Itr. 228
Vellage zur Fuldaer Zeitung
2, Oktober
Oer junge Herbst.
Prangend zieht er durch das Land, wandelnd wie im Traum.
Seine braune Knabenhand liegt am Silberzaum, lieber Bäume fruchtbedeckt segnend er die Hände streckt um sie leis zu streifen, und in lächelndem Erbarmen gibt er noch die letzten warmen Sonnenstrahlen ihrem Reifen. — Zu dem Rosenhang geht sein leiser Gang, wo die letzten düftevollen Rosen sanft verblühen wollen. Ganz von Licht umsponnen glühn sie still versonnen, lächelnd wie Madonnen, die an Wegen stehn.
Wollen schier vergehn, blühen tief gebückt, bis er leis sie pflückt und sein blitzend Wehrgehäng lächelnd damit schmückt! — Einzig seinem leisen Gang zitternd folgt der feine Klang seines Silbersporn---
Gertrud Lemke-Kaminski.
tzerbsk-Gartenstunde.
Bon K. W.
Milde? Septemberlicht durchleuchtet die Gärten. Das, große Blütenfest des Jahres, begonnen mit lieblicher' Ouvertürenmusik der kleinen Herolde des Frühlings, aufrauschend zur farbigen Sommeriymphonie der großen Blüher, klingt aus in gedämpfter Kammermusik der helenium, Septemberphloxe, Astern und Chrysanthemen.
Zwischen den mittelhohen und niedrigen Formen der Goldruten, die schon die Patina des Herbstes tragen, |
leuchten noch die Blütenwedel der hohen Königsgoldrute in ihrem warmen Gelb in der Nachmittagssonne, umsummt und durchzittert von allerlei Fliegenge- schwärm, dem darin ein goldnes Tischleindeckdich bereitet ist. Dahinten an der grauen Mauer sanft vornübergeneigt die mächtigen Büsche der Sonnenhüte und Goldbälle. Lachsrosa Septemberphloxe brennen vor dem gelben Leuchten. Seltsame zarte Mandeldüfte entströmen dem Kuppelbau der roten Dolden und haben schon mitten im Nachmittag einen der honiglüsternen Nachtfalter angelockt, die doch sonst erst am Abend kommen, den süßen Seim der Kelche zu schlürsen.
Gedämpft wie Flötenmusik tönt das Lilarosa der Amellusastern in das Rot der Phloxe. Seltsame Fliegen, deren Leiber wie mit dunklebraunem japanischen Lack überzogen erscheinen und die auf den ersten Blick Honigbienen gleichen, sitzen gutmütig versonnen auf den gelben Blütentellern. Erst durch die Verbindung von Pflanze und Tierleben wird die Natur lebendig, deckt wunderbare Beziehungen des Lebens im Krei^jauf des Geschehens auf und bezieht uns selbst mit ein in ihr geheimnisvolles Weben.
Noch immer blühen Rosen und schenken stille Nachsommerfreuden. Ganz in Herbststimmung getaucht sind die Beete der Einjahrsastern mit ihren srostigen Blau- und Lilatönen, nur leise durchschlungen von einem verdämmernden Rot. Schon beginnt der Flor der hohen Staudenastern.
Auf den blauen Sternen der Feltham blue leuchtet das Rostrot der Flügel eines Falters. Hastig senkt er die haarfeine aufgerollte Spirale seines Rüssels in die gelben Blütenschächte und erschrickt, wenn eine derbe Hummel sich neben ihm niederläßt. Jedesmal, wenn er die bunt gesprenkelten Wunderwerke der Flügel über die dunkelblauen Wimpern der Blütenaugen breitet, gibt es einen Farbenklang von weichem Schmelz. Und während all dies im sonnwarmen Nachmittag geichiebt dringen vom Dorf herauf die Stimmen der Kleinen, die sich immer lauter und geschäftiger in den süßen Taumel ihrer Spiele verlieren, und fliegen im reinen Blau des Himmels die Schwalben um den dunklen Schiefer des Kirchturmes, in Aufregung und Unruhe vor der großen Reife.
Helfe mit Hindernissen.
Ein Reisebericht von Johann Kaspar Goethe.
