Nr. 246
Vettage zur Frrldaer Zeitung
23. Oktober
Seele im Herbst.
Im Herbsthauch jm Herbsthauch fällt Die weite, bunte Erdenwelt.
Mein Herz geht in die Einsamkeit Au nie geahntem Seelenleid.
Die Blume welkt, der Ginster dorrt, Augvögel ziehen lärmend fort. Nun naht die große Schweigezeit, Der Dämmerungen Mythenleid.
Der Wald steht kahl, der Sturmball stöhnt.
In meiner Seele einsam tönt Ein letzter Klang, ein letztes Sieb Des Sammers, der ermüdet flieht.
Weit wird es still. Vereinsamt fleht Mein Herz in trunkenem Gebet.
Verlassen fallen Roum und Zeit In grenzenlose Einsamkeit.
Ferdinand Oppenberg.
Jan Vermeer van Delft.
Zur 300. Wiederkehr feines Geburtstages.
Von Dr. Johannes Jahn, Prioatdozent für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig.
Niemals hat ein Volk mit solcher Anschaulichkeit, mit solcher Breite, mit solcher Naivität sich selbst geschildert wie die Holländer des 17. Jahrhunderts, deren Landschaft, Wohnung, Leben und Erscheinung als Bauern, Bürger, vornehme Leute in vielen Tausenden von Bildern noch heute sichtbar vor unseren Augen stehen. Von den vielen, vielen Malern, die sich dieser Aufgabe hin- gegeben haben, ist der größten einer Jan Vermeer van Delft, dessen Geburtstag sich im Oktober dieses Jahres zum dreihundertsten Male fährt. Heber sein Leben wissen wir wenig. Am 31. Oktober 1632 ist er in Delft getauft worden: wenige Tage vorher wird er zur Welt gekommen fein. Schon 1653, also mit 21 Jahren, wunde er Meister, und im gleichen Jahr hat er auch geheiratet. Acht Kinder gebar ihm seine Frau, und so kam es denn, daß er offenbar stets in bedrängten Verhältnissen gelebt hat, obgleich seine Bilder schon zu seiner Zeit recht gut bezahlt wurden — heute gehören sie zu den höchstbezahlten der gesamten Niederländischen Malerei. Bereits mit 43 Jahren ist Vermeer gestorben und am 15. Dezember 1675 in seiner Vaterstadt begraben worden. Sein hinterlassenes Wert ist klein: es umfaßt noch nicht 40 Arbeiten.
Wie viele Menschen mit kurzer Lebensdauer, so war auch Vermeer ein Frühvollendeter. Das einzige sicher datierte Gemälde „Bei der Kupplerin" von 1656. der Stolz der Dresdener Galerie, ist ein wahres Meisterwerk und zeigt den Bierundzwanzigjährigen bereits auf der Höhe feines Könnens und feines ihm eigentümlichen Stiles. In den nun folgenden zehn Jahren sind die besten und einflußreichsten seiner Werke gemalt worden, während gegen Ende seines Lebens sich ein leichter Abstieg bemerkbar macht. Heber den künstlerischen Entwicklungsgang Vermeers sind wir nicht sehr genau unterrichtet. Es war ein Schüler von Karel Fa- britius ober hat doch wenigstens in engerer Beziehung ZU ihm gestanden. Ferner ist die Einwirkung Rembrandts zu spüren und in einigen wenigen Bildern bie der Italiener. Beziehungen sind auch vorhanden zu den drei vortrefflichen Leidener Sittenmalern Jan Steen, Metsu und Frans Mieris. Aber zu wenig Jugendarbeit, d. h. solche, die vor dem Meisterwert von 1656 entstanden, haben sich erhalten, so daß dieser rasche Anstieg wohl immer in Dunkel gehüllt bleiben wird.
