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rutsche Not und höhere Schute. Sturz artig er Rückgang der NeueinrrMe. — Hinter 300000 voN- beschäftigten Akademikern warten 150 000 Anwärter. — Schwere Rückschläge in sämtlichen Ländern.

Seit dem Schulbeginn dieses Jahres ist schon b„fnnnt gewesen, daß ein ungewöhnlicher Rückschlag k-i der Schülerzahl der deutschen höheren Schulen ,.. ^warten war. Die Ueberfüllung der akade- mUchen Berufe und der unbedingte Zwang für die -äwlverwaltungen, den Eltern durch Aufnahme ibrer Kindern nicht unerfüllbare Hoffnungen machen, ihnen sozusagen nicht „Ware" zu liefern für die auf dem Markt des Kamp­fes ums Dasein keine Nachfrage besteht, Hai­en in diesem Jahre zu einem „planmäßi­gen" Abbau der Serien Anlaß gegeben. Ber- ichärfte Prüfunasbestimmungen kamen heraus; einige Länder wollten sogar die erfolgreichen Sexta- lgndidaten noch nach einem halben Jahre zurück- ,„eilen können, und ähnliche hemmende Bestim­mungen gabs in Masse. Mit diesen Absichten traten die höheren Schulen auf jeden Fall zu spül gervor- denn in allen Ländern des Reiches blieb der sonst in den leßten Jahren kaum zu überwäl- üaende Ansturm der Eltern, die ihren Kindern einen höheren Bildungsweg sichern wollten, aus, io daß die Abbau-„Pläne"der Anstalten durch die mangelnde Nachfrage noch unterboten wurden.

Die nunmehr aus fast allen Ländern vorliegen­den Uebersichten zeigen überall einen so sturzarti- gcn Rückgang der Neueintritt« bei den höheren Schulen, daß für die Erklärung der Geburtenrück­gang und auch die scharfen Abbauabsichten im Zu­sammenhang mit der Ueberfüllung der akademi­schen Berufe bei weitem nicht mehr zulangen. In dem um diese Frage entstandenen amtlichen Zif­fernmeer fällt die Zahl 18 500 für den Gesamt- rückaangdes Bestandes der höheren Knabenschulen des Reiches schon ganz besonders aus, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in den leßten Jahren durchweg rund 40 000 Abiturienten aus den höheren Lehran­stalten entlassen wurden; der Gesamtrückgang der Schülerinnen beträgt über 10 000 und hält anteilsmäßig mit dem der Knaben ungefähr Schritt. Bezeichnenderweise ist die Abnahme des Gesamtbestandes der höheren Knabenschulen aber doch um einige Zehntelprozente höher. Dieses Bild verschiebt sich jedoch noch mehr zu ungunsten der Mädchen, wenn man bei der Betrachtung nur die Sexten berücksichtigt. Bei den Knaben ver­minderte sich ihre Zahl um 10, der Schülerstvnd aber um 20,3 v. H.; bei den Mädchen sank die Zahl der Klassen sogar um 14,5, jene der Schüle­rinnen um 21,9 v. $j.

Eine derartige Schülerbewegung, die bei den Sexten am ausdrucksvollsten war, aber die ande­ren Klassen, namentlich bei den Knabenschulen, ebenfalls nicht verschonte, muß naturgemäß auch zu einer Schulschrumpfung schwerwiegender Art im ganzen Reiche führen. Nicht weniger als 22 öffentliche Schulen gewiß der Stolz ihrer Stand­orte, sind durch Auflösung oder Zusammenlegung ganz verschwunden, und rund 50 Schulen kehrten zum „Normaltyp" zurück, gaben also die zweiten und dritten Parallelklassen auf. Das ist aber nur eine erste Verlustliste auf diesem Trümmerfeld«. Sie wird zu nächsten Ostern erheblich ausgedehnt werden, so daß man aus dem Rückgang der Sex­