Aus den in Briefform verfaßten italienischen Tagebuchaufzeichnungen von Goethes Dater veröffentlichen wir nachstehend auszugsweise ein-n interessanten von Emmy Pfeiffer übersetzten Abschnitt Die Reisebriefe wurden aus Anlaß des Goethe-Jubiläums im Auftrage der Kgl. Italienischen Akademie von dem Turiner Professor Ar- turo Farinelli, der zeitweise als Präsident des Kölner Petrarca-Hauses in Deutschland weilt, herausgegeben.
. . . Ungllcklicherweise unternahm ich diese Reise, ohne daran zu denken, daß die Pest in der Türkei herrschte und sich bis an die ungarischen Grenzen bemerkbar machte. Da ich nun aus jener Gegend, aus Wien, kam, hielt man mich, als ich den venezianischen Staat betrat, für einen Menschen, der eine ansteckende Krankheit mit sich herumträgt. Ich war daher gezwungen, mich der Üblichen Desinfektionskur zu unterziehen, welche die allzu ängstlichen Venezianer für Einreisende eingeführt hatten. In Wien hatte man nichts von der Pest gemerkt. Nur an der venezianischen Grenze sah man mich als pestverdächtig an.
Hier war der Durchgang auf der Haupfftraße durch vergitterte Tore versperrt. Bei meiner Ankunft wurden sie geöffnet. Ein Offizier der Wache näherte sich mir und stellte einige Fragen an mich. Darauf führten mich einige Soldaten zu einem kleinen Häuschen, oder besser gesagt meinem Gefängnis, denn es war eingepfählt und mit doppelt vergitterter Pforte versehen. Als ich dort ankam, stand ein großer, sehr dicker Mann mit halbverwilderter Miene hinter dem Gitter. Von weitem zeigte ich ihm aui einer Art Schaufel meinen Empfehlungs-
Las Rätsel des TuMnlang.
Roman von Kurt Martin.
Copyright bt> Verlag Neues Leben, Bahr. Gmain.
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Ja, wahr und wahrhaftig, dieser schmale Streifen da gehörte zu dem Schal! Es war die gleiche Farbe, das gieiche Gewebe. Hier, da mochte es wohl fehlen! Wer hatte dies Nestchen Seide besessen? Wer hatte es ihm hier während der Fahrt nach Mandalay zugesteckt? Zu welchem Zwecke? War es die Botschaft, daß er sich auf her Spur Jngeborg Bergners befand?
Gr ward wieder ruhelos. Die Fahrt dauerte ihm "iel zu lange. Erleichtert atmete er auf, als der Zug Uach vielen Stunden Mandalay erreichte.
der während der ganzen Fahrt nicht zu sehen gewesen war, fand sich sogleich ein und dann stand noch !*n junger Chinese vor Jörgen Bollander und erklärte 'hm, er sei Wung, Mr. Hocks Boy, und dürfe doch wohl Nun bei Mr. Bollander bleiben Wung und Li-Pen sorgen gewandt für die Besorgung des Gepäcks nach Bollan- °»s Heim, und er selbst fuhr zufrieden, das Ziel erreicht hü haben, dem ihm unbekannten Haufe entgegen, in dem nun wohnen sollte Es ging durch breite Straßen, zu rren beiden Seiten sich die aus Holz gebauten Häuser Erhoben. Sie kamen an Verkaufshallen vorüber, in 'üen junge Birmefinnen Obst, vor allem Bananen, «Nanas, Orangen, Feigen und Trauben feilboten. Dane- ,ett gab es Fischstände und Gemüsehändler. Reges Le- und Treiben erfüllte die Straße. Es wurde gekauft verkauft, geschwatzt, gelacht und wohl auch ge- ftlrtet.
L $ann 9in9 es in eine Parkstraße hinein, die noch i®6ni9 bebaut war, aber in ihrer natürlichen Pracht einer f-Wn, üppigen Vegetation dem Auge wohl tat, das bis- unter dem Staub in den verkehrsreichen Straßen zu '°'den hatte.
M Der Wagen hielt vor einem kleinen Häuschen. Wung Wang dienstbereit herbei und geleitete seinen Herrn ins W>Us. Dies war, gleich den meisten Gebäuden, aus Holz MSeftellt und zeigte außen hübsches Schnitzwerk. Durch
brief. Er nahm ihn in Empfang und hielt ihn über ein qualmendes Räucherfaß. Nachdem er ihn darauf gelesen hatte, versprach er mir jede erdenkliche Hilfe. Hierauf wurden die Gitter geöffnet und meine Sachen hineingetragen. Als ich dem Dicken, dem Leiter der Quarantäne, einige verbindliche Worte sagen wollte, drängte er mich zurück und rief mit pathetischer Stimme, ich solle ihm nicht nahe kommen. Was für ein ungesittetes Benehmen! Aber ich hatte Geduld. Er deutete schließlich mit dem Finger auf einen Mann, der mein Wächter fein sollte. Dann zog er sich zurück.
