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NIL
Ar. 240
16. Oktober
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Säerspruch.
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
Die Erde bleibt noch lange jung!
1 Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
Die Ruh ist süß. Es hat es gut.
Hier eins, das durch die Scholle bricht.
Es hat es gut. Süß ist das Licht.
■ Und keines fällt aus dieser Welt.
Und jedes fällt, wie's Sott gefällt.
Konrad Ferdinand Meyer.
Rhapsodien über die Kunst.
Künstler sein heißt, aus einem allzeit bewegten, über- rmpfindlichen Innern heraus die Wesenheit der Schöv- jung spüren und Sott auf dem größten Wege, dem Weg aus sich selbst, nachschaffend folgen.
Alles Erschaffene ist Zeuge der wunderbaren Größe Gottes. So ist auch jedes Kunstwerk, allein vermöge seiner Ordnung und Gestalt, ein Abglanz göttlicher Harmonie, ein Zeuge göttlichen Geistes.
Aber ein Zeuge kann falsch sprechen, meineidig sein, der Wahrheit Gewalt antun. So kann auch der Künstler seine Schwurfinger wider Gott erheben, statt für Gott: aus seinem Geiste, der gewissermaßen mit dabei ist bei dem sortzeugenden Schöpsungsakt des Herrn, können Rebellenworte aufspringen, irrige, umveffe, unlebendige Gestaltungen. Er kann das Schicksal der bei der Welffchöpfung beteiligten Engel erleben: hinabfallen in die Finsternis.
■ Ist schlechte Kunst noch Kunst? Ja, sie ift Kunst, aber nur insofern, wie die gefallenen Geister noch Engel sind, nur insofern wie selbst das Böse noch für das Gute zeugt, die Finsternis ihren Sinn durch das Licht erhält. Die Möglichkeit des Abfalls von Gott macht Gott zum heiß zu ersehnenden Ziel. Diese Tragik alles Irdischen fft auch dem Künstler nicht erspart.
*
W i e sieht Gott aus? so lautet die letzte Frage aller Kunst. Es fft nicht absolut notwendig, daß man darauf eine Antwort weiß. Wenn man die Frage, die die Religion beantwortet: Wer fft Gott und was will Gott? zu beantworten weiß, so ist an und für sich dem Bedürfnis des Menschen Genüge getan. Wohl die Religion, nicht aber die Kunst, ist mithin Lebensnotwendigkeit.
Gott aber hat uns nicht nur als Geister, ohne ficht- barliches Leven erschaffen, sondern Gott wollte Leben. Dasein, Kampf, — Gott wollte aus dieser Welt nicht ein unausgesprochenes, unhörbares Gedankenspiel, sondern ein lebendiges Drama machen. Und daraus leitet die Kunst ihre Berechtigung her. Gott selber kann nicht nur ein stummes Gedankenfpiel, Gott selber muß ein Drama fein! Und seine Welt ist ein grenzenloses Gefamtkunst- werk!
Einen kleinen Teil davon splittern Künstler und Dichter und Musiker ab. Ist ihr Kunstwerk göttlichen Odems voll? Steht es auf der Lichtseite des göttlichen Kunst- fchasiens, oder nimmt es teil an dem Abfall zur Finsternis? Das fft die Frage.
Es bedarf nicht immer sogenannter „frommer" Gegenstände, es darf ruhig einmal der Name Gattes fehlen. Gatt hat ja auch nicht seinen Namen gleichsam auf Reklametafeln in jeden Wald, auf jeden Berg, an den Meeresstrand und an den Strom gesetzt. Trotzdem rauscht der Wald zu seiner Ehre, braust das Meer seiner Allmacht Lied, weist der Berg ragend zu ihm empor.
Auf den geheimen Bund zwischen Gott und Künsüer kommt es an. Man spürt ihn bald heraus, den Handschlag, mit dem der Bund besiegelt ward. Fast kann man sagen: schließ diesen Bund und schaffe, was du willst. Alle Wege aus dir selbst, auch die verlorensten, führen dann irgendwie zum Ziel.
