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Ult. 241

Zahrg. 59.

Dienstag, 18. Oktober 1932.

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 3153, Fuldaer Actiendruckerei 3151 und 3152. ::

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FuloaerZertung

r Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Die große Rede des Parteiführers des Zentrums.

Die Kundgebung in Münster. — Wo stehen die Fahnen der Deutschen Zenkrumspartei und was ist für uns Inhalt und Sinn dieses Wahlkampfes.

Ä Bedauern war es mir nicht mög- mpf mitzuwirken. Und leider bin

Zu meinem

lich, im letzten

ich den Strapazen einer Redekampagne auch jetzt noch nicht gewachsen. Ich habe es jedoch für meine Pflicht ge­halten, wenigstens bei der parteioffiziellen Einleitung die­ses für die deutsche Zukunftsentwicklung beispiellos wich­tigen und entscheidungsschweren Wahlkampfes persönlich Klarheit darüber zu schaffen, wo die Fahnen der Deut­

schen Zentrumspartei stehn und was für uns Inhalt und Sinn dieses Kampfes ist.

Dabei versage ich mir mit Absicht ein näheres Ein- S;ehen auf Einzelheiten, speziell auf wirtschaftliche und oziale Fragen. Wegen der zentralen Wichtigkeit der Fra- gengruppe, auf deren mutige, gerechte und sachkundige Inangriffnahme Tausende von Fabriken und Kontoren, von landwirtschaftlichen, Handwerkerlichen und kaufmän­nischen Betrieben samt dem Millionenheer der Arbeits­losen in siebernder Ungeduld und in bedrohlich wachsen­der Erbitterung warten, wünsche ich, daß ihre Behand­lung einem besonders berufenen Munde Vorbehalten bleibt; ihre Erörterung soll nicht als das Gelegenheits­produkt politischer Zweckbetrachtung erscheinen; sie muß das wohlüberlegte Sachergebnis fachmännischer Kenner­schaft sein.

Am Montag mittag hielt P r ä l a t D r. K a a s hei der großen Kundgebung der Deutschen Zen­trumspartei in Münster folgende Rede:

Meine Damen und Herren!

In den vergangenen Monaten hat mein Gesundheits­zustand mir leider äußerste Schonung aufgezwungen. Nur an einigen wenigen, besonders wichtigen Parteivorstands­sitzungen konnte ich teilnehmen. Den Hauptteil der ar­beit und Verantwortung habe ich andern, bewährten Mit­gliedern der Parteileitung übertragen müssen. Ihnen spreche ich für ihre treue und aufopfernde Tätigkeit mei­nen und der Gesamtpartei aufrichtigsten Dank aus.

Zunächst noch — zwecks Reinigung der Atmosphäre: nicht bei uns, sondern bei anderen — eine kurze Zwi­schenbemerkung:

Man hat in den vergangenen Wochen und Monaten da und dort von Unstimmigkeiten in der Zen­trumspartei orakelt. Derartige Gerüchte und Zweck­meldungen, deren Fabrikationsstätte und Abnehmerschast man leicht erraten kann, entbehren jeder, aber auch jeder Grundlage. Zwischen Parteiführer und Partei, zwischen Partei und Reichstagsfraktion, zwischen Partei und den verschiedenen Landtagsfrakitonen besteht in der Beurtei­lung der Vorgänge der letzten fünf Monate, in der sach­lichen Stellungnahme zu dem gegenwärtigen Kabinett, seinem politischen Kurs und den Auswirkungen dieses Kurses in Innen- und Außenpolitik, in Reichs- und Staatspolitik eine

einheitliche Anffaffnng.

Wenn einige übereifrige Hofexegeten des neuen Systems Zwischen der abgedämpften Tonart einzelner meiner Ver­lautbarungen und der schärferen Tonart anderer Partei­oder Fraktionsstellen oder gar der Presse und der Wäh­lerschaft draußen Unterschiede entdeckten, so gibt es keine Mittel, das zu verhindern. Der Frontkämpfer im vor­dersten politischen Schützengraben hat seine eigene Kampf­methode und seine eigene, manchmal drastische Sprache. Und

kein Mensch wird leugnen wollen, daß die aufreizen- den Vorgänge der letzten Wochen und Monate mehr als einmal Anlaß boten, um auch beherrschte Sta­tuten in berechtigtem Zorn explodieren zu lassen.

