NUS
21. August
Beilage zur Fuldaer Zeitung
Ilr. 192
Die Reife.
Golden liegen alle Felder in dem sonngeschmuckten Land; ans der Stille alter Wälder hebt sich Gottes Segenshanü.
Breitet sich und strömt den Regen, schleudert Sonne, sendet Tau, und ich gehe Ihm entgegen, wenn ich nach der Reife schau.
*
Vater, neig Dich meinem Flchen, Christe, wühl' mein Korn Dir aus, daß wir all Dich vor uns sehen in des Brotes weißem Haus.
Michel Becker.
Das Deutschlandlied.
Zur 90. Wiederkehr des Tages, an dem es eukfkand.
Es gibt kein Lied, das den Deutschen unentbehrlicher geworden ist, als das nach Ausgang des Weltkrieges zur Nationalhymne der Deutschen Republik erklärte „Deutschland, Deutschland über alles". Mit diesem Lied auf den Lippen zog 1914 Deutschlands Jugend in den Krieg und in den Tod. Wie ein Schwur erklang es „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt", als nach dem traurigen Ende des Krieges die Feinde Deutschlands die Hände nach deutschen Gebieten ausstreckten. Bei tausenden von Anlässen erklang es aus Millionen von Kehlen, Schwur und Begeisterung zugleich. Und heute, da Deutschland mehr denn je von Parteigezänk zerrissen ist, hat die Mahnung „wenn es stets zu Schutz und Trutze, brüderlich zusammenhält" besonders ernsten und tiefen Sinn.
Als vor 90 Jahren am 26. August 1842, Hoffmann von Fallersleben in der Einsamkeit auf der Insel Helgoland nach der Melodie der österreichischen Nationalhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser" den Text des Deutschlandliedes dichtete, da war es für den Dichter auch ein tief und ernst empfundener Ruf jur Einigkeit und nach Freiheit. Die Befreiungskriege waren vorüber, aber die deutschen Fürsten dachten nur wenig daran, den Besteiungskämpfern als versprochenen Lohn für die Besiegung Napoleons eine freiere Verfassung zu geben. Willkür und Prestigegelüste machten sich wie vorher bald wieder breit. Da erwachte die politische Kampsdichtung, die schon vor 1840 sich gegen die rückschrittlichen Regierungen wandte und trotz aller Gewaltmaßnahmen Freiheit forderte. Frankreich wußte die deutsche Uneinigkeit zu nutzen, und wieder vernahm man feine Forderung nach dem Rhein. Da schlug es aus der politischen Kampfdichtung wie eine einzige vaterländische Begeisterung. In Nikolaus Beckers „Rheinlied", in Max Schneckenburgers „Wacht am Rhein" und schließlich in Hoffmanns „Deutschland, Deutschland über alles" klang der Ton der Befreiungslyrik wieder auf. Das deutsche Volksgefühl war wieder erwacht. Aus der Not geboren, rief das Lied zur Einigkeit auf. Hoffmann von Fallerslebens Dichtung war schnell bekannt, geriet nie in Vergessenheit und war längst volkstümlich, bevor sie zur deutschen Nationalhymne erklärt wurde. Ja, es war in Wahrheit schon vorher die deutsche Nationalhymne, denn von der offiziellen preußffch-deutschen Vor- kriegs-Nationalhymne „Heil dir im Siegerkranz" waren weder Text noch Melodie ursprüngliche deutsche Eingebungen. Der Text war eine schlechte Nachdichtung des „Liedes für den dänischen Untertan", das nach der Melodie der 1743 komponierten englischen Volkshymne „God fave the king" gesungen wurde.
