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11. September

Beilage zur Auldaer Zeitung

Ilr. 210

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v. SB.

der ewigen Hand!

SZBenn mir nun ein alter Lehrer begegnen

verjüngt.

Auf der grauen Straße

Da war zum Beispiel die Unter«

der ersten Dank' links am Fenster Anmeinem" Fenster vorbei führt

aSgemahten Wiesen, und mit dem letzten und einzi- Blumenschmuck, der Herbstzeitlose, kündet sie uns Abschied von einst fröhlichem buntem Blühen an. plötzlich ein Zischen und Schlagen in der Lust, dunkler Streifen gegen den klaren Abendhimmel

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Don den Vogelbeeren, sie zertreten.

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wie unvermeidlich, prima.

Ganz vorne, in habe ich goseffen.

Don Else Richter.

Bäumen reißt der Sturm die halbreifen Auf der grauen Straße liegend, werden Wagen gleiten darüber hinweg. Wie rote

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Blanker der von hilf mir

ridore der geheiligten Hallen schritt. In mir waren di« alten Gefühle nicht nur der Beklemmung, sondern auch der Ehrfurcht. Denn allzeit hoben wir hier Ehr­furcht gehabt, obgleich wir sie nicht einmal uns selbst eingestehen wollten, und wenn es auch scheint, daß das heute anders geworden ist. Als Sextaner hatten wir Ehrfurcht vor den Primanern, di« unter der Last der Wissensbürde noch nicht zusammengebrochen waren und ihre Weisheit mit gemessener Würde daherführten, als Primaner vor den Lehrern, die den Berechtigungs­schein einer hohen philosophischen Fakultät in der Tasche trugen. Nun war alles wie früher: Di« Stimmen aus den Klassenzimmern, die Reihen der bunten SDHit« zen an den Kleiderhaken, das Widerhallen der Schritte in den schattigen Gängen, der Zeus von Otrikoli ganz am Ende. Das war Jugend rundum, Jugend, die alles

eben erst sein Elternhaus verfassen, vielleicht ist ihm nach langem Warten an den Arbeitsämtern das hoffnungs­lose Stempeln zuwider geworden. Er zog hinaus, um Arbeit zu suchen, weil der Raum der Kleinstadt zu eng wurde, der Menschen zu viele waren, der Arbeit zu wenig. Seine Kleider sind noch sauber. Fehlende Knöpfe, Löcher und Riffe gibt es noch nicht. Der junge Wan­derer will sauber bleiben, an Leib und Seele, will sich nicht an ftemdem Gut vergreifen. Wird nicht auch ihn die Not mürbe machen? Mitleidig sehen die Meister der Landstraße ihn an, sie erkennen den Neuling sofort. Servus!" grüßen sie ihn und stehen ihm mit einem guten Rat zur Seite. Dann ziehen sie weiter, um bei einer gutherzigen Bäuerin ein warmes Mittagessen zu ergattern.

Und manchmal findet sich eine gute Gelegenheit: Ein Lastwagen oder ein Ferntransport nimmt die Tip­pelbrüder eine Strecke mit, dann kommen sie weiter, weiter, weiter.

Wo sie nur hin wollen, die Wanderer der großen Straße, daß für sie das Mitfahren so wichtig ist? O ja, es ist sehr wichtig, denn mit jeder neuen Stadt, mit je­dem Menschen leben neue Hoffnungen auf, die bis in das Gigantische wachsen, wenn schon einmal ein Per­sonenwagen hält und sie mitnimmt. Dann gibt es ab und zu einen Groschen, dann und wann einmal . . .

Diel wissen sie zu erzählen. Die der ganz großen Klosse kennen das Reich von einem Ende bis zum an-

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vorgeschriebene Haltung verlangt, so bleibt es aus, daß wir die verschiedenartigen Auffassungen denguten Ton" allenthalben praktisch verwirk- finden. Aus diesen Gründen brauche ich auch Hehl aus dem zu machen, was ich, entgegen ge-

Dienst an dieser Zeit.