Die Sprache des Schützengrabens braucht aber nicht Srade zur Verkehrssprache zwischen den gegnerischen poli- tischen Hauptquartieren zu werden.

Nuancen in der Form hat es immer bei uns gegeben und wird es immer geben. Sie sind die natur­gemäße Folge eigenen und selbständigen Denkens. Ich werde nie einen Finger rühren, diese selbstverständlichen <ebensäußerungen einer freien Gemeinschaft zu drosseln.

Unsere Einigkeit ist die Frucht grundsätzlich gleich­gerichteter Gesinnung, nicht das Zwangsprodukt uniformierenden Drills.

Mögen andere politische Gruppen ohne letzteren nicht auskommen — wir brauchen ihn nicht und wir wollen >hn nicht. Die für uns allein entscheidende Einheitlich­keit der Gesinnung und Aktion ist vorhanden, mehr als manchen unserer Gegner lieb sein dürste. Vertikal und horizontal gesehen steht die Deutsche Zentrumspartei in vorbildlicher Geschlossenheit da. Von der Führung bis »um letzten Frontposten, von Ermland bis an den Bo- vensee, von Ratibor bis an die Westgrenze ist unsere Abwehr- und Angriffsfront gesinnungsmähig und ope- «atw in einer Kampfbereitschaft, wie sie in den entschei- »ensten Stunden unserer Geschichte kaum zu verzeichnen »ar. Die politischen Stellen, die es angeht, werden gut mn, diese Tatsache — mag sie ihnen passen oder nicht — 'hre Rechnung einzustellen, damit ihnen Fehlkalku- anonen und Enttäuschungen erspart bleiben.

Parteien müssen sein!

Es wird nachgerade Mode — unter Vorantritt der Wenwärtigen Reichsregierung —, über alles, was re?.,11ei heißt, zu spötteln und so zu tun, als ob die }-t'lten3 von Parteien als solche schon ein nationales "ngluck sei. Es lohnt kaum, sich mit solchen Verstiegen­sten auseinanderzusetzen. Wer wie wir, auch in einer <«!t to0 die politische Mode andere Wege ging, gegen uns Überspitzung des Parlamentarismus gekämpft hat gegen die Ueberwucherung des Parteigedankens einseitige Interessenvertretung, der mag legiti- it m- n, die Stimme der Kritik zu erheben. Aber nur . - Nicht aber diejenigen, die sich so an das Partei- Vni»- verloren hatten, daß sie vor lauter Partei das iaö ^ganze und den Staat nur noch im Hintergrund und die heute nun, aus dem einen Extrem jäh ^vchend, kritiklos in ein anderes hinemtaumeln, das ist und nicht minder kurzlebig sein wird.

Wir haben die Fehlerquellen des Partei- L Wie n g And gewisse Entartungserscheinungen nie ver- Wir haben jederzeit dagegen angekämpft. Wir ■2“*n in unfern Reihen mit harter Selbstzucht und nicht jjL.?*r ohne Schwierigkeiten gegen die Jnfektionskeime U°m«lpft, die von der Jnteressenseste her den Charakter

unserer Bewegung als Gesinnungs- und Volksgemein­schaft gelegentlich zu schwächen drohten.

Aber es ist uns nie eingefallen und wird uns nie einfallen, die unentbehrliche Funktion der Gefin- nungsparteien für ein normales politisches Leben zu verkennen. Wo der Grundgedanke der poli­tischen Bewegung aus dem Volke heraus verneint wird, wo der freie Meinungs- und Kräfteaustausch unter das normale Maß herabsinkt, ist Stagnation und Rückschritt unvermeidlich.

