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Beilage zur Fuldaer Zeitung
24. Lkugust.
Vr. 194
Glossen zur Zeitgeschichte.
Verfassungsfeiern im Land.
Im politischen Kampf hat ein hartes Ringen um die Zukunftsgestaltung unseres staatlichen Lebens eingesetzt. Am 11. August begingen wir den Tag, der uns unseren jetzigen Volksstaat gebracht hat. Die Verfassung von Weimar ist seine Grundlage. Mag sie lückenhaft und der Verbesserung bedürftig sein, sie ist die Grundlage der staatlichen Ordnung.
Im Zeichen der Verfassung stand der Wahlkampf. Vor diesem Hintergrund steigen die Gewitterwolken auf, die den politischen Himmel in diesen Tagen überziehen. Besinnung tut not. Der Verfassungstag hätte zur Besin- nung werden können, für alle, die es wollen.
Welches Bild bot nun dieser Tag? Ein Volk, das sich besinnt, kann nicht formlos fein. Und richtig, es wimmelte von Verfassungsfeiern. Aber was war deren Inhalt: VerfafsungsfeiermitTanz. Sagen wir es doch deutlich heraus: Für den Tanz wurde ein Deckmäntelchen gesucht, da mutzte eben der Derfassungstag dafür herhalten. Es wäre schon, wenn in unseren Vereinen soviel staaspolitische Verantwortung steckte, datz sie sich in gebührender Weise um den Aerfassungstag mühten. Aber der begangene Weg zeugt nur vom Oberfläq- lichen. Man kann nicht gut das Vaterland durch einen üblichen Tanz ehren. Auch eine oorausgehende Rede kann das nicht gutmachen. Die Sache läßt sich nur dadurch entschuldigen, daß kein Sinn mehr für die Gestaltung einer Feierstunde vorhanden ist.
Lied und Wort sind der rechte Ausdruck für eine Feierstunde. Auch ein Spiel ist dazu berufen. Es muß nur auf den Tag abgestimmt fein. Dann aber gehen nie Zuhörer nach Hause. Tanz als Abschluß ist eine Geschmacklosigkeit.
Wem der Dolksstaat mehr ist als eine gleichgültige Angelegenheit, dem ist es Ernst um eine Berfasiungs- feier. Sie sollte auch äußerlich — wenn auch dos Ver- sasfungswerk von Weimar umstritten ist — ihren rechten Namen tragen. Denn für vaterländische Feiern gibt es mehrfache Anläsie. ie nachdem inhaltlich Erfaßten. Der 11. August ober ist der Tag, der dem Werk von Weimar gewidmet ist. Und solange dieses Werk die Unterlage un- ieres Staates bilder, sollten nur uns nicht scheuen, auch schon mit d,n dicken Lette.'N der Einladung uns zur Verfassung zu bekennen.
Mit der Verfassung geht es um die Form unseres Staates. Möchten das auch die ländlichen Vereine in Zukunft einsehen.
Joseph M. Wilhelm.
Arbeitsdienst und patfeipolHlt
«egen parteipolitischen Mißbrauch des Arbeitsdienstes!
Der Jungdeutfche Orden hat sich ebenso wie die katholische Jugend von Anfang an mit ganzer Kraft für den Ausbau des freiwilligen Arbeitsdienstes eingesetzt. Zahlreiche wohlgelungene Arbeitsdienst-Un- iernehmungen sind auf seine Initiative zurückzuführen und haben zu der positiven Lösung des Problems beigetragen. Es verdient daher stärkste Beachtung, wenn «inh '.'9u,nlbeut,d,e" (vom 12. 8. 1932) nunmehr mit ®orten Dor einem parteipolitischen Miß- ch des Arbeitsdienstes warnen zu müssen glaubt: ber richtigsten Aufgaben des Freiwilligen ^^^^enjtes ist die: Schule und Wegbereiter für
Arbeit und Brot!
Taufend Hände Arbeit verlangen, Tausend Hände sich kecken und spannen Wie stählerne Bohrer, Hämmer und Zangen, Wollt ihr sie länger vom Amboß verbannen? Hier uns're Hände so schaffensfroh, Stahlharte Kraft in den Sehnen.
