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Anzeiger für die Stadt Aulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Zahrg. 59

Samstag, 1. Oktober 1932

jlt. 227

wtb. Berlin, 30. Sept. (Eig. Meld.) Der V o r- stand und Ausschuß des Zentralver­bandes des deutschen Bonk- undBan- kiersgewerbes nahm gestern zu dem Wirt­schaftsprogramm der Reichsregierung in posi­tivem Sinne Stellung.

Der offiziöse Draht meldet:

VDZ. Berlin, 30. September. (Gig. Meld.) Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. , meldet, ist int preußischen Wohkfahrtsministerlum, im preußischen Landwirtschafts- und im preußischen Handelsministerium sämtlichen Staatsangestellten Jefet zum 1. April nächsten Jahres g eiünb i gt worden. Diese Maßnahme wird zwar nur als vorsorgliche Kündi­gung bezeichnet. In informierten Kreisen wird edoch dem Nachrichtenbüro erklärt, daß dieses Vorgehen mit der geplanten Verwaltungs- reform tn den zentralen oberen In - tanzen zusammenhängt. Man wird wohl nicht ehl gehen, wenn man anmmmt, daß in oen preußischen Staatsministerien die von den Re­ferenten für die Verwaltungsresorm schon seit längerer Zeit angeregte Zusammenfassung nunmehr durch die Beseitigung einiger preußischer Mini­sterien in die Praxis überführt werden soll. Dabei wäre zum Beispiel hervorzuheben, daß bisher sowohl in der Landwirtschaftsverwaltung als auch in der Handelsverwaltung noch bestimmte Fach­schulen registriert werden. Nach der Neuregelung dürften sämtliche Staatsschulen im Kultus­ministerium zufammengefaßt werden. Weiter wird man wahrscheinlich darauf abzielen, bestimmte preußische Ministerialaufgaben auf die vor­handenen Reich sMinisterien hinüberzu­nehmen, was vor allem bei der Landwirtschaft und vielleicht auch bei der Volkswohlfahrt in Frage kommen soll. Es wird die Zahl der preu­ßischen Ministerien auf diese Weise von sieben außer dem Ministerpräsidenten auf mindest vier bis 5 herabgesetzt, während man sicher als Ziel der Verwaltungsresorm für die restlichen preu­ßischen Ministerien eine Personalunion mft dem Reiche erstrebt. Die Einzelheiten der geplanten Neuregelung müssen vorläufig noch mit Vorsicht betrachtet toerben. Als feststehende Tat­sache bleibt aber die Ingangsetzung dieser viel- umstrittenen Verwaltungsreform durch die Kündi­gung der Staatsangestellten. Die Kündigungen sollen auch den Zweck haben, zunächst freie Hand zu bekommen ,damit man bei einer Reform der Verwaltung nur diejenigen übernehmen muß, die tatsächlich noch gebraucht werden.

Frauen zuviel! Hinsichtlich der Wo hnungs- Verhältnisse ist London zwar besser daran als Berlin; doch sind die Zahlen auch dort noch recht trübe. Die Wohnungen stiegen von 720001 im Jahre 1921 auf 748 930 (1931), Ö. h. nur um 4 Prozent, also um weniger als die Hälfte der Bevölkerungszunahme. Kamen 1911 auf 1 Woh­nung 1,51 Familien, so heute 1,63. Es ist aber überaus bemerkenswert, daß 1921 noch in HO 495 Familien mehr als 2 Personen in 1 Zimmer Hau­sen mußten, 1931 jedoch nur noch 89 600, d. h. statt 683 498 Menschen nur noch 541 352. Immer­hin: 58,8 Prozent der Familien hatten nur 1 bis 3 Zimmer, 27,7 Prozent hatten 4 bis 5 und nur 13,5 Prozent über 5 Zimmer.

Diese unglücklichen Wohnverhältnisse finden sich jedoch nicht im selben Maße in ganz England. Sonst könnten die Gesundheitsziftern nicht so über­aus günstig sein.Niemals haben die Engländer sich einer solchen Volksgesundheit erfreut als wie heute!" erklärte mit Stolz Sir George Newman, der Chef des Gefundheitsministeriums. In der Tat, von 1871 bis 1880 hatte jeder Knabe Aussicht, 41 Jahre, jedes Mädchen 44 Jahre alt zu werden: heute darf der Junge auf 56 und das Mädchen auf 60 Jahre rechnen. Man lebt 15 Jahre

Nicht alle Türen zu?

