cbertfo umfassende wie erstaunliche Tätigkeit auf dem Gebiet der englischen und schottischen Literaturgeschichte, er kommt endlich, durch einen Zufall, zu seinem Weltruhm.
Eifriger Freund jedes nationalen Sports, nicht zuletzt der Kunst des Fischfangs leidenschaftlich ergeben, suchte er im Jahr 1814 anläßlich einer Angelpartie in einem seit langem nicht geöffneten Pult nach einer passenden Schnur. Er fand sie nicht, aber etwas weit Wichtigeres, das ihm seit Jahren aus den Augen und völlig aus dem Gedächtnis gekommen war: das schon 1805 begonnene Manuskript einer Erzählung, die er hatte liegen lassen, weil er sie der Fortsetzung nicht für wert hielt. Als sei sie das Werk eines Fremden, vertiefte er sich sofort in die Handschrift und fand sich jetzt so angezogen, daß er Lust bekam, „das Ding" zu vollenden. Er machte sich gleich an die Arbeit und schrieb in noch nicht drei Wochen di« beiden letzten Bände des Werks. Im Juli 1814 erschien das Buch und hatte einen solchen Erfolg, daß sogar die Aufnahme, die sein« Bersdichtung ,^Das Fräulein vom See" gefunden, vollkommen in den Schatten gestellt wurde. Es war der Roman „Waver- ley", das erste einer langen Reihe von Meisterwerken, die Scotts Weltruhm begründeten. „Waverley" blieb auch sein volkstümlichstes Buch, obwohl in manchem seiner anderen Werke das stoffliche und dramatische Interesse größer ist und sie der Teilnahme des deutschen Lesers näher gerückt sind als der während der letzten schottischen Erhebung spielende Roman, dessen Zeichnung des gälischen Hochlandlebens als Charakter- und Sittenbild in'der Literatur keines andern Volkes übertroffen ist.
Scott erschloß den Engländern erst Schottland. Bisher ein unbekanntes Land, nur von Birkhuhnjägern und Lachs- und Forellenanglern durchstreift, wurde es nun ein beliebtes Reiseziel, auch für die vornehmste Gesellschaft. Alles wollte die Schlauplätze der Scottschen Dichtungen sehen und vor allem das normannischgotische
Schloß Abbotsford, das sich der Dichter im „Grenzland" an den Ufern des Tweed gebaut und wo er mit seiner Familie, seinen Pferden und Hunden und Dienern das patriarchalisch-aristokratische Leben eines alten schottischen „Laird" führte.
Als Scott seine erste Bersdichtung schrieb, war er fünfunddreißig, als er den Waverley beendete, war er dreiundoierzig. Eine Entwicklung von Ansängerschaft bis zum Meistertum zeigt er nicht als Romandichter. Anlage und Ausführung, Erfindung und Gestaltung, Darstellung der Charaktere wie Naturmalerei, Form und Sprache sind in Waverley so vollendet wie in Ke- nilworth oder Quentin Durward, und in dem ersten Werk sinket man schon die Breite und übertriebene Kleinmalerei, die damals, als die Menschen noch nichts von dem ihnen heute aufgeschwatzten „Tempo" wußten, willig ausgenommen wurde und uns jetzt fremd ist. Alle diese Werke, ob sie tragisch oder heiter, reine Erfindung sind oder geschichtlichen Hintergrund haben, über siebzig Bände, in denen sich der Dichter nicht ein einziges Mal wiederholt, zeugen von einer unerschöpflichen Phantasie und stellen Scott in die erste Reihe der Erzähler der Weltliteratur. Goethe bewunderte ihn und entdeckte in ihm „eine ganz neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat". Er nannte ihn ein großes Talent, das nicht seinesgleichen habe, und „man dars sich billig nicht wundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt". Aber nicht auf sie allein beschränkte sich sein mächtiger Einfluß. Die Geschichtsforschung und die Kunst der Geschichtsschreibung wurde durch Scotts geschichtliche Romane außerordentlich gefördert, und überall, in England wie auf dem Festland, entstanden, durch ihn angeregt, Meister des geschichtlichen Romans, die, wie Manzoni, Puschkin, Gogol, de Bigny, Willibald Alexis, es unternahmen, gleich ihm große Bilder aus der großen Vergangenheit ihres Vaterlandes zu malen, ein reiches Erbe, das gepflegt, betreut und ausgebaut weiterblüht.
