ire. 236.
Fulda. den 11 Oktober 1932.
Volk und Staatsführung.
Unioersitätsprofessor Dr. Georg Schreiber.
Mir sehen die deutsche Politik nicht allein von Tagespolitik her. Auch nicht allein von den Ochsten Reichstagswahlen. Sie braucht eine Orientierung auf lange Sicht mit tragenden Grund- 'inien. mit konstruktiven Ideen, mit schöpferischer Phantasie. mit stärkstem Wiüenseinsatz. Vor uns das Bild eines deutschen Staates stehen, der sich immer wieder verjüngt und reformiert, der sich Zierlich und äußerlich festigt, der neue Kräfte in sich cufnimml und nicht von vornherein abstößt.
seine statischen Grundlagen und tragenden «feiler immer wieder nachprüft. Dieser Staat sir) deshalb sein Verhältnis Mr Gesellschaft stets erneut bestimmen. Die Gesellschaft soll ihn nie« m(ils so beherrschen und besitzen, daß die Staatlichfeil wie ein Phantom in sich zerrinnt. Der Staat Iräqt seinen Wert und seine Zielstellung in sich. Er plädiert für seine Unabhängigkeit. Aber diese ierrf keine absolute und totale Prägung tragen, fenn dann läuft sie Gefahr, ein Feind der Gesellschaft zu werden. Was unveränderlich, absolut und total feststeht, ist dieses: Die Beziehungen zur Gesellschaft müssen sich von feiten des Staates mit stärksten Verantwortlichkeiten erfüllen.
Der Staat verträgt es nicht, wenn man ihn Wit einer Regierung gleichsetzt. Regierungen kom- Wen und gehen, entstehen'und fallen. Sie ergänzen sich wie Ebbe und Flut. Sie können Irrwege und Abwege gehen. Notwendigkeit und Mut zur Umkehr werden dann gekordert. Sie dürfen den Staat in der anspruchsvollen Art der Selbstbehauptung nicht überbelasten. Die Organe der Staatlichkeit (Reichspräsident, Reichsregierung, Volksvertretung, Verwaltung) sind von einer Verfassung bestellt. Das Verhältnis dieser Organe zueinander wird stets dem starken Wechsel unterliegen. Aber es darf sich niemals allein und ausschließlich vom Wachtgedanken her bestimmen, den ein Teil gegen ien andern ausspielt. Das Volkswohl, das bonum commune, steht höher, als Las Wohlergehen des einzelnen Organs und erst als der Namen eines Reichskanzlers.
Der Generalnenner, auf den alle diese Organe zu bringen sind, ist das Volk und das Volkstum selbst. Wer aber dem Volkswohl dienen will, darf, so wie die Verhältnisse im deutschen Volke liegen, die Rücksicht auf den Volkswillen nicht ausschließen. Wenn der Reichskanzler v. Papen den Satz von einer „unabhängigen Staatsführung" prägte, so ift das ein Irrweg, wenn damit die Mitwirkung des Volkes abgelehnt wird. Wer sich mit gefährlichen Schlagworten über das Volk hinwegsetzt, vergeht sich an einer wahrhaft organischen Staatsbetrachtung, die den Einzelnen und die Gruppen zur Mehrheit, zum Verstehen und zum Opfern auf» ruft. In diesen tiefen Verbundenheiten vollzog sich der Kampf um Langemark und Douaumont. Auf weiten Strecken des Passionsweges gingen Regierungen und Volk in der Inflation und Deflation miteinander zusammen. Bricht man Volk und Regierung auseinander, so ist das ein Rückfall in eiri System eines gebundenen Untertanenoerstandes, das sich weniger aus dem 19. als aus dem 18. Jahrhundert orientiert. Während es darauf an» !äme, möglichst viele Kräfte auszulösen, frei zu machen, im Sinne einer großzügigen politischen Mäeutik zu entwickeln, wird viel zu viel in Presse und Radio bevormundet und eingeengt. Geistige Zwangsuniform und oktroyierte Gesinnung haben nie einen Staat nach innen und außen gefestigt.