Die neue (Entente bietet Vermittlungen an.

Ungeachtet der Rede Herriots mit ihremNein, Niemals", imgeachtet des starren Fefthaltens am status guo ante", dem Pochen auf dieHeiligkeit ynö Unabänderlichkeit der Verträge", ungeachtet flU£f; der Verlegenheitsfeststellungen im englischen Memorandum sehen wir doch ein unbehag­liches Gefühl bei der neuen Entente. Man hat Deutschland wohl isolieren können, aber man Mit sich selbst auch abgeschoben, weil Deutschland an der politischen und wirtschaftlichen Neuordnung Europas nicht mehr mitarbeiten kann, solange es als Land minderen Rechts angesehen wird.

' Und hier fängt doch auch schon wieder die eng­lisch-französische Allianz an zu bröckeln. Denn ab­gesehen von der Erschütterung des Kabinetts M a c- honald infolge des Austritts mehrerer hervor- ragenber bisheriger Mitglieder kann einfach keine englische Regieung der französischen Vormachtstel­lung Zugeständnisse machen. Nun sitzt man in der Zwickmühle. Ohne Frankreich gelingt nichts und ohne Deutschland sind Konferenzen bedeutungs- und erfolglos. Also vermittelt England durch Henderson. Dieses Bestreben unterstützen Ame­rika und Italien, sowie eine Reihe kleiner Staaten. Was angeboten werden soll, wissen mir nicht. Pres­semeldungen lassen nur erkennen, daß es sich wahr­scheinlich mehr um französische als englische For­mulierungen handeln dürfte. Denn auch Frank­reich fühlt sich im Panzer desNein, Niemals' nicht wohl.

Für Deutschland bleibt wichtig, daß ein Riegel offen blieb, nicht alle Türen zu geschla­gen sind. Es scheinen sich neue Berhandlungs- möglichkeiten anzubahnen, von weitem vorläufig. Sie müssen endlich eine Regierung finden, die zu nutzen versteht, was sich ihr bietet, die jene Metho­dik wählt, welche das Ziel für die Nation vorbe­reitet, fundiert und zukunftsdauernd sichert.

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Nach Herriots neuer Genfer Rebe folgte auf der Völkerbundstagung die Rebe bes Engländers Lord C e - eil und des Italieners Aloisi. Der englische Dele­gierte kam auf die deutsch-französischen B e ­ziehungen zu sprechen, die endlich geklärt werden müßten. Mit einer Einigung zwischen Deutschland und Frankreich würden 7 5 Prozent der Unrudern ber Welt aushören. Aloisi erklärte das Problem, dem die italienische Regierung die größte Bedeutung zu- miht, sei der wirtschaftliche Wiederaufbau d e r W e l t, um endlich wieder zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht zu gelangen. Mit Einschränkungen, Kontingentierungen und Präferenzen, mit Handelshemmnissen und Auswanderungsoerboten wurde nur das Gegenteil erreicht. Aloisi sprach sodann noch über die Konferenz von Stresa, die einen ersten Schritt auf diesem Wege darstelle, und schloß mit einem erneuten Hinweis auf den guten Willen Italiens.

Dor kurzem kamen die neuesten Staitiftiken über London heraus. Danach hat die Be­völkerung allein ber Hauptstadt Englands in den letzten Jahren um 723 741 Einwohner zugenorn- inen, so daß Groß-London zur Zeit von rund 8 204 000 Menschen bewohnt wird. Während also bei uns Berlin und die übrigen Großstädte eher ab- als zunehmen, wenigstens die Tendenz ein­deutig auf eine Verkleinerung ber Städte hm- drängt, ist umgekehrt die B e v ä l k e r u n gs z u- nahme Londons dreimal so groß als die zwischen 1911 und 1921 und doppelt so groß als die Zunahme der Einwohnerzahl Großbritan­niens. Bemerkenswert ist aber, daß dieser Be­völkerungszuwachs in London nicht herrührt von Einern größeren Nachwuchs. Im Gegenteil, die Familien mit einem ober gar keinem Kinde nah­men außergewöhnlich zu: sie machen heute 45,6 Prozent aller Familien aus, wogegen die Fami­lien mit sechs oder mehr Kindern in den letzten 20 Jahren auf die Hälfte zurückgingen und nur noch 4 Prozent der Gesamtzahl darstellen. Un­natürlich ist auch das Verhältnis zwischen der Zahl der Männer und Frauen. Auf 3 832 91 j Männer kommen in London 4 371 026 weibliche Einwohner. Also: mehr al.» V». Million

