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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Erscheint sechsmal wöchentlich Wochenbeilagen: „Die Welt
Samstag. 29. Oktober 1932.
Zahrg. 59.
* m ’Bilö1' und „Buchenblätter' Rotationsdruck un6 jBerlag
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:: leftung 3153. Fuldaer Artiendruckerei 3151 und 3152
Wir wollen »l-t wieder SenW minderen Recht« sein
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Auch am herannahenden Wahltag wehren rott uns mit dem Stimmzettel gegen die Anschläge auf die Gleichberechtigung der katholischen Staatsbürger. Wir haben wie die anderen im Weltkrieg für Deutschland gekämpft und geblutet. Wir haben nach dem furchtbaren Zusammenbruch im Jahre 1918 in vorderster Linie für den Vieder-Aufstteg gearbeitet und geopfert. Wir wollen am 6. November unsere Stellung behaupten.
Männer und Frauen, kämpft mit für Volksrecht gegen die Diktatur einer Herren-Schicht.
Wühlt Zentrum. Liste 4.
Die Religion im Wahlkampf
Don Friedrich Muckermann S. 3.
Je stärker die Wendung aller Politik zur reinen Gewaltherrschaft spürbar wird, je mehr rein wirtschaftliche Fragen in den Vordergrund rük- ken, je wüster in den so kurz aufeinanderfolgenden Wahlen die Demagogie lospoltert, um so mehr wächst eine gewisse Scheu, die Religion selber, das Heilige, das Unantastbare in das politische Getriebe von heute zu tragen. Die Prvfanation des öffentlichen Lebens ist so weit fortgeschritten, daß weihevolle Stimmungen nur schwer noch aufkmn- men. Der Wortvorrat der Versammlungsreden ist so erschöpft und abgenutzt, daß echte, tiefe, seelisch beschwingte Sätze sich gar nicht mehr hervorwagen wollen. Wendet sich feineres Empfinden schon von der Roheit und Plattheit parteiischer Klopffechte» reien ab, wie wird das um so mehr der Fall sein mit jenem religiösen Gefühl, das seiner Natur nach vornehm und zurückhaltend ist. So haben denn weithin Dumpfheit und Stumpfheit die Wählermassen ergriffen, und manche Führer, die ganz in den Dingen leben und weben, sehen das 'kaum und ahnen es nicht einmal.
Und doch wird es immer klarer, wie sehr es ht den Wahlkämpfen unserer Zeit auch um religiöse Werte geht. Wer war denn von den Anfängen der Martyrerzeit durch alle Jahrhunderte der abendländischen Geschichte hindurch der Hauptfeind der Kirche und der Religion? Der absolute Staat war es, der sich selber als den höchsten Wert auf Erden betrachtete, der seinen Cäsaren und Gewaltherren Weihrauch streuen ließ, der seine tationalen Ideologien mit religiösem Pathos in die Welt setzte. Dieser war der Feind der Kirche, veil er keinen Gott neben sich dulden wollte, keine Anstanz des Gewissens, keine unabhängige Verkünderin der Gerechtigkeit, der Freiheit, der ewigen Rechte Gottes und des Menschen. Sind es nicht der „totale Staat" oder auch, was praktisch <tuf eins hinausläuft, die „totale Wirtschaft", die heute überall in den nationalistischen Lagern als Ideal der Zukunft hingestellt werden? Dom vergewaltigten Volke aus gesehen, ist das die totale Sklaverei, die totale Entrechtung des freien Bürgers und des freien Arbeiters. Diese Ideen wandern heute durch die ganze Welt. Sie sind die tiefste Ursache der neueren Kirchenverfolgungen. Dir haben in Rußland, in Mexiko, in Spanien diese Vergewaltigung der Kirche durch den totalen Staat, durch die totale Wirtschaft erlebt, und zur Zeit beginnt auch im benachbarten Belgien ein solcher Kampf. Wer die Freiheit des Volkes an- tastet, der erhebt immer auch die Hand gegen die Freiheit der Kirche.
