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Beilage zur Fuldaer Zeitung
27. November.
der
Der unheimliche Gast
sie
wäre falscher als die Annahme, Eichendorff traumhaften, weltabgewandten Stimmung
in Berlin sich aber können.
Nichts
„Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick;
Es rodet trunken die Ferne
Wie von künftigem, großem Glück/
Mit der Beliebtheit dieser Lieder kann sich die
fahren will, welchen Wohllauts die deutsche Sprache fähig ist, der genieße einmal nicht nur Wort für Wort, sondern Laut für Laut die Zeilen seliger Erwartung:
Erzählt von Hilde Kneip.
Kaum hatte Annel« den letzten Bissen in den Mund geschoben, als der Gast, der in mittleren Jahren zu stehen schien, rief:
„Hallo, Fräulein, bitte noch ein Bier!"
Diensteifrig eilte Anneke in die Hütte und stellte in wenigen Sekunden das schäumende Bier mit einem freundlichen „Bitt' schön" auf den Tisch.
genommen. Während seiner Tätigkeit in Königsberg unb Danzig hat er eifrig die Wiederherstellung der Marienburg betrieben und später für die Vollendung des Kölner Domes geworben.
Auch in Rede und Schrift ist er vielfach für das von ihm im Staatslehen Erstrebte eingetreten; aber wichtiger ist für uns feine Tätigkeit als Literarhistoriker. Es war eine gute Tat des um Eichendorfs besonders verdienten Forschers Wilhelm Kosch, daß er dessen „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands" in der bekannten „Sammlung Kösol" neu herausgegeben hat. Wissenschaftlichen Anspruch darf man selbstverständlich an das Buch nicht stellen — es ift zudem aus verschiedenen Aussätzen zUsammengSschmolzen und behandelt daher manche Zeitabschnitt« ausführlich und manche oberflächlich — aber es entschädigt baifür reichlich durch seine Darstellungsgabe, die auch die Gegner seiner ausgesprochen und auftichtig katholischen Gesinnung rühmend anerkannt haben. Als Uobersetzer hat sich Eichen- borff ebenfalls einen sehr guten Namen gemacht durch die Übertragung von fünf geistlichen Schauspielen Cal- berons.
Manches Denkmal in Stein und Erz ist Eichendorfs errichtet worden; aber dauernder als diese Denkmäler ist doch die Liebe, die der edle Sänger im Herzen seines Volkes gesunden hat. Möchten doch an seinem Ehrentage recht viele Verhetzte und Verhärmte, die nach Linderung ihrer seelischen Nöte lechzen, den Trost statt im Jagen nach wilder Betäubung wieder in Eichendorfs'? Gottvertrauen und Naturfreude suchen und finden lernen, aus daß sie mit dem Dichter fingen können:
„Den lieben Gott laß ich nur walten; Der Bächlein, Berge, Wald und Feld, Und Erd und Himmel will erhalten, Hat auch mein Sach' aufs Best' bestellt.
erzählenden und der Bühnendichtungen Eichendorff's nicht messen. Da sind der Roman „Mnung und Gegenwart" und die kleineren Erzählungen „Aus dem Leben eines Taugenichts", „Das Marmorbild", „Das Schloß Dürande". Diese Erzählungen leben eigentlich auch nur durch die eingestreuten Lieder. Ihr eigentlicher Inhalt ist zwar stimmungsvoll, aber zu wenig irdisch — Menschen im Leiden und Streiten der Welt $u zeigen, war eben des stillen gott- und naturfrohen Eichendorff's Sache nicht. Don seinen Dramen nennen wir „Die letzten Ritter von Marienburg" und bas Lifftspiel „Die Freier". Das letzte fand bei einer Neuaufführung
vor einigen Jahren freundlichen Beifall, hat für die Dauer ebenfalls nicht behaupten
Ms sie sich zmn Gehen wandte, hielt der Herr an:
„Viel Arbeit heute!"