Heber die Melodie des Deutschlandliedes ist viel gestritten worden. Die Geschichte dieser Melodie ist die Geschichte der österreichischen Nationalhymne. Die Schaf- sung einer österreichischen Nationalhymne wurde angeregt von dem Komponisten selbst, von Joseph Haydn, der in England die tiefe Wirkung der englischen Nationalhymne beobachtet hatte und nach seiner Rückkehr nach Wien seinen Plan, eine österreichische Nationalhymne 3u schaffen, der Regierung unterbreitete, die den Plan sofort ausgriff und Haydn mit der Komposition und den Jesuitenpater Haschka mit dem Gedicht beauftragte,
der dann auch bald den bekannten Text „Gott erhalte Franz den Kaiser" verfaßte. Joseph Haydn vertiefte sich in den Geist besonders des deutschen Volksliedes und schuf im Januar 1796 diesen deutschen weltlichen Dolks- choral, eine Melodie, die in Wahrheit zum Pulsschlag eines ganzen Volkes wurde. Die dreiteilige Melodie mit ihrer beschaulichen Melodik und ihrem feierlichen Rhychmus ist ein beispielhaftes Meisterstück einer echt deutschen Melodie. Einer der besten Haydn-Kenner, Ludwig Nohl, schreibt in feiner Haydn-Biographie über das Sieb: „Hätte Haydn nichts geschrieben als dieses Lied, alle Jahrhunderte deutschen Volkslebens würden seinen Namen kennen und nennen." Man weiß, daß Haydn selbst die Melodie sehr geliebt hat. Dafür spricht auch deutlich, daß der fast 70jährige in seinem Streichquartett in C-Dur, dem Kaiserquartett, die Liedkomposition in meisterlicher Weise variiert hat. Und von seinen letzten Tagen wird erzählt, daß er, als 1809 die Franzosen in Wien einzogen, von dem Unglück des Vaterlandes tief betroffen, immer wieder Trost m seiner Vaterlandsrnelodi« suchte.
Es ist vielfach behauptet worden, daß Haydn die Melodie feines Liedes slawisch-kroatischen Volksliedern
entnommen habe. Man weiß, daß Haydn lange Zeit bei seinem großen Gönner, dem Grafen Esterhazy in Eisenstadt, gelebt und hier sehr wohl die Bekanntschaft alter kroatischer Melodien gemacht hat. Es gibt Melodien, die musikalisches Urgut der Völker sind, die etwas ursprünglich, allgemein und immanent Volksliedhaftes haben. Wo wären die nicht zu finden? Aber es wäre völlig irrig, aus dieser Tatsache ein Plagiat ableiten oder kroatische Volkslieder als Quelle des Deutschlandliedes annehmen zu wollen. Die Liedkompofition Haydns ist in Anlage und Durchführung echt deutsch. Haydn hat aber mit dieser Komposition ein so geniales Meisterwerk des Volksliedes geschaffen, daß wirklich die Urelemente des Volksliedes geschaffen, daß wirklich die Urele- mente des Volksliedes darin enthalten sind, eine Tatsache, die nicht zuletzt die gewaltige Volkstümlichkeit des Liedes bedingt. Umfaßt doch Haydns Melodie mit dem Text Hoffmanns von Fallersleben das gesamte Deutschtum nicht nur in der deutschen und österreichischen Republik, sondern auch außerhalb der deutschen Grenzen. Und welchem Deutschen wird nicht das Herz höher schlagen, wenn in der Fremde das Lied der Deutschen erklingt? Adolph Meurer.
sich, ulkig zu sprechen, aber es gelang ihm nicht, ©eine Knie begannen ihm plötzlich so zu zittern, daß er am Tisch Halt suchen mußte. Seine Stimme schlug um und bekam einen so zerrissenen wehen Klang, als sei das, was ihn heimlich foltere, Heimweh nach der Geliebten.'