länger. Im Jahre 1922 starben unter 50 Iah», ren 42,1 Prozent, 1931 nur noch 32,8 Prozent« In den letzten Jahren ging die Tuberkulose-Sterb^ lichkeit zurück um ein Drittel, die der Kindersterb­lichkeit um mehr als die Hälfte (1900. 142 91.., 1931: 38 903), die der Mütter blieb aber auf ber alten Höhe. Von 100 vermeid baren Todesfällen gelang es der schlechten Wochenhilfe nur 60 zu vermeiden. Obwohl die Mütter st erblichkeit nicht a b n a h m, ging die Zahl ber G e b u r- t e n doch erstaunlich auch in England zurück: von 648 811 (1930) auf 632 081 (1931). Merkwürdi­gerweise nahm aber die Kindersterblichkeit im letz­ten Jahre wieder zu; sie stieg von 455 427 auf 491 630. Die Todesfälle wurden verursacht bei 14 409 durch Grippe, 21 578 durch Unfall, 35 818 durch Tuberkuloft, 59 346 durch Krebs (27 777 Männer, 31 569 Frauen), 97 987 durch Al­tersschwäche, 101 353 durch Herzkrankheiten.

Erstaunlich ist da die Zunahme der Unfall Verletzten; sie stieg während ber letzten zehn Jahre um 1 930 000 auf 15 803 000. Insbesondere mürbe im Parlament über bie Verkehrsun­fälle geklagt. Gingen (nach ber Berechnung mtt für England und Wales) die Unglücks-Tod es- fälle von 6522 (1930) zurück auf 6031 (d. h. noch immer fast 18 pro Tag), fo nahm die Zahl der im Verkehr Verletzten zu um 22 791 (161980: 184 771). Zu diesen Gefahren der Landstratze kamen in den letzten Jahren, besonders im ver­gangenen, noch die verbrecherischen Über­fälle. Des nachts allein zu fahren, istrisky" ge­worden: man wird auf offener Straße ausgeplün­dert wie zu den Zeiten von Rohin Hood, dem in England um eine Note romantischerenSchin- derhannes". Und zwar ist der Leidtragende meist ein Opfer feiner eigenen Gutmütigkeit, wenn er auf das Notzeichen des Mannes in ber Fahrbahn hin wirklich hält. Er aibt bem Bittenben, ber eine Panne vorgibt, z. B. einen Schraubenschlüs­sel, mit dem er im nächsten Augenblick durch einen Schlag über ben Kopfumgelegt" wird. Die Po­lizei kann vor diesem modernen Räuberun­wesen kaum Schutz bieten, dazu sind Nacht und Straßen allzu lang. Um sich dieser .,Motor- Bandits" zu erwehren, ist es daher Sitte gewor­den, auf kein noch so dringendes Notwinken mehr zu halten. Hier müssen die Unschuldigen leiden. Die Autofahrer bewaffnen sich ferner mit Revol­ver, obwohl die Polizei keine Waffenscheine dafür ausgeben will.

Das Landstreicherunwesen nimmt zur Zeit der­art zu, daß dasOxford Public Asfistance Com­mitee" sich nach eigener Abhilfe umsieht.

1500 000 Pfund sind von ftaatsroegen schon be- reitgeftellt, um die jungentramps" gerade solche unter 21 Jahren nahmen an Zahl zu! wieder einer ordentlichen Arbeit zuzuführen. Mr. Frank Gay, ein Mitglied des Parlamentes, hat das Leben und Treiben ber Wanderburschen selbst als verkleibeter Landstreicher ftubiert unb gibt dar­über in einem interessanten Buche Aufschluß. Auf seinen Rat hin versucht man dem Uebel mit einer Revision desPoor Law" (Armengesetzes) beizu­kommen, sodann durch Einrichtung eines besau- deren dreijährigen Arbeitsdienstes wie etwa bei uns v. Bodelschwingh ihn schon vor langer Zeit eingerichtet hat.