Heimgang in Kärnten.
Skizze von Alfons Hayduk.
Dort, wo der Mittagskohl die steinernen Riesen der steilen Karawanken schweigend grüßt, weithin über den Herrgottsgarten Kärntens, dort breitet die Einsamkeit ihren ernsten Ewigkeitsmantel. Die Menschen sind still geworden in der Ehrfurcht der hoch ragenden Berge, in deren Tälern uralte Sagen blühen.
In der Gesindestube raunte an diesem Abend Mund zu Ohr über den Bauern: Den Alten hält es nimmer. Er ist ein Sterngeher. Er hat die Gipfelsucht. Seit der Sepp unter der Hollenburg im Rosental erschossen worden fft, geht es talab mit dem Hof. Den Bauern aber zieht es bergan.
Dis Großmagd weiß seltsam« Geschichten von Gipfelgängern, von allerlei merkwürdigen Gebirglern, die in die Bezirke des ewigen Schnees hinaufsteigen, höher und höher, bis sie vor Ermattung zusammenbrechen oder durch einen Fehltritt vom schmalen, unwegsamen Grat abstürzen. Der Knecht aus dem Tirolischen hat einen Bauern gekannt, den trieb das Elend des Tales in die Einsamkeit der Hohen lauern hinauf. Plötzlich und grundlos war er ausgestiegen. Niemand konnte ihn zurückhalten. Seine Augen trugen schon die Starre des Todes ....
Der Distelbauer stapft schwer den Hang hinauf. Es fft sein täglicher Abendgang, sein stummes Gebet bei Sonnenerlöschen. Die innere Zwiesprache mit den Stimmen der Ahnen, die aus seinem Blute heimliche Rede geben.
Wieder hadert der alte Bauer. Warum das alles? Talab, am großen Klagenfuriher Wasser, Hai er gestern die lachende, leichte Welt geschaut, das Gelärm
und Gequäk der Musikanten gehört, verächtlich weggeblickt vom eitlen Getue der fürnehmen Damen und der Albernheit der Mansleut'.
Warum das alles? Ist der Sepp für die da gestorben, von der heimtückischen Kugel der serbischen Reiter im Rosental gefällt — damals 1919 im Heimatkampf um Kärnten?
In unsagbarer Verlassenheit klimmt der Alte den Rain entlang. Ihn zieht es nimmer heim. Höher treibt es ihn. Höher. Die Schatten kriechen drohend aus den Tälern, gleich dunklen Nachtgespenstern. Der Gipfel des Kogl aber glüht in schmerzhaftem Rot, als blute er ....
Aus dem verwitterten Gesicht hebt sich die Hoffnung. Dort oben sein, über allem, hoch oben, ganz nahe den wandernden Wolken, dem Glanze der Ewigkeit!
Aber der Sepp liegt im Tale, im Garten der Schatten, hinter der kühlen Mauer der steinernen Kirche.
Der Dfftelbauer hält inne. Sein warmer Odem stößt kurz in die kühle, feindlich heranwehende Nachtluft. Halt an, Distelbauer — pocht's inwendig — hall an! Siebenzig Jahre hast Du die Last dieser Erd', dein Elendsbündel getrogen, Dfftelbauer — und willst jetzt fliehen?
Drunten der Turm hebt eben seine erzene Zunge, murmelt den Angelus wie schon in den Gezeiten der Ahnen. Bauer, die Scholle ruft Dich heim! Ins Tal der Mühe und Arbeit. Ins Tal, dahin wir Menschlein gehören. Zu unserem Acker. Zu unserem täglichen Brote.
