Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakt.
irr. 199
Erscheint lechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt tm Bito* und „Buchenblätter". Rototionsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei. in Fulda. Fernrufe: Schrift- •: leitung 3153 Fuldaer «rtiendruckerel 3151 und 3152. ::
Dienstag, 30. August 1932.
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Zahrg. 59.
Ein versucht
Jetzt also ist das große Geheimnis enthüllt!
Wie sieht das Rezept aus, mit dem Herr Dnn Popen und feine Regierung die Rot unserer Zeit lösen will?
Es soll der Versuch gemacht werden, durch ein „organisches Programm" die noch vorhandenen lebendigen Kräfte der Wirtschaft zu erhalten.
Es soll der Versuch gemacht werden, durch Neueinstellung von Arbeitskräften den Arbeitsmarkt zu entlasten.
• Es soll der Versuch gemacht werden, durch eine Verminderung des Arbeitslohnes, also auf Kosten der noch in Lohn und Verdienst stehenden Schichten, andere unbeschäftigte Kräfte in den Produktionsprozeß zu bringen.
Es soll der Versuch gemacht werden,den gesamten deutschen Produktionsapparat. al'o nicht nur Industrie, sondern auch Landwirtschaft, an der Wirtschaftsbelebung teilnehmen zu lassen.
Es soll von dieser Basis aus versucht werden, „ein Wirtschaftsprogramm in großem Umfange zu verwirklichen".
Don der vielberedeten Zwangsanleihe will der Herr Reichskanzler selbst nichts mehr wissen. Man hört aber auch nichts mehr von der an ihrer Stelle sehr ernsthaft erörterten Vermögensabgabe, also einer neuen Steuer. Der Reichskanzler muß doch selber geltend machen, daß derartige Maßnahmen zu seinem eigenen Versprechen, keine neuen Lasten dem Volke aufzuerlegen, in striktem Gegensatz ständen.
Um nun der Gesamtwirtschaft, also nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch der Industrie, zu helfen, will die Regierung eine verstärkte Aufmerksamkeit der Entwicklung des Binnenmarktes zuwenden. „G r u n d s ä tz l i ch" lehnt sie die Autarkie ab. Aber man hört nichts darüber, welche Maßnahmen denn nun im einzelnen geplant sind. Erst dann wäre man nämlich imstande zu beurteilen, ob nicht diese Maßnahme in ihren Auswirkungen autarkistischen Charakter hätten.
Im Kern, und das scheint auch der wichtigste Teil des Regierungsprogramms zu sein, geht die Regierungspolitik auf eine Beendigung der Dxflationsepoche. Dieser Deflation, also dem Absinken her Preise, soll dadurch ein Ende bereitet werden, daß die Reichsregierung, wie sich der Reichskanzler auch hier wieder ausdrückte, den „Versuch machen will, das Steuer der Wirtschaftspolitik grundsätzlich und zwar sofort her- uistzuwersen.
Von Bedeutung ist dabei die ausdrückliche Feststellung des Kanzlers, daß bei den hierbei geplanten Maßnahmen die Währung nicht gefährdet werden darf, daß zweitens keine Abwertung der deutschen Mark beabsichtigt ist, und daß im Einvernehmen mit der Stellung des Reichsbankpräsidenten auch keine sonstigen Währungsexperimente gemacht werden dürfen.
Die künftigen Maßnahmen der Reichsregierung sollen, was wir an sich durchaus begrüßen, darauf abgestimmt fein, eine Wiederbelebung der Privatinitiative und das Gefühl der eigenen Verantwortung herbeizuführen. Wenn der Reichskanzler sagte, daß mit der Fortnahme des Druckes durch die Reparat'onen nunmehr auch wjeder die Vorausseßung für die Wiedergewinnung des Vertrauens in die Zukunft gegeben fei. dann hätte er ruihg hinzufügen können, daß diese Situation nicht sein Verdienst ist. Er hätte es sich vor allen Dingen ersparen können, wieder, wie fast immer in seinen Reden, Vorwürfe gegen die früheren Regierungen zu richten, denn, wenn er erklärt, daß nach seiner Ueberzeuqung Deutschland das längste Stück des Weges der Wirtschaftsnot zurückgelegt habe, dann muß er ja ohne weiteres zuaeben, daß der schwerste Teil der Arbeit von den früheren Regierungen getan worden ist. und daß der Boden, auf dem er steht, ihm r-m anderen bereitet wurde.