Stahl in meinen Händen, Gott mir früh geschenkt, diese Erde wenden.

die Gymnasialstratze, und auf der Straße steht eine hohe Buche. Wenn es Frühling wurde und alles zu sprießen begann, habe ich von Tag zu Tag ihre Blätter gezählt und mich an ihrem Wachstum gefreut. Wenn sie aber allzu üppig ins Kraut schossen, dann begnügte ich mich damit, mich an ihnen zu freuen und Baum und Blätter zu beneiden. Wer würde dieses'Amt nun be­sorgen, da ich vor der Tür stand? Wer würde nun durch zudringliche und unvernünftige Fragen brutal aus sonnigen Träumen geschreckt werden? Dort vorne, links in der ersten Bank? Jedes Jahr sind es andere, aber alle schauen, wenn es Frühling wird, auf die hohe Buche und ihr« mächtige Krone, freuen sich an ihr und beneiden sie. Wären di« Menschen nicht so undank­bar, längst müßte die Buche zur Berühnrtheit gelangt sein.

Ich ging einige Schritte weiter und blieb, wie in Ge­danken versunken, vor der Oberprima stehen. Unoer«

Ueber das, was Recht ist oder Unrecht, ist die Menschheit sich im allgemeinen durchaus nicht so einig, wie unkritische Leute meist anzunehmen geneigt sind. Noch viel mehr aber als in dieser Kardinalfrage unter­scheiden sich die Auffassungen über das, was sich für Leut« von einiger Lebensart schickt, also in dem, was über die sittlichen Pflichten des Individuums hinaus ge­eignet fft, das menschliche Zusammenleben zu erleich­tern und zu kultivieren. Da der Staat sich um di« Meinungsverschiedenheiten dieser zweiten Ordnung we­nig kümmert und nicht, gestützt auf seine Machtmittel,

würde, fo würde ich, ein völlig erwachsener Mensch, ein wenig verlegen werden wie früher und würde ihn ehrfürchtig und pietätvoll grüßen. Da mir aber keiner begegnete, bedrängten mich Anfechtungen, das Ohr an einige Schlüssellöcher zu legen und zu horchen, was drinnen verhandell würde. Zum Glück besann ich mich, daß sich solches nicht schickt und in meiner Loge auch nicht empfehlenswert war, und so beschränkte ich mich darauf, hin und wieder auf dem Flur zu bleiben, als sei ich in Gedanken, inft wenn dann unversehens Worte an mein Ohr drangen, so war das so bedauerlich

wissen Gepflogenheiten unserer Gesellschaftsordnung, angestellt habe, daß ich nämlich dieser Tage während des Unterrichts heimlich und unerkannt in unser altes Gymnasium eingedrungen bin, mich dort eine ganze Weile in einer Eigenschaft, für die ich in keiner Weise ein staatliches Anerkenntnis beibringen konnte, Herum­getrieben und nachher Haus und Hof heimlich wieder verlassen habe.

Bei Licht betrachtet, war die praktische Durchführung des Unternehmens die einfachste Sache von der Welt. Wer das Gelände kennt wie ich, besser, als ich meine Hosentasche kenne denn die hab ich nie gesehen, und sie fft in ihrer äußeren Formgebung auch viel zu wan­delbar, als daß sich eine festumrissene Vorstellung da­mit verbinden könnte, wer also weiß, wie das Tor des Schulhofes ohne Umstände zu öffnen fft, wie man quer über den Hof, an drei Linden vorbei, zu der brei­ten Freitreppe und von da in den Hauptflur gelangt, der hätte, sollte man meinen, alle Veranlassung, diese vertrauten und besinnlichen Wege ohne Herzklopfen und Beklemmung geradeaus zu gehen. Indessen: Wer neun Jahr« seines Lebens, die besten und empfänglichsten Jahre, die Jahre der Formgebung und Gestaltung zwischen diesen Mauern verbracht hat, der spürt auf Schritt und Tritt seine Jugend in sich aufwachen, spürt blutnohe jenes Besondere dieses Bodens, das ihn sozu­sagen exterritorial im negativen Sinne macht. Denn hier gibt es Gebote und Verbote, die kein Staatsgesetz legitimiert und die dennoch kraft der herrschenden Ge­walten durchaus realer Natur sind. Dieses Bewußt­sein von der Außergewöhnlichkeit des Ortes hatte wie­der ganz von mir Besitz ergriffen, als ich nun, ein völlig erwachsener Mensch, mit langsamen Schritten, als wartete ich auf jemanden, durch die langen Kor-