Etwas verlegen, etwas respektvoll und etwas verächtlich schwiegen wir. Er entschuldigte sich hastig mit seinen schlechten Nerven und verabschiedete sich überstürzt. Stumm begleitete ich ihn hinunter nach der Haustür. Während er durch den Flur vor mir her ging, kam mir der Gedanke: sieh, er gleicht in seiner breiten Haltung und seinem Gang unferm L. Aber wie verschieden ist er von ihm, wenn man ihn vor vorne sieht. Weiter dachte ich dies mcht. Zu sehr war ich jetzt überzeugt, daß sein erregtes Verhalten auf ein etwas krankhaftes Liebesheimweh zurückzuführen wäre. Ich schloß die Tür auf, drückte ihm herzlich die Hand. Sie war eiskalt und feucht. Er ging torkelnd, wie mir noch schien, durch di« kleine Rosenlaube, die vor der Tür violette Schatten verdichtete. Kaum hatte ich die Tür wieder geschlossen, da glaubte ich einen ächzenden Aufschrei zu hören. Ich meine immer noch, die Tür wäre daraus wie durch ein Wunder von selber aufgeflogen, so sehr wurden alle meine Sinne von diesem ächzenden Laut angezogen. Draußen, gerade vor der offenen Zauntür des Vorgärtchens, lag wie tot unser neuer Kollege, das Gesicht über einer zerquetschten Rose des Laubenganges, die vielleicht vom Mörder herrühren mochte. N. hatte durch die Brusttasche und durch seinen Liebesbrief einen Messerstich ins Herz erhalten. Meine Hilfeschreie nützten nichts, als daß Freund L. und andere Kollegen mit meiner und ihren Frauen aus den Wohnungen gestürzt kamen und ein Entsetzen verbreiteten, als wäre jetzt erst der Tod so gewaltsam unter uns getreten. Alle wurden aber seltsam still, als es ihnen plötzlich wie durch eine Mitteilung klar wurde, daß der Ueberfallene einer Verwechslung mit unserem stets bedrohten, nie getroffenen Freunde L. erlegen war, hingemäht in der Blüte seiner Hoffnungen. Ich aber dachte: nicht Feigheit, nicht Liebesheimweh, sondern die Unruhe nach dem Grabe erfüllte ihn schon den ganzen duftschweren Abend lang. Wir haben den Tod zu Gast gehabt in einer schönen, schönen Juninacht.
Wenn die muffet fort ist.
Von Heinz Steguweit.
Ein niedlicher Skandal, so ein kleiner Hexensabbat, hatte sich kurz nach dem Mittagstisch in sämtlichen Räumen der sonst so friedfertigen Familie entladen. Zunächst brachte die kleine Tochter ein verblüffend schlechtes Zeugnis mit nach Hause, dann stteß der Junge sein MÄchglas um, und endlich schrie der Vater die bleich erschrockene Mutter an:
„Du verbrauchst zuviell"
Und unterstrich diese Ansicht noch dadurch, daß er nur zwanzig Mark statt der geforderten fünfzig etwas geräuschvoll auf den Tisch donnerte:
„Da, nun ist aber Schluß für vierzehn Tage!"
Damit knallte er sich einen steifen Hut auf den Schädel, so fünfundzwanzig Grad auf Krakehl, und verlieh schnaubend wie ein Kriegsschiff das Haus.
Der Mutter tropften ein paar Tränen über die Backen, während sie die zwanzig Mark einsteckte und hernach am Spülbecken in der Küche ihre säuberliche Pflicht tat. Ihre Kinder waren gemäß ihren schwerwiegenden Vergehen verurteilt worden. Das Mädel mußte die Schulferien mit dem eifrigen Studium der Dezimalbrüche beginnen, während der Bube dabei war, unter melodischem Griffelkratzen fünfzigmal auf feine Schiefertafel zu schreiben: Ich darf meine Milch nicht umstoßen.
So kroch der Nachmittag heran, an dem es früh dunkelte und die Gaslaternen schon gegen die sechste Abendstunde wie grüne Sterne den Saum der Straßen beleuchteten.
Das Mädel hatte die Dezimalbrüche halbwegs verdaut und der Junge soeben den letzten Punkt knirschens
Kunst-Schleiferei
Schneider
। ■ । 1 Heinrichstraße 65
Dom Todesschauer berührf
Aach einer wahre« Begebenheit erzählt
Ich weiß nicht mehr, wie ich dazu kam, auf den Ruhelosen Fall L's. anzutippen. Es war eines jener Worte, die zwar keine Furcht ausdrücken sollten und doch so ausfallen, als wenn sie von einer höheren als menschlichen Macht eingeflüftert worden wären. Wie elektrisiert von Ahnungen sind sie. Ich spürte es selbst gleich, nachdem ich sie ausgesprochen hatte, während der, den es anging, nichts Besonderes zu empfinden schien. Unser junger Kollege N. dagegen, den nichts mit dem „Fall" verknüpfte, erlitt sofort eine gewisse Unruhe. Er, der den „Fall" sogar noch nicht mal kannte, fragte sogleich: „Ist das Loben denn hier unsicher? Gibt es hier Uebersälle?"