Das Gitter fiel ins Schloß, und ich blieb mit meinem Wächter allein, ohne irgendwelche Verbindung mit der Außenwelt. Von hier aus wurde ich nun in ein Zimmer im Erdgeschoß geführt. Darin standen zwei Betten und ebensoviel roh gezimmerte Stühle mit einem ebensolchen Tisch. Das Licht drang durch zwei Luken herein, die so hoch waren, daß man sie nur mit einer Leiter erreichen konnte. Die zwei Türen befanden sich in sehr schlechtem Zustand. Sie waren in ihrem unteren Teil durchlöchert, so daß Mäuse und Ratten mühelos aus- und eingehen konnten. Die eine Tür führte in den Garten ober vielmehr auf eine fehr kleine, umzäunte Wiese, die andere in die Vorkammer meines Wächters ober besser gesagt Spions.
Eine wahre Spelunke, die trübsinnige Gedanken her- oorrief. Aber was tut man nicht alles, wenn man von dem Wunsche beseelt ist, fremde Länder zu bereifen! Man nimmt alle Unbequemlichkeiten in Kauf und macht kein großes Aufheben davon.
Was das Essen anbelangt, so wurde ich von dem Hause des obenerwähnten Direktors versorgt. Die Plgt-
einen kleinen Garten betrat man eine Art Vorraum, dann folgte ein als Speisezimmer eingerichteter Raum. Weiter hinten lag die Küche, an die sich noch zwei kleine Gelasse anschlossen, in deren einem nach Wungs Angabe er und Li-Pen, im anderen Dolapi, die birmesische Die- nerin, schliefen. Oben im ersten Stock befand sich das Schlafzimmer und ein weiterer, als Arbeitszimmer gedachter Raum.
Jörgen Bollander schritt alle Zimmer durch. Er sand Li-Pen in der Küche, wo er alles inspizierte und mit hundert Fragen Dolapi bestürmte, die schon abseits stand und zagend auf Jörgen Bollander schaute. Er trat zu ihr.
„Bist du Dolapi?"
Das Mädchen nickte:
„Ja, Mr. Bollander. Darf ich hierbleiben?"
„Du kannst bleiben."
Er begab sich nach oben. Alles gefiel ihm. Ohne Zweifel würde es sich ganz gut in diesen Räumen leben lassen.
Er öffnete den Koffer und begann auszupacken. Doch bald hielt er inne.
Der Brief! Zu allererst der Brief nach Gleschen- darf, dieser letzte Versuch, ein Bild Jngcborgs auszu- treiben!
9.
Die ersten Tage feines Aufenthaltes in Mandalay benützte Jörgen Bollander, um sich die Stadt und ihre Umgebung anzusehen. Am dritten Tage stattete er dem Ehepaar Shelton feinen ersten Besuch ab.
Henry Shelton empfing ihn zunächst allein. Groß, breitschultrig, mit merklich grob geschnittenen Gesichtszügen, lebhaft und unbeherrscht in feiner ganzen Art, begrüßte er den Gast.
„Freut mich, Ihre Bekanntschaft machen zu können, Mr. Bollander! Ihr Vorgänger, Mr. Hock, war ein angenehmer Kerl. Ich denke, Sie werden sich noch weit besser als er mit uns verstehen. Sie sind unverheiratet? Gut so! Man hat seine liebe Not, wenn man verheiratet ist, wissen Sie. Und hier finden Sie so reizende Mädelchen, man entbehrt auch hier als Unverheirateter nichts. Wie ist es, machen Sie auch mal ein Spielchen mit? Wir vertreiben uns im kleinen
ten, mager wie fett, waren überreichlich, aber allzu einförmig. Es gab Woche für Woche dasselbe wie be uns in den Armenhäusern, wo die Leute ganz genau im voraus wissen, was auf den Tisch kommt. Aus diesem Grunde nahm von Tag zu Tag mein Appetit ab und blieb schließlich ganz aus. Als mein Wächter sah, daß ich die Speisen fast nicht anrührte, erblickte er darin das Vorzeichen einer Pesterkrankung. Ich erklärte ihm, daß die wirkliche Ursache meiner Magenverstimmung nur in der Einförmigkeit der Speisen bestünde. Aber er wollte es nicht glauben. Ich verfiel daher auf einen anderen Ausweg und warf einen Teil der Speisen aus dem Fenster und den Hunden im Hofe vor; in wenigen Augenblicken hatten sie alles verschlungen. Auf diese Weise machte ich mich selbst gesund, und mein Wächter begann anderer Meinung zu werden. Ganz in Ordnung kam ich allerdings erst am Ende dieses Fegfeuers. Ich lernte aber an diesem Beispiel, daß wenige Speisen genügen, um uns bei guter Gesundheit zu erhalten.
