Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Ilr. 280
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Sonntag, 4- Dezember 1932.
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Zaiirg. 59.
wie Popen ging.
ßs war etwas anders als die Herren „Offiziösen" es gestern darstellten.
Die Regierungskrise. die fick) an den Rücktritt von Papens knüpfte, ist sozusagen im letzten Augenblick in geradezu dramatischen Formen beendigt worden. Nachdem die Wiederbetreuung Herrn von Papens mit dem Reichskanz- ieramt bereits eine hundertprozentig beschlossene Angelegenheit war. gab es in der eigenen Um- «buug Herrn von Papens eine R e v o l t e, die jm Verlauf einer Stunde die politische Entwicklung völlig auf den Kopf stellte. Unter Führung des Reichskommissars und kommissarischen preußischen Innenministers Dr. Bracht weigerten sich die führenden Persönlichkeiten des alten Pa- penkabinetts. ihrem Kanzler auf einen weiteren, verschärften Konfliktsweg zu folgen. Professor Warmbold. Reichsfinanzminister Dr. Schwerin-Krosigk, Reichsaußenminister v. Neurath und auch der neue Reichsminister ohne Portefeuille Dr. Popitz erklärten kategorisch, daß sie ihre Köpfe für einen neuen Zusammenstoß mit dem Parlament und fast der gesamten deutschen Oesfentlichkeit nicht Hinhalten würden. Unter diesen Umständen blieb dem Reichskanzler von Papen. der noch am Freitag vormittag bei Beginn einer überraschend einberufenen Kabinettssißung auf sein ungebrochenes Vertrauensverhältnis zu dem Reichspräsidenten Hinweisen konnte, nichts übrig, als in Begleitung des Reichswehrministers die Kabinetts- sihung zu verlassen und Herrn von Hindenburg die völlige Unmöglichkeit seiner erneuten Betrauung vor Augen zu stellen.
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Was sich in den entscheidenden Minuten zwischen 10 und 11 Uhr vormittags im Zimmer des Reichspräsidenten ereignete, wird erst in späterer Zeit völlig eindeutig zu übersehen sein. Das Eine ist jedenfalls sicher, daß der Reichspräsident durch den Zusammenbruch des alten Papen-Kabinetts vor eine Entscheidung gestellt wurde, wie sie ihm schwerer und überraschender bisher kaum jemals zu- gematet wurde. Man ersieht selbst aus dem farblosen amtlichen Kommuniquee. welch ein Sturm sich bei Herrn von Hindenburg abspielte. Für 11 Uhr vormittags war der Führer der Deutschnationalen. D r. Hugenberg, beim Reichspräsidenten zu Schlußbesprechunqen über die Beseitigung der Krise angesagt. Es ga>! nach den Unterhaltungen, die noch am Borabend Zwischen dem Reichspräsidenten, Staatssekretär Dr Meißner und Herrn von Papen und Herrn von Schleicher geführt wurden, auch bei den Deutsch- nationalen als sicher, daß der Besuch Dr. Hu genbergs durch die Wiederbeauftra Run g Herrn von Papens gekrönt werden sollte. Der deutschnationale Standpunkt, wo, nach nur ein rücksichtsloses Konfliktskabinett noch den Sturm des Winters und die Dvposition der Nationalsozialisten überstehen könnte, schien sich völlig durchgeseßt zu haben. In diesem Augenblick warf die Revolte aus dem eige nen Lager von Papens sämtliche deutschnationale Hoffnungen über den Haufen. Der Reichspräsidem sah sich einer Wirklichkeit gegenüber, mit sie selbst seine Freunde und Berater ihm bisher nicht gespiegelt hatten. Es blieb ihm keine andere Möglichkeit, als auf den von ihm hochgeschäb ten Reichskanzler von Papen zu verzichten und on seiner Stelle den leßten starken Vorkämpfer brr Prösidialgewalt, General v. Schleicher, ins Kampf seld vorzuschicken.