Vreutzische Ministerien verschwinden?

Ankündigung weittragender Reform Matznahwen. Alles flietzl

Die sich hier auswirkende Menschenliebe steht also im Gegensatz zu Deutschland in keiner Be- ziehung zur Kirche, wie denn überhaupt bas kirch­liche Leben sich in vielem von unserem deutschen unterscheidet. Im englischen Protestantismus ge­hen mehrere Hauptrichtungen zu entgegengesetzren Zielen auseinander: Die eine wird gekennzeichnet durch die Hinneigung zum K a t h o l i z i s- m u s. Sie wurde soeben wieder offen bekämpft auf berConference of Modern Churchmen". Dr. Mayor.Principal of Ripon Hall Oxford", rief hier sogar bie Staatsregierung um Hilfe an: sie möge bie kirchlichen Verhältnisse wieder in die Hand nehmen. Die Frage sei tatsächlich: Kann die Church of England" sich aus eigener Kraft re­formieren, oder hat sie dazu den Staat nötig? Man möge, so wurde offen erklärt, die Einmi­schung des Staates in bie religiösen Angelegenhei­ten nicht als einesfreien Landes" unwürdig er­achten; fei doch die Reformation damals nicht ober doch nurschlecht" durchgeführt worden, wenn sie auf die Geistlichen angewiesen geblieben wäre! Auf jeden Fall habe heute der Hang zur Tradi­tion, die Vorherrschaft des Klerus und die Beto­nung des Dogmatischen während der drei letzten Menschenalter gewaltige Scharen aus derChurch of England" vertrieben, m. a. W.: die Geistlichen hätten eine Verweltlichung ohnegleichen verursacht, wodurch der Riß zwischen Kirche und Welt un­überbrückbar aeroorfygn fei. Allerdings müsse kon­statiert werden, daß die Kirchenaustritte keinen sittlichen Verfall nach sich gezogen hätten. Im Gegenteil, die Laster seien zurückgegangen. Zur Zeit scheinen die Methodisten die meisten An­hänger im englischen Protestantismus zu haben. Die riesige Versammlung derMethodist Union" in derRoyal Albert Hall" in London vom 20. bis 24. September wird als bas größte kirchliche Ereignis während der letzten hundert Jahre be­urteilt. Die sich hier vollziehende Union umfaßt 3 bis 4 Millionen Anhänger allein in England und 50 Millionen auf der Welt, mit einem Kirchenver­mögen von 80 Millionen Pfund.

Was hier angekündigt wird, schließt Maß­nahmen von größter Tragweite in sich. An W i ­der s p r u ch , namentlich aus den Kreisen des Handwerks (Berufsschulwesen) und der Landwirtschaft (Landwirtschaftsschulen), wird es nicht fehlen. Dazu kommt, daß die Angelegen­heit in die Frage Preußen-Reich hineinspielt.

Der kostspielige Osten.

Zahlen übet die Lage der landwirtschaftlichen Genossenschaften im Osten.

Die große Programmrede des Reichsernäh­rungsministers von Braun wies auf die Notwen­digkeit der Sanierung der Preußenkasse und ihres genossenschaftlichen Unterbaues hin. Mr sino heute in der Lage, genaues Zahlenmaterial über die wirkliche Lage der landwirtschaftlichen Ge­nossenschaften, vor allem in den Umschuldungs- aebteten zu bringen. Das gesamte genossenschaft­liche Engagement im Osthilfegebiet beläuft sich auf 730 Millionen Mark. Davon müßten ab- geschrieben werden nach den Schätzungen der Preu­ßenkasse in Brandenburg 30, Niederschlesien 10, Ober'chkesien 6,5, Mecklenburg 12,6, Pommern 59,3, Grenzmark 4, Ermland 4,5, Ostpreußen 30, Provinz Sachsen 8 Millionen Mark. Die An- unb Verkaufsvereine in Pommern sind nut nicht weniger als 74 Millionen Mk. bei den im Ent­schuldungsverfahren befindlichen Großbetrieben en­gagiert. Der größte Teil dieses Kapitals ist ver­loren Die Landstelle Pommern geht nun folgen­dermaßen vor, daß sie einen großen Teil dieser