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Wie sieht Gott aus? Das ist nicht eine Frage, die willkürlicher Beantwortung unterliegt. Gott selber hat sie uns beantwortet, indem er uns „nach seinem Ebenbilde" schuf. Nun ist es wahr, die Schuld hat dies Ebenbild verzerrt, hat zuweilen vielleicht eine Karikatur daraus gemacht. Aber es bleibt die vornehmste Auf
gabe, es wiederherzustellen. Die Karikatur ist mithin nicht edle Kunst. Oder sie ist es doch nur insofern, als sie zum Spiegel werden kann, in dem der Mensch seinen Abfall vom Ebenbild erkennt. Wer wollte in der heutigen Karikatur diese Wirkungsmöglichkeit ersehen?
Ist die Kunst nicht überhaupt vor lauter Haschen nach Effekt und Neuheit heutzutage zu sehr Karikatur geworden? Selbst die religiöse Kunst zuweilen? Man will Gott durchaus anders sehen als früher« Zeiten ihn gesehen haben. Gott aber bleibt ewig der gleiche, sein Ebenbild bleibt das gleiche, es unterliegt dem Wechsel nicht. Infolgedessen muß die große Kunst aller Zeiten in den Elementen und in den Grundgestaltungen sich ähnlich fein.
Kunst, zumal religiöse, darf nicht der Neugier des Schauenwollens stöhnen. Man könnte vor moderner Kunst zuwellen glauben, auch Christus und Maria wären mit der Erbschuld belastet. Und manch ein Engel hat den Anschein, als überlegte er, ob er sich zu dem Heere Michaels oder Luzifers schlagen soll.
Die Heiligkeit, die Unschuld, die Gottähnlichkeit ist uns doch nicht etwa zum Problem geworden, an dem
Nacht. Links die Donau, im schmal und tief gewordenen Bette, rechts riesige Felsmassen, zuweilen unheimlich die Straße überhängend, vor chnen, vom Lichtschein der Autolampen überblitzt, die schlängelnde Straße, So rasen sie. Durch schlafende rumänische Dörfer, an Maisfeldern und Zweffchenwäldern vorbei.
Grete hält das Büblein fest umschlungen. Der Kleff» wimmert im Halbschlaf: „Mir ist kalt." Da zieht die Mutter ihren Mantel aus, hüllt das schmächtige Körperchen ein und drückt sich selbst fröstelnd in die Wagenpolster. — Dom Strom zieht ein kühler Wind.
Das Kind auf ihren Knien ist eingeschlafen. Grete starrt mit großen Augen in die Nacht. Sie zieht das Büblein fester an sich. Nun fft er in ihrem Besitz und sie wird ihn nie mehr hergeben.
Ab und zu ein Blick auf die Straße zurück. Verfolgt man sie nicht? Alles bleibt dunkel und still. Erleichtertes Aufatmen.
Grete entführt ihr Kind. Sie führt es dem Mann weg, den sie einftmals sehr geliebt, der auch ihr mit tausend Worten und Taten Liebe gezeigt, der dann ihr Vermögen verpraßte, der sie mißhandelte und der endlich die, ihrem Kinde zuliebe stillduldende Mutter im vollsten Sinne des Wortes aus dem Haufe gewiesen und die andere, seine Liebste, zu sich genommen.
Gerichtliche Scheidung? Sie verlangt, benötigt feine. — Aber ihr Kind bei der „anderen" lassen?--nie!
Um die Frau, der er überdrüssig geworden, zu quälen, hat der Mann das Kind mit Gewalt zurückbehalten. Es müsse bei ihm bleiben, bis das Gericht entscheidet.
Bis das Gericht entscheidet? O Goll! Kann man denn das erwarten?