Cine wahre Begebenheit.
,^Zwei Flaschen Selters und ein Bier." — „Eine Zitronenlimonade." — „Drei Portionen Kaffee." — .Zohlen." —
Annele, die kaum den Bestellungen nachkommen konnte, ellte zwischen den Tischen am Waldrand hin und her, sprang zurück zur Hüte, goß schnell den Kaffee über, rechnete flink und sicher ab und war bei aller Arbeit heiter und gefällig.
Es war ein heißer Augusttag, und die Zahl der Wanderer, die auf den Marienberg stiegen, sei es, um in der Kapelle zu beten oder um die herrliche Aussicht zu genießen, war groß. Nur wenige gingen wieder hinab, ohne vorher in der Hütte eine Erfrischung zu sich genommen zu haben.
Man hätte bas siebzehnjährige, schmächtige Annele, aus dessen schmalen Gesichtchen die großen Blauaug^ immer heiter und zufrieden in die Welt strahlten, für ein dreizehnjähriges Kind gehalten, wenn man nicht gesehen hätte, wie das klein« Ding den ganzen Hüttenbetrieb umsichtig führte und dabei für zwei arbeitete.
Das Mädchen atmete doch auf, als die Tische sich gegen Mittag leerten, und ihm ein wenig Zeit blieb, hastig fein einfaches Mittagsmahl, bestehend aus Butterbroten und einem Glas kühlen Quellwassers, zu verzehren.
Es saß dabei auf den Treppenstufen der Hütte, wo ein leichter Wind ging, und achtete es gar nicht, daß ein Herr mit graumeliertem Bart, der am dritten Tisch allein saß, es dauernd beobachtete.
hätte der
seiner Dichtungen auch im Leben gehuldigt. Es ift im
„D ja, es reicht," erwiderte Annele lächelnd, „ober es ift gut, wenn so viel Leut' kommen, dann kann ich dem Schwanenwirt heut' abend viel Gell» ’nunter» bringen."
„Das ist doch eigentlich zuviel Arbeit für Sie allein, liebes Kind", meinte der Fremde wohlwollend, .haben Sie denn keine Hilfe hier oben?"
„Ach was", versetzt« das Annele leichthin, „ich fchaff's schon. Es strengt mich nicht soviel an, wie die Lisbeth, die sich mit mir im Hüttendienst abwechselt und viel größer und stärker ift als ich. Ich bin lieber oben auf dem Berg als unten im „Schwan" und freu’ mich immer auf die Wach', wo ich drankomm'."
„Ja, fürchten Sie sich denn gar nicht, fo allein hier Oben?" fragte der Fremde mit eigentümlichem Lächeln.
„Fürchten? — Ach," Annele lachte hell auf, „wovor soll ich mich schon fürchten. Am Tag sind genug Leut' Oben, urtb wenn ich mal allein bin, hüb' ich immer
Gegenteil, so unwahrscheinlich es klingt, doch Taffache, daß zwei der im Volke beliebtesten Dichter, Uhland und Eichendorff, besonders eifrigen Anteil am öffentlichen Leben genommen haben. Eichendorff rft als junger Bräutigam in den Kampf für die Befreiung des Vaterlandes gezogen und hat später nachdrücklich vor den Erschlaffungen des Friedens gewarnt, hat die Rechtslaufbahn eingeschlagen und als Geheimer Regierungsrat in preußischen Diensten seinen Abschied |
soviel zu schaffen, baß ich kein' Zeit hab'zum Fürchten, unb dann . . ." Annele zögerte und wurde rot.
„Nun, und bann," ermunterte der Fremde.
...... und bann geh’ ich jeden Morgen in die Kapelle, bring’ der Gottesmutter ein Sträußchen und bitt' sie, mir am Tag zu helfen, daß ich alles recht- mache."