Auch uns bewegt die heimische und zugleich laute Sehnsucht nach einem sich erneuernden Staat. Nicht nach einem „neuen" Staat, wie so viele im Banne des Schlagwortes sagen; denn diese „Wende" kann nicht auf dem Trümmerhaufen des alten Staates heraufgeführt werden. Jede große Reform, die mit einer großen Kraftentfaltung der Nation gepaart ist, vollzieht sich organisch, also in weiser Anknüpfung an Las Bestehende. Der gc»
Fuldaer Zeitung (Amtliches kreisblatt)
Mittwoch, den 12. Oktober 1932.
maltfame Umbruch ist stets ein Va-Bangue-Spiel, gegen das wir uns im Interesse von Volk und Staat sträuben.
Gewiß, das neueste System hat sich bei manchen seiner Verkündern in Anlehnung an den Sprachgebrauch von radikal links resolut und entschlossen als koniervativ revolutionär bezeichnet. Oft wörtlich, mehr noch dem Sinne nach. Das will sagen, daß konservative Ideen mit der Aufwendung des staatlichen Machtapparates und mit Zwangsgewalt in die praktische Staatsführung übersetzt werden. Das besagt die Schaffung eines neuen Deutschlands, das lediglich autoritär eingeleitet und autoritär weitergeführt wird. Die Revolution von oben! Ohne Blut, aber wahrhaftig nicht ohne Einbußen der seelischen Mentalität, nicht ohne Verluste der praktischen StaatsMrung.
Auch wir wollen eine wegweisende und Willensstärke Staatsführung. Aber sie muß im Volk und in der Volksvertretung verwurzelt fein. Sonst würde sie auf die Dauer unerträglich und muß sich am passiven Widerstand des Volkes schließlich verbrauchen, soweit sich nicht noch düsterere Perspektiven ergeben.
Ueber die Reichstagsauflösung vom 12. September, die nur äußerlich Seelenkonflikten Ausdruck gegeben hat, die innerlich schwelen, entzünden sich ungeheuere Gegensätze, was die Bewertung von Staat und Gesellschaft, von Staatsmacht und neuem Untertanentyp, von Gouvernemen- tatem und geschwächten Selbstverwaltungen, von nationalistischen und universalistischen Grundgewalten betrifft. Es ist die große Gefahrenzone der jetzigen Regierung, daß sie sich zu sehr vom Dynamischen, vom Machtpolitischen und von einer Staatsauffassung leiten läßt, die sich mehr und mehr von statischen Elementen der Staatlichkeit, ebenso von einem innerlich mitbewegten Volk entfernt
Regierung ohne Volk, das ist die offene Wunde der gegenwärtigen Politik. Lebendige Volkspolitik im Zufammenklang mit fester StaatsMrung ist die Politik der deutschen Zukunft.
Baumeifferprüfungen.
Der vom Regierungspräsidenten errichtete Prüfungsausschuß zur Abhaltung der Baumeisterprü- kungen hat nunmehr seine Tätigkeit aufgenommen. Er wird zunächst die Anträge von selbständigen Bauhandwerkern und mittleren Baubeamten an den Regierungspräsidenten auf Erteilung der Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Baumeister" prüfen, soweit sie der Nachprüfung durch den Prüfungsausschuß unterliegen. Nach Erledigung dieser Arbeiten wird er die Prüfung der zur Ablegung der Baumeisterprüfung angemeldeten Prüflinge im fiod)» und Tiefbau vornehmen. Vorsitzender des Prüfungsausschusses ist Regierungsund Baurat Dr.-Ing. Buddeberg im Hochbav- amt I in Kassel, Frankfurterstr. Nr. 29.
Die Einweihung der Milseburgkapelle
findet am nächsten Sonntag um 10 Uhr durch den hochw. fierm Generalvikar Günther statt.
Reparakurarbeilen auf Grund der kehlen Notverordnung.