j|. Welche inneren Wider st ände Herrn von | Hmdenburg bewegten, ist unschwer zu erkennen
Tnrch die Reichsregierung von Papen war nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch dem Reichs
^ Präsidenten das politische Spiel im Parlament als «we höchst minderwertige, nicht mehr ernst zu nehmende Angelegenheit, hingestellt worden. Man schien endlich auf einen Standpunkt gelangt, wo man das Parteiunwesen in Deutschland mit einem fernen Besen ausfegen konnte. Schon das Wort Reichstag war zu einer Farce, zu einem -eeren, nichtssagenden Schlagwort erniedrigt wor- In diesem Augenblick brach jedoch die so viel- mch totgesagte Wirklichkeit dieser alten Institution und der in ihr verkörperten Kräfte von ueucm in das nicht ohne weiteres eindämmbare »orum des politischen Lebens hinein. Auch die neuen staatsrechtlichen Schlagworte und Ableitungen verfingen nicht gegenüber dem gären- ..Urgrund der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Nöte. Diese erwiesen sozusagen ihre lL1 m Q t e Existenz. Ebensowenig wie man ?iNlltorifch gegen die Millionenbewegung der Na- wnastozialisten vorgehen konnte, konnte man dik- worijch den Sturm aus dem Arbeit- nehmerlager, aus den Gewerkfchaf- »En, den Wirtschafts- und Handels- J e i.l e n beschwichtigen. Gerade die verant- örtlichen Persönlichkeiten der Regierung sahen .winterlichen Streikgefahren gegenüber, die ste u)r auf die leichte Achsel nehmen konnten. Der 6tu lner Derkehrsstreik war für sie zu einer | 6,*jeten Schule geworden. Er hatte gezeigt, daß tiu* ~eine breite Obstruktion der Bevölkerung fcfaA ^ähupo, Reichswehr, Verbände und Eewerk- 4?^jten nichts rechtes ausrichten können. Damtr ^ schlug sich a6er m ihrem Innern die Hoffnung, ter £-ntm diktatorischen Regiment durch den Win- Bndurch zu kommen. Sie sahen nur einen Tu» öen der Verständigung, der B e f r ie- Hen $ und einer sorgsam gehüteten und immer ^sbreiterten Zusammenarbeit mit den v'lUonellen Kräften. Dieser Weg stand aber, fond« Dinge lagen, nicht im Zeichen von Papens, ch. u u s s ch l i e tz l i ch i m Z e i ch e n S ch l e r-
1 s. Rückkehr Papens mutzte verbaut wer- ' °amit nicht die Existenz der Präsidialgewalt
Die erste Kabinettssitzung.
Am das Programm des deutschen Autzenministers für Genf.
ERB. Berlin, 3. Dez. (Eig. Meld.) In unterrichteten Kreisen erwartet man die Ernennung des neuen Kanzlers und seines Kabinetts, nachdem General von Schleicher dem Reichspräsidenten über feine bisherigen Verhandlungen Bericht erstattet hat, Samstag nachmittags. Unmittelbar darauf treten die Minister, die der neuen Regierung angehören, zu einer Besprechung zusammen,
wtb. Essen, 3. Dez. (Eig, Meld.) Bei der Iah- re.stagung des Bundes der Freunde der technischen Hochschule München hielt Reichsbankpräsident Dr. Luther Samstag vormittag eine Ansprache über das Thema „Wirtschaft und Währung".
Eingangs erklärte der Reichsbankpräsident, wir müßten uns wieder daran gewöhnen, .
die Währung und ihre Stabilität als eine Selbstverständlichkeit zu betrachten,
über die man keine Reden hält. Auch in schweren N o t- z eit en, sagte Dr. Luther weiter, bleibt im Mittelpunkt kreditnötiger Fürsorge die Bereitwilligke.it und Geeignetheit des Kreditorganismus stehen, gesunde, von der Privatwirtschaft begehrte Kredite, so billig w i e möglich, zu gewähren. Soweit nach dieser Richtung' Verbesserungen des vorhandenen Kreditsystems notwendig sind, ist das eine wichtige Aufgabe der nationalen Kreditwirtschaft. Die Reichsbank hat im Laufe von % Jahren ihren
Diskontsatz von 8 auf 4 ermäßigt.
