte Zäunlein Ordnung ließ überdies schon einmal die Latten auseinanderbiegen und man konnte dann fortschlüpsen, sich am Strom in

die Sonne legen ober um einen Krug Wein einem Bau­ern zur Hand gehen. Solche Gelegenheiten nützte Jo­hannes weidlich aus. Unter dem weißen, büscheligen Haar hinter den mächtigen Ohren saß ihm der Schalk und es schien ihm immer noch schöner, jungen Mädchen Geschichten zu erzählen, als daheim mit den ausgelau­fenen Kerken, die wie leere Uhrkästen und von dem Holzwurm der Zeit angefressen waren, auf der Bank zu sitzen und Karten zu spielen. Bei allem aber hielt er Maß und war zu anständig, gegen seinen neuen Na­men zu sündigen.

So tat sich Jahr an Jahr. Wenn ein neuer kam, dem die Pfade des Hauses zu eng waren, wenn einer nach alter Gewohnheit fluchte ober sonst etwas tat, was nicht hierher gehörte, hatte sich mit ber Zeit von selbst gegeben, baß Mutter Oberin baran vorbeilief unb in bie Zelle ging, um Johannes bie Prebigt zu überlassen, bie nie ihre Wirkung verfehlte:

Brüberchen, hör, ich bin ber Johannes. Nicht ber von ber Lanbstraße, aber ber anbere, ber vor Herre- Christ herging unb ben Menschen Bescheib gab. Hier wirb pariert, sonst geh', wo du herkommst! Die Dielen sinb keine Spucknäpfe, gewöhne bich ans Sacktuch. Hast alle beine Tage nicht gelebt wie jetzt. Sollst bich schä­men! Mach besser beine Seel' in Drbnung, unsereins war lang genug schlampig, ist an ber Zeit, anbers zu werben, ber Hein steht mit ber Sens' vor ber Tür. Gib Ruh unb bamit basta!"

Es war wie ein Wunber, was biefes Gemisch von christlichen Worten unb Lanbstraßen-Erinnerung zuwege brachte, aber kein Wunber war, baß Johannes nachher einen Humpen zum Lohn bekam unb barüber fort Schwe­ster Samberta zublinzelte:

Seht, Schwester, Ihr habt keinen schlechten Kerl eingefangen, bin bem Heiligen ein gelehriger Schüler."

*

Dann kam Johannes' letzter Abvent Ueber bem Rhein ftanb ein grauer Winter unb setzte sich in Jo­hannes' ©lieber fest. Der machte nicht viel Feberlesenr bamit, besann seine Tage unb eines Nachts sprach er zu sich selbst, nun sei es halb aus. Er mußte gestehen: derWingert" war lang genug gelebt, aber bemJo­hannes" längst nicht genug. Als aus bem Kapellen­türmchen ber dünne Klang der Glocke heraustanzte, war er mit sich im Reinen. Er ging in die Scheune, suchte sich Holz, erbat sich ein Schnitzmesser und ließ sich von Schwester ßamberta einsperren in einen abgelegenen Raum. Sie wußte um fein Geheimnis.

Von Kindesbeinen an hatte er es so gehalten, in ber Christnacht sich vor die Krippe zu stellen unb ben Dreck des Jahres abzuschütteln. Die Krippe mit bem Sinb war ihm schöner als alles Gesauf, alles Spiel auf ber Ziehharmonika unb alles Laufen in Sonne unb Re­gen. Die Krippe bes Altmännerhauses aber war zu ärmlich unb fremd, sie paßte ihm nicht zu diesen Men»

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las Hälfet des Tushinkang.

Roman von Kurt Martin.

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22] ---------

Lilith dachte an den sonderbaren Fund in ihrem gol- nen Kästchen, und sie drängte:

Du solltest aber doch wenigstens einmal in die Dose auen, Henry."

Wozu? Das wäre ja bann höchstens so, daß Sie if ber Reise nach hier ben Inhalt ber Ebenholzbose Floren hätten, Mr. Bollanber. Bevor Sie mir bie cfe Überreichten, kann ja etwas barin gewesen fein; s ich sie aber in ber Hand hielt, war sie leer."

Aus ber ganzen Art feiner Worte unb feiner Gesten rach sich ein beleibigenbes Mißtrauen Jörgen Bollan- r gegenüber aus. Lilith fühlte bas, unb sie bekam >ße Wangen.

Herr Bollanber hätte boch nichts verloren, wenn irklich etwas in ber Dose gewesen wäre."