etne nicht über licht kein

Lieder der Sauern

Der Pflüger spricht:

Blanker Stahl zieh durch die Erde, werfe um und um den Grund; daß er einmal fruchtbar werde, blutet er sich jetzt so wund.

Hühochott, du Tier im Zügel, Bruder in dem braunen Kleid, langsam, nicht wie Vogelflügel,

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und alles wieder still und hell, sie zogen weg, die mun­teren Sänger, fort zu neuem Erwachen und Blühen in weiter Ferne!

Sinnend stehst du, Mensch, ergriffen inmitten der letzten Herrlichkeit dieses Späffommerabends! Fühlst du das Zittern des kühlen Abendwindes? Er berührt dich, und ein Schauer geht über deinen Selb und dein« Seele. Fröstelnd hebst du die Augen zu dem smaragdenen Himmel und tauchst deine Blicke in di« Glut des pur­purnen Sonnenballes. Abschiednehmend, sinkt die Le­benspenderin in unsagbarem Erlöschen ins Wolkenmeer.

Sinnvoll und einer weisen Führung folgend, spielt sich dieses gewaltige Schauspiel ab. Nichts stört den Gang des Werdens und ©ergebens im Weltall. Beuge dein Haupt, o Mensch, und überlasse dich mit deinem bangen Ahnen, vertrauensvoll diesem weisen Geschehen

Blutsecke erscheinen sie im Lichte des Scheinwerfers. Das Leben flutet weiter . . .

So wie der Sturm die Vogelbeeren von den Bäumen riß, halbreif, so riß er mitten aus einem tätigen Leben die Menschen, junge und alte. Sie liegen auf den Straßen wie die Vogelbeeren, die der Sturm von den Bäumen riß. Männer, Frauen und Kinder. Und darüber hinweg gleitet das Leben.

Das Volk in den Fesseln der Arbeitslosigkeit möchte sich frei machen, wütend kämpft es dagegen, die meisten Menschen ohne Erfolg.

So ziehen sie dahin, auf der großen, grauen Straße. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wechseln. Die Wandernden sehen den Landmann säen und ernten, sehen die Muter Erde unter den Pflug kommen, Schol­len fallen, Saat keimen und wieder Frucht treiben. Wind, Regen, Sonnenschein und Sturm. Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf.

Eine seltsame Gesellschaft sind sie, die Wanderer der großen Straße. Jeder Pfennig tut ihnen leid, den sie dem Herbergsvater in die Hand drücken müssen. Som­merszeit ist ihr Quartier auf weitem freiem Feld, der Himmel ihre warme Decke. Unter den tausend glitzernden Oellämpchen sinken die müden Gesellen in den Schlaf.

Willige Lehrmeister sind sie den Neulingen, die noch nichts verstehen von der Kunst der Tippelbrüder. Still und schweigsam zieht einer seinen Weg, vielleicht hat er

mir: Lebt Ingeborg SBergner, oder ist sie tot? Wissen Sie es?"

Liü-Fu-Tang schüttelte den Kopf.

Ich weiß es nicht, ob sie heute noch lebt ober ob sie tot ist."

Aber das wissen Sie, ob sie mit der Toten auf dem ausgebrannten Boote identisch ist!"

Liü-Fu-Tang sah ihn mahnend an:

Sagen Sie allen Menschen, Sie seien davon über­zeugt, jene Tote sei Miß SBergner!"