Laßt uns nicht werden wie mürbes Stroh, Wie Greife auf Krücken und Lehnen!
Hier unf’re Hände!
Bittende Hände!
Willige Hände!
Werkfrohe Hände!
Niemand hat uns gedungen, Niemand will uns, die Jungen Bittend stammeln die Zungen, Die fönst fröhlich zur Arbeit gesungen!
Das rft die Not der Jungen!
Das ist Jungvolk in Not!
Aus dem Sprechchor von Max Henrichs.
Leute....
frnf"”eu*e . sirch Menschen, die mir auf großer ■ Fahrt fen, und die uns entweder gefielen ober über die mir uns lustig machten (Pfui!).
Da war zunächst der Chauffeur des bewußten Lastautos, der mit feinem vollkommen leeren Wagen hohn- achelnd oorbeifuhr, als mir im Schweiße unseres An- gesichts auf der staubigen Landstraße klotzten und ihn baten, uns mitzunehmen. Das war einer von den i-cuten, die uns abfolut nicht gefallen wollten. Aber Oaüe sein nunmehr verfluchter Kasten nicht solchen Krach gemacht, dann hätte er hören müssen, was so hinter ihm her geflucht wurde. Es ist ein wahres Glück, daß er cs nicht hörte.
®a mar doch der Bauer, bei dem. wir am selben Abend noch Bleibe machten, ein ganz anderer Kerl, Und ebenso seine Frau und Kinder, mit denen wir uns Diel erzählten. Es war so gemütlich, wenn wir auf bem Leiterwagen saßen und Abendbrot aßen und die ■öauernfatnilie staunend (und die Frau noch dazu kopf- Ichüttelnb) zusah, und der Alte mit der Pfeife im Mund von Ertüchtigung der Jugend sprach und auch bald bei letner Soldatenzeit angelangt war.
„5a, in Berlin, da war ich auch schon. Damals bei den Pionieren. Oh, Berlin ist schön . . .!"
Dann mußten wir erzählen, wie es heute da aus- steht, und wie groß Berlin geworden ist.
Und als abends die Ziegen und Schafe von der Werde kamen, habe ich das Melken gelernt! „Oben an- miien, drücken und dann herunterziehen", sagte der xiunge und lachte sich kaputt, wenn es nicht gehen wollte.
-'ch habe es aber doch noch gelernt.
Auch der Schmied, bei dem wir Quartier machten, ar em feier Kerl. Mit einem „Abteilung halt!" hiel- (FmhtolljDor Je*nem Haufe an, und das hat wohl solchen n.pVy au’ '^n gemacht, daß er uns gleich ausnahm, wenn ^?UP r,nb die Leute immer gleich froh gestimmt. Der e* .an 'dre Soldatenzeit erinnert werden. — to<t).mieb prüft gleich mit fachmännischem Blick die
die neue Gemeinschaft des Volkes zu fein. „D o l k" aber wird niemals bargeftellt durch eine Gruppe, einen Bund oder gar eine Partei. Das Entscheidende für die deutsche Zukunftsgestaltung ist nicht, all die verschiedenen Bestrebungen, Ansichten und Richtungen im deutschen Volke zugunsten einer einzigen aus- zurotten und zu vernichten. Das würde einen ungeheuren Kraftverlust für das Dolksganze bedeuten. Entscheidend ist: alle Richtungen und Gruppen imdeutschen Volke zu der Erkenntnis zu bringen, daß sie über alle Meinungsverschiedenheiten hinaus untrennbar durch ein gemeinsames Großes verbunden sind: die Schicksalsgemeinschast des ganzen Volkes.