Er hätte es sich auch ersparen können, zu sagen, daß seine Regierung mehr als jede andere in den letzten 14 Jahren gewillt sei, zu handeln. Es kommt aus den Zeitpunkt an, Herr Reichskanzler! Und die Maßnahmen die jetzt geplant sind, wären ?.u einer anderen Epoche, namentlich solange die Reparationsfrage nicht geklärt war, einfach undenkbar. ja direkt unsinng gewesen. ___
Was der Reichskanzler im speziellen zur Bewältigung des Zentralproblems, der Ueberwin- dung der Arbeitslosigkeit, ausgeführt hat. ist mehr als unklar und undurchsichtig. Das Hauptstück des Programms wird durch ein mehr als eiaen- artiges und überaus kompliziertes System von Steueranrechnungsscheinen gekennzeichnet. Aus den reichlich, vielleicht aber auch ab- Uchtlich unklar gehaltenen Ausführungen geht fjer= daß beabsichtigt wird, für einen Teil von steuern, die produktionshemmend wirken, wie vor allem die Umsatzsteuer, dann aber auch die Gewerbesteuer, Besörderiinassteuer usw., die in der ;?kit vom 1. Oktober 1932 bis 1. Oktober 1933 fäl- !’9 Und, Steueranrechnungsscheine zu geben, auf we in den Jahren 1934 bis 38 Steuerzahlungen auf Reichssteuern mit Ausnahme der Einkommen- ' eyer. aetätigt werden können. Aus dieser Manipulation erwartet die Reichsregierung einen Er- rQ9 von 1% Milliarden Mark. Die Steueranrech- pungsscheine sollen mit einen Agio versehen und aourch mit Darlehnscharakter versehen werden.
l p h^bn es also mit einer A r t von D a ehensscheinen zu tun, ähnlich dem System
Die Reichsregierung enkhüllk ihre Pläne von Popen spricht über das Mrtschaftsprogramm.
Ein kühnes Experiment. — Aeber zwei Milliarden sollen zur Ankurbelung der Wirtschaft bereit gestellt werden. — Finanzierung durch Ausgabe von Steueranrechnungsscheine«.
Auf der außerordentlichen Generalversammlung des Westsälischen Bauernvereins in der überfüllten Stadthalle zu Münster i. W. hielt Reichskanzler von Popen seine mit großer Spannung erwartete programmatische Rede, in der er vor allem das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung entwickelte und außerdem auch bedeutsame poli- itsche Ausführungen machte. Vorher nahm der Präsident des Westfälischen Bauernvereins, Gutsbesitzer Dieckmann- Gladbeck, das Wort zu einer längeren Rede über das Thema „Das B a u - erntum zu den Aufgaben der Staats- und Wirtschaftspolitik", in der er die Forderungen des Westfälischen Bauernvereins klar herattssöellte. Er ging zunächst allgemein auf die heutige Lage ein und knüpfte daran den Wunsch, daß sich der Reichstag endlich zu positiver Arbeit zusammenfinden möge. Weiter setzte er sich dafür ein, durch die Durchführung der seit langem geplanten Derwal- tungs- und Staatsreform endlich die Möglichkeit für durchgreifende Sparmaßnahmen zu schaffen. Die Bewältigung der Fülle von Aufgaben sei nur möglich mit Hilfe eines ganz eisernen Willens. Es dürfe keine Rücksicht mehr auf politische Gewohnheiten genommen werden.
Lebhaft begrüßt betrat dann Reichskanzler von Vapen das Rednerpult. Die Aufgabe feiner Regierung, so betonte der Kanzler einleitend, beschränke sich Nicht auf wirtschaftliche ober politische Einzelheit, sondern wolle den Grundstein legen für einen Neubau des deutschen Staates. Grundlage dafür müsse sein, eine konservative christliche Gesinnung, die anerkenne, daß die Menschen dienende Glieder in einer von Gott gegebenen Ordnung seien. Konservative Gesinnung fordere eine Staatsgewalt, die auf Autorität gegründet sei und die stark und unsdhängig fein müsse, damit von ihr Gerechtigkeit ausgehen könne. Zur Flihrung der Nation könne nur zu- gelassen werden, wer sich freiwillig in ihre Gesetze einordne.
Sehr scharfe Angriffe richtete Papen im weiteren Verlauf seiner Rede im Zusammenhang mit der Behandlung der Urteile von Ohlau und Beuchen gegen Hitler. Die Zügellosig- feit, die aus dem Aufruf des nationalsozialistischen Führers spreche, passe schlecht zu seinen Ansprüchen auf ä i e S ta a tsfiih r u n g. Er gestehe ihm nicht das Recht zu, die Minderheit in Deutschland, die seinen Fahnen folge,. allein als deutsche Nation anzusehen und alle übrigen Volksgenossen als Freiwild zu behandeln.