Das müssen wir heute dem katholischen Volke sogen. Auch wir wollen einen starken Staat und eine gesunde Wirtschaft. Auch wir bejahen die sitt- uchen Werte der Liebe zu Volk und Vaterland. Aber wir kennen nur eine totale Herrschaft, das M. die Gottesherrschaft. Wir lehnen jegliche Auf- Höhung irdischer Größen zu Göttern ab. Wir können uns eine Blüte von Staat und Wirtschaft nur ^hoffen, wenn beide sich einordnen in den totalen ®otte=ftaat, wenn sie demütig ihren Dienst an der Gesamtheit erfüllen. Es wird also in diesem Wahl- kampf tatsächlich um religiöse Kulturwerte ge- i?mpft. Wir befinden uns mitten auf einem ^chlachtfelde, das den uralten Streit um Gottes- Herrschaft und Staatsgötzentum heftiger als je Wieder aufleben sieh. Eine Niederlage in diesem ««mpf könnte eine jahrzehntelange neue Knechtung der Kirche bringen.
I . Man kann die gleichen Fragen auch von der gesellschaftlichen Seite sehen und wird eben« "Es zu der Erkenntnis kommen, daß wir vielleicht
in den größten Kulturkampf hineingehen, der jemals stattgefunden hat. Die großen päpstlichen Enzykliken Rerum nooarum und Quadragesimo anno waren gewaltigen Fanfarenstöhen gleich, die der modernen Plutokratie den unerbittlichen Kamps angekündigt haben. Selbstverständlich sind unter diesen Plutokraten nicht jene Unternehmer, Bankleute und Aktieninhaber zu verstehen, die recht und schlecht ihre Pflicht tun. Vielmehr wird an jenen Geist gedacht, der einzig in den Kategorien des Gewinnstrebens denkt. Diese Plntokratie will nicht sehen, daß die vielen Millionen von Arbeitern, ' kleinen Angestellten und Beamten, die heute vom Kapital abhängig sind und die wie Leibeigene auf den modernen Latifundien des Aktienbesitzes festgehalten werden, ihre Menschenrechte haben. Diese Plutokratie zeigt sich bis heute nicht bereit, diese den Sklaven der Vorzeit gleich gewordenen „Proletarier" zu „entproletarisieren", sie als gleichberechtigte Menschen anzuerkennen, ihnen Anteil an den Rechten in der Politik, an der Verwaltung des Wirtschaftskörpers, an den Gütern der Kultur zu geben, sie überhaupt in dir menschliche Gesellschaft einzuordnen. Diese ganz und gar heidnische und selbstsüchtige Plutokratie wird rücksichtslos mit Menschen umgehen wie mit jenen 2 000 Katzen, die vor kurzem in Hamburg den Giftgasexperimenten geopfert worden sind. Solche Experimente sollen doch wohl nicht die Vernichtung aller Katzen auf der Welt vorbereiten, sondern sie werden im „Dienste der Menschheit und der Zivilisation" vorgenommen. Diese Plutokratie wird ihren absoluten Internationalismus hinter dem hochtrabendsten Patriotismus verbergen. Sie wird womöglich mit den christlichsten Etiketten ihre Programme schmücken, wie es die „allerchrist- lichsten Könige" der Geschichte einst auch getan haben.
Will jemand leugnen, daß dieser Kampf gegen die Plutokratie eine Sache, der Religion ist? Kann das Christentum gleichgültig bleiben, wenn die Grundlagen menschenwürdiger gesellschaftlicher Zustände zerstört und geleugnet werden? Hat die christliche Moral nicht die heilige Pflicht, auch, soweit sie kann, Lebensbedingungen zu schaffen, die einer praktischen Betätigung der Moral günstig sind? Scheuten wir hier Kampf und Mühe, wir verdienten den Vorwurf Solowjews, daß wir nicht die streitende, sondern die „desertierende Kirche" seien. Also auch hier ausgesprochen religiöse Werte, um die es im Wahlkampf geht. Lehnen wir heuchlerische Humanität ab, so wollen wir jene Menschenwürde, die in der Gottebenbildlich- feit ihr Fundament hat. Wir wollen ein System, in dem die freien Kräfte des Volkes wirksam sind., weil jedes andere immer nur die mehr oder weniger getarnte Diktatur der Plutokraffe mit sich bringt. Das sagen wir im Hinblick auf die im öffentlichen Leben heute verhüllt und unverhüllt hervortretenden Richtungen, nicht aber gegen bestimmte Persönlichkeiten, die so oder so als Exponent erscheinen. Wir hegen eben die Befürchtung, daß sie ein erneuertes christliches Deutschland, wie sie es selber wünschen, ganz anders gearteten, gefährlichen Mächten ausliefern.