Der Arbeitsdienst kann das Erlebnis der deutschen Schicksalsgemeinschaft zwingender vermitteln als irgendwelche bürokratischen Maßnahmen, parteipolitischen Reden oder noch so gut gemeinten Ausrufe zur Einigkeit. Denn hier steht im Vordergründe die Tat, das Schaffen, die Arbeit. Ueberall in den über 150 vom Jungdeutschen Orden eingesetzten Freikorps der Arbeit hat sich gezeigt, daß demgegenüber alle parteipolitischen Gegensätze verblassen. In allen diesen Kolonnen haben sich Angehörige aller pottttschen Richtungen von den Nationalsozialisten bis zu den Kommunisten gefunden. Ueberall sind sie zu Gemeinschaften zusammengewachsen. Der „Marxist" hat den Spaten ebenso fest gepackt wie der S.A.-Mann, und der Stahlhelmer hat das Befreiende des neuen Gemeinschastser- lebntffes nach den Monaten und Jahren der hoffnungslosen Arbeitslosigkeit genau so empfunden wie der Reichsbannermann. — Diese große Aufgabe des Arbeitsdienstes an der Bildung der Volksgemeinschaft scheint jetzt gefährdet ... Es wird eine der vordringlichsten Ausgaben des Reichskommisfars für Arbeitsdienst fein, darüber zu wachen, daß der Arbeitsdienst wirklich ein Volksdienst bleibt und daß jeder Mißbrauch von Kräften der deutschen Jugend und des deutschen Volkes zu parteipolitischen Zwecken verhindert wird!"
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Die katholische Jugend wird wohl mit der hier geäußerten Ansicht voll und ganz übereinftimmen. Auch wir wehren uns dagegen, daß eine Partei alle geistigen Bestrebungen innerhalb des deutschen Volkes zu ihren Gunsten ausrotten möchte.
Das deutsche Volks-Schicksal.
Theodor Seidenfaden läßt der Schicksals- darstellung einzelner Helden, die er in alten Epen und Spielmannsweisen verherrlicht fand, feinem „Helden- b u ch", die Schicksalsgestaltung des ganzen deutschen Volkes folgen. Eine kühne Aufgabe, ein großer Vorwurf, der ein zweibändiges Werk „Das deutsche Sch icksalsbuch", umspannt, dessen erster Teil „Das Reich" (424 Seiten, bei Herder u. Co., Freiburg) soeben erscheint.
Seidenfaden schöpft auch diesmal wieder aus dem unversiegbaren Quellgut der Dolkssagen, denen schon die Brüder Grimm das verdienstvolle Streben nachrühmten, „uns die Vorzeit als einen frischen, belebenden Geist nahezubringen". Die Sage rückt die historischen Gestalten und Geschehnisse aus ihrer nüchternen Alltäglichkeit heraus und setzt sie durch eigensinnige Deutungen in tiefere Beziehung zum Volksganzen. Damit wird das Kleinste schicksalhaft für das Größte. Aus dem Neben- und Nacheinander einzelner Sagen wachsen Sagenkreise und umschließen einander zu immer größer::: Bin"-’ "nd Zeitzyklen. So fand Seidenfaden ein gewaltiges Stoffgebiet vor, ähnlich einer krausen Wildnis. Das Wesentliche mußte entwirrt, die große Linie im verdichteten Gefüge einer Neugestaltung aufgezeigt werden. Das ist Seidenfaden, dank feiner an den nordischen Sagas offensichtlich geschulten Sprache, in hervorragender Weise gelungen. Man hört aus diesen herben Satzrhythmen den großen Wogenwurs der rauschenden Meere, die die nordischen „Männer der Fahrt" einst zwangen. Man spürt hinter den knappen Wortbildungen den erzenen Ausdruck der Alten. So wächst aus den fünf Abschnitten dieser Neudichtung, den „Büchern der Wanderung, der Franken, der Sachsen, der Salier, der Staufen" gleich der versunkenen Stadt Vineta der Mythos unserer Vergangenheit empor, das Schicksal der deutschen Volksseele bis zur großen Wende des germanischen Geistes vom Univerfalismus zum Individualismus, dessen Entwicklung bis an die Schwelle der Gegenwart reicht und im zweiten Band, „Das Volk"
seine Darstellung finden soll. Seidenfadens Sttl rft wie geschaffen zum „Vortrag bei Fahrten, im Zelt, im Lager, an Feierabenden und in Klassengemeinschaften". Darum sucht er feine Leser in erster Linie im Jungvolk, das trotz aller Nöte und Wirren der Zeit den Glauben ans Volk nicht verlieren darf. Es muß, wie Seidenfaden fein „Nachwort" schließt, „vor Trümmern nicht zagen, sondern immer wieder bereit fein, zu bauen,
Stunde um Stunde, Tag um Tag — da wo es steht, entflammt von der geheimnistiefen Idee des Menschen, der Volksgemeinschaft und Menschheit: der Zukunft zu!"
