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irr. 241

Fuldaer Zeitung. (Amtliches Kreisblatt)

Dienstag, den 18. Oktober 1932

Heimat

Fulda, den 17. Oktober 1932.

Burgfrieden an Allerheiligen und Allerseelen.

Der Reichsminister des Innern teilt auf eine dahingehende Anfrage mit, daß „der Erlaß eines allgemeinen Burgfriedens für den 1 und 2. November beabsichtigt fei." J. Man würde es im katholischen Volk auch nicht verstehen, wenn an den beiden genannten Tagen, öie dem Gedächtnis der Toten geweiht sind, nicht für absoluten Frieden gesorgt würde.

Die Neugliederung der Landkreise endgültig ab­geschlossen.

In einer Kleinen Anfrage war das Staats- viinisterium gefragt worden, ob es bereit fei, die Aufteilung des Kreises Biedenkopf rückgängig 3u machen, wie dies von der Bevölkerung gewünschl werde. Daraufhin hat der Reichskommissar 2)r. Bracht geantwortet, daß die Neugliederung der Landkreise mit der die Verordnung vom 1. August 1932 ergänzenden Verordnung vom 27. Septem­ber 1932 endgültig abgeschlossen worden ist.

Forkbildungszuschüsse für Schulamtsbewerber.

Der preußische Kultusminister hat durch Verfü­gung vom 14. Juli die Regierungen ermächtigt, die Schulamtsbewerber des Prüfungsjahrganges 1932 vom 1. September ab in den Kreis der Emp­fänger des Fortbildungszuschusses einzubeziehen und ihnen Zuschüsse nach Maßgabe der allgemein geltenden Bestimmungen zu gewähren.

Ktaatsbeihilfen für private Schulen.

Durch Ministerialerlaß hat Preußen die Be­dingungen für Staatsbeihilfen für private mitt­lere Schulen neu geregelt. Der Staat er­kennt eine Verpflichtung für Gewährung an private Schulen n i ch t an. Er ist aber be­reit, soweit es sich um Anstalten handelt, deren Weiterbestehen im öffentlichen Interesse liegt, nach Maßgabe seiner beschränkten Mittel und unter be­stimmten Bedingungen sie bei der Aufbringung der Unterhaltungskosten zu unterstüßen. Der Staat macht es allerdings den Schulträgern der privaten mittleren Schulen zur Pflicht, alle Einnahme­möglichkeiten zu erschöpfen, ehe die Gewährung einer Staatsbeihilfe in Frage kommen kann. _________________

Volk und Regierung.

Am Samstag mittag hatten sich die Ver­trauensmänner der Zentrumspartei indem neuen Landkreis Fulda (früher Fulda-Land und Gersfeld), in der Harmonie ver­sammelt. Bürgermeister He r b e r t - Zirkenbach, als Vorsißender der Parteiorganisation im bisheri­gen Landkreise Fulda, konnte eine stattliche Schar von Vertretern der bodenständigen Bevölkerung unserer engeren Heimat willkommen heißen. Ein­gehend sprach Reichstagsabgeordneter Dr. Crone- Münzebrock über die politische Lage. Land- tagsabgeordneter R h i e l und Arbeitersekretär Geltings ergänzten die Ausführungen. In einer sehr regen Aussprache wurden zahlreiche dringende politische Fragen angeschnitten.

Es ist sehr lehrreich, heute in solchen ungezwun­genen Aussprachen festzustellen, wie dasVolk die neue Regierung.?Methode auf­nimmt. Jedenfalls kommt man viel schneller hinter die Wahrheit, wenn man solche Debatten miterlebt, als wenn man sich auf die offiziellen Ver- lautbanmgen der Telegraphen-Büros und ähn­licher Mittel der Propaganda, die der jeweils herr­schenden Richtung zur Verfügung stehen, verläßt. Solche Aussprachen zeigen, daß m i n d e st e n s die Zentrum sparte! über geschulte, klar

denkende Wähler verfügt, die gar nicht daran den­ken, kritiklos ein 3E für ein U hinzunehmen, weil Interessenten • Gruppen dahingehende Wünsche haben. Durch recht viele, sich freilich oft widersprechende Taten kann bei den kri­tisch eingestellten Beobachtern durchaus nicht den Eindruck erwecken, als ob nur wirk­lich etwas geschieht. Die Hoffnung der hinter dem Herrn von Papen stehenden Kreise, durch Uebergeschäftiakeit den Eindruck zu erwecken, als ob unter Brüning sowohl in der Außen- als auch in der Innenpolitik nichts geschehen sei. wird sich nicht erfüllen. Man weiß, was los ist.

