Septembertag«
Noch schickt die Sonne warm und mild Ein Leuchten über Wald und Au.
Und zaubert rings dem Erdenbild Nur Freude in das zarte Grau.
Des Sommers Abschied schmerzt dich nicht
In diesem Klang, der dich belebt Und zwischen Farbenpracht und Licht Dein Herz und weit die Welt durchschwebt.
Du wanderst froh und glücksbereit Den Weg, der in die Sonne führt. Und fühlst dich von der schönen Zeit So tief und wundersam berührt.
Franz Cingia.
Edvard Grieg.
Zum 25. Todestag des Tondichters am 4. September.
Von Christian Hansen.
Als der Tod am 4. September 1907 Edvard Grieg von seinem qualvollen Leiden sanft und schmerzlos erlöst hatte, übernahm der Staat die Leichenfeierlichkeit, so gab es ein prunkhaftes Begräbnis mit Fahnen und Aufzügen, vielen Musikkapellen, mit Trauerdekorationen und Ansprachen, mit alle dem, was so gar nicht zu der schlichten, allem Aeußerlichen abgneigten und in sich zurückgezogenen, unkomplizierten Persönlichkeit paßte. Gewiß, man spielte einem früher geäußerten Wunsche entsprechend seinen Trauermarsch auf Nordraaks Tod und das Vinje-Lied „Letzter Frühling". Würde dann einer seiner Freunde einige einfache, warrqe Worte gesunden haben, so wie sie der Sohn Björnsons einige Tage später bei der sehr würdigen Trauerfeier im Theater von Christiana sprach, so wäre es ganz im Sinne des toten Tondichters gewesen.
Wie wenig ihm an äußerlichen Ehrungen lag, zeigte er dadurch, daß er die ihm verliehenen Ordensauszeichnungen nie trug. Und als Grieg in die französische Ehrenlegion ausgenommen wurde, scherzte er darüber: „Soll ich mich über etwas besonders freuen, was schon „Legionen" zuteil wurde?"
So war Grieg, der um seine Kunst schwer ringen mußte, weil sein geschwächter Körper seinem künstleri- scheu Schaffen Grenzen zog! Er besaß eine bedeutende Begabung, aber zum Genie reichten seine körperlichen und physischen Kräfte nicht aus. Grieg kannte die ihm von der Natur gezogenen Grenzen und suchte nicht nach den höchsten Lorbeeren zu greifen. So äußerte er sich: „Künstler wie Bach und Beethoven haben auf den Höhen Kirchen und Tempel errichtet. Ich wollte Wohnstätten tür Menschen bauen, in denen sie sich heimisch und glück- üch fühlen." Doch stimmt dieser Satz nicht so ganz, denn
Edvard Grieg.
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auch Beethoven und Bach haben Häuser gebaut, in denen sich die Menschen heimisch fühlen, und Grieg schrieb Tondichtungen, bei denen man, wie in „Aases Tod", in die feierliche Weite eines Tempels zu schreiten glaubt.
Außerhalb feiner engeren Heimat, vor allem in Deutschland, ist Grieg besonders durch seine Vertonung des Peer G y n t bekannt geworden. Und sicher hätte Ibsens Werk ohne Grieg wohl kaum den Weg zu den deutschen Bühnen gefunden. Peer Gynt ist alles andere als volkstümlich, ohne eingehendes Studium bleibt das Meiste unverständlich. Seine düstere Mystik läßt sich durch eine Bühnenauführung nicht erfassen. — Hier haben wir nun die eigentümliche Tatsache, daß Griegsche Musik diesem Drama zu einer Volkstümlichkeit verhalf, obwohl sie sehr häufig dem Werk selbst nicht gerecht wird. Anstatt das für die Handlung Wesentliche zu unterstreichen und die Grundstimmung zu untermalen, greift Grieg oft Unwesentliches heraus und stellt es in den Vordergrund. — Die Musik in der Halle des Bergkönigs wirkt eher grotesk als dämonisch. Im dritten Akt werden wir durch eine bis zur Dürftigkeit schlichten Einleitung zu Griegs berühmtester Komposition, Sol- vejgs Lied, hingeführt.