Forderungen einfach int Wege freier Verein­barungen streicht und den Rest als Moratoriums- Hypothek hinter die Hypotheken der Bank für Industrie-Obligationen einträgt, sie aber nur aus evtl. Ueberschüsseu verzinst, sodaß sie nach einem gewissen Zeitraum ohne jegliche Entschädigung erloschen ist. Von den 730 Millionen Mark ge­nossenschaftlichen Kapitals im Osthilfegebiet ent­fallen auf Entschuldungsbetriebe in Brandenburg 35 bis 40 Prozent = 8,05 Millionen, Nieder­schlesien 20 Prozent = 3, Oberschlesien 50 Pro­zent -- 3, Mecklenburg 40 Prozent =_0,a, Pom­mern 50 Prozent = 47,5, Grenzmark 50 Prozent = 2,5, Ermland 10 Prozent = 0,77, Ostpreußen 45 Prozent = 11,26, Provinz Sachsen 40 Pro­zent = 2 Millionen Mark, die restlos verloren sind. Kommt es zu einem Zusammenbruch der Oschilfe, so werden die Zahlen noch wesentlich trauriger aussehen.

Dem Brutto-Abschreibungsbedarf von 167 Mil­lionen Mark steht ein Eigenkapital von 75 Mil­lionen Mark der Genossenschaften gegenüber, das höchstens mit 30 Millionen Mark für die Sanie­rung in Anspruch genommen werden kann. Es er­gibt sich also ein Sanierungsbedarf im Osthilfe- gebiet von 137 Millionen Mark. Hinzu kommt das Engagement der Deutschen Pächter-Kreditbank mit rund 17 Millionen Mark und einem voraussicht­lichen Verlust von 3,5 Millionen Mark. Jrn ge­samten Osthilfegebiet ist mit einem Gesamtverlust an investierten Forderungen in Höhe von einer halben Milliarde zu rechnen. Für den Westen und Süden ergibt sich bei einem Engagement von 470 Millionen Mark ein Abschreibungsbe­darf der Genossenschaften von >120 Millionen und nach Abzug der Selbsthilfe ein Sanierungsbedarf von 100 Millionen Mark.

Die eigentliche Sanierung der Preußenkasse soll, wie wir hören, von ihr selbst durchgeführt werden. Reichsbank und Rentenbank-Kreditanstalt sollen zur Erhaltung ihrer Kreditbasis nicht mit angespannt werden. Das Eigenkapital der Preu- ßenkasse darf nicht geringer werden als 100 Mil­lionen Mark. Hinzu käme eine Reserve von 10 Millionen und eine Ruhegehaltsrückstellung von gleichfalls 10 Millionen Mark. Das künftige Kapi­tal dürfte aller Voraussicht nach, wenn man 50 Millionen Mark für die Reichsgenossenschafts­hilfe einsetzt, aus 85 Mill, eingezahften Einlagen von Reich und Preußen und rund 33 Mill. Mark Stammeinlagen der Verbandskassen bestehen. Es wird wahrscheinlich erforderlich sein, daß das Land Preußen ober das Reich eine Ausfallsgarantie für die sanierte Preußenkasse übernimmt. Die restlichen 200 Millionen Mark und Sanierungs­bedarf in Höhe von 200 Millionen Mark bei en landwfttschöstlichen Genossenschaften sollen ge­deckt werden zu einem kleinen Teil in Anleihe- Ablösungsschuld oder Reichsbahn-Vorzugsaktien und durch in den Jahren 33 bis 35 fällig werdende unverzinsliche Reichsschatzanweisungen. Bei der Durchführung der Sanierung soll scharf darauf geachtet werden, ob sich irgendwo Mißstände bei den Genossenschaften Herausstellen. Es sollen da überall Regreßklagen angestrengt werden. Zur Durchführung der Sanierung der Genossenschaften soll die Preußenkasse erhalten: 1. Eine Lombard­zusage der Reichsbank für Schatzanweisungen bis zum Betrage von 40 Millionen Mark. 2. Die Zusage der Reichsbank, Akzepte der Preußen­kasse mit der Ausstellungs-Unterschrift von länd­lichen Verbandskassen bis zu 50 Millionen Mark zu diskontieren, falls die Akzepte zusätzlich mit Relchsschatzanweisungen gedeckt sind. Der Haupt- kredft der Preußenkasse bei ber Bank für In­dustrie-Obligationen in Höhe von 80 Millionen Mark wird durch Reichsschatzanweisungen zurück­gezahlt. Eine Fusion mit der Rentenbant soll nicht in Frage kommen, lieber bie Höhe ber Beteiligung Preußens und des Reiches müßte erst noch entschieden werden. Eine Eini­gung ist bei ber jetzigen Personalunion sehr rasch zu erwarten.