Folgender Beleg, wie Richtigkeit und Firigleit sich in den Haaren liegen: Das „Reichsgeleßblatt" 1932 I enthält unter der lieber« schrift ..Druckfehlerberichtigung" auf Seite 346 eine Ausstellung von nicht weniger als 34 Aenderunaen. die in die zwei Wochen vorher publizierten Richtlinien für Devisenbeschaf­fung einzufügen sind. Druckfehler in einem Reichsgeseßblatt, das nicht wie eine Zeitung in wenigen Stunden, sondern mit einiger Ruhe her- gestellt wird, sind schon eine mißliche Sache. Liest man aber die sogenannte Druckfehlerberichtigung genau durch, so stellt man mit Erstaunen fest, daß die wenigsten Aenderungen Druckfehler im tech­nischen Sinne betreffen. Ganze Säße werden neu gefaßt, Einschaltungen vorgenom­men, die das Anwendungsgebiet der Vorschriften erheblich erweitern; neue Begriffe werden eingeführt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: ent­weder erfolgte die Veröffentlichung nach einem nicht völlig korrigierten Entwurf. Oder man hat nachträglich die publizierten Vorschriften abändern wollen. Auf jeden Fall ist diese „Druckfehlerberich­tigung" eine bezeichnende Folge der Art von Ge- setzesmacherei die unter dem neuen „System" üb­lich geworden ist. Unter Brüning wurde alles dreimal überlegt, bis schließlich ein Gesetz zu­stande kam, das allerdings dann hieb- und stichfest war. — Ungeschulte Wähler wer­den nach solchen Unterschieden nicht fragen. In geschulten Wählerkreisen wird Fixigkeit nicht mit Richtigkeit gleichgestellt.

Auch sonst sind unsere Wähler für den kom­menden Wahlkampf geistig gerüstet. Man macht sich feine Gedanken über bie neue Perso­na l p o l i t i k (Ostelbien!). Man sieht, wie die Bürokratie daran geht, die bisher bestehenden Schußmaßnahmen gegen das Ueberhand- nehmen bürokratischen Gei st es abzu­bauen. Man hört die Signale von der Tagung des Evangelischen Bundes in Kassel. Man rüstet zur Abwehr. Das Zentrum ordnet seine Scha­ren. Diejenigen werden sich schwer täuschen, die da meinen, mit Kavallerieattacken ließe sich der Zentrumsturm überrennen. Man wird am 6. November zur Stelle sein.

heftige Regengüsse

kennzeichneten das diesmalige Wochen-Ende. Schnell machen die Zeichen Fortschritte, die das Sterben der Natur verkündigen. Das Laub fällt, das Grün schrvindet. Noch ein paar Tage und Allerseelen zieht durchs Land.

Meviel Jäger gibt es in unserer Provinz?

Im Rechnungsjahr 1930/31 wurden im Regie­rungsbezirk Kassel im ganzen 5177 Jagd­scheine, darunter 4145 Iahresjagdscheine, aus­gestellt. Im Regierungsbezirk Wiesbaden waren es nur 4107, darunter 3 565 Iahresjagdscheine.

Hessen-Nassaus höhere Schulen.

Nach der leßten amtlichen Erhebung bestehen in Hessen-Nassau 64 höhere Knaben- und 36 höhere Mädchenschulen. Die Knabenanstalten wurden im Schuljahr 1931/32 von 20 900, die Mädchenanstal­ten von 10 200 Schülern und Schülerinnen besucht. In den Knabenanstalten unterrichten 1105, in den

Mädchenschulen 579 planmäßige Lehrpersonen. Im

Durchschnitt besuchen in Hessen - Nassau von 1 000 Einwohnern nicht weniger als 12 eine höhere Schule. _____________

Mal- und ZnslruMnkal-konzerl.

Zwei Männergesangvereine — Musikverein Bioneck.