„Wenn ich heute geaen stiller und für den Rechisstaat, für die Volksgemeinschaft und für eine Autorität der Staatsführung eintrete", so fuhr der Kanzler fort, „so befolge ich nicht nur das Ziel das Millionen feiner Anhänger im Kampfe gegen die Parteiberrfchaft, gegen Willkür und Ungerechtigkeit mit heißestem fierten herbeigesehnt hat. Diese Regierung hat vom ersten Tage an das Ziel verfolgt, der großen vaterländischen Freiheitsbewegung, deren historisches Verdienst am deutschen Volke jedermann anerkennen muß, den Weg zu der positiven Mitarbeit am Aufbau des Reiches vorzubereiten. Ich kann nicht glauben, daß diese deutsche Freiheitsbewegung sich auf die Dauer in bewußten Ke- gensoß zu den Zielen einer Regierung stellen wird, deren Gedanke nur und ausdrücklich auf die deutsche Zukunft gerichtet find. Ich greife der Entscheidung über bas Schicksal der fünf zum Tode Benirteilfen nickst vor. die preustische Staatsreqierung wird sie unbeirrt von politischen Anw'-rlen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit treffen. Aber ich sage zugleich:
Die Anwendung des gleichen Rechtes, das für alle deutschen Staatsbürger gilt, werde ich nötigenfalls erzwingen.
'Mv b'n f-ri . p r p n b e Glut des
Bürger krieges auszu treten und den Zustand politischer Unruhen und Gewalttaten zu beenden, die heute noch ein großes Hindernis für die positive Arbeit sind.
Damit komme ich zu den praktischen Tagesfragen: Selbstverständlich wird die Regierung der Landwirt-
im Kriege. Aus solche Scheine können vom Reiche, also auch von der Reichsbank Darlehen ausgenommen werben. Die Scheine könnten also sofort als Kreditunterlage zur Beschaffung von Kapitalien für Produktionsstätten benutzt werben. Man muß bie Einzelheiten dieser ausgeklügelten Aktion erst abwarten, um ein abschließenbes Urteil darüber geben zu können. Da aber bie Reichsregierung bei der Finanzierung ihres Programms zur Behebung der Arbeitslosigkeit mit einem Betrage von über 2 Milliarben rechnet, sollen außer dem eben erwähnten Betraa von VA Milliarben Mark noch 700 Millionen Mark in Steueranrecknungsscheinen für solche Unternehmungen zur Verfügung gestellt werben, bie mehr Arbeitskräfte als bisher eingestellt haben. Ein Betrieb soll bis zu 400 Mark jährlich an berartigen Zubußen erlangen, unb bie Reichsregierung erwartet von ber, freilich restlosen Inanspruchnahme bieser Regelung eine Erhöhung der Beschäftigungsmöglichkeit für'weitere mehrere Hunderttausenb Arbeitslose.
Zu diesen Maßnahmen käme eine Ergänzung von ber Arbeitsseite her, also in Gestalt der Streckung der Arbeit, um möglichst viel Arbeiter beschäftigen zu können und durch eine veränderte Entlohnung. An dem Tarifrecht und dem Schlichtungswesen will grundsätzlich bie Reichsregierung nichts ändern, wohl aber soll
schäft mit allen Mitteln helfen. Die harten Erfahrungen der langen Jahre haben uns gezeigt, daß einseitige stilfe wenig nützt. Die Landwirtschaft läßt sich nicht allein von der Zollseite her bele» b e n. Nur von einer Belebung unserer Gesamtwirtschaft kann eine wirkungsvolle Belebung der Landwirt- stdaft kommen. Die Reichsregierung lehnt den Gedanken einer grundsätzlichen Autarkie deshalb ab, weil Deutschland nicht auf seine weltwirtschaftlichen Beziehungen verzichten kann und weiß dabei jede sich bietende Gelegenheit auszunutzen, die der Auslandsmarkt auch heute noch bietet. Aber die Grundlagen der Ernährung müssen im Binnenlande sichergestellt werden. Ich kann versichern, daß sich die Reichsregierung grundsätzlich zu der Notwendigkeit einer »eiteren maßvollen Regelung der Einfuhr bekennt und daß sie dahingehende Beschlüsse gefaßt hat. Für die Zwangslage aus der heraus diese Maßnahmen ergriffen werden müssen, wird In- und Ausland Verständnis haben.