Ebenso hat der Reichsbankpräsident bald .nach der Wiedereröffnung der Banken kundgetan, daß die Reichsbank jeden reichsbankfähigen Wechsel hereinnehmen würde. Darüber hinausgehend hat die Reichsbank während der Krise Kreditrückhalte besonderer Art in sehr großer Höhe für Stüßungs-, Sanierungs-, Mobilisie- rungs-, besonders aber für Produktionsförderungszwecke in geräumt
In der zweiten Hälfte des Sommers ist zu alledem als große schlagfertige Maßnahme das mit der. Reichs- hank vereinbarte.Regierungsprogramm- in Höhe von 2.7 Milliarden Reichsmark hinzugekommen.
Es handelt sich im einzelnen nämlich um 2.2 Milliarden Steuergutscheine und 500 Millionen Kreditzulage für besondere Arbeitsbeschaffungswechsel. Dieses neue Regierungsprogramm war möglich geworden, weil in den tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Umständen eine wesentliche Aen- berung eingetreten war. Der große weltwirtschaftliche Schrumpfungsprozeß hatte sich feit Beginn des Sommers zum mindesten erheblich verlangsamt und durch Lausanne war eine de faeto-Beendigung der Reparationszahlungen eingetreten.
Viele von den leidenschaftlichen Werbern für fortge-
zur gefährlichen Feuertaufe des Bürgerkrieges gezwungen würde. * ।
Das neue Kabinett von Schleicher ist aus diesen Erwägungen heraus geboren worden. Die ihm zugehörigen Persönlich ketten stehen in dem Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht völlig fest. Aber das eine ist klar, datz man große Experimente, ja eine völlige Umstellung unseres staatlichen Lebens von den Mitarbeitern Generals von Schleicher nicht zu erwarten hat. Die Beibehaltung führender Köpfe des alten Kabinetts sichert die Kontinuität. Der grotze Einfluß, der dem Reichsbankprästbenten Dr. Luther bei der Aufstellung des Schleicherichen Wirtschaftsprogramms eingeräumt wurde, zeigt deutlich, datz an den Uebergang zum Staats« kepiw ismus, der früher mit dem Namen Schleicher verbunden wurde, nicht gedacht wird-. Das Ziel des neuen Kabinetts ist im Grunde das alte Ziel der nationalen Konzentration, aas auch Herrn von Papen vorschwebte. Nur soll es diesmal unter Vermeidung alter Schönheitsfehler, unter Ausmerzung der gefährlichen Positionen der früheren Regierung von neuem in Angriff genommen werden. Vor allem soll zu dem Einfluß der Arbeit- q^vriwerbände diesmal auch stärker' der Einfluß der Gewerkschaften treten, bereit Führer ja nicht nur mit General von Schleicher, sondern auch mit den Führern der kommunalen Spitzenverbände und auch dem neuen Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung, Dr. Gereke, lagelang verhandelten. Ja, es ist geradezu ein Charakteristikum für die Verbreiterung der Ankurbelung und Arbeitsbeschaffung, die versucht werden soll, daß diesmal alle vorhandenen Pläne auch namentlich in den Mittelpunkt der Arbeit gerückt werden sollen. Neben das Gereke-Programm tritt das Ar- beitsbeschaffungsprogramm der Gewerkschaften, treten die Vorschläge des Reichswirtschaftsrates, tritt Herr Dr. Luther. Eine breitere Basis für ein Gelingen der Arlbeitsbeschasfungspläne ist kaum her- zustellen.
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Freilich, es bleiben die Nationalsozial i st e n uni) ihre oppositionellen Ankündigungen als gefährlicher Konfliktsstoff für den Winter übrig. Aber hier wird man gut tun, sich vorläufig vor all zu pessimistischen Voraussagen ebenso zu hüten, wie vor all zu optimistischen Hoffnungen. In den politischen Kreisen Berlins sagt man nicht mit Unrecht, daß über die Stellung Adolf Hitlers zu der neuen Regierung von Schleicher zu einem gut Teil bie Kommunalwahlen in Thüringen am Sonntag entscheiden werden. Siegt hier die NSDAP, so ist die Lage Generals von
um sich mit der außenpolitischen Lage zu beschäftigen, weil ja Freiherr von Neurath morgen nach Genf zurückkehrt.