Aber auch im engen Kreis der Familie sollen sich Väter und Mütter die starke, ideale Kraft, die von dem Buche ausströmt, nicht entgehen lassen, sondern durch ’autes Vorlesen sie in die jungen Herzen überleiten, damit sie dort fruchtbar werden.
Arbeitslose auf dem Laude.
Eiue zettgemätze Betrachtuug.
Unsere Rhön mit ihrem meist mittelmäßigen und wenig fruchtbaren Boden war feit jeher nicht imstande, die Bevölkerung zu ernähren. Die Menschen mußten schon immer neben der Landwirtschaft andere Erwerbszweige suchen. Flachsbau und Leinenindustrie, Holzschnitzerei und Heimarbeit waren solche Notbehelfe. Ende des 18. und im neunzehnten Jahrhundert setzte dann sehr stark die Auswanderung nach Amerika ein, ebenfalls veranlaßt durch die Erwerbsnot der Heimat, die auf ihrem kargen Boden die zahlreichen Menschen nicht ernähren konnte. Weitere Überschüssige Arbeitskräfte wanderten alljährlich in landwirtschaftlich reichere Gegenden, an den Main und in die Wetterau, um dort vor allem beim Dreschen zu helfen. Das dauerte etwa etwa bis zur Einführung der Dreschmaschine. Gleichzeitig etwa gingen kleinere Arbeitsgruppen in den Rhöndörfern in Ziegeleien der Frankfurter Gegend und arbeiteten dort sommersüber als Backsteinmacher. Als bann in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Ausbau der Kohlengebiete in der Ruhrgegend begann, fetzte der Zustrom der Arbeitskräfte dorthin aus ganz Deutschland ein. Von da ab hatten die in der Rhön überflüssigen As beitströfte ihr festes Wanderziel. Sie gingen zu Beginn des Frühjahres als Bauhandwerker nach Westfalen und kamen im Herbste wieder in die Heimat. Bei verhältnismäßig gutem Lohn brachten sie jedes Jahr eine ansehnliche Summe erspartes Geld nn«. Die Frauen besorgten in Abwesenheit der Männer während- beffen bie kleine Landwirtschaft daheim, waren daneben mit den Kindern bei den größeren Bauern noch im Tagelohn; der Arbeitslohn des Mannes reichte für die notwendigen Ausgaben und konnte zum Teil gespart werben. Vom Herbst bis Fastnacht waren bie Männer zu Hause. Not brauchten sie nicht zu leiden, dafür hatten sie genügend verdient, und Kartoffeln, Korn und em Schwein zum Schlachten waren im Hause. So waren bie Rhönbewohner versorgt, bie sich auf eigener Scholle nicht ernähren konnten, und ihr Leben hatte durch den regelmäßigen Zug ins Ruhrgebiet und die sichere Arbeitsmöglichkett dort eine feste Form angenommen.