ten im Reich und in den Ländern ebenfalls nur erst Anhaltspunkte für eine überaus traurige Entwick­lung gewinnen kann. Der Ausfall der Sexten gestaltete sich im Reiche nicht gleichmäßig. Bei den Knaben führt Mecklenburg-Streliß mit der Rie­senziffer von 47,7 v. $).. also fast der Hälfte, wäh­rend in diesem Lande die Mädchensexten „nur" um ein gutes Viertel zurückgingen. Oldenburg steht an der Spitze bei den Mädchensexten mit mehr als einem Drittelverlust, seine Knaben tarnen mit einem knappen Viertel davon, lieber dem Reichs­durchschnitt liegen außerdem bei den Knabensexten in Anhalt, Bremen, Oldenburg und Sachsen mit einem Rückgang von rund einem Viertel, während Bayern mit 29,6 v. H. über das Viertel besonders weit hinausreicht. Ungefähr dem Reichsdurch­schnitt entspricht der Rückgang in Preußen und Thüringen; dem Fünftel nahe bleiben noch Meck­lenburg-Schwerin, und Württemberg. Den ge­ringsten Rückgang an Sexten weisen auf Hessen mit 16,2, Baden mit 14, Braunschweig mit 13,5 und Lübeck sogar nur mit 6,8 v. H. Doch besteht in diesen Fällen die Wahrscheinlichkeit eines schär­feren Rückganges schon in den früheren Jahren.

Dieses Zahlenbild vermittelt den Eindruck einer wirklichen Einsturzkatastrophe in unse­rem höheren Schulwesen, wenn man es an dem Geburtenstand mißt, der ja eine Kurve nach unten erwarten ließ. Bei einem Vergleich er­gibt sich, daß außer den natürlichen viel stärker wiegende neuartige Ursachen mitgewirkt haben müs­sen. Und die liegen, daran besteht nicht der ge­ringste Zweifest in der allgemeinen wirtschaftlichen Not unseres Volkes. Sie macht es den einstmals aufstrebenden Schichten unmöglich, ihre Kinder auf die höheren Schulen zu bringen. Das wird auch durch die Erscheinung unterstrichen, daß in Orten mit Lateinschulen und Realanstalten diese letzten den weitaus kräftigeren Rückgang erfahren. Man­cher möchte es wohl aufatmend begrüßen, daß der übertriebene Andrang zum höheren Schulwesen endlich einmal nadüäfst, aber die tiefere Ursache dieser Erscheinung, die bittere Not, die so zahlrei­chen Eltern den Mut und die Möglichkeit genom­men hat, im althergebrachten Sinne das Beste für ihre Kinder zu tun. läßt feine Befriedigung über den geschilderten Vorgang aufkommen. Eine sei­ner sicheren Folgen ist ja die erneute ruckweise ver­schlechterte Anstellungsaussicht für Anwärter auf das höhere Lehramt. Darüber hinaus entsteht die Sorge, daß der Abfall des höheren Schulwesens sich in den nächsten Jahren infolge der Not zu einer neuen Gefahrenquelle ausweiten kann, weil der wissenschaftliche Nachwuchs, der die Ueberliefe- rungen namentlich auch der technischen Wissen­schaften, die für unsere Weltstellung ausschlag­gebend bleiben werden, aufnimmt und weiterleitet, ausbleiben könnte. L. F. Campe.

* Zwei Matrosen eines deutschen Handels- dampfers unter Spionageverdacht verhaftet. (Eig. Meld.) Nach Blättermeldungen aus Bukarest sind zwei Matrosen des deutschen Dampfers „Nürn­

berg" in Konstanza unter dem Verdacht der S p i o- nage zugunsten Sowjet-Rußlands verhaftet worden.

Kommunist erhiill 15 Wre Z'jchlhMS.

wegen schweren Landfriedensbruchs, vollendeten und versuchten Totschlags.