Dieses Leben führte ich vier Wochen lang; am Ende der dritten genoß ich größere Freiheit als in der ersten, denn es wurde uns gestattet, einige neuangekommene Leidensgefährten zu besuchen. Man war nicht mehr fo streng in der Absonderung des Einzelnen, ja, es wurde uns sogar hierauf bekannt gegeben, daß die Quarantäne bald aufhören und man uns am Ende der vierten Woche entlassen würde. Diese Mitteilung nahmen mir mit großer Dankbarkeit auf, da die GefangenschaÜ recht unbequem war. Schließlich erklärte uns der Direktor für entlassen.
Nun faßte ich ein wenig Mut. Mir war in jener Zeit ein struppiger Bart gewachsen gleich einem Kapuziner. Da ich ihn mir abnehmen lassen wollte, zeigte sich der Direktor von seiner höflichen Seite und geleitete mich persönlich nach der unvergleichlichen Festung Palmanova, wo ich mein finsteres und barbarisches Aussehen in ein menschlicheres verwandeln lassen wollte. Bei dieser Gelegenheit besichtigte ich die ganz neue Festung. Sie ist schön und regelmäßig gebaut. Ihre Häuser, nicht höher als zwei Stockwerke, sind durch die Befestigungen gedeckt.
Daß ich bei meiner Entlassung für Zimmer, und Essen und Wärter eine Zechine je Tag bezahlen sollte, versetzte mich in die größte Wut. Unter diesen Umständen ist es gar nicht so übel, Direktor zu (ein, sondern im Gegenteil sogar recht einträglich. Man zieht die Quarantäne solange wie möglich hin, nur um recht viel Geld herauszuschlagen. Aber es nutzt nichts, sich bei dem Richter zu beschweren, denn dazu gehört Erfahrung, und die geht den fremden Neulingen ab. Ich reifte von jenem verwünschten Ort heiteren Herzens ab und hatte keine andere Genugtuung, als einige Wochen später zur Karnevalszeit in Venedig zu sehen, wie großspurig dort der Direktor und mein Wärter mit meinem Geld auftraten. Verflucht seien jene niederträchtige Menschen! Wie man mir damals erzählte, hatten sie mich acht Tage länger als vorgeschrieben dort behalten.
Nächtliches Schattenspiel.
Skizze von Peter Mattheus -Berlin.
Die Nacht war sehr still und sehr dunkel. Plötzlich fuhr Fiebelkorn mit einem Ruck aus dem Schlaf und setzte sich im Bett aufrecht. Irgendwo hatte etwas geklirrt.
Er hielt den Atem an und lauschte. Der Gedanke, ganz allein im Hause zu sein, jagte ihm ein unangenehmes Prickeln über die Haut. Die Wirtschafterin, die sonst im Dachgeschoß schlief, hatte sich tags zuvor Urlaub geben lassen und war zur Hochzeit einer Verwandten in die Stadt gefahren. Er horchte angespannt. Nichts rührte sich. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, daß ein Geräusch von unten gekommen war.
Leise stand er auf und trat auf den Balkon hinaus. Don dort führte eine schmale Steintreppe hinunter aut die Terrasse, die sich vor dem Hause hinzog. Der Garten lag in tiefer Dunkelheit. Kein Laut war zu hören. Fiebelkorn faßte sich ein Herz und schlich die Treppe hinab.
Unten spähte er vorsichtig um die Ecke. Er sah die Steinplatten der Terrasse bleigrau durch die Finsternis schimmern. Sonst nahm er nichts wahr. Nach einigem
Kreis oftmals damit die Zeit; es geht selbstverständlich einwandfrei anständig dabei zu. Beruflich werden Sie nicht so sehr in Anspruch genommen fein. Ihr Vorgänger hatte immer viel Zeit."