„So, so," murmekte der Fremde, und um {eine Mundwinkel zuckte ein winziges Spottlächeln, das Annele aber nicht bemerkte, „das ist aber schön unb recht, mein Kind, wenn man sich dem Schutz der Heiligen Jungfrau befiehlt, kann einem nichts passieren. — --Wie lange müssen Sie denn abends obenbleiben?"
„Nun, so um acht Uhr, wenn alle Gäste fort sind und ich ausgewaschen und geputzt habe, geh' ich 'nunter," gab Annele bereitwilligst und harmlos Auskunft.
„So, nun muß ich aber gehen. Also gottbefohlen, liebes Kind!" Der Fremde schnallte seinen Rucksack auf, bezahlte die Zeche, wobei er dem Annele noch einen Fünfziger extra in die Hand drückte, und stieg mit langen, festen Schritten hinunter in den Wald.
Einen Augenblick schaute Annele ihm. nach. „Ein fteundlicher Herr," dachte sie, und doch gefiel er ihr nicht, 6ie konnte ein leises Gefühl des Unbehagens nicht loswerben. Der Fremde sah doch aus wie alle anderen Touristen, aber — ja, das war es — er hatte so stechende Augen, die einen gar nicht offen und gerade ansehen konnten.
Ein Rüf nach Bier störte Annele in ihren Betrachtungen, und ein arbeitsreicher Nachmittag, her noch viel Gäste brachte, ließ sie den Fremden ganz ver- gaffen.
Um sechs Uhr abends, als die Hitze um ein wenig nachließ, hatte Annele immer noch alle Hände voll zu tun, die bis auf den letzten Platz'besetzten Tische zu bedienen.
Da bemerkte sie auf einmal an einem der Tische, die im Wald standen, wieder den Herrn mit dem graumelierten Spitzbart, der sich am Mittag so freundlich nut chr unterhalten hatte. Das kam ihr seltsam vor. doch sie hatte feine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
„Sie wundern sich, daß ich wieder da bin, nicht wahr," lächelte der Herr dem Annele zu, „ja, ich habe heute mittag vergessen, die Leuchter, die ich der Kapelle stiften wollte, vor den Altar zu stellen."
Annele staunte, als er ihr die prächtigen Leucht« im Rucksack zeigte, und ihre Unruhe verschwand.
„Ach," sagte das Mädchen, „jetzt ist die Kapelle adel' schon geschloffen."
„So — schade", entgegnete der Fremde, „da muß ich morgen noch einmal wieberkommen."
„Das ist aber ein frommer Herr", dachte bas Annele bei sich, als es sich wieder unter die Gäste mischte, ,^ewiß habe ich ihm heute mittag unrecht getan."
Um sieben Uhr hatten sich die letzten Gäste zerstreut, und nur der fremde Herr faß noch ba, trank ein Glas Bier nach bem anderen und fchien an keinen Aufbruch zu denken.
Wieder stieg das alte Angstgefühl in Annele auf. Sie spülte hastig die Gläser, ordnete die Schankstube und kümmerte sich nicht weiter um den Gast.
Plötzlich trat der Fremde in die Hütte.
„Nun, Kleine, immer noch fleißig? Gib mir noch ein Bier!"
Als der Herr merkte, daß Annele mit dem Em» schänken zögerte, lachte er unb sagte:
„Du hast wohl Angst, ich könnte nicht bezahlen. Sieh her, ich habe noch viel Geld." Er zeigte bem Mädchen fein« wohlgefüllte Börse. Das verwirrte
Später Novemberlag.
Der graue Regen rinnt
Doll Schwermut von den kahlen Bäumen, Und in dein stilles Träumen
Dir Traurigkeit die dunklen Netze spinnt.
Die Felder frieren. Leer Sind sie schon viele Tage. Der Wind, mit müder Klage, Irrt drüber hin, und drohend, schwer
Zieh'n droben Wolkenwogen,
Getürmt, aus Norden, und der Tag,
Der wie in düst'ren Schluchten lag, Wird schauernd ganz in Nacht gezogen.