Als Grete ihr Kind kürzlichst int Park getroffen und angesprochen und der Knabe in fremdsprachigem Kauderwelsch geantwortet hat, — die zweite „Frau" war keine Deutsche — da war in ihr jäh der unerschütterliche Entschluß gereift: ihr Kind darf nicht länger in dieser Umgebung leben. Es vergißt die Muttersprache, es vergißt schließlich di« Mutter auch. Jetzt muß sie handeln. Gewalt gegen Gewalt.
Und heute ist es ihr gelungen, den Knaben vom Spielplatz zu entführen.
Die Bäume am Wegrand haften vorbei. Der Wagen rast. —
Sie fahren durch ein rumänisches Donaudorf. Hier schlifft man nicht. Die Bauernbevölkerung feiert ihre Kirchweihe. Schnapsselige Männer in weißer Leinentracht am weiten, baumbestellten Platz vor der Kirche. Einige tanzen noch ihren nationalen Kreistanz, die meisten sitzen und trinfen. Zigeunermusikanten geigen. Da und dort johlt eine heisere Stimme. — Weiber sind nicht mehr zu sehen. — Nur einige Zigeunerinnen in ihrer vielfarbigen Tracht, die schwarzen, wirren Zöpfe an den Schläfen baumelnd, kauern abseits am Boden. Ein schwarzes Mädchen dreht sich allein im Tanz, mit wilden Armbewegungen und wilden, tollen Aufschreien.
man deuteln kann? Wir halten doch nicht etwa ein Kompromiß mit einer Kunstrichtung, die das als schal und inhaltlos empfundene Dasein der Abwechslung halber in eine andersgeartete Welt umschaffen möchte, für notwendig? Wer um Gott weiß, der kennt den schalen Geschmack und die gähnende Jnhaltlosigkeit des Lebens nicht, der pfuscht nicht in Gottes Schöpferplan hinein und bleibt ehrfürchtig in der Welt, wie er sie erschaffen hat. Wir heben doch nicht etwa nacheifernd die Hände zu dem Signal, das allein manches in der neuen Kunst verständlich macht: Flucht aus dieser Welt in eine, in der alles anders ist?
Vielleicht fft dies der größte Fehler unserer Kunst: wir nehmen uns selbst zu wichtig. Wir wollen durchaus „Wende" fein; wir sehen zu lliumphierend ins Tal der hinter uns liegenden Jahrhunderte zurück, und zu wenig nach den lichten Firnen der Zukunft, die hoch über uns als grandiose Ziele im Blauen liegen. Von dort wird man einmal über unser krampsiges Allesandersmachenwollen lächeln.
Dr. Erich Klein.
Eben läßt sie sich in den Kreis der Weiber fallen. Alle lachen. — Eine Alte nimmt die brennende Pfeife aus dem Munde und grinst, daß die weißen Zähne blinken. Der gelbrote Fackelschein zuckt über das gespensterhait, Phantastische Bild. Rauchschwaden steigen wolkig, schwarz in die Baumkronen. — Vom nahen, sachte steigenden Berghang schauen die Reihen der Kirchhofkreuze.
Grete wendet den Blick zurück, — da ein Krach. Das Auto steht. Sie fragt erschreckt „Ein Defekt?" Der blonde Kopf des Fahrers nickt.
Die Männer kommen langsam herzu, umstehen den ruhenden Wagen. Schnapsdunst, gröhlendes Lachen, eine freche Bemerkung. — Fast lauter besoffene Männer
Grete erschauert. Das Kind ist erwacht und beginnt zu weinen.
„Du kleines Huhn, was heulst? Da trinf! — Ein Arm reckt sich in den Wagen, eine Schnapsflasche haltend. Grete fährt bestürzt zurück. Wieherndes Lachen.
Großer Gott! Gibt es denn da keine Weiber? Irr geht ihr Auge. Sucht. Vergebens.
„3ft der Schaden bald gehoben?"
„Kaum," — erwidert leise der Chaffeur. Grete überrieselt es kalt. Länger hier stehen müssen — — mein Herrgott!