Dieses Sprunghafte ist für Kriegs Kompositionen charakteristisch. So muten manche feiner größten Ion« stücke manchmal geradezu potpourriartig an. Es fehlt die Ruhe, die Festigkeit und die deutliche Linie, wodurch sich die Werke z. B. Beethovens auszeichnen. Grieg litt nicht nur durch seine tuberkulöse Lungenerkrankung körperlich schwer, sondern auch offenbar an heftiger Nervenschwäche. Ihm fehlte die Gabe der Konzentration, so vermochte er im privaten Leben selten seine Gedanken auf einen Punkt zu sammeln, sie schweiften ab und gingen spazieren. Dieses war auch wohl der Grund, weshalb Grieg außer feiner Musik zu Peer Gynt und der Fragment gebliebenen Vertonung von Björnsons „Sigurd Iorsaloar" keine Bühnenmusik geschrieben hat.
Zwar beklagte er sich oft darüber, daß er keine passenden Operntexte erhalten könnte. Häufig hat er auch seinen Freund Björnfon gedrängt, ein Libretto zu verfassen, ohne daß dieser über einen unvollendet gebliebenen Anfang hinaus kam. Aber aus dem Jnlande sowohl als auch aus dem Auslande sind dem Komponisten Hunderte von Operntexte zugesandt worden, unter denen sich sicher etwas gefunden hätte, was des Komponierens wert gewesen wäre. Auch fehlte Grieg das feste Fundament einer gediegenen technischen Ausbildung, so daß seine Kraft zur Oper nicht recht ausreichte.
So lag des Meisters Stärke in den kleinen Arbeiten, den Liedern, der Hausmusik und der Kammermusik. Sie alle zeichnen sich weniger durch die melodiöse Durchführung als vielmehr durch das harmonische Zusammen- spiel aus. Bei Grieg überwiegt die Harmonik bei weitem, und die Melodik tritt hinter ihr zurück. Zur Erreichung der Effekte verstand es Grieg meisterhaft, alle Mittel der Realistik und des Naturalismus zu benutzen, wodurch fein ihm eigentümlicher Rhythmus und feine klangvollen Disharmonien entstanden, die man oft fälschlich als typisch nordische Musik bezeichnet hat. Wohl war Grieg bemüht, eine nordische Musik zu schassen und zu pflegen, aber seine Kompositionen tragen zu deutlich individuelle Ausprägung, als daß man sie unter dem Sammelbegriff „nordisch" zusam.nenia'sen könnte. Das ist gewiß kein Vorwurf für den Meister, sondern im Ge- genteil ein Beweis seiner ursprünglichen Eigenart, die ihm eben seine Sonderstellung gesichert hat.
Wenn auch viele seiner Lieder fast der Vergessenheit anheim gefallen sind, so gehören doch manche zum eifer- nen Bestand der Konzertprogramme. Und wenn eine ruhigere Zeit das hetzende Tempo unserer Tage abgelöst hat, dann wird auch die Tonkunst Griegs wieder mehr in der Haus- und Konzertmusik Eingang finden, wie sie es verdient, da sie ja so viele uns Deutschen Verwandtes aufzuweisen hat.
Nebelwanderung in der Rhön.
Don H. Otto Abel, Hilders.
Wenn die weißen Nebelschleier um die Häupter der Rhönriesen sich schlingen und feiner Sprühregen auf die duftigen Matten riefelt, dann ist es fast so schön dort oben in den Bergen, als wenn die Sonne die heimatlichen Höhen und Wälder in liebliche Farben taucht. Freilich anders ist die Stimmung, die den Wanderer beschleicht: einmal jauchzende, fröhliche Lie- bendigkeit, dann tiefe einsame Schwermut.
Das Dorf liegt wie ausgestorben, nur das monotone Brummen der Dreschmaschinen liegt in der Lust. Ein zarter Dust des sterbenden Getreides fliegt mir entgegen. Feucht liegt die mit Stroh bestreute Dorfstraße vor mir.
Draußen auf dem Felde taucht die verschwommene Silhouette eines pflügenden Bauern auf, der das gelbe Kleid des Ackers in duftendes Braun wandelt. Ein paar Krähen fliegen vor dem schnaubenden Pferde auf, dessen Atem wie ein schwacher Rauch zerflattert.