Die Besetzung der drei wirtschaftlichen Ministerien war heute mittag noch offen, dagegen stehen alle übrigen Personalien fest, so auch das Verbleiben des Reichsministers Dr. Popitz im Kabinett.
setzte Kreditausweitung der Reichs bank, fuhr Dr. Lukher fort, haben noch nicht einmal bas eigentliche Problem gesehen, nämlich den Zeitpunkt und bas Ausmaß. Was bas Ausmaß betrifft, so bleibt bie genannte Zahlt von 2.7 Milliarden RM. nicht ober jedenfalls nicht wesentlich hinter bem zurück, was solche Anhänger ber Kreditausweitungslehre fordern.
In bem Bewußtsein ber Oesfentlichkeit ist burch bas ununterbrochene Drängen auf Krebitausweitung bie Seltsamkeit entstauben, baß bas bestehenbe Regierungsprogramm trotz seiner außerordentlichen Höhe unb Tragweite vielfach vergessen zu sein scheint. Trotzbem ist bie naheliegenbe praktische Ausgabe die, im Rahmen bie- ses Programms bas Mögliche zu verwirklichen unb auf dieses Ziel alle politische unb wirtschaftliche Krastanspan- nung zu richten.
Denn ausgesührk ist bas Programm bis jetzt zum geringen leit, so bah bie Erwartungen noch gar nicht eintreten konnten.
Das Regierungsprogramm gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil umfaßt bie an Private tm Saufe eines Jahres gegen Zahlung bestimmter Steuern herauszugebenben Steuergutscheine. Dieser erste Teil beläuft sich auf 1.3 Millb. Rm. Wenn jetzt zu sagen versucht wird, daß sich der hierin enthaltene privatwirtschaftliche Belebungsgedanke überhaupt nicht bewähre, so ist das ein vorsck> nelles und unbegründetes Urte,:!. Durch Beschlüsse ber Reichsbank sind bie Steuerguticheine zu einem Kreditinst r u m e n t von befonbers hoher, ja einzigartiger Aus- nutzbärkeit gemacht worden. Vertreter der Kreditgeber und Kreditnehmer arbeiten in ejnem unter .meinem Vorsitz gebildeten Ausschuß zusammen und streben.allmählich dem Zsele nach, die Nutzwirkung der S t e u e r g ü ffd) n e s o groß wie nur m ö g - lich z u m ach e n. Zahlreiche Einzelfälle zeigen, daß ber Gedanke sich bewährt. Auf der anderen-Seite ist richtig, daß der-Steuergutscheingedanke noch nicht genug in die breite Masse der beteiligten Steuerzahler eingedrungen ist. Hier muß noch nachgeholfen werden unb wirb nachgeholfen. Ein Grund, dieses privatwirtschaftliche Kernstück des Programms anzuzweifeln, lieat nach den bisherigen Erfahrungen wirklich nicht vor
(Fortsetzung aus ber zweiten Seite.)
Schleicher im neuen Reichstag nicht sehr tröstlich. Verlieren die National'ozialisten, so werden diejenigen Kräfte in ihren Reihen, die einer Tolerierung des „weit beliebten" Reichswehrgenerals zuneigen, unter Umständen die Tonart der nationalsozialistischen Opposition merklich abdämpfen. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß trotz aller gegenteiligen Ankündigungen die Haltung ber NSDAP Herrn von Schleicher gegenüber wesentlich leiser wird, als sie es in den letzten Monaten gegenüber Herrn von Papen war. Ganz besonders, wenn Herr von Schleicher in der Gestaltung feines Kabinetts den Grundsatz der offenen Tü> befolgen sollte, der offenen Tür nach rechts, durch die eines Tages die nationalsozialistische Opposition verantwortlich zu ihm stoßen könnte. Ader wie gesagt, diese Entwicklung ist noch im Fluß. Der Thüringer Sonntag wird eine erste Antwort darauf gestatten, ob sie im Sinne Herrn von Schleichers oder im Sinne von Dr. Goebbels verläuft.