Der vom Distelhofe senkt die Augen. Steht be
schämt wie eh' das Büberl norm Pfarrherrn. Seufzt tief. Seufzt still: Ach, schön, unaussprechlich herrlich ist es, den Blick der Erde abzuwenden, zur Höhe hinauf zu wandern, zu den Sternen. Aber ist das nicht eine Flucht? Eine Flucht vor der Pflicht? Flucht vor der Scholle?
Der müde Bauer strafft sich. Sein Antlitz ist hart geworden, steinern im eben gefaßten Entschluß. Eine Stimme der Ahnen rauscht aus dem Blut: Du gehörst auf den Distelhof. Du bist nicht nur der Ahn — bist auch der Erbe deines gefallenen Sohnes.
Und der Alte fühlt eine unbekannte Beglückung. Nicht hadert es mehr in ihm. Kein Groll ist mehr da. Der Segen allen Bauerntums feit Urgezeiten leuchtet ihm mild und verheißend von den Sternen, die heller und strahlender denn je um den Kogl aufgehen.
Da beugt der Bauer feinen trotzigen Nacken. Seine ungelenken, schweren Füße wenden sich mit der Be- dachtsamkeit der Jahrhunderte. Schlagen dann langsam talwärts, in wunderbarer Sicherheit.
Herüben, über Klagenfurth, tanzen leuchtende Kugeln, steigen bunt und verführerisch, erlöschen hernach in- jäher Plötzlichkeit. Vielleicht brennen sie für die eisernen Riesenvögel, die täglich über die Berge glitzern und surren. Vielleicht auch ist dies zauberisch« Feuerwerk ein Zeitvertreib für die abertausend Gäste des Sees, für die Vergnügen der tollen Nacht dieser Zeit...
Dem Alten züngeln die bunten Lichter wie die traurigen Flämmchen des Fegfeuers, wie der Notschrei der unerlöften Seelen.
Ja, der Distelhos braucht seinen Herrn. Mag er auch greiftg sein, verlassen und öfters schon müd. Er ist der Erbe der Scholle, auf der Sepp, fein Sohn, verblutete.
Die Sterne bleichen längst übertn Mittagskogl. Da fft der alte, einsame Bauer wieder daheim. Angefüllt von der Kraft der Erbscholle, willens, den Segen der Heimat zu erfüllen.
Die Gäule stampfen im Geschirr. Der Leiterwagen raffelt, lieber die Stoppeln holpert der Wagen, hungrig der Garden des Feldes, die zur Scheuer wollen.
Der Gluthauch des Tages sinkt in den Abend. Di« letzte Garbe ist herein. Das Tor schließt sich auf dem Distelhof im goldenen Lichte des Herbstes. „Sepp, alles fft eh nun heim", — so flüstert der Alte und lächelt still vor sich hin. Der Erntefrieden der Tenne umfängt ihn.
Drunten der Turm hebt eben feine erzene Zunge, murmelt den Abendsegen, wie schon seit den Gezeiten der Ahnen.
Bauer, die Scholle ruft dich heim. Da holt des Alten Herz selig aus zum letzten Schlag.
Kameradschaft.
Skizze von Roderich Müller - Dresden.
Es roch schon den ganzen Tag über nach verbranntem Kautschuk. Sehr stark sogar, als sich Oberlehrer Pirk in sein Bett legte. Aber er achtete nicht darauf, er war ein Gelehrter. Gegen zwei Uhr nachts, als schon alles lichterloh brannte und Pirk im Qualm fast er, stickte, ging ihm ein — leider verspätetes — Licht auf.
„Hilfe, Hilfe!"
Knapp bekleidet stürmte er die Treppe hinunter. Er wohnte in einem Anbau des Stiftes; in dem Hauptgebäude waren der Rektor und 60 Schüler untergebracht.
Feueralarm! Er war wiederholt geübt Bald stand alles im Schulhofe.
Da schrie jemand. Er schrie unmenschlich, er schrie den entsetzten Schrei eines Erwachenden, der vor sich so etwas wie seinen Henker sieht. Pirk schrie: „Der Kodex!"