Das Handwerks- und Gewerbeamt Fulda empfiehlt allen Handwerkern, soweit sie Mitglieder des Hausbesitzervereins Fulda sind, an der Versammlung des Hausbesitzervereins teilzunehmen, die am heutigen Dienstag abend 8M> Uhr im Restaurant Ballhaus stattfindet. Es spricht Dr. Schulz aus Frankfurt a. M., der über diese Reparaturfrage sehr gut Bescheid weiß.
Schlechte Straßen und bedingte Unfallhaftung.
Der Pressedienst des Landkreises schreibt: Bei der allgemeinen Einschränkung der Ausgaben, dir zwangsläufig durch die zunehmenden Erwerbslosenlasten und die allgemeine Schrumpfung der Steuereinnahmen hervorgerufen wird, sind die Wegeunterhaltungspflichtigen Landkreise, Gemeinden und Provinzen nicht mehr in der Lage, den Straßenbau so zu betreiben, wie es für die Sicher-
heit und gute Beschaffenheit erforderlich ist. Die Kraftfahrer müssen infolgedessen damit rechnen, daß der Zustand der Wege sich hier und dort verschlechtert. Dabei ist zu bedenken, daß nicht in allen Fällen für Unfälle, die infolge der schlechten Beschaffenheit der Straße eintreten, die Wegeunterhaltungsträger schadenersatzpflichtig sind. Es ist in der bisherigen Rechtsprechung auch schon anerkannt, daß die Pflicht zur Wegeunterhaltung nur im Rahmen der allgemeinen Leistungsfähigkeit den Kreisen oder Gemeinden zugemutet werden kann. Die Kraftfahrer müssen infolgedessen bei Befahren der Straßen selbst die nötige Sorgfalt anwenden.
Gleiche Zensurnok.»n in ganz Deutschland.
Mit Rücksicht darauf, daß die Schulzensuren in den einzelnen Ländern Deutschlands ganz verschiedenartig sind und die Uneinheitlichkeit der Notenskala nicht bloß beim liebergang zur Universität, sondern auch beim Eintritt in den Beruf und beim Schulwechsel nachteilige Folgen für die Schüler zeitigen kann, hat nunmehr der Deutsche Philologenverband für das ganze Reich folgende Skala in Vorschlag gebracht: 1 „sehr aut", 2 „gut", 3 „ausreichend" und 4 „nicht ausrei« chen d". Von der Zensur 5 soll abgesehen werden. Für die 3. Notenskufe wird die klare Bezeichnung „ausreichend" empfohlen, weil dem Begriff „genügend" in den verschiedenen Ländern
eine verschiedene Bedeutung zukommt. Es steht zu erwarten, daß dieser Vorschlag des Philologenver. bandes nun für das ganze Reich zur Einführung kommen wird, nachdem die seitherigen Verhandlungen noch keinen Erfolg gezeitigt hatten.
Die Ausstellung von Wandergewerbe-Scheinen.
Wer im folgenden Jahre ein Gewerbe im Um« herziehen betreiben will, hat um Erteilung eines Wandergewerbescheins, gegebenenfalls unter Vor- läge des für dieses Jahr erteilten Scheines bei der Ortspolizeibehörde seines Wohnortes möglichst schon im Oktober dieses Jahres nachzusuchen. Bei späterer Antragstellung besteht die Gefahr, daß die Scheine bei Beginn des neuen Jahres noch nicht ausgehändigt werden können. Mit dem Anträge muß mindestens ein 6 mal 9 cm großes, deutliches Lichtbild abgegeben werden.
Merkblatt über Skeuergutfcheine und Tariflohn- unterfchreitungen.
Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau hat, rote sie uns mitteilt, die Bestimmungen der Notverordnung unter Berücksichtigung aller bisher erschienenen Durchführungsbestimmungen in einem Merkblatt übersichtlich zufammenge- stellt, das zum Preise von 0,50 -K bei der Geschäft s st e l l e Fulda der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M. - Hanau abgegeben
Lehrer-Tagung in Fulda
Die Vertreterversammlung des kathol. Lehrervereins
Aus hiesigen Lehrerkreisen geht uns folgender Bericht zu:
Am 8. Oktober sand im Bürgerverein zu Fulda die diesjährige Vertreteroersammlung des Katholischen Lehrervereins im Regierungsbezirk Kassel statt, die vom 1. Vorsitzenden, Kollegen Weigand- Ahl bei Salmünster, eröffnet wurde. An dieser Tagung nahmen außer den Vertretern der einzelnen Ortsvereine viele Mitglieder teil, sowie Herr Schulrat Dr. Hamacher, der unseren Versammlungen stets mit Interesse beiwohnt. Ferner konnte der Vereinsvorisitzende den Landtagsabgeordneten Peter Schumacher, Rektor in Wesseling, begrüßen.
Rach einigen allgemein gehaltenen, unser internes Vereins- und Berufsleben betreffenden Darlegungen, erstattete der Schriftführer unseres Vereins, Kollege Streb-Petersberg, den Jahresbericht 1931/32. Daraus ging hervor, daß der Katholische Lehrerverein im Regierungsbezirk Kassel d e r ä I t e st e k a t h o l t - sche Lehrerverein des Deutschen Reiches ist, der in diesem Jahre auf ein 60jähriges B e - stehen zurückblicken kann; dem Katholischen Lehrer- verbande des Deutschen Reiches gehört er bereits 40 Jahre an. Fast alle katholischen Lehrer im Regierungsbezirk Kassel sind Mitglieder de? Katholischen Lehrervereins. Die Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig 500.
Aus den Darlegungen des 2. Berichterstatters, des Kollegen Franke- Kassel, Über die Tätigkeit des' Bezirkslehrer-Rates im Jahre 1931 /32 ging hervor, daß nach der Notverordnung vom 12. 9. 1931, den Lehrerabbau betreffend, im Regie r u n g s b e z i r k Kassel 12 katholische Stellen eingespart werden mußten. Dieser Abbau war am 1. 4. d. Js. bereits durchgeführt, die Anstellungssperre deshalb am 1. Juli aufgehoben. Die Begleiterscheinungen des Abbaues sind herheerend. Die Iunglehrerschast sah manche Hoffnung schwinden; der Gesamtftand hat einen Teil der bitter erkämpften Errungenschaften der letzten 10 Jahre verloren. Schularten. wie Halbtagsschulen und Durchziehklafsen, die wir für überwunden hielten, tauchten wieder auf. Es kam die Frühpensionierung, die von der Junglehrerschaft als neue Hoffnung begrüßt, von der sog. Altlehrerschaft als eine Härte empfunden wurde. Mußten doch die älteren Lehrer in den ersten Jahren ihrer Amtstätigkeit mit Bezügen auskommen, die weit unter den jetzigen Hilfslehrervergütungen lagen. Die Frühpensionierung bleibt unserem Stande gegenüber ein Unrecht; denn die Frage, warum die anderen Beamtengruppen verschont wurden, ist bis heute noch unbeantwortet geblieben. Gegenwärtig noch befinden sich 35 000 Versorgungsanwärter in der gleichen Lage wie unsere Junglehrer und trotzdem beträgt die Altersgrenze bei allen anderen Beamtenkategorien 65 Jahre.
Der Bericht des Kollegen Franke gab ein anschauliches Bild von der zeitraubenden und anstrengenden Arbeit, die seine Tätigkeit im Bezirkslehrer-Rat erfordert. Es war und bleibt eine Fülle von Schreibarbeit zu erledigen, um die ihn niemand beneiden wird, für die ihm die Versammlung aber warm dankte. Unser Dank gebührt auch dem Vorsitzenden des Bezirks-Lehrer- Rates, Herrn L e i n i u s, Rektor in Kassel, sowie
im Regierungsbezirk Rossel.
Oberregierungsrat Kellner, dem das Wohl der ihm unterstellten Lehrerschaft stets ein Herzensbedürfnis ist.
Den Höhepunkt der diesjährigen Tagung bildete der Vortrag des Landtagsabgeordnet. Schumacher über
die schul- und slandespolitische Lage.
Der Vortrag behandelte ausführlich die Gefahren, die der Lehrerbildung und der Lehrerbesoldung drohen.