Ein großer, schwarzer Bauer kommt mit schweren Stolperschritten von der Kirche herüber. „Weint da nicht ein Kind?" Er drückt mit starken Armen die anderen Männer zur Seite. „Wo? — Ha!" Ein Gesicht verzerrt, ganz verrissen von Leidenschaften und geistigem Gettänk neigt sich her.
„Ein Bub? Was weint der Bub? Warum fft er nicht still? — sagte seine monotone, wie beschwörende Stimme, ein dumpfes, gewitterhaftes Grollen als Unterton. — Warum liegt er nicht steif? Es dürfen keine Kinder mehr lachen und keine mehr meinen. MW en alle still [ein. Und liegen. Und sich nie mehr rühren. — Die Stimme wird heiser. — — Und blau werden und schwarz.--Ha, was weinst du noch? — brüllte
der Mann mit einem Mal wutvoll auf. — Her mit dir, du Deutscher, du ... ich werd dich still machen. — Her, sag ich! — er reißt an den ihn haltenden Armen.
Grete, das Kind fest umschlingend, stürzt aus der anderen Seite des Autos hinaus.
Der tobende Betrunkene will ihr nach. — Schreie! Rufe! — Einige Besonnene wollen den Rasenden zurückhalten. „Aber Jon, komm lieber trinken."
„Er darf keinen Laut mehr von sich geben. Er darf nicht leben.--Auslassen!" — tobt der Mann.
Grete stürzt aufs nächste Haus los. Reißt die Gtt- tertüre des Zaunes auf. Ein Hund rast an der Kette Mit wilden Sprüngen gewinnt sie die Altanhöhe, hinter einem Fenster ist Licht. Sie wirft sich an die Türe, — die fliegt auf. — In der Stube, neben qualmenden Kerzen liegt ein aufgebahrtes Kind. Weinende, jam
mernde, singende Weiber im Kreis. Grete stürzt hin und wimmert: „Schützt mich!"
lieber die Stiege herauf poltert und schreit der Betrunkene. Er hat sich aus den zurückhaltenden Griffen einiger Männer mit Riesenkraft einer sinnlosen Wut losgerissen. „Wo ist er — tobt er — ich will ihm die Gurgel zudrücken." — Er taumelt krachend an den Türpfosten.
Eine der Bäuerinnen tritt auf ihn zu. „Jon —« sagt sie leise — Aber Jon! So schreist du in seine heilige Ruhe?"
Der Mann fährt sich mit der Rechten über das vom Lebensleid durchackerte Gesicht. Noch einmal. Ist jäh nüchtern. Starrt auf den aufgebahrten Knaben — seinen Knaben. — Ein gurgelnder Laut. Er schiebt fein Weib von sich. Torkelt auf die Altane zurück. Sinkt in eine Ecke. Stöhnt.---
Den anderen Morgen steht Jon in tiefer Unterwürfigkeit, mit bittenden Augen vor Frau Grete.
„Was gestern war Frau--das--mein Bub
halt. Es ist mein einziges Kind.--Und bann der
Schnaps. Was soll der arme Mensch tun, will er vergessen? Er muß trinken. Und dann kommt es halt über einen. Es ist der Teufel, der in uns arme Menschen fährt. — Resigniert setzt er hinzu: „Was kann man da machen?"
Er hält noch immer den Kopf demütig gesenkt. Jetzt schaut er auf, in das unruhige, erregte Gesicht der bleichen Frau. „Willst eilig fort?" — fragt er sie nach rumänischer Volksart duzend. „Wenn's dir recht ist — — fährt er im bittenden Eifer weiter, — spann ich an, und fahr dich ins nächste große Dorf, dort sind Deutsche, dort findest eher Gelegenheit zur Weiterfahrt. Willst? — Dein Wagen ist noch lange nicht gut. — Zum Be» gräbnis bin ich dann wieder zurück, setzte er leise hinzu.
Grete nickte. „Ja, ja, nur fort."