Jörgen Bollander kam erst jetzt dazu, sich zu äußern.
„Es wird für mich wohl mehr zu tun geben, als für Mr. Hock Arbeit vorlag. Ich soll mancherlei Pläne meines Hamburger Hauses durchführen."
„Ach so! Ja. dann ist es schon möglich, daß Sie angestrengter heranmüssen. Sie kommen aus Wentschou, Mr. Bollander?"
„Ja, ich weilte aber nur kurze Zeit dort. Zuvor war ich in Manila tätig."
„Wentschou! Da sind Sie also auch in Tschongjing. gewesen, wo ich bis vor kurzem wohnte."
„Man erzählte mir davon, ja."
„Was sagte man Ihnen, wenn ich fragen darf? Mit wem sprachen Sie über mich?"
„Mit Mr. Rilms."
„Ach so, Rilms! Was ist das für ein Mann?"
„Er hat mir gefallen. Nur fühlt er sich scheinbar nicht recht wohl in Tschonggjing."
„Verstehe ich! Ich bin auch heilfroh, daß ich dort fort bin. Und in Wentschou? Dort haben Sie Teegeschäfte abgeschlossen, was?"
„Ich bahnte die Verbindung meines Hamburger Hauses mit Mr. Liü-Fu-Tang an."
„Ein unangenehmer Mensch! Falsch bis in die Nagelspitzen."
Jörgen Bollander stutzte.
Da war wieder ein abfälliges Urteil über Liü-Fu- Tang, das zweite! Auch Pang-Kwai hatte sich an Bord der „Mauritius" so ähnlich geäußert.
Er sagte leichthin:
„Ich kann da nicht urteilen. Meine Bekanntschaft mit Mr. Liü-Fu-Tang beschränkt sich nur auf geschäftliche Verhandlungen. Er war dann tagelang abwesend, und als er wiederkam, erhielt ich die telegraphische Reiseordre meiner Firma. Mr. Liü-Fu-Tang hat mir übrigens aufgetragen, Ihnen und Ihrer Gattin feine Grüße zu bestellen."
„So, hat er sich bewogen gefühlt! Hm, wenn meine Frau sich erinnern könnte. Sie würde Ihnen dasselbe
Zögern entstchlotz er sich, zu seiner eigenen Beruhigung einmal die Runde ums Haus zu machen. Langsam tastete er sich an der Mauer entlang.
Er kam bis etwa zur Mitte der Terrasse. Plötzlich sank er mit einem erstickten Aufschrei gegen die Wand und blieb regungslos stehen. Sein Herzschlag setzte für eine Sekunde aus.
Aus dem schwarzen Schacht eines halb geöffneten Fensters schoß jäh ein Arm hervor, ein Arm, an dem ein viereckiger, dunkler Gegenstand baumelte.
„Nimm, Mensch, und türme!" zischelte es heiser.
Der Arm verschwand, so schnell wie er erschienen war. Der dunkle Gegenstand blieb in Fiebelkorns Hand zurück. Es schien eine Tasche zu sein.
Fiebelkorn machte kehrt. Mit schlotternden Knien eilte er die Terrasse entlang, tappte die Treppe hinauf und stürzte in sein Schlafzimmer. Er machte die Balkontür hinter sich sest zu und drehte den Schlüssel zweimal herum. Dann ließ er sich schweratmend auf bas Bett sinken. Dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.
Einige Augenblicke später huschte ein Schatten vom Garten her über die Terrasse. Noch ehe er das Haus erreicht hatte, schwang sich ein zweiter Schatten aus einem Fenster und glitt auf ihn zu.
„Was' los? Was krebst Du hier noch 'rum?" grunzte die heisere Stimme.
„Dachte, es murtelt jemand am Gartentor", brummelte eine andere.
„Blödsinn!" Das war wieder die heisere Stimme. „Vorwärts — ab!"
Die beiden Gestalten verschwanden unter den Bäumen, kletterten über den Gartenzaun und liefen gebückt durch die Felder. Am Waldrand machten sie halt. „Nun rück' mal 'raus!" sagte der Mann mit der heiseren Stimme und wischte sich schnaufend die Stirn.
Der andere nuschelte etwas vor sich hin.
„Los, gib die Tasche her!" wiederholte der Heiser«. „Was für ’ne Tasche?" fragte der andere verblüfft. „Na, Mensch — die Tasche! Ich hab' Dir doch die Tasche gegeben."