Im übrigen scheint mir die

Parteifeindlichkett des gegenwärtigen Kabinetts mf nicht allzu gmndsätzlichen Fundamenten zu ruhen, sondern eher stimmungsmäßiges Abfallprodukt seiner Isolierung gegenüber gut 90 Prozent der Volks­vertretung zu sein. Mit einer Selbstsicherheit, die einer besseren Sache würdig wäre, mißt man die Schuld an dieser Isolierung dem Parlament zu und denkt nicht daran, ^einmal ehrlich und selbstkritisch die eigenen Schul'dbücher durchzublättern. Soviel ich weiß, verlangt die deutsche Reichsverfassung, daß di« Regierung des Vertrauens des Reichstages bedarf. Die heutigen Machthaber gebärden sich, als ob nach der Verfassung der Reichstag des Vertrauens der Regierung bedürfe. Die Reichsregierung, die das Parteiwesen in Bausch und Bogen verschrotten möchte, merkr anschemend gar nicht, daß sie selbst längst zur Partei geworden ist, und zwar nicht einmal zu einer sehr imposanten. Gegenüber der überwältigen­den Volksmehrheit ist sie geradezu zur Splitter­partei geworden, die nicht aus eigener Kraft und aus eigener Leistung lebt, sondern von der Stütz - wirkung anderer Faktoren und von der Fixig­keit, mti der sie das Abstimmungsrecht des Reichstags nicht zur Geltung hat kommen lassen. Sie perhorresziert die Parteien und klagt sie der Unfähigkeit an, einen arbeitsfähigen Reichstag zu bilden. Dieselbe Regierung aber ist es gewesen, die diesen Reichstag gar nicht zur ernsthaften Ausprobierung seiner Arbeitsfähigkeit oder auch nur zu einer einwandfteien und alle Welt über­zeugenden Demonstrierung seiner Arbeitsunfähigkeit kom­men ließ. Beides hätte zu klaren Ergebnissen geführt, im ersten Falle gegen, im zweiten zugunsten der Regie­rung. In jedem Fall aber wäre di« Schaffung einwand­freier Klarheit für Land und Volk und für die politische Weiterentwicklung dem jetzigen Zustand vorzuziehen ge­wesen. In sachlich sehr unangebrachter Sorge für ihre Selbsterhaltung, deren Wert sie erstaunlich überschätzt, ist die' Regierung dieser Entscheidung ausgewichen. Den schweren Notwinter, der uns bevorsteht und der an sich schon das Verhältnis zwischen Volk und Staatsgewalt auf härteste Proben stellt, weiß sie nicht besser einzu- leiten als mit einem erneuten Appell an die Wahlurne.

Welchen Sinn hat dieser Appell eigentlich in dem Munde einer Regierung, die hinreichend deut­lich .gezeigt hat, daß sie gar nicht daran denkt, aus dem eindeutig erklärten Dolkswillen loyal di« Fol­gerungen zu ziehen? Eine Regierung, die das erste Mal vor der Volksvertretung ausgewichen ist, die das zweite Mal mit formalistischen Kunstgriffen sich vor der Konftontation mit der Volksvertretung und ihrer Wstimmung gesichert hat, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß sie einen arbeitsfähigen Reichstag gar nicht wollte. Das mit verbissener Zähigkeit fest- gehaltene Ziel, wenigstens einzelner chrer Mitglieder oder ihrer anonymen Einpeitscher, scheint in der Tat —- so unglaublich es klingen mag —

die Erzielung einer arbeitsunfähigen Dolksveriretung zu feilt. Was der 31. Juli — nach dem Urteil dieser Kreise „leider" — nicht brachte, sollen die Wahlurnen des 6. November bringen. Nur em arbeitsunfähiger Reichstag schafft die staatsrechtliche Scheinbasis für das von dieser Seite in Aussicht genommene diktatorische Notrecht, schafft freie Bahn für gewisse Verfassungs­experimente — andere sagen, und vielleicht mit mehr Recht: Verfassungsbrüch« —, für die die Ent­würfe anscheinend schon in den Schubladen liegen.

In das soeben entworfene Gesamtbild fügt sich un­schwer die Haltung des Kabinetts gegenüber den Ver­suchen, aus der Volksvertretung heraus selbst zu einer Entwirrung der Krise und zu einer — den Charakter des vernünftig verstandenen „Präsidialkabinetts" unan- getastet lassenden — Notmehrheit zu gelangen. Heber dieses nicht gerade erfreuliche Kapitel muß ich notge­drungen etwas eingehender sprechen, um unsere Freunde und alle die, welche außerhalb unserer Reihen die Wahr­heit hören wollen, die staatspolitischen Motive sehen zu lassen, welche die Haltung der Zentrumsvertreter in die­ser schwierigen Frage bestimmten.