Sie weiß, sie kann sich diesem Manne jetzt ruhig anoertrauen. — Sie kennt dies Volk, unter dem sie aufgewachsen. — Jetzt ist das große Gute seines Herzens wieder obenauf.
Auf raffelndem Leiterwagen fahren sie später auf der Szöcsenyi-Straße weiter.
Wie ein feines, altes, grauseidenes Band mit unzähligen Rissen und Flecken gleitet der Strom am rot« flammenden jenseitigen Gebirge hin.
Der Mann vor Grete spricht kein Wort. Sitzt ohne Hut gebeugt. Er ist in Trauer, wird sechs Wochen keine Kopfbedeckung tragen.
Das Kind jauchzt. „Mutti, schau ein Schiss" und guckt mtt blanken Aeuglein einem langsam ziehenden Dampfer nach.
„Ja, Hansi, ein Schiff" erwidert die blaffe Frau und fährt liebkosend über den Blondkopf.
Und atmet tief auf.
Zimmer 33.
Skizze von Ebba Kahlenberg-Berlin.
Fred Holgers schlüpfte leise aus der Tür feines Hotelzimmers, schlich mit vorsichtigen, katzenhasten Bewegungen den langen Gang hinunter und wartete ein paar Sekunden vor Nummer 33. Da sich nichts regte — das ganze Hotel lag um diese Zeit in tiefem Schlaf — fuhr der kleine Dietrich ins Schloß.
Im Zimmer 33 war es stockdunkel. Holgers trat em, zog die Tür hinter sich zu und schob den Riegel vor- Jetzt erst tastete er nach dem Lichtschalter und drehte ihn herum.
In diesem Augenblick hörte er ein Geräusch. Er wandte den Kops und sah in die schwarze Mündung einer Pistole, die drohend auf ihn gerichtet war.
„Ihre Waffe?"
Holgers deutete auf die linke Tasche seiner Jacke. Es blieb ihm nichts anderes übrig; er mußte den Kampf aufgeben.
„So, nun setzen Sie sich drüben in den Sessel."
Ohne den Revolver sinken zu lassen, verfolgte die blonde Frau in dem schwarzen Schlafanzug jede seiner Bewegungen. Ihre Augen waren starr auf den Eindringling gerichtet, dem sie ihren Willen aufzwang.
„Zigarette?"
„Ich bitte — ja." Fred Holgers wollte gewohnheits«
Abenteuer an der SzksßM-Slratze.<
Aus dem Banate erzählt von M. Seemayer-Plafch.
Das Rätsel des Tushintang.
Roman ton Kurt Martin.
Sodvrigbt bti Verlag Neues Leben. Bavr. Gmain.
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Noch ein letztes Zögern war in Bollander. Dann nickte er:
„Ich will!"
Er sprach, ließ das Geschehene von neuem erstehen, und währenddem zerbrach er sich den Kopf: Wer hat dem Prinzen von ihm berichtet? Welches Interesse nahm Omar Rubri an den Rätseln des „Tushintang"? Liefen Fäden von ihm zu Liü-Fu-Tang, oder zu wem sonst? Kannte er Dr. Sm?
Als er schwieg, stellte der Prinz zu feinem Erstaunen keine Frage; er ging vielmehr ganz unvermittelt auf ein anderes Thema über.
„Sie kommen aus Wentschou und Tschongjing, der Stadt, in der Mr. Shelton bisher mit seiner Frau lebte?"
„Ja, und ich brachte dem Ehepaar Shelton sogar Grüße mit, von Mr. Liü-Fu-Tang."
„Sie sprachen mit Frau Lilith Shelton?" / „Gelegentlich meines Besuches in Sheltons Hause, ja. Ich bedauere die junge Frau."
„Würden Sie sich nicht ein wenig der Aermsten an« Nehmen?"
„Es ist meine feste Absicht, aus Mitleid mit ihrem Zustand, und daneben auch noch, weil sie wohl feilens ihres Mannes nicht richtig behandelt wird."
Der Prinz stimmte zu.