Welche Eigenschaften der Kunst Vermeers sind es aber nun, die ihn zum Range eines Großmeisters der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts erheben? Sprechen wir zunächst vom Gegenständlichen! Dieses ist denkbar einfach. Nichts von der Abgründigkeit Rembrandtfcher Schöpfungen läßt sich bei Vermeer finden. Die meisten feiner Bilder zeigen nur eine Figur oder gor nur Halbfiguren im Innenraum, Frauen
bei irgend einer belanglosen Beschäftigung, die Briefleserin, die Milchgießerm, bie Spitzenklöpplerin usw. selten geht er über zwei Figuren hinaus. Der Ruhm biefer Kunst ist in erster Linie die Farbe, man darf Vermeer als einen ber größten Koloristen aller Zeiten bezeichnen. Eine geradezu elementare Farbensinnlichkeit leuchtet aus seinen Bildern hervor, aber nicht erregend und verwirrend, sondern kühl, klar und gelassen. Niemals hat er wie Rembrandt Figuren und Gegenstände aus dem geheimnisvollen Spiel von Licht und Schatten entwickelt — bei ihm gibt es keine Geheimnisse. Licht und Schatten durchdringen einander nicht, sondern sind als Kontraste gegeneinander gesetzt, doch ohne Härte. Auch die Farben bilden Kontraste, zuweilen von einer bis dahin niemals gesehenen Zusammenstellung. Aul dem genannten Dresdener Bilde ist das zitronengelbe Mieder des Mädchens gegen das zinoberrote Wams des Mannes dahinter gestellt, und es ergibt sich kein Mih- ton, sondern ein wundervoller Doppelklang. Bewußt werden Komplementärfarben verwendet, so in dem herrlichen Bilde der Wiener Sammlung Czernin „Im Sltelier": Eine Dame steht dem Maler Modell in hellblauem Gewand mit einem großen, leuchtend gelben Buch im Arm. Vermeer hat sich eine ganz eigene Technik ausgebildet, um bei allem Reichtum des Polychromen dem Ganzen doch eine gewiße Wahrheit zu geben. So nimmt er den Konturen die Schärfe, wie in der Photographie eine Vergrößerung dem Original die Schärfe nimmt. Durch Aufsetzen von reinfarbigen.
Hellen Tupfen versteht er es, die Oberfläche der Dinge in ihren Farben zittern zu lassen. Alle Vorzüge Ver- meerscher Farbgebung erscheinen gesammelt m den gelben einzigen Landschaften, die sich von feiner Hand erhalten haben, vor allem in ber „Ansicht von Delft" im Mauritshuis im Haag. Heber einen Kanal hinweg blicken wir auf die Stadt, die sich mit ihren roten Backsteinhäusern und spitzen Türmen in zierlicher Silhouette vor uns aufbaut, überragt von dem hohen holländischen Himmel. Selten ist das Gesicht einer Stadt, wie es sich uns so auch heute noch fast unoeränber» zeigt, mit solcher Treue unb mit einem so kennzeichnen- ben Ausbruck gemalt worben. Die unbeschreibliche Farbenharmonie zwischen bem Rot ber Häuser unb dem lichten Blau des Himmel mit feinen hellen, frischen, kühlen vom Seewinb hergetragenen Wolken wurde hier festgehalten und erscheint ein zweites Mal gedämpft und zitternd im Wasserspiegel des Vordergrundes. Von diesem Bild hat die Vermeerverehrung unserer Zeit ihren Ausgang genommn. Denn als es ihm Jahre 1842 der französische Kunstkritiker Bürger-Thore, dem wir fin die ästhetische Erfassung der Werte der niederländischen Malerei so viel verdanken, zum ersten Male sah, berichtete er voll Begeisterung darüber in Paris. Ter b's dahin völlig unbekannte Meister wurde von nun an in stets wachsendem Maße Gegenstand der Forschung, und seine Kunst errang sich in unseren Augen die Hochschätzung, die sie durch ihre Reinheit und Schönheit vollauf verdient.
Fische verraten ihre Geheimnisse
Oie Kennzeichnung von Hochseefischen. — Schollen wachsen nur im Sommer. — Auch die Meeresbewohner wandern.
Alljährlich im Herbst pflegen die verschiedenen Gesellschaften und Institute, die sich das Studium der Hochseesische zur Aufgabe gemacht haben, einen bestimmten Zweig ihrer Tätigkeit abziFchließen: die Kennzeichnung der Fische. Ganz ähnlich nämlich, wie man Zugvögel „beringt", um mittels dieser Markierungen an den später wieder eingefangenen Tieren Ausschlüsse über ihre Wanderungen, ihr Alter und ähnliches zu erhalten, geschieht dies bei uns in Deutschland wie in England, Holland, den skandinavischen Staaten in wachsendem Maße auch bet den stummen Bewohnern des Meeres.