Julius Bansmer.
Joseph Freiherr von Eichendorfs
gu seinem 75. Todestag (26. November 1932).
Don Ernst Detmold.
Ts gibt nur sehr wenige niemals umftritene Stellen im Bereiche des deutschen Geistes; aber eines jener Plätzchen, wo aller Streit verstummt, ist die Liedkunst Eichendorff's. Wir haben in dem nun bald zu Ende gehenden Jahre manche Gedenktage erlebt. Um nur die dichterischen und auch hier nur bi« allerwichtigsten zu nennen: am 100. Todestage Goethes erfüllte uns der in ber Not doppelt erhebende Stolz, daß einer der um* faffenbften Menschengeister ein Sohn unseres Volkes war; am 100. Geburtstage Wilhelm Busch'z erklang das
Joseph Freiherr von Eichendorfs.
befreiende Lachen über di« unerreichte Fähigkeit »es Dichters, in einfachster, ja platt anmutender Form her- lichste Lebensweisheit darzubieten. Wenn aber jetzt Eichendorff's 75. Todestag gefeiert wird, dann wird all« Volksgenossen innige Siebe erfüllen zu dem Dichter, der ihrem reinsten Fühlen in seinen schlichten, aber nie ausgesungenen Liedern unvergänglichen Ausdruck verliehen hat. Unb eins wirb seinen Ruhm noch erhöhen, bah nämlich viele diese Lieder singen, ohne den Dichter zu kennen. Wir brauchen ja nur die Anfangs- zellen zu nennen „In einem kühlen Grunde", „Wem Gott wlll rechte Gunst erweisen", „Wer hat dich du schöner Wald", „O Täler weit, o Höhen"- „Es schienen so golden die Sterne", — wer kennt sie nicht? Ader wieviele keimen den Dichter? Wir haben nur die aller- bekanntesten aufgeführt; aber wer Eichendorff's Gedichte durchblättert, wird noch eine ganze Reihe anderer Perlen finden, die auch ohne die beflügelnde Weffe ber Töne einen zauberischen Klang in sich bergen. Wer er
Rauhe Haut ?
LCREMEMOUSOhM to . ----- ---
. fl e004» schnell und I sJ» zuverlässig •
Das Rätsel des Tushinlang.
Roman von Kurt Martin.
Sovdrigbt bt> Verlag Neues Leben, Batzr. »Main.
19] ---------
14.
Jörgen Bollander wußte nicht, wie (nage er bewußtlos ba in der Nacht lag. Als er wieder zu sich kam, mußte er erst nachdenken, was denn eigentlich geschehen war.
Shelton war da — sie saßen zusammen im Klub. Sie begaben sich auf den Heimweg. Sie trennten sich. Ja, unb bann standen ein paar dunkle Schatten neben ihm. Ein Schlag traf feinen Kopf. Der Kopf! Ja, der schmerzte, und die Gelenke an Händen und Füßen brannten. Richtig! Er war ja gefesselt! Wer hatte ihm da aufgelauert? Hatte das wirklich ihm gegolten? Und wenn ja. warum hatte man ihn nicht getötet? Wer aber? Wer stand hin- ter dieser Tat? Shelton? Hatte er nicht in dessen Augen das Mißtrauen wachsen sehen, den Argwohn, die Unruhe? Oder wer sonst? Dr. Sm? Parubrarn? Zu welchem Zwecke hatte man ihn gefesselt? Sollte er sein Haus nicht erreichen? Waren Diebe bei ihm daheim? Was suchten sie?"
Er versuchte, die Hände aus denFesseln zu befreien; aber es gelang ihm nicht. Stöhnend gab er es auf.
Rufen? Wen sollte er rufen? Li-Yen, Dolapi? Weit war es nicht mehr zu seinem Hause.