Wenn die Deflation nicht beendet werden kann, so sind weitere Verluste des privaten Unternehmertums und der öffentlichen Wirtschaft nicht aufzuhalten. Wir müssen deshalb den Versuch machen, das Steuer grundsätzlich herumzuwerfen. Wenn wir jetzt den Grund zu einem
Wiederaufbau der Wirtschaft
legen wollen, so müssen wir es nach folgenden Grundsätzen tun.
Mnfere Währung darf nicht gefährdet werden, wir wollen auch keine Abwertung der deutschen Mark. Die Reichsregierung lehnt alle (Eingriffe in bie Privatwirtschaft ab. Die Reichsregierung wird darüber wachen, daß bie persönliche Verantwortung ber freien Wirtschaft nicht unter Vermischung ber staatlichen Wirtschaftsformen verwischt wird.
Run zu bem plan selbst: Deutschlands betrüblichstes Problem ist bie Arbeitslosigkeit. Die Reichs-
regierung läßt selbstverständlich bie bereits eingebetteten Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung nicht aus dem Auge. Insgesamt sind für diese Zwecke bisher 13 5 Millionen Mark bereUgeffelll. (Es sind weitere Notstandsmaßnahmen auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Siedlung, der vorstädtischen Stein- fieblung, bes Wohnungsbaues unb ber Hausreparaturen in Aussicht.
Dennoch sind wir uns vollkommen klar darüber, daß es niemals gelingen wird, auf dem Wege allein das wünschenswerte Ausmaß der Arbeilslosenverminde- rung zu bestreiten. Die Regierung ist entschlossen, im großen Rahmen den Versuch zu machen, durch eine
Belebung der Privatwirtschaft zur Reueinstellung von Arbeitskrästen und zur Verminderung der Arbeitslosenzahl zu gelangen.
Das kann nur geschehen, wenn überall gleichzeitig geholfen wird, wir gehen bei unseren Ueberlegungen davon aus, daß eine Reihe von wichtigen Anzeichen daraus tjinbeutef, daß bas längste Stück bes Weges ber uns zum Roben ber Krise führte, von bem aus ber wieberousstieg beginnen kann, nunmehr zurückgelegt ist. 3n einem solchen Zeitpunkt ist es infolgebessen berechtigt, roeitertragenbe Maßnahmen zu ergreifen, als es in einem früheren Zeitpunkt ber Krise möglich gewesen wäre. 3n bem gegenwärtigen sehr fortgeschrittenen unb voraussichtlich nicht allzu weit vom (Enbe entfernten Stadium der Krise kann man erwarten, daß jeder Einfluß zur Belebung der Wirtschaft mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu beitragen wird, die natürliche Fortsetzung in einem tatsächlichen Aufschwünge der Wirtschaft zu finden. Deutschlands gesamter pro-
Fortfetzung auf Seite 5.
Am Vorabend der Reichslagseröffnung.
DDZ. Berlin, 29. Aug. (Eig. Meld.) Zur Eröffnungssitzung des Reichstags am Dienstag, den 30. August sind, wie die Reichstagsverwaltung mit- teilt, sämtliche Tribünenkarten ausgegeben. Im übrigen find, wie das Nachrichtenbüro des BDZ. hört, für die morgige Reichstagssitzung, die von großen Parlamentstagen üblichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen.
Die Sitzung beginnt nachmittags 5 Uhr.
Die 1. Sitzung des neuen Reichstages soll van der Kommunistin Klara Zetkin als Alterspräsidentin geleitet werden. Die Nationalsozialisten wallen, wie verlautet, in Uniform zur Sitzung erscheinen.
Die Präsidentenwahl soll erst auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen des Reichstages gesetzt werden Präsident Löbe, mit dessen Wiederwahl nicht gerechnet werden kann, verabschiedet sich bereits heute nachmittag vom Personal des Reichstages. Nach parlamentarischer Gepflogenheit stellt die größte Fraktion des Reichstages den Präsidenten. Die Nationalsozialisten werden sich erst in ihrer morgigen Sitzung darüber schlüssig werden, wen sie als Kandidaten präsentieren wollen. Wie verlautet, haben sie die Absicht, den früheren Reichstagsvizepräsidenten S t ö h r für diesen Posten vorzuschlagen. Daneben wird jedoch auch der Abgeordnete Dr. Fabricius genannt. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß das Zentrum bereit ist, den Anspruch der Nationalsozialisten auf den Präsidentenstuhl anzuerkennen. Da auch die Deutschnationalen für einen Nationalsozialisten stimmen würden, so würde dessen Wahl zum Präsidenten gesichert, selbst, wenn die Kommunisten für den bisherigen Präsidenten Löbe oder
eine wesentliche Veränderung, also im Sinne der Unterschreitung der Tarifsätze, möglich sein, um Produktionsstätten, die unter der Starrheit der Tarifbindungen besonders leiden und zum Teil ja auch in der Tat zum Unterliegen gekommen sind, wieder flott zu machen. Da die bisherigen Ansätze zu freiwilliger Regelung nicht den Erfolg gehabt haben, den die Regierung herbeizuführen wünscht, soll diese neue Regelung auf dem Verordnungsweg erfolgen. Sie soll aber nur für eine Ueber- gcmgszeit gelten und auf 12 Monate befristet sein. Durch die Erhöhung der Kauffrast, deren Schmälerung ja hauptsächlich durch die Schrumpfung der Wirtschaft herbeigeführt ist, glaubt der Reichskanzler auch eine Belebung der landwirtschaftlichen Produktion, insbesondere aber auch die Sicherung einer Rente für die landwirtschaftlichen, vornehmlich für die bäuerlichen Veredlungsprodukte gewinnen zu können.