Nach mehrtägiger Verhandlung verurteilte das K i e- l e r Schwurgericht den der KPD. angehörenden Ar­beiter Weißig aus Neumünster, der am 11. Novem­ber v. I. bei einem politischen Zusammenstoß den Na­tionalsozialisten Martens aus Bordesholm durch einen Pistolenschuß getötet, sowie den praktischen Arzt Dr. Müller und den Bankbeamten Begemann aus Neumünster schwer verletzt hatte, wegen schweren Landfriedensbruchs, vollendeten Totschlags und versuch­ten Totschlags in zwei Fällen zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Die Untersuchungshaft wurde voll angerechnet.

Berliner Tänzerin vor Gericht.

Marianne Winkelskern wegen fahrlässiger Tötung zu 3 Monaten Gefängnis bezw. 5000 Mk. Buhe verurteilt.

Unter starkem Andrang von Presse und Publikum fand am Mittwoch vor dem Verkehrsgericht des Amts­gerichts Berlin-Mitte die Hauptverhandlung gegen die bekannte Tänzerin Marianne W i n k e l st e r n statt, die wegen fahrlässiger Körperverletzung mit tödlichem Aus­gang angeklagt ist.

Der Oberingenieur Oskar R u d l o f f wurde am Abend des 16. März von dem Wagen der Tänzerin angefahren und so schwer verletzt, daß er kurze Zeit danach starb.

Die Verkehrsabteilung des Schöffengerichts ver­urteilte die Tänzerin gemäß dem Anträge der Staats­anwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung zu drei Mona­ten Gefängnis. Gleichzeitig wurde der Angeklagten eine Bewährungsfrist von drei Jahren gegen eine Buße von 5000 Mark an die Staatskasse bewilligt.

Grotzfeuer in Basel.

Am Dienstagabend brach in den Lagerschuppen und Lagerhäusern auf dem Dreispitz am Rande der Stadt ein Brand aus, der äußerst rasch um sich griff. Die Feuerwehr wa rdern rasenden Element gegenüber nahezu machtlos. Mehrere Lagerhäuser und Lagerschuppen großer Unternehmen sind nie­dergebrannt. Der Schaden ist außerordentlich groß.

Das Großfeuer war bis Mittwochvormittag noch nicht völlig gelöscht.

Am schwersten vom Brand betroffen sind die Sperrholzfabrik Braun und Brüning, eine Schiffahrtsagentur und die Deutsche Holz- und Kohlenfirma Stromeyer. Heute früh gelang es, zwei große Kassenschränke der Firma Braun und Brüning zu bergen, in denen sich Bargeld und die Bücher der Firma befanden.

Sabritbraßti» in Ludwigsburg.

In der Wüvttembergiischen Zelkuloidwaren- fabnk, vorm. Müller & Kirschbaum knack, Dienstagnachmittag ein großes Schadenfeuer aus, das in kurzer Zeit zwei große Fabrikgebäude völlig in Asche legte, während es den Feuerweh­ren, die mit 20 Rohrleitungen den Brand be­kämpften, gelang, zwei benachbarte Wohnhäuser und eine große Schreinerei zu retten. Personen sind nicht zu Schaden gekommen. Der Sachscha­den wird auf mehrere h u n d er11 a u s en d Mark geschätzt, soll aber durch Versicherung ge­deckt fein. _________________

Ein lljähriger Junge in Widdershau- s e n badete allein in der Werra. Der Junge, der nicht schwimmen konnte, geriet in eine tiefe Stelle und ertrank.

katholische Welt.

weihe des ermländischen Priesterseminars.

Der Neubau für das ermländische Priesterseminar in Braunsberg wurde am Dienstag durch den aposto­lischen Nuntius Monsignore O r s e n i g o in feierlicher Weise eingeweiht. Zum Ausdruck der Ehrerbietung, des Dankes und der Liebe wurde ein begeistert aufgenom­menes Hoch auf den Reichspräsidenten und den Papst ausgebracht. Der Nuntius dankte namens des Reichs­präsidenten und des Papstes für die Begrüßung durch den Diözesanbischof und bezeichnete als die Seele des Priesterseminars die enge Verbundenheit mit Rom. Ge­sangsvorträge des Stüdentenchors schlossen die Feier. Abends nahm der Nuntius einen Fackelzug der katholi­schen Einwohner ab.