Monatlich 1.65 einschließt. Postgebühr 148 Pfg.l ohne Zustellg Llnzeigen-Prei e: Kleinzeile (Kol.) lokal 0.15 RM auswärts 0.20 RM. Reklamezeile: lokal 0.60 RM.. auswar s 0 80 RM. Bei WiederholungeifRabatt. Pofticheckk Frankfurt a. M 40o1

totb. Genf, 30. September. (Eig. Meld.) H er - Itot wirb morgen Genf verlassen.

Geringe Aussichten der KompromißbeMÜhungen in der Abrüstungsfrage.

Der offiziöse Draht meldet:

i enb. Berlin, 30. September. (Eig. Meld.) Die genfer Nachrichten über die Henderson'sche Kom­promißformel in ber Abrüstungsfrage werben in Berliner politischen Kreisen sehr skeptisch be­urteilt. Sollte es richtig sein, baß bie Formel auch ben Vorschlag enthält, Teil V bes Versailler Vertrages in retiibierter Form in bie all­gemeine internationale Abrüstungskonvention auf­zunehmen, so läßt sich nur feststellen, daß er vom deutschen Stanbpuntt aus gar nicht akzep­tabel märe. Die Aussichten einer Verständi­gung sind übrigens auch durch die gestrige Rede Herriots nicht besser geworden. Ihren realpoli­tischen Hintergrund sieht man in der starken Be­tonung der allgemeinen Plattform d es Völkerbundes, die nach Herriot an die Stelle der früheren Geheimdiplomatie und _ Ein- zelbündnisse getreten ist. llebrigens ist es selbst­verständlich, daß die Reichsregierung für den Fall eines Scheiterns der Kompromißbeziehungen ihre Entschlüsse bereits gefaßt hat, und man kann annehmen, daß den Franzosen davon auch Kennt­nis gegeben worden ist.

Start betonte Einigkeit.

Der offiziöse Draht meldet:

m CNV. Berlin, 30. Sept. (Eig. Meld.) In ber Presse wird davon gesprochen, daß eine Reihe von Sabinettsmitgliebern durch die Rede des Reichs- ernahrungsminifters, Frhr. von Braun in München überrascht worben sei. Von zu­ständiger Seite wirb dazu erklärt, baß ber Text ber Rebe bes Reichsernährungsminister von Braun den übrigen beteiligten Ressortministern bis auf das letzte Komma bekannt gewesen ist. Infolgedessen trifft es natürlich nicht zu, baß Wirt- fchaftsminister Prof. Warmbold, wie eine Zeitung | lagt, scharf gegen ben Ernährungsminister Stell-, Eung genommen habe.

England, wie es wirklich ist.

London wächst rapide. Mehr als eine Halde Million Frauen zuviel. Unglück­liche Wohnverhältnisse, trotzdem das Leden um 15 Jahre verlängert. Die Mütter und der Tod. Täglich verunglücken achtzehn Menschen tödlich. - Räuberunwesen.

Das Reichskabinett hat in seiner Sitzung am Donnerstag einen Bericht bes Reichsaußen- ministers über bie Genfer Tagung entgegen­genommen unb bie Haltung des Delegations- sührers einstimmig genehmigt. So bann befaßte sich bas Kabinett mit Wirtschafts- und Derwaltungsfragen, wobei u. a. auch die Vor­schläge von Dr. Gereke erörtert wurden, bei benen es sich um Pläne zur Ärebit- und Arbeitsbeschaffung zur Ent­lastung ber Gemeinden handelt.

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