Man sagt, die christlichen Parteien würden am Ende einige Sitze verlieren. Wir sollten im Gegenteil sagen, es müßte der 6. November noch mehr als früher sämtliche Bekenner desChri- st ent ums an die Wahlurne bringen. Jene Parteien, die das Vertrauen des katholischen Volkes haben, müssen wachsen. Sie müssen es deshalb, weil wir bereits in einem Kulturkampf stehen, der schicksalsschwerer ist als der vergangene. Mögen die Visiere noch geschlossen sein und mögen manche der famosen Ritter wie Kreuzzugsgestalten
einherreiten, wir sehen bereits durch die Visiere hindurch alte bekannte gefährliche Gesichter.
Das katholische Volk darf 'keine Wahlmüdigkeit kennen, denn es kämpft feinen schwersten Kampf.
Was wollte Brüning ?
Papens Weg und unser Weg.
Der frühere Reichsarbeitsminister Br. St e- g e r wa ld gab auf dem Parteitag der Vestischen Zentrumspartei in Buer klaren Aufschluß über die Hintergründe der deutschen Politik in den letzten Jahren und über den Sinn des gegenwärtigen Reichstagswahlkampfes. Er fugte u. a.:
In Wahrheit wollte Brüning die deutsche Politik im Jahre 1932 in folgender Reihenfolge und nach folgenden Gesichtspunkten geordnet wissen.
1. Ende Mai sollte in Preußen ein partei-politisch neutraler rechtsgerichteter, aber verfassungstreuer Ministerpräsident gewählt werden; Nationalsozialisten und Zentrum waren sich darüber einig. Dann setzte ein unverantwortliches Intrigenspiel ein mit dem Hinweis, daß die Uhr Brü- nung ohnehin ab gelaufen sei, und daß daher in der nächsten Zeit um größere Dinge gewürfelt werde. Damit sind die Nationalsozialisten ebenso wieder von der Bereitwilligkeit, einen rechtsgerichteten, neutralen preußischen Ministerpräsidenten zu wählen, heruntergebracht worden, wie sie im Januar 1932 von Hilgenberg von der Bereitwilligkeit heruntergebracht worden sind, die Arnts- periode des Herrn Reichspräsidenten durch Reichstagsbeschluß zu verlängern.
2. Nach der preußischen Landtagswahl sollten im Mai noch einige Notvermckknungen erlassen werden, die eigentlich schon ab 1. April mit Beginn des Etatsjahres fällig waren, um sowohl gegenüber der Lausanner Konferenz als auch gegenüber dem kommenden Winter ausreichend gerüstet zu fein. Der Herr Reichspräsident wollte aber unter Brüning keine Notverordnungen mehr erlassen wissen.
3. Lausanne sollte die endgültige Regelung der Reparationsfrage bringen.
4. Nach Lausanne war Brüning wieder jederzeit entschlossen, allerdings ohne ferne Mitwirkung, die Bahn für eine verfassungsmäßige Rechtsregierung freizugeben, ebenso wie er im Oktober 1931 bei der Umbildung des Kabinetts Brüning und im Januar 1932 bei der Vorbereitung der Reichspräsidentenwahl dazu durchaus bereit war. 2ffs Reichskanzler, dem man den Erlaß neuer Notverordnungen als Rüstzeug von Lausanne und für den kommenden Winter verwehren wollte, und den man in den maßgebendsten Kreisen als erledigten Mann hinstellte, allo mit gebrochenem Rücken, wollte Brüning freilich nicht nach Lausanne gehen. Ebenso konnte er nicht als Mitglied einer Regierung dorthin gehen, deren Wirtschafts- und Finanzpolitik jede erfolgreiche Außenpolitik von vornherein zur Unmöglichkeit machen mußte.