Der Kodex war ein Missal« des 15. Jahrhunderts aus der Stadtbibliothek, ein Palimpsest. Unter der alten Handschrift befand sich noch eine ältere, das Bruchstück eines bisher völlig unbekannten Berengar-Liedes aus
NILS
irr. 216
18. September»
Beilage zur Fuldaer Zeitung
September.
Kein Sommer mehr. Gesichelt Korn und Halde Ob dunkle Beeren auch an Zweigen prangen lltti) wohlig-spät zu süßem Schwarz gelangen, Liegt Wehmut schon auf trübem Blätterwalde.
Wo Zirpeton aus Hain und Hecken schallte, Libellen, bunt, verschwärmten Reigen schwangen, Wo Sehnsucht war und Melodien klangen, Träumt alles stumm, wie es sich herbstgestalte.
Der Wandrer atmet ersten Nebelregen, Keucht hüstelnd fort auf feuchten Schattenwegen, Wie spürt er Stille, fröstelndes Allein.
Noch einmal wiU er Tag und Freude trinken. Sein Auge sucht mit bangem Abschiedwinken In fernem West der Sonne Widerschein.
H. K.
Waller Scott.
Zll seinem hundertsten Todestag am 21. Septemb. 1932.
Don Dr. Alfred S e m e r a u.
Weltmann und Kavalier, Gelehrter und Dichter, der Eolumbus Schotllands, der Schöpfer des modernen geschichtlichen Romans, damit auch der Befruchter der Literatur Europas, all das, was Scott war, halte mächtig wider, als man an einem milden Herbsttag ihn mit einem unabsehbaren Trauergefolge zur letzten Ruhestatt in der Abtei von Drydurgh, der Erbgruft der Scotts trug. Gleichmäßig war die Trauer der Gebildeten und des Volkes, denn mit Scott ging nicht nur ein großer, sondern auch ein guter Mensch dahin, ein treuer Freund des Volkes.
Sohn eines Advokaten, selbst für die Rechtswissenschaft bestimmt, findet er auf Umwegen erst zu feinem eigentlichen Berus. Früh reif, geistig von Kind an erstaunlich lebendig, trotz eines körperlichen Gebrechens in alle Leibesübungen hervorragend, von unheimlicher Arbeitskraft und gleichem Fleiß, schon auf der Schule ein hinreißender Erzähler, von Jugend an vertraut mit Landschaft und Volk seines schottischen Heimatlandes tritt er als Dichter neben den großen Volksfänger Robert Burns, als Künder der großen Vergangenheit seines Vaterlandes.
Er sammelt die alten Balladen, in denen sie sich umfassend spiegelt, er wird selbst zum Balladendichter, er wagt sich mit ungewöhnlichem Erfolg an Versdich-
walter Scott.
hingen, die den Stoff aus schottischer Sage und Ge- jchichte nehmen und besonders durch die Schilderung der Landschaft Eindruck machen, er entwickelt eine
(lasse"
„Bergmann
/ ■
Tas Rätsel des Tushinkang.
Roman von Kurt Martin.
Eovvright bti Verlag Neues Leben, Batzr. Gmain.
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„Schade! Und gibt es keinen Menschen drüben in Deutschland, an den man sich wegen eines Bildes von üngeborg Bergner wenden könnte?"
v „Ich müßt? niemand."
„Keine entfernten Verwandten?"
„So viel ich weiß — nein. Agathe und Jngeborg ®aren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Der Vater starb frühzeitig, auch ihre Mutter ist feit Jahren tot. Ich libe nicht gehört, daß irgend ein Onkel oder eine Tante Miere."
r „Wie mag die Familie ihrer Mutter geheißen Haden?"
| »Frau Bergner war eine geborene Ooerland."