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Aus Thüringen wird auch eine gewisse Stimmun g sw e l l e nach Preußen hinüberschla- gen- Die Verhandlungen zwischen NSDAP, und Zentrum wegen der Neuwahl des preußischen M> nifterpräfibenten sind noch nicht in Gang gekommen. Sie werden aber höchstwahrscheinlich be schleunigt in Angriff genommen werben, wenn der Thüringer Wahlausgang derartige Bestechungen nahelegt. Ihr Erfolg wird freilich vorläufig no-t, lehr verschieden beurteilt. Die Zusammenarbeit zwischen Preußen und dem Reich ist in jedem Fall in Zukunft durch das Fortbestehen des Reichs- kommisfariats gesichert. Herr von Schleich-r würde automatisch bei feiner Ernennung zum Reichskanzler auch mit der Wahrnehmung des Reichskommissariats in Preußen beauftragt werden. Eine andere Frage ist allerdings, ob der neue Reichsinnenminister Dr. Bracht für feine preußischen Geschäfte die nötige Arbeitskraft mit aufbringen kann, da die Wahrnehmung der Ge- ichäfte des Reichsinnenministers eine volle Arbeitskraft erfordert. Nach unseren Informationen nimmt man deshalb an, daß im preußischen Innenministerium eine Art von Statthalter für Dr. Bracht eingesetzt wird. Dr. Bracht würde zwar dem Namen nach die Hauptverantwortung weiter tragen. Die Einzelarbeiten würden aber durch eine ihm unterstehende, neu zu ernennende besondere Vertrauensperfönlichkeit geleistet werden.
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Einen sehr wichtigen Raum in den Plänen des neuen Kabinetts nimmt das Arbeitsbefchaf- fungsprogramm des neuen Reichs- fommtffars Dr. Gereke ein. Wir wiesen
bereits auf die verschiedenen Quellen hin, aus denen es gespeist werden soll. Entscheidend ist selbstverständlich seine Finanzierunasfrage. Diele Frage ist im Programm des Reichswirtschaftsrats ziemlich offen gelassen. Die Gewerkschaften treten für eine innere Zwangsanleihe ein. Hier bestehen jedoch Ausgleichsmöglibkeiten mit bem Gereke-Programm, die einen Konflikt durchaus vermeidbar erscheinen lassen. Wenn sich im Sinne Dr. Gereke die Kommunen verschulden unb Obligationen herausbringen, die nicht in den Verkehr kommen, so kann man auch das als eine Art von innerer Zwangsanleihe bezeichnen, ebenso wenn kommunale Giroguthaben mit einem festen etwa Zprozentigen Zwangskurs von der Reichsbank gehalten werden. Am interessantesten ist der Unterschied der Pläne des neuen Reichsarbeitskommissars von gewissen Plänen des Deutschen Stabte« tages. Nach unteren Informationen will Dr. Gereke in jedem Fall vermeiden, daß die neue kommunale Arbeitsbeschaffung durch städtische Regiebetriebe vorgenommen wird. Dr. Gereke verficht demgegenüber den Gedanken, daß im Gesamtzu« fammenhang des Wirtschaftsprogramms ber Reichsregierung nur eine Verteilung ber Aufträge an bie Privatwirtschaft in Frage kommt, ein Standpunkt, der im übrigen auch vom Reichsbankpräsidenten Dr. Luther geteilt wird. Zwischen Dr. Luther und Dr. Gereke haben >n allen diesen Fragen bereits am Freitag Verhandlungen ftattgefunben. Dabei Ist nach unseren Informationen auch die leise Verstimmung beige« fegt worden, die in den letzten laoen durch eine Rede Dr. Eerekes zwischen ihm unb dem Reichs- banfpräfibenten entstanden ist.
Dos Zentrum zur Loge.