Diese Kennzeichnung verfolgt sowohl wissenschasliche als auch wirtschaftliche Zwecke. Man ermittelt durch sie die Schnelligkeit des Wachstums der Fische, die Richtung unb Ausdehnung ihrer Wanderung von einem Meeresteil zum anderen und die sich für die Hochseefischerei ergebenden Aussichten. Die Tiere werden von besonderen Dampfern aus mit Netzen gefangen und in einen an Bord befindlichen Behälter mit fließendem Seewasser gebracht. Dann erfolgt bie eigentliche Kennzeichnung, indem zwei Ebonit-Plättchen, bereit eines einen Buchstaben und eine Nummer trägt, mittels eines seinen Silberdrahtes in dem fleischigen Teil des Fischkörpers befestigt werden. Plattfische tragen diese Scheiben an der linken Seite, Rundsische wie Kabeljau unb Lachs am Rücken, an ber Schwanzflosse ober durch bie Kiemen. Durch Aussetzung bestimmter Belohnungen für die Einlieferung derart markierter Fische weiß man das Interesse der Besatzung der Fisckidampser zu wecken, so daß ein erheblicher Teil seinen Weg zu den betreffenden Instituten zurückfindet.
Auf diese Weise hat man gerade in den letzten Jahren bemerkenswerte Aufschlüsse über die Lebensgewohnheiten vieler Seefische erhalten. Wir wissen z. B heute, daß die Scholle im großen und ganzen wenig zu größeren Ortsveränderungen neigt, daß einzelne Angehörige ber Art aber doch weite Reisen machen. So wurden zwei bei Blackpool an der englischen Nordwest lüfte ausgesetzte Schollen sechs Monate später bei Irland wieder gefangen; sie hatten über 200 Kilometer in dieser Zeit zurückgelegt. Allerdings sind dies Ausnahmen. Denn im ganzen scheint die Scholle recht empfindlich gegenüber Aenderungen in Temperatur unb Salzgehalt des Meerwassers zu sein.
Da die Fische vor der Markierung und nach ber etwaigen SBiebereinlieferung sorgfältig gemessen werden, lassen sich leicht wichtige Anhaltspunkte über bie Schnelligkeit ihres Wachstums gewinnen. So hat sich ergeben, daß z. B. Schollen nur im Sommer an Größzunehmen. Das Wachstum ändert sich aber bei einem Wechsel der Umgebung. Beispielsweise hat sich sest- stellen lassen, daß junge, im deutschen ober hollönbischen Wattenmeer gefangene unb narb Kennzeichnung bei ber Doggerbank mieber ausgesetzte Schollen bebeutenb schneller wachsen als bie in ben heimischen Gewässern zurückgebliebenen.
Die ber Scholle sehr nahe verwanbte Flunder bevorzugt ungleich jener brackiges Wasser und wandert nicht selten die Flüsse beträchtliche Entfernungen hinaus. Als-Laichplätze dient ihr aber, wie deutsche unb holländische Forscher mittels ausgedehnter Kennzeichnung nachgewiesen hoben, die offene See. Dieser Fisch kehrt nicht immer in die Flüsse, in denen er zu Kennzeichnung szwecken gefangen wurde, zurück, wie dies der Lachs zu tun pflegt; darin liegt aber nichts Auffallendes, da die eigentliche Heimat der Flunder eben die See ist.
Besonders weite Wanderungen unternimmt bekanntlich der Aal. Seit einiger Zeit wissen wir, daß dieses Tier an der anderen Seite des Atlantik, im Golf von Mexiko unb in den westindischen Gewässern, zu laichen pflegt. Man hat auch die Reisegeschwindigkeit von ausgewachsenen Aalen nach ihren Laichplätzen messen können; sie beträgt durchschnittlich 15 Kilometer täglich. Ein in inarminne in Finnland am 15. August gefangener und markierter Aal wurde am 16. November desselben Jahres an der Vstküste Jütlands wieder gefangen. Er hatte in drei Monaten über 1200 Kilometer zurückgelegt.
Auch der Lochs hat wertvolles Material über das Verhalten der Fische geliefert. Die Tiere pflegen im zweiten Jahre von ben Flüssen aus, in denen sie zur Welt kamen, die Wanderung nach der See anzutreten und können dann bequem gekennzeichnet werden. Dieser Fisch kehrt unweigerlich, von einem bewunderungswürdigen Ortssinn geleitet, nach Ablauf wenigstens eines Jahres in ben heimatlichen Fluß zurück. Von 5500 im Tay gefangenen unb gekennzeichneten zweijährigen Lachsen wurde nicht einer im selben Jahr wieder
Erdgesang.