Man hätte sehr gern gewünscht, daß der Reichskanzler sich auch über andere wichtige Fragen, so über das Zinsproblem, ausgesprochen hätte. Er berührte es nur sozusagen im Vorbeigehen und bemerkte allerdings, daß man in dieser Frage auf privatwirtschaftlichem Wege vonvärtskommen kommen müsse. Damit soll offenbar ein genereller Zinseingriff abgelehnt werden, aber die Regelung der Zinsfrage an sich im Sinne einer auch unter
einen anderen Sozialdemokrat eintreten würden.
Die Sitzungen der Fraktionen.
VDZ. Berlin, 29. Aug. (Eig. Meld.) Im Reichstag trat cm Montag mittag die Fraktion der Bayerischen Volkspartei zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Nachmittags halten auch die Deutschnationalen und das Zentrum ihre erste Fraktionssitzung im neuen Reichstag ab. Die nationalsozialistische Fraktion versammelt sich nachmittags um 5 Uhr bei dem Parteiführer Adolf H i t, l e r im Hotel Kaiserhof. Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. hört, will Hitler den Abgeordneten dort feine Richtlinien für die Politik der nächsten Zeit entwickeln. Dann werden ihm die neugewählten Abgeordneten vorgestellt und von ihm durch Handschlag verpflichtet werden Die erste Fraktionssitzung der Nationalsozialisten findet am Dienstag vormittag statt. In dieser Sitzung wird auch über die Anträge Beschluß gefaßt werden, die die Fraktion im Reichstag einbringen -wird, insbesondere über ein Mißtrauensvotum gegen das Kabinet Papen. Am Dienstag vormittag treten ferner auch die Sozialdemokraten, die sich vor einiger Zeit versammelt haben, zu ihrer zweiten Sitzung zusammen.
Die Vreutzeu-koMio«.
Bor der Entscheidung.
VDZ. Berlin, 29. Aug. (Eig. Meld.) Wie das Nachrichtenbüro des DDZ. meldet, ist zur Stunde die wohl enffcheidende Besprechung zwischen den Unterhändlern des Zentrums und der Nationalsozialisten über das Zustandekommen oder Scheitern der Koalition in Preußen im Gange. Man kann mit dem Bekanntwerden des Ergebnisses noch für heute oder späte st ens für morgen rechnen.
staatlichem Druck gehaltenen Vereinbarung zwischen Schuldner und Gläubigern bleibt dabei doch vollkommen offen.
Wenn der Reichskanzler des weiteren Reformmaßnahmen ankündigt, die die An- bahnung des gesamten Staats- und Verwaltungsapparates an die Armut der Nation bezwecken, so bewegt er sich sogar bis auf die Formulierung in den Bahnen der früheren Regierung, der durch ihren vorzeitigen Sturz nicht mehr die Möglichkeit gegeben war, die diesbezüglichen, längst bis in alle Einzelheiten vorbereiteten Maßnahmen durchzuführen. Wenn der Reichskanzler in diesem Zusammenhang die Derwal- tungsreform „an Haupt und Gliedern" als entscheidenden Schritt zur Reichsreform bezeichnet, so wird man eine solche Aeußerung nach allem, was sich bisher zutrug, mit äußerster Reserve und nicht ohne lebhafte Bedenken hinnehmen müssen. Jedenfalls muß auch in dieser Frage vor einem endgültigen Urteil volle Klarheit geschaffen werden.
Was die Regierung plant, ist also ein Versuch. Und ob es ein Versuch mit tauglichen oder untätig» lichen Mitteln ist, wird man erst übersehen können, wenn das Reformprogramm, das jetzt nur in verschwommenen Umrissen zu erkennen ist, in seinen Einzelheiten vorliegt.