Sagen soll ich das? Aber es ist nicht wahr? Warum soll ich es da sagen? Warum soll ich erklären, ich halte Ingeborg SBergner für tot?"

Weil es besser für das Mädchen ist."

Also lebt sie! Also ist sie gefangen! Und Sie wissen es, und doch wollen Sie mir nicht sagen, wo ich sie finde! Sie sehen, daß ich fort muß, und Sie lassen mich ziehen, ohne daß ich Ingeborg SBergner helfen konnte!"

Wissen Sie so genau, ob Sie nun dem Mädchen nicht helfen können, weil Sie von hier fortgerufen werden? Ich sagte Ihnen schon: Hier ist das Mädchen nicht. Sie würden es hier nicht finden."

Wo aber dann?"

Dort, wo Ihr und mein Feind lebt."

Sein Name?"

Der tut nichts zur Sache! Es ist weit besser, Sie kennen diesen Namen nicht. Sie würden bann nur meine Rache unterbinben. Unb meine Rache bars nicht behinbert werben, auch von Ihnen nicht, auch nicht um biefes Mäd- chens willen."

Sie opfern also Ihrem Rachegebanken nötigenfalls auch Ingeborg SBergner?"

Nicht so! Aber meine Rache soll sich vollziehen, wie ich will."

Unb wer ist ber Räuber ber Goldlabung vomTu- shingtang"?"

Es ist nicht ber Mürber meines Verwandten. Aber es ist Ihr Feind."

Mein Feind? Unb ber Ihre nicht? Ist es Ihnen gleichgültig, baß biefe Golblabung vomTushintang" verschwunden ist?"

Ich werbe mir bas Golb wieder holen."

im Blut lag. Damals sind diese dort geboren worben, die nun vor mir di« ewige Melodie der Jugend fangen. Inmitten eines organisierten Ehaos sind sie in die We t gestellt worden. Nun wird ihr Inneres organisiert für eine bessere Zukunft. Sie platzen von Idealismus, von Vorwärtswillen, von Hoffnung und Vertrauen. Und da ich sie sah und hörte, brannte ich vor Hoffnung, daß nicht andre Mächte in ihrem Leben stärker werden möchten. Es wurden schon viele enttäuscht.

Die hier sind braun, sind kräftig, gesund trotz des Elends, das über ihrer Geburtsstunde lastete. In ihren Händen halten sie Butterbrote, ordentliche Butterbrote mit Butter u. Aufschnitt. Das war damals anders, ganz anders, Unsere Jungens waren schmächtig, zerbrechlich. Für ein Marmeladebrot gaben sie einen Karl May her, und für einen Apfel konnte man Karl Mays von ihnen leihen. Aber ihre Jugend war auch damals stärker als

die Er dann zur Fülle lenkt.

Michael Becker.

Heimlicher Besuch / Don Werner Oellers

Spätsommer-Abend.

ßeife, ganz leise, wie durch einen Hauch, hat die Sommerpracht ein anderes Gesicht bekommen. Noch stehen die Bäume und Sträucher in Ueppigkeit vor un­fern Augen, aber durch den zarten milchigen Duft geht ein Ahnen von Vergänglichkeit. Draußen auf den Fel­dern ist es still geworden, tief liegen die Schatten auf

deren. Sie haben eine bestimmte Einteilung. Die Sommermonate verleben sie in Deutschland, und sobald die Vögel ziehen, wandern sie hinüber nach Oesterreich, Ungarn, Italien, Dalmatien, Spanien, die Balkanländer, und ein ganz Mutiger wagt sich auch einmal nach Aegypten hinein.

Niel wissen sie zu erzählen, und wenn es ihnen einmal wieder beiff er geht, wollen sie fast alle ein Buch schreiben. Die echten Tippelbrüder klagen selten über Not. Sie erzählen von gutem Essen, von einem Korn, den sie einmal erstanden . . . Man sollte meinen, sie erlebten lauter Feiertage mit Festessen vom Morgen bis zum Abend. Die Tage des Hungerns oergeffen sie, wenn sie wieder einmal einen Topf heißen Kaffee und ein warmes Mittagessen erhalten.