Dor mir liegen die grünen Matten. Mit Tausenden kleinster Perlen ist der niedrige Rasen heute bestickt, als wollte er sich entschädigen für den fehlenden Schmuck der bunten Blumen, die heute ihre Köpfchen geschlossen halten ober sie schüchtern zur Erde senken. Die Füße werden benetzt von dem reichlichen Nebeltau, und bald ist das leichte Schuhwerk durchnäßt. Aber aufwärts geht es jetzt, an den Steinmauern entlang, welche die Bauern als Grenzzeichen aufgerichtet haben. Hier wimmelt es sonst von Bergeidechsen, die sich auf den roarmen Steinherden sonnen. Heute schlafen sie erstarrt unter den schützenden Felsblöcken. Da taucht vor mir ein riesiger Ahorn auf. Einsam steht er auf der stillen Hutfläche, ein wunderbares Bild. Jeden Astschirm kann man deutlich unterscheiden, den er schützend über sich hält. Maler und Naturfreund können an diesem Exemplar gleichviel Interesse und Freude haben.
Am Wegrande sichen dickblättrige Fetthennen, unter deren großen Blütenköpfen dicke, schwarze Hummeln eine Herberge gefunden haben. Sie hängen schwer, rei
fen Früchten vergleichbar an den Aesichen und schlafen noch der erwarteten Sonne entgegen.
Jetzt Beginnen die Weißdornhecken, die dicht mit noch grünen Früchten besetzt sind. Die roten Korallen, die auf dem grünen Untergründe ein so malerisches Bild geben, fehlen noch. Dafür aber hat die Hecke einen anderen, silbrigen Schmuck angelegt. Hunderte von dicken Kreuzspinnen Hatzen hier gearbeitet und zeigen nun ihre Kunstwerke dem schönheitshungrigen Wanderer. Wie eine Ausstellung feiner Handarbeiten mutet mich die große Zahl zarter Gewebe an. An einem Zweig, den Fangfaden zwischen den Beinen, hockt die fette Spinne, versteckt, auf ein Insekt wartend. Sie wird sich aber wohl noch etwas gedulden müssen, denn die munteren Flügler scheuen die nasse, kalte Luft wie den Tod. Wenn aber die Sonne durchgedrungen sein wird, werden die fleißigen Spinnerinnen reiche Beute machen.
Auch die kleinen Fichtenbäumchen haben sich mit Spinngeweben Überziehen lassen. Sie stehen da wie mit Engelhaar zur Freude der Kinder gezierte Weihnachtsbäumchen, und wahrlich, schöner könnte sie die Hand der Mutter auch nicht für das Fest des Christkindes Herrichten.
Da flammt etwas vor meinen Augen auf. Schwarz und Gelb. Es find die Warnfarben des trägen Feuersalamanders, der sich seinen Feinden nicht durch die Flucht entziehen kann und sich deshalb mit einem Gifte schützt, vor dem er seine Angreifer warnt. Der kleine Lurch ist heute unter seinem Stein hervorgekommen, das feuchte Wetter paßt ihm gut, da wird er lebendig. An den vergangenen warmen Tagen mußte er den ganzen Tag über in seinem feuchten Verstecke ausharren, bis ihm der kühle Atzend und die Taunacht Erlösung brachte. Fette Regenwürmer, saftige Nacktschnecken, seine Lieblingsspeise kann er dann immer antreffen.
Ich schaue ins Tal hinab. Sieh, der Nebel hat sich gesenkt, die Dörfer sind verschwunden. Nur ein wallen- des, weißes Meer liegt $u meinen Füßen. Dafür tuchen die Bergspitzen schon hell aus ihren weißen Män
teln auf, die Sonne hat den Kampf mit dem Nebelmann aufgenommen, und es ist nicht mehr fraglich, wer den Sieg baoon tragen wird.
Da, der erste Strahl. Er zittert noch müde durch die dunstige Hülle, dann aber fallen die Sonnenpfeile immer dichter, ein wahrer Hagel feuriger Geschosse fällt auf die Erde. Der Nebel weicht, müde — wie ein bejahrter Greis — taumelt er davon.