So, bentft bu? Also gut, lassen wir bie Dose brin« 'n!"

Er rief Sato-Khin unb gab ihm entsprechende Anwei- ugen. Dann wandte er sich wieder an Jörgen Bollan- r.

Unb Sie haben keine Ahnung, was bie Dose enthal- ii Hot?"

,Die Dose war teer. Ich nahm sie von Mr. Liü- t Tang leer in Empfang, unb ebenso übergab ich sie men."

Unb nun soll etwas barin fein, unb Liü-Fu-Tang ®l etwas von biefem Inhalt wissen? Das klingt ja r*)licf) phantastisch.

| Sato-Khin erschien unb stellte bie Dose auf ben Tisch Henry Shelton. Der hob spöttisch die Hand.

;Bitte, öffnen Sie bie Dose, Mr. Bollanber! Sie Wn bann Liü-Fu-Tang berichten, welche Schätze Sie P<in gefunben Haden."

1 Sorgen Bollanber faßte nach ber kleinen Drse. Er W sie näher zu sich unb öffnete ben Deckel, ber sehr faß.

Es klirrt in der Dose, Mr. Shelton."

Unsinn! Oefsnen Sie!"

Der Deckel hob sich. Jörgen Bollanber schaute in bie Dose. Er langte mit zwei Fingern hinein.

Es ist also boch etwas barin."

Shelton war hochgefahren. Er starrte entsetzt auf bie kleine schwarze Dose. Liliths Augen aber hingen voller Unruhe an Bollanbers Fingern.

Was ist es?"

Er hielt seinen Fund in ber hohlen Hanb.

Das ist ohne Zweifel eine Kugel, eine Revolver ku­gel scheinbar, ein wenig breit geschlagen; sie fanb an ir» genb einem harten Gegenstanb Halt."

Eine zitternbe Hanb tastete vor, krampfte sich um bie Kugel. Jorgen Bollanber sah in Sheltons Antlitz, aus bem jeber Blutstropfen gewichen war, unb er blickte hinüber zu Lilith unb erkannte, wie bas Begreifen irgenb eines grauenvollen Geschehnisses in ihr wuchs. Sie flüsterte:

Henry, was hast bu mit biefer Kugel zu schaffen?"

Shelton fanb noch keine Worte. Er starrte auf bie kleine Kugel. Da sagte Bollanber fest, Antwort bei» fchenb:

Hat diese Kugel vielleicht in Ihrem Leben irgenbeine Rolle gespielt, Mr. Shelton?"

Da kam Leben in bas bleiche Antlitz. Shelton schleu­derte die Kugel in einen Winkel des Zimmers. Seine Augen traten drohend hervor. Er schrie Jorgen Bollan- der an:

Was erlauben Sie sich für Scherze? Ich verbitte mir derartige Narrheiten ein- für allemal! Unb schreiben Sie Liü-Fu-Tang, er soll sich um anbere Dinge kümmern als um mich! Sie haben ja vorhin bie Kugel erst ba in bie Dose hineinpraktiziert. Ich sah es ganz beutlich. Es soll bas wohl so etwas wie Zauberei vorstellen? Diese Kugel! Eine Frechheit ist bas . .

Lilith unterbrach ihn:

Du irrst, Henry. Ich kann es beschworen: Diese Kugel war schon in ber Dose, als Herr Bolander den Deckel hob. Ich härte gleich ihm bas Klirren. Er machte bich sogar daraus aufmerksam."

Wütend fuhr er sie an:

Schweige! Du was gilt denn das, wenn du etwas beschwörst! Du mit deinem kranken Hirn! Das Erinnern hast bu verloren, unb nun wirst bu wohl bein letztes Nestchen Verstaub auch noch einbüßen!"

Da sagte Bollanber:Ich ersuche Sie bringenb, Frau Lilith nicht aufzuregen unb zu beleibigen."

Shelton lachte schrill auf:

Frau Lilith! Frau Lilith! Mr. Bollanber, für Sie ist meine Frau ausschließlichMrs. Shelton". Verges­sen Sie bas nicht! Unb für bie Zukunft lege ich keinen Wert mehr barauf, Sie in meinem Hause zu sehen. Sie haben eine Art an sich, die darauf ausgeht, mich zu be­leidigen."

Jörgen Bollander sah ihm kalt in die haßerfüllten Augen.

Ich habe Sie mit keinem Worte beleidigt, Mr. Shel­ton; aber Sie haben einen Gast Ihres Hauses schmach­voll verdächtigt."

Shelton schlug hart auf ben Tasch:

Verfluchter. . ."