Der Herbst fft die reichste Zeit, wenn auf den Feldern Steckrüben stehen und an den Bäumen halbreife und reffe Früchte hängen. Dann werden die Tippelbrüder zu Rohkostlern und erleben ihre schönste Zeit. Und un­ter allen wandern die Stiefkinder des Lebens, die das Zuchthaus im Nacken und im Blicke haben. Sie fühlen sich in der Gemeinschaft ber Menschen nicht wohl, und finben in den seltensten Fällen den Weg in die Gemein­schaft zurück.

Auf der großen Straße wandern die Menschen eines Volkes und liegen wie Vogelbeeren und werden zer­treten, unb mir müssen zusehen ,,,,

der neue saba-radio- empfangen ist da! na- türlich bei faulstich

Herren in Mandalay wissen einen guten chinesischen Koch zu schätzen. Ich kenne solch einen Mann; es ist Li-Pen. ber Koch meines toten Verwandten. Er ist ein Meister in seinem Fach, unb ihn möchte ich Ihnen mit nach Man­dalay geben. Sind Sie einverstanden?"

Jörgen Bollander staunte.

Was sollte das? Er sollte sich von hier einen Koch nach Mandalay mitnehmen? Unb dabei wußte er noch gar nicht, in welche Verhältnisse er dort kam! Fand er in Mandalay nicht jederzeit solch einen Menschen? War bas wirklich nur ein Zeichen vo Liü-Fu-Tangs freund­schaftlicher Gesinnung ober steckte ba eine besondere Ab- sicht dahinter? Welche? Sollte er beobachtet werden, wollte man über alles, was er begann, unterrichtet sein? Durste er denn aber das Angebot Liü-Fu-Tangs ad- schlagen?

Er sagte ein paar höfliche Worte des Dankes unb er­klärte sich bereit, Li-Pen mitzunehmen.

Liü-Fu-Tang lächelte verbinblich.

Er wirb Sie nicht enttäuschen, Mr. Bollanber. Er wirb Sie in k e i n e r Beziehung enttäuschen. Sie können ihm voll unb ganz vertrauen. Bebenken Sie: Er haßt meinen Feinb, unb er haßt bamit auch Ihren Feind, haßt Ihre FeindchDenn meine Feinde sind ober werben Ihre Feinde sein dann nämlich, wenn Sie weiter nach dem deutschen Mädchen forschen."

Er trat zu einem Tischchen, unb Jörgen Bollanber erkannte plötzlich in Liü-Fu-Tangs Hand bas kleine, golbene Kästchen, bas auf bemTushintang" gefunben worben war.

Noch eine Bitte, Mr. Bollanber! Sie kommen nach Mandalay, und dort treffen Sie Mr. und Mrs. Shelton. Man wirb Ihnen erzählt haben, baß Mr. Shelton jahre­lang als SBerteter ber Firma Ribber und Black in Tschongjing lebte. Ich sprach zwar nicht allzu ost mit ihm, bafür war aber mein Verwandter, Rung--San, sehr nahe mit ihm unb Mrs. Shelton befreundet. Der geroaltfame Tod meines Verwandten und die dadurch verursachte Aufregung hat es mit sich gebracht, daß ich Mr. und Mrs. Shelton nicht noch einmal vor ihrer Ab­reise nach Mandalay sprach. SBitte, richten Sie dem Ehepaar meineGrüße aus. Dann ist hier noch ein kleines, goldenes Kästchen. Sie kennen es; man fand es auf bem

Las Rätsel des Tushintang.

Roman von Kurt Martin.

Eovvrigbt bv «erlag Neue» Leben. Bavr. «main.