Eauchormeister Pam R ü b, ö m hatte für das gestrige Konzert ferne beiden Vereine, die Gejangabtei- lung des katholischen Gesellenvereins Fulda und die „Eintracht"-Horas, vereinigt zu einem Klangkörper von ansehnlicher Fülle, der mit lauter Tonschöpfungen leben­der Komponisten aufwartete. Genaue Intonation, Si- cherheit und straffe Disziplin find ihm eigen; die dyna­mische Ausgleichung kann noch verbessert werden. Die Darbietunegn gelangen im Hinblick auf den hohen Schwierigkeitsgrad der modernen Chöre, wo jede Stimme der Stütze der anderen entbehrt, recht gut. Dem Goethejahr wurde durch vier Lieder Rechnung getra­gen in denen die Gedanken des Dichters beredt in die Tonsprache übertragen find. Sie erschienen gleich­falls in feiner Ausarbeitung. Besonders gefielen Bau­manns Der König m Thule, bearbeitet von Bua, das frei erfaht und mit einfühlsamer Untermalung gesun­gen wurde. Auch Baumanns Des Wanderers Nacht- lied sowie Heinrichs Wanderlied erzielten in ihrer echten starken Erfindung tiefe Wirkung. Erfreulich war der Vortrag der Volkslieder von Böhme, Rein, Schantz, Knab, Milarch und Haust er, d:e natürlich und schlicht dahingesungen wurden, und voll den Beifall verdienten, den sie fanden, wenn schon die gutge­meinte Flöte-, Schlagzeug- und Tiommelbegleitung von Lied der Trornrnei und Drei Lilien mehr dekorativ als rnusitallsch wirkte. Die Hauptwerke des Abends: Tmnks Fiarnrne empor und besonders Siegels Fest­licher Hymmis packten durch ihre schwungvolle Wieder­gabe und rissen die Hörer zu lebhaften Kundgebungen des Dankes hm. In dem begeisterten Text dieser va­terländischen Chöre gefeilten sich eine sehr ansprechende Vertonung und eine wuchtige Jnstmmentwn, tue der Musikverein Bwneck recht gut m Erscheinung treten liest.

Es sei hier erwähnt, datz der Musikverem Bionecl sich dank der sorgfältigen Schulung durch seinen fleisti- gett Dirigenten Franz Weder zu einem Liebhader- orchester von Qualität entwickelt hat, das sich beson­ders auszeichnet durch reine Stimmung, sowie Sinn für Rhythmus uno Klangschönheit. Es erbrachte seinen Befähigungsnachweis durch den eindrucksvollen Vor­trag von Werken, die man nicht ohne weiteres entern Liebhaberorchester anvertrauen darf, wie Beethovens Marsch aus dem Es-dur Konzert und dem Vorspiel zu Goethes Egmont und Solveigs Lied von Gneg. Die freubtge Anerkennung seiner Leistungen blieb dem Musikverein Broneck nicht versagt.

Das Konzert war leider nur mätzig besucht.

Anton Metzlet.

Klagen der Kino-Besitzer.

2 000 Lichtspieltheater wechselten im letzten Jahre teils mehrmals den Besitzer.

In der Mitgliederversammlung des Landes­verbandes der Lichtfpieltheaterbesißer von Hessen und Hessen-Nassau machte der Derbandsvorsißende Matter, Frankfurt a. M„ interessante Ausführun­gen über die Lage des Gewerbes. Von den 5 057 Lichtspieltheatern in Deutschland mit 1 988 000 Plätzen haben im leßten Jahre rund 2 000 min­destens einmal, meist zwei- und dreimal den In­haber gewechselt Die Zahl der Vefucher sei um 13.7 Millionen zurückgegangen. Rund 3 500 Theater spielen Tonfilme. Die Gesamtbruttoein­nahmen aller Kinos beliefen sich im leßten Jahre schätzungsweise guf 250 Millionen M bei 350 Millionen Besuchern. Don der Lust- barkeitssteuer-Einnahme von jährlich 90 Millionen werden 24—26 Mill Jt vom Lichtspielgewerbe aufgebrgcht. Ferner zahlen die Theaterbesißer rund 25 Mill, an Gehältern und Löhnen. 45 Mill an