„Der Mam> macht es feiner Frau nicht leicht, mit ihrem Leiden fertig zu werden."
„Das ist meine Uebergeugung. Henry Shelton kennt oder will wohl auch sonst die Gefahren nicht kennen, i>ie fein Haus umlauern, die — Frau Lilith umlauern."
„Sie haben gut beobachtet. Nur kennen Sie die Gesamtheit dieser Gefahren noch nicht."
„Die Gesamtheit?"
„Ja! Aber fragen Sie nicht, wissen Sie nur, daß ich mich gleichfalls für die junge Frau interessiere, daß '4 an ihrem Schicksal Anteil nehme. Aber wie ist das?
Sie gestanden mir vorhin so offen, daß Sie sich so eng mit dem Schicksal jenes Mädchen verbunden fühlen, das man vom „Tushintang" raubte. Ob Sie dies Mädchen nun wohl vergessen, wenn Sie sich künftig Lilith Sheltons annehmen?"
„Nein! Ich werde Jngeborg Bergner darüber nicht vergessen. Freilich will ich manchmal verzagen, das Mädchen je zu finden. Seit dem Unglück ist nun schon eine ganze Weile vergangen. Was mag inzwischen mit dem Mädchen geschehen fein!"
„Wollen Sie den Kampf aufgeben?"
„Nein! Aber ein Kampf ist es ja nicht; es ist ja nur ein Suchen. Wenn ich erst einen tatsächlichen Gegner vor mir hätte, wenn es wirklich einen Kampf gäbe, ich würde dann nicht locker lassen."
Prinz Omar Rubri verließ das Thema. Er hatte noch mancherlei mit seinem Gast zu besprechen, und er vereinbarte zuletzt einen Jagdausflug mit ihm in die Dschungeln für die kommende Woche.
♦
Ein paar Tage später zog es Jörgen Bollander wieder zu Sheltons Haus. Er hoffte, diesmal Frau Lilith allein zu treffen. Süßung hatte ihm gemeldet, Mr. Shelton fei fortgefahren.
Als er Sheltons Haus betrat, empfing ihn der gleiche indische Diener, der ihn das erstemal eingelassen hatte. Er erklärte:
„Mrs Shelton hat Besuch. Ich will aber fragen, ob sie Sie trotzdem empfangen will "
Als der Diener verschwunden war, biß sich Bollander ärgerlich auf die Sippen.
Zu schade. Da hatte er nun gehofft und gehofft, einmal ungestört mit Lilith Shelton reden zu können, und nun waren Gäste da! Ob er lieber gleich wieder ging?
Der Inder stand vor ihm.
„Mrs. Shelton läßt bitten."
Er wurde in den gleichen Raum geführt, in dem er bei feinem ersten Besuche im Hause Shelton geweilt hatte. Frau Lilith hatte sich erhoben und kam ihm ein paar Schritte entgegen.
„Wie freue ich mich! Sie haben also doch Wort gehalten, Herr Bollander."
Er beugte sich über ihre Rechte und küßte die schmalen Finger.
Dann aber war ja noch der Gast da: Goomar Pa- rubram! Die beiden Männer begrüßten sich kühl und zurückhaltend. Es war Goomar Parubram unschwer anzusehen, daß ihm das Erscheinen dieses Besuchers sehr unerwünscht kam.
Man sprach über dies und jenes. Die Unterhaltung schleppte sich mühsam hin. Jörgen Bollander berührte auch seinen Besuch bei dem Prinzen und machte Goomar Parubram darauf aufmerksam, daß die Einladung des Prinzen aus einem anderen Grund erfolgt sei, als er dachte, daß er und der Prinz sich von früher her kannten, freilid), ohne daß er um des Prinzen Name und Rang gewußt hatte. Seine Mitteilung schien den Inder nicht zu überzeugen. Goomar Parubram hatte vielmehr nicht übel Lust, Jörgen Bollander offen herauszufordern. Streit mit ihm zu suchen. Er verrechnete sich aber in seinem Gegner, der seine Absichten durchschaute und um Frau Liliths willen Worte überhörte, gegen die er sonst energisch Front gemacht hätte. Deutlich kam es ihm aber zum Bewußtsein: Hier stand ein Feind! Und Jörgen Bollander kannte jetzt auch den Grund dieser auffällig hochlodernden Feindschaft: der Inder war eifersüchtig; es ging um Frau Lilith! Dies hatten ihm auch die Blicke verraten, mit denen Goomar Parubram vorhin Frau Liltth verfolgte, als sie ihren neuen Gast erfreut begrüßte.