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Er geftanb:

Ich begreife bas nicht. Sollten Sie bas Telegramm meines Hauses mißverstanden haben? Mein Auftrag lautete doch, die Vertretung meiner Firma hier einzu­richten und dauernd, für längere Zeit also, hier zu blei­ben."

Es liegt auch ein Telegramm für Sie hier. Vielleicht bringt es Ihnen Aufklärung."

Liü-Fu-Tang reichte feinem Gast ein verschlossenes Blatt. Bollanber riß es auf unb las:

Danken für guten Abschluß über Teelieferung. Ha­ben an Ihre Stelle bort Ebwin Hock, unfern Vertreter in Manbalay, beorbert. Beauftragen Sie, sogleich nach Rangoon-Birma abzureisen. Ebwin Hok erwartet Sie dort mit genauen Instruktionen. Ihr künftiges Tätig- teitsfelb ist Mandalay. Klarner, Hamburg."

Fassungslos ließ Bollander das Telegramm sinken.

Das kommt mir sehr überraschend."

Es ging ihm jetzt nur das eine durch den Kopf: Ich soll weit fort von hier, nach Indien, soll jede Gelegen­heit genommen bekommen, nach Spuren zu fahnden, die Ingeborg Bergners Verschwinden ausklären! Warum , das nur? Unb wenn er sich weigert, abzureisen? Nein, bas war nicht angängig. Es hieß sich fügen, zunächst wenigstens sich fügen!

Liü-Fu-Tang sah ihn prüfenb an.

Sie gehen ungern von hier fort?"

Ja, sehr ungern."

Sie benfen habet vor allem an bas deutsche Mäd­chen vomTushingtang"?"

Ja!"

Jörgen Bollander hob erregt die Hände.

Bitte, nun, ba ich fort muß, sagen Sie mir, was Sie i um all bi« Rätsel wissen, bie mit bem Untergang des «Tushintang" zusammenhängen! Vor allem sagen Sie

Jörgen Bollanber suchte in ben Zügen Liü-Fu-Tangs zu lesen.

War er nicht unbeteiligt an bem Ueberfall? Nein, nein! Er war boch Rung--Sans Erbe, ihm fielen ja alle Schätze des Toten zu!

Er fragte:

Und wer ist Dr. Sm?"

Ein Schatten! Eben solch ein Schatten, wie ber Name Tai-Tschung."

Tai-Tschung! Ich hörte biefen Namen zum ersten Male an Borb besKweipautu". Kapitän Brahusen erzählte mir, sein Steuermann Kiru-Iosai spotte über biefen sagenhaften Führer einer räuberischen Horde."

Liü-Fu-Tang fragte hastig:

Sie sagen, ber Steuermann spottete?"

Ja, so ist es."

Unb mit Kiru-Iosai begaben Sie sich an Borb bes sinkendenTushintang"?"

Wie ich Ihnen erzählte!"

Er sah aber nichts von Ihrem Fund, von dem Tage­buch unb bem halben grünen Schal?"

Nein."

Deshalb also!"

Wieso: deshalb?"

Deshalb leben Sie also noch!"

Und was wäre geschehen, wenn Kiru-Iosai meinen Fund auf bemTushintang" gesehen hätte?"

Sie hätten bas Schiss nicht lebenb verlassen."

DerKweipautu" hat also einen Verräter an Borb?"

Er mag ihn behalten. Mengen Sie sich ba in nichts! Sie haben sowieso mit größter Feindschaft zu rechnen."

Wenn ich nur wüßte, wo mir biefe Feindschaft be­gegnen wirb."

Gebulben Sie sich!"

Liü-Fu-Tang fpran gauf ein anderes Thema über.