In einem Aufsatz der Zentrumskorrespondenz heißt es:
Durch die persönlichen Sondierungen des Reichswehrministers v. Schleicher im besonderen Auftrage des Reichspräsidenten wurde u. a. sichtbar, daß gerade der Reichswehrminister den Verfasiungserperimenten des Kabinetts von Pape n mit starker Skepsis gegenüber ft an b. General v. Schleicher Wien auch von vornherein gewillt, wesentliche Bestandteile des bisher verlautbarten Regierungsprogramms aufzugeben, weil sie neben ihrer fachlichen Undurchführbarkeit 'chwere Hemmungen bildeten für eine von ihm ebenfalls erstrebte Mehrheitslöfung. >
, Sie Bemühungen des Reichswehrministers sind nach krifenvollen Tagen endlich doch von Erfolg begleitet gewesen. General von Schleicher hat 'eine Versuche mit anerkennenswertem Mute aufgenommen und immer wieder fortgesetzt, obschon das N ein der Nationalsozialisten, die in einer schwer zu begreifenden Starrheit an den Berliner Formulierungen hängen blieben, nicht geringe Schwierigkeiten bot
Ein Kabinett Schleicher, das nunmehr auf der Grundlage der Gedanken zu arbeiten gewillt ist, die er den von ihm empfangenen Partei- und Gewerkschaftsführern mit Freimut entwickelt hat, kann zweifellos im Parlament, wie draußen im Volke Kontakte finden, die das bisherige Kabinett Papen nie hatte und nie zu erreichen in der Lage war.
Die Zentrumspartei war und bleibt, wie sie es in iebem Augenblick erklärt hat. zur sachlichen Aufbauarbeit bereit.
Wir wollen den Frieden mit allen politischen Richtungen, die den gleichen ehrlichen Willen bekunden unb ihn durch bie lat bezeugen.
Gerade für bie nächste Zukunft erfahren wiederum die Worte des Zentrumsführers, des Prälaten Dr. Saas, die er am 5. November in München sprach, doppelt ernste und dringend zu beachtende Bedeutung für bas game Volk, für die Volksvertretung wie für die Regierung:
„Deutschlands Zukunft kann nicht aufgebaut werden in ber Zerrissenheit von heute, sondern nur in der Sammlung von morgen. Diese Sammlung zu der wir uns als Deutsche und Christen verpflichtet fühlen steht immer auf unserer Fahne.
Wohlan denn: Hoch die Fahne der Sammlung über alle Parteien und a I I le Engherzigkeit hinaus!
Sie muß siegen, weil Deutschland siegen mufel* *
Zur Beauftragung v. Schleichers schreibt die „Köln. Volksztg." u. a.: Ein umfassenderes Urteil über das neue Kabinett fei erst möglich, wenn feine Zusammensetzung im einzelnen bekannt fei und seine Zielrichtung offen liege. Stimmungsmäßig dürfe die Beauftragung v. Schleichers als der Anfang einer Entspannung bezeichnet werden, wenn auch das nicht erreicht worden fei, was nach wie vor das Postulat unserer Innenpolitik bleibe: Eine Not- und Arbeitsgemeinschaft, die im Parlament einen sicheren Rückhalt besitze. Und solange jener sichere Rückhalt nicht vorhanden' sei, werde immer ein großer Teil der politischen Arbeit des Kabinetts absorbiert werden durch den Zwang, nach Wegen zu suchen, die am Konflikt vorbeiführten. Letzten Endes werde es, soweit die Parteien in Frage kommen, davon abhängen, ob die Nationalsozialisten zum Zeichen dessen, daß ihr Kampf gegen den Kommunismus nicht bloß ein Wandschirm fei, auf ein Zusammenspiel mit den Kommunisten verzichteten. Auch nationalistische Wähler dürften ein Interesse daran haben, daß die politische und soziale Krise zum Abklingen gebracht werde: das fei mit Hinsicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse eine Frage, die alle Arbeitslosen und in Arbeit Stehenden in allen Berufs- ftänben, in Industrie und Landwirtschaft, in Handel unb Gewerbe, gemeinsam an« gehe.
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wtb. Wien, 3. Dez. (Eig. Meld.) Die Berufung Schleichers wird in ber Presse fast allgemein als wesentliche Entspannung unb Erleichterung der Lage angesehen. So schreibt die Reichs^
Dr. Luther über Wirtschaft und Wahrung.
Eine Rede des Reichsbankpräsidenten in Essen.