Landwirlschaftttches.

Die landwirtschafklichen Genossenschaften in Hessen-Nassau.

Nach dem neuesten Stand entfällt in Hessen-Nassau schon auf 1 443 Einwohner im Durchschnitt eine landwirtschaftliche Genossenschaft. Ins­gesamt handelt es sich um 1685 Genossenschaften, dar­unter 1214 Spar- und Darlehnskassenvereine, 189 Be- zugs- und Absatzgenossenschaften, 61 Molkereigenossen­schaften, 23 Viehverwertungsgenossenschaften und 83 Dreschgenossenschaften. Die Haftform ist bei 1304 Ge- nossenlchaften unbeschränkt, bei 389 beschränkt und bei zwei besteht unbeschränkte Nachschuhpflicht.

Tagungen.

— Internationale Friseurtagung in Köln. Dom 2. bis 7. Oktober findet in Köln eine internationale Tagung der Friseure, verbunden mit Wettbewerben und einer Fachausstellung statt. Das Protektorat hat Oberbürger, meister Dr. Adenauer übernommen. Viele Vertreter der wirtschaftlichen und beruflichen Vereinigungen des Jn- und Auslandes, sowie der Kölner Regierungspräsident Elfgen gehören dem Ehrenausschuß an.

AUelerfragen.

— Der gewerbliche Mittelstand und der Mieterschutz, lieber dieses Thema sprach, wie uns vom Mieterverein Fulda mitgeteilt wird, in der öffentlichen Tagung des deutschen Mietertages in Würzburg am 12. August der Tischlermeister Erasmus aus Königsberg i. Pr. Er führte u. a. aus: Durch das Fehlen ausreichenden Mie­terschutzes ist besonders auch der gewerbliche Mittel­stand schwer geschädigt worden. Leider hätten auch die Spitzenorganisationen der Industrie, des Einzelhandels und des Handwerks in Verkennung wirtschaftlicher Not­wendigkeiten vielfach die Aufhebung des Mieterschutzes für Wohnungen und Gewerberäume gefordert. Es fei Aufgabe der Gewerberaummieter, bei den Organisatio­nen des Handwerks, Handels und Gewerbes dahin zu wirken, daß zu den Fragen der Wohnungswirtschaft nicht nur die Haus- und Grundbesitzervereine, sondern in dem gleichen Maße auch die Mieterorganisationen und die betroffenen Gewerberaummieter gehört werden. Das Leerstehen vieler Laden- und Gewerberäume wäre nicht der Fall, wenn eine vernünftige Einigung über den Mietzins mit dem alten Inhaber erreichbar gewesen wäre. Laden und Betriebinhaber können wegen der Kundschaft und der hohen llmzugskosten ihren Stand­ort nicht nach Belieben verändern. Es sei nach den statistischen Erhebungen erwiesen, daß die erdrückende Mehrzahl der Handwerker ihr Gewerbe nicht im eige­nen Grundstücke ausüben. Einer Verringerung des Um­satzes von 60 Prozent und des Reingewinnes bis zu 80 Prozent stehe nur eine Mietermäßigung von ka. 8 Proz. gegenüber. Die Oeffentlichkeit möge erkennen, daß mit dem Wohlergehen des Handwerks das Wohlergehen von 12,5 Millionen deutscher Volksgenossen verbunden sei. Handwerk, Handel und Gewerbe bedürfen zur Erhaltung ihrer Existenz ausreichenden Schutzes gegen Kündigung und tragbare, gesenkte Mieten.

Verantwortlich für die Schriftleitung i. D. Dr. Karl 2lu ft ermann, für die Anzeigen Direktor der Fuldaer Actiendruckerei, I. P a r z e l l e r, beide m Fulda.