Die dunklen Matten malen sich hellgrün, die Nebelperlen im Gras glitzern wie echte Diamanten, der einsame Ahorn drunten zeigt jetzt Kontraste vom dunkelsten Grün bis zum hellsten Gelb. Der faltige Frauenman» tel, der den Alchemisten des Mittelalters als bewährtes Mittel der edlen Kunst des Goldmachens erschien, hat sich besonders fein gemacht. An jeder Faltenecke glitzert eine bitte Silberperle. Die kann nicht vom Nebel herrühren. Die Pflanze hat nämlich bie Eigenschaft, überschüssiges Kaffer, das sie in der bunstgeschwängerten Nebelluft nicht mit Hilfe ber Spaltöffnungen los werden kann, burch kleine Wafserspalten unter Druck herauspressen zu können. Der Hohlraum im Innern des Blattes füllt sich von den herabrinnenden Wasserperlen mit Flüssigkeit, die auch am Mittag zum Teil noch erhalten ist und den Insekten als Tränke dient. Der Unkundige schreibt die gefüllten Behälter dem Tau ber Nacht zu.
Unb nun bin ich oben. Vor mir behnt sich bie weite Hochfläche ber Hohen Rhön. Hier hat jetzt endgültig bie Sonnenkönigin ihre Herrschaft angetreten. Drunten im Dal ziehen noch immer weiße Nebelinassen, bie aber auch immer mehr zerflattern. Ein wunberschöner Spät- sommertag nimmt seinen Anfang.
Die Leidenschaft des Reisens.
Von E r n st Zahn.
Als ich ein Kade war, litt ich so sehr unter Seekrankheit auf der Eisenbahn, baß ich einmal noch einer halbstünbigen Besuchsfahrt von Zürich zu bem in Baden Zur Kur weilenden Großvater sterbenskrank ankam, und die jährlich mehrmalige Ferienreise aus eben jener, meiner Schulstadt, zu den in Siders im Wallis wohnenden Eltern als eine Grausamkeit fürchtete. Dennoch ist mir gerade aus den Welschlandfahrten ein Höhepunkt, ein Genuß im Gedächtnis geblieben. Mir zuliebe wurde die Reise von meiner verwandtschaftlichen Begleitung in Zwei Tagen statt nur in einem gemacht. Man übernachtete in Lausanne ober Fribourg, und wenn ich auch abends bei Ankunft als ein Häuflein Elend zu Bett gelegt wurde, so pflegte ich doch andern morgens gesund und fröhlich zu erwachen und genoß bann bie Morgenstunde, dieses Aufwachen im sauberen Bett des fremben Zimmers, bie Aussicht aus dem Fenster auf eine unbekannte Stadt, insbesondere aber das Frühstück mit im Großvaterhause unbekannten Beigaben von Butter, Honig und Milchbrot mit wunderbarer Eindringlichkeit. Die Honigwaben, die in Fribourg auf den Tisch kamen, haften so eindringlich in meiner Erinnerung, daß ich den Blütenduft des Honigs noch jetzt auf der Zunge spüre, noch den selsamen Nachgeschmack von Wachs und die tote Biene noch sehe, die im eigenen Erzeugnis er* stickt lag.
Aus den ersten kurzen Freudenaugenblicken dieser Iugendfahrten hat sich im Laufe der vielen Jahre meines Lebens das Glücksbewußtsein, die Leidenschaft des Reisens entwickelt, die mich jetzt immer zappelig machen, wenn ich einmal ein paar Monate zu Hause raste. Nicht, daß ich den Frieden, die Schönheit, die Liebe des Daheims nicht zu schätzen wüßte, aber der Reiz scheint mir in den Gegensätzen zu liegen, im Drang nach den Erlebnissen eines neuen Fortgehens und dem weiten Auf»
n
2as Raffel des Tushintang.
Roman von Kurt Martin.
Eoväright bä Verlag Neues Leben. Baär. Gmain.
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»Man sagt, Mr. Rung-Kü-San fei erwürgt worden, sein Diener wäre feit jenem Morgen verschwunden, ®a er die Leiche fand."
»Man hat die Wahrheit gesprochen."
"®s konnte bisher der Täter nicht ermittelt werden?"
»Der Täter — ist längst ermittelt.“
borgen Bollander richtete sich interessiert auf.