[licht Hutpeitschung, sondern tiefer Sdilcii gibt neue Kräfte«

Dorwwi Kaffee fitag«

Miete und Pacht, 28 Mill für Reklameaufwendun­gen. 70 Mill für Leihmieten 5 Mill. M Um­satzsteuer und rd. 35 Mill, sonstige Steuern, So- zialabggben usw. — Mgtter wandte sich in seinen weiteren Ausführungen gegen die V e r g n ü - gungssteuer und verlangt, daß auch die Kino- besitzer in die Nutznießung der Steueranrech­nungsscheine gelangten. Hinsichtlich der Be- dürfnis- und Konzessionsfrage stände die Reichs­regierung auf dem Standpunkt, daß die Bedürfnis- frage nur auf dem Weg der Konzession zu regeln sei; hiergegen wende sich der Verbgnd. Im Falle der Einführung einer Konzession verlange er, daß die Kozession nur auf die Person, nicht auf das Haus oder Theater gelegt werde.

Bezüglich der politischen Einstellung des Ver­bandes wurde betont, daß der Lichtspieltheater- Verband eine Wirtschaftsorganisation sei, die per« teipolitisch völlig neutral bleiben müsse, was aber nicht ausschließe, daß die politischen Parteien für die Interessen des Gewerbes zu interessieren seien.

Droben fkehek die Kapelle.....

Die feierliche Einweihung der neuen Vergkapelle auf der Milseburg.

Trauer herrschte in der ganzen Rhön, als sich vor zwei Jahren die Kunde verbreitete, ein Blitz­strahl habe das kleine Heiligtum auf der viel­besuchten Milseburg zerstört. Viele Monate lang starrten dem Besucher rauchgeschwärzte Ruinen ent­gegen. Der Berg hgtte gleichsam eine offene Wunde. Aber die Bauern der Umgebung zogen nach wie vor an den traditionellen Festtagen der Milseburg­kapelle auf den Berg, und es war ein erschüttern­des Bild, wenn auf dem zerstörten Altar und rings in dem kleinen Chorraum Hunderte von kleinen Opferkerzen flackerten, während der Sturm um die Mauern fegte und sich in den fensterlosen Gebäude­resten fing.

Man hatte die Gewißheit, die Kapelle wird wieder aufgebaut, schöner und größer als je. Der Milseburgpfarrer würde schon Mittel und Wege finden, um seinen Plan zu verwirklichen. Und rascher als man in einer Zeit wirtschaftlichen Un­terganges hoffen durfte, konnte das Werk begon­nen werden. Operfreudige Freunde der Rhön hal­fen. Kunstverständige Männer entwarfen den Plan. In diesem Sommer wurde er ausgeführt. Es war eine mühsame Arbeit, das neue Kirchlein fest in den harten Basaltfelsen zu verankern. Aus ihrem Rücken schleppten die Männer die zum Bau

notwendigen Steine, soweit sie nicht an Ort und Stelle gewonnen werden konnten, die steile Fels- kuppe hinan.

Am gestrigen Sonntag konnte nun die fest­liche Weihe des kleinen Gotteshauses stattfinden. Alles ist fertig; nur der Jnnenraum soll noch von Ferdinand Lammeyer ausgemalt werden. Un­serem jungen Fuldaer Künstler ist damit eine Auf« gäbe gestellt, der er sich mit Hingabe widmen wird. Der Kapellenbau ist architektonisch einfach und darum gut. So muß eine Bergkapelle sein. Wie ein breiter Sockel ist sie vor die Kreuzigungs­gruppe gestellt. Das flache Kupferdach und das breite Glockentürmchen ragen nicht über die Ber­gesspitze. An der wettergeschüßten Seite öffnet das Kirchlein seine Pforten so breit als möglich, so daß die vielen, die auch in der neuen Kapelle an Festtagen keinen Platz finden, von der Teil­nahme an der heiligen Handlung nicht ausgeschlos­sen sind. Durch die Aufführung einer Mciuer hat man vor der Kapellenpforte einen geräumigen Rundplaß geschaffen, der Hunderte fassen kann. An der Stützmauer steht auch die Kanzel, von einem mächtigen Schalldeckel überwölbt. Der Milse­burgpfarrer wird von hier aus, mit dem Blick nach der Kapelle, seine packenden Predigten halten.

Schon^Si^^gen.

M

VERRAT

AN WOLTMANN

13. Fortsetzung

Von G. Panstlngl

Copyright 1932, by Dr. G. Panstlngl, The Hague, Holland

Woltmann sah ihm ernst und unbeweglich nach.