I «Und sonst wissen Sie gar nichts Näheres?"
k - „Nein. Oder doch, noch etwas! Der Großvater 'hgeborgs lebte in Hamburg. Jngeborgs Mutter war einzige Kind; sie verlor die Eltern zeitig."
| „Ja, ja! Es geht auch da aus dem Tagebuch her-
6°r, datz Jngeborg Bergner ganz allein dastand in Miuffchland. Nirgends erwähnt sie jemand Verwandtes, Uhich fcine näheren Bekannten. Fräulein Jngeborg I #1(tt zuletzt als Erzieherin tätig?"
U „Ja, in Gleschendorf war sie."
I «Wo liegt das?"
E „In der Sähe von Stettin."
M „Ist Jhner der Name jener Familie bekannt, in deren ■*us st« weite?"
1 „Nein, da weiß ich nichts."
wäre ms vielleicht ein Anhaltspunkt. Man Mnnte dort im Orte Nachfragen."
Er form oo sich hin. Frau Hella beobachtete ihn. ■"> ihre Augentrat ein warmer Glanz.
fühle ds: Sie meinen es sehr gut mit Jnge- Mkgt Sie rooim kein Mittel unversucht lassen, Spu
ren zu finden. Wenn Ihre Bemühungen doch Erfolg hätten!"
Er hob den Kops.
„Mir liegt so viel daran, ein Bild ifes Mädchens in die Hände zu bekommen. Man kann ja nicht wissen. Ein Bild hat schon manchmal geholfen, einen Menschen zu finden. Aber ich soll und soll scheinbar keine Photographie Fräulein Jngeborgs in die Hand bekommen."
„Ich werde nachdenken, Herr Bollander. Vielleicht fällt mir noch dies und jenes ein. Dann schreibe ich Ihnen. Mir liegt ja gleichfalls sehr viel daran, Klarheit über Jngeborgs Schicksal zu bekommen. Es war alles schon beschlossen, ich und mein Mann hatten alles besprochen: Jngeborg sollte zu uns kommen und den Schmerz um die tote Schwester hier bei uns zu verwinden suchen. Sie war bereit, unsere Einladung anzunehmen. Sie reifte aus Shimvnoseki ab, und da mußte sie auf das Unglücksschiff geraten."
Er sah nach der Uhr und erhob sich.
„Ich muh aufbrechen, gnädige Frau. Es ist höchste Zeit, daß ich mich an Bord meines Schiffes begebe. Haben Sie herzlichen. Dank für die freundliche Aufnahme und für die Auskünfte, die Sie mir gaben!"
„Sie werden enttäuscht fein, daß ich Ihnen fo wenig Günstiges mitteilen konnte."
„Ich bin schon froh, wenn ich wieder ein klein wenig mehr weiß.' Vielleicht schreiben Sie mir auch einmal, gnädige Frau."
„Und Sie mir auch, bitte, sobald Sic eine Spur gesunden haben."
„Noch eins — etwas sehr Wichtiges: Wie sah Jngeborg Bergner wohl aus?"
„Jngeborg ist etwa mittelgroß, schlank — graue Augen hat sie — und ihr Haar ist von dunklem Blond."
„Vielen Dank! Nun weiß ich wieder etwas!"
Sie schieden wie zwei gute Bekannte voneinander. Jörgen Bollander hatte der jungen Frau noch aufgetragen, ihrem Gatten feine Grüße zu bestellen. Er ließ sich rasch zum Hafen fahren. Die Zeit drängte. Er war weit länger geblieben, als er eigentlich beabsichtigt hatte.
Als er die „Mauritius" erreicht hatte, sah er auch Li-Mn, der plötzlich neben ihm stand. Der Chinese lä
chelte, sichtlich froh darüber, daß er feinen Herrn zu Gesicht bekam.
„O, sehr gut, daß Sie gekommen sind, Mr. Bollander! Ich hatte schon große Sorge um Sie."
„Dachtest, du hättest mich verloren, was? Es fei mir ein Unglück zugestoßen?"
„Nein, Mr. Bollander, das nicht. Das Auge der Sonne wacht ja."
Auge der Sonne! Da war wieder das Rätselhafte.