So gab es nun in der Bevölkerung fast jeden Rhön- borfes zwei Gruppen: Bauern, bie nur von der Scholle lebten, und Arbeiter. Damit enfftanb in oilen Fallen auch ein Zwiespalt in b er Dorf« gemeinschast. Freilich war ber äußerlich kaum zu merken, aber er bestand und teilte mit ber Zett bas Dorf in zwei unsichtbare Lager. Dazu kam, daß die W e ft« falengänger — besonders die jüngeren Leute — städtische Kleidung und Angewohnten mitbrachten und sich oft darin gefielen, den Bauernjungen gegenüber den feinen Mann zu spielen. Das mußte notwendig auf der anderen Seite Erbitterung Hervorrufen, zumal, wenn bei unpassenden Gelegenheiten ber reichliche Verdienst prahlerisch zur Schau getragen wurde. In jeder ber beiben Gruppen entstand bie Meinung, bie Anbern wollen mehr sein als sie, und die Bauern waren ber Ansicht, daß sie selbstverständlich als die ersten Leute im Dorf zu gelten hätten. Es kam dazu, daß man von berufenen Stellen aus den Zwiespalt nicht bemerkte oder nicht beachtete, jedenfalls nichts tat, ihn auszugleichen. So kam es, daß durch die neue Verdienstmöglichkeit der Wohlstand in den Rhöndörfern sich zwar hob, aber die Dorfgemeinschaft, wenn nicht zerstört, so doch überall mehr ober minder gefährdet war. Arbeiter und Bauern hatten ihre eigenen Vereine und Festlichkeiten, ihre bevorzugte Wirtschaft, und in Gemeindeangelegenheiten kam es gelegentlich zu scharfen Zusammenstößen.
Dann tarn die Zeit, da das Ruhrgebiet immer weniger Arbeitskräfte brauchte, daß es auch in den Dörfern Arbeitslose gab. Arbeitslosigkeit konnte der Bauer nicht verstehen, weil er nie darunter zu leiden hat; zum Ver- ftänbnis der Sachlage fehlte ihm der nötige Weitblick, u. so betrachtete er die Arbeitslosigkeit als Arbeitsscheu, bie bazu noch durch bie Unterstützung gut bezahlt wurde.
Es sind damals hinsichtlich ber Arbeitslosenunterstützung auf den Dörfern unbestreitbar schwere Fehler gemacht worden. Die Arbeiter der Rhöndörfer waren jahrzehntelang winters daheim gewesen ohne Verdienst, dafür hatten sie im Sommer so gut verdient, daß sie auch die paar Wintermonate leben konnten. Niemand sah hier einen Nachteil oder eine Not. Nun wurde auf einmal für die arbeitslosen Wintermonate Unterstützung bezahlt — das konnte der Bauer mit Recht nicht verstehen. Es gab Fälle, wo der Vater mit einem ober mehreren Söhnen 50 unb mehr Mark bie Woche bekamen, bie sie vollkommen übrig hatten und auf bie Kaffe stellen konnten, weil sie ja zu leben hatten und Miete meist nicht zu bezahlen brauchten, da sie im eigenen Haufe wohnten. Die Arbeiter hingegen sagten sich unb den Bauern: „Warum sollen wir nicht nehmen, was wir so leicht kriegen können, und bann bezahlen wir doch auch unsere Versicherung. Im Uebrigen sind das unsere Sachen und gehen euch nichts an, ihr braucht es ja nicht zu bezahlen." Damals, zur Zeit ber hohen Unterstützungen, hatte es mancher Arbeitslose wirklich
1 Bunbesbrühet
W, vom wfublhorstbulldl
«MW Organisiert in Eurem Heim als ort
I die christliche volkssronl
gegen Diktatur und Strahenterror.
nicht so eilig mit der Arbeit; und daß ein Bauer erbittert werden konnte, wenn er so einen jungen Bengel an irgend einer Straßenecke stehen und Zigaretten rauchen sah, während er sich vor Arbeit nicht zu helfen wußte und. notwendig Unterstützung brauchen konnte, das kann man verstehen. Als Tatsache bleibt jedenfalls, daß die für den Bauer unverständlich hohen Unterstützungssätze die Kluft zwischen ihm und den Arbettem von damals — den Arbeitslosen von heute — erweitert unb vertieft haben.