Freund L. blinzelle mich spitzbübisch an. „Haben ©ie's denn noch nicht gehört, daß ich hier eine Sonderstellung einnehme?" fragte er den Kollegen N.
„Ich verstehe nicht, ich weiß nichts", erwiderte unser neuer Kollege. Mir fiel auf, daß er sich bemühte, ein leises Zittern seiner Stimme zu bezähmen. Unwillkürlich kam mir der Gedanke: sollte N. im Grunde ein etwas feiger Mann fein und sich nicht nur wegen der gefundenen Anstellung und der ersehnten Heirat freuen, hier im kleinen, aber wohlgeborgenen luxembur- gffchen Grenzland gelandet zu fein? Mit neuer Aufmerksamkeit sah ich ihn mir an. Er hatte ein kühnes männliches Gesicht, offen und wirklich nicht ängsllich. Die Stirn fteilich schien mir so weiß wie die eines Toten, welche Beobachtung ich mir aber als ein seltsames Spiel vom bunten Lampionlicht und den fast hellen Schatten der Dämmerung erklärte. Aus einen lustigen Blick meines stets vorn Tod bedrohten, aber gänzlich unbekümmerten Freundes L. hin, gab ich die Auskunft: „L. als Derladerneister hat einige Arbeiter, die nachts gern schmuggeln und deshalb ganz nach Laune zur Arbeit kamen, nach öfteren Warnungen entlassen müssen. Sonst kriegte er nie Ordnung in seine Arbeit und müßte selber seine Stellung aufgeben. Seit mehreren Monaten funktioniert zwar die Verladung wie noch nie während der letzten zehn Jahre. Dafür unternehmen aber die entlassenen Arbeiter, diese Schmugglernaturen, nun schon seit sechs bis acht Wochen bei jeder Gelegenheit Uebersälle auf ihren Todfeind. Sie schießen zwar nie. Sie fürchten den Lärm. Sie arbeiten, wenn ich so sagen darf, mit ihren Messern. Das ist ihre Spezialität geworden. L. hat sich aus anderen Arbeitern, ehemaligen Fremdenlegionären, eine gewisse Leibgarde geschaffen. Die erweisen ihm gegen einige Glas Vier gern den Dienst, ihn abends nach Haufe zu bringen."
Ich machte eine kleine Pause, in der ich deutlich hörte, wie tief der auf atmete, den bas alles irgendwie besonders getroffen zu haben schien, obschon es niemand weniger anging als seine Person, denn als Lagerverwalter hatte er kaum etwas mit den Arbeitern zu tun.
Nun fragte er, allerdings mit einer Stimme, der ich
vo« Robert Vr.
nichts Banges mehr anmerkte, ob diese Leibgarde auch heute Dienst habe?
„3eben Abend, den ich ausgehe, Punkt um Mitternacht", gab L. zur Antwort und er sagte es in einem absichtlich übertreibenden Schauermärenton und zeigte feinen Totschläger, der ihn auch schon mal ganz allein ohne Garde verteidigt habe, auf so gruselige Weise, daß ich hell auslachen muhte. Auch N. lachte, aber wie gezwungen. Oder schien mir bas nur so? War ich selber ein Spiel ber kleinen Zecherstunde in einer Vollmondnacht des Juni, die so hell war, daß man zwar nicht deutlicher als am Tage, aber ahnungsschärfer jede Belegung unten im Gärtchen bis hin an den veilchenblauen Waldrand zu erkennen vermochte? Eine Welle rauschigen Holunderduftes wehte von unten herauf. Es schien den Kollegen N., der den schweren Dust tief einsog, seltsam anzuregen. Es war, als fühle er den Drang oder die Lust, uns zu berichten, daß auch er in Deutschland Gefahren über Gefahren bestanden habe. Er erzählte, daß er einem Rechtsbund angehöre und einige blutige Zusammenstöße zwischen Nazis und Kommunisten mitgemacht habe.