Bezüglich der Lehrerbildung besteht die Gefahr, daß die pädagogischen Akademien beseitigt und wieder durch eine erweiterte Seminarausbildung ersetzt werden können. Wir müssen verlangen, daß zu Ostern 1933 die Wiederaufnahmen in die Pädagogischen Akademien erfolgen, wenn auch nur in beschränktem Maße.
Was die Besoldung angeht, muß an den Errungenschaften, die unser Führer Gottwald erkämpfte und die man am 1. 10. 1931 begonnen hat, zu zerschlagen, feftgehalten werden.
In der Frage der S ch u l u n t e r h a l t u n g ist man geteilter Ansicht.
Eingehend befaßte sich der Redner mit den Beschlüssen des 12. Reichsbundestages des Katholischen Junglehrerbundes. Die Vertreterversammlung des Katholischen Lehrervereins im Regierungsbezirk Kassel sieht in diesen Vorschlägen eine schwere Gefahr für den Weiterbestand des Katholischen Lehrerverband des Deutschen Reiches und erhebt darum schärfften Einspruch dagegen. — Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den fast zweistündigen Ausführungen des Redners und zollte ihm reichen Beifall.
Nach einer kurzen Mittagspause wurden die Beratungen fortgesetzt. Interessant war das Referat des Kollegen B r e d e - Flieden über das Dienststrafgesetz vom 11. 1. 1932, das an Stelle des Preußischen Diszipli- nargesetzes vom 21. 7. 1852 trat. Das neue Gesetz ist unter der Bezeichnung „Beamten-Dienststrafordnung am 1. April d. I. in Kraft getreten und gilt für alle unmittelbaren und mittelbaren Staatsbeamten, die nicht dem Dienststrafgesetz der Richter unterliegen, also auch für uns Volksschullehrer und die Lehrerinnen. Dieses Gesetz enthält 9 Abschnitte mit insgesamt 118 Paragraphen.
Dem Verfasser dieses Berichtes sei es gestattet, Men Kollegen zuzurufen: Seid versichert, daß unsere bewährten Führer unsere Standesinteressen stets gut wahrnehmen. Darum vertraut ihnen; denn das Vertrauen ist der Grundstein, auf dem ein erfolgreiches Wirkest sich aufbauen läßt. Das Vertrauen ist die Quelle, aus der sich die Kräfte zur Erreichung eines ersprießlichen Wirkens erneuern und beleben. Gegenseitiges Vertrauen ist — wenn ich einen bekannten Ausdruck gebrauchen darf — der Himmel, unter dem alles Gute und Edle gedeiht, zu herrlicher Entfaltung gelangt und nicht nur uns Lehrenden und der Schule von Nutzen ist, sondern auch der Kirche und dem Staate, dem Volke und der Familie zum Segen gereicht.
„Nur aus der Kräfte schön vereintem Streben, Erhebt sich wirksam erst das rechte Leben!" (Schiller)«
I. Wie . - -
VERRAT
AN WOLTMANN
Von G. Panstingl
Copyright 1932, by Dr. G. Panstingl, The Hague, Holland
6.
In der Omsker Tjurma.
Der Ural war überschritten. Der Zug wand sich nach Sibirien hinein. Zum ersten Male verließ Wost- ncann, wenn auch unfreiwillig, die Grenzen Europas.
In Omsk angelangt, wurde er im Kriegsgefangenen- ^ger untergebracht. Das Wort Lager paßte eigentlich nicht darauf. Die gefangenen Offiziere waren nämlich ln der Tjurma von Omsk, dem Stadtgefängnis, zusam- niengepfercht worden. Es war ein trostloser Aufenthalt.
schweres Tor schloß sich mit dumpfem Gedröhn hin- ter ihnen. Kalte, schmutzige Gänge mit kleinen Fenstern, durch deren nie geputzte Scheiben fahler Sonnenschim- *Üer einsiel, zogen sich durch das Maueroiereck des Baues. Eteinwände hallten den Tritt nach wie ein höhnisches Echo.