Dann auf einmal brauchte bas Ruhrgebiet kein« Arbeiter mehr. Sechzig Jahre hatten bie Männer aus ber Rhön bort gemauert, gezimmert und gefchrei- nert, es hatte ausgefehen, als ob die Arbeit dort reichte bis zum Ende der Welt, niemand hatte gedacht, daß der gewohnte Zug nach Westfalen einmal aufhören könnte. Wohl fanden hie und da noch Einzelne Arbeit, gingen und tarnen wieder. Und bann saßen sie daheim und warteten auf ihre Einberufung zur Arbeit, die doch bisher nie auf sich hatte warten lassen; man horchte auf Nachricht von anderen Dörfern — auch dort waren sie daheim. Und schließlich wußten es alle: von all den Tausenden, die bisher im Ruhrgebiet arbeiteten, soß jeder zu Hause und wartete auf die Nachricht, bie ihn zur Arbeit rief. Heute wartet niemand mehr aus den Ruf zur Arbeit, denn Jeder weiß, daß bie Arbeit-- möglichkett bort unten ein- für allemal vorbei ist, daß das Ruhrgebiet wohl niemals mehr Arbeiter von au- außerhalb beschäftigen wird. (Forts, folgt.)
Briefkasten der Schristleikung.
Armer Zunge. Es gibt ein Sprichwort, das fagtf „Wer im Glashaufe sitzt, soll nicht mit Steinen wer- fen!" Merke Dir das gefälligst! Im übrigen bist Du zu wenig wert, als daß Du uns beleidigen konntest. Wenn Du ungezogen wirst, sollst Du aber trotzdem bei Gelegenheit die verdiente Zurechtweisung haben. Viel- leicht können wir damit noch die von anderen versäumte Erziehungsarbeit leisten.
Affen, und falfchsitzende Zeltbahnen werden sofort bemerkt. Als wir essen wollten, bot er uns seine beste Stube an, aber die wollten wir nicht schmutzig machen und aßen in der Küche. Es war alles blitzsauber, und feine Frau und seine Kinder waren schon beinahe städtisch.
2lls wir uns am anderen Morgen verabschiedeten, blickte er uns mit feinen durch das Handwerk scharf gewordenen Augen an und wünschte uns gute Reise. Schreiben sollten wir auch einmal!
In einer Jugendherberge trafen wir Lehrer und Lehrerinnen mit Schulklassen; die waren schlimm. Die Lehrer gingen spazieren, und die Schüler kamen abends betrunken zurück. Sie flogen obre auch bald hinaus, und zwar noch am selben Abend, denn ber Herbergsvater war ein tüchtiger Mann, ber fein Heim in Schwung hatte. Jeden Abend hielt er eine Rede, unb bie saß. Allerdings hielt er jeden Abend dieselbe, und daher mag es kommen, baß er für uns einer von ben Leuten wurde, über bie wir uns mit Achtung lustig machten.
Auch jener Koch, ben wir einmal trafen, war ein Mann, ber uns komisch vorkam. Schon verheiratet gewesen, aber Frau gestorben, stets lustig unb singend, nur manchmal, wenn er von seiner Frau sprach, ulkig melancholisch. Doch nur für Augenblicke. Groß und ungeschlachtet, machte er alle paar Monate, wenn er es nicht mehr aushalten konnte, eine große Fahrt, mindestens' bis Jerusalem. Begleiten tat er uns, um uns beim Abschied für das Essen „eine kleine Spende" ab« zuknöpfen. Er war einer von den Leuten, über die wir uns luftig machten.
Wenn wir bei Bauern waren und abends noch mit ihnen zusammenfaßen, kam wohl oft ein junger Knecht und hörte zu. Er war bann gerade mit Viehfüttern fertig unb stand, auf bie Forke gelehnt, still mit großen Augen neben uns. Und bann erzählt« er vielleicht, daß er morgens schon um 4 Uhr aufftehen müsse und abends erst spät zu Bett ginge, besonders in der Erntezeit. Da hätten wir es doch besser. Er lachte bann
wohl dabei, als wollte er uns nicht wehe tun. Und doch schämten wir uns, wenn wir am anderen Tage erst aufftanben, wenn die Leute schon wieder vom Felde zum Frühstück tarnen. Vor diesen Leuten hatten wir stets eine große Achtung.