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Als Arbeiter im Sowjek-„paradies".

Beobachtungen und Erlebnisse betrogener und irregeführter Bergarbeiter.

Wir veröffentlichen nachstehend eine uns von ben Bergarbeitern Alois Böhm, Karl Hackmann und Friedrich Pflichta aus Baesweiler, Bezirk Aachen, zur Verfügung gestellte Schilderung über ihre Erlebnisse als Bergarbeiter auf einer russischen Zeche in Amerikanka. Die Darstellun­gen sind so drastisch, daß jeder Kommentar von unserer Seite überflüssig ist. Die drei Bergar­beiter erblicken ihre Hauptaufabe heute darin, ihre Arbeitskollegen vor den Versprechungen kom­munistischer Agitatoren zu warnen und davon abzuhalten, ebenso wie sie selbst, Deutschland zu verlassen. Die Schriftl.

Darum wir Deukschlaud verließen?

Auf jeder politischen Versammlung, in jeder kommu­nistischen Zeitung und Überall, wo man mit Kommuni- ften zusammentraf, wurde von den idealen Verhältnis» sen gesprochen, die den Arbeiter unter den Sowjets er­warten. Man sagte uns, in Rußland beständen für den Arbeiter gute Existenzmöglichkeilen und jeder könne da «in ruhiges und schönes Leben führen. Außerdem wurde uns ein Vertrag entgegengehalten, nach dem wir einen monatlichen Mindestlohn von 150 Rubel er­halten sollten, in Wirklichkeit aber bequem bis zu 350 Rubel verdienen könnten. Wenn man berücksichtigt, daß uns versichert wurde, der russische Rubel habe einen ungefähren Wert von 2l/2 Reichsmark, so kann man ieicht verstehen, wenn wir armen Bergarbeiter, in der Hoffnung, unseren Familien bessere Lebensbedingungen zu schaffen, ohne viel Kopfzerbrechen auf den Leim gingen und ohne weiteres den Vertrag unterzeichneten.

Drei Tage nach Unterzeichnung des Schriftstückes er­hielten mir von der russischen Handelsvertretung in Ser­bin die Aufforderung, uns fertig zu machen. Wir ver­kauften eilig unsere Einrichtungsgegenstände, und am 29. September 1931 standen wir mit 27 Familien und brei Junggesellen (insgesamt 72 Personen) mit gepack- ten Koffern, in denen nur bas Notdürftigste verstaut toar' in den Straßen der Arbeiterkolonie in Baesweiler zur Abreise fertig.

Die Reise

9mg über Hannover, Berlin, Warschau, Schepetofka, te®' Charkow, nach Amerikanka, wo wir für den

(Nachdruck verboten.)

Schacht 18 bestimmt waren. Unsere rosenroten Hoff­nungen erlitten schon in Berlin einen empfindlichen Stoß. Wir wurden in ein Hotel gegenüber dem Schle­sischen Bahnhof geführt, wo uns 72 Menschen 6 Zimmer mit je 4 Betten zur Verfügung gestellt wurden. Auf der russischen Handelsvertretung, wo wir empfangen wurden, wurde uns vorgeschlagen, Männer und Frauen sollten in den Betten schlafen und die übrigen auf dem Fußboden. Wir legten jedoch unsere Kinder in die Betten, die Frauen kampierten auf Stühlen, und wir Männer versuchten auf dem harten Boden etwas auszu­ruhen. Auf der russischen Handelsvertretung ermahnte man uns zu unserem größten Erstaunen, wir sollten in Rußland mit dem zufrieden fein, was uns geboten würde. Die Verhältnisse seien nicht gerade glänzend. Wenn aber einer wieder nach Deutschland zurückkehren würde, so solle er sich ja nicht mehr auf der Handels­vertretung blicken lassen, sonst flöge er in hohem Bo­gen heraus. Das war das erste ehrliche Wort, das auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ.