Jörgen Bollander nahm sich vor, Li-Den bei nächster Gelegenheit einmal gehörig auszufragen. Es muhte aus diesem Menschen doch herauszubekommen sein, was das Sonnenzeichen bedeutete.
In Hongkong waren etliche neue Passagiere an Bord gekommen. Dies fiel vor allem auf, als man sich zum erstenmal nach der Abfahrt in dem großen Speisesaal zusammenfand. Jörgen Bollander hatte jetzt einen Chinesen als Tischnachbar; es schien ein reicher Mann zu fein, etwas untersetzt, mittleren Alters. Der Fremde nannte feinen Namen und schien nicht ungern mit Jörgen Bollander in ein Gespräch zu kommen.
„Sie reifen nach Rangoon, Mr. Bollander?"
„Allerdings."
„Ich erfuhr es von dem Obersteward. Man hört doch gern, wer das gleiche Reiseziel hat, wie man selbst. Ich fahre nämlich auch nach Rangoon."
„So, fo. In Geschäften, wenn ich fragen darf?"
„In Geschäften, ja. Ich möchte aber richtigstellen: Ich fahre von Rangoon noch weiter, nach Mandalay."
Jörgen Bollander interessierte sich plötzlich für diesen Mann, den ihm da der Zufall in den Weg geführt hatte.
„Dorthin will auch ich!. Freilich komme ich als völlig Fremder nach Mandalay. Mein Hamburger Haus hat mich an diesen Platz berufen. Ich komme von Schanghai. Darf ich fragen, ob Sie in Mandalay bekannt sind, Mr. Pang-Kwai?"
„Das ist nicht der Fall. Sie hätten sich gerne Auskünfte bei mir geholt, Mr. Bollander? Ich wäre Ihnen selbstverständlich gern dienlich gewesen; aber es führt mich nur ein zufälliges Geschäft nach Mandalay.
Daneben will ich dort auch einen Bekannten besuchen. Vielleicht ist Ihnen aber dieser Herr kein Fremder? Mr. Shelton!"
Jörgen Bollander gestand:
„Ich kenne Mr. Shelton nicht. Aber gehört habe ich von ihm. Ich bin auch beauftragt, ihm aus Went- schou Grüße zu überbringen."
Pang-Kwai erkundigte sich:
„Sie waren in Wentschou?"
„Kurze Zeit, ja."
„Und darf ich fragen, welche Bekannte Mr. Shelton in Wentschou besitzt?"
„Warum nicht! Wenn Sie Mr. Shelton kennen und ihn aufsuchen, wird es Ihnen nicht unbekannt fein, daß er in Tschongjing in nahen Beziehungen zu Mr. Rung-Kü-San stand, der inzwischen verstorben ist."
„Der ermordet wurde!"
Jörgen Bollander hob bei diesem Einwurf, der hart und bestimmt aus dem Munde des Chinesen kam, ben Kops.
„I« Zu diesem Manne unterhielt Mr. Shelton wohl nähere Beziehungen. Ein Verwandter des Toten, Mr. Liü-Fu-Tang in Wentschou, läßt nun Mr. Shelton durch mich grüßen."
Das Antlitz des Chinesen hatte sich verändert. Was ihn bewegte, war nicht so leicht zu erkennen; ak-r es entging Jörgen Bollander nicht, daß er innerlich erregt war, und deshalb erkundigte er sich:
„Ist Ihnen vielleicht auch Mr. Liü-Fu-Tang bekannt?"
Pang-Kwai erklärte:
„Nein, ich kenne ihn nicht. Ich möchte ihn auch nicht kennen!"
„Das klingt wie Abneigung."
Jörgen Bollander beobachtet« seinen Nachbar heimlich.
Bisher hatte er niemals ungünstige Worte über Liü- Fu-Tang gehört. Der Mann da neben ihm war der erste, der sich ablehnend verhielt. Aus welchem Grunde? Gab es also doch Geheimnisse, die gegen Liü-Fu-Tang