Don Helmut Schwabe.
O Bild ber Sehnsucht, buntler Saum! Wie du dich mit ben kargen Besten zur Sonne krümmst vom Straßensaum!
Mein brauner Acker dampft mich an und mündet tief in bas Gelänbe. Zur Mühle muht sich ein Gespann.
Wir einen uns. Wir Erbe, Strom und Wald, und tauschen ruhend die Gestalt.
gefangen, dagegen 43 im nächsten Jahre und diese sämtlich im Tay.
Obwohl runde Fische wie der Kabeljau ober Dorsch erheblich schwieriger zu kennzeichnen sind als die schmaleren Arten, hat man auch bei ihnen teilweise gute Erfolge erzielt. Die Schwierigkeiten liegen darin, daß bei einem zu schnellen Heraufholen des Fisches aus größeren liefen seine Luftblase sich plötzlich ausdehnt und insolgedessen der gekennzeichnete Fisch, wenn man ihn wieder dem heimischen Element übergibt, nicht sinken kann unb hilflos an ber Wasseroberfläche treibt. Von 301 in ber Nordsee markierten Kabeljaus wurden 181, mithin 60 v. H., wieder gefangen, unb zwar durchweg in ber Nordsee und nahe dem ersten Fangplatz. Man darf daraus schließen, daß der Kabeljau nicht zu Wanderungen neigt.
Diese Markierungsversuche liefern nebenbei einen recht interessanten Beweis dafür, mit welcher Gründlichkeit die Nordsee ausgefischt wird. Nach mehrjährigen Beobachtungen konnte festgestellt werden, daß 25 bis 30 o. H. der gekennzeichneten Fische zum zweiten Male ihren Weg in das Netz des Fischers fanden, gelegentlich stieg dieser Anteil selbst auf 40 v. H. Daß, wie oben im Falle des Kabeljaus gar 60 v. H m-eder eingefangen werden konnten, muß allerdings wohl als Ausnahmefall bezeichnet werden.
Hermann Petersen.
Oie Hofckronik.
Skizze von Wilhelm Winkel- Hannover.
Der Birkhofsbauer sitzt in der niedrigen Stube auf dem Sofa, da, wo es noch ein wenig fest ist und bie Sprungfeibern nicht bei jeber Bewegung quietschen. Vor ihm liegt ein altes Buch mit bitten, vergilbten Blattern. Er beugt sich mit Brille unb gerunzelter Stirn barüber, blättert mit seinen arbeitsharten, steifen Fingern darin hin und her. Dann seufzt er auf, taucht einen mächtigen Federhalter mit rostiger Feder in ein Ungetüm von Tintenfaß und setzt an, um etwas in das Buch zu schreiben. Aber ehe er einen Strich getan hat, legt er den Halter wieder hin unb sagt zu seiner Frau, die drüben auf einem Brettstuhl neben dem altmodischen Schrank regungslos sitzi: „Wie soll ich's — nur hinschreiben!"
Ja, wie soll er’s nur hineinschreiben in die Familienchronik, daß heute auf seinem Hose Termin war. wo vierzig Morgen des besten Ackerlandes verkauft wurden? Wie soll er Enkeln und Urenkeln begreiflich machen, daß dies ohne seine Schuld geschah? Daß kein Men-lch ahnen konnte, als er bie neue Scheune baute, bie Viehställe neu einrichtete, Maschinen anschaffte, daß jemals solche Preise kommen würden! Wer hat wissen können, daß ein Hof, der feit Menschengedenken einer ber besten in der Umgebung war nicht einmal die Zinsen aufbringen konnte für das Darlehen, bas vor drei Jahren auf genommen wurde! — Unb bann die Seuche — die Viehpreise, die ins Bodenlose fielen. Endlich auch die Krankheit des Sohnes. Es war ein ununterbrochenes Bergab bis heute.
Der Birkshofbauer sieht abermals nach seiner Frau hinüber unb benft: „Sie sagt nichts." Unb mieber spricht er nach einer Weile: „Ich weiß nicht, wie ichs schreiben soll."
Da sagt bie Frau: „So schreib nichts hinein!"
Einen Augenblick betrachtet ber Mann sie mit großen Augen. Dann schüttelt er den Kopf: „Das wäre ja
Bas Hälfet des Tushinlang.
Roman von Kurt Martin.
6oM>riebt bti Verlag Neues Leben. Bavr. ötsain.
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„Unb was wollten Sie auf bem „Tushintang" fin« ben?"
„Eine Erklärung für fein rätselhaftes Austauchen."
„Fanden Sie diese Erklärung?"
„Nein."
„Was fanden Sie sonst?"
„Ein Tagebuch! Das Tagebuch eines jungen Mädchens unb den Rest eines Schals."
„Was ist bamit?"
„Das finb bie einzigen Dinge, bie ich fanb; aber sie erschienen mir von Anfang an wertvoll. Erst war ich freilich im Unklaren darüber, ob das Mädchen gleich den übrigen Passagieren an Bord des „Tushintang" getötet worden war, ober ob man es verschleppt hatte. Balb aber kam ich zu der Heberzeugung, daß Jngeborg Berg- ner —."
Shelton unterbrach ihn heftig:
„Was sagen Sie? Jngeborg Bergner?"
„Ja!"
Jörgen Bollander beobachtete ihn scharf:
„Haben Sie irgendwo diesen Namen gehört, Mr. Shelton? Ich itn für jede Nachricht dankbar, die mir über dieses (*•* dchen zukommt/
„Ich weiß gar nichts. Wie soll ich denn etwas wissen! Ich verstehe nicht, wie Sie auf diesen Gedanken kommen."
„Oh, es war nur eine Frage."
Shelton drängte:
„Aber bitte, sprechen Sie weiter! Zu welchen Schlüß- folgerungen kamen Sie also?"
„Ich mußte annehmen, daß man das Mädchen gewaltsam verschleppt hatte. Meine Annahme bestätigte sich auch. Später, als ich mit dem „Lushang" den Jangtse hinaufsuhr, fand ich und der Kapitän ein verbranntes chinesisch^ Boot und unter den Decktrümmern die Leiche einer Frau."
Sheltons Stimme klang erregt:
„Und in dieser Toten erkannten Sie die Verschollene vom „Tushintang"?"
Wie hatte Liü-Fu-Tang gesagt? „Sprechen Sie so, als ob Sie an den Tod des deutschen Mädchens glaubten!"
„Ja, ich erkannte aus den sonstigen Funden auf diesem Boot, daß die zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche der Körper des verschollenen Mädchens war. Es fand sich mit „I. B." gezeichnete Wäsche und ferner das andere Ende des Schals, den ich auf dem „Tushintang" gefunden hatte."
Shelton nickte.
„Na, bann weiß man wenigstens, daß das Mädchen tot ist! Sonst hätten seine Angehörigen wohl noch lange geforscht."
Frau Liliths Augen aber hingen verwundert an Jörgen Bollanders Antlitz.
Sie fragte: „Tot ist das Mädchen? Herr Bollander, sagten Sie denn nicht, daß Sie die Verschollene suchen?"
Jörgen Bollander fühlte Sheltons jäh aufzuckenben, mißtrauischen Blick.
Er erklärte: „Sie haben mich vorhin mißverstanden, gnädige Frau. Ich meinte: ich suche den Geist die Gedankenwelt Jngeborg Bergners in meiner Umwelt. Ich suche ein Mädchen, das so denkt und fühlt, wie jene Fremde vom „Tushintang"."
Shelton beobachtete seinen Gast lauernd.
„Unb weshalb suchen Sie solch ein Mäbchen?"
„Weil ich mich gut mit einem solchen Wesen verstehen würbe."
„Hm Was ist bas mit meiner Frau? Haben Sie in ihr so ein Wesen gefunben, wie Sie es suchen?"
„Nein, die Gebankenwelt Ihrer Göttin ist eine anbere als bie jener Tagebuchschreiberin."
Als Jörgen Bollanber sich verabschiebet hatte unb seinem Hause zuschritt, mußte er nochmals die Gespräche im Hause Shelton überdenken.
Was für Geheimnisse hatte Shelton? Hatte er überhaupt welche? Ja, ohne Zweifel! Die Art, wie er Fragen stellte, seine Stimme, seine Augen, alles verriet, daß er um Dinge wußte, über die er nicht zu sprechen wünschte.
Er betrat fein Haus und gewahrte, wie hinten jemand hastig in die Küche huschte, eine ihm fremde Gestalt.
Das war weder Wung noch Li-Pen noch Dolapi gewesen! Wer schlich da in die Küche?
Er ging nach hinten unb öffnete die Türe. Am Ofen stand Li-Pen und rührte emsig in der Pfanne. Hinten in einem Winkel aber kauerte ber Unbekannte. Es war ein schmächtiger, älterer Chinese; fein Gesicht war entstellt, bie linke Wange war häßlich vernarbt unb eingefallen.
„Wer ist bas?"
Li-Pen berichtete: „Cs ist ein Verwanbter von mir, Mr. Bollanber. Er traf mich zufällig hier, unb ich nahm ihn ins Haus. Er kann mir mancherlei helfen. Bitte, schicken Sie ihn nicht fort! Er ist arm unb hat Schlimmes erlitten."
„Was ist bas mit feinem Gesicht?"
„Ein Schuß hat ihm ben Kiefer zerschmettert, Mr. Bollanber Bitte, schicken Sie ihn nicht fort! Ich gebe ihm von meinem Teil Nahrung, er braucht nicht viel."
Jörgen Bollander zögerte. Der Mensch da in der Ecke machte keinen gewinnenden Eindruck auf ihn Es tat ihm aber auch leid, den armen Kerl aus dem Hause zu jagen. Kurz nickte er;
„Vorläufig kann er bleiben."
11.
In einer der nächsten Nächte geschah etwas Seltsames.
Jörgen Bollander tag im festen Schlaf, als ihn ein Geräusch auffahren ließ, bas aus bem anstohenben Arbeitszimmer zu kommen schien . Er lauschte, schlich leise vor zur Tür unb blieb bort stehen.
Da war es roieber!
Er riß bie Tür auf, sah, wie ein menschlicher Körper sich burch bas Fenster schob. Er wollte sich auf ben Einbringung stürzen, als er braußen über bem Rücken bes Unbekannten einen Arm erblickte, ein Messer in verkrampfter Faust. Das Messer fuhr nieder, in den Körper des Eindringlings. Der schnellte zurück. Unten gab es einen Aufschlag.
Er lief zum Schlafzimmer zurück, steckte ben Revolver zu sich unb eilte bie Treppe hinab. Aus ber Kammer hinten tauchte Wungs verschlafenes Gesicht auf.
Was ist, Mr. Bollanber?
Er gab ihm keine Antwort, eilte aus ber Tür, lief um das Haus herum, sah hinter jebes Gebüsch. Es war nichts zu sehen unb zu hören.
Unschlüssig blieb er stehen.
Er trat noch einmal zu ber Stelle unter dem Fenster im ersten Stock unb suchte sie ab. Da war nichts zu sehen. Doch halt, hier schimmerte es bunkel! Er fühlte mit bem Finger danach.
Blut! Also war ber Eindringling verletzt worden!
Er begab sich zur Haustür und stieg die Treppe empor. Oben im Dunkeln stieß er an eine Gestalt Er fuhr zurück und riß den Revolver aus der Tasche. Zwei Hände aber klammerten sich um seinen Arm.
„Ich bin es, Mr. Bollander! Dolapi!"
Erstaunt zog er bas Mäbchen in sein Arbeitszimmer.
„Du, Dolapi? Was willst bu? Hast bu gehört ober gesehen, was geschah?"
„Ich sah nichts; aber ich ahnte bie Gesahr. Mr. Bollanber, Sie sollten den Garten nachts nicht mehr allein absuchen!"
„Warum?"
„Der Feind kann heimtückisch fein."
„Wer ist der Feind?"
„Ich kenne ihn nicht; aber irgendwo lauert er."
Er sah forschend in bes Mäbcherttz Augen.
„Du sorgst bich um mich, Dolapi?*
„Ja, ich sorge mich."
„Unb warum sorgst bu bich?"
Sie senkte ben Kopf:
„Ich kann nicht anbers."
Er fühlte es: Dies Mäbchen liebte ihn und wußte um irgendwelche Gefahr.
„Sage mir alles, was du weißt, Dolapi!"
„Ich weiß nichts — noch weiß ich nichts! Aber ich will alles ergründen."
„Du wirst es mir sagen, wenn du etwas erfährst."
„Alles sage ich!"
Er strick ihr beruhigend über das tiesschwarze Haar.
„Geh schlafen, Dolapi, ängstige dich nicht! Es wirb