Er brach ab. Er rang mit einem Entschluß. Plötzlich lachte er roieber schrill auf.

Unsinn, Unsinn! Ich will Sie ja gar nicht beleibi­gen, Bollanber! Es war nur . . . Wissen Sie, biefe In­famie Liü-Fu-Tangs . . . Ich geriet in Wut, ja ich geriet in Wut. Er muß mir ba irgenb einen schlimmen Streich gespielt haben! Unb Sie, ja, vergessen Sie meine erreg­ten Worte! Es ist nämlich ... Ich habe einmal auf Liü-Fu-Tangs Diener geschossen. Dieser Lümmel hatte sich in Tschongjing einmal nachts in mein Motorboot ge­schlichen, und als ich ihn früh fanb unb hinauswarf, würbe er noch frech. Da gab ich ihm einen Denkzettel. Haha, eigentlich ein Witzbolb, biefer Liü-Fu-Tang, schickt mir ba auf rätselhafte Weise jene Kugel!"

16.

Jörgen Bollanber fanb bes Nachts wenig Ruhe. Er fieberte ben Nachrichten entgegen, bie er erwartete, aus Gleschendorf, aus London, aus Japan.

Als er andern Tages Mr. Krashuas auffuchen wollte, wäre er auf der Straße beinahe an James Lariby an­gerannt. Er grüßte flüchtig und staunte, als er das Ant­litz dieses Mannes sah. Lariby war während der letzten vierzehn Tage, da er ihn nicht getroffen hatte, um Jahre gealtert. Er sah bleich unb elenb aus. Der Engländer schien den erstaunten Blick aufgefangen zu haben; er lachte heiser.

Beinahe hätten Sie mich nicht erkannt, Mr. Bollan- ber, nicht wahr?"

Sie haben sich in ber Tat sehr oeränbert. Fühlen Sie sich krank?"

Krank! Das ist viel zu wenig! Ober nein: Ich fühle mich wohl, glänzenb wohl fühle ich mich!"

Diesen Einbruck habe ich nicht, Mr. Lariby!"

So. Wie komme ich Ihnen benn vor? Wie einer, ben bie Furien Hetzen was?"

Qual zuckte um seine Munbwinkel.

Wenn Sie wüßten, was ich in diesen Wochen erlebt habe! Das einzige, worüber ich mich wundere, ist die Tatsache, daß ich noch lebe. Aber ich bin zu feig. Viel­leicht auch nicht, vielleicht möchte man nur nicht mit Schimpf und Schande von hier verschwinden. Und wer ist an allem schuld? Shelton, und nur Shelton! Er hat mich ruiniert. Er hat mir beim Spiel alles unb alles geraubt: Geld, Ehre alles!"

Unb warum spielten Sie derart gewagt, Mr. La­riby?"

Ein hilfloses Achselzucken.

Ich weiß es nicht. Es war eben ein Rausch! Ich verlor und verlor, und ich sah ben Abgrunb. Da wagte ich immer mehr. Ich wollte ben Verlust ausgleichen, ich spielte unb spielte, unb ich verlor alles. Vielleicht halten Sie mich für verrückt, weil ich Ihnen bas hier auf offener Straße erzähle. Im Grunbe stehen wir uns ja ganz fremb gegenüber. Aber als ich Sie vor mir fah, ba fiel mir ein: Ihre Art damals als Sie einmal mit mir unb Shelton spielten, bie hatte so etwas Ruhiges, Anstänbi- ges an sich, unb Ihre Blicke oh, alles begreife ich jetzt Ihre Blicke verrieten bamals, für was Sie Shelton unb bamit auch mich hielten: Für Falschspieler! Es war aber boch anbers. Ich spielte nicht falsch; boch er. Es ist ja nun zu spät. Aber seien Sie versichert: Die Ab­rechnung kommt! Shelton hat mich nicht umsonst borthin gebracht, wo ich jetzt stehe! Ich taure am Abgrunb, unb er muß mit mir hinein in ben Abgrunb!"

In feinen Augen ftanb ein irrer Glanz. Er wankte fort unb schien vergessen zu haben, daß er eben mit Jör­gen Bollanber sprach. Der aber schaute ihm sorgenvoll nach.

Was plante biefer Mensch? ßoberte nicht ber Irrsinn in biefen Augen?

*

Einige Tage später, ber Tag bes Jagbausfluges nach ßogong war nahegerückt, erhielt Jorgen Bollanber einen Brief, ber ihm sehr erwünscht tarn. Da ftanb ber Ab-