Wir haben uns nie geweigert,

Staatsnotroenbigteiten

Rechnung zu tragen und haben aus dieser Erwägung heraus mehr als einmal die parlamentarische Zusammen­arbeit mit politischen Volksgruppen nicht abgelehnt, zu denen wir im übrigen in starken, ja grundsätzlichen Gegensätzen standen. Eine jahrzehntelange Erziehung hat unsere Wählerschaft befähigt, diese Zusammenarbeit ohne Gefährdung ihrer grundsätzlichen Einstellung zu hegreisen, zu unterstützen, sie aber auch in den durch das Staatswohl gebotenen Grenzen zu halten und nicht zu einer Gesinnungsannäherung werden zu lassen in denjenigen Fragen, in denen es kein Paktieren geben kann. Wenn wir solche Wege gingen, folgten wir dem Imperativ staatspolitischer Einsicht, ost genug unter be­wußter Opferung unseres Parteiinteresses. Prestigerück­sichten, Empfindlichkeiten persönlicher Art, kurzum alles, was in die Sparte „Verärgerungspolitik" gehört, haben unsere politische Gesamthaltung nie bestimmt. Und sie bestimmen sie auch heute nicht.

In der letzten Kundgebung vor der Iuliwahl hat unser Freund

Dr. Brüning

mit besonderem Nachdruck festgestellt, daß die Zentrums­partei keinerlei Wert darauf lege, unter allen Umstän­den an einer Regierung beteiligt zu sein, daß cs für sie nur eine sachliche Linie gebe. Und im Hinblick auf Methodik und Ziel der politischen Zukunftsarbeit hat er folgende Sätze gesprochen, die ich hiermit in Erinnerung bringen möchte:

Wir stehen auf dem Standpunkt, daß, nachdem die­ses Kabinet kein Vertrauensvotum im Reichstag, auch

kein indirektes, bekommen hat, es endlich und mög­lichst schnell den Kontakt mit den andern Faktoren der Gesetzgebung suchen soll. Nicht, um zurückzukehren in Fehler der Demokratie oder eines übertriebenen Parlamentarismus, wie wir sie bis zum Jahre 1930 gehabt haben, sondern zu einer maßvollen und auto­ritären Demokratie, die allein die Rettung, auch in Deutschland, bringen kann.

Im Sinne dieser Brüningschen Gedanken haben un­sere Freunde in den vergangenen Monaten gehandelt. Sie sind dabei so weit gegangen, daß sie Verhandlungen von Partei zu Partei ablehnten, solange zwischen Re­gierung und Parteien noch ein Rest von Verständigungs­aussicht bestand. Und zwar sowohl im Reich als auch in Preußen.

Unsere Vertreter haben dem Herrn Reichskanzler ausdrücklich die Zusicherung gegeben, daß sie ihn in sei­nen Bemühungen, mit den Nationalsozialisten zu einer Verständigung zu kommen, in feiner Weise stören würden. Ist das die Haltung einer Partei, die Pre­stige- oder Verärgerungspolitik treibt? Ist das die Me­thode von Leuten, die angeblich den Groll über ihren Sturz nicht verwinden können?

Unmittelbar nach der Demission des Kabinetts Brü­ning habe ich dem Herrn Reichspräsidenten gegenüber in eindeutigsten Worten die

fogenatmfe Tokal-Lösung,

d. h. eine Kabinettsbildung unter Einbeziehung der nationalsozialistischen Partei als die einzige tragfähige und der Gesamtlage entsprechende be­zeichnet. Unsere eigene Beteiligung an einem so um- gebildeten „Präsidialkabinett" war für uns gänzlich uninteressant, ja nicht einmal erwünscht. Neidlos würden wir einer anderen Kombination, im Vertrauen auf die Verfassungstreue des Herrn Reichs­präsidenten und die von feiner Persönlichkeit ausgehende ausgleichende und regulierende Wirkung, den Vortritt gelassen haben und die Möglichkeit, zu beweisen, ob hin­ter ihrer politischen Propaganda auch die Kraft zu einer wenigstens teilweisen Verwirklichung stände. In Fort­führung dieser rein sachlichen Linie sind unsere Freunde zu ihren späteren, in meiner Abwesenheit gefaßten Ent­schlüssen gelangt, nachdem der Reichsregierung offenbar b i e Fähigkeit fehlte, bie ihr von ber Zentrumspartei loyal gebotenen Möglichkeiten zu nutzen.

Aus ber eigenen Unfähigkeit, eine Par­lamentsmehrheit hinter sich zu bringen, darf eine solche Regierung nicht das Recht ableiten, den Parteien die Schuld aufzu­halsen und sich über Parlament und Ver­fassung hinwegzusetzen.

Noch weniger entspricht es dem Sinn eines Kabi- netts, das ein „Kabinet der nationalen Konzentration" sein wollte, mit einem seltenen Aufwand hintergründiger Mittel alles untereinander zu veruneini­gen zu suchen, was als Träger einer Not­mehrheit in Frage kommen konnte.