»alfo kennen Ste seinen Namen?"
„Ich kenne ihn. Seiner wartet das Schicksal, das er at,er es ereilt ihn nicht rasch. Ich werde 8-Ku-Sans Tod rächen, und ich werde doppelte “e.Itat an seinem Mörder zu rächen haben."
' u-Fu-Tang sah finster vor sich hin. Ein harter jetzt um seine Mundwinkel — unbeugsamer
Särgen Bollander war ratlos.
»■Rtajt rasch ereilt den Mörder die Strafe —. Unb nn er unterbeffen flieht?"
' "®r entflieht mir nie."
Kameenr* biefen Menschen schon gefangen ge- ihn"®r W wohl mein Gefangener; aber bie Kette, bie Seffe rmke™e Gewalt fesselt, ist nicht aus Eisen. Diese ?«e fmb die Augen meiner Diener."
“rgen Bollander grübelte.
morbX« ‘5U'Sein«’ der verschwundene Diener des Er- toQr s ' weiter? Hielt er sich verborgen, und SteDelMi Jein Aufenthaltsort bekannt? Doppelte Raub» ' tooate Liü-Fu-Tang rächen? Mord und
*r°me ädernd:
”snr Mörder hat fein Opfer auch beraubt?"
"^.er sagt bas?"
»Niemand bäIt 65 aber für möglich."
Man r. ,n Rung-Kü-Sans Schätze rauben.
9Qtte fte höchstens entfernen können."
„Wäre bas nicht gleichbebeutenb mit Raub?"
„Wohl nicht. Die Ebelsteine fänben ja doch eines Tages den Weg hierher zurück. Der Täter hätte sich also mit ihrer Entfernung nur nutzlose Mühe bereitet.
„Unb Sie halten es nicht für möglich, daß wertvolle Edelsteine geraubt wurden unb nie mehr aufgefunben werben?"
„Nein. Das Auge der Sonne findet sie.“
Bollander wagte keine neue Frage. Er sann aber: Das Auge der Sonne? Zeigte nicht die Bordwand des „Lushang" auch eine Sonne, die dann plötzlich wieder verschwunden war?
Liü-Fu-Tang begann:
„Sie erlebten den Untergang des „Tushintang", Mr. Bollander?"
Jörgen Bollander sagte hastig, in Erwartung dessen, was nun kommen würde:
„Ja, ich erlebte das Entsetzliche. Ich bekam schon vor der Katastrophe Botschaft, was in der Nacht geschehen würde; nur verstand ich diese Nachricht nicht."
Er erzählte, was er von dem Funkspruch wußte, sagte, es fei ihm rätselhaft, wie man in Schanghai wissen konnte, daß er sich an Bord des „Kweipautu" befand, bekannte, daß er nicht verstünde, wie man gerade darauf verfallen fei, ihm diese Nachricht zu senden, die ja doch einem ganz anderen auf dem „Kweipautu" galt.
Liü-Fu-Tang hatte ihm scheinbar voller Interesse gelauscht. Nun fragte er:
„Wen hatte ber Kapitän bes „Kweipautu" in Verdacht?"
„Seinen Steuermann, einen Japaner namens Kiru- Iosai."
„Unb wie erklären Sie es sich, baß man Ihnen bte« fen Funkspruch fanbte?"
„Ich stehe vor einem Rätsel, vor bem ersten einer ganzen Kette von Rätseln."
„Dieses Rätsel kann ich Ihnen lösen. Der Mensch, ber Rung-Kü-San ermorbete, war bie Ursache, daß man Ihnen ben Funkspruch sandte."
Jörgen Bollander forschte erregt:
„Wollen Sie mir nicht den Namen dieses Menschen sagen?"
„Jetzt nicht. Aber Sie erfahren feinen Namen später. Sie forschten in Schanghai nach Dr. Sm?"
„Ja, und niemand kennt diesen Mann, trotzdem er existieren muß."
„Was wissen Sie von ihm?"
Da berichtete Bollander. Er sprach lange. Von Ingeborgs Bergners Tagebuch erzählte er, von ihrem Schicksal, von ihrem Argwohn Dr. Sm gegenüber, von seinen Nachforschungen und dem Drohbrief in Schanghai. Er sprach von dem Schal, von dem endlichen Fund in dem ausgebrannten Boote am Ufer des Sangt« fefiang.