Nach einer Weile blieb dem Inder nichts weiter übrig, als sich zu verabschieden. Kaum war er gegangen, als Frau Lilith erregt beide Hände Jörgen Bollander entgegenstreckte und ihn dankerfüllt ansah.
„Wie gut, daß Sie vorhin kamen! Ich — bin sehr ungern mit diesem Mann allein, und er kommt immer, wenn Henry fort ist. Ich fürchte mich stets, wenn ich allein im Hause bin. Wissen Sie, dieser Inder sieht mich mit Augen an —. Mir wird dann so bang. Lieber Herr Bollander, wenn Sie doch öfter körnen! Wenn ich —, wenn ich Sie doch rufen könnte, sobald Goomar Parubram erscheint!"
„Aber, gnädige Frau, wenn ich zu oft käme, würde dies schließlich ihrem Gatten nicht recht sein."
„Oh, er hat ja auch nichts dagegen, wenn dieser Inder kommt. Er — schützt mich ja nicht."
„Und zu mir haben Sie das Vertrauen, daß ich Sie schützen würde."
„Ja, das habe ich. Es ist das sonderbar, und ich wundere mich über mich selbst. So kurze Zeit kenne ich Sie erst, Herr Bollander, und doch vertraue ich Ihnen. Sonst —. Ich schrecke eigentlich vor jeder neuen Bekanntschaft zurück. Aber bei Ihnen ist das anders. Ein inneres Gefühl sagt mir, daß ich Ihnen vertrauen kann."
„Nie will ich Sie enttäuschen, gnädige Frau. Sie sollen mir nicht unverdient so viel Vertrauen schenken. Ich will mich dessen würdig zeigen. Ja, bestimmen Sie über mich. Ich will Sie schützen. Können Sie mir nicht eine Botschaft schicken, wenn — ein ungebetener Gast Sie hier allein antrifft?"
Sie senkte den Kopf.
„Durch wen? Da ift Sato-Khin, unser indischer Diener. Auf ihn kann ich mich nicht verlassen; er steht unter einem ganz anderen Willen, als unter dem meinen. Der italienische Koch —, er richtet sich nur nach meines Mannes Wünschen. Und ßamila, meine Dienerin; auch sie ist nicht verläßlich, sie kann es ja nicht sein, weil mein Mann —."
Sie stockte. Leise fuhr sie fort:
„Ich bin Henry ja dankbar, daß er wenigstens diesen meinen Wunsch achtet. Es ist das erste Mal, daß ich zu einem Menschen darüber spreche! Ich habe mit meinem Mann keinerlei Gemeinschaft, ich meine — wie sie zwischen Eheleuten Üblich ist.
Ein feines Rot war in ihre Schläfen gestiegen. Jörgen Bollander sah es. Das, was sie ihm da gestand, beglückte ihn, ohne daß er sich Rechenschaft über das Warum geben konnte.
Frau Lilith fuhr fort:
„Ich nehme deshalb auch keinen Anstoß daran, daß mein Mann dafür ßamila —."
Sie stockte wieder, und Jörgen Bollander begriff.
Also, das war es! Shelton hielt sich an die junge birmesische Dienerin, weil seine Frau nach Alleinsein verlangte!
ßilith gestand:
„Es ist alles so schwer, Herr Bollander. Sehen Sie, ich finde gar keinen Weg in die Vergangenheit. Es ist