Wöstmanns Führer, ein bärtiger Landsturmsoldat, Mochte ihn zuerst in die Kanzlei, wo er eine Reihe Fra- ,®en beantworten mußte. Der diensthabende Offizier Iprach französisch mit ihm. Nachdem das Verhör fertig . r- zupfte ihn der Wärter am Rockärmel, und beide ^Ngen weg. Der Weg führte wieder durch ein paar j?a(^9e, in denen Wöstmann deutsche und österreichische siiziere traf, die im Vorbeigehen rasch einige neugierige “rQ9en an ihn richteten.
, Endlich blieben sie vor einer Tür stehen, in der, wie Lullen, an denen sie bisher vorübergekommen waren, vergitterter Ausschnitt war, durch den man von außen |2* $nncre überblicken konnte. Sie traten ein. Es war I trübseliger Raum, lang und schmal; in der Mitte stand c, ^olzztisch mit einigen Sesseln, und an zwei Wänden -™hben Brettergestelle, die — wie die Kojen in einem
Auswandererschiff — übereinandergebaute Bettstellen darstellten. So kam es, daß in diesem Raum, der nach strengsten Gefängnisbegriffen höchstens zwölf Mann hätte bergen sollen, sechsunddreißig Mann untergebracht worden waren. Wöstmann bekam eine Bettstelle „im dritten Stock" zugewiesen. Dann ging sein Führer weg und überließ ihn feinem Schicksal.
Mit dem feinen Gefühl für den Wert des ftisch angekommenen stillen Kameraden, auf dem irgendeine brüt« tenbe Last zu ruhen schien, hatte sich ihm ber Kreis ber besseren Elemente balb willig geöffnet, unb vielleicht gerade beshalb, weil er dieses Entgegenkommen nicht suchte, sondern nur mit freundlichem Dank annahm, fand er um so geneigtere Ausnahme. Besonders ein Wiener Rechtsanwalt und bemerkenswerter Weise der Sohn einer alten, hochadeligen österreichischen Familie, schlossen mit ihm eine Art stillschweigenden Freunschastsbundes.
Der Rechtsanwalt war Dr. Kuppelwalder, ein Familienname, der so guten Klang hatte wie ber Wöstmanns. Der anbere war ber junge Gras Hatfelb, kein begenerierter Sprosse einer degenerierten Ahnenreihe, sondern ein wertvoller Mensch, erfüllt von Idealen, so wie dies feiner Jugend — er war erst einundzwanzig Jahre alt — zukam.
Dr. Kuppelwalder war der älteste. Er war bereits dreiunddreißig, und sowhl fein Beruf als auch eine ge- wisse, innerliche Anlage hatten ihn zu einer umfassenden Menschenkenntnis und einem ironischen Belächeln der Eitelkeiten und Schwächen der lieben Nächsten geführt.
Manchmal, wenn Wöstmann nut seinen beiden Freunden in einer Ecke sah, verfiel er plötzlich in dumpfes Brüten, hörte nicht mehr, was sie sagten, und starrte in
weite Fernen. Dann stießen sich die beiden an, wechselten einen verständnisvollen Blick und rüttelten ihn wieder wach.
Sie schrieben diese Grübeleien dem Schock bei der Gefangennahme zu. Für sie war dies eine völlig ausreichende Erklärung, und er dachte nicht daran, diesen Irrtum richtig zu stellen.
Am fünfzehnten Tag nach seiner Ankunft in Omsk bekam er zugleich vier Karten. Mit zitternden Händen griff er danach, sah sie durch und steckte sie mit einer gleichgültigen Gebärde in die Brusttasche. Zwei waren von seinem Vater und zwei von Bekannten. Seine Enttäuschung war so groß, daß er sie im ersten Augenblick nicht einmal las.
Von Herma wieder nichts!
Er stand auf und ging trotz der schneidenden Kälte ohne Mantel in den Hof hinaus. Dort lief er eine Zeit- lang auf und ab, bis sich der Aufruhr in seinem Inneren etwas gelegt hatte. Er machte eine Sraftanftrengung und begann zu überlegen.