„Du hast mir ’ne Tasche gegeben? Du mir? Di« Stimme des anderen klang gefährlich schrill. „Du spinnst wohl, was?"
Der Heisere sperrte eine Sekunde lang sprachlos den Mund aus. Dann machte er einen Schritt auf den anderen zu und hielt ihm die geballte Faust unter die Nase. „Du, gib die Tasche ’raus!" zischte er drohend. . Du willst mich wohl begaunern, was? Ich sag Dir, Du kriegst Dresche wie noch nie im 2eben."
„Ich Dich begaunern? Du willst mich begaunern!*1 heulte der andere voller Wut. „Du hast die Tasche wohl versteckt, um sie nachher alleine abzuholen, he?"
Im nächsten Augenblick schlugen sie zu. Es war eilt Boxkampf ohne besondere Regeln. Die Fäuste wirbelten wild herum und hieben und stießen, wie es gerade kam. Beide keuchten. Zum Schluß gerieten sie ins Stolpern, schlugen krachend mit den Schädeln zusammen und rollten ins Gras. Eine Weile blieben sie ächzend liegen. Endlich rappelten sie sich auf.
Der Heisere bückte sich, nahm feine Mütze und fpie im Bogen vor dem andern aus. „Du Schuft!" sagte er giftig. Dann drehte er sich herum und ging davon-
„Gemeiner Lump!" krächzte der andere und schüttelte die Faust hinter ihm her. Dann machte auch er kehrt und verschwand in der entgegengesetzten Richtung. —t
Fiebelkorn stand um diese Zeit vor dem Tisch in seinem Schlafzimmer und betrachtete tief erstaunt die
sagen wie ich: Ein Mensch, vor dem man sich hüten muh! Wissen Sie, er stellte heimlich meiner Frau nach; aber ich verhinderte seine Absicht. Zuletzt noch, als man Rung-Kü-San tot fand, wollte Liü-Fu-Tang mir eins auswischen, er versuchte, bei den Chinesen gegen mich zu wühlen. Ich ließ ihn aber nicht im Zweifel darüber, was seine Hinterlist zur Folge habe, und da zog er sich sehr schlau aus der Affäre, er forderte nach außen hin meine ungehinderte Abreise. O, ich sage Ihnen:' das ist ein gefährlicher Mensch!"
Jorgen Bollander war überrascht, Henry Shelton so feindselig von Liü-Fu-Tang sprechen zu hären.
Warum erzählte ihm Shelton so offen, welch schlechte Erfahrungen er mit Liü-Fu-Tang gemacht hatte? Wer sprach da wahr? Was stand zwischen diesen Männern? Eifersucht?
Er begann:
„Ich erfuhr durch Mr. Hock, daß Ihre Gattin leidend ist, Mr. Shelton. Das bedauere ich sehr."
Shelton seufzte. Sie saßen sich in bequemen Korbsesseln gegenüber, und Shelton füllte sich zum drittenmal fein Glas mit Whisky.
„Ja, es ist das eine ganz schlimme Sache, Mr. Bollander. Meine Frau hat ihr Erinnerungsvermögen verloren. Ich hatte bei der Motorbootfahrt den Jangtse hinab ein verfluchtes Pech."
Jörgen Vollander sah ernst vor sich hin.
„Es muß ein sehr schlimmes Los fein. Ihre Gattin ich wirklich zu bedauern."
„Für mich ist es aber auch nicht leicht, Mr. Bollander! Meine Frau muß sich ja sozusagen erst wieder in die Gemeinschaft mit mir hineinleben. Denken Sie doch! Sie wußte ja anfangs nicht einmal mehr, daß sie mit mir verheiratet war. Ich war für sie ein Fremder. Und alles, was ich ihr erzählte, aus Tschongjing, von unferm Leben dort, von den Menschen, mit denen wir dort verkehrten, — sie weiß nichts mehr!"
„Und es besteht keine Hoffnung auf Heilung?"
„Nach Ansicht der Aerzte nicht. Man macht mir gar keine Hoffnung. Aber warten Sie, ich will meine Frau jetzt rufen. Sie sollen sie kennenlernen und selbst sehen, wie schlimm die Sache ist."
Shelton erhob sich geräuschvoll und verließ das Zimmer, Sorgen Bollander hörte ihn nebenan aufgeregt