Nach einiger Zeit klappte er das Medaillon zu und legte es weg. Dann schloß er die Augen.

Noch am selben Tag machte er die Wanderung vom Veit zum Tisch ohne Hilfe.

Fünf Tage später ging er zum ersten Male in den Hof hinunter.

Der Assistenzarzt beobachtete ihn von einem Fenster aus und war riesig stolz auf seinen Erfolg.

Woltmann durchlebte einen Werdegang, der ihn ver­änderte Noch war er sich selbst nicht klar darüber, daß in ihm Tag für Tag ein neues Gefühl wuchs und sein Denken bis in die äußersten Verzweigungen zu durch­setzen begann.

Manchmal sah er vor sich das Gesicht von Hasen- ouer. und es verzerrte sich zu einer Fratze. Er schloß die Augen, das Blut stieg ihm zu Kopfe, und seine Finger packten die harte Stuhllehne. Wenn er ihn fetzt vor sich gehabt hätte, er hätte ihn zerrissen, in Stücke Zerfetzt.

Dann wachte er müde aus den Gedanken aus und kam zur Erkenntnis seiner Ohnmacht.

Die Aerzte wunderte sich und freuten sich, daß seine Wiederherstellung nun Fortschritte machte, und es war ihnen ganz gleichgültig, welche Gefühle denn eigentlich •° stark gewesen waren, um diesen eigensinnigen Kranken vom Rand des Grabes wegzureißen.--

Ilangsam nahm Weltmanns Gedonkengang fester ge- fügte Bahnen an. Es war doch wertlos, sich an zügel- losen und undurchführbaren Rachephantasien zu berau-

L lchen. Niemand konnte heutzutage einen persönlichen Feind mit den Händen in Stücke reißen. Das erlaubte 61 e Neuzeit nicht mehr. Früher» ja, da kämpfte man

noch mit körperlichen Waffen, wenn man haßte. Oder man folterte feinen Gegner ein paar Tage.

Heute war man gemeiner! Heute gebrauchte man die raffinierten Mittel der Kultur, um jemanden zu ver­nichten oder zu quälen. Das dauerte länger und ver­wundete schmerzlicher.

Woltmann lachte bei dem Gedanken hell auf.

Es war das erste Mal, daß ihn jemand im Spital lachen gehört hatte. Der Wärter meldete es den Aerzten, und diese sandten ihm am nächsten Tage einen Band von Wolzogens Militärhumoresken. Beinahe hätte er damals zum zweiten Mal gelacht!

Immer klarer ordneten sich in seinem Gehirn die Ge­danken. Immer schärfer Umrissen formten sich in ihm neue Richtlinien.

Vor allem mußte er seine Gesundheit und Kraft wie­der erringen. Alles weitere hing von dieser Grundbe­dingung ob. —

Bisher hatte ihn der Haß auf den Lebensweg zurück- geführt, ohne daß er es wußte. Nun wußte er, was es war — und half zielsicher mit. Zuerst dehnte er seinen Spaziergang im Zimmer von fünf auf acht Minuten aus, dann auf zehn, dann auf zweimal zehn Minuten, und nach vierzehn Tagen konnte er schon dreiviertel Stunden ohne Unterbrechung in den Gängen marschieren. Frei­lich den Stock durfte er noch nicht zurücklassen. Als na­türliche Folge nährte er sich nun besser, und die Wechsel­wirkung von Nahrung und Hebung bewirkte rasche Fort­schritte.

Aus Woltmanns Menschenverachtung ragte turm­hoch eine Gestalt heraus — Hasenauer. Das war sein Feind, den er brechen mußte. Immer wieder stieg ihm das Blut zum Kopf, wenn er an ihn dachte. In Stücke

reihen!? Lächerliche Phantasien! Wozu war er. denn Bankmann und reich? Hasenauer war doch auch Bank­mann. Dort lag das Schlachtfeld. Und Woltmanns Denken verlegte sich in fein Fach zurück. Nicht mehr Fach, sondern als Waffe sah er seinen Beruf. Systema­tisch begann er Situationen aufzubauen, die ihn mit Ha­senauer ins Treffen führten. So wie seiner Zeit im Dienstjahr beim Militär manchmal Hebungen auf dem Papier gemacht worden waren, bei denen ausgeklügelte Situationen ausgefochten werden mußten, so ersann Woltmann nun Situationen auf dem Schlachtfeld der Finanzen. Was dort die Granaten und Schrapnells wa­ren, waren für ihn der Wechsel und die Aktie, und mit dem übernatürlich geschärften Blick des von einer Idee Besessenen ahnte er ein Chaos voraus, das nach dieser Bluthölle kommen mußte. Was für ein Chaos, das wußte er nicht. Vielleicht war es so wie in den Jahren 1870 und 1871. Aber jedenfalls bewegte Zeiten würden kommen, bis das Pendel der Weltwirtschaft wieder gleich­mäßig tickte.