Er wälzte sich mit den gefesselten Gliedern mühsam vorwärts. Die Stricke schnitten tief in die Haut ein. Dabei fühlte er im Hinterkopf einen lähmenden Druck. Aber nach und nach kam er doch weiter. Jede Bewegung Der« urfachte ihm erhebliche Schmerzen; der Schweiß stand ihm auf der Stirn.
Er war nun näher an den Garten herangekommen. Ermattet blieb er liegen. Nach einer kleinen Weile rief er Dolapis Namen, einmal und noch einmal. Er lauschte. Das Mädchen schien ihn nicht gehört zu haben.
Mühsam schob er sich weiter. Da glitt aus dem Garten eine Gestalt auf ihn zu.
„Mr. Bollander!"
Die Gestalt kauerte neben ihm. Er atmete auf.
„Dolapi!"
Erschöpft sank sein Kops in des Mädchens Schoß. Sie flüsterte:
„Was ist geschehen?"
„Die Fesseln, Dolapi, nimm die Fesseln fort!"
Sie tastete nach seinen Händen, unterdrückte einen ängstlichen Aufschrei. Ihre Finger versuchten, die Stricke zu lösen. Er seufzte.
„Nimm das Messer aus meiner Tasche, Dolapi!"
Sie tastete seine Taschen ab, faßte das Messer. Behutsam löste sie die Fesseln, erst an den Händen, dann an den Füßen. Er holte tief Atem.
„Wie gut das tut!"
Langsam richtete er sich auf. Sie stützte ihn. Er stand schwankend. Fürsorglich geleitete sie ihn ins Haus.
Wung kam ihnen schlaftrunken entgegen.
„Mr. Bollander, soll ich . . . .?"
Jörgen Bollander befahl leise: „Li-Yen soll kommen!"
Er stieg mühsam di« Treppe nach oben. Dolapi wich nicht von seiner Seite. Wenn ihn ein Schwindel überfiel, fand er bei ihr verläßlichen Halt. Oben in dem Arbeitszimmer sank er matt in den Sessel.
Wung erschien wieder:
„Li-Yen ist nicht da. Er ist nicht im Hause."
„Fort ist er, mitten in der Nacht?"
„Ja, und ber andere auch."
„Sonderbar! Du merktest nicht, wann sie gingen?"
„Nein! Erst jetzt entdeckte ich, daß sie auf ihrem Lager fehlen."
„Es ift gut!"
Wung zog sich wortlos zurück. Jörgen Bollander aber sann. Er sagte seine Gedanken laut, ohne daß er es wußte.
„Wo ist Li-Yen und der andere? Was treiben sie außer dem Hause? Sind sie fort, um nicht mehr wieder- zukommen?"
Dolapi flüsterte: „Die beiden sind voller Heimlichkeiten, Mr. Bollander. Sie sollten Li-Yen nicht vertrauen!"
Er sah sich unruhig um. „Sieh nach! Ist alles noch so, wie ich es verließ? Ist nichts gestohlen, nichts erbrochen? Sieh nach dem Koffer."
Sie glitt durch das Gemach, verschwand in dem an
stoßenden Schlafzimmer. Als sie wiederkam, versicherte sie:
„Es war niemand hier. Ich hätte ja auch jeden gesehen. Ich weilte doch ba im Arbeitszimmer, Mr. Bollander".
Er ließ erschöpft den Kops nach hinten sinken.
„Dieser stechende Schmerz da hinten!"
Seine Linke hob sich und prüfte die Stelle.
„Hole ein Tuch und Wasser, Dolapi!"
Das Mädchen eilte fort. Als es wieder neben ihm stand, stützte es behutsam den Kopf und legte kühlende Tücher auf die schmerzende Stelle.
Seine Gedanken irrten zurück zu den letzten Erlebnissen. Er stand vor einem Rätsel.