L. zwinkerte mir zu, daß er diese Berichte nicht ganz stichhaltig finde. Es störte ihn wohl der säst prah- lerisch unsichere, feltfam zuhackende Ton, in dem sie Dorgetragen wurden. Mir aber war, als seien sie gerade deshalb echt und als gäbe es eine andere Ursache, die die Stimme N's. so falsch erscheinen ließ. Auch glaubte ich immer noch, ber schnell berauschende Johanni sbeer wein spiele eine wichtige Rolle mit im Spiel unserer Stimmungen. Dennoch blieb es auffällig, daß sich N. so seltsam erregte. Auffällig allerdings auch, daß nur ich, nicht aber Freund L. es bemerkte. Eine Zigarette nach der anderen rauchte N. auf eine tief ein- schlürfende Weise, als ob er feit Wochen das Rauchen entbehrt hätte. Und den Wein tränt er nicht; er saugte ihn fast, als ob er eine dunkle Freude daran finde, sich zu betäuben. Und ich überraschte ihn bei sonderbaren Tastgebärden, womit er das ganz neue, steife, noch nicht gewaschene Tischtuch befühlte. Lebte er schon m jenem leicht beseligenden Zustand, in dem alle Dinge fast unwirklich geisterhaft erscheinen?
Da schlug es von einem Kirchturm her elf Uhr. Sofort erhob sich N., um aufzubrechen. L. scherzte, er könne nur ruhig bis Mitternacht bleiben. Denn bet dem schönen Mondlicht wären seine Feinde eher dabei, chre Schmugglergewinne im Kartenspiel erneut zu riskieren, als ihm aufzulauern. Aber N. zog aus feiner Brusttasche einen Brief feiner Braut. „Hört, hört", sagte er, als wollte er etwas Vorsingen. Stehend las er uns nur einige Zeilen vor wie ein Gedicht. Es sollte uns überzeugen, daß er feiner Braut jeden dritten Tag eine Antwort schreiben müsse. Heute fei ber dritte Tag. Deshalb müsse er jetzt schon fort. Er bemühte
Das Raffel des Tushinlang.
Roman von Kurt Martin.
Eovhright bti «erlag Neues Leben, «atu. Gmain.
"®ie hat ihn durchschlagen?"
„Nein, Mr. Bollanber, sie saß im Rückgrat fest. Die "erzte haben bas ganz genau gefunben. Aber bie Ku- Sel 'st aus ber Wunde entfernt worden. Nachdem die Tote verbrannt worden war — beachten Sie bitte: "°chher —, hat jemand aus der Brust der Toten diese Kugel entfernt."
»Das ist ja —. Wer war das? Der Mörder? Hatte er Angst, man möchte durch bie Kugel auf seine Spur kommen?"
»Vielleicht! Vielleicht war es auch jemanb, ber die Iote rächen will."
»Rächen! Jemand also, ber bie Tote kannte? Dann ®arc es nicht Jngeborg Bergner; benn sie war ja kei- Meschen hier bekannt."
Vr. Kao-Tse zeigte mieber Verschlossenheit. Es Qa)te ben Eindruck, als ob er das Gesagte schon be- teute
«®ir können bas noch nicht beurteilen."
lolIA wie bann aber? Wer hatte ben Wunsch, ich T"Ee finben? Wer brachte bie Kugel aus ber
t*tiu*r’ Bilander, bas finb alles Fragen, bie ber Un- y n8 Vorbehalten bleiben müssen."
ttatib "h toas hat es zu bebeuten, daß bie Borb- M d' "Aushang" plötzlich ein weißes Zeichen trug, ®or’ 'm, bQnn mieber ebenso rätselhaft verschwunden Fu-it ®Qs bezweckte die jagende Fahrt von Mr. ßiü- »8ufhQn®„ Motorboot, bas ben Jangtse herabkam, ben i’inrJ;- 9" umkreiste unb bann mit ber gleichen Schnei- 9 “ ruriicksuhr?"