Der Sache muß ein Ende gemacht werden. Mächtig packte ihn jetzt der Gedanke an eine Flucht. Gerade für ihn waren die Aussichten ja günstiger als für feine Kameraden. Er sprach doch die Landessprache so gut wie ein Einheimischer. Und nicht nur bas! Noch wichtiger vielleicht war es, daß niemand, weder seine Kameraden noch seine Wächter, dies wußten. Er sah voraus, daß er länger in Omsk bleiben würbe. Es war boch ein ftänbiges Gefangenenlager. Er hatte also Zeit unb Gelegenheit, bie Sache grünblich in Angriff zu nehmen.
Der Gebaute setzte sich in ihm fest unb arbeitete weiter, unb als er roieber bei feinen zwei Freunben saß, stieß er plötzlich ganz unbewußt, nach einer langen Pause von Versunkenheit, bie Worte heraus:
„Ich kann nicht! So geht bas nicht weiter! Ich muh heraus aus diesem ver. . .
Weiter kam er nicht; denn Kuppelwalder hatte mit jähem Griff seinen Arm erfaßt und preßte ihn so fest zusammen, daß es Wöstmann schmerzte. Erstaunt und verwirrt sah er auf und hörte die ruhigen Worte Kup- pelroalbers:
„Wöstmann hat recht Die Lust hier ist wirklich zum Ersticken. Komm, Hatfeld, nimm deinen Mantel. Wir
gehen alle drei in den Hof. Es ist zwar saukalt; aber wenigstens ist bie Lust rein."
Wöstmann verstand die Sache nicht recht, aber da er wußte, daß Kuppelwalder kein Mensch war, der unnötige Dinge tat ober sagte, machte er sich fertig unb ging mit ihnen hinaus.
Der Hof war ein großes Viereck, in besten Mitte die Rusten eine Holzbaracke erbaut hatten, die als Kantine diente. Rund um bie Holzbaracke zog sich bemgemäß ein breiter, viereckiger Weg. Kuppelwalder führte sie dort hinaus, pnb sie begannen den Rundgang.
„Vor allem, Kinder, unauffällig gehen. Wir machen unseren Gesundheitsspaziergang im normalen Fußmarschtempo. Hatfeld kann pfeifen, damit wir richtig marschieren."
Während Hatfeld den Takt durch leises Pfeifen angab, fuhr Kuppelwalder fort:
„Das war eine große Unvorsichtigkeit von dir, Wöstmann. So etwas sagt man nicht laut!"
„Ja, was habe ich denn eigentlich laut gesagt?"
„Nicht stehenbleiben — durchmarschieren, Wöstmann!" sagte Kuppelwalder, „und um Gottes willen mach' kein so erstauntes Gesicht. Gib dir Mühe, deine Züge zu beherrschen. Es braucht boch wirklich keiner zu sehen, baß wir außergewöhnliche Dinge besprechen. Plaubere so unbefangen, als ob bu über bas Wetter sprechen würbest."
Kuppelwalder machte eine Pause, um Wöstmann Zeit zu geben, sich zu sammeln. Dann fuhr er fort:
„Daß bu nicht einmal weißt, was bu gesagt hast, zeigt, wie tief bu in beine Gedanken versunken warst, Wöstmann! Ich will es dir wiederholen. Du hast gesagt: „Ich kann nicht! So geht es nicht weiter! Ich muß heraus aus diesem verd . . . ." Das Ende dieses Satzes läßt sich ja denken. Du scheinst fliehen zu wollen. Ich will jetzt gar nicht über den Wert ober Unwert eines solchen Planes sprechen. Wenn bu willst, kann ich später barüber reden. Vorläufig will ich dich nur darauf aufmerksam machen, daß du vorsichtiger fein mußt. Du kennst die Verhältnisse hier noch zu wenig. Und nochmals, mach' kein erstauntes Gesicht! So ist es besser! Du kannst sogar lachen, wenn du willst."
Wöstmann zwang sich zu einem Lächeln.
Fortsetzung folgt