Liü-Fu-Tang unterbrach ihn mit keiner Frage. Jörgen Bollander aber hatte fein Mißtrauen diesem Mann gegenüber aufgegeben, er hoffte jetzt ein wenig, mit Hilfe Liü-Fu-Tangs doch Klarheit über Jngeborg Bergners Schicksal zu erhalten, darüber, ob bie Tote im Boot bas Mäbchen war ober nicht. Als er schwieg, begann ber Chinese:
„Sie sprachen so offen zu mir, Mr. Bollander, baß ich annehme, Sie hoffen auf meine Hilfe. Sie hoffen, burch mich vielleicht auf eine Spur gebracht zu werden, die Ihnen Antwort auf Ihre Fragen und Zweifel bringt. Ist dem so?
Jörgen Bollander zögerte.
Hatte er recht getan? Was wußte Liü-Fu-Tang? Was wollte sein Motorboot, das in jagender Fahrt dem „Lushang" entgegenkam und dann ebenso rasch wieder verschwand? Wußte er um die Botschaft, die man ihm auf dem „Lushang" zugesteckt hatte, die bezweckte, er sollte die Tote im Boot finden?
Er sprach:
„Wenn ich alles und alles bedenke — irgendwelche Menschen hier müssen mehr von diesen Dingen wissen als ich. Ja, ich hoffe, Sie können mich auf irgendeine Spur bringen."
„Sie haben vor allem den einen Wunsch: zu wissen, ob das deutsche Mädchen noch lebt, oder ob es die Tote von dem verbrannten Boote ist."
„Sa!"
„Warum aber? Was kann das Schicksal dieser Fremden, die Sie nie sahen, Sie interessieren?"
„Das Mädchen ist mir keine Fremde. Sch besitze
ihr Tagebuch, und dies Buch hat mir Sngeborg Berg, ner nahegebracht, fo nahe, daß sie mir in ihrem ganzen Wesen vertraut ist, als wäre sie meine Schwester."
„Sie lieben das fremde Mädchen?"
„Vielleicht ist dem fo."
„Die Aufzeichnungen bes Mäbchens sind Shnen teuer?"
„Sie sind mein teuerster Besitz."
„Befürchten Sie nicht, daß man Ihnen dies Buch entwenden könne?"
„Man erbrach in meinem Hotel in Schanghai meinen Koffer: es fehlte nichts, und ich möchte annehmen, man suchte nach diesem Buche."
Liü-Fu-Tang beugte sich vor:
„Der aber in Schanghai bei Shnen nach dem Buche suchte, hat nichts mit dem Verbrechen zu tun, bem Sie aus bem verbrannten Boote auf bie Spur tarnen."
Sorgen Bollanber war überrascht.
„Hat nichts —? Wie kommen Sie barauf? Wer das Buch stehlen wollte, ist doch Sngeborg Bergners Feind gewesen. Hat dieser gleiche Mensch bann nicht auch bas Mäbchen auf das Boot gebracht? Fand sich nicht ihre Wäsche in dem Koffer cuf eben diesem Fahrzeug?"
„Es ist so, wie Sie sagen: Dieser Mensch, der Shren Soffer in Schanghai erbrach, hat das deutsch» Mädchen in dem Flußboot den Sa-.gtfe hinauf entführt "
Sötgen Bollander ruljr hoch:
„Das wissen Sie! Dann ist die Tote auch Sngeborg Bergnec!"
Liü-Fu-Tang hob die Hand:
„Das habe ich damit nicht gesagt."
„Was soll das? Und wie kommen Sie zu diesem Wissen? Wer drang in Schanghai in mein Hotelzimmer" Wer —?"
„Mr. Bollander, fragen Sie nicht fo viel auf einmal! Manches kann ich Shnen sagen — alles nicht. Auch das Wissen aller Geschehnisse nütz, Shnen nichts; denn es würde Shnen an Beweisen mangeln, Geschehenes zu erklären."
„Und warum können Sie mir nicht alles sagen, was Sie wissen? Wer ist Dr. Sm" Wo ist dieser Mann? Wer hatte den Untergang bes „Tushintang"