^..Qs — hat wohl nichts zu bebeuten."
sich °rSett Bollanber fühlte: Hier wollte ber Chinese fer ’r-'a/ uussprechen. Warum? Hatte er nach bie- Santi-9 irgenbeinen Verbacht? Brachte er Liü-Fu-
9 mit den Ereignissen in Verbindung? Wollte er
es vermeiden, ohne offenen Beweis einen Verdacht auf Liü-Fu-Tang fallen zu lassen?
Dr. Kao-Tse hatte sich gleichfalls erhoben.
„Wir werden eifrig bemüht bleiben, alles aufzuklären. Bitte, lassen Sie sich in Ihren Geschäften nicht mehr aufhalten. Die Bestattung der Toten kann heute erfolgen. Sie werden hierauf nach Tschongjing reifen, nicht wahr? Es — ist mir lieb, wenn Sie bald reifen."
Jörgen Bollanber hatte eine überraschte Frage auf ben Lippen; aber er sah es bem anbern an, daß er nicht gefragt sein wollte. Da schwieg er und aerob- schiedete sich.
*
Arn Abend aber trat Jörgen Bollander seine Fahrt den Jangtsekiang aufwärts von neuem an. Er hatte die Tote in die Erde gebettet, er hatte bei ihr gestalt- den unb war bann still unb ernst an Bord seines Schiffes gegangen.
Wer lag ba nun unter ber Erde? War es Jngeborg Bergner, war es eine andere? Wer? Wie war diese Frau dorthin auf bas Boot gekommen, wie hatte sie ben Tob gefunben, in wessen Gewalt war sie gefallen? Denn Gewalt war ihr geschehen, bas war gewiß! Eine Kugel hatte ihrem Leben ein Ende bereitet. Woher kam dieser tödliche Schuß? Hatte jene Frau die Waffe selbst erhoben unb sich erlöst aus schlimmer Not? War es ihr Peiniger, ber sie niederschoß? Warum aber hatte man bie Tote verbrannt?
Jörgen Bollanbers Gebanken kreisten ratios um biefe Geschehnisse unb fonben keine Antwort, bie Klarheit brachte. Seit jener Nacht auf bem Meere, ba ber „Kweipautu" ben „Tushinlang" gerammt hatte, ba biefes rätselhafte Schiff in ber Tiefe versunken war, folgte ein fonberbares Geschehnis bem anbern, unb eins blieb so unerklärlich wie bas anbere.
Was würbe ihm auf biefer Fahrt begegnen?
Es trat aber nichts Auffälliges ein. Nichts lieber» rafchenbes geschah.
Das Schiff erreichte pünktlich Tschongjing. Jörgen Bollanber hatte bas Ziel feiner Fahrt erreicht. Das laute, bunte Treiben biefer echt chinesischen Stabt nahm ihn auf unb riß ihn aus feinen Gedanken.
Sie hatten kaum angelegt, als ein Chinese an Bord kam und auf Jörgen Bollander zusteuerte.
„Mr. Bollanber? Mein hoher Herr, Mr. Liü- Fu-Tang, entbietet bem fremben Gast seinen Gruß. Er hat mich gefanbt, daß ich seinem Gast alle Unbequemlichkeiten abnehme."
Er schlug vor, die Nacht in Tschongjing zu verbringen und am nächsten Morgen mit Liü-Fu-Tangs Wagen die Fahri nach Wentschou fortzusetzen. Bollander war damit einverstanden. Fai — wie ber Chinese sich nannte — winkte zwei Diener herbei unb gab ihnen seine Befehle. Er geleitete ben Ankömmling zu einer Rickschah unb war ihm beim Einsteigen behilflich.