Ich bin der letzte, der die Aussichten dieser Mehr­heitsbildung übertrieben optimistisch beurteilte. Der letzte, der die ungeheuren Gegensätze und Hemmungen verkannt hätte, die zwischen den in Frage kommenden politischen Lagern bestanden und bestehen. Der letzte, der aus innerer Neigung die Fühlungnahme mit denen tolerierte, die ihrerseits wahrhaftig vieles getan hatten, um sich auf lange Zeit aus der Reihe verhanbfungs- fobiger und abschlußsicherer Partner auszuschalten. Wenn ich trotzdem meine Bedenken zurückstellte, wenn ich den vorn Parteivorstand während meines Krankheitsurlaubs Beauftragten den Weg zu informativen Besprechungen nicht sverrte, so aus dem einzigen, allerdings peremptori­schen Grunde, weil ich in dieser beispiellos schweren und gefahrdrohenden ßaae von Reich und Volk die Gewis­sensverantwortung für die positive Verhinderung dieses Versuchs nicht tragen konnte.

Das Prioritätsrecht des Herrn Reichskanzlers zur Führung solcher Verhandlungen haben wir ohne wei­teres anerkannt und praktisch bis an die Grenze des Vertretbaren respektiert.

Mer wir fragen: Seit wann beansprucht eine Regie­rung und ein Reichskanzler

das Monopol

für die Führung solcher Derhandlungen? Seit wann sind solche Verhandlungen, wenn der Herr Reichskanz­ler sie führt, „Wege zur nationalen Konzentration" und, wenn andre sie führen, deren Sachlichkeit nicht minder unzweifelhaft ist, wie die feine, „politische Kulissen- spiele"?

Der Ruff des Herrn Reichskanzlers als Staatsmann ist immerhin noch einigermaßen jungen Datums, jeden­falls noch nicht so in das Bewußtsein der Gesamtnation eingegangen, daß die Tatsache vergeblicher Mehrheits- Verhandlungen seinerseits allein schon genügt hätte, um alle Welt endgültig von der Aussichtslosigkeit an­derer Verhandlungen zu überzeugen und ihren Versuch als „crimen laesae majestatis" gegenüber der neugebore­nen „autoritären Staatsführung" erscheinen zu lassen.

War man regierungsseitig tatsächlich so überzeugt von der Aussichtslosigkeit der Parteiverhandlungen,

Darum bann die Nervosität und bas in sehr merk­würdiger Form sich äußernde Streben, bie Verhand­lungspartner gegeneinander auszuhehen und in ihren

Tendenzen wechselseitig zu verdächtigen?

Der zeitige Herr Reichskanzler

hat lange genug in unseren Reihen gesessen und kennt jedenfalls meine Auffassung hinreichend genau, um wis­sen zu können, daß die deutsche Zentrumspartei nie und nimmer einen Mehrheitspakt hätte Zustandekommen taf­fen, den sie nicht sachlich vor der Welt vertreten konnte, und zu jeder politischen Gruppe, der es um rein sachliche Sicherung der Reichstagsarbeit und um ein normalisier­tes Zusammenarbeiten zwischen Volksvertretung und Regierung und Reichspräsident zu tun war, im gegebenen Augenblick der Zutritt offenftanb. Sobald den von dem Parteivorstand betrauten Unterhändlern Zumutungen gestellt rootiben wären, die mit unseren pflichtmäßigen

Grundsätzen in unlösbarem Widerspruch standen, wär« die Fühlungnahme automatisch abgebrochen worden.

Wenn es dem Herrn Reichskanzler, wie man doch annehmen muß, auf die Sache ankam und nicht auf sein ober des Kabinetts pepfönl. Prestige — letzteres schon in normalen Zeiten ein Luxus, den man an verantwort­lichen Stellen lieber nicht sieht, in solcher Krisenlage aber überhaupt nicht verstehen kann —, dann war es seine Pflicht, den in Gang befindlichen Versuch wenig­stens zu tolerieren und in seinen Ergebnissen abzuwar­ten, um bann auf Grund ber veränderten ober gleichge­bliebenen Lage feine Entscheidung zu treffen. Auch bie faktische Klugheit gebot solches Vorgehen. In dem Augenblick, wo die eingeleitete Parteiinitiative ge­scheitert wäre, wo die durch sie erstrebte Mehrheitsbil- bung in aller Oefsentlichkeit zu Bruch gegangen wäre, hätte bas Kabinett angesichts bes notorisch arbeitsun­fähig geworbenen Reichstages in ber Volksmeinung einen Autoritätszuwachs zu verzeichnen gehabt, wie er größer nicht gewünscht werden konnte.