Und welchen Weg ist unterdessen von Papen gegangen? Er hat Notverordnungen, die der Reichspräsident v. Hindenburg unter Brüning nicht mehr wollte, in viel größerem und schlimmerem Ausmaß erlassen, als es die frühere Regierung jemals in Aussicht genommen hatte; er hat den Reickstag zweimal aufgelöst und damit das deutsche Volk ein halbes Jahr lang in Unruhe gehalten und die wirtschaftliche Unternehmungslust gelähmt; er hat einmal den Reichstag aufgelöst, weil er dem Volkswillen nicht mehr entspreche, und hat ein zweites Mal den dem Volks
willen entsprechenden Reichstag aufgelöst, weil er feine Politik abgelehnt hat; er ist in Lausanne der Gegenseite weiter entgegengekommen als die alte Regierung willens war, und hat trotzdem erzielt, daß feit Lausanne die deutsche Außenpolitik eine Niederlage nach der anderen erlitten hat und Deutschland in der Welt immer mehr isoliert worden ist; er hat eine Wirtschaftspolitik eingeleitet, dis voller innerer Widerspräche ist, von der eine Maßnahme die andere totschlägt und die bewirkt, daß Deutschland seinen letzten Freund in der Welt verliert, ohne daß damit den Kreisen, denen er helfen wollte, in Wahrheit wesentlich geholfen wird; er hat eine Regierung gebildet, die das Entgegengefetzte einer Mehrheitsregierung der Rechten ist, womit der Herr Reichspräsident von feinen brüt, kenden Sorgen um die Gestaltung von Notverordnungen befreit werden sollte; die Regierung von Papen wollte unabhängig von den Parteien fein; in Wirklichkeit ist sie st är k e r denn je unter den Druck einzelner Interessen- tengruppen - geraten, in Wirklichkeit betreibt sie ebenso deutschnationale Außen-, Wirt- schafts- und Personal-Politik, wie vor dem Kriege volks- und weltfremde ost- elbische Politik betrieben worden ist.
Heute kann unter Menschen mit politischem Urteil gar keine Meinungsverschiedenheit darüber bestehen, daß mit der Brüning'scheu Politik wir uns heute außenpolitisch in einer viel günstigeren Sage befänden und wir auch innenpolitisch mit einer ver- fassungsmäßigen und vom Reichstag tolerierten Reichsregierung sehr viel weiter wären als mit dem von Papen in den letzten Monaten getriebenen Spiel.
Redner behandelte sodann die wirtschafts. politischen Maßnahmen der Regierung v. Papen, die die Zentrumspartei zum Teil billige, zum Teil ablehne, und sagt Öarüber zusam- menfassend:
Zur Ueberwindung der Wirtschaftsnot gehört Optimismus. Optimistische Gesten allein genügen freilich nicht. Auch während des Krieges wurde reichlich in Optimismus gemacht, ohne daß dieser den Sieg herbeizuführen vermocht hätte. Auch die Steuerscheine allein genügen nicht. Wir sind für die Steuerscheine, wir wünschen, daß sie in Arbeit um gewandelt werden mö chten. Die Regierung v. Papen hat die Steuerscheine einseitig auf die Trumpskarte „Wirtschastsumschwung" gesetzt. Wenn aber diese Trumpfkarte nicht sticht, dann stehen wir in ganz kurzer Zeit vor einer Finanzkatastrophe ungeheuerlichsten Ausmaßes. Darum muß alles Menschenmögliche geschehen, daß die Trumpfkarte Wirt» s ch a f t s u m s ch w u n g sticht. Die Regierung v. Papen hat aber das dafür Menschenmögliche nicht getan. Es liegen im Gegenteil eine Reihe großer außen- und innenpolitischer Fehler vor, die geignet sind, zu verhindern, daß die Karte Wirtschaftsumschwung sticht. Und dagegen kämpfen wir an.
Wir wollen größtmöglichste (Entfaltung Ser heimischen, produktiven Wirtschaftskräfte und eine ebenso zielbewußte Wirtschaftspolitik, die Deutsch- land baldigst und wirksamst wieder eingliedert in den internationalen Kapital- und Warenverkehr. Auf diesem Wege war die frühere Regierung. Nachdem das endgültige Nein in der Reparativns- frage ausgesprochen war, wurde die ganze Innen- und Außenpolitik auf die bevorstehende Weltwirt, schaftskonferenz eingestellt, auf welcher die Gläubigerstaaten mit Deutschland zu konkreten Ergebnissen kommen sollten. Die Einengungen im Gold- und Devisenverkehr müssen beseitigt, es muß wieder möglichst bald ein ungehinderter Warenverkehr