Unb bewegte Zeiten waren das, was er zu feinen Plänen brauchte. Da konnte man den Feind in eine ge­waltige Falle locken. Besonders Hasenauer, der ja eine Spielernatur war. Woltmann schmunzelte bei dem Ge­danken, und ihm selbst unbewußt trat fein Haß in einen neuen Abschnitt.

Er war kalt, berechnend.

Er hatte ja Zeit. Bei der ganzen Sache war ja wirk­lich keine Eile.

Menschenverachtung und Haß erstarrten in Ihm zu einem Götzenbild, dem er seine Opfer würdig bringen wollte.

Seine erste Arbeit mußte die Vernichtung Hasenauers fein, und die konnte warten. Sie traf viel härter, wenn sie nach Jahren der Sicherheit kam. So hatte Woltmanns Leben ein Ziel bekommen, das er nun in aller Ruhe ver­folgen konnte.

10.

Woltmann verschwindet.

Woltmanns Gesundheitszustand hatte sich schon so weit gebessert, daß er diese Besserung zu verbergen be­gann. Er legte sich eine neue Tageseinteilung zurecht. Er

stand sehr zeitig am Morgen, wenn es noch dunkel war, auf, rieb sich mit kaltem Wasser ab und machte bann im Waschraum, ber um diese Zeit ganz verlassen war, tur­nerische Hebungen. Bisher hatte er ja eigentlich nur seine Beine geübt. Nun übte er auch seine Arme. Zuerst machte er nur freie Armübungen, bann füllte er eine Gießkanne, welche dazu bestimmt war, Kranke abzubu- schen, unb benützte sie als Turngerät. Natürlich füllte er sie im Anfang nur zu einem Drittel.

Nach einer solchen Hebung machte er einmal einen Runbgang burch bas Spital. Obwohl er nun schon sechs Monate bort war, kannte er eigentlich nur sein eigenes Zimmer unb bas Stück Gang, welches bavor lag. Das Haus war groß, unb bie Gefahr, daß er jemand begeg­nen könne, war beinahe ausgeschlossen. Die zwei Sol­daten, die Nachtdienst hatten, waren ja immer anwesend, aber gewöhnlich schliefen sie im Jnspektionszimmer und mußten eben geweckt werden, wenn ein dringender Fall kam.

Die russische Wache schlief unten im Wachzimmer, unb ber Posten vor bem Tor war nicht zu fürchten. Der hatte ja nur bie Aufgabe, einen Fluchtversuch zu verhindern. Ob ein Kranker zu einer ungewöhnlichen Stunde im Hause herumwanderte, kümmerte ihn nicht.

So kam Woltmann bis ins Erdgeschoß und las neu­gierig die Aufschriften auf den Türen. Bei der „Mon­turenkammer" blieb er stehen und drückte die Klinke nie­der. Die Tür ging auf. Woltmann blickte neugierig umher. Es war ein kleiner Raum, ganz ausgefüllt mit hölzernen Regalen. Auf denselben lagen — in Bündeln geschnürt — die Uniformn ber Kranken, unb an jebem Bünbel war mit einer Stecknabel ein Zettel mit bem Namen des Eigentümers befestigt. Valb hatte er fein eigenes Bünbel gefunden. Er blickte weiter umher und las die Namen. Plötzlich kam er auf den Namen Hat­feld. Er las ihn ohne besondere Erregung Also Hat- feld war auch hier. Da konnte er ihn ja einmal aufsuchen! In der untersten Reihe herrschte keine Ordnung. Dort lagen keine Bündel, sondern lose Monturstücke. Ganz richtig schloß er, daß diese die Uniformen der im Spital Verstorbenen waren. —

Er hatte genug gesehen und schloß die Tür hinter sich. (Fortsetzung folgt.)