Eingeschüchtert fingen mehrere Frauen an zu wei­nen und auch uns Männern war ein gut Teil Hoff­nung in die Brüche gegangen. Aber zu ändern war nichts mehr. Wir hatten unsere Existenz bereits in Deutschland aufgegeben, und nach einigen Stunden keimte auch der Optimismus wieder auf.

Am anderen Tag fuhren wir weiter durch Polen und erreichten Schepetofka, die erste Station auf m fi- lchem Boden. Laut Vertrag sollten wir von der russi­schen Grenze ab verpflegt werden. Wir hatten daher auch nicht mehr Lebensrnittel mitgenommen als not­wendig war. Die meisten hatten überhaupt nichts mehr. Am Bahnhof erwartete uns ein Vertreter des Kohlen­trusts in Artiomowsk, der uns als Führer und Reise­begleiter beigegeben war.

Wenn ein Arbeiter glaubt, es bestehe zwischen b"n Wartesälen erster, zweiter und dritter Klasse in Ruß­land kein Unterschied, so hat er sich arg getäuscht. Ei­gentlich müßte es ja so sein. Denn man redete uns in Deutschland immer von der Gleichheit vor. von der Vernichtung der Unterschiede, von der Gleichberechti­gung. Wir mußten in Schepetofka durch die Wartesäle der zweiten und dritten Klasse hindurch gehen, um in den der ersten Klasse zu gelangen. In der dritten Klasse saßen Menschen, gegen die ein deutscher Land­streicher ein Gentleman ist. Die Kleider hingen ihnen

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in Fetzen vom Leibe, und die Stelle von Schuhen ver­traten schmutzige Segeltuchlappen, in die die Füße not­dürftig eingewickelt waren. Dazu lag ein Gestank über dem Raum, der uns Deutschen ein Ekelgefühl in den Hals trieb. Der erste Eindruck in Rußland war also ziemlich traurig. In der ersten Klasse dagegen saßen an weiß gedeckten Tischen gut genährte Leute in eleganten und kostbaren Pelzmänteln, Blumen und Palmen schmückten den hellen, luftigen Saal. Die Krone des Ganzen bil­dete ein prachtvoll ausgemachtes B'üffett mit allerhand Leckerbissen und Delikatessen. Aber wenn man die Preise hört, zieht man sich erschrocken zurück. Ein kleines Scheibchen gekochter Schinken kostet 1 Rubel 50. Ein gebratenes Huhn 12 Rubel. Eine gebratene Gans 30 Rubel. Ein Apfel 1 Rudel. Dabei muß man im­mer berücksichtigen, daß ein Rudel mit 2 Rm. bewertet wird.

Obwohl wir von der Grenze ab laut Vertrag ver­pflegt werden sollten, verlangte man zuerst, daß wir das Essen, das pro Mann 3 Rubel 50 kostete, selbst be­zahlen sollten. Erst nach längeren Verhandlungen er­hielten wir es umsonst.

In Schepetofka mußten wir auch übernachten. Es wurde uns aber beileibe kein Quartier in einem Hotel oder ein Raum im Stationsgebäude angewiesen, son­dern ein Eisenbahnwagen. Als mir wieder durch den Wartesaal dritter Klasse nach dem Essen zurückgingen, um zu dem uns angewiesenen Wagen zu gelangen, be­stürmten uns die armseligen Menschen, um zu betteln. Ein alter Mann näherte sich Frau Böhm, und als ihr Mann hinzutrat, um dem Alten etwas zu schenken, stürzte ein Milizsoldat herzu, zerrte den Greis brutal zur Seite und verschwand mit ihm in einen Gang. Im gleichen Augenblick erschienen noch andere Soldaten, die die übrigen Bettler vertrieben. Es hatte fast den Anschein, als wollte man verhindern, daß mir mit die­sen bedauernsmerten Leuten sprechen konnten.