Einmal, als ich auf der Landstraße allein war, traf ich ein altes verhärmtes Männchen, bas mich, als ich mit einem „Grüß Gott" vorübergehen wollte, anhielt und sogleich mit einem ungeheuren Wortschwall, von bem ich fast nichts verstand, auf mich einredete. Ich merkte aber, daß es etwas Trauriges war, unb baß ber alte Mann entrüstet war. Und schließlich verstand ich soviel: „. . . . Da fft nun meine Schwester vorgestern gestorben, da in bem Dors acht Stunben die Mosel herunter, und heute morgen ist bie Beerdigung, aber mei.. ber hat ben Brief unterschlagen .... bahinten im Dorf, ber wollte mich nicht gehen lassen, unb nun ist es zu spät. Da hat ber nun ein Auto, aber bas hat er nicht geben, und nun stehe ich hier auf der Landstraße ... ist das nicht ein Hund?" — „Ja", sagte ich, „das fft ein ausgemachter Schuft!" — „Ja das ist er nicht wahr? Na, denn „Gruß Gott" unb gute Reise!" . . . „Danke schön." Kopfschüttelnd wankte er weiter.
Alle diese Menschen waren uns wichtig auf Fahrt. Sie gehörten in die Landschaft, in den Ablauf unseres täglichen Erlebens und find nicht daraus wegzudenken. Die Bösen und die Guten, die Komischen unb die Ern- ften. Sie malen mit an jenem Bild, bas die Fahrt in uns hinterläßt, und wir möchten sie nicht missen.
Lütte.
Der HÜHnerbraken.
In ber Sonnwenbnacht waren wir glückliche Besitzer eines Riefenhuhnes geworden. Das weitere Auf- decken der Zusammenhänge bleibe dem Verein für Geflügelbau und Gartenzucht überlassen. Nun sollte unser Huhn jedenfalls nach Landsknechtsart am Spieß gebraten werden. Erst wurde es in der Theorie gut durch
gekaut (was ungefähr zwei Stunden dauerte!) Die Federn wurden fachmännisch ausgerupft, unb dann begann einer der Horde mit feinem Dolch die Eingeweide herauszukratzen. Nun sollte das Hühnchen doch noch auf einen grünen Zweig kommen.
Eine frische Haselrute wurde geschält, und bas Huhn wanderte hinaus, um ben Weg ins Fegefeuer anzutreten. Der Spieß wurde in zwei Astgabeln gelegt und m bedächtigem Rhythmus vom Lagerkoch gedreht. Doch roch die Sache brenzlig, das eine Bein war angekohlt. Aha, das Fette hatten wir vergessen!
In Ermangelung von Margarine massierte der tüchtige Svortmann bas Huhn baraufhin mit Jabe-Salbol ein. Na, nun konnte das Ding weitergedreht werden. Doch wie üblich, die Alten wollen die Jugend immer belehren.
Kam da ein junger Jäger von ber Försterei, von wegen Vorsicht bei Feuer im Walb usw. Als er aber bas Huhn in den Flammen schmoren sah und untere eingefallenen Magengruben dazu, da bekam er Mitleid. Wir sollten das offene Feuer ausmachen, fügte er uns, das Huhn nur über bie Glut halten und langsam drehen. Natürlich hatten wir auch vergessen, bas Huhn vorher zu salzen; dann zieht nämlich das Sali., beim Braten besser ein. Das Fett wollte immer ins rfMer tropfen, zwei Posten hielten eine Zeltbahn ausgebreitet, um ben Wind abzuhalten, unb wir alle verfolgten mit lüsternen Blicken, wie die Kruste immer knusperiger unb das Fleisch immer weißer wurde.
Dann wurden die Eßbestecke gezückt, und ber gelungene Braten wurde ehrlich verteilt. Dazu gab es Pellkartoffel und Rührei. Die Jungs wollten dem Führer vorkohlen, daß das Huhn bie Eier noch beim Braten gelegt habe, und baß ber Name Rührei vom Drehen am Spieß herrühre. Aber ber Bonze wies nach, daß es bann Drehei heißen müsse, unb somit war mal roieber alles in Ordnung. Brandenburg.