Es ging in eiliger Fahrt hinein in bas Gewirr ber Gassen unb Gäßchen, an sich brängenben unb emsig schwatzenben Menschen vorbei. Hin unb mieber führte ber Weg über eine schmale Holzbrücke, unter ber schmutzig braunes Wasser träge dahinfloß. Ueberall in ben schmalen Straßen flatterten von ben Häusern lange schmale Fahnen herab, bie Firmenschilder der Geschäftsleute, mit goldenen, roten unb schwarzen Buchstabengruppen, senkrecht übereinanberfteijenb, bemalt. In ben kleinen Häusern fehlte bie vordere Wand; man konnte die Räume zum großen Teil von ber Straße aus besehen unb bas Leben unb Treiben ber Bevölkerung bei ihrer häuslichen unb beruflichen Betätigung beobachten. Am wenigsten anziehenb wirkten a»i Särgen Bollanber bie Säben ber Lebensmittelhändler, die ihm schon in Schanghai zum Teil durch ihren üblen Geruch unlieb ausgefallen waren. Der intensive Knoblauchdust war dabei noch das kleinste liebel; weit schlimmer roch es aus den Fischläden, in denen Stockfische verkauft wurden, unb aus ben Fleischläben, in benen es neben gebratenen Enten unb Hunden, gemästeten Ratten auch Gedärm unb alle möglichen, nicht zu erfennenben „Set- ferbiffen" zu erstehen gab. Ganze Körbe mit schwarzen Eiern — bie, gekocht unb auf befonbere Weise zubereitet, erst wochenlang in ber Erbe eingegraben liegen, bis ihre Schale schwarz geworben ist —, warteten ber Käufer. Die Stänbe ber Obsthänbler lockten bafür schon mehr ben europäischen Geschmack zum Kauf: ba gab es saftige Ananas, Oliven, Drangen unb manch anberes.
In einer Bäckerei war eben ein Chinese bannt beschäftigt, ben Teig zu kneten, was er kunstgerecht unb mit einer Bambusstange besorgte, auf beren Ende er saß und damit herumwippte. Sie tarnen vorbei an Elfenbeinschnitzern, an Kattunwebern, an ben Porzellanhändlern, bie ganze Berge von Tellern, Reisschüsseln unb Teeschälchen aufgebaut hatten, unb es war erstaunlich, baß es bei bem regen Verkehr in ber Straße nicht Scherben auf Scherben gab.
Das tleine Gefährt hielt plötzlich vor einem größeren Gebäube, unb ba war auch schon Mr. Fai zur Stelle unb geleitete Jörgen Bollanber in bie für ihn reservierten Räume. Er war eifrig um ben Gast feines Herrn bemüht, fragte immer mieber nach befonberen Wünschen.
Als Jörgen Bollanber nochmals bie Weiterfahrt mit Fai besprochen hatte, ertunbigte er sich nach bem toten Rung-Kü-San unb bebauerte, ben Edelsteinhänbler nicht mehr lebenb angetroffen zu haben.
„Der Tote vertehrte viel im Hause eines englischen Hanbelsvertreters, eines Mr. Shellon, wie ich hörte."
„Der Ebelsteinhanbel Rung-Kü-Sans brachte bas mit sich. Mr. Shelton ist aber mit feiner Frau abgereift. An feiner Stelle ist jetzt Mr. Rilms hier tätig. Soll ich bei Mr. Rilms anfragen lassen, ob ihm Ihr Besuch zum Abenb angenehm wäre?"
Jörgen Bollanber zögerte.
„Ich, als ganz Frember? Freilich, es würbe mich interessieren, von ihm vielleicht Näheres erfahren zu können."
Der Chinese hatte bereits einen Diener herbeige- rufen unb gab ihm ben Auftrag, zu Mr. Rilms zu eilen.
Der neue Vertreter von O. 6. Bibber u. I. Black in Lvnbvn, William Rilms, hieß Jörgen Bollanber aufs freunblichste willkommen.
„Es freut mich, Sie als Gast in meinem Hause zu sehen, Mr. Bollan^r. Es ist freilich eine Junggesellen- wirischast, in bie Sie geraten. Ich bin nn 'ich unverheiratet. Das ist einesteils schlimm unb > nteils