Der Wagen, in dem mir die Nacht verbringen soll­ten, mar in einem Zustand, der nicht einmal mehr dreckig genannt werden konnte. Wir reinigten ihn er notdürftig. Mitten in der Nacht fingen unsere Kinder an zu schreien. Auch mir ermachten. Ein unaufhör- Ua,ts Jucken peinigte uns, und als die unruhige Nacht vorbei mar, stellten mir fest, daß der Wagen total vermanzt war. Unsere Kinder waren vollständig zer­bissen.

Wir legten Beschwerde ein, und der Wagen rour^e oberflächlich mit Petroleum gereinigt. Proviant be­kamen wir nicht. Wir erhielten wohl in Schepetoika vor der Weiterfahrt einige Rubel und. zwar die Ver­heirateten 30 und die Ledigen 15. Bei den Preisen

war das aber so gut wie nichts. Proviant wäre uns lieber gewesen. Zuerst ging es dann weiter bis fitem. Auf diesem Bahnhof herrschten die gleichen Zustände wie in Schepetofka. In der ersten Klasse: prominente Kommunisten und Parteifunktionäre, die in Saus und Braus lebten. In den anderen beiden Klassen Menschen in zersetzten Kleidern mit trübseligen Gesichtern, aus denen der nackte Hunger schaute. Wir haben in diesen Wartesälen nie einen einzigen Menschen lachen ge­sehen. In Kiew wurden wir von Rotgardisten be­stürmt, die uns nach Uhren fragten. Aus Gutmütigkeit verschenkten einige von uns ihre Uhren, und erst später erfuhren wir, daß man in Rußland für eine einfach» Uhr, die in Deutschland knapp drei Mark kostet, 150 Rm. erhalten kann. Aber diese Preise können nur russische Parteifunktionäre aufbringen, die Riesen- gehätter beziehen. Unser Transportführer z. B. erhält, wie er selbst sagte, ein Monatsgehalt von 700 Rubel, daz märe aber, wie er meinte, nicht viel.

Wir Bergarbeiter sollten laut Vertrag 150 Rubel bekommen, erhielten aber in Wirklichkeit nur 100 bis 130 Rubel. Und der russische Arbeiter gar erreicht einen Lohn höchstens von 75 bis 100 Rubel. Und wenn man in Rußland 100 Rubel hat, so kann man etwa soviel damit anfangen, rote in Deutschland mit 60 Rm.

Wir kamen dann nach Charkow, der Hauptstadt der Ukraine. Auch da wieder der Unterschied in den Warte- fälen. Der Gegensatz zwischen Reich und Arm kam hier besonders kraß zum Ausdruck. An der Türe des Wartefaals erster Klasse stand ein Portier, der jedem den Eintritt verwehrte, der nicht gut angezogen war. Auf der Rückfahrt z. B. wurden unsere Frauen und Kinder in den Wartesaal dritter Klasse geschickt. Das ist der Arbeiter st aat Rußland.

Dann ging es weiter nach Artjomowsk. Hier er­hielten wir zum ersten Mal Proviant. Nachdem wir bereits 2% Tage unterwegs waren. Die meisten von uns hatten ihre 15 bezw. 30 Rubel schon längst ausgege- ben, was bei den teuren Preisen ja kein Wunder ist, und wenn wir uns nicht gegenseitig ausgeholfen hätten, so hätten viele Hunger gelitten. Jeder bekam ein Ptund Wu 'st ein Pfund Speck und ein Pfund Butter. Brot gab es keines. Die Wurst war nicht zu genießen. Eis nige Frauen warfen sie auf der Fahrt zum Fenster hinaus, und der Speck war so schmutzig, daß ihn in Deutschland kein Bettler angenommen hätte. Alle Nahrungsmittel, auch die Sutter,, mußten wir mit ben empfangen. Papier zum Einpacken er­hielten mir nicht. Lv>c streckten die Hand hin und —- klatsch, hatten mir unser Pfund

(Fortsetzung folgt.)