Warum hatte man ihn überfallen und gefesselt? In welcher Absicht geschah das? Sollte das eine Warnung fein, eine Warnung Dr. 6ms?
Dolapi bat ihn, sich zu Bett zu legen. Er erhob sich unsicher.
„Ja, ich will schlafen, ich bin sehr müde."
Als er lag, den Kopf seitlich gebettet, fetzte Dolapi di« Umschläge fort, und sie wich bis zum Morgengrauen nicht von seinem Lager. Aufmerksam verfolgte sie seinen Schlaf, ber tief unb unruhig war.
Als Jörgen Bvllander di« Augen öffnete, was es heller Tag, unb Dolapi erneuerte eben wieder den Umschlag. Das zuletzt Erlebte stand sogleich in allen Einzelheiten vor ihm. Der Kopf schmerzte wohl noch, doch bei weitem nicht mehr so bohrend wie in jener Nacht.
Ein flüchtiges Lächeln flog um feine Sippen.
„Wie gut du bist, Dolapi. Hast du die ganz« Nacht bei mir gewacht?"
„Ja, und es freut mich, daß Sie sich etwas besser fühlen, Mr. Bollander."
„Ich will aufstehen."
„Soll ich bei Li-Yen das Frühstück bestellen?"
„Ja, Dolapi."
Das Mädchen begab sich nach unten, und als Jörgen Bollander sich angekleidet hatte, und eben das Arbeitszimmer betrat, erschien Dolapi wieder. Li-Yen folgte ihr. Fragend sah Bollander auf den Chinesen.
„Was willst du, Li-Yen?"
„Mr. Bollander, Wung und Dolapi haben von einem Unfall gesprochen, der Ihnen diese Nacht zugestohen ift Wie geht es Ihnen?"
„Erträglich! Wo warst du in der Nacht, als ich das Haus betrat?"
„In der Nähe von Mr. Shelions Haus."
„Was hattest du dort zu suchen. Du hast dich mit Mr. Sheltons Diener getroffen!"
„Nein! Ich sah ihn wohl, aber ich sprach nicht mit ihm."
„Wo sahst du ihn?"
„Im Garten von Mr. Sheltons Haus."
„Und weshalb treibst du dich nachts bei jenem Haus« herum?"
„Weil ich weiß, daß Sie traurig würden, wenn Mrs.
Shelton ein Unglück zustieße."
Jörgen Bollander zuckte zusammen.
„Lilith Shelton? Was weißt du von Mrs. Shelton?"
„Nicht viel; aber doch das eine, daß es gut ist, wenn jemartb nachts in ihrer Nahe weilt."
„Was heißt das? Was geht alles hier in meiner Nähe vor? Wer hat dich geheißen, bei Sheltons Haus zu wachen, über Lilith zu wachen?"
„Ich ahnte, daß es vielleicht recht nötig sei."
„So, und ich? Welche Gefahr soll des Nachts Mrs. Shelton bedrohen? Rede!"
„Die Gefahr, geraubt zu werden!"
„Li-Yen. bist du von Sinnen!?"
„Nein, Mr. Bollander, ich habe sogar sehr richtig ge- dacht. Die vergangene Nacht hat mir das bewiesen."
„Du? Was ist geschehen? Ist Mrs. Shelton etwas zugestoßen?"
„Außer der Aufregung wohl nichts. Dr. Barker war längst im Hause Shelton."
„Sage alles!"
„Fremde Männer wollten Mrs. Shelton entführen." Jörgen Bollander starrte entsetzt auf den Chinesen. Fremde Männer? Wer denn nur? Hatte Goomar Parubrarn einen Gewaltstreich gewagt? Oder Dr. 6m? Und 6helton?
Li-Yen fuhr fort:
„Ich kauerte mit meinem Verwandten, der mit hier im Hause weilt, unter einem Gebüsch. Da tarnen ein