Daß man nicht die Nerven besaß, die Ding« abznwarten, baß man in Neudeck Auflösungs- orders auf Vorrat anfertigen ließ, um im kritischen Augenblick das Minus an Regierungs- und

Prälat Dr. Saas.

Verhandlungsgeschick durch ein Plus an formalistischen und verfassungswidrigen Gewaltmitteln wettzu- machen, beweist nur, wie wenig bie Regierung innerlich der behaupteten Aussichts­losigkeit der Mehrheitsbildung sicher war. Man fürchtete die im werden befindlich« Mehr- heit und die daraus möglicherweise folgende Arbeits­fähigkeit des Parlaments und zückte mangels bes­serer Einsälle als ultima ralio politischer Selbffifolierung bie rote Mappe!

In den Verhandlungen mit den Nationalsozialisten

haben unsere Freunde zu verhindern gesucht, daß es im Reichstag von vornherein zu einer Aufhebung der Notverordnungen kommen sollte. Desgleichen versuchten sie, durch diese Verhandlungen auch b. Abstim­mung über ein Mißtrauensvotum zunächst ein­mal hinauszuschieben. Das hätte für eine Reichsregie- rung, bie mehr an ben Staat unb weniger an ihre eigene Existenz gedacht hätie, ein Grunb fein müssen, nicht leichtfertig mit ber Auflösung zu brohen. Des weiteren hätte es sie zu entsprechenden Vorkehrungen veranlassen müssen gegen bie bewußte Bruch- unb Auflösungstaktik ber ein­zigen i h r folgenben bezw. fie für ihre parteipolitischen Ziele ausnutzenden Gruppe ber Hugenbergschen Deutsch- nationalen. Sie hat es nicht getan, sie hat über­haupt nichts Positives zur Vermeidung des Konfliktes getan. Und so hat sie zwischen zwei Lesarten zu wählen:

entweder Hal sie bewußt den Sonflikt herbeigeführk, oder aber sie ist in ihn mit einer Ahnungslosigkeit hineingetorkelt, die nicht gerade imposant wirkt.

In beiden Fällen ist sie die Schuldige und Hai fein Recht, die verheerenden Folgen dieses Konflikts, dessen heutige Anfangsstadien die in ihm beschlossenen Gefah­renquellen für die Zukunft noch gar nicht übersehen lassen, auf Parlamentskonto abzubuchen.

Hätte die Regierung die Haltung eingenommen, bie ich soeben andeutete, so würde ber kommunistische An­trag auf Vorwegabstimmung über Notverordnung und Mißtrauensvotum nie angenommen worden fein. Herr Torgler hatte nut deshalb Erfolg, weil er eine fachliche und psychologische Lage gewandt ausnutzte, die der Herr Reichskanzler und seine Adepten selbst geschaffen hatten. Was die Situation von Anfang an heillos vergiftet hatte, war die mißtrauische, bis zur moralischen Ge­wißheit gesteigerte Erwartung eines Uebermmpelungs- versuches seitens der Regierung. Letztere hat nichts ge­tan, dieses Mißtrauen zu zerstreuen, woly aber vieles, ja alles, um es zu wecken.

Eine Regierung, von deren Fairneß man den ge sicherten Ablauf der parla­mentarischen Aussprache und Ab stimm ung erwarten konnte würde niemals schon beim Aufgehen des Vorhangs sich der Annahme des Antrags Torgler gegen­übergesehen haben.

Eine in der Güte ihrer Sache und der Schwäche chrer Gegner sichere ^Regierung hätte die offene Kon­frontation mit der parlamentarischen Kritik und Ab­stimmung nicht gescheut, sondern eher gesucht, um zur letzten Entscheidung durchzustoßen. Erne Reichstags- bebatte, die zu einer Nein-Mehrheit gegen das Papen­kabmett, aber nicht zu einer Ja-Mehrheu für eine andere tragfähige und stabile Regierung geführt hätte, würde vor aller Oeffentlichkeit ein so eindrucksvoller antiparlamentarischer Anschauungsunterricht gewesen sein, daß man sich vergebens fragt, warum in aller Welt bie Schrittmacher des „autoritären Staates" sich diese