Sie werden morgen früh abreisen wollen, Mr. Bol­lanber. Ich lasse Sie mit meinem Auto nach Tfchon- jing bringen unb stelle Ihnen mein Motorboot zur Ver­fügung. Es ist mein Wunsch, Mr Bollanber, Ihnen meine Freude darüber zu zeigen, daß ich mit Ihrer Hilfe in so gute Verbindung mit bem Hause Klarner kam. Ich möchte Ihne» meinen Dank beweisen. Hören Siel Die

sehens brangen Worte an mein Ohr: Exegi monumen« tum aere perenhius . . . Der junge Mann war gut vorbereitet, er deklamierte wie am Schnürchen. Viel­leicht las er auch ab. Ganz egal, es war gut. Ich be­mühte mich, mich noch nachträglich ein wenig zu schä­men. Es gelang nicht. Der alte Horaz! Hätte er sich träumen lassen, daß zweitausend Jahre nach seinem Er­denwallen deutsche Staatsbürger seine Verse auswendig lernen würden? Würde man in nochmals zweitausend Jahren in exotischen Ländern den Goethe rezitieren wie hier den Horaz, die tote deutsche Sprache lehren, wie hier bie lateinische, vom Kölner Dom reden, wie sie hier von der Akropolis reden? Mag sein, mag nicht sein ba war die Untersekunda. Unvermittelt er­kannte ich die Stimme unsres alten Mathematikers. Er bemühte sich klarzumachen, wie ein alter Mann von Bildung und Geist seine quadratische Gleichung auflöft Er hat sich in der gleichen Sache auch einmal um uns bemüht. Das ist keine dankbare Ausgabe vor einem Gremium, das kollektiv an gebrochener Stimme leibet Denn mit ben Stimmen pflegen erstmalig bie Herzen zu brechen, und dann sind bie Gedanken . . .Oellers, du träumst ja, komm an die Tafel!" Grüß Gott alter Mathematikus, durch das Schlüsselloch durch. Du warst eine biedere Haut, es sei dir gern bestätigt.

Als ich, wie in Gedanken versunken, vor der Ober­sekunda stand, war gerade Unglaubliches dorgefallen. Ich hörte eine mir wohlbekannte, in diesem Augenblick von schmerzhafter Enttäuschung bewegte Stimme: Aber, Schmidt, nicht einmal Sie? Ist das eine con- secutio temporum?" Darauf gähnendes Schweigen. Im Geffte sah ich den Schüler Schmidt angestrengt aus dem Fenster gucken, unfern alten Professor ohnmächtig und verzweifelt das weiße Haupt schütteln.Schmidt, nun überlegen Sie doch!" Es klang beschwörend. Schmidt überlegte mitnichten. Die Glocke schrillte da­zwischen unb erlöste Schmidt und hundert andere, an denen das Schicksal noch einmal oorbeigeschritten war.

Ich ging über den Flur, am Lehrzimmer vorbei bem Hof zu. Im Lehrzimmer sind früher die Konferenzen vom Rang einer Reichsgerichtssitzung gewesen. Mein Bruder fft noch heute stolz darauf, einer solchen Kon­ferenz einmal beigewohnt zu haben. Er hatte sie sogar inbirett berufen. Damals war es noch einmal gut ge­gangen . . .

Sechshundert Schüler auf einem Schulplatz. Sechs­hundert junge Menschen zwischen zehn und zwanzig. Das gibt eine große, gewaltige Melodie. Man muß die Augen schließen, den Rest aller Gedanken fortlegen, die von Geld und Not handeln, und dann muß man zuhören. Man muß zuhören, wenn Knaben brüllen, Das fft die beste, bas ist die beglückendste Musik. Lanze muß man zuhören. Und andächtig. Noch sind sie Kna­ben. Noch sind und bringen sie das Glück. Morgen werden sie Männer fein, morgen werden ihre Gedanke« von Geld und Not handeln. Heute brüllen sie noch.

Gierig tränt ich die Melodie. Mit rauschenden Sinnen, mit überströmender Sehnsucht fog ich sie in mich Ach, es war dieselbe Melodie, die uns urnrauscht hat, dieselbe Melodie, die unsre kleinen Schülersorgen übertönte, bie sich hinwegsetzte über bas Entsetzen unsrer Eyrnnasialzeit .zwischen 1913 und 1922, als die alte Erde