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Ilk. 245.

Fulda, den 21. Oktober 1932.

Katholiken! Habt acht!

Der deutsche Katholizismus in seiner Gesamt­heit hat das allerstärkste Interesse an dem Ausgang der Wahlen vom 6- November. Wir haben mehr­fach an dieser Stelle den Nachweis erbringen kön­nen, daß gerade jetzt Kräfte und Kreise die Stunde tiir gekommen glauben, um ihren a n t i k a t h o - [ i i cf) e n Tendenzen vollkommen freien Lauf ,u lassen. Wir haben gehört, daß man rücksichtslos die Parole ausgeben kann: „Die Führung des Neic' es muß in evangelische Hände!" Das ist doch deutlich!

Und auf solcher Basis regen sich nun Gruppen, die bewußt darauf hinarbeiten, nach den Wahlen Pom 6. November eine politische und parlamen- tarisckE Konstellation zu schaffen, die eine glatte Ausschaltung des politischen Ein­flusses des katholischen Volksteiles herbeizuführen hätte. Ausführungen, die dieser Tage in regierungsoffiziösen Blättern, insbeson­dere in der D. A. Z. gemacht worden sind, zeigen mit aller Eindringlichkeit, wohin der Weg geht. Man möchte trotz allem die Brücken zu den Nationalsozialisten nicht abbrechen, in der Hoffnung, sie nach den Wahlen zur Beteiligung an diesem Geschäft interessieren zu können, und man stellt ja auch bereits ganz unverblümt neue Verhandlungen der Regierung von Popen mit den Nationalsozialisten in Aussicht. Unter dem Vor­wand, sich dem Einfluß der Parteien entziehen zu wollen, geht die Marschroute auf das Ziel, das Zentrum und die Bayerische Volkspartei als die Weltanschauungsparteien, die die politischen In­teressen der deutschen Katholiken vertreten, schach­matt zu setzen.

Und darum der Mahnruf: Katholiken! Habt acht! Nun wißt ihr, welche Bedeutung den Wahlen vom 6. November zukommt.

Der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. 3of. Damian Schmitt

wird au« Anlaß seine.? goldenen Priester- j u b i l ä u m s am Sonntag, den 30. Oktober, dem Christkönigsfeste, im Dom ein feierliches Pontifikalamt zelebrieren. Am Jahrestag der Priesterweihe selbst (28. Oktober) wird der Herr Bischof in aller Stille seine Jubelmesse fei- ertt, voraussichtlich am Grabe des hl. Bonifatius.

Das Bischöfliche Generalvikariat

bittet uns, darauf hinzuweifen, daß es neuerdings die Telephon-Nummern 2 456 und 24 57 hat (nicht mehr 3 101).

Ehrung.

Der Verband der Baugenossenschaften von Hessen-Nassau hat den Herrn Rechnungsdirektor i. R. Josef Wohlgemuth in Fulda bei seinem Ausscheiden aus der Verbandsleitung in Würdi­gung seiner langjährigen Verdienste um das Bau- Genossenschaftswesen zu seinem Ehrenmit­glied ernannt. Herr Wohlgemuth gehört dem Verband fast 30 Jahre an und war dessen stell­vertretender Direktor,

Der alte Bademeister gestorben.

Eine Persönlichkeit, die früher jeder Fuldaer Junge kannte und hochschätzte, der städtische Bade­meister a. D. Johann Georg Schmitt, ist im 80. Lebensjahre, kurz vor seinem Geburtstag, in die Ewigkeit abgerufen worden. Herr Schmitt hat im Fuldaer Rosenbad jahrzehntelang mit großem Interesse für alle Badenden, nament­lich für die liebe Jugend, die er zwar mit dem not­wendigen Nachdruck zur Ordnung anhielt, aber doch ins Herz geschlossen hatte, treu seines Amtes gewaltet. Herr Schmitt zählte zu den Ehrenmit­gliedern des Kriegervereins Fulda. Ferner war er 56 Jahre Mitglied der „Winfridia" und fast eben so lange Mitglied der Männer-Sodalität. R i. p.

Zweideutige Leibesübungen.

rotb. meldet: Die in letzter Zeit vielfach be­obachtete Neigung, Aufmärsche zu gelände- sportlichen Hebungen mit demon­strativen Beran st altungen zu beginnen und zu schließen, die lediglich der politischen Propa­ganda für den betreffenden Verband dienen sollen, können jedoch letzten Endes nur als Miß­brauch des G eländesports zu poli­tischen Zwecken angesprochen wer»

Samskag, den 22. 0ffober 1932.

Fuldaer Zeitung. (Amtliches kreisblatt) .

den. Dies gilt auch, wenn als Sammelplatz aus­gerechnet ein Ort gewählt wird, der zum Beispiel mitten in der geschlossenen Ortslage liegt (Markt­platz) und daher besonders geeignet ist, die Auf­merksamkeit der Oeffentlichkeit auf die Veranstal­tung zu lenken. Zum Geländesport gehören nur solche Veranstaltungen, die der Schulung der Teil­nehmer in der Bewegung im Gelände dienen, außerhalb der öffentlichen Wege in offener oder ge­schlossener Ordnung Waldläufe, Orientierung im Gelände zur Tages- und Nachtzeit und der­gleichen. Finden indes gelegentlich solcher Hebun­gen auch Veranstaltungen statt, die auf eine ge­meinsame Willens- oder Meinunaskundgebung hinauslaufen, so werden sie regelmäßig als Ver- sammlung — unter freiem Himmel — anzusehen sein, für die dann die Verordnung des Reichsministers des Innern vom 28. Juni 1932 und, wenn es sich um eine politische Vereinigung handelt, das grundsätzliche. Verbot vom 18. und 22. Juli 1932 gelten.

Für die Skadlpfarrkirche

war von einer interessierten Seine eine Aenderung der Gottesdienstordnung an Sonntagen angeregt worden. Um den Pfarrangehörgen nach Mög­lichkeit entgegen zu kommen, war von der Kanzel herunter aufgefordert worden, diesbezügliche Wünsche und Vorschläge beim Stadtpfarramt mündlich oder schriftlich anzubringen. Bei der Be­urteilung der Stimmenäußerungen sagte man sich im voraus, daß es bei der Vielseitigkeit der ver­schiedensten Interessen, die in einer Pfarrei beste­hen, wohl nicht möglich sein wede, es jedem recht zu machen. Die überaus größte Zahl der Vor­schläge ging darauf hinaus, es bei der bisherigen Ordnung zu beiaffen; es könnte vielleicht die Win­terzeit etwas berücksichtigt werden. Andere ver­einzelte Wünsche gingen über dieses Ziel hinaus, bewegten sich aber gegeneinander in ziemlich ent­gegengesetzter Richtung, so daß der eine das ab» lehnte, was der andere empfahl. Nach Erwägung aller in Betracht kommenden Momente entschied man sich für die bisherige Ordnung, nur wurden die drei ersten Gottesdienste je eine Viertelstunde später angesetzt. Die Ordnung lautet also: 6.15 Uhr erste Frühmesse, 7 Uhr zweite Frühmesse, 8.15 Uhr erster Kindergottesdienst, 9.30 Uhr Pfarramt, 11 Uhr zweiter Kindergottesdienst. Diese Ordnung gilt vom kommenden Sonntag an.

Fleischverbilligung.

Die Ausgabe der Reichsbezugsscheine für ver­billigtes Frischfleisch für die Zeit vom 17. Oktober bis 30. November dieses Jahres erfoglt, soweit dies noch nicht mit der Auszahlung der Unterstützung geschehen ist, am Samstag, den 22. Oktober dieses Jahres, und zwar: von 9 bis 10 Hhr für Stadt- arme, von 10 bis 10y2 Hhr für Kleinrentner, von 10% bis 11 Hhr für Nachzügler beim städtischen Wohlfahrtsamt (Stadtschloß), Zimmer Nr. 13. Wer obige Zeit nicht einhält, kann keinen Anspruch mehr auf die Fleischkarte erheben. Gleichzeitig werden die Fleischverkaufsstellen darauf aufmerksam gemacht, daß die Einlösungs- t ernt ine , welche auf den Abschnitten ersichtlich sind, unbedingt eingehalten werden müssen. Nach bem Verfalltag abgelieferte Abschnitte können nicht mehr beglichen werden.

Was soll das?

Rentenerhöhungen nur bei Wohlverhalten?

Unter der übrigens außerordentlich charakte­ristischen Heberschrift „Sozialpolitische Zukunsts­wechsel" kann man in der regierungsoffiziösen „DAZ." (Abendausgabe vom 20. Oktober 1932) einiges Erbauliche lesen. Wird mit der erwähnten Heberschrist bereits ganz brüsk ausgesprochen, daß ine neuerlichen Vergünstigungen gar nicht auf unmittelbar realer Grundlage ruhen, sondern „Wechsel", also immerhin etwas Problemati­sches und noch dazu für die „Zukunft" barftellen, so muß es noch mehr verblüffen, an welche Vor­bedingungen die Einlösung solcher Wechsel geknüpft ist. Es wird da gesagt, daß nur eine „günstige Entwicklung der Konjunktur die Möglich­keit gibt, die ersten vorsichtigen Schritte noch zu ergänzen". Und es herßt dann weiter:

„Ob diese Voraussetzungen eintreten werden, hängt in der nächsten Zeit sehr wesentlich von den Auswirkungen des Wirtschaftsprogramms, damit aber auch von der G esamth altung der Gewerkschaften ab."

Was soll das? Sollen für ein Scheitern der Aktion, die sich aus der Unmöglichkeit der Finanzierung ergeben könnte, die Gewerk­

schaften verantwortlich gemacht werden? Es wird nämlich ganz unverblümt damit gedroht, daß dir Aktion „zum Scheitern verurteilt bleibt", wenn die Gewerkschaften und Parteien den Zweckopti­mismus der Reichsregierung wegen der günstigen Konjunkturentwicklung sich nicht zu eigen machen! Es wird mit aller Deutlichkeit, die an Kälte gar nicht mehr zu überbieten ist, ausgesprochen:

„3n den Wechseln, die jetzt auf die Zukunft gezogen werden, liegt zugleich eine starke neue Verpflichtung, alles zu vermeiden, was die optimistischen Schätzungen des Arbeitsmarstes wie­der in Frage stellen würde."

Danach muß man an die optimistischen Schät­zungen der Arbeitsmarktbesserung einfach glauben. Jede Nachprüfung und Kritik ist verboten, und jeder Zweifel an der Richtigkeit der Schätzungen ist auch untersagt. Hub wer nicht glaubt, was ihm erzählt wird, erhält auch kein Anrecht an den „sozialpolitischen Zukunftswechseln".

Wir haben es ja herrlich weit gebracht! Mit solchen Methoden, aus denen der Aerger bestimm­ter sozialreaktionärer Kreise wegen der von der Regierung beschlossenen, ohnhin auch jetzt noch vollkommen unzulänglichen Verbesserungen spricht, wird man die psychologischen Grundlagen für die Wirtschaftsbesserung und für den Glauben an die Güte und den Erfolg des Regierungsprogramms ganz bestimmt nicht fördern. Ebenso wenig, tote sich die harten und realen Tatsachen wegkom­mandieren lassen, ebenso wenig lassen sich nüch­terne Zahlen für einen unangebrachten Zweck­optimismus kommandieren, noch weniger aber las­sen sich Glauben und Vertrauen dittieren!

Landesrentnerei Fulda.

Nach einer Bekanntmachung des Herrn Landes­hauptmann in Kassel wird die ßanbesrenterei in Gersfeld Ende Oktober aufgehoben. Ihre Ge­schäfte gehen ab 1. November auf die Lanbes- renterei in Fulda zurück.

Laßt Hunde und Sahen nicht unbeaufsichtigt herumtaufen.

Nach § 6 der Tier- und Pflanzenschutzverordnung vom 16. Dezember 1929 ist es verboten, Hunde und Katzen außerhalb der öffentlichen Wege unbeaufsichtigt umherlaufen zu lassen. Als unbeaufsichtigt gilt ein Hund, wenn er ohne Begleitung oder von seinem Füh­rer so weit entfernt ist, daß eine Einwirkung auf ihn nicht mehr möglich ist. Eine Katze ist unbeaufsichtigt, wenn sie mehr als 3 0 0 Meter von dem nächsten bewohnten Hause entfernt ist. Für die Durchfüh­rung dieser Borschrist ist der Tierhalter oder, wenn eine andere strafmündige Person die Aufsicht über das Tier übernommen hat, diese verantwortlich. Des weiteren be- stimmt § 12 der Tier- und Pflanzenschutzverordnung, daß derjenige, der den Bestimmungen dieser Verordnung zuwiderhandelt, nach § 29 und § 30 des Feld- und Forst­polizeigesetzes mit Geldstrafe bis zu 150 RM. oder mit Haft bestraft wird, soweit nicht schärfere Strafbestimmun­gen anzuwenden sind. Es bedarf keiner Ausführungen, daß die Durchführung dieser Bestimmungen der Tier- und Pflanzenschutzverordnung für die Erhaltung des Wildstandes von größter Bedeutung ist, sind doch srei umherlaufende Hunde und Katzen die gefährlichsten Feinde des Wildstandes. Zahlreiches Jungwild füllt ihnen zum Opfer.

Die Hagelschäden im Jahre 1932,

Der Verband deutscher Hagelversicherungensvereine auf Gegenseitigkeit in Berlin teilt mit:

Gegenüber besonders schweren Hagelschäden des Jahres 1931 brachte die nunmehr abgelaufene Hagel- zeit dieses Jahres eine Besserung mit Ausnahme des östlichen Gebietes, das wie im Vorjahre wieder sehr ver­lustbringend aewffen ist. Die ersten Schäden setzten be­reits Mitte April, also sehr frühzeitig ein, die letzten Meldungen lauten von Ende September. Die meisten Schadentage wiesen die Monate Juni und Juli auf. Besonders schwere und zahlreiche Schäden brachte der 22. Mai und 31. Juli.

Wie im Vorjahre, so hatten auch in diesem Jahr die Provinzen Ober- und Niederschlesien wieder außer­gewöhnlich unter Hagelschäden zu leiden, daneben aber auch Ostpreußen, Südhannooer und die Rheinprovinz sowie einzelne Teile der Provinz Brandenburg. Her­vorzuheben ist, daß im übrigen verstreut zahlreiche Ge­meinden vom Hagel heimgesucht wurden, die seit langen Jahren (z. T. 30, ja über 50 Jahren) fast völlig von Hagelschaden verschont waren.

= Termine bet Leipziger Frühjahrsmesse 1933. Die Leipziger Frühjahrsmesse 1933 beginnt Sonntag, den 5. März. Schluß der Textilmesse ist Mittwoch, den 8., der Sportartikelmesse und ebenfalls der Möbel­messe am Donnerstag, den 9., der übrigen Zweige der Mustermesse Samstag, den 11. März, mittags, wäh­rend die Große Technische Messe und Baumesse aus dem Ausstellungsgelände bis Sonntag, den 12. März abends, geöffnet bleibt. __________________

Vier Schlangen und eine Hand.

Auf ben Anschlagsäulen sehen wir ein, — von ästhetischem Standpunkt aus betrachtet sehr ge- schmuckloses — Plakat, bas vier verschieben far­bige Schlangen zeigt, denen eine blaue Hand die Kehle zudrückt. Die Schlangen-Häupter im Vor­dergrund zeigen Hakenkreuz, drei Pfeile und 6i- chel und Hammer. Die Schlange im Hintergrund, ohne besondere Kennzeichen, ist schwarz. Jeder fragt: wer ist die blaue Hand? Aber diese Hand ist — a n o n y m. Man kann sich allerhand denken. Bor allem hört man die Frage: Wer bezahlt diese Wahlpropaganda gegen die großen deut, schen Parteien und für die Machtergrei­fung durch die Hand ohne Namen, die Hand aus dem Zwielicht, die starke Hand?

Man redet heute viel von „T a r n u n g". Al­les wirb getarnt. Der „Bayerische Kurier" gibt ben Text einer Einladungskarte wieder, die von der „Deutschen Prästdialpartei" ausgeht. Diese Partei ist also da, so oft sie auch abgeleugnet wor­den ist, ganz gleich, ob sie nun mit eigenen Kandi­daten hervortritt, oder nicht. Wie das jetzt so Mode geworden ist, gibt man anscheinend dieser Partei einen Klub-Charakter, der nach Art der Freimaurer, ohne persönlich hervorzutre­ten, seine Fäden spinnt. Seltsame Dinge weiß auch die „Bayerische Volkszeitung" zu berichten, die man aufgefordert hat, Bildbeilagen er­scheinen zu lassen, die „für Hindenburg und die von feinem Vertrauen getragene Regierung" wer­ben. Auch hier ist der Auftraggeber nicht ersichtlich, und man weiß nicht, wer diese Sa­chen bezahlt. Wer immer diese Sachen zur Unter- stützung der „Rundfunk-Partei" aufzieht, den Reichspräsibenten sollte man aus bem Spiel las. fen. Sobald er gewählt ist, steht er über den Parteien, nur verpftichtet bem ganzen beut« schen Volke, bas sich vorläufia feine politischen An­sichten noch nicht von einer „Präsidial-Partei" vor­schreiben zu lassen braucht.

*

Offenbar auf bas unerhörte Plakat bezieht sich folgenbe Notiz bes offiziösen Nachrichten-Büros:

In einem Berliner Morgenblatt wird der Reichsregierung der Vorwurf gemacht, sie finanziere auf dem Wege über die Werbezen­trale „Volksdienst" Propagandaplakate, die ge­eignet feien, die Zersplitterung im deut­schen Volke zu verschärfen. Von zustän­diger Stelle wird dazu erklärt, daß die Werbe­zentrale „Volksdienft" keinerlei Organisa. tion bes Reiches ift unb keinerlei staat­liche Selber bezieht.

Immerhin hatte bie Gründungsversammlung dieses von dem Rittmeister mit bem schwer zu behal­tenden Namen gebildeten „Dolksdienstes" die Ehre, Reichskanzler v. Papen in ihrer Mitte zu sehen.

— Familien-Kachrichlen. Der ältesten Insassin des Evangelischen Altersheim „Emmaus", Frau Elisabeth Bähr, ist es am 23. Oktober vergönnt, bei körperlicher und geistiger Rüstigkeit ihren 8 8. Geburtstag zu feiern.

Mit dem

DIE WELT IN MASS UNDZAHL

In Halbleder 42,5’oniatk

PROBEDRUCK BEIM BUCHHÄNDLER

VERRA T AN WÜLTMANN

17. Fortsetzung

Von G. Panstlngl

Copyright 1932, by Dr. G. Panstlngl, The Hague, Holland

Seit jener Zeit hielt Wachtel feine Augen offen. Don den komplizierten Maschinen verstand er ja wenig. Aber feine beiden neuen Freunde gaben ihm willig jede ge- wünschte Aufklärung. Sie stellten ihn nun auch bei anderen Maschinen ein, und langsam durchlief er so einen völligen Lehrkursus. Das schwierigste war die Drehbank. Aber Wachtel begriff rasch.

Und er begriff auch, daß sich das, was er an der Bohrmaschine bemerkt hatte, in mehr oder minder deut­licher Weife an allen anderen Maschinen wiederholte. Noch übersah er die Zusammenhänge nicht klar. Aber die Tatsachen sah er.

Cs war, als ob sich unter der ganzen Zahl der Ka- weraden ein kleiner Kreis von Rädelsführern befinde, deren Ziel es war, so unauffällig, aber auch so gründ- llch wie möglich den Wert der Arbeitsleistung sinken zu lassen. Dabei half ihnen der große Rest der Leute eben« f° unbewußt wie willig mit.

Sie haßten die Russen, sie haßten den Krieg und bat- JCI> wenig Achtung vor dem Können der russischen Fach­leute. Die Kontrolle war oberflächlich und ungenau, Und wenn schon einmal ein allzuschlechtes Stück bean­standet wurde, dann sprang der Feldwebel ein, der schon Tanz gut russisch radebrechte und ersann mit außer- Tewöhnlichem Geschick eine stichhaltige Ausrede.

Einmal stand eben einer seiner Kameraden an der m't höchster Geschwindigkeit sich drehenden Schleifscheibe *lnb schliff einen Fräser, während Woltmann-Wachtel jelbst seitlich hinter ihm mit dem Bohrer in der Hand wrs das Freiwerden der Maschine wartete. Plötzlich ein schlag, und die Schleifscheibe sprang in Stücke, die mit der vollen Gewalt der Drehung hinausgeschleudert wur­den.

Der Mann an der Scheibe stürzte mit einem gellen­den Schrei schwer verletzt zusammen. Wachtel fühlte einen brennenden Schmerz im Gesicht und taumelte zu­rück. Ein abprallendes Stück des Steines hatte ihn ge­troffen. Von allen Seiten liefen die Leute zusammen. Wögerer und der Feldwebel halfen, so gut sie konnten, Ordnung in den Tumult zu bringen. Im ersten Augen- blick sah es so aus, als ob ein Auge Wachtels verloren fei. Beim Abwaschen des Blutes aber zeigte es sich, daß ein scharfkantiges Stück ihm mit großer Gewalt quer über das Gesicht geschnitten hatte. Der Schnitt begann auf der linken Wange und lief nach rechts steil über den Nasenrücken in die Stirnhaut. Es war eine häßliche, tiefe Fleischwunde, die Nasen- und Stirnbein bloßlegte. Glücklicherweise war auf der Station ein Arzt anwesend, der sofort zu Hilfe kam.

Dem Mann an der Schleifscheibe gab er einen Not­verband und ließ ihn ins Spital schaffen, wo dieser später dann an Blutvergiftung starb. Wachtels Wunde reinigte er, holte einen kleinen Splitter des Nasenbeins heraus und vernähte sie. Darauf legte er einen Not­verband darum, und zum zweiten Male in feinem Leben trug Wachtel einen Verband, der ihm beide Augen be­deckte. Die Heilung nahm einen normalen Verlauf, so daß er nicht ins Spital gebracht werden muhte. Nach Abnahme des Verbandes blieb eine starke Narbe zurück, die mtt der Zeit wohl etwas schwächer wurde und ver­blaßte, aber doch sehr deutlich sichtbar war. Die Ver­letzung des Nasenbeins hatte eine leichte Verformung der Naselinie zur Folge, und als Wachtel sich später wieder einmal int Spiegel besah, stellte er mit grimmigem Ver­gnügen fest, daß das Schicksal alles getan hatte, um ihm ein anderes Aussehen zu geben. Die Narbe entstellte

ihn nicht unbeträchtlich. Der Nasenrücken hatte einen leichten Höcker, zwischen den beiden Augenbrauen zog sich eine Narbenwulst hin, und die rechte Augenbraue war etwas höher gerückt als die linke. Wachtel war nun ganz sicher, daß keiner seiner früheren Kameraden aus dem Offizierslager ihn erkennen konnte. Die Ge­fahr war also auch erledigt.

12.

Ueberraschende Enthüllungen.

Zwischen Wachtel, Wögerer und dem Feldwebel hatte sich eine Art Freundschaft entwickelt, soweit dies bei dem zurückhaltend »1, menschenscheuen und mißttauischen Wachtel übe *.upt möglich war.

Eines Tages sah Wachtel, daß Wögerer einige Hände voll Sand einsammelte und dann den Sand in kleinen Mengen — etwa in der Größe einer Walnuß — sorglich in dünnes Papier verpackte. Das Papier riß er aus einem alten Kopierbuch. Solche alte Kopierbücher bekam man auf dem Omsker Abfallmarkt gegen ein paar Ko­peken, und die Leute hatten sie nach Hause geschleppt, weil sich das Papier ganz gut zum Zigarettendrehen ver­wenden ließ.

Wögerer aber machte Sandballei davon und steckte sie ein, als ob sie ein kostbares Gut seien. So gleich­gültig und teilnahmslos Wachtel auch war, die Sache wunderte ihn doch. Der Feldwebel kam zufällig auch hinzu und schien gar nichts Auffälliges darin zu sehen. Beim Weggehen fragte ihn Wachtel um die Bedeutung der Sache.

„Diese Ballen sind für die Schmierlager der Wagen- achsen bestimmt. Sobald ein Wagen fertig repariert und bereit zum Abliefern ist, läßt Wögerer so einen Ballen in die Schmierdose fallen. Der Sand verteilt sich im Lager, und die Achse läuft heiß."

„Unb kommt man da nicht sofort darauf?"

„Das ist nicht so einfach. Die Sandballen sind in dreifaches Papier gedreht. Das Fett »oft das Papier lange nicht so schnell auf wie Wasser Das dauert schon eine Zeit. Gewöhnlich muß der Wagen ein paar Stun­den laufen, bevor der Ballen durch das Stoßen zerrüttet ist. Dann dauert es noch ein paar gute Kilometer, bis das Lager warm ist und der ganze Zug stehenbleiben

muß. Wer soll dann feststellen, wie der Sand in da» Lager gekommen ist?"

Wögerer war sicher ungebildeter als der Feldwebel, aber er war raffiniert beim Erfinden von unauffälligen Zerstörungsweisen. Er war ein geschickter Arbeiter und ein verbissener Sozialdemokrat. Der Russenhaß hatte verschiedene Gründe bei ihm. Einerseits verfolgten die Russen die Sozialdemokraten, andererseits behandelten sie die Gefangenen allesamt elend, und endlich waren sie minderwertige Mechaniker. Das letzte wog schwer in den Augen Wögerers.

Eigentlich war es erstaunlich, daß zwischen ihm und dem Feldwebel sich ein so gutes VerhiUtnis entspannen hatte; denn der Feldwebel war kein Sozialist. Das wußte Wachtel, da er sie ein paarmal über politische Lehren hatte streiten hören.

Der Feldwebel war ein ganz eigenartiger Mensch, der, wenn man ihn näher kennenlernte, manche Wider­sprüche auswies. Er hieß Joses Hinterhalter, kam aus der Steiermark, war Berufssoldat, kräftig gebaut und hart in seinen Ausdrücken. Er konnte saugrob werden, was bei einem Feldwebel ja nicht gerade auffiel. Aber es schien ihm nicht von Herzen zu kommen. Unter der harten Schale war er gutmütig. Das hatte Wachtel selbst schon öfters erfahren. Außerdem besah er einen tüchtigen Schuß natürlichen Hausverstandes. Seine gei­stige Ueberlegenheit war unbestritten und begründete weit mehr als seine Stellung die Macht, die er über die anderen ausübte. Dabei war er körperlich sehr stark, und wenn es unbedingt nötig war, so scheute er sich nicht, seine Kraft auch zu benutzen, ohne aber zum Tyrannen zu werden. Eigentlich war er ein ganz wertvoller Mensch und zwang den andern Achtung ab.

Wachtel, der für nichts besonderes Interesse fühlte, dachte auch nicht über ihn allzulange nach. Ueberraschend wurde die Sache für Wachtel erst, als er einmal ganz zufällig ein Buch in der Hand Hinterhalters sah, das dieser rasch zuklappte, als Wachtel sich näherte. Dabei entglitt es ihm und fiel auf den Boden, wo es liegen blieb, daß die Titelseite offen stand.

Wachtel sah, daß es „The picture of Dorian Grey" von Oskar